Kategorie: Kriminalroman

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Zu den harten Fakten: Von Oktober 1989 bis April 1991 verübte ein Serienmörder in Brandenburg südöstlich von Berlin insgesamt sechs Morde und beging drei weitere Mordversuche. Die Taten waren auch mit sexuellem Missbrauch bzw. Vergewaltigung verbunden. Die Taten und die Suche nach dem Täter wurden von der Presse intensiv verfolgt, man gab ihm den Namen „Rosa Riese“ oder „Bestie von Beelitz“. Die Berichterstattungen während der Suche und später während des Prozesses von bestimmten Boulevardmedien wurden anschließend stark kritisiert. Im August 1991 wurde schließlich ein Mann in Damenbekleidung von zwei Joggern überwältigt und der Polizei übergeben. Dort gestand Wolfgang Schmidt, ehemaliger Volkspolizist, die Taten. Während des Prozesses wurde bekannt, dass Schmidt einen extremen sexuellen Fetischismus entwickelt hatte. Später ließ Schmidt ihre Transgeschlechtlichkeit bekanntgeben und erfolgreich die Geschlechtszuordnung ändern. Sie heißt seitdem Beate Schmidt und ist immer noch im Maßregelvollzug untergebracht.

Die Potsdamer Autorin Sophie Sumburane hat sich dieses Stoffes angenommen und daraus einen True Crime-Roman verfasst. Sie beginnt den Roman in Deetz, einem kleinen Ort an der Havel zwischen Potsdam und Brandenburg, Anfang Oktober 1989. Hedi, eine junge Frau aus dem Dorf, badet wie viele aus der Gegend gerne in den Erdelöchern, kleine Seen in ehemaligen Torfabbaulöchern, als sie einen Mann bemerkt, der sie beobachtet. Sie entkommt mit einem Schrecken, der Mann greift sie nicht an, verhält sich aber merkwürdig. Zwei Wochen später wird in der Bungalowsiedlung nahe der Erdelöcher eine 51jährige Frau ermordet, die Hedi auch kannte. Die Bewohner aus Deetz reagieren schockiert, neben Hedi auch ihre beste Freundin Gabi. Die Polizei der untergehenden DDR ist mit dem Fall überfordert, verdächtigt unter anderem den Ehemann, obwohl der überhaupt nicht zu der Beschreibung des Täters passt, der einem Zeugen in der Siedlung aufgefallen ist.

Der Roman konzentriert sich in der Folgezeit stark auf die beiden Frauen und Ich-Erzählerinnen Hedi und Gabi, die sich durch den Wandel in der DDR und der später erfolgenden Wiedervereinigung in einer komplizierten Lebensphase befinden. Die scheinbar vorgezeichneten Pfade der DDR mit Ausbildung und Beruf gelten nicht mehr, man ist nun aber auch etwas überfordert mit der Freiheit. Gerade die Elterngeneration findet sich nur schwer in der neuen Bundesrepublik zurecht. Und nun geht die Angst vor dem Mörder um, der das Dorf lähmt, in die heile Welt eindringt. Hedi flüchtet mit ihrem Freund Erich nach Berlin. Doch dort lässt er sie nicht mehr aus der Wohnung, steigert sich in Beschützerinstinkte, wird ihr gegenüber körperlich. Irgendwann glaubt Hedi, dass er der Gesuchte ist. Gabi hingegen nutzt die neue Freiheit, bewirbt sich erfolgreich um ein Praktikum bzw. Volontariat bei der Bild-Zeitung. Dort will sie auf den Fall des Mörders und vermutlichen Serientäters aufmerksam machen, scheitert aber zunächst am Desinteresse der Redaktion. Erst der Doppelmord an einer Mutter und ihres Säuglings lässt das Interesse des Boulevards umso heftiger entfachen. Währenddessen versucht Gabi, Hedi aus ihrem „Gefängnis“ mit Erich zu befreien.

Die Autorin nutzt die beiden Frauen und ihr Umfeld, um die einschneidenden Erfahrungen der Wendezeit deutlich zu machen. Ein gewohntes Umfeld, dass sich plötzlich stark verändert. Eine neu gewonnene Freiheit, die auch erstmal verunsichert. Ein Konsumrausch, dem viele nicht gewachsen sind. Die staatliche Ordnung der DDR, die vom Übergang überfordert ist. Existenzängste. Die Bundesrepublik als Ellbogengesellschaft. Die niederen Instinkte des Boulevardjournalismus. Hinzu kommen die Taten des Serienmörders, die verstören und Angst machen, die als westlich importiert empfunden wurden, obwohl, wie sich später herausstellt, der Täter in der DDR unter ihnen sozialisiert wurde. Der Täter selbst kommt übrigens nur selten durch knappe, kurze Abschnitte – zumeist Aussagen aus dem Polizeiverhör – vor. Der Fokus liegt weniger auf den Taten und gar nicht auf den Ermittlungen, eher auf den Opfern, denen ein gewisser Platz eingeräumt wird, vor allem aber auf der gesamtgesellschaftlichen Situation der Wendezeit und der damit verbundenen Umwälzungen, in der diese Taten stattfanden und was diese dadurch für ein Echo auslösten. Das macht den Roman zu einer lesenswerten Studie über ein aufsehenerregendes Verbrechen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.

„Ich glaubte, ich wollte beim Aufklären helfen, weil irgendwie keiner so richtig etwas tat, doch jetzt weiß ich, eigentlich war es meine Angst, die mich antrieb. […] Es war die Angst, die mich zwang zu verstehen zu wollen, wovor ich Angst haben musste. Ich hatte das Gefühl, ich würde erst wieder angstfrei sein, wenn ich jeden Moment mit Gewissheit wusste, wo er war. Doch nun sind Monate vergangen, ohne dass ich mehr weiß, eine weitere Frau wird vermisst und ein weiteres Mal scheint sie vergessen zu werden.“ (Auszug S. 212)

Über die Recherchen von Sophie Sumburane wurde zudem auch eine dreiteilige Dokumentarserie („Rosa Riese“) der Reihe „ARD Crime Time“ produziert. Ein Kamerateam begleitet die Autorin bei der Befragung von Zeitzeugen und auf Spurensuche in der Region. Zudem werden Archivbeiträge eingespielt. Im Gegensatz zum Buch spielen die Polizeiermittlungen und der Täter eine größere Rolle. Insofern eine interessante Ergänzung zum Roman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Keine besonderen Auffälligkeiten | Erschienen am 02.03.2026 in der Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-478-4
296 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarserie „Rosa Riese“ in der ARD-Mediathek

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Er erwähnte das Beten oft, und auch wenn ich keine Kirchgängerin war, lebte ich noch immer in Pennsylvania, und hier kam es gar nicht gut an, wenn man Religion verunglimpfte. Gekündigte Freundschaften, zerbrochene Familien – alles vorgekommen. Mir war beten schon immer wie eine Ausrede erschienen, um es zu vermeiden, Initiative ergreifen zu müssen oder harten Wahrheiten ins Auge zu sehen. Aber in Locksburg behielt man solche Zweifel für sich und schluckte jeglichen Spott runter. (Auszug S. 166)

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Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Doug Johnstone | Schwarze Herzen (Band 4)

Autoren und Autorinnen haben ja oft eine enge Beziehung zu ihren Figuren und tun sich teilweise schwer, diese loszulassen. So ähnlich muss es auch Doug Johnstone ergangen sein, denn er hatte ursprünglich die Idee, die Reihe um die Skelfs-Frauen als Trilogie anzulegen. Und tatsächlich ging im dritten Band die übergreifende Story um den psychopathischen Craig zu Ende. Vermeintlich. Aber Johnstone konnte offensichtlich nicht von seinen drei ungewöhnlichen Frauen Dorothy (Großmutter/Mutter), Jenny (Tochter/Mutter) und Hannah (Tochter/Enkelin) lassen, die als Familienunternehmen ein Bestattungsinstitut und eine Privatdetektei führen. In der Heimat ist bereits Band 6 erschienen, in deutscher Übersetzung nun Band 4.

Wie eben angedeutet (Vorsicht Spoiler!), kam es zuletzt zu einem Showdown zwischen Jenny und ihrem Ex Craig. Zugunsten von Jenny, die aber dennoch in ein großes Tief gefallen ist, sich dem Alkohol zuwendet und ihren Therapeuten verführt, anstatt die Therapie ernst zu nehmen. Dass nun scheinbar nach langer Zeit Craigs Leiche aus dem Meer wieder aufgetaucht ist, macht die Sache nicht wirklich besser, denn nun kommt Craigs Familie plötzlich wieder hervor und Craigs Schwester Stella lässt Jenny ihre Tat in Notwehr nicht so einfach durchgehen. Währenddessen hat Dorothy zwei schräge Fälle aufgetan: Eine Frau wird beerdigt, ihr Ehemann wird vermisst. Der Sohn verdächtigt den Onkel und beauftragt Dorothy, seinen Vater zu finden. Der zweite Fall ist der eines alten japanischstämmigen Mannes, der nach dem Tod seiner Frau einen Schrein für sie zuhause angelegt hat und nun glaubt, von ihrem Geist angegriffen zu werden. Hannah hingegen hat plötzlich eine Kommilitonin, die sie stalkt und sich zwischen sie und ihre Frau Indy drängt – und offenbar mehrere Tage in der gleichen Wohnung mit ihrer verstorbenen Mutter gewohnt hat.

Dorothy kämpfte mit den Klavierriffs im Mittelteil und dachte dabei an Eddie. Inzwischen würde seine Leiche neben Craig in der Leichenhalle liegen. Sie dachte an Violet, die ihren Sohn verloren hatte. Sie dachte an Hannahs Stalkerin, deren Mum plötzlich gestorben war. Udo, der von seiner Frau heimgesucht wurde. Es war ein Kaleidoskop aus Leben und Tod, ein Spinnrad von Kummer und Leid, verwirrend und beunruhigend. (Auszug S. 200)

Die Skelfs-Reihe ist einer der aktuell ungewöhnlichsten Krimireihen. Drei Generationen von Frauen, die zwei außergewöhnliche Berufe miteinander verbinden. Über die ganze Reihe schreibt Doug Johnstone abwechselnd aus ihren Perspektiven, dringt tief in die Figuren ein. Der Leser spürt die Emotionen der Protagonistinnen sehr direkt, erfährt viel über ihre Stärken und ihre Schwächen. In diesem Band befindet sich vor allem Jenny gerade auf einem absoluten Tiefpunkt. Durch diese Konstruktion ist diese Reihe aber auch eine derjenigen, wo es absolut nicht zu raten ist, die Bände isoliert zu lesen. Diese Reihe baut viel zu sehr aufeinander auf und als Leser würde man sich auch der ganzen Feinheiten berauben.

„Schwarze Herzen“ setzt die Reihe in einem gesetzteren Ton fort, der Vorgänger war ungewohnt spannend und actionreich. Der Autor zeigt aber, dass damit noch kein endgültiger Abschluss gefunden wurde. Trauer, Tod und Schuld spielen immer eine große Rolle in dieser Reihe – und Johnstone weiß dem Thema auch im vierten Band neue Facetten und auch Skurrilitäten (oder wunderbare Details wie dem „Windtelefon“) abzuringen. Auch das andere große Thema dieser Reihe spielt natürlich wieder eine große Rolle: Familie und Freundschaft, die Trost und Geborgenheit spenden, aber auch Arbeit und Kommunikation bedürfen. Und auch wenn es dieses Mal spannungstechnisch etwas gedämpfter zugeht, die Reihe behält ihren großen Charme. Doug Johnstone bringt an gewissen Stellen Humor an und auch Edinburgh, Musik und Astrophysik (unverkennbar die Schwächen des Autors als Dundiner, Schlagzeuger und Physiker) kommen angemessen zur Geltung. Eine tolle Reihe mit wunderbaren Figuren und tiefgründigen Themen, der ich gerne weiter treu bleibe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Schwarze Herzen | Erschienen am 15.11.2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-36-8
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Black Hearts | Übersetzung aus dem schottischen Englisch von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 2 und Kurzrezension zu Band 1

Unsere Krimis des Jahres 2025

Unsere Krimis des Jahres 2025

Und schon ist wieder ein Jahr 2025 Geschichte, die finale Folge „Strangers Things“ geguckt und Zeit, einen Blick zurück auf das Jahr 2025 zu werfen. Neben einigen visuellen Highlights wie die Streaming-Serien Dept. Q oder Adolescence gab es bei Gunnar auch zwei besondere Highlights: Der Besuch der Leipziger Buchmesse im März und die Lesung mit Sara Paretsky im September.

Daneben gab es für uns Lesehighlights in unterschiedlichen Genres. Bei unseren Krimihighlights haben wir es zum ersten Mal geschafft, genügend dieselben Bücher zu lesen – und auch noch gut zu finden. Deswegen gibt es heute zum ersten Mal eine gemeinsame Jahreshitliste. Wir vergeben ja maximal 5 Punkte, die in 2025 aber kein Roman erreicht hat. Allerdings haben einige 4,5 Punkte ergattert. Bei dreien davon waren wir uns einig, haben darüber hinaus aber noch eine Reihenfolge festgelegt. Zwei weitere Bücher hat nur jeweils einer von uns gelesen, daher vergeben wir Platz 4 zweimal. Eine Tendenz lässt sich auf jeden Fall erkennen: Es dominieren Kriminalromane und Thriller mit historischen Settings.

Platz 4: Susanne Tägder – Die Farbe des Schattens

Auch „Die Farbe des Schattens“ beginnt mit einer Suchaktion nach einem verschwundenen Kind. Allerdings verschwand der kleine Matti aus einer Plattenbausiedlung in Mecklenburg 1992. Wie schon in ihrem gefeierten Debüt-Roman „Das Schweigen des Wassers“ ermittelt wieder Kommissar Groth, der nicht ganz freiwillig als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Tägder versteht es, die Atmosphäre der frühen 90er Jahre, die weniger von Aufbruchsstimmung sondern eher von Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar. Das Ergebnis ist ein ruhiger Kriminalroman, der von der psychologischen Spannung sowie der emotionalen Belastung lebt. Obwohl im Grundton eher melancholisch, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem sich Andy kaum entziehen konnte. Hier findet ihr die ausführliche Besprechung.

Platz 4: Jake Lamar – Viper’s Dream

Eine gelungene Kombination zwischen Jazz & Crime hat der amerikanische Autor Jake Lamar veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Clyde Morton, der als Greenhorn vom Land 1936 nach Harlem kommt, dort von Unterweltgrößen unter die Fittiche genommen wird und schließlich zu einem der einflussreichsten Gangster bis Anfang der 1960er aufsteigt. Daneben ist der Roman auch eine Geschichte über die New Yorker Jazzszene, ganz natürlich betreten immer wieder weltbekannte Jazzgrößen die Szene. Gunnar war begeistert über die sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, hartgesottenem Gangsterroman und der Melancholie eines nachdenklichen Gangsters. Seine Rezension ist hier zu finden.

Platz 3: Kate Atkinson – Nacht über Soho

Ein ebenso fesselnder wie gut komponierter Spannungsroman ist „Nacht über Soho“, in dem die britische Autorin uns in das schillernde Nachtleben von London vor genau hundert Jahren, in die roaring twenties mitnimmt. Mit der Nachtclubbesitzerin Nellie Coker und einem wirklich opulenten Figurenensemble lässt Atkinson die Leser:innen tief in die Atmosphäre der verruchten Halbwelt der Clubs in Soho eintauchen und porträtiert eine Gesellschaft, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg ungezügelt feiern will. Atkinsons Sittengemälde der 20er Jahre wirkt nie zu düster, dafür sorgt schon die scharfzüngige Sprache der Autorin, ironisch und unterkühlt. Eine ausführliche Rezension gibt es von Gunnar.

Platz 2: Andreas Pflüger – Kälter

Zum Ende des Jahres haben wir beide noch ein Thriller-Highlight von Andreas Pflüger beendet, der in „Kälter“ das liefert, was man an ihm schätzt. Gut choreografierte Actionszenen, messerscharfe Dialoge, bildhafte Erzählweise, exakt gezeichnete Charaktere sowie eine starke Heldin. Das ist Luzy Morgenroth, eine ehemalige BKA-Personenschützerin, die 1989 inzwischen 50-jährig als Provinzpolizistin auf Amrum eine ruhige Kugel schiebt. Das ändert sich, als ein Killerkommando die Inselidylle zerstört. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls entfaltet sich mit Luzy als Racheengel eine spektakuläre Story zwischen Amrum, Wien, Israel und Moskau. Die ausführliche Rezension wird im Januar nachgereicht.

Platz 1: Liz Moore – Der Gott des Waldes

Ganz anders als „Long Bright River“, ein weiteres Highlight der amerikanischen Autorin entführt uns Liz Moore in „Der Gott des Waldes“ in die dichten Wälder des Adirondack-Gebirges. Hier verschwindet im Jahr 1975 in einem elitären Sommer-Camp die 13-jährige Barbara. Nicht nur ist sie die Tochter der steinreichen Gründer-Familie, sondern auch die Schwester des Jungen, der vor 14 Jahren spurlos verschwand. Mit großer Erzählfreude arrangiert Moore Figuren und Plot, wechselt mit einem verlässlichen Gespür fürs Timing die Perspektiven und verknüpft souverän mehrere Zeitebenen miteinander. Empathisch und mit präzisem Blick wird eine Familientragödie geschildert und durch bildreiche Sprache das raue Klima vor des Lesers Auge lebendig. Je weiter die komplexe Erzählung vorangetrieben wird, desto neugieriger wurden wir und klebten an den Seiten. Für uns beide ein außerordentlich guter Roman und unsere Nummer 1 in diesem Jahr. Hier ist der Link zu Andys vollständiger Rezension.

Susanne Tägder | Die Farbe des Schweigens (Band 2)

Susanne Tägder | Die Farbe des Schweigens (Band 2)

Plötzlich überkommt ihn ein solches Gefühl von inszenierter Normalität, dass er überzeugt ist, Matti oder jemand, der aussieht wie Matti, werde im nächsten Moment von der Angerstraße kommend auf die Wallstraße einbiegen, und er beginnt bereits, mit den Augen die Gehwege nach einem schmalen Jungen im wattierten Anorak abzusuchen. (Auszug Seite 30)

An einem dunklen Winterabend 1992 verschwindet der elfjährige Matti Beck auf dem kurzen Weg zum Einkaufen. Hauptkommissar Arno Groth, der erst vor ein paar Monaten von Hamburg nach Wechtershagen in Mecklenburg gewechselt ist, sucht gemeinsam mit seinem kleinen Team fieberhaft nach dem Jungen. Allerdings erfolglos! In der Siedlung ist es schwer für die Beamten, da keiner etwas gesehen haben will und die Bewohner den Polizisten mit Misstrauen begegnen. Auch kann Groth nicht mehr auf seinen Partner Gerstacker setzen, der aufgrund verschwiegener Kontakte zur Stasi suspendiert wurde.

Das Mönkebergviertel ist eine Plattenbausiedlung mit Jugendclub, Kleingärten, einer kleinen Kaufhalle und den Schleichwegen, auf denen die Kinder relativ unbeobachtet unterwegs sind. Erst nach ein paar Tagen wird die Leiche von Matti in einem Keller eines offiziell unbewohnten Wohnblocks gefunden. Der Verdacht fällt auf einen stadtbekannten Alkoholiker, bei dem die rote Einkaufstasche des Jungen gefunden wird. Obwohl viele Indizien gegen ihn sprechen, ist für Kommissar Groth die Lösung nicht stimmig. Er war bei den Ermittlungen auf einen bisher ungelösten Mordfall gestoßen, der sich bereits vor sechs Jahren ereignete. Als sein Vorgesetzter geht und Groth Interimsleiter der Kriminalinspektion wird, gründet er die Einsatztruppe „Nachtschatten“ und holt seinen alten Kollegen Gerstacker als externen Ermittler an Bord, da er als Einzige mit dem alten Fall vertraut ist. Parallel dazu lernt man die Taxifahrerin Ina kennen, die hier mit Sohn Benno einen Neuanfang wagt. Sie ist vor ihrem gewalttätigen Mann geflüchtet und geht deshalb viel zu spät mit ihren Beobachtungen zur Polizei.

Während er vorne auf der Straße steht, passieren die Dinge hinten in den Höfen und auf den Wegen, die er nicht kennt. Hat er sie nicht gesehen, all die Zeichen der Zeit, die drei Buchstaben auf den Handknöcheln von Elfjährigen? Er steht hier, und die Rechten treffen sich fröhlich im Kutter. (Auszug Seite 306)

Schon Susanne Tägders gefeierter Debütroman „Das Schweigen des Wassers“ spielte kurz nach der Wende in der fiktiven Stadt Wechtershagen in Ostdeutschland. Mit „Die Farbe des Schattens“ geht es nahtlos weiter mit Kommissar Groth, der hier aufgewachsen ist, aber über 20 Jahre in Hamburg lebte und nun als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Eine Entscheidung, die er nicht ganz freiwillig getroffen hat, aber nach einem Zusammenbruch aufgrund des Unfalltods seiner Tochter möchte er sich wieder in den Polizeidienst integrieren. Er fühlt sich immer noch nicht wirklich angekommen sondern als Fremdkörper, als Eindringling aus dem Westen.

Die Handlung spielt vor allem in einem Brennpunktbezirk namens Mönkebergviertel. Viele, die in der Plattenbausiedlung leben, die typische Strukturen eines beginnenden Verfalls aufweist, haben in der Folge der Wende ihren Job verloren. Aufgrund der Perspektivlosigkeit sehen sich die Menschen als Verlierer der Wiedervereinigung, in den Familien herrscht Hoffnungslosigkeit. Besonders die Jugendlichen hadern mit ihrer Situation, treffen sich im Jugendclub, der allen politischen Einstellungen offen steht und sind von den rechtsradikalen Aktivitäten der Älteren fasziniert.

Tägder schreibt sehr ungeschönt und versteht es, die Atmosphäre der früheren 90er Jahre, die nicht unbedingt von Freude und Aufbruchsstimmung sondern eher von Sorgen und Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die düstere Stimmung im dunklen, kalten Januar hat mich sofort gepackt und ich konnte gut in die Geschichte eintauchen. Ein großer Pluspunkt ist die Figurenzeichnung. Die Autorin trifft mit ihren ausgefeilten Charakteren, ob Ermittler, Zeugen, Kinder und Erwachsene, stets den richtigen Ton. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar und auch die Ablehnung gegen die Polizei wird gut beschrieben. Die mühsame Arbeit der Kriminalpolizei wird akribisch und glaubhaft geschildert. Wir sind immer ganz nah bei den Verhören und Konferenzen der Polizei. Äußerst gelungen ist auch die Aktualität des Kriminalromans, der zwar kurz nach der Wiedervereinigung von Ost- und Westdeutschland spielt aber viele Anknüpfungspunkte, zum Beispiel die zunehmende Radikalisierung der Kinder und Jugendlichen, an die Gegenwart aufweist.

„Die Farbe des Schattens“ ist ein eher ruhiger Krimi, der von der psychologischen Spannung, der mühevollen Polizeiarbeit und auch der emotionalen Belastung, die so ein Mordfall mit sich bringt, lebt. Obwohl der Grundton eher bedacht und melancholisch ist, entwickelt die Geschichte, die nicht nur ein Kriminal-, sondern auch ein Gesellschaftsroman ist, einen Sog, dem man sich kaum entziehen kann. Er gibt die zerrissene Stimmung der Wendejahre gekonnt wieder und bietet mit hoher Sprachkunst ein literarisch ansprechendes Lesevergnügen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Farbe des Schattens | Erschienen am 13.09.2025 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-60850-273-2
336 Seiten | 17,- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 1 „Das Schweigen des Wassers“