Kategorie: Andy Ruhr

Ivy Pochoda | Sing mir vom Tod

Ivy Pochoda | Sing mir vom Tod

Dios hatte recht – na und? Sie hatte tatsächlich alle darüber belogen, was an dem Abend wirklich passiert war. Alle außer Tina. Und das war ein Fehler gewesen, ein bedauernswerter Versuch in ihren ersten Tagen im Knast, härter rüberzukommen, als sie sich fühlte. (Auszug Seite 82)

In einem Frauengefängnis im heißen Arizona treffen Florence „Florida“ Baum und Diana Diosmary „Dios“ Sandoval aufeinander. Auf den ersten Blick könnten die beiden nicht unterschiedlicher sein. Auf der einen Seite Florida, Tochter aus reichem Hause, nach eigener Aussage nur durch einen Typen ins falsche Milieu abgerutscht. Dagegen Dios, Latina aus schwierigen Verhältnissen, hochbegabt, mit einem Stipendium an einem renommierten College. Die wegen schwerer Körperverletzung verurteilte Dios ist, warum auch immer, beherrscht von dem Wunsch, Florida zu demaskieren und ihre wahre Natur zum Vorschein zu bringen. Kommentiert wird die Story der beiden Kontrahentinnen von Kace, der psychotischen Zellengenossin von Florida. Sie ist davon überzeugt, die Seelen der getöteten Opfer in sich zu tragen und dass diese zu ihr sprechen. Ihre eigenen Opfer, aber auch die Opfer der anderen Insassinnen. Sie und diese Geister bilden eine Art griechischen Chor, der das Geschehen kommentiert.

Eine Welt, die sich verpisst hat
Überraschend werden Florida und Dios auf Bewährung aus dem überfüllten Knast entlassen und müssen wegen der Pandemie 14 Tage in einem schmuddeligen Motel in Quarantäne verbringen. Florida jedoch, einem plötzlichen Impuls folgend, verletzt ihre Bewährungsauflagen und steigt in einen illegalen Bus, der sie in ihre Heimat Los Angeles bringen soll. Keine gute Entscheidung und das nicht erst, als Dios plötzlich zusteigt. Der nun folgende Roadtrip, auf dem sich die Wege der beiden immer wieder kreuzen, entwickelt sich zu einem Fiasko, einer nicht enden wollenden Gewaltspirale. Hier kommt mit Detective Lobos eine dritte Figur ins Spiel, auch sie mit großer Wut beladen. Sie ist wütend auf sich selbst, hat sie es zugelassen, Opfer häuslicher Gewalt zu werden. Es gibt ein Kontaktverbot gegen ihren Ex-Mann, der sie aber immer wieder drangsaliert. Für mich die gelungenste Figur, deren Motivation ich nachvollziehen konnte. Wir kennen sie bereits aus „Diese Frauen“. Es beginnt ein gnadenloser Roadtrip durch geisterhaft leere Gegenden in Los Angeles. Die Obdachlosigkeit hat sich im pandemie-gebeutelten, dystopischen LA mittlerweile verschärft, Menschen leben in Zelten, die Zeltstadt hat sich bis nach Downtown ausgebreitet. Die Beschreibungen der menschenleeren Straßen haben etwas Apokalyptisches.

Es ist bloß eine Straße, die eine andere Straße kreuzt, leer wie der Rest der Stadt – undurchsichtige Fenster, verwaiste Parkplätze, verschwundene Läden. Eine Welt, die sich verpisst hat. (Auszug Seite 307)

Bitches mit Problemen
„Diese Frauen“ von Ivy Pochoda war ein großes Highlight für mich, daran kommt „Sing mir vom Tod“ nicht ganz heran. Durch den fordernden Schreibstil mit rotzigem Ton und unverblümte Sprache werden die Schicksale der Protagonistinnen schonungslos aufbereitet. Es gibt viele Wiederholungen des Erzählten, was auf Kosten der Dramatik geht. Ich musste mir das teilweise erarbeiten. Spannung entsteht, da man um den ungewissen Fortgang des ereignisreichen Trips bangt. Die ständigen Perspektivwechsel verwirren und der Grund für diese große Wut blieb mir verborgen. Die Entwicklung der Figuren hat mich wenig überzeugt, besonders das Seelenleben Dios blieb mir fremd. Auch die Darstellung des Gefängnisalltags und die Brutalität der Frauen untereinander sowie der übergriffigen Wärter fand ich zwar stimmig, war aber für mich kaum zu ertragen. Die Gewalt, hier vornehmlich unter Frauen, spielt eine große Rolle. Pochodas Thema ist die für sie irrtümliche Annahme in der Gesellschaft, dass Frauen nicht zu der gleichen Brutalität und Gewalt fähig sind wie Männer. Zumindest nicht ohne Grund und wenn dann nur als Reaktion. In der Literatur werden gewalttätige Frauen oft dargestellt als

Lady Killers. Femme Fatales. Schwarze Witwen. Thelma & Louise, Bitches mit Problemen. (Auszug Seite 166)

Das Cover mit den roten und gelben Farben strahlt eine flirrende, staubige Hitze aus und auch der Titel deutet auf eine Geschichte im Wilden Westen hin. Mit dem großen Showdown an einer leergefegten, vermüllten Straßenkreuzung, der sicher nicht zufällig an den großen Filmklassiker High Noon erinnert, schafft sie einige ikonische Bilder im Kopf. Eine Verfilmung könnte ich mir super vorstellen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Sing mir vom Tod | Erschienen am 13. Januar 2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7462-4
328 Seiten | 17,00 Euro
Originaltitel: Sing Her Down | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Diese Frauen“ von Ivy Pochoda

Volker Kutscher | Rath (Band 10)

Volker Kutscher | Rath (Band 10)

Und dann sagte er einen Satz, von dem er nicht gedacht hätte, dass er ihn jemals wieder sagen würde, aber er sagte ihn. „Eine Fahrkarte nach Berlin, bitte.“ (Auszug E-Book Pos. 3843 von 9095)

Diesen Satz sagt tatsächlich Gereon Rath im Herbst 1938. Der in Deutschland nach einer Schießerei für tot Erklärte, Charlotte erhält sogar eine Witwenrente, lebte zwei Jahre mit neuer Identität in den USA. Er verlässt mit seinem Bruder Severin Rath die USA, da sie ihren im Sterben liegenden Vater nicht alleine lassen wollen. Gereon taucht erst mal unter falschem Namen in Rhöndorf im Haus des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer unter, einem Vertrauten seines Vaters. Er trifft sich einmal im Monat heimlich mit seiner Frau Charly und wartet nur auf den richtigen Moment, Deutschland gemeinsam Richtung USA zu verlassen. Doch Engelbert Rath stirbt nicht so schnell und Charly will Deutschland nicht ohne ihren ehemaligen Pflegesohn Friedrich Thormann verlassen.

Fritze steht unter Verdacht, zwei Hitlerjungen getötet zu haben und hat sich erst mal aus dem Staub gemacht. Charly kann das nicht glauben und als Angestellte der Privatdetektei Böhm macht sie sich selbst an die Aufklärung. Dazu muss sie erst mal Fritze finden. Zuvor war Hannah, seine jüdische Freundin bei einer Zwangssterilisation angeblich aufgrund unvorhersehbarer Komplikationen verstorben. Charly kehrt sogar wieder zur Kriminalpolizei zurück, die allerdings längst zum Handlanger der Gestapo geworden ist. Hier weiß sie nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Jeder scheint jeden zu bespitzeln und es herrscht eine Atmosphäre von Misstrauen und Denunziation.

„Dann lassen Se uns mal anstoßen“, sagte er und hob sein Glas, „Auf die Jesundheit Ihres Herrn Papa und auf den Weltfrieden.“ „Da haben Sie recht, die haben’s beide nötig“, sagte Rath. „Beim Weltfrieden möjen Sie recht haben, aber um ihren Vater machen Se sich mal kejne Sorgen, der ist ein zäher Brocken.“ (Auszug E-Book Pos. 3233 von 9095)

Es dauert ganz schön lange, bis Gereon in der Geschichte auftaucht. Wie schon im Vorgängerband „Transatlantik“ spielt er nur eine untergeordnete Rolle und lange ist Charlotte Rath die Protagonistin. Erst als seine Ehefrau nicht mehr zu den heimlichen Treffen erscheint, macht er sich auf nach Berlin um sie zu suchen. Charly wurde aus unbekannten Gründen in ein Konzentrationslager gesteckt.

Der zehnte und finale Band ist weniger Krimi mit polizeilichen Ermittlungen und der Suche nach einem Mörder. Als Leser:in hat man auch schon relativ zügig einen Verdacht, wer der wahre Täter ist. Vielmehr spannt Kutscher die Fäden zwischen den bekannten Figuren, lässt einige aus dem Romanzyklus noch mal auftauchen und schildert anhand eines stimmigen Plots den Weg in eine Diktatur. Die Nazizeit und die Verstrickungen der Protagonisten in das NS-System nehmen einen immer breiteren Raum ein. Es gibt bedrückende Szenen einer Massendeportation von Juden und Jüdinnen an der polnischen Grenze, brutale Folterungen im Konzentrationslager bis zu den unmenschlichen Geschehnissen am 9. November 1938. Sehr eindrücklich werden die Ereignisse der antisemitischen Progromnacht mit brennenden Synagogen, zusammengeschlagenen und ermordeten Menschen geschildert. Schwer zu ertragen und folgerichtig endet die Reihe mit diesem Datum, denn die Progromnacht ist für den Autor der „Point of no Return“. Für ihn das Ende der Zivilisation, eine Grenze, die er als Schriftsteller nicht überschreiten kann, wie er oft in Interviews erklärte.
Dafür gelingt es ihm, die Atmosphäre dieser verrohenden Zeit bildhaft einzufangen und ohne erhobenen Zeigefinger darzustellen, wie sich die Stimmung im Land gegen Gegner jeder Art verdüstert und radikalisiert und auch die Faszination der Durchschnittsbürger für diese faschistische Ideologie einigermaßen greifbar zu machen.

Einige lose Fäden aus den vergangenen Bänden werden zusammen-, aber nicht alle Erzählstränge zu Ende geführt; einige bleiben offen. Aber man muss nicht endgültig von den liebgewonnen sowie verhassten Charakteren Abschied nehmen. Volker Kutscher hat schon verraten, dass er nach zwei kleinen illustrierten Büchern, „Moabit“ und „Mitte“, einen dritten geplant hat. Dafür wird er sich mit der Illustratorin Kat Menschik wieder in den Rath-Kosmos begeben.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Rath | Erschienen am 24. Oktober 2024 bei Piper
ISBN 978-3-492-07410-0
624 Seiten | 26.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezensionen zu weiteren Romanen der Reihe

James Kestrel | Bis in alle Endlichkeit

James Kestrel | Bis in alle Endlichkeit

Um eine Millionenerbin zu ermorden, war ich zu sehr damit beschäftigt gewesen, einen Zeugen der Bundesanwaltschaft einzuschüchtern. Was die mögliche Gefängnisstrafe anging, würde ich wahrscheinlich besser dastehen, wenn ich zugab, sie im Vollrausch vom Dach gestürzt zu haben. (Auszug Seite 188)

Leland Crowe, der Protagonist in James Kestrels aktuellem Thriller arbeitet als Privatdetektiv in San Francisco, seit er seine Anwaltslizenz verloren hat. In dem heruntergekommenen Viertel Tenderloin hat er sich in einem schäbigen Hotel einquartiert, um für den Strafverteidiger Jim Gardner in einem spektakulären Fall eines Drogenkartellchefs zu recherchieren. Als er in den frühen Morgenstunden seine Runde um den Block dreht, stolpert er über einen Rolls Royce, der definitiv nicht in diese Gegend gehört. Auf dem eingedrückten Dach entdeckt er die Leiche einer schönen, jungen Frau in einem Cocktail-Kleid, die offenbar aus großer Höhe herabgestürzt ist.

Anstatt die Polizei zu verständigen, das wäre aufgrund seiner illegalen Tätigkeit suboptimal, macht er sich aus dem Staub. Aber nicht, ohne vorher einige Fotos zu schießen, die er meistbietend an Zeitungen verhökert. Geld ist immer knapp, deshalb nimmt er auch den nächsten Auftrag an, den ihm Gardner vermittelt. Die Klientin ist ausgerechnet Olivia Gravesend, einflussreiche Millionärin und Mutter des Opfers. Geld spielt keine Rolle, er soll nur herausfinden, was mit ihrer geliebten Tochter Claire passiert ist. Die Polizei hat den Fall bereits als Suizid zu den Akten gelegt. Das kann sich die verzweifelte Olivia nicht vorstellen, auch wenn sie seit einem halben Jahr nichts mehr von ihrer Tochter gehört hatte.

Die Welt der Reichen und Schönen
Eine erste Spur führt Crowe nach Boston, wo Claire studierte. Hier findet er im Tresor ihres Hauses einen Schlüssel zu einem anderen Haus in San Francisco. Bevor er sich auf den Weg machen kann, wird er von einem maskierten Mann angegriffen, es kommt zu einem brutalen Kampf auf Leben und Tod. Unser Protagonist fragt sich, in was für Machenschaften Claire verwickelt war und was hat es mit den zahlreichen Narben an ihrer Wirbelsäule auf sich? Am neuen Ziel angekommen, findet der Ermittler eine junge und äußerst lebendige Frau vor, die genauso aussieht wie die verstorbene Claire Gravesend einschließlich der seltsamen Narben auf dem Rücken. Nachdem in Crowes Wohnung eingebrochen und sein Büro verwanzt wurde, hat er das Gefühl, in ein Wespennest gestochen zu haben und einer viel größeren Sache auf der Spur zu sein.

Lee Crowe arbeitet als privater Ermittler, seit er seine Zulassung als Anwalt und auch seine Ehefrau verloren hat. Nur am Rande erfährt man, dass er handgreiflich gegenüber dem Obersten Richter wurde, mit dem seine Exfrau Juliette nun zusammen ist. Es spielt für die Geschichte auch keine große Rolle. Typisch für eine Detektivstory wird aus der Ich-Perspektive des Privatschnüfflers erzählt. Dieser hat kein Problem damit, sich auch mal die Hände schmutzig zu machen, geht der Polizei gerne, einer Schlägerei dagegen nie aus dem Weg. Crowe ist ein cleverer Typ, der sich meistens zu helfen weiß, wenn auch oft am Rande der Legalität. Kestrel zeigt uns hier die klassische Figur eines coolen Einzelgängers, immer einen lässigen Spruch auf den Lippen, mitunter zynisch, illusionslos aber auch total einsam.

„Er hat mir gesagt, dass Sie einen flexiblen Umgang mit Regeln pflegen“, sagte Olivia. „Dass Sie einen verbissener Dreckskerl sind. Jetzt weiß ich, was er gemeint hat.“ „Von wem reden Sie?“ „Von Jim Gardner.“ „Das hat Jim gesagt? So nett redet er sonst nie über mich.“ (Auszug Seite 328)

Das düstere Cover mit der Golden Gate Bridge fällt sofort ins Auge und erinnert in seiner Gestaltung an den Vorgänger, ein wahres Krimi-Juwel des letzten Jahres. Dabei ist „Bis in alle Endlichkeit“ im Original unter dem Titel „Blood Relations“ bereits 2019 erschienen und gar nicht mit dem epischen und mehrfach ausgezeichneten Werk „Fünf Winter“ zu vergleichen sowie auch einem ganz anderen Genre zugehörig. Wir haben es hier mit einem klassischen Hardboiled zu tun. Dabei hat der Autor die traditionelle Detektivfigur in die Gegenwart und damit in ein modernes Setting transferiert.

Meine Meinung
Obwohl man früh ahnt, wohin die Reise geht, hatte mich James Kestrel durch seinen flüssigen und bildhaften Schreibstil von der ersten Seite an am Haken. Besonders gut gefallen hat mir der Witz in den rotzig-geschliffenen Dialogen. Als Leserin verfolgte ich atemlos die nachvollziehbaren Ermittlungsarbeiten, staunte über falsche Fährten und überraschende Twists, genoss die Verfolgungsjagden per Auto und Hubschrauber, fieberte mit bei den Kampfszenen und Explosionen. Ein düsterer Pageturner, knapp und mit viel Tempo erzählt, der mich bestens unterhalten hat.
Das Ende und auch das Nachwort deuten weitere Fälle um Leland Crowe an. Ich würde mich freuen, denn das Zeug zum Serienermittler hat er auf jeden Fall.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Bis in alle Endlichkeit | Erschienen am 09. September 2024 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-51847-435-8
430 Seiten | 20,- Euro
Originaltitel: Blood Relations | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu „Fünf Winter“ von James Kestrel

Best of 2024

Best of 2024

Bevor wir ins frische Krimijahr starten, werfen wir natürlich traditionell einen Blick zurück auf das vergangene Jahr und präsentieren euch unsere Lieblingskrimis aus 2024. Wir haben unser Pensum aus dem Vorjahr nicht ganz halten können, aber dennoch genug Auswahl, um euch jeweils eine Top 3 zu präsentieren. Beginnen wir mit Andys Empfehlungen.

Andys Top 3 in 2024

Da sind wir wieder am Jahresende und werfen einen Blick zurück auf das Lesejahr 2024. Quantitativ gar nicht so schlecht, noch nie habe ich so viele Bücher gelesen und gehört wie dieses Jahr. Es hätten noch mehr sein können, aber einige Sportereignisse wollten auch konsumiert werden. Qualitativ leider viel Durchschnittliches, besonders im Hörbuch-Segment habe ich noch nie so viel abgebrochen. Aber es gab auch verlässlich Gutes wie Don Winslows letzten Roman und Abschlussband seiner Mafia-Trilogie „City in Ruins“, in dem er seinen Helden auf eine Reise über Las Vegas bis zum Ursprung Rhode Island schickt. Oder neu Entdecktes wie „Das Haus am Gordon Place“, ein spannender Spionage-Thriller auf zwei Zeitebenen, der uns in die Abwasserkanäle des Wiener Untergrunds führt von Karina Urbach. Eine Autorin, die ich definitiv im Auge behalten werde. Die Höchstwertung mit voller Punktzahl gab es tatsächlich nur einmal und zwar für …

Hervé Le Corre – Durch die dunkelste Nacht
Der in Frankreich bereits mehrfach preisgekrönte Autor hat einen realistischen Polizeiroman vorgelegt, in dem wir drei Menschen durch die Nacht begleiten, deren Schicksale sich im Laufe der Seiten kreuzen. Selten passte ein Titel besser. Es wird immer düsterer und bitterer mit nur wenigen Hoffnungsschimmern. Trotzdem hat mich der Thriller in den Bann gezogen, klebte ich aufgrund der Sprachkraft an den Seiten. Das lag an den präzisen Dialogen, einfühlsamen Beobachtungen, kein Wort wollte ich missen. Ein außergewöhnlicher Roman von hoher literarischer Substanz. Gnadenlos und desillusioniert.

Rebecca F. Kuang – Yellowface
Ganz anders dagegen hat mich der rasante Verlagswelt-Thriller des aktuellen Shooting-Stars der amerikanischen Buchwelt überrascht, in dem eine erfolglose Autorin das Werk einer verstorbenen Autorin als ihres ausgibt und wie nach Riesenerfolg plötzlich die Stimmung kippt. Wie lässig Kuang Themen wie Aneignung fremder Werke, Alltagsrassismus und kulturelle Aneignung zur Sprache bringt, dazu die Einblicke in die Verlagswelt und für mich besonders interessant in die Rezensionskultur der Sozialen Medien hat mich begeistert, auch wenn die Geschichte zum Ende hin etwas schwächelt. Pointiert und scharfzüngig.

James Kestrel – Bis in alle Endlichkeit
Zum Jahresende noch ein Highlight, dessen ausführliche Buchbesprechung im neuen Jahr nachgeliefert wird. Ganz anders als „Fünf Winter“ hat mich der Autor trotzdem wieder mit seinem bildhaften Erzählstil begeistert und scheint sich zu einem neuen Lieblingsautor zu mausern. Wir haben es hier mit einem klassischen Hardboiled zu tun, in dem der Autor die traditionelle Detektivfigur in die Gegenwart und damit in ein modernes Setting transferiert. Atemlos habe ich die Ermittlungsarbeiten des coolen Einzelgängers in San Francisco verfolgt und bei den Verfolgungsjagden mitgefiebert. Lässig und temporeich.

Gunnars Top 3 in 2024

Rein intuitiv würde ich sagen, dass ich schon bessere Lesejahre hatte als 2024. Viele Highlights hatte ich ausnahmsweise bei Sachbüchern (außerhalb des Krimibereiches), die ich in diesem Jahr immer mal gelesen habe. Hinzu kommen zwei starke Romane, die ich im Januar und Februar gelesen habe, die aber schon 2023 erschienen sind und daher im meiner Wertung nicht mehr auftauchen. Doch „Der letzte Wolf“ von S.A. Cosby und „Primat des Überlebens“ von Les Edgerton seien an dieser Stelle trotzdem nochmal empfohlen. Ebenfalls nochmal ans Herz legen möchte ich die Reihe um die Skelfs, Bestattungsunternehmerinnen und Privatdetektivinnen aus Edinburgh, von Doug Johnstone, von der im November Band 3 erschienen ist. Ebenso wie bei Andy habe auch ich nur einmal die volle Punktzahl vergeben, sodass dies hier eindeutig mein Krimi des Jahres ist:

Lavie Tidhar – Maror
Ein epischer Roman voller Wucht und Härte, in der mehrere Jahrzehnte der israelischen Staatsgeschichte neu erzählt werden, nämlich als Geschichte von Korruption, Realpolitik und Verwebungen zwischen staatlichen Akteuren und organisiertem Verbrechen. Wie eine Spinne im Netz sitzt der Kriminalbeamte Cohen. Eine bittere Reise durch die israelische Geschichte mit bemerkenswerter Akribie in Sachen Schauplätze, historische Ereigisse und Popkultur. Der israelische Autor Lavie Tidhar hat diesen Roman in englischer Sprache verfasst. Eine Übersetzung ins Hebräische gibt es bislang nicht, der Autor selbst hält sein Land dafür noch nicht reif.

Alan Parks – Die April-Toten
Eine Reihenfortsetzung, auf die ich mich in diesem Jahr sehr gefreut habe und die meine Erwartungen nicht enttäuscht hat, war dieser vierte Band um den Glasgower Cop Harry McCoy in den 1970er Jahren. Zunächst erschienen die ersten drei Bände bei Heyne Hardcore, nach der Schließung des Verlags war unklar, was mit den weiteren Büchern der Reihe passiert. Nun hat die Reihe eine Heimat im Polar Verlag gefunden. Band 4 führt den Reiz der bisherigen Bände nahtlos weiter: Ein hartgesottener Bulle, die düsteren Seiten Glasgows, staubtrockene Dialoge, temporeich, schwarzer Humor und viele historische und popkulturelle Anleihen. Harry McCoy is back und das ist gut so.

Holger Karsten Schmidt – Finsteres Herz
Zuletzt bringe ich noch einen deutschsprachigen Autor in die Top 3. Holger Karsten Schmidt hat nach die Toten von Marnow erneut seine Ermittler Mendt und Elling zum Einsatz gebracht und einen sehr klugen und packenden Krimi über Menschenhandel geschrieben. Besonderer Kniff sind die Actionszene mit dem Schusswechsel in einem Safe House direkt zu Beginn des Buches und die zahlreichen Rückblenden und Zeitsprünge, denn die Protagonisten sind aufgrund derAnfangsszene schnell außer Gefecht gesetzt. Diese Roman wurde auch vom Autor selbst fürs Fernsehen adaptiert und lieferte die vielleicht beste öffentlich-rechtliche Krimiserie des Jahres ab.

 

Weiterlesen I: Die Preisträger des Deutschen Krimipreises 2024

Weiterlesen II: Die Krimijahresbestenliste 2024

Bernhard Aichner | Yoko

Bernhard Aichner | Yoko

Yokos Leben wird auseinanderbrechen wie ein Glas voller Erinnerungen, das zu Boden fällt. Sie wird es nicht verhindern können, egal, wie laut sie schreien und wie sehr sie sich wehren wird. Von einem Moment zum anderen wird alles, was schön war, verschwinden. (Auszug Seite 9)

Nachdem Yokos Mutter bei ihrer Geburt verstarb, hat ihr Vater Franz, ein Metzger, sie alleine großgezogen. Sie verzichtete auf ein Studium, machte eine Metzgerlehre und pflegte ihn, als er schwer krank wurde, fast sechs Jahre lang. Schon als Kind ging sie in der Fleischerei ein und aus, wobei das Töten und Schlachten der Tierkörper zu ihrem Alltag gehörte. Doch als ihr Vater stirbt, beschließt Yoko, ihr Leben anders auszurichten. Die Endzwanzigerin findet Gefallen daran, knusprige Teigtaschen zu backen, in denen sie selbst kreierte Spruchweisheiten schreibt. Zwei Jahre später hat sie in den ehemaligen Räumen der Metzgerei eine gutgehende Manufaktur für Glückskekse aufgezogen und in Maren ihre große Liebe gefunden.

Zur falschen Zeit am falschen Ort
Eines Tages liefert Yoko in ihrem Wagen eine Ladung Glückskekse an ein chinesisches Restaurant. In dessen Hinterhof wird sie zufällig Zeugin der Misshandlung eines kleinen Straßenhundes durch zwei düstere chinesische Männer, die aus reinem Spaß am Quälen auf das Tier eintreten. Yokos Unrechtsbewusstsein und ihr Mitgefühl treiben sie dazu, sich mutig in die Situation einzumischen. Dadurch gerät sie in eine gefährliche Lage, in der sie selbst in die Fänge der Peiniger gerät. Diese fackeln nicht lange, packen die wehrlose Frau in ihren eigenen Lieferwagen, entführen sie in den Wald und missbrauchen sie.

Yokos Leben wird danach zum Albtraum und nichts ist mehr so wie zuvor. Nicht nur, dass sie einem Exzess aus Gewalt ausgesetzt war, das erlittene Leid durch die Vergewaltigung hat ein Trauma wiederbelebt, dass Yoko schon seit langem verdrängt hatte. Sie beschließt nicht zur Polizei zu gehen, sondern greift zur Selbstjustiz. Nicht ahnend, dass sie dadurch ein Räderwerk in Gang setzt, das sich rasch ihrer Kontrolle entzieht und sie überrollen wird. Denn ihre Gegner sind eigentlich eine Nummer zu groß für sie. Es handelt sich um eine chinesische Triade, eine professionelle kriminelle Organisation, die vor nichts zurückschreckt.

Die chinesische Mafia
Der Thriller ist durchweg rasant erzählt, bietet eine Vielzahl an unerwarteten Wendungen und Überraschungsmomenten und, das sollte nicht unerwähnt bleiben, explizite Gewaltdarstellungen. Der Schreibstil des Autors ist speziell, er arbeitet mit kurzen prägnanten Sätzen. Erwähnenswert und gewöhnungsbedürftig sind die Dialoge. Diese werden nur durch Anstriche gekennzeichnet, wer spricht, ergibt sich aus dem Kontext. Für mich war diese Art des Dialoges, welches wohl ein Erkennungsmerkmal des Autors ist, sehr anstrengend und es fehlte mir an Tiefe. An einigen Stellen konnte ich nur mit dem Kopf schütteln, da Yoko als Figur übertrieben agiert und viele Situationen unrealistisch wirken. Die chinesischen Kriminellen werden einfach oft als tumbe Idioten dargestellt. Beispielsweise beobachtet Yoko zwei von ihnen, die offensichtlich Schutzgelder einkassieren. Als sie das China-Restaurant verlassen, fuchteln sie erstmal feixend mit einem Bündel Geld in der Hand herum. An einer anderen Stelle will Yoko in einem Club mehr über ihre Peiniger rausfinden. Verwandelt als Femme Fatale macht sie sich an den Barmann heran, mit dem sie spielt und den sie so lange an der Nase herumführen will, bis er tut was sie will. Der mäßig selbstbewusste Barmann mit der Hasenscharte ist scheinbar dankbar für die Aufmerksamkeit einer Frau.

Meine Meinung
Yoko ist der erste Roman des Tiroler Autors Aichner, den ich gelesen habe. Im Fokus steht eine starke Frauenfigur, die sich nicht mit der Opferrolle begnügen will. Das hat mir erst mal zugesagt. Allerdings erscheint die Art und Weise wie Yoko ihre Rache an den Tätern vollzieht, angesichts der Tatsache, dass sie es mit der chinesischen Mafia zu tun hat, also professionelle Kriminelle, etwas unrealistisch. Irgendwann wurden mir ihre Entscheidungen und Taten zunehmend unverständlich sowie die Handlung an vielen Stellen zu konstruiert und unglaubwürdig. Ein Zufall reiht sich an den nächsten und die Heldin kann sich durch teilweise unglaubwürdige Geschehnisse immer irgendwie aus der Affäre ziehen. Die Geschichte eines Rachefeldzuges hat mich in Teilen an „Kill Bill“ erinnert, aber in schlecht gemacht. Dabei hat die Idee eines Rache-Thrillers, in dem die Protagonistin keinerlei Skrupel kennt, durchaus ihren Reiz. Das auch noch mit einem in der Kindheit entstandenen Trauma zu verbinden, fand ich zu überfrachtet.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Yoko | erschien am 13. August 2024 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-805-20109-4
336 Seiten | 26,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Bernhard Aichner auf Kaliber.17