Kategorie: Krimi

James Lee Burke | Mein Name ist Robicheaux Bd. 21

James Lee Burke | Mein Name ist Robicheaux Bd. 21

Ich wollte andere Dinge mit ihm tun, die ich nicht beschreiben werde. Ich hegte Gefühle, die kein Christ je haben sollte. Dennoch waren es meine. Ich besaß sie. Und sie lebten immer noch in mir, selbst als T.J. Dartez auf einem Obduktionstisch lag, so kalt und blutleer wie alte Fleischwurst.
War ich fähig zu dem Mord draußen am Bayou Benoit? Sagt ihr’s mir. (Auszug Seite 193)

Vor knapp zwei Jahren wurde Dave Robicheaux‘ Frau Molly Opfer eines Verkehrsunfalls, bei dem Dave sich allerdings nicht ganz sicher ist, ob er sich tatsächlich so zugetragen hat wie behauptet. T.J. Dartez, der in Mollys Wagen fuhr, weil sie angeblich die Vorfahrt missachtete, wurde von aller Schuld freigesprochen. Doch jetzt wird Dave ausgerechnet von einem Gangster namens Tony Nemo auf den Unfall angesprochen – mit dem Hinweis, dass etwas faul an der Sache sei. Dave kann dies nicht auf sich beruhen lassen. Eines Abends erleidet er einen Rückfall und lässt sich volllaufen. Am anderen Tag wacht er auf und kann sich an nichts erinnern. In dieser Nacht wurde T.J. Dartez ermordet. Ist Dave ein Mörder?

Dave Robicheaux‘ Chefin im Sheriffsbüro von New Iberia glaubt nicht daran und behält ihn im Dienst. Dave soll weiter in einem merkwürdigen Fall von angeblicher Vergewaltigung ermitteln. Rowena Broussard, eine Nachbarin von Dave, beschuldigt Jimmy Nightingale, einen ehemaligen Ölmanager und aufstrebenden Politiker, der für den US-Senat kandidiert. Dave hatte Nightingale mit den Broussards erst kurz zuvor zusammengebracht, da Nightingale einen Roman von Rowena Broussards Ehemann Levon als Filmprojekt produzieren wollte. Doch die Broussards realisieren das Projekt plötzlich ausgerechnet mit Tony Nemo.

Währenddessen bearbeitet Spade Labiche, ein neuer Kollege, den Mordfall Dartez und macht ein ums andere Mal Andeutungen, dass die Indizien auf Dave verweisen. Labiche hat aber außerdem Kontakt zu Kevin Penny, einem Zuhälter und Drogendealer, der seinerseits Verbindungen zu Tony Nemo und Jimmy Nightingale hat. Wie hängt alles miteinander zusammen? Wer will hier wen aufs Glatteis führen? Dave erhält wie üblich Unterstützung von seinem Freund Clete Purcel, der gerade tief in der Kreide steht – ausgerechnet bei Jimmy Nightingale. Und Clete steckt außerdem im Clinch mit Kevin Penny, den er mehrfach als Kautionsflüchtigen aufgegriffen hat und von dem er gehört hat, dass er seinen kleinen Sohn misshandelt. Und als wäre das alles nicht genug, taucht plötzlich von irgendwoher ein ziemlich schräger, kaltblütiger Killer auf, der offensichtlich eine Todesliste abarbeitet, die von irgendeinem der Beteiligten diktiert wurde.

Manchmal kann man Außenstehenden die Kultur des südlichen Teils von Louisiana und das Dilemma seiner Menschen nur schwer erklären. Die Welt, in der sie aufgewachsen sind, ist heute nur noch eine verfallende Erinnerung, aber viele von ihnen haben keinen Platz in der Gegenwart. […}
Wie soll man also wütend auf Menschen sein, die arm geboren wurden, so schlecht Englisch sprechen, dass sie für Außenstehende völlig unverständlich sind, das Weltbild und die Glaubensüberzeugungen von mittelalterlichen Bauern besitzen, sich mit Putzen Geld verdienen und fettleibig werden wegen völlig ungesunder Massenlebensmittel, für die sie auch noch dankbar sind? (Seite 396)

Mein Name ist Robicheaux ist inzwischen der 21. Roman um den unerschrockenen, von seinen inneren Dämonen heimgesuchten Gerechtigkeitsfanatiker Dave Robicheaux und seinen nicht minder komplizierten Kumpel Clete Purcel. Damit setzt der Pendragon Verlag seine bemerkenswerte Mammutaufgabe der Wieder- bzw. Neuveröffentlichung aller Robicheaux-Romane fort. Diesmal ist wieder eine Neuveröffentlichung dran, denn im Original erschien dieser Roman erst 2018 unter dem Titel „Robicheaux. You know my name“.

Wer diesen Blog seit längerem verfolgt, weiß sicherlich, dass Autor James Lee Burke zu meinen Lieblingsautoren und Dave Robicheaux zu meinen Lieblingsprotagonisten zählt. Von daher erscheint es nicht verwunderlich, dass mich auch dieser Roman überzeugt hat. Burkes Stil mit seinen epischen Beschreibungen der Natur im Süden Louisianas steht im krassen Widerspruch zu den Verhältnissen von Kriminalität, Gewalt, Rassismus und Misogynie, gegen die Robicheaux und Purcel fast wie moderne Don Quixote und Sancho Panza ankämpfen. Doch im Gegensatz zu den mittelalterlichen Gestalten führen Robicheaux und Purcel keine Scheingefechte, sondern nehmen den Kampf gegen höchst gefährliche Gegner auf, wenngleich es sich am Ende manchmal wie ein Kampf gegen Windmühlen anfühlt.

Was James Lee Burke ebenfalls auszeichnet, sind seine komplexen und ausufernden Plots, für die andere Autoren mehrere Bücher benötigen würden, die er aber souverän beherrscht. Was ich noch nicht wusste – auch das Genre der Short Story ist kein Problem für James Lee Burke. Als Bonus enthält dieser Band die Kurzgeschichte: „The Wild Side Of Life“, in der der Autor ein Motiv aus der Hauptgeschichte aufgreift. Auch das souverän erzählt.

Ein weiterer Bestandteil seiner Werke sind seine klaren, kraftvollen Aussagen zu moralischen Fragen und gesellschaftlich-politischen Missständen in den Südstaaten oder auch im ganzen Land, die er seinem Ich-Erzähler Robicheaux in Reflexionen vortragen lässt. Hier geht es um korrupte und Frauen verachtende Polizisten, weiße Rassisten, skrupellose Gangster und populistische Politiker, die sich ohne mit der Wimper zu zucken mit den vorher genannten verbünden. Und das Problem der Menschen, diese Personen zu entlarven. So ist dieser Kriminalroman als 21. Band einer über dreißig Jahre währenden Reihe fast schon erstaunlich auf der Höhe der Zeit. Für Mein Name ist Robicheaux gibt es daher von mir auf jeden Fall eine klare Empfehlung!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Mein Name ist Robicheaux | Erschienen am 9. Oktober 2019 im Pendragon Verlag
ISBN 987-3-86532-658-4
600 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: Robicheaux. You know my name
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu folgenden Burke-Romanen: Sturm über New OrleansGlut und AscheMississippi JamNeonregenSchmierige Geschäfte und  Zeit der Ernte

Linktipp: Die Robicheaux-Romane in der chronologisch korrekten Reihenfolge

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

„Was ist denn passiert?“, fragte Helene.
„In den frühen Morgenstunden hat es eine neue Brandstiftung gegeben. Diesmal in Vejers Strand.“
„Wieder ein Ferienhaus?“
„Ja, in den Dünen direkt am Strand. Völlig ausgebrannt. Die Bewohner konnten sich im letzten Moment aus dem Haus retten, liegen aber alle mit Rauchvergiftung im Krankenhaus. Eine Urlauberfamilie aus den Niederlanden mit zwei Kindern.“ (Auszug Seite 90)

Auf der Fähre von der Nordseeinsel Amrum zum Festland gibt es einen Toten. Er ist nicht an einem epileptischen Anfall gestorben, wie erst vermutet wird, sondern wurde vergiftet. Helene Christ von der Mordkommission Flensburg nimmt sich dem Fall an und muss sich für weitere Ermittlungen mit den Kollegen aus Dänemark zusammentun, denn der Tote wohnte im Nachbarland. Die Dänen haben es zur gleichen Zeit mit Brandanschlägen auf Ferienhäuser zu tun und deshalb eigentlich kein Personal frei. Doch dann ergibt sich ein Zusammenhang zwischen den beiden Fälle

Geplatzter Segeltörn

Oberkommissarin Helene Christ wohnt gemeinsam mit ihrem Freund Simon Simonsen und der Hündin Frau Sörensen am Rand von Flensburg in einem alten Haus. Die Drei segeln am liebsten mit ihrem Boot über die Gewässer und freuen sich schon auf den Urlaub in wenigen Tagen auf den schwedischen Schäreninseln, als das Boot einen Schaden erleidet und Helene den neuen Fall bekommt.

Der sechste Fall von Helene Christ

Feuer in den Dünen von H. Dieter Neumann ist bereits der sechste Fall um Helene Christ. Ein Küsten-Krimi, der vor allem in Dänemark und Flensburg spielt, die ersten Ermittlungen führen aber auch nach Amrum. Die Geschichte hat kurze Kapitel, die hauptsächlich um die Ermittlungen von Helene Christ und ihrem Kollegen Nuri Önal kreisen, einige wenige Kapitel geben allerdings auch Einblicke in die Gedanken der Täter, was dem Leser einen gewissen Vorsprung zu den Polizisten verschafft und die Handlung dadurch noch etwas spannender gestaltet.

Privat und beruflich

Helene wird in diesem Fall sehr stark eingespannt und reißt auch generell gern alle Arbeit an sich, wovon Simon gar nicht begeistert ist, also kommt es unweigerlich zum Streit. Das Private der Kommissarin bleibt aber im Hintergrund und wird eher nebenbei erwähnt, das Hauptaugenmerk bleibt auf dem Fall, was mir gut gefällt. Die Protagonistin ist mir in ihrer Handlungsweise sympathisch. Sie geht durchaus ab und zu über ihre Kompetenz und geht Risiken ein, bleibt dabei aber auf dem Boden. Sie sieht eventuelle Fehler im Nachhinein ein und gibt ihr Bestes, um es wieder geradezurücken.

Ende und gut

Die Geschichte liest sich leicht, aber durchgehend spannend. Die Polizisten müssen auch mit Rückschlägen klarkommen, es läuft also nicht immer alles glatt. Das Ende bekommt nochmal einen guten Spannungsbogen, ohne dass vom Autor zu viel gewollt wurde, auch das gefällt mir. Der Schluss bleibt eher offen, war aber zu vermuten, als die Zusammenhänge nach und nach klarer werden. Hätte ich das eigentliche Thema auf dem Klappentext gelesen, hätte ich das Buch nicht ausgesucht, aber so war es gut und ich habe es gern gelesen.

Fazit: Ein solider Küsten-Krimi, den man zwischendurch gut lesen kann, der mich aber dennoch nicht nachhaltig beeindruckt hat.

H. Dieter Neumann, Jahrgang 1949, war Offizier in der Luftwaffe der Bundeswehr und in verschiedenen internationalen Dienststellen der NATO. Anschließend arbeitete der diplomierte Finanzökonom als Vertriebsleiter und Geschäftsführer in der Versicherungswirtschaft, bevor er sich ganz aufs Schreiben verlegte. Der passionierte Segler ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Flensburg.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Feuer in den Dünen | Erschienen am 22. August 2019 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-630-2
288 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Lars Lenth | Schräge Vögel singen nicht

Langsam häufte es sich an. Das Ganze war ziemlich unnorwegisch. Internationales Niveau.
Durfte man sich eigentlich Massenmörder nennen, auch wenn man die Morde nicht eigenhändig beging?
Klavenes dachte nach. Stalin und Hitler wurden als Massenmörder bezeichnet, obwohl sie wahrscheinlich niemanden persönlich umgebracht hatten. (Auszug Seite 232)

Ein erfolgloser Angler macht in einem Angelrevier in bester Lage vor dem großen Immobilienprojekt Fornebu am Oslofjord einen grausigen Fund: Eine übel zugerichtete Wasserleiche, mit Beton an den Füßen im Fjord versenkt. Weil auch Leo Vangen dort regelmäßig geangelt hat, wird er von der leitenden Ermittlerin Mariken Varden, einer alten Schulfreundin, kontaktiert. Da Mariken Leos alte Liebe ist, will er bei den schwierigen Ermittlungen helfen. Alles deutet darauf hin, dass der Tote einer von den polnischen Bauarbeitern des Immobilienprojekts ist. Da Leo als Rechtsreferendar schon mal guten Kontakt zu polnischen Gastarbeitern hatte, begibt er sich auf Spurensuche in den Gastarbeiterunterkünften und kommt auf die Fährte eines alten Bekannten.

Terje Klavenes war früher mit Leo und Mariken in einem Schuljahrgang. Privat ist er schon ein mieser Typ und auch beruflich hat er sich mit nicht aufgefallenen Betrügereien immer weiter nach oben gebracht. Inzwischen ist er Chef einer Projektentwicklungsgesellschaft und ein eiskalter Immobilienhai. Immer auf der Suche nach einem Profit auf Kosten anderer. Momentan läuft es nicht optimal mit den Geschäften. Die Bauarbeiter klagen über die miese Behandlung und Bezahlung, die Eigentümergemeinschaft fühlt sich betrogen, weil immer noch nichts fertiggestellt ist und ein Vogelkundler will die Behörden einschalten, weil Klavenes Teile des Vogelschutzgebietes bebaut. Es knirscht also an allen Ecken, aber Klavenes hat zwei Männer fürs Grobe: Rino Gulliksen und Nils Hætta. Zwei Schmalspurgangster, aber zumindest Nils fühlt sich zu Höherem berufen und schreckt auch vorm Äußersten nicht zurück.

Autor Lars Lenth ist ein vielseitiger Typ und in Norwegen vor allem auch als Angel-Profi bekannt. Sein Hobby hat er in Fachbüchern, im Fernsehen und auf DVD zum Beruf gemacht. Daneben ist Lenth auch Rockmusiker. Als Autor schreibt er neben Sachbüchern auch Romane. Schräge Vögel singen nicht ist der zweite in Deutschland erscheinende Roman um den Rechtsrefendar Leo Vangen und erschien im Original bereits 2011.

Hauptperson Leo Vangen ist ein ziemlich durchschnittlicher Mann in seinen Vierzigern, der aus seinen Anlagen vermeintlich wenig gemacht hat. Obwohl mit gutem Abschluss hat er bereits nach der ersten Gerichtsverhandlung keinen Gerichtssaal mehr betreten und ist dadurch kein Anwalt geworden, sondern auf der Stufe des Rechtsreferendars geblieben. Auch privat läuft’s so mittel: Geschieden, fast erwachsener Sohn. Er lebt in Bærum, der reichsten Gemeinde Norwegens, auf einer schicken Insel in der familieneigenen Villa, die allerdings mangels Geld und Pflege zusehends herunterkommt. Grundsätzlich ist Leo aber ein guter, hilfsbereiter Typ. Insgesamt kommt Leo trotz seiner Neurosen aber ziemlich gut zurecht, ein wenig Ruhe im Leben ist schließlich auch nicht zu verachten. Dennoch entwickelt Leo eine ungeahnte Aktivität in diesem Fall, denn schließlich gilt es, seine alte Jugendliebe zu beeindrucken.

Schräge Vögel singen nicht ist wie es der ziemlich merkwürdige deutsche Titel andeutet, ein Krimi mit skurrilen und schrägen Elementen. Dabei schreibt der Autor mit einem schwarzen, zuweilen auch derben Humor, wobei er im Grundton schon ernst bleibt. Dazu eine durchaus sympathische Hauptfigur, die mich irgendwie entfernt an den Dude aus The Big Lebowski erinnert hat. Ein wenig Abzüge gibt es von meiner Seite für den fiesen Antagonisten Klavenes, der mir allzu plakativ geraten ist. Die Themen reichen von Immobilienspekulation, Korruption, Ausbeutung bis Umweltzerstörung. Insgesamt bringt Lars Lenth also höchst aktuelle Themen in die Geschichte ein, serviert sie aber mit einer durchaus angenehmen Mischung aus Melancholie und Witz, wobei es hier (Plot) und da (Spannung) sicherlich noch Luft noch oben gibt.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schräge Vögel singen nicht | Erschienen am 23. September 2019 im Limes Verlag
ISBN 987-3-8090-2712-6
288 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unsers .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Anne Holt | Blinde Göttin Bd. 1

Anne Holt | Blinde Göttin Bd. 1

Sie kam Håkon erschöpft vor, ihr weißer Atem jagte, obwohl sie doch ganz still saßen. […]
„Sieh dir seinen Geschäftskram genauer an“, befahl sie ihrem Vorgesetzten. „und laß eine Liste der Strafprozesse erstellen, in denen er während der letzten beiden Jahre aufgetreten ist. Ich wette, daß wir da irgendwas finden. Und außerdem“, fügte sie hinzu. „faßt die Fälle jetzt endlich zusammen. Und zwar gehören sie beide zu mir; ich hatte den ersten.“ Sie wirkte fast glücklich über den Gedanken. (Auszug Seiten 94-95)

Bei einer Runde mit ihrem Hund findet die Anwältin Karen Borg eine übel zugerichtete Leiche. Wenig später nimmt die Polizei einen verwirrten Mann mit blutiger Kleidung fest. Der Mann, ein Niederländer, gesteht den Mord, schweigt sich aber ansonsten aus. Kommisarin Hanne Wilhelmsen und Håkon Sand, Jurist im Polizeidienst, bearbeiten den Fall und würden gerne mehr über die Hintergründe erfahren. Da geschieht ein weiterer Mord, diesmal an einem schlecht beleumundenten Anwalt. Aus Intuition zieht Hanne Wilhelmsen eine Verbindung zum ersten Mord und behält damit recht.

Inzwischen hat Karen Borg auf dessen Wunsch die Verteidigung des Niederländers übernommen, obwohl sie eigentlich nur Wirtschaftsfälle verhandelt. Zwar hält sich der Mörder immer noch sehr bedeckt, aber inzwischen ist klar, dass es ein Mord im Drogenmilieu war. Der Täter bereut seine Tat, verschweigt aus Angst aber seinen Auftraggeber. Zwischen Karen Borg und Håkon Sand besteht seit gemeinsamen Studienzeiten eine enge Freundschaft und eine von ihr (bislang) nicht erwiderte Zuneigung. Dennoch arbeiten die beiden enger zusammen, als zwischen Polizei und Straftverteidiger üblich, und Karen erzählt, dass sie merkwürdigerweise von einem prominenten Anwalt mehrfach gebeten wurde, ihm das Mandat des Niederländers zu übergeben. Zudem findet Hanne Wilhelmsen heraus, dass der tote Anwalt Verteidiger des ersten Opfers war und sich beide am Tag des ersten Mordes getroffen hatten. Als Hanne im Präsidium niedergeschlagen wird und Akten verschwinden, sind sich Hanne und Håkon sicher, dass sie hier einen großen Fall mit der Drogenmafia vor sich haben, in den offenbar auch Osloer Rechtsanwälte verstrickt sind.

Autorin Anne Holt zählt zu den bekanntesten Schriftstellern Norwegens. Holt studierte Jura, arbeite (wie Håkon Sand) als Juristin im Polizeidienst und als Anwältin. Für wenige Monate Ende 1996 bis Anfang 1997 war sie Justizministerin ihres Landes. 1993 erschien mit „Blind Gudinne“ der erste Teil der bis heute andauernde Serie mit der Osloer Kommissarin Hanne Wilhelmsen, die mit ihrer Autorin einige Gemeinsamkeiten hat. So hat Hanne Wilhelmsen ein Faible für die Vereinigten Staaten und lebt in einer lesbischen Beziehung, trägt dies aber eher nicht nach außen. Die Figur Hanne ist eine attraktive, erfolgreiche Polizistin, eigenwillig, durchsetzungsstark, aber beliebt bei den Kollegen. In diesem ersten Band ist sie allerdings nicht die uneingeschränkte Hauptfigur, denn vor allem ihr Kollege Håkon Sand nimmt mindestens den gleichen Raum ein. Sand ist ein zuverlässiger, aber vom Polizeidienst zunehmend desillusionierter und ungeduldig gewordener Jurist. Obwohl formal Hanne Wilhelmsen vorgesetzt, beugt er sich ihren ermittlerischen Fähigkeiten. Privat ist er alleinstehend und voller Hoffnung, als seine große Liebe Karen Borg wieder in sein Leben tritt.

Auffallend an diesem Krimi ist das akribische Augenmerk, das die Autorin auf der Beschreibung der Vorgänge im Polizeipräsidium und der Figuren legt und dem Geschehen einen sehr authentischen Touch verliert. Insofern ist der generell immer etwas fragwürdige Vergleich zu einem berühmten Kollegen auf dem Klappentext („weibliches Pendant zu Henning Mankell“) nicht ganz verkehrt.

Grundsätzlich ist Blinde Göttin ein skandinavischer Kriminalroman mit durchaus klassischen Zutaten: Mord und Verbrechen mit Auswirkungen bis in höhere Kreise. Das hat man zwar schon mehrfach gelesen, aber wenn es so abwechslungsreich mit verschiedenen Perspektiven, glaubwürdigen Figuren und einem ordentlichen Spannungsbogen geschrieben ist wie in diesem Fall, dann nimmt man sich so einen Krimi doch gerne vor. Insofern ist Blinde Göttin ein immer noch sehr lesenswerter Klassiker des norwegischen Krimis.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Blinde Göttin | Erstmals erschienen 1993
Die gelesene Ausgabe erschien am 1. August 2002 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-23602-7
320 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Norwegen.

Dror Mishani | Drei

Dror Mishani | Drei

Sie war diejenige, die die Initiative ergriff, die die Sache beschleunigte, die kühn auftrat, ohne das bewusst entschieden zu haben, jedoch aus dem vagen Wissen heraus, dass es nur so klappen konnte, dass sie nur so das Gefühl haben würde, es zu wollen. (Auszug Seite 46)

In Tel Aviv hat die alleinerziehende Lehrerin Orna die Trennung von ihrem Ehemann noch nicht richtig verwunden und fühlt sich nach der Scheidung manchmal einsam und mit der Erziehung von Sohn Eran ein bisschen überfordert. Der introvertierte Neunjährige leidet sehr unter der Trennung von seinem Vater, mit dem er nur hin und wieder skypen kann. Denn Ronen lebt inzwischen weit weg und baut sich mit seiner neuen Partnerin und deren vier Kindern in Nepal ein neues Leben auf.

Dass bereits ein gemeinsames Kind unterwegs ist, bedeutet eine weitere Demütigung für Orna. Sie meldet sich mehr oder weniger enthusiastisch auf einem Dating-Portal an und lernt einen geschiedenen Anwalt kennen. Gil ist nicht unbedingt ihr Traummann, aber ein freundlicher, netter Typ, der gut zuhören kann. Der Vater zweier Mädchen ist geduldig und verständnisvoll und geht auf Orna ein, so dass sie sich tatsächlich langsam näher kommen.

Drei Frauen auf der Suche

Im zweiten Kapitel steht die Lettin Emilia im Mittelpunkt. Aus Riga stammend arbeitet die Neunundvierzigjährige in Israel als Pflegekraft. Zwei Jahre pflegt sie den 80-jährigen Nachum und wohnt bei ihm und seiner Frau Esther. Als der alte Herr stirbt, verliert sie nicht nur ihren Job, sondern auch ihre Unterkunft. Zwar wird ihr eine schlecht bezahlte Teilzeitstelle in einem Seniorenheim einschließlich Schlafkammer angeboten, doch das Geld reicht hinten und vorne nicht und Emilia, kaum des Hebräischen mächtig, ist unglücklich und einsam. Sie sucht Zuflucht im Glauben, verliert aber langsam den Boden unter den Füßen. Sie würde gerne etwas dazu verdienen und wendet sich rat- und hilfesuchend an Nachums Sohn Gil, der Anwalt ist.

Was Emilia vor Esther zu verbergen suchte und auch vor anderen erfolgreich zu verheimlichen meinte, war, dass sie immer tiefer sank. Dass sie eine Hand brauchte, die ihr hingestreckt wurde und sie vor dem Ertrinken rettete. (Seite 141)

Und dann ist da noch Ella, eine siebenunddreißigjährige gestresste Mutter von drei kleinen Kindern, die noch zusätzlich an der Universität studiert. Um zwischendurch auch mal ohne Störungen an ihrer Masterarbeit schreiben zu können, flüchtet sie regelmäßig in ein kleines Café. Hier lernt sie den Anwalt Gil kennen und es entspinnt sich ein Flirt. Mehr will ich über den Inhalt gar nicht verraten, die Spoilergefahr wäre zu groß.

Der Titel ist Programm

Das Bemerkenswerte an Dror Mishanis Kriminalroman ist die ungewöhnliche dreiteilige Erzählstruktur. Der raffiniert konstruierte Plot ist in drei große Kapitel aufgeteilt, in dem je eine der total unterschiedlichen weiblichen Hauptfiguren im Mittelpunkt steht. Von Beginn an hat mir der literarisch anspruchsvolle Sprachstil gefallen, doch ich wusste lange nicht, wo der Autor hin möchte. Als es mir zum Ende des ersten Teils klar wurde, konnte ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen und habe es in einem Rutsch durchgelesen.

Richtig beeindruckt hat mich Mishani mit seinen lebensnahen, authentischen Figurenzeichnungen. Mit präziser Beobachtungsgabe und großer Menschenkenntnis skizziert er die Seelenleben der Charaktere und lässt uns teilhaben an ihren Sorgen, Ängsten und Hoffnungen. An einigen Stellen sind die Verletzlichkeiten und Schwächen praktisch mit den Händen greifbar. Ich denke da zum Beispiel an die sensible Schilderung, als Ornas Exmann Ronen wieder Kontakt zu seinem Sohn aufbauen möchte. Um ihn mit in den Urlaub zu nehmen, schlägt er mit seiner hochschwangeren Ehefrau und der ganzen Familie in Tel Aviv auf und bevölkert Ornas Wohnung und die hält es Eran zuliebe aus.

Sie wahrte die Fassung. Alle Schreie waren schon getan, alle Verwünschungen ausgestoßen, alle Tränen geflossen. Alles war vorüber. (Seite 92)

Man spürt die große emotionale Verbundenheit Mashinis zu seinen Figuren auch in der empathischen Beschreibung der verzweifelten Emilia, die langsam den Halt verliert in einem für sie fremden Land ohne sozialen Anschluss. Dabei sind seine Schilderungen immer sachlich, nüchtern und ohne Larmoyanz. Während ich mich in Orna sehr gut reinversetzen konnte, war ich bei Emilia ziemlich erschüttert von ihrem Schicksal. Der Autor zeigt hier eine Welt, von der ich nicht viel weiß. Ihm scheint es wichtig zu sein, die Menschen um ihn herum zu sehen und wahrzunehmen. Dabei bleibt das Innenleben von Gil bis zuletzt für den Leser bewusst im Dunkeln. Gil scheint über keine eigenen Eigenschaften zu verfügen und kann sich daher perfekt auf die Bedürfnisse seines Gegenübers einstellen. Er ist wie ein Spiegel, der den Frauen genau das projiziert, was sie suchen.

Fazit

Der Roman fasziniert mich mit seinem ruhigen und distanzierten Schreibstil. Er entwickelt eine subtile Spannung, wird immer bedrohlicher und durch unerwartete Wendungen auch sehr fesselnd. Dabei kommt der Krimiaspekt tatsächlich erst zum Schluss zum Vorschein, wobei der Roman hier nicht mehr so stark ist wie in den anderen Teilen.
Der Literaturwissenschaftler Dror Mishani wurde 1975 in Israel geboren und lebt in Tel Aviv. Er beschäftigte sich insbesondere mit der Geschichte, der Definition und der Theorie des Kriminalromans. Berühmt wurde er mit der auch in Deutschland (bei dtv) veröffentlichten Krimireihe um Inspektor Avi Avraham.

Die beiliegende Notiz des Diogenes Verlages, in der inständig gebeten wird, in der Rezension nicht zu viel zu verraten, ist ein toller Marketing-Clou. Das schürt natürlich erst mal Erwartungen, hätte es für mich aber gar nicht gebraucht.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Drei | Erschienen am 28. August 2019 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07084-2
336 Seiten | 24,00 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe