Kategorie: Kriminalroman

Chris Chibnall | Septembermord 

Chris Chibnall | Septembermord 

Er stieg aus, ging zögerlich auf den reglosen Umriss mitten auf der leeren A35 zu, merkte nicht mal, dass er die Tür offen gelassen hatte, hörte nicht das anhaltende Alarmsignal, das nach dem abwesenden Fahrer nörgelte. Ewan sah auch die Warnblinker nicht, die das nächtliche Dunkel in einem gleichmäßigen Takt orange färbten. Er sah nur die Gestalt vor sich auf der Straße. (Auszug Pos. 67 von 4.404)

Chris Chibnall, ein britischer Drehbuchautor, bekannt auch als Showrunner der erfolgreichen Serie „Broadchurch“ hat seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht. Mit seinem Debüt „Death at the White Hart“, so der Originaltitel, startet eine neue englische Krimi-Reihe, die im Südwesten Englands angesiedelt ist.

Es geht um einen bizarren Mordfall in dem fiktiven Dorf Fleetcombe in der englischen Grafschaft Dorset. Mitten in der Nacht wird auf einer Küstenstraße eine grotesk inszenierte männliche Leiche gefunden. Der halbnackte Körper des Toten wurde an der Lehne eines Holzstuhls festgebunden, die untere Körperhälfte steckt in einem Sack, auf dem Kopf ist ein riesiges Hirschgeweih drapiert. Schnell wird der Tote als der Gastwirt des ansässigen Pubs „White Hart“ identifiziert, Jim Tiernan, der in der Vergangenheit bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Mit dem Fall wird die erst wenige Wochen zuvor mit Ehemann und Sohn in ihre Heimat nach West Dorset zurückgekehrte DS Nicola Bridge betraut. Warum die erfahrene 38-jährige Polizistin, die in Liverpool eine angesehene Spezialistin für das organisierte Verbrechen war, in die Provinz zurückkehrt, erfährt man erst nach und nach. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward, einem jungen Quereinsteiger, der seine mangelnde Erfahrung mit großem Einsatzwillen ausgleichen möchte. Zur Einheit gehört auch noch ein mürrischer Schreibtischhengst, der aufgrund seiner exzellenten Arbeit bei der Recherche und Datenanalyse zunehmend die Anerkennung seiner Kollegen gewinnt.

An Verdächtigen mangelt es nicht, auch weil Jim Tiernan sich am Tag vor seiner Ermordung noch heftig mit diversen Gästen im Pub gestritten hatte. Tiernan hatte die Kneipe als Pächter übernommen und sie ganz traditionell als Wirtshaus alter Schule geführt, in die man gerne trinken geht. Ganz anders als seine Konkurrentin Ayesha Burton, die im Fox, dem einzig weiteren Pub in Fleetcombe auf gutes Essen sowie Getränke für Anwohner und Touristen setzt und damit auf gehobene Kundschaft. Allen ist klar, dass sich zwei Pubs in dem kleinen beschaulichen Örtchen, auch wenn Fleetcombe mit achthundert Einwohnern und malerisch an der Küste liegend dem perfekten englischen Landidyll entspricht, nicht auf Dauer halten können. Die ehrgeizige Bridge und der ambitionierte Jungspund Ward müssen in einer Gemeinschaft voller Geheimnisse und Intrigen ermitteln. Obwohl sich die Dörfler sehr bedeckt halten und Aussagen sich widersprechen, finden sie unter anderem heraus, dass es einen identischen Mordfall bereits vor 100 Jahren gab. Trotzdem dringen sie nur Stück für Stück zur Lösung des Falles vor. Erst die Beobachtungen eines kleinen Mädchens bringen die Polizeibeamten auf eine heiße Spur.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit oder Ermittlerkrimi, den man aufgrund des gefälligen Schreibstils gut lesen kann, der aber nach bewährtem Schema abläuft und nichts Neues bietet. Das Storytelling habe ich so schon in etlichen Krimis gelesen. Die Grundkonstellation ist ein altbekanntes, vertrautes Muster aus dem britischen Dorfkrimi und einer verschworenen Dorfgemeinschaft mit einem Sammelsurium seltsamer Typen, die fast alle etwas zu verbergen haben. Da gibt es den bulligen, misstrauischen Farmer Deakins, der immer im Clinch mit seinen Nachbarn liegt, Frankie, einen ängstlichen, schwulen Friseur und die kleine Shannon, die sich oft nicht nach Hause traut und aus ihrem Versteck das Ortsgeschehen genau beobachtet. Die Charaktere sind alle gut, aber auch ein wenig klischeehaft gezeichnet. Es ist auch nicht besonders innovativ, dass es ein Team gibt, das aus Kostengründen in ein leerstehendes Gebäude verfrachtet wird und sich erst noch zusammenraufen muss oder dass die Hauptermittlerin private Probleme hat und auf ein scheinbar unbedarftes Landei als Partner trifft. Dabei mochte ich das Geplänkel zwischen den beiden ganz gerne und die Dialoge haben mich gut unterhalten.

Die Schilderung des Dorflebens, die der Autor mit allen Eigenheiten zeichnet, ist anschaulich und stimmig. Die ländliche Atmosphäre mit ihrer trügerischen Idylle wird perfekt eingefangen. Szenen werden bildstark beschrieben und die Dialoge sitzen punktgenau. Auch das Ermittlerduo Bridge und Ward hat sofort eine gute Chemie, man merkt, dass hier eine Reihe angelegt wurde. In kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven erzählt Chibnall handwerklich souverän und routiniert. Mir fehlte es ein wenig an Dynamik, es plätschert so vor sich hin und die Auflösung hatte ich relativ früh erkannt. Solide Unterhaltung für Fans vom britischen Cozy-Crime. Vielleicht bin ich auch kein Fan von Cozy-Krimis, denn wenn sich zum Schluss alle wieder im Pub treffen, war es mir ein bisschen zu viel Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Septembermord | Erschienen am 31. Juli 2026 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06881-9
416 Seiten | 18,00 Euro
Originaltitel: Death at the White Hart | Übersetzung: Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Denise Mina | Die große Hitze

Denise Mina | Die große Hitze

Dies hier war die Stadt der Penner, der Tragödien, der Aufgeschmissenen, ein Ort kläglicher Enden: Sackgasse, Endstation, Skid Row. Güterzüge aus ganz Amerika luden hier Obst und Blumen und Mehl und Milch und all die verlorenen Menschen ab, die Verschüttgegangenen, Männer und Frauen und Kinder, zermalmt und ausgespuckt von der Depression. Es war der letzte Halt für die endgültig Verwirrten und Hoffnungslosen, für Alkoholiker, die vor ihren Problemen flohen. Sie kamen an und stellten fest, dass es nun keinen Ort mehr gab, wohin sie fliehen konnten. (Auszug Seite 141)

Die schottische Noir-Autorin Denise Mina, bekannt für fein gezeichnete Milieustudien und einen präzisen Blick auf die schottische Gesellschaft hat mehr als 60 Jahren nach dem Tod Raymond Chandlers mit „Die große Hitze“ einen offiziell autorisierten Philip-Marlowe-Krimi geschrieben.
Philip Marlowe ist nicht nur einfach eine Romanfigur des amerikanischen Schriftstellers Raymond Chandler, der nach einigen Kurzgeschichten in sechs Romanen Chandlers auftaucht. Auch in der Filmwelt gibt es einige Adaptionen, wobei ich immer Humphrey Bogart vor Augen habe. Der melancholische sowie abgebrühte Marlowe gilt als der Prototyp des klassisch gebrochenen hardboiled detectives. Er lebt und arbeitet nach einem hohen Moralkodex aber nach seinen eigenen Wertevorstellungen in Los Angeles und die geltenden Gesetze werden auch schon mal gedehnt. Als illusionsloser, zynischer Detektiv versucht er in einer Welt ohne Moral seine Integrität zu bewahren, ist meistens respektlos gegenüber Autoritäten, immer auf der Seite der Underdogs, kleine Gauner, die sein Mitleid erregen, lässt er auch schon mal laufen.

Ende der 1930er Jahre leidet nicht nur Privatdetektiv Philip Marlowe unter der Sommerhitze, die ganz Los Angeles im Griff hat. Er grübelt über einen alten Fall nach, der ihn nicht loslässt, als er zum weitläufigen Anwesen der Montgomerys hoch oben in Beverly Hills gerufen wird.  Er soll für den millionenschweren Patriarchen Chadwick Montgomery III. dessen verschwundene Tochter und Erbin Chrissie suchen. Marlowe, knapp bei Kasse, nimmt den Auftrag an, obwohl er dem sterbenskranken Ölmogul nicht über den Weg traut. Wie gerne habe ich den trinkfesten Einzelgänger Marlowe bei seinen Nachforschungen in verschiedenen sozialen Milieus begleitet, zwischen wohlhabenden Villen, zwielichtigen Kellerspelunken und wilden Nachtclubs.

Lefties war ein Arbeitertreff, ein Sägemehl- und-Spuckeladen mit fiesen kleinen Fenstern hoch oben, damit Ehefrauen nicht reingucken konnten und die Sonne draußen blieb. Drinnen bewahrte der Sägemehlteppich die Fußspuren der reinkommenden und rausgehenden Männer wie Diagramme unbekannter Tänze. (Auszug Seite 62)

Dabei stößt er schnell auf verborgene Familienkonflikte, Korruption und moralische Verwerfungen. Die vermisste Zweiundzwanzigjährige findet er sehr schnell, und zwar mit einer Kanone über einer Leiche im heruntergekommenen Brody-Hotel. Marlowe zweifelt, ob er Chrissie abliefern soll, da er argwöhnt, ob sie bei ihrer Familie in guten Händen ist.

Schnell taucht man in das Setting dieser Zeit in LA ein, durch die filmische Erzählweise fühlt sich die Stadt lebendig an. Ich konnte mir die detailliert beschriebenen Schauplätze des Romans wie das luxuriöse Montgomery-Anwesen mit seinen Jacaranda-Baumtunnel genauso gut vorstellen wie das Elend des Brody Hotels.

Es entsteht ein wohliges Retrogefühl, dabei ist der Roman nicht nur Zeitreise, sondern auch eine Gesellschaftsstudie. Die drückende Hitze verstärkt das Gefühl der Bedrohung. Der Roman lebt aufgrund der pointierten Dialoge von seinem Sprachwitz, welchen Denise Mina auf knapp 300 Seiten großartig einfängt. Mit lakonischem Erzählstil trifft sie mit ihrer Neuinterpretation perfekt den unverwechselbaren Marlowe-Rhythmus. Minas Respekt vor dem US-amerikanischen Schriftsteller kann man spüren. In einem Interview erzählt sie, dass sie versucht hat, die besonders geliebten Elemente von Chandler in die Story einzufügen, woraus sich dann die Struktur des Romans ergeben hat. Trotzdem schafft sie es, das Genre wiederzubeleben und etwas Eigenes daraus zu kreieren. Sie beschreibt Los Angeles als einen Ort, an dem viele Flüchtende neuen Halt suchen. In Skid Row in Downtown LA lebten zu der Zeit bis zu 10.000 Obdachlose. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch aktuell prägen Zelte, Notunterkünfte und soziales Elend das Stadtbild von Skid Row. Mina umgeht auch viele der Kritikpunkte der älteren Texte, wie beispielsweise Rassismus oder Homophobie und als bekennende Feministin gelingt es ihr, die weibliche Perspektive behutsam zu modernisieren, indem sie Marlowe mit einer Privatdetektivin zusammen arbeiten lässt, die, finanziell unabhängig, ihm in jeder Hinsicht das Wasser reichen kann.

Von der Third bis zur Sixth gab’s an der Main Street nur Missionen und Suppenküchen, Stripclubs und runtergekommene Kinos, wo die Filme Nebensache waren. Das eigentliche Geschäft waren das Dunkel und die Sitze und ein Schlafplatz zum Eintrittspreis. Plakate von Gangsterstreifen und Wrestlingkämpfen, knittrig und schief aufgehängt, stierten Passanten an, forderten sie heraus, die gähnenden Mäuler der Dunkelheit zu betreten. (Auszug Seite 141)

Ein großes Lesevergnügen, an dem auch die sorgfältige Übersetzung durch Herausgeberin Else Laudan ihren Anteil hat.

 

Fotos und Rezension von Andy Ruhr.

Die große Hitze | Erschienen am 13.04.2026 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-284-5
304 Seiten | 24,00 €
Originaltitel:  The second murderer | Übersetzung aus dem Englischen von Else Laudan
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ellen Dunne | Die schlafenden Hunde von Dublin (Band 5)

Ellen Dunne | Die schlafenden Hunde von Dublin (Band 5)

Nach ihrer längeren Auszeit in Irland kehrt Kriminalkommissarin Patsy Logan wieder nach München zurück, um ihren Dienst in der Mordkommission wieder aufzunehmen. Doch kaum ist sie wieder in der bayrischen Landeshauptstadt, erfährt sie vom Tod von Fergal Massey, eines alten Freundes ihres Vaters. Dieser wurde in Dublin erschossen aufgefunden, ausgerechnet nachdem der Ire zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder heimatlichen Boden betreten hatte. Patsy wird sogar als Zeugin von ihren Kollegen befragt, denn Fergal, Inhaber eines Irish Pubs in München, hinterlässt ausgerechnet ihr einen Großteil seines Vermögens, zu dem auch Grundstücke und Immobilien in Irland zählen. Außerdem wurde beim Toten ein altes Foto gefunden. Darauf Fergal, Patsys Vater Arthur, Mannix Sheridan – ein weiterer alter Freund – und die jugendliche Patsy.

Sie riskiert einen Blick aus dem Fenster. Über ihr die Straßenbeleuchtung, rechts vom Auto fliegen straff gespannte Metallseile vorbei. Aha. Sie überqueren den Fluss auf die Nordseite der Stadt. Auf dieser Brücke, die von Weitem aussieht wie eine Harfe. Ihr Name? Hat sie vergessen. Und wie hieß der verfluchte Fluss nochmal? Und was haben sie überhaupt auf der Dubliner Nordseite zu suchen? Sie gehört doch in den Süden. „Wir sind hier falsch“, hört sie sich sagen. Ihre Worte verlaufen ineinander wie Schlieren. „Wir müssen umkehren.“ (Auszug S. 6)

Patsy reist zur Beisetzung nach Irland. Die Todesumstände von Fergal Massey und das Foto lassen in Patsy wieder das alte Trauma wieder aufreißen: Das Verschwinden ihres Vaters 1993 in Irland. Arthur Logan litt unter manisch-depressiven Schüben, er verschwand damals und wurde nie gefunden, eine Spur führte zu den Klippen über der irischen See. Nun wurde sein alter Freund ermordet, als dieser offenbar einige Dinge in der Heimat zu erledigen hatte. Patsy will Antworten, doch die Hinterbliebenen und vor allem der letzte noch lebende Freund Mannix Sheridan geben sich bedeckt. Natürlich gibt sich Patsy damit nicht zufrieden und forscht in die Vergangenheit, als ihr Vater das Familien-Logistikunternehmen von der bayrisch-österreichischen Grenze damals bis nach Irland ausdehnte und scheinbar gute Geschäfte machte. Doch bei guten Geschäften Anfang der 1990er in Irland waren kriminelle Verbindungen nicht weit.

Der eisige Charme der Irischen See ist schwer zu erklären. Wie sie einen anlockt mit ihrer samtigen Oberfläche, ihre Farben wechselt wie ihre Launen, wie sie in der Sonne verführerisch glitzert. Wenn nicht gerade ein Sturm geht, scheint ihr nichts ferner zu liegen als das aufbrausende Temperament des Atlantiks drüben an der Westküste. (Auszug S. 167)

„Die schlafenden Hunde von Dublin“ ist inzwischen der fünfte Band um die Münchner Kommissarin Patrizia, genannt Patsy, Logan mit deutscher Mutter und irischem Vater (von den Kollegen und Fans der Reihe aufgrund eines alten Vorfalls auch anerkennend-spöttisch „Frau der Stunde“ genannt) . Von Beginn an waren die Gemütszustände der Hauptfigur neben dem Kriminalplot ein wichtiger Bestandsteil der Romane der österreichischen Autorin Ellen Dunne, die inzwischen seit längerem in der Nähe von Dublin lebt. Die Ich-Erzählerin Patsy ist allerdings auch ein wesentlicher Garant für den Erfolg der Reihe, denn die (selbst-)ironisch-schlagfertigen bis zynischen Kommentare und Gedanken der Kommissarin machen die Krimis sehr reizvoll. Der verschwundene Vater zieht sich als Patsys Trauma schon von Beginn an durch die Reihe, nun erhält sie zum ersten Mal die realistische Chance zu ergründen, was damals wirklich mit ihrem Vater geschehen ist. Wie schon in der Vergangenheit steckt Patsy dabei ihre Nase tief in gefährliche Angelegenheiten und gerät dabei auch weit außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs.

Die Docklands, ein heimeliges Gruselkabinett, das nur noch in meiner Erinnerung existierte. Inzwischen waren Lagerhallen den Bürogebäuden für die Multinationals aus Finanz- und Techindustrie gewichen, das alte Gasometer ein vollverglaster Appartementturm, dessen Mieten sich nur die Mitarbeiter besagter Unternehmen leisten konnten. Die alten Cottages und Backsteinhäuser der Dockarbeiter südlich des Flusses wirkten wie letzte Widerstandsnester, eingezwängt in einen Kordon aus Stahl, Beton und Glas. (Auszug S. 202)

Der Roman präsentiert sich als gelungene Reihenfortsetzung. Der Schauplatz Dublin wird erneut als reizvolles Setting präsentiert (siehe die Bilder mit Textauszügen). Und das Wichtigste: Ellen Dunne behält ihren intelligent-knappen, lakonisch-lässigen Schreibstil bei und liefert für die treuen Leser endlich eine Antwort auf die Frage: „Was geschah mit Arthur Logan?“ Das bedeutet allerdings für Neueinsteiger, dass sie diese Reihe in chronologischer Reihenfolge lesen sollten. Das ist bei dieser Reihe aber nun wahrlich keine Bürde.

 

Fotos von H. Wolters | Rezension von Gunnar Wolters

Die schlafenden Hunde von Dublin | Erschienen am 19.02.2026 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen auf Kaliber.17 zu der Reihe um Patsy Logan

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Zu den harten Fakten: Von Oktober 1989 bis April 1991 verübte ein Serienmörder in Brandenburg südöstlich von Berlin insgesamt sechs Morde und beging drei weitere Mordversuche. Die Taten waren auch mit sexuellem Missbrauch bzw. Vergewaltigung verbunden. Die Taten und die Suche nach dem Täter wurden von der Presse intensiv verfolgt, man gab ihm den Namen „Rosa Riese“ oder „Bestie von Beelitz“. Die Berichterstattungen während der Suche und später während des Prozesses von bestimmten Boulevardmedien wurden anschließend stark kritisiert. Im August 1991 wurde schließlich ein Mann in Damenbekleidung von zwei Joggern überwältigt und der Polizei übergeben. Dort gestand Wolfgang Schmidt, ehemaliger Volkspolizist, die Taten. Während des Prozesses wurde bekannt, dass Schmidt einen extremen sexuellen Fetischismus entwickelt hatte. Später ließ Schmidt ihre Transgeschlechtlichkeit bekanntgeben und erfolgreich die Geschlechtszuordnung ändern. Sie heißt seitdem Beate Schmidt und ist immer noch im Maßregelvollzug untergebracht.

Die Potsdamer Autorin Sophie Sumburane hat sich dieses Stoffes angenommen und daraus einen True Crime-Roman verfasst. Sie beginnt den Roman in Deetz, einem kleinen Ort an der Havel zwischen Potsdam und Brandenburg, Anfang Oktober 1989. Hedi, eine junge Frau aus dem Dorf, badet wie viele aus der Gegend gerne in den Erdelöchern, kleine Seen in ehemaligen Torfabbaulöchern, als sie einen Mann bemerkt, der sie beobachtet. Sie entkommt mit einem Schrecken, der Mann greift sie nicht an, verhält sich aber merkwürdig. Zwei Wochen später wird in der Bungalowsiedlung nahe der Erdelöcher eine 51jährige Frau ermordet, die Hedi auch kannte. Die Bewohner aus Deetz reagieren schockiert, neben Hedi auch ihre beste Freundin Gabi. Die Polizei der untergehenden DDR ist mit dem Fall überfordert, verdächtigt unter anderem den Ehemann, obwohl der überhaupt nicht zu der Beschreibung des Täters passt, der einem Zeugen in der Siedlung aufgefallen ist.

Der Roman konzentriert sich in der Folgezeit stark auf die beiden Frauen und Ich-Erzählerinnen Hedi und Gabi, die sich durch den Wandel in der DDR und der später erfolgenden Wiedervereinigung in einer komplizierten Lebensphase befinden. Die scheinbar vorgezeichneten Pfade der DDR mit Ausbildung und Beruf gelten nicht mehr, man ist nun aber auch etwas überfordert mit der Freiheit. Gerade die Elterngeneration findet sich nur schwer in der neuen Bundesrepublik zurecht. Und nun geht die Angst vor dem Mörder um, der das Dorf lähmt, in die heile Welt eindringt. Hedi flüchtet mit ihrem Freund Erich nach Berlin. Doch dort lässt er sie nicht mehr aus der Wohnung, steigert sich in Beschützerinstinkte, wird ihr gegenüber körperlich. Irgendwann glaubt Hedi, dass er der Gesuchte ist. Gabi hingegen nutzt die neue Freiheit, bewirbt sich erfolgreich um ein Praktikum bzw. Volontariat bei der Bild-Zeitung. Dort will sie auf den Fall des Mörders und vermutlichen Serientäters aufmerksam machen, scheitert aber zunächst am Desinteresse der Redaktion. Erst der Doppelmord an einer Mutter und ihres Säuglings lässt das Interesse des Boulevards umso heftiger entfachen. Währenddessen versucht Gabi, Hedi aus ihrem „Gefängnis“ mit Erich zu befreien.

Die Autorin nutzt die beiden Frauen und ihr Umfeld, um die einschneidenden Erfahrungen der Wendezeit deutlich zu machen. Ein gewohntes Umfeld, dass sich plötzlich stark verändert. Eine neu gewonnene Freiheit, die auch erstmal verunsichert. Ein Konsumrausch, dem viele nicht gewachsen sind. Die staatliche Ordnung der DDR, die vom Übergang überfordert ist. Existenzängste. Die Bundesrepublik als Ellbogengesellschaft. Die niederen Instinkte des Boulevardjournalismus. Hinzu kommen die Taten des Serienmörders, die verstören und Angst machen, die als westlich importiert empfunden wurden, obwohl, wie sich später herausstellt, der Täter in der DDR unter ihnen sozialisiert wurde. Der Täter selbst kommt übrigens nur selten durch knappe, kurze Abschnitte – zumeist Aussagen aus dem Polizeiverhör – vor. Der Fokus liegt weniger auf den Taten und gar nicht auf den Ermittlungen, eher auf den Opfern, denen ein gewisser Platz eingeräumt wird, vor allem aber auf der gesamtgesellschaftlichen Situation der Wendezeit und der damit verbundenen Umwälzungen, in der diese Taten stattfanden und was diese dadurch für ein Echo auslösten. Das macht den Roman zu einer lesenswerten Studie über ein aufsehenerregendes Verbrechen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.

„Ich glaubte, ich wollte beim Aufklären helfen, weil irgendwie keiner so richtig etwas tat, doch jetzt weiß ich, eigentlich war es meine Angst, die mich antrieb. […] Es war die Angst, die mich zwang zu verstehen zu wollen, wovor ich Angst haben musste. Ich hatte das Gefühl, ich würde erst wieder angstfrei sein, wenn ich jeden Moment mit Gewissheit wusste, wo er war. Doch nun sind Monate vergangen, ohne dass ich mehr weiß, eine weitere Frau wird vermisst und ein weiteres Mal scheint sie vergessen zu werden.“ (Auszug S. 212)

Über die Recherchen von Sophie Sumburane wurde zudem auch eine dreiteilige Dokumentarserie („Rosa Riese“) der Reihe „ARD Crime Time“ produziert. Ein Kamerateam begleitet die Autorin bei der Befragung von Zeitzeugen und auf Spurensuche in der Region. Zudem werden Archivbeiträge eingespielt. Im Gegensatz zum Buch spielen die Polizeiermittlungen und der Täter eine größere Rolle. Insofern eine interessante Ergänzung zum Roman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Keine besonderen Auffälligkeiten | Erschienen am 02.03.2026 in der Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-478-4
296 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarserie „Rosa Riese“ in der ARD-Mediathek

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Er erwähnte das Beten oft, und auch wenn ich keine Kirchgängerin war, lebte ich noch immer in Pennsylvania, und hier kam es gar nicht gut an, wenn man Religion verunglimpfte. Gekündigte Freundschaften, zerbrochene Familien – alles vorgekommen. Mir war beten schon immer wie eine Ausrede erschienen, um es zu vermeiden, Initiative ergreifen zu müssen oder harten Wahrheiten ins Auge zu sehen. Aber in Locksburg behielt man solche Zweifel für sich und schluckte jeglichen Spott runter. (Auszug S. 166)

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