Kategorie: Krimi

Chan Ho-Kei | Die zweite Schwester

Chan Ho-Kei | Die zweite Schwester

Das hier war das richtige Leben, kein Roman, kein hinterhältiger, als Suizid verkleideter Mord. So was passierte im richtigen Leben nicht, und wenn doch, dann nicht in dem eines ganz normalen, fünfzehn Jahre alten Mädchens. (Auszug Seite 45)

Mit einem dramatischen Auftakt zieht Chan Ho-Kei den Leser schon auf den ersten Seiten in die Geschichte hinein. Die junge Nga-Yee Au kommt von der Arbeit nach Hause und trifft in ihrem Hongkonger Wohngebiet auf eine Menschenansammlung und ein Polizeiaufgebot. Nach dem frühen Tod der Eltern lebt sie hier mit ihrer kleinen Schwester in einer Wohnung in einem riesigen Hochhaus. Und es ist tragischerweise tatsächlich die 15-jährige Siu-Man, die sich aus dem zwanzigsten Stockwerk in den Tod gestürzt hat.

Es stellt sich heraus, dass das Schulmädchen Opfer von Cybermobbing geworden war. Einige Monate zuvor war sie in der U-Bahn sexuell belästigt worden. Als sie das zur Anzeige brachte, wurde der Täter verhaftet, ein Familienvater, der die Tat bis zum Schluss bestritt. Daraufhin begann in den Sozialen Medien eine beispiellose Hetz- und Verleumdungskampagne.

„Ehrlich gesagt, Leute vermöbeln ist inzwischen ziemlich aus der Mode geraten. Kein Kind wäre heutzutage noch so blöd, etwas zu tun, das Spuren hinterlässt. Mobbing ist viel einfacher: verhöhnen, Gerüchte streuen, herabsetzen. …“ (Auszug Seite 484)

Nach dem Verlust ihres letzten Familienmitgliedes sucht die verzweifelte Nga-Yee Trost in der Aufklärung des vermeintlichen Selbstmordes und nimmt Kontakt zu einem geheimnisvollen Hacker namens N auf, um herauszufinden, wer ihre Schwester in den Tod getrieben hat. N ist ein mürrischer, aber hochintelligenter IT-Spezialist, der sich nur zögernd und nach Bezahlung Nga-Yees sämtlicher Ersparnisse an die Arbeit macht. Mit seiner schroffen Art ist der Einzelgänger die typische Figur des Antihelden, den man erst mal als Scheusal wahrnimmt, der sich aber zum Ende hin als Sympathieträger entwickelt. Mit genialen Hackertricks fördert der Exzentriker Dinge zutage, mit denen Nga-Yee nie gerechnet hätte, denn sie hatte von den Seelennöten ihrer Schwester nur bedingt Ahnung. Auf ein Studium hatte die Bibliotheksangestellte schweren Herzens verzichtet und immer hart gearbeitet, um für sich und Siu-Man zu sorgen. Von der digitalen Welt hat sie wenig Ahnung, so dass N ihr praktisch alle nötigen IT-Kenntnisse verständlich vermitteln muss. Ein guter Trick, um auch den nicht so computeraffinen Teil der Leserschaft mitzunehmen.

Rachethriller und Gesellschaftsroman

Ungefähr ab der Mitte des Buches wird klar, wer der Schuldige ist. Ab da entfaltet sich der Kriminalroman zu einem Rachethriller, in dem sich Nga-Yee entscheiden muss, ob sie Vergeltung mit den gleichen grausamen Mitteln will und das ist leider nicht so meins. Trotzdem muss man sagen, dass das der Spannung gar keinen Abbruch tat, es kommt immer wieder zu überraschenden Volten und auch die Motive liegen weiter im Dunkeln. Der Autor legt gekonnt einige falsche Fährten, spielt mit den Vermutungen der Leser und führt uns geschickt hinters Licht.

Der Schreibstil ist flüssig, aber sehr einfach gehalten und ich hatte zwischendurch schon den Eindruck, ich lese ein Jugendbuch. Auch einige Dialoge wirkten auf mich sehr konstruiert, nur dafür da, den Leser über wichtige Zusammenhänge zu informieren. Die Konzentration auf den wendungsreichen Plot lässt wenig Raum für die Psychologisierung der Charaktere, die ich alle als eher blass empfunden habe.

„Die zweite Schwester“ ist aber auch ein Gesellschaftsroman. Indem der Autor interessante Einblicke in die Lebensverhältnisse des hochmodernen Hongkongs offenbart, entwirft er ein entlarvendes Panorama der Wirtschaftsmetropole und ehemaligen britischen Kolonie. Nga-Yee stammt aus einfachen Verhältnissen und ihr Leben ist geprägt durch Arbeit und Sparsamkeit, um irgendwie über die Runden zu kommen. So muss sie zum Beispiel nach dem Tod ihrer Schwester ihre Wohnung verlassen, da Alleinstehenden nur zwanzig Quadratkilometer Wohnraum zustehen. Wenn Ho-Kei sich mit dem Zustand der Gesellschaft beschäftig, blitzt auch immer leise Kritik zwischen den Zeilen auf.

Der Autor

Chan Ho-Kei wurde 1975 in Hongkong geboren und lebt heute in Taiwan. Er arbeitete unter anderem als Programmierer, Computerspiele-Entwickler und Manga-Lektor. Mit seinem Debüt „Das Auge von Hongkong“ gelang ihm 2018 der internationale Durchbruch und er gewann zahlreiche Preise.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die zweite Schwester | Erschienen am 18. März 2021 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-111-4
592 Seiten | 25.- Euro
Originaltitel: 網內人 | Second Sister (Übersetzung aus der englischen Übersetzung von Sabine Längsfeld)
Bibliografische Angaben

Viveca Sten | Das Grab in den Schären (Band 10)

Viveca Sten | Das Grab in den Schären (Band 10)

“Nora saß unten am Steg, es war erst halb acht. Sie hatte sich mit ihrem Kaffee nach draußen gesetzt, um eine Weile für sich zu sein, bis die Familie wach wurde. Es war ein schöner Morgen. Dünne Wolken streichelten den blauen Himmel, Sonnenglitzer tanzte auf dem Wasser. In der Ferne bei Eknö hielt ein Segelboot schnurgerade Kurs auf Sandhamn.” (Auszug Seite 29)

Auf Telegrafholmen, der Schäreninsel gegenüber von Sandhamn, werden bei Bauarbeiten Teile einer Leiche entdeckt. Die Überreste können kaum zur Identifizierung genutzt werden, aber sie liegen dort schon zehn Jahre. Thomas Andreasson beginnt mit den Ermittlungen und stößt auf zwei Vermisstenanzeigen, die eventuell mit dem Grab in Verbindung gebracht werden können. Nora Linde, eine alte Schulfreundin von Thomas und derzeit krankgeschriebene Staatsanwältin, verbringt den Sommer in ihrem Haus auf Sandhamn. Sie hört von dem Fund und auch von dem einen Vermisstenfall, bei dem es um eine junge Frau geht, die auf Sandhamn verschwunden ist. Es lässt ihr keine Ruhe und sie beginnt trotz ihrer Krankschreibung auf eigene Faust zu recherchieren und begibt sich damit in Lebensgefahr…

“Das Grab in den Schären” von Viveca Sten ist bereits der zehnte Fall um Thomas Andreasson und Nora Linde. Ich bin auf diese Reihe aufgrund der Verfilmungen aufmerksam geworden und habe daraufhin alle Bände gelesen und mich sehr auf diesen neuen Fall gefreut. Aktuell gibt es in der ZDF-Mediathek übrigens vier neue Folgen “Mord im Mittsommer”.

Spannung durch zwei Zeitebenen
Die Geschichte ist in zwei Zeitebenen aufgeteilt, einmal die aktuellen Ermittlungen und dann ab und zu einige Kapitel der zwei Vermissten von vor zehn Jahren, deren Fälle im Rahmen der Mordermittlung neu aufgerollt werden. Das erhöht den Spannungsbogen erheblich, denn als Leser habe ich so ab und zu einen kleinen Vorsprung bekommen. Ansonsten sind es wirklich mühselige Recherchen, die nur ab und zu etwas Neues und oder brauchbares ergeben, aber trotzdem nicht langatmig sind. Das Ende kann dann noch überraschen und wird etwas dramatischer, aber für meinen Geschmack nicht zu übertrieben.

Nora ist psychisch etwas angeschlagen
Das Privatleben der beiden Protagonisten wird in dieser Geschichte nicht ausgeklammert, von Nora gibt es mehr zu lesen, sie ist ja im Grunde auch privat unterwegs, von Thomas werden nur kurze Sequenzen geschildert. Nora finde ich in diesem Buch nicht ganz so sympathisch wie in den vorherigen. Die letzte Ermittlung, in die sie als Staatsanwältin involviert war, Band neun, hat sie psychisch sehr mitgenommen, deshalb auch die Krankschreibung. Sie lässt sich aber natürlich nicht professionell helfen, das wäre ja zu einfach, und frisst ihre ganzen Ängste lieber in sich hinein oder betäubt sie mit Alkohol oder Schlaftabletten. Um sich selbst aus dieser Spirale zu reißen, beginnt sie dann mit ihren eigenen Ermittlungen, obwohl das gegen Dienstvorschriften verstößt.

Meine Lieblingskulisse
Ansonsten übt die Kulisse natürlich den größten Reiz auf mich aus. Insel und Meer sind mein absoluter Favorit und davon gibt es im Stockholmer Schärengarten ja genug. Die Beschreibungen sind auch recht detailliert ohne langatmig zu werden und lassen mich die aktuellen Reisebeschränkungen noch mehr bedauern. Nach den Romanen von Viveca Sten ist Sandhamn in jedem Fall eine Reise wert.

Fazit: Spannende Ermittlungen mit einem Ende, das überraschen kann und einem wundervollen Schauplatz.

Viveca Sten war Chefjuristin bei der dänischen und schwedischen Post, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie wohnt mit Mann und drei Kindern vor den Toren von Stockholm. Seit sie ein kleines Kind war, hat sie die Sommer auf Sandhamn verbracht, wo ihre Familie seit mehreren Generationen ein Haus besitzt. Ihre Sandhamn-Krimireihe feiert weltweit Erfolge und wurde fürs ZDF verfilmt. (Verlagsinfo)

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Das Grab in den Schären | Erschienen am 4. März 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05217-6
416 Seiten | 16,00 €
Originaltitel: I hemlighet begravd (Übersetzung aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Michael Connelly | Night Team (Band 2/21)

Michael Connelly | Night Team (Band 2/21)

Der Mann öffnete und schloss einen weiteren Schub. Ballard nutzte das Scheppern, um das Knarzen ihres Stuhls zu überdecken, als sie aufstand. […] Sie legte die Hand auf den Griff der Pistole und blieb drei Meter hinter dem Mann stehen.
„Was machen Sie da?“
Der Mann erstarrte. Dann nahm er langsam die Hände aus dem Schub, den er durchsucht hatte, und hielt sie so hoch, dass Ballard sie sehen konnte.
„So ist es gut“, sagte sie. „Und würden Sie mir jetzt vielleicht erklären, wer Sie sind und was Sie hier suchen?“
„Bosch der Name“, sagte der Mann. „Ich wollte mich mit jemand treffen.“ (Auszug S.19)

Den Mann, den Detective Renée Ballard bei Durchstöbern von Akten in ihrer Dienststelle überrascht, ist also kein geringerer als der legendäre Harry Bosch. Er ist inzwischen nicht mehr beim LAPD, sondern als Reserve-Officer beim San Fernando Police Department. Obwohl sich Bosch herausreden kann, forscht Ballard nach, in welchem Fall Bosch Nachforschungen anstellt. Dabei wird ihr Interesse an dem Fall ebenfalls geweckt.

Vor neun Jahren wurde die Leiche der 15jährigen Ausreißerin und Prostituierten Daisy Clayton in einem Müllcontainer gefunden, sexuell missbraucht, gefoltert und stranguliert. Die Leiche wurde anschließend ausgiebig mit Bleichmittel behandelt, so dass keine verwertbaren Spuren zu finden waren. Der Täter wurde nicht ermittelt, der Mordfall ist ein Cold Case. Bosch hat ein privates Interesse an dem Fall. Ballard bietet ihm an, den Fall gemeinsam und auch offiziell zu bearbeiten. Doch das muss neben ihrer eigentlichen Arbeit stattfinden, denn beide haben noch weitere Fälle zu bearbeiten. So ermittelt Ballard in einem Todesfall einer alleinstehenden Frau, der zunächst wie ein Mord aussieht. Bosch hingegen hat einen weiteren Cold Case, der aber ungleich brisanter ist. Vor vierzehn Jahren wurde ein ranghohes Gangmitglied hingerichtet, der Täter (auch mangels Interesse) nie gefasst. Nun treibt Bosch einen Zeugen auf, der ihm widerwillig wichtige Hinweise liefert. Doch damit tritt Bosch in ein Wespennest von sehr gefährlichen Gangstrukturen und begibt sich einmal mehr in eine brenzliche Situation.

In Bosch weckte das Hubschraubergeräusch am Himmel Hoffnung. Aber der Mann, der ihn bewachte, versetze es in Panik. Bosch hatte die ganze Nacht versucht, eine Beziehung zu ihm herzustellen. Er hatte ihm nach seinem Namen gefragt und gebeten, seine Fesseln zu lockern und ihn aus dem Käfig zu lassen, um seine verkrampfte Beine zu dehnen. Und er hatte ihn gefragt, ob er sich wirklich mit der Ermordung eines Cops belasten wollte. (Auszug S.311)

Nachdem im letzten Roman „Late Show“ Renée Ballard als neue Figur eingeführt wurde und ihre Vorgeschichte sowohl privat (traumatischer Tod des Vaters beim Surfen, Abkehr von ihrer Mutter) als auch beruflich (abgewiesene Dienstbeschwerde gegen ihren Vorgesetzten wegen sexueller Nötigung und Versetzung zur Nachtschicht) großen Raum in der Story einnahmen, ist dies diesmal eher ein wenig kleiner und dosierter gesetzt. Dafür ist Boschs Privatleben etwas stärker im Fokus, auch weil es einen direkten Fallbezug hat. Während einer verdeckten Ermittlung hatte Bosch Elizabeth Clayton kennengelernt, die Mutter der ermordeten Daisy. Elizabeth hat den Tod ihrer Tochter nie überwunden und war in die Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit abgeglitten. Nach einem Entzug hatte Bosch ihr angeboten, bei ihm im Haus unterzukommen. Dies ist nun schon mehrere Monate her und seitdem versucht Bosch, den Tod Daisys aufzuklären, um für Elizabeth einen Abschluss zu finden.

Die Kombination von mehreren Serienfiguren eines Autors ist nichts Neues. Michael Connelly hat dies selbst schon vorgemacht, so hatten seine weiteren Figuren Michael Haller und Terry McCaleb schon gemeinsame Auftritte mit Bosch. Seine äußerst erfolgreiche Reihe um den Ermittler Hieronymus „Harry“ Bosch besteht nun schon seit 1992, in dieser Reihe wäre „Night Show“ der 21.Band mit Harry Bosch. Einen weiteren Roman mit Bosch und Ballard („The Night Fire“) hat Connelly bereits im Original veröffentlicht.

Die Kombination der beiden Figuren funktioniert wirklich gut. Trotz gewisser Eigenarten sind sich beide Ermittler schon ähnlich, beider Leben sind stark auf ihren Beruf ausgerichtet. Bosch verzögert sogar ärztliche Behandlungen, weil er die Dienstunfähigkeit fürchtet. Sowohl Bosch als auch Ballard sind akribisch, engagiert und mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet, dem sie manche Regeln unterordnen. In ihrer moralischen Integrität kommen sie dabei auch ein wenig unnahbar rüber und lassen es auch auf Konflikte ankommen.

Insgesamt ist „Night Team“ ist ein klassischer Polizeikrimi, der mehrere Ermittlungen begleitet, die Vorgänge bei der Polizei beleuchtet und die Polizisten bis in ihr Privateben folgt. Connelly macht dies zwar nicht überdingt spektakulär, aber enorm souverän in Figuren, Setting und Plotentwicklung. Einziger Wermutstropfen für mich war, dass er es erfahrenen Krimilesern zu einfach macht, auf den Täter im Mordfall Daisy Clayton zu kommen. Aber das lässt sich verschmerzen, „Night Team“ ist ein im besten Sinne routinierter Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Night Team | Erschienen am 25.03.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12536-5
446 Seiten | 19,90 €
Originaltitel: Dark Sacred Night (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu „Late Show“ von Michael Connelly

Ian Rankin | Black And Blue (Band 8)

Ian Rankin | Black And Blue (Band 8)

Die schottische Kriminalliteratur ist vielfältig und vielstimmig – und doch ragt aktuell ein Autor bzw. ein Ermittler noch ein wenig heraus: Ian Rankins John Rebus. Als meine Schwiegereltern vor einigen Jahren zu einer Schottland-Rundreise aufbrachen und fragten, was sie uns als Souvernirs mitbringen könnten, meinte ich relativ schnell: „Black and Blue“ von Ian Rankin. Nun lag es danach noch einige Zeit bei mir herum und als ich es für dieses Schottland-Spezial nun in die Hand nahm, musste ich doch feststellen, dass mir das Lesen im englischen Original nicht mehr so leicht fällt. Besonders die feine Ironie und weitere Andeutungen im Text zu erfassen, ist mir früher besser gelungen. Nichtsdestotrotz ist mir relativ schnell aufgefallen, hier ein exquisites Stück Kriminalliteratur in der Hand zu halten.

Kurz zurück zum Autor und zur Figur. Inzwischen zu 23 Bänden (und einigen Kurzgeschichten) angewachsen ist die Reihe längst fester Bestandteil des literarischen Kanons in der Kriminalliteratur, aber auch in der schottischen/britischen Popkultur allgemein. Autor Ian Rankin schuf den allerersten Rebus-Roman „Knots and Crosses“ bereits 1987, es dauerte aber noch einige weitere Bücher bis zum endgültigen Durchbruch. Dabei war die Figur John Rebus und die Schilderung eines düsteren, von Korruption und organisiertem Verbrechen durchsetzten Edinburgh von Beginn an sehr vielversprechend. Rankin schreibt die Romane mit Rebus als Erzähler in der 3.Person, ab und an durchsetzt mit einer weiteren Perspektive. Die Bücher sind klassische „Police procedurals“ mit klarem Fokus auf der Arbeit des Ermittlers. Die Romane haben zudem einen kontinuierlichen Verlauf, haben Verbindungen untereinander (meist frühere Fälle), die Figuren entwickeln sich weiter. John Rebus ist Detective Inspector in Edinburgh, wo er zumeist in Mordfällen ermittelt. Rebus ist geschieden und hat eine Tochter. Als Polizist ist er verbissen und kompromisslos, er dehnt die Regeln und legt sich auch mit Kollegen ode Vorgesetzten an. Dies bringt ihn mehr als einmal in gehörige Schwierigkeiten. Des Weiteren spielt sowohl Musik (Rebus hört gerne Jazz und klassischen Rock), aber auch der Alkohol eine Rolle in Rebus Leben. Seine Fälle nimmt er nur allzu oft mit nach Hause und er ertränkt seine schlechten Gedanken in Alkohol. Sein Lieblingspub ist die real existierende „The Oxford Bar“ in New Town, Edinburgh.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Der achte Band „Black and Blue“ (in der deutschen Übersetzung: „Das Souvenir des Mörders“) gilt vielen als das Highlight der Reihe. Der Titel bezieht sich auf ein Album der Rolling Stones, das Rebus zu Beginn des Romans hört. „Black and Blue“ gewann 1997 den wichtigsten britischen Krimipreis, den „Gold Dagger“, und war auch auf der Short List des amerikanischen „Edgar“. Dies war letztlich der letzte Schritt von Rankin in die Riege der auflagenstärksten Krimiautoren.

Rebus hadn`t worked the case, but knew men who had; they carried with them the frustration of a job left undone, and would carry it to the grave. The way a lot of them saw it, when you worked a murder investigation, your client was the deceased, mute and cold, but still screaming out for justice. (Auszug S.51).

Der Roman beginnt mit einem Verhör. Rebus verhört einen Mann, der sich als der gesuchte Serienmörder Johnny Bible ausgibt. Allerdings ist der Mann ein Wichtigtuer und kein Mörder, was Rebus schnell entlarvt. Johnny Bible hat bereits drei junge Frauen in Aberdeen, Edinburgh und Glasgow ermordet. Eine der Frauen, eine Prostituierte aus Edinburgh, kannte Rebus sogar. Er hat also ein persönliches Interesse am Fall, allerdings spielt er nur am Rande mit, darf sich mit Falschaussagen herumschlagen. Was ihn am Fall zusätzlich fasziniert: Johnny Bible scheint eine enge Verbindung zu einem Serienmörder namens Bible John Ende 1960er/Anfang 1970er Jahre zu haben. Bible John hatte damals auch drei Frauen ermordet, tauchte dann unter und wurde nie gefasst. Was Rebus noch nicht weiß, der Leser allerdings schon: Die Verbindung zum neuen Serienmörder missfällt Bible John sehr, der befürchtet, dadurch erneut in den Fokus zu geraten. Daher beschließt er, selbst Maßnahmen zu ergreifen.

Eine echte Ermittlung für Rebus kommt aber kurz darauf: Ein Ölarbeiter namens Allan Mitchison ist von Unbekannten entführt und zur weiteren „Behandlung“ in ein heruntergekommenes mehrstöckiges Haus gebracht worden. Dort sprang der gefesselte Mitchison vor Panik aus dem Fenster und starb dabei. Die weiteren Spuren führen Rebus nach Aberdeen und auf die Ölfördertürme bei den Shetlands und überraschend gibt es auch eine Spur zu einer Glasgower Gangstergröße.

Dieser Gangster lebt von der lokalen Polizei aktuell relativ unbehelligt, was Rebus sofort dazu verleitet, einigen Glasgower Polizisten die Annahme von Schmiergeld zu unterstellen. Dumm nur, dass ausgerechnet einer dieser Polizisten, Chief Inspector Ancram, eine interne Ermittlung gegen Rebus leitet. Rebus hatte mit seinem früheren Chef Geddes einen Verdächtigen wegen Mordes verhaftet. Die Verhaftung und der Fund von Beweisen erfolgte unter merkwürdigen Umständen. Auch Rebus verdächtigte seinen Vorgesetzten, die Beweise untergeschoben zu haben, bestätigte aber dessen Version im offiziellen Verfahren. Nun ist der Verurteilte als Autor im Gefängnis zu Ruhm gekommen, hat Selbstmord begangen und mit seiner Hinterlassenschaft der Presse neues Material zugespielt, um die Polizei unter Druck zu setzen.

Jack forced a smile, lifted his glass, ‚John, tell me though, why do you drink?‘
‚It kills my dreams.‘
‚It`ll kill you in the end, too.‘
‚Something´s got to.‘
‚Know what someone said to me? They said you were the world´s longest surviving suicide victim.‘ (Auszug S.310)

Mehrere Stränge mit zwei Serienmördern, einer unangenehmen internen Ermittlung, dazu die Ölförderung als lukrativer Drogenumschlagplatz. Die Ermittlungen führen Rebus weit durchs Land: Edinburgh, Glasgow, Aberdeen, Shetlands. Einiges hatte sich Autor Ian Rankin für diesen achten Rebus-Roman vorgenommen und letztlich muss ich konstatieren, dass er diesen komplexen Plot beeindruckend beherrscht. Es geht um Drogen, Korruption, aber vor allem auch um Integrität und Loyalität. Rebus schont sich wie gewohnt nicht, geht hohe Risiken ein, setzt neben seinem Job auch sein Leben aufs Spiel, um diese Fälle zum Abschluss zu bringen. Rankin bringt Rebus wie gewohnt als unangepassten Einzelgänger in Szene, als einen Mann, der eines wegstecken muss, aber dennoch von seinem Gewissen und seiner Verbissenheit angetrieben wird. Aber Rebus ist nicht ganz der einsame Wolf, Rankin gibt ihm mehrere Figuren an seine Seite, deren Loyalität sich Rebus sicher sein kann

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

„Black and Blue“ ist inzwischen schon ein Klassiker des Genres. Rankin gelingt es hier beeindruckend, seine starke Ermittlerfigur in ein komplexes, aber dabei durchaus nicht realitätsfernes Setting zu integrieren. Korruption und ökonomische (Fehl-)Entwicklungen, hier bezieht sich Rankin direkt auf die damalige schottische Wirklichkeit. Hierzu kommt, dass er sich mit dem Fall des „Bible John“ auf einen wahren Kriminalfall bezieht, einen der bekanntesten, noch heute ungelösten schottischen Kriminalfälle. Das alles ergibt einen packenden, harten, spannenden und auch heute noch ungemein lesenswerten Kriminalroman.

 

Buchfoto und Rezension von Gunnar Wolters.

Black And Blue | Erstmals erschienen 1997 bei Orion Books
Gelesene Taschenbuchausgabe: ISBN 978-0-7528-8360-1
512 Seiten | £8,99
Aktuelle deutschsprachige Ausgabe im Goldmann Verlag (Übersetzung aus dem Englischen von Giovanni Bandini)
ISBN 978-3-442-48660-1
624 Seiten | 10,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Stefan Heidsieks Rezension des Romans auf Crimealleyblog

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

„Es gibt keine Garantien“, warnte Hamish sie. „Man kann nicht wissen, in welchem Zustand sich Ihr Erbe befindet. Es ist schon ziemlich lange hier unten.“ „Ja, aber es ist doch ein Torfmoor, stimmt’s?“, warf Will ein. „Ich meine, ich habe von Leichen gelesen, die jahrhundertelang in Torfmooren erhalten geblieben sind.“ (Auszug Position 549 E-Book)

Durch die im Moor vorhandenen Torfmoose entsteht ein stark saures Milieu, welches unter anderem dafür sorgen kann, dass Moorleichen über Jahrzehnte gut konserviert bleiben. Diesen Umstand macht sich Val McDermid in ihrem 5. Fall um die auf Cold-Case-Fälle spezialisierte Polizistin Detective Chief Inspector Karen Pirie zu Nutze.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Schatzsuche in den Highlands
Die Schatzkarte des verstorbenen Großvaters hatte ein amerikanisches Ehepaar in die Highlands geführt. Auf der Suche nach ihrem Erbe waren sie an einem abgelegenen Ort im Moor fündig geworden. Mit Hilfe des ortsansässigen Bauern oder besser Highlanders, Hamish Mackenzie, finden sie auf dessen Grundstück nicht nur die zwei vergrabenen Motorräder, die der Großvater am Ende des zweiten Weltkrieges entwendete und vergraben hatte. In der Grube taucht überraschend auch eine männliche, aufgrund der Bodenverhältnisse gut erhaltene Leiche auf. Und hier kommt DCI Pirie auf den Plan, denn die Nike-Turnschuhe des Opfers können exakt ins Jahr 1995 verortet werden. Aufgrund des guten Zustandes der Leiche hofft man auf eine schnelle Identifizierung. Die engagierte Chefin der Historic Cases Unit ist grade in den schottischen Highlands unterwegs, da in einem alten Fall aus den 80er Jahren, bei dem es um brutale Vergewaltigungen und Morde an Prostituierten geht, neue Hinweise auftauchten.

Die Autorin erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denn immer wieder erfahren wir durch Rückblicke in das Jahr 1944 und danach, wie und warum es dazu kam, dass die beiden amerikanischen, wertvollen Maschinen beim Truppentransport irgendwie „verloren“ gingen und von zwei ehemaligen Soldaten vergraben wurden.

Pirie hat es grade nicht leicht, privat leidet sie immer noch unter dem schmerzlichen Verlust ihres Lebensgefährten und beruflich macht ihre neue Vorgesetzte Assistant Chief Constable Ann Markie ihr das Leben mit vielen unnötigen Schikanen schwer. Der immer wie aus dem Ei gepellten Markie ist besonders die Außenwirkung der schottischen Polizei wichtig. Sie unterstützt die HCU, solange sich die Fälle der Police Scotland in den Abendnachrichten gut verkaufen lassen. Als DCI Pirie rausfindet, dass ein neu eingesetzter Kollege als Spitzel auf sie angesetzt wurde, wird ihr klar, dass Markie sie unbedingt loswerden will. Auch wenn sie erst mal die Gründe nicht versteht, denn die Erfolgsrate der HCU ist sehr gut. Zur gleichen Zeit wird Pirie in ihrem syrischen Lieblingscafe in Edinburgh Zeugin eines Gesprächs zweier Frauen am Nebentisch und ahnt aufgrund der Äußerungen, dass hier ein Verbrechen geplant wird. An einer Stelle denkt sie:

Das Ganze hatte etwas Bühnenhaftes, fast, als wäre es eine absichtsvolle Darbietung. (Auszug Pos. 281 E-Book)

Meine Meinung
Das hat mich auch anfänglich beim Lesen dieses Kriminalromans gestört. Die Dialoge wirken nicht natürlich, sondern oft aufgesetzt und lediglich dafür da, den Leser über einen Sachstand zu informieren. Die Charaktere waren mir zu oberflächlich und nicht tief genug gestaltet, auch werden zahlreiche Klischees bedient. Ich möchte beispielhaft den knapp zwei Meter großen Highlander Hamish herausgreifen:

Sein Haar, das die gleichen Schattierungen aufwies wie die Torfziegel, die in ihrem Wohnzimmer aufgeschichtet waren, fiel ihm in widerspenstigen Locken auf die Schultern. Der üppige Bart sah so weich aus, dass sie am liebsten das Gesicht darin vergraben hätte. Er trug einen weiten, handgestrickten Pullover in Waldbeerenfarbe über einem Kilt, der schmale Hüften und muskulöse Waden betonte. Dicke Wollstrümpfe warfen über einem Paar abgenutzter Arbeiterstiefel Falten. Er war nicht unbedingt schön. Aber prächtig. Entweder war das Hamish Mackenzie, ging es ihr durch den Kopf, oder irgendein Prinz aus Game of Thrones. (Auszug Pos. 397 E-Book)

Hinzufügen könnte ich noch, dass sich die Küche seines weißen Cottages „undefinierbar männlich anfühlt“ und bevor man sich wundert: Edelstahl und auf weichen Glanz polierte Eiche sowie Küchengeräte, die man nur aus Kochsendungen kennt. Aber Schluss jetzt mit Hamish!
Wir haben es hier mit vielen verschiedenen Handlungslinien zu tun, und es ist der Souveränität der Autorin zu verdanken, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt verzettelt. Die Geschichte lässt sich flüssig lesen, der Schreibstil ist ruhig fast betulich. McDermid verzichtet auf Actionszenen, der Fokus liegt dafür auf akribisch beschriebener Polizeiarbeit. Einmal an den bedächtigen Erzählstil gewöhnt, der keine nervenzerreißende, atemlose Spannung bietet, empfand ich Interesse an den Entwicklungen der diversen Fälle und ich habe gerne weiter gelesen.

Dabei haben mich aber immer wieder einige Kleinigkeiten gestört, wie die Angewohnheit, alle mit lächerlichen Spitznamen zu versehen und diese gefühlt in jedem zweiten Satz zu benutzen. Auch für meinen Geschmack sehr nervig waren das ständige Zelebrieren von Kaffeeholen und das Aussuchen der diversen Kaffeesorten. Als Karen in Edinburgh wieder auf Hamish trifft, den ich noch mal erwähnen muss, stellt sich heraus, dass er neben einem Leben als Bauer auch noch eine Coffeeshop-Kette in Edinburgh besitzt.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Zwischendurch wirft McDermid routiniert durch ihre Protagonistin Karen Pirie auch kritische Blicke auf das heutige Edinburgh, wenn es um Gentrifizierung oder die Arbeit der Stadtplaner geht, die ursprüngliche Viertel zugunsten des Tourismus aufmöbeln möchten. Vielleicht nicht der beste Krimi der Bestseller-Autorin, handelt es sich doch um solide irgendwie gemütliche Krimikost mit Schottland-Flair. Ich möchte eigentlich nur wissen, wie es mit Karen und ihrem Hipster-Barista Hamish weitergeht.

Die Queen of Crime
Val McDermid wurde 1955 in der Hafenstadt Kirkcaldy im schottischen Fife geboren. Aus einer Bergarbeiterfamilie stammend, war sie die erste aus der Familie, die auf eine Universität ging. Schon mit 17 Jahren studierte sie in Oxford Englische Literatur. Nach dem Abschluss war sie als Journalistin, als Bühnenautorin und auch als Literaturdozentin erfolgreich, bevor sie 1987 als Schriftstellerin debütierte. Mittlerweile erscheinen ihre Bücher weltweit in mehr als 30 Sprachen und die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autorin gilt als eine der erfolgreichsten britischen Schriftstellerinnen im Spannungsgenre. Neben einigen bekannten Serienfiguren wie die Journalistin Lindsay Gordon oder die Privatdetektivin Kate Brannigan schaffte es die Reihe um Profiler Tony Hill und DI Carol Jordon sogar ins Fernsehen. Die TV-Serie „Hautnah – Die Methode Hill“ entstand zwischen 2002 und 2008. McDermid engagiert sich für die Gleichstellung Homosexueller und ist eine Unterstützerin des Referendums über die Unabhängigkeit Schottlands.

 

Buchfoto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Grab im Moor | Erschienen am 1. September 2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28223-6
496 Seiten | 16.00 Euro
Originaltitel: Broken Ground (Übersetzung aus dem Englischen von Ute Brammertz)
Bibliografische Angaben und Leseprobe