Kategorie: Krimi

Wolf Haas | Müll (Band 9)

Wolf Haas | Müll (Band 9)

Wolf Haas schloss sein Germanistik- und Linguistik-Studium mit einer Dissertation zum Thema „Die sprachtheoretischen Grundlagen der Konkreten Poesie“ erfolgreich ab und arbeitete danach zwei Jahre lang als Universitätslektor in Swansea, Wales. Während seiner
anschließenden Tätigkeit als Werbetexter zeichnete er für in den Alltagssprachgebrauch aufgenommenen Radiospots verantwortlich. Seit Mitte der 1990er-Jahre lebt und arbeitet Wolf Haas als freier Schriftsteller in Wien. Müll ist sein neunter Kriminalroman um den
Privatdetektiv Simon Brenner.

Simon Brenner ist in Wien gelandet, auf dem Misthof. Der ehemalige Polizist hatte mit 44 nach 19 Jahren bei der Kripo hingeschmissen und sich in der Folge als Privatdetektiv durchgeschlagen, als Sanitäter Rettungswagen gefahren und als Privatchauffeur Nobelkarossen, jetzt also Mistler, Magistratsabteilung 48, Abfallwirtschaft.

Eines hat den Brenner auf allen seine Stationen begleitet: Leichen. Wie und wo auch immer er sich gerade durchgewurschtelt hat, das Verbrechen hat ihn überall eingeholt, wohl oder übel musste er weiterhin Kriminalfälle lösen. Und jetzt finden seine neuen Kollegen ein menschliches Knie in Wanne 4. Und dann nach und nach die übrigen Körperteile, verteilt auf die unterschiedlichsten Müll-Container. Bis die Polizei anrückt, haben sie einen fast vollständigen Leichnam gesammelt – nur das Herz fehlt. Die Polizei, das sind Savic und Kopf.
Brenner staunt nicht schlecht: Der Kopf, der immer aus dem Bauch heraus entscheidet (ja, Haas ist sich auch für platte Scherze nicht zu schade) steht leibhaftig vor ihm. Und ist peinlich berührt: Der Brenner war vor vielen Jahren sein Ausbilder. Und der wühlt jetzt im Abfall? Was für ein Abstieg! Ach was, das sieht der Brenner ganz anders, jedenfalls behauptet er es: Nachhaltigkeit ist wichtig, Recyclen, Upcyclen, Wiederverwerten. Als Arbeiter auf dem Wertsstoffhof ist man heutzutage gut angesehen. Trotzdem erscheint Brenner wie ein Ausgestoßener, nach dem Ende seiner Beamtenlaufbahn hatte er auch seine Dienstwohnung verloren, er ist also ohne festen Wohnsitz, entwurzelt. Wohin auch immer das Schicksal ihn verschlägt, er ist und bleibt überall ein Fremder. Nachdem ihn auch noch seine letzte Freundin hinausgeworfen hat, treibt er sich gerade als „Bettgeher“ herum, heißt, er nistet sich in Wohnungen ein, deren Eigentümer zeitweise abwesend sind, im Urlaub, zur Kur, auf Geschäftsreise. Bis er sich still und leise wieder davonschleichen muss. Diesmal geht nicht alles glatt, eine Wohnungsinhaberin, die sich im Urlaub von ihrem Mann trennt, kommt zu früh nach Haus und fesselt den im Schlaf überraschten Brenner ans Bett. Der kann fliehen, begegnet aber seiner ungewollten neuen Bekannten in der Folge immer wieder unter dubiosen Umständen, weil die ihm augenscheinlich nachstellt.

Die Mistler hingegen erstarren fast vor Ehrfurcht vor ihrem neuen Kollegen angesichts seiner ruhmreichen Vergangenheit. Und noch mehr, als der Ex-Kriminaler sogleich mit einer überzeigenden Fallanalyse aufwartet: Klar, Beziehungstat. Die enttäuschte Ehefrau zerstückelt ihren untreuen Gatten, der sie gerade für die Geliebte verlassen will und entsorgt dessen Einzelteile in seinen eigenen Umzugskisten. Und es sieht so aus, als läge der Brenner tatsächlich richtig mit seiner Spekulation: Schnell ist der Tote identifiziert, seine Gattin, wohl todkrank, ist spurlos verschwunden, seine Tochter ist aber offenbar mehrfach mit dem Fahrer eines Transportunternehmens auf dem Mistplatz gewesen um diverse Kartons abzuladen! Sie lenkt den Verdacht in eine ganz andere Richtung: Ihr Vater war überzeugt davon, dass eine kriminelle
Vereinigung grenzüberschreitend Organhandel betreibt. In Östereich muss man nämlich einer Organentnahme ausdrücklich widersprechen, während in Deutschland hierfür eine Zustimmung zwingend vorgeschrieben ist. Mit einer Spenderniere oder -Leber kann man da einiges verdienen. Und das Herz ihres Vaters hat man schließlich nicht gefunden. Das taucht aber bald auf, nämlich in der Tiefkühltruhe seiner Geliebten, wo es mit einem Beipackzettel deponiert wurde: „Da hast du es“ heißt es darauf, „sein Herz gehört dir“, geschrieben von der verschwundenen Ehefrau.

Ja, es geht schon blutrünstig oder abgründig zu in den Brenner-Krimis, die häufig auch diese düstere Ebene haben, die grotesk und gruselig, schaurig und schräg daherkommt, dabei aber meist nicht vordergründig ist und immer humorvoll inszeniert wird, so dass man bei aller Tragik lachen kann über die Horrorszenen und Gewaltexzesse, die ja auch nie realistisch dargestellt werden, sondern mit einer gewissen satirischen Distanz.

Das Thema Organhandel wird noch eine verhängnisvolle Rolle spielen, und Brenners Theorie des Ehedramas bleibt nicht die einzige oder ganze Wahrheit, denn eine lang zurückliegende Familientragödie erweist sich als Auslöser für weitere Verbrechen. Eine traurige Geschichte zeigt lauter unglückliche Figuren, die sich an großen Gefühlen wie Schuld und Sühne, Rache und Vergebung abarbeiten, und dennoch entwickelt Haas aus dieser Vorlage einen Plot, der bei aller spaßigen, lässigen Attitüde absolut solide, auch spannende und durchaus
seriöse Krimikost bietet, die schließlich in einer ebenso spektakulären wie absurden und wahrlich nicht alltäglichen Verfolgungsjagd endet.
Damit ist die Geschichte von „Müll“ grob umrissen, eine Geschichte, die einerseits alltägliches skizziert, andererseits aber Menschen zeigt, deren banales, normales Leben durch Schicksal, durch unglückliche Fügung oder auch puren Zufall aus den Fugen gerät und ihre Bemühungen zunichte macht, eine geglückte Biografie zu verwirklichen während stattdessen ihre Träume und Sehnsüchte, ihre Hoffnungen und Pläne durchkreuzt werden.

Brenner ist zwar kein ganz durchschnittlicher Zeitgenosse, dafür mit ganz normalen Schwächen, mit Erwartungen, Wünschen und Ängsten. Brenner ist langsam, umständlich, er spricht wenig, er ist etwas eigentümlich. Er verkörpert eigentlich alles das, was die standardisierten Krimi-Helden nicht sind. Die sind zumeist hart, überlegen, systematische, kühle Denker, die überlegt handeln. Als investigative Wahrheitssucher triumphieren sie über das Irrationale, über das Verbrechen. Überraschenderweise löst Brenner aber mit seiner „Methode“, die eben keine ist, seine Fälle, womit niemand rechnet. Er ist ein im wahrsten Sinne des Wortes unkonventioneller Ermittler, aber sicher kein investigatives Naturtalent, eher ein Antiheld: Stets unausgeschlafen, ein wenig verwahrlost, absolut wortkarg, unnahbar, gallig und gnatzig, kurz – ausgebrannt. Brenner hat keine Methode. Er ist zu langsam, zu umständlich, kann sich kaum auf Wesentliches konzentrieren, achtet dafür ständig auf Nebensächlichkeiten. Genau das ist aber seine Herangehensweise. Zudem denkt und spricht Brenner auf eine wahrhaftige, vertrauenswürdige Art. mit eigenwilligem, unangepassten Tonfall und einer speziellen Sprachmelodie und einem von der Norm
abweichenden Satzbau.

Aber nicht was geschrieben wird ist entscheidend, weder die kriminalistischen Deteils noch die Handlung überhaupt, sondern allein wie es formuliert wird. Nicht das Geschriebene ist das Faszinierende sondern, das Gesprochene, das Geredete, kurz, das Erzählte. Die sprachliche Gestaltung macht die Individualität und Originalität der Brenner-Krimis aus, und die wird bestimmt von der unverwechselbaren Stimme des auktorialen, des allwissenden Ich-Erzählers. Ihre auffallendste Eigenschaft ist die Nähe zur gesprochenen Sprache einer Region, in der Dialekt zum Alltag gehört. Es wird aber überall ganz anders geredet als geschrieben. Der alltägliche Sprachgebrauch führt zu einer stärkeren
Unbekümmertheit und zur Bildung einer familiären und vertrauten Atmosphäre, welche die Distanz zwischen dem Erzähler und den in der Geschichte verwickelten Figuren sowie dem Leser verringert. Man erhält sofort den Eindruck, einem Gespräch zu lauschen. Dadurch wird er den LeserInnen auch eigentümlich vertraut, fast so, als würden sie ihn schon immer kennen. Es ergibt sich eine eigene Struktur, ein eigener Rhythmus mit Verknappung, Dehnung, Verzögerung und Beschleunigung. Der Eindruck des Alltäglichen wird verstärkt durch unvollständige Sätze, Auslassungen, Vereinfachung und Wiederholung. Auch die durchgängige Verwendung von umgangssprachlichen Elementen trägt dazu bei, ein artifizielles Alltagsidiom zu erzeugen, das auch gerne mit Gemeinplätzen arbeitet, mit Binsen und Floskeln, mit Klischees, Klatsch und Tratsch.

Dabei redet der allgegenwärtige Erzähler ohne Punkt und Komma, redet sich von der Seele, was ihn bewegt oder belastet und erzählt lakonisch, was gerade wieder Fürchterliches geschehen ist. Dabei offenbart er einen absurden, oft boshaften aber irgendwie doch liebenswerten Humor. Häufig greift er in die Geschichte ein und drängt dem Leser seine Sicht der Dinge auf. Der soll unmittelbar in die Handlung einbezogen werden und in eine Art Gespräch unter Bekannten eingebunden, als handele es sich nicht um einen retrospektiven
Bericht, mit zeitlichem Abstand zum erzählten Geschehen, sondern eine Unterhaltung im selben Augenblick. Typisch sind die direkte Ansprache per „Du“ des fiktiven Gegenübers, ferner Abschweifungen, Klarstellungen sowie auch Rückschau und Vorschau auf das Geschehen. Tatsächlich bestehen die Brenner-Krimis fast nur aus Erläuterungen des Erzählers und werden erst durch ihn initiiert und inszeniert. Dabei wird der Titelheld nicht selten sogar in den Hintergrund gedrängt. Ungeachtet dieser Dominanz kann der Erzähler aber nur
mit dem Brenner gemeinsam bestehen – und umgekehrt baucht der die enge Verbindung zu jenem.

Die Brenner-Romane spalten vermutlich die Leserschaft in eine Gruppe, die dem speziellen Stil von Wolf Haas gar nichts abgewinnen kann und eine treue Fangemeinde, die seinen unverwechselbaren Tonfall feiert. Meine eigene ursprüngliche Begeisterung hat sich im Laufe der Zeit etwas gelegt. Empfand ich bei den ersten Romanen den Ansatz noch als neu, als kreativ, originell und mutig, so stellen sich mittlerweile einige Abnutzungserscheinungen ein, die Wiederkehr längst bekannter Versatzstücke, die Vorhersehbarkeit der einst unerwarteten Wendungen und überraschenden Handlungssprünge lassen den früher so verblüffenden wie vergnüglichen Effekt weitgehend verpuffen. Der erste Brenner-Roman war noch ziemlich aufregend und einigermaßen irritierend, aber von Buch zu Buch sorgte eine gewisse Gewöhnung dafür, dass sich die anfängliche Aufgeregtheit mehr und mehr beruhigt hat. Andererseits sorgt der Wiedererkennungswert, wie bei allen Serien, für eine wohlige Empfindung, das Gefühl, gute alte Bekannte zu treffen, mit denen man viele besondere Erinnerungen teilt.

Trotzdem: Die Brenner-Romane sind nach wie vor außergewöhnlich, auf besondere Weise unverwechselbar und besitzen deshalb immer noch ihren charakteristischen Charme und Witz. Und Haas findet stets relevante Themen, Stoffe, die auf der Tagesordnung stehen und Diskussionsstoff bieten. Gerade gibt es in Deutschland eine neue Kontroverse, in der sich die unterschiedlichen politische Lager über einen neuen Anlauf des Gesundheitsministers streiten, die Widerspruchslösung auch bei uns einzuführen. Und er versteht es, daraus einen Plot zu konstruieren, der zu fesseln vermag und gleichzeitig zu unterhalten. Dabei sind die Geschichten nicht nur gut konstruiert, im besten Sinne interessant und informativ sondern gleichzeitig auch im höchsten Maße unwahrscheinlich, überzogen und übertrieben und deshalb so geistreich wie humorvoll. Also: Wenn irgendwann ein neuer Brenner erscheint, werde ich nicht unbedingt aufs höchste gespannt, aber jedenfalls neugierig sein und bestimmt auch mit dem nächsten Haas-Krimi meinen Spaß haben.

 

Foto & Rezension von Kurt Schäfer.

Müll | Erschienen am 22.03.2022 im Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-455-01430-3
288 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 1 der Brenner-Reihe „Auferstehung der Toten“

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende März 2022

 

Philip Kerr | Metropolis

Lange vor Volker Kutscher und Co. startete Philip Kerr seine Reihe um den zynischen, aber moralisch integren Privatdetektiv und ehemaligen Polizisten Bernie Gunther während der Nazi-Zeit. Spielten die ersten Bände Mitte/Ende der 1930er, so waren die letzten Bände in der Nachkriegszeit angelegt, in der es aber immer noch vor Nazis wimmelte. Kurz vor seinem viel zu frühen Tod 2019 stellte der Autor mit Band 14 noch dieses Prequel fertig, dass 1928 spielt.

Gunther ist noch bei der Berliner Polizei und wechselt gerade von der Sitte zur Kripo zu dem inzwischen allgemein bekannten Ernst Gennat und seinem Chef Julius Weiß. Die Kripo hat Ende der goldenen Zwanziger alle Hände voll zu tun. Die Stadt in Aufruhr hält gerade ein Serienmörder, der „Winnetou“ genannt wird, weil er seine Opfer, Prostituierte, skalpiert. Kurz darauf wird ein weiterer Serientäter aktiv, das Opfer sind diesmal kriegsversehrte Obdachlose. Gunther ist der einzige, der hier einen Zusammenhang vermutet.

Die Zutaten dieses historischen Krimis sind inzwischen allgemein bekannt, wie auch viele der auftretenden Figuren. Kerr war ein versierter Rechercheur, es gibt vielerlei Verwebung von Fakten und realen Personen. So baut Kerr eine Begegnung mit George Grosz oder einen Besuch der legendären Kneipe „Sing Sing“ ein. Allgemein geht es um den Moloch Berlin, den manche am liebsten von einigen Menschen gesäubert sehen würden, seien es Huren, Krüppel oder Juden, das gesunde Volksempfinden und allgemein um Schäden der Seele. Die Nazis mit ihren menschenverachtenden Parolen erreichen immer mehr Zulauf. Natürlich tummeln sich inzwischen einige Autoren auf dieser Spielwiese, aber das Niveau von Kerr über die gesamte Reihe ist schwer zu erreichen. Aus meiner Sicht war diese Reihe immer geradliniger und stilistisch besser als die Konkurrenz in diesem Genre. Sehr traurig, dass dies der letzte Roman von Philip Kerr bleiben wird.

 

Metropolis | Erschienen am 14.09.2021 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0047-9
400 Seiten | 24,- Euro
Originaltitel: Metropolis (Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5
Genre: Historischer Krimi

 

John McMahon | Cold Detective

Detective P.T. Marsh ist seit dem Unfalltod seiner Frau und seines Kindes nur noch ein Schatten früherer Tage, auch wenn er das im Dienst noch halbwegs verbergen kann. Eine Stripperin erzählt ihm, dass sie häufig von ihrem Freund verprügelt wird. Marsh nimmt sich eines Nachts im trunkenen Zustand der Sache an und verpasst dem Typen eine Abreibung. Dummerweise wird Marsh am nächsten Morgen zu einem Mordfall gerufen und ebenjener Typ, ein Neonazi, ist das Opfer. Die Sache wird aber schnell überlagert von einem weiteren Todesfund. Ein Feldbrand wird gelöscht und der Leichnam eines toten schwarzen Teenagers gefunden. Marsh merkt schnell, dass dies ein Lynchmord war und versucht Details verbogen zu halten, um keinen Aufruhr in der Bevölkerung in der Kleinstadt in Georgia hervorzurufen. Indizien führen zu dem toten Neonazi und Marsh stellt sich die Frage, ob er nicht doch versehentlich den Hauptverdächtigen ermordet hat.

„Cold Detective“ ist der Auftakt zu einer Reihe um den Detective P.T. Marsh aus Georgia, der hier im ersten Fall es mit einer offensichtlich rassistischen Tat zu hat. Autor John McMahon spielt mit verschiedenen Versatzstücken, die allesamt dem Leser nicht ganz unbekannt sind: Der gebrochene Ermittler im Kampf gegen alte Ressentiments, gegen korrupte Kollegen und andere gesellschaftlich hochrangige Personen. Die Tat und ihre Umstände sind nicht frei von Mystik, was gewisse Inspiration z.B. bei der Serie „True Detective“ vermuten lässt. Dennoch macht der Autor das über weite Strecken routiniert und ordentlich. „The Good Detective“, so der Originaltitel, wurde 2019 immerhin für den Edgar nominiert. Der Reiz des Plots liegt auch daran, dass der offensichtlich unbestechliche Ermittler immer wieder Angst haben muss, selbst als Verdächtiger im ersten Mordfall in den Fokus zu geraten. Ein wenig übertrieben fand ich jedoch die weitere Entwicklung im Lynchmord, bei dem für meinen Geschmack ein allzu großes Rad gedreht wird. Insgesamt mit Abstrichen aber ein passabler Reihenauftakt.

 

Cold Detective | Erschienen am 07.01.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31711-5
400 Seiten | 13,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-492-99980-9 | 9,99 €
Originaltitel: The Good Detective (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sven-Eric Wehmeyer)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

 

Doug Johnstone | Eingeäschert (Band 1)

Als Bestattungsunternehmer Jim Skelf mit etwa siebzig Jahren plözlich verstirbt, hinterlässt er drei Frauen, die sich fortan ums Familienunternehmen, zu dem auch eine Detektei gehört, kümmern müssen: Seine Frau Dorothy, seine Tochter Jenny und Enkelin Hannah. Ganz schnell kommt heraus, dass Jim regelmäßige Geldzahlungen an eine Frau und ihre Tochter vor seiner Frau verheimlicht hat, was Dorothy sehr erschüttert. Währenddessen verschwindet die Mitbewohnerin aus Hannahs Studenten-WG spurlos und da die Polizei wenig unternimmt, soll nach Hannahs Wunsch die Detektei Skelf das Verschwinden von Melanie Cheng aufklären.

„Eingeäschert“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die drei Damen vom Bestattungsinstitut. Sehr morbide beginnt der Roman mit der Einäscherung des toten Familienoberhaupts Jim Skelf auf einem Scheiterhaufen im Garten. In der Folgezeit begleiten wir Dorothy, Jenny und Hannah abwechselnd durch Perspektivwechsel bei ihren Ermittlungen. Dorothy im Fall Jim Skelf, Jenny in einem neuen Fall von vermeintlichem Ehebruch, den die Detektei annimmt, und Hannah im Fall Melanie Cheng.

Autor Doug Johnstone ist von Haus aus Astrophysiker und somit darf der Originaltitel „A Dark Matter“ (Dunkle Materie) gerne erwähnt werden, denn er beschreibt sehr gut die Lebenslagen der drei Frauen, die sich neben der Trauer um Jim in unterschiedlichen Lebensaltern verschiedenen Krisen ausgesetzt sehen. Dorothy als belogene Ehefrau, Jenny frisch geschieden und joblos in der Midlife-Crisis, Hannah in tiefer Sorge um eine enge Freundin. Ihre Bahnen und Geschicke werden von unbekannten Dingen beeinflusst wie dunkle Materie das Universum. Ein gelungener Kriminalroman um familiäre Bande, das Leben und den Tod und über toxische Beziehungen mit einem ungewöhnlichen weiblichen Ermittlertrio.

 

Eingeäschert | Erschienen am 18.01.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-42-0
424 Seiten | 25,- €
Originaltitel: A Dark Matter (Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Krimi

 

Ralf Langroth | Ein Präsident verschwindet

Besagter Präsident ist der Chef des damals noch sehr jungen bundesdeutschen Verfassungsschutzes. Am 20. Juli 1954 verschwindet Otto John und taucht kurz darauf scheinbar freiwillig in Ost-Berlin bei einer Pressekonferenz mit den DDR-Spitzen auf. Ein Coup der DDR gegen den Westen mit seiner Nazi-Kontinuität oder ist John doch nicht so freiwillig wie gedacht im Osten? Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe des BKA soll in Berlin auf besonderen Wunsches von Kanzler Adenauer ermitteln. Das kommt Gerber sehr gelegen, ist doch seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, ebenfalls in Berlin verschwunden. Hat sie etwas mit dem Fall Otto John zu tun?

Der Roman ist der zweite Band der Reihe historischer Thriller um den BKA-Beamten Philipp Gerber, der als Ausgewanderter mit der amerikanischen Armee im 2.Weltkrieg nach Deutschland kam und nun dort geblieben ist. Erneut hat der Autor sich ein reales Ereignis ausgesucht, um die er seine fiktive Geschichte platziert: Den Skandal um Otto John. Das Setting um die Schauplätze Bonn, Berlin und Pullach ist stimmig und akkurat wie auch die weiteren realen Persönlichkeiten, die hier als Figuren eingebettet werden, etwa Kanzler Adenauer oder Reinhard Gehlen, Ex-Wehrmachtsgeneral und dann Chef der Organisation Gehlen, Vorläufer des BND. Auch der Plot um Ost-West-Spionage und Misstrauen zwischen den westdeutschen Geheimdiensten ist gut gemacht und spannend. Ein wenig fallen die Figuren ab, bei denen es dann doch etwas an Tiefe fehlt. Aber als spannender Exkurs in deutsch-deutsche Geschichte ist dieser Roman nicht verkehrt.

 

Ein Präsident verschwindet | Erschienen am 15.02.2022 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-00477-3
384 Seiten | 16,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-644-00829-8 | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Historischer Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Ellen Dunne | Boom Town Blues (Band 3)

Ellen Dunne | Boom Town Blues (Band 3)

Ein Umriss kommt ihm entgegen. Kein Alien, sondern ein Mann im Schwarz. Er trägt einen Motorradhelm mit aufgeklapptem Visier. Wie einer der Kuriere für die Büropost. Um diese Zeit?
„n’Abend“, sagt der Kurier. „Ich suche nach Aidan Kelleher. Wohnt der hier? Ich soll was für ihn abgeben.“
„Von wem?“, fragt Aidan. Weiß sofort: Das hätte er nicht sagen sollen. (Auszug S.11)

Polizeihauptkommissarin Patsy Logan befindet sich auf einer längeren Auszeit vor den Problemen ihrer Ehe und der karrieretechnischen Sackgasse im Münchener Kommissariat. Sie ist in die Heimat ihres Vaters nach Dublin geflohen und wohnt bei ihrer Cousine Sinéad. Doch der Beruf lässt sie auch in Irland nicht los. Auf einer Party des österreichischen Botschafters ist es zu einem seltsamen Todesfall gekommen, eine junge deutsche Praktikantin wurde vergiftet. Weil gerade kein deutscher Verbindungsbeamte in der Botschaft anwesend ist, soll Patsy die Ermittlungen der irischen Polizei begleiten. Doch wie Patsy nun so ist, kann sie sich mit einer Zuschauerrolle nicht begnügen.

„Vielen Dank, DI Logan.“ Flanagan entschränkte seine Arme, strich sich sorgfältig die Krawatte glatt. „Ich hatte mit einer Frage gerechnet, und Sie präsentieren uns hier schon eine ganze Theorie. Ich bin beeindruckt.“ Flanagan war nicht beeindruckt, so viel war sicher. Unter dem Samthandschuh seiner Freundlichkeit nicht als Stahl. (Auszug S.153)

Gemeinsam mit ihrem österreichischen Kollegen Sam Feurstein beginnt sie eigene Spuren zu verfolgen, schnell findet sie heraus, dass die Tote offenbar nicht das Ziel des Anschlags war. Und der Kollege Feurstein bemerkt Verbindungen zu einem weiteren ungeklärten Mordfall an dem jungen Anwalt Kelleher. Die Zusammenhänge führen in die jüngere Vergangenheit Irlands, dem keltischen Tiger, der Immobilienblase und dem jähen Absturz in der Finanzkrise 2008/09. Doch selbst mit den Schulden der Finanzkrise lässt sich im Nachhinein noch gutes Geld machen und auch nachträglich werden noch Leben zerstört.

„Boom Town Blues“ ist der dritte Band der in Irland lebenden österreichischen Autorin Ellen Dunne um die Münchener Kommissarin Patsy Logan. Vater Ire, Mutter Deutsche. Schwierige Kindheit, der Vater irgendwann spurlos verschwunden. Für tot erklärt, aber für Patsy sind da noch zu viele Fragen offen. Patsy ist eine sehr gute Kommissarin, hat aber wie viele Frauen einen schweren Stand in der Welt der Polizei und ihrer Alpha-Männchen. Ihre Ehe mit dem Psychiater Stephan ist kinderlos trotz vieler Versuche und inzwischen auch auf einem Scheideweg. Nach zwei Romanen im Insel Verlag bei Suhrkamp und einem Schwerpunkt des Schauplatzes in München, ist dieser Roman nun im Innsbrucker Haymon Verlag erschienen, spielt ausschließlich in Irland und wird hoffentlich einen erfolgreichen Neubeginn der Reihe bedeuten. Denn der Wechsel des Settings tut der Reihe und der Protagonistin sichtlich gut. Der Schwermut der Protagonistin und Ich-Erzählerin wird in diesem Roman sehr selbstironisch und schwarzhumorig in einem lässigen Ton aufgefangen. Auch dieses Buch enthält einiges Privates der Hauptfigur, aber in einem ausgewogenen Verhältnis. Die Ermittlungen werden immer von Kapiteln unterbrochen, die die Vorgeschichte und Hintergründe andeuten und sich am Ende zu einem Ganzen zusammenfügen. Ohne zu viel zu verraten, werden die dunklen Seiten der Boom Town Dublin angedeutet und den Raubtierkapitalismus, den man damals entfesselt hat.

Oft geht es mir so, dass ich mir bei den Krimineuerscheinungen möglichst ausgefallene Romane aussuche, auf der Suche nach dem ungewöhnlichen Setting, der extravaganten Hauptfigur, dem düstersten Noir oder ähnlichem. Und dabei verliert man manchmal die Qualität der auf den ersten Blick vielleicht unscheinbaren, bodenständigen Kriminalromane aus den Augen. Ein solches Exemplar von Bodenständigkeit im besten Sinne ist auch „Boom Town Blues“, authentische Figuren inklusive einer zynisch-ironisch kommentierenden Ich-Erzählerin, ein spannender, aber nicht überdrehter Plot und ein lässiger, verknappter Schreibstil. Patsys dritter Fall ist meiner Meinung nach der bislang beste der Reihe und defintiv eine Lektüre wert.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Boom Town Blues | Erschienen am 22.02.2022 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7939-6
320 Seiten | 13,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen zu Band 1 und Band 2 der Patsy Logan-Reihe

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang März 2022

 

Henri Faber | Ausweglos ♬

Elias Blom von der Kripo Hamburg war vor einigen Jahren daran gescheitert, einen brutalen Serienmörder, in der Öffentlichkeit als Ringfinger-Mörder bekannt, zur Strecke zu bringen und wurde ins Einbruchdezernat versetzt. Doch er sieht eine neue Chance, sich zu rehabilitieren, als jetzt erneut eine Bluttat geschieht, die die Handschrift des Killers einschließlich abgetrennten Fingers trägt. Denn diesmal gibt es einen wichtigen Zeugen. Noah Klingberg hatte Wäsche auf dem Dachboden eines Mehrfamilienhauses auf gehangen, als er mit einem Messer attackiert und gezwungen wurde, den Unbekannten zu seiner Frau Linda zu bringen. Noah sieht einen Ausweg und lotst den Angreifer in die Nachbarwohnung, zu der er einen Zweitschlüssel besitzt und in der er das Ehepaar Falk im Urlaub wähnt. Am anderen Morgen wacht er schwer verletzt neben der toten Nachbarin Emma Falk auf.

Henri Faber hat mit seinem Debüt einen fesselnden Thriller geschaffen, der mit relativ kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven von Beginn an spannend ist und sich im weiteren Verlauf zu einem Verwirrspiel der verschiedenen Charaktere wandelt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die Figuren, die wir durch vier versierte Sprecher mit ihren Geheimnissen, Schwächen und Stärken kennenlernen. Besonders durch das Eintauchen in die Privatleben der Ehepaare Klingberg und Falk wird die Geschichte immer undurchsichtiger. Wir erfahren die Zusammenhänge aus der Sicht von Noah, einem erfolglosen Schriftsteller, der alles für seine Frau tun würde. Linda leidet aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches unter psychischen Problemen und dann ist da noch Elias Blom, der verbissene Kommissar, dessen Charakterisierung ich etwas blass fand. Zwischendurch nimmt uns auch immer wieder der Serienmörder mit in seine krude Gedankenwelt.

Der Autor schafft es gekonnt einen an der Nase herum zu führen und bietet eine Bandbreite an vermuteten Tatabläufen, falschen Geständnissen sowie ungeahnten Wendungen. Die Auflösung ist in keiner Weise vorhersehbar und birgt einen dramatischen wenn auch durch den Alleingang Bloms reichlich unrealistischen Showdown und ein abstruses Ende.

 

Ausweglos | Als Hörbuch am 20. August 2021 im Der Audio Verlag erschienen
ISBN 978-3-7424-2084-8
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Simon Jäger, Vera Teltz, Philipp Schepmann und Uve Teschner
Laufzeit: 12 Stunden, 45 Minuten | 14,99 Euro
Weitere Angaben und Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei dtv Verlagsgesellschaft.

Wertung: 3,0 von 5
Genre: Psychothriller

 

 

Agatha Christie | Tod auf dem Nil ♬

Im Kino läuft gerade die Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit Kenneth Branagh. Das hat mich auf den Geschmack gebracht und ich habe mir den Klassiker sowie eines der bekanntesten Werke der britischen Autorin bei Audible als Hörbuch runtergeladen.

Während seines Urlaubes in Ägypten lernt der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot auf einem Nilkreuzfahrtschiff ein jung verheiratetes Paar kennen. Die bildschöne Millionenerbin Linnet Ridgeway und ihr Ehemann Simon Doyle können ihre Hochzeitsreise auf der „Karnak“ aber nicht wirklich genießen. Linnets beste Freundin Jacqueline de Bellefort, die vorher mit dem mittellosen Doyle verlobt war und die beiden miteinander bekannt gemacht hatte, verfolgt sie rachedurstig überall hin und macht ihnen die Flitterwochen zur Hölle. Heute würde man das Stalking nennen. Linnets Ermordung bringt schließlich die Krimihandlung ins Rollen. Da es nicht bei der einen Toten bleibt, ist der Spürsinn des klugen wie auch eitlen Detektivs mit dem imposanten Moustache gefragt und er steht vor der intellektuellen Herausforderung, den Tathergang penibel zu rekonstruieren. Als Poirot die anderen Passagiere des Nildampfers befragt und nach möglichen Mord-Motiven durchleuchtet (kleiner Spoiler: Sie haben fast alle eins) muss er mit Hilfe seiner genialen Kombinationsgabe die perfekten Alibis zerpflücken und den Mörder trotz vieler falscher Fährten nur aufgrund von Indizien entlarven.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit, dessen Handlung sich auch typisch für Christie in einem isolierten Raum vor exotischer Kulisse abspielt. Der wendungsreiche Krimi-Plot lebt von seinen pointierten Dialogen und einem bissigen Blick auf die damalige bessere Gesellschaft. Die vielen überspitzt dargestellten Charaktere werden mit viel Liebe zum Detail ins Bild gesetzt und dank eines auktorialen Erzählers erfahren wir alles über ihre Beweg- und Hintergründe. Dem Charme dieses fintenreichen Rätselkrimis, bei dem auch die Wirtschaftskrise und der Börsencrash eine Rolle spielen, konnte ich mich nicht entziehen. Die Lösung ist überraschend und immer wieder faszinierend, wie auf den ersten Blick unscheinbare Details im Rückblick eine wichtige Bedeutung erlangen.

 

Tod auf dem Nil | Erschienen am 16.11.2018 im Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-3279-1
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Martin Maria Schwarz
Laufzeit: 9 Stunden 42 Minuten | 7,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Death on the Nile (Übersetzt aus dem Englischen von Pieke Biermann)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 4,5 von 5
Genre: Krimi

 

Agatha Christie | Mord im Orient-Express ♬

An einem kalten Wintertag steigt der Privatdetektiv Hercule Poirot in Istanbul in einen Luxuszug, der ihn nach London bringen soll. Der Orientexpress ist für die Jahreszeit überraschend voll besetzt, nur durch seine Beziehung zu dem ebenfalls mitreisenden Eisenbahn-Direktor Monsieur Bouc bekommt er noch ein freies Abteil. Nach einer unruhigen Nacht bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken und im Nachbarabteil wird der amerikanische Geschäftsmann Samuel Edward Ratchett durch 12 Messerstiche erstochen aufgefunden. Zur Unbeweglichkeit verdammt sitzen der Detektiv und die Mitreisenden fest und Monsieur Bouc bittet den Meisterdetektiv den Fall aufzuklären. Das stellt Poirot vor einige Herausforderungen, hatte doch der mysteriöse Mr. Ratchett ihn am Tag davor im Speisewagen von Morddrohungen berichtet und um Schutz gebeten. Der Täter kann nur einer der Passagiere sein und es stellt sich heraus, dass nicht alle (Ratchett eingeschlossen) die sind, für die sie sich ausgeben.

Ich habe zum ersten Mal die Geschwindigkeit des Hörbuchs etwas erhöht und dann bot der Krimiklassiker großes Unterhaltungspotential mit allem, wofür die Queen of Crime bewundert wird: Ein großes Figurenensemble unterschiedlicher Couleur, ein exotisches Setting, falsche Alibis, zahlreiche Verdächtige sowie die Suche nach dem Motiv. Durch den geschlossenen Raum erleben wir fast ein Kammerspiel mit einem Meisterdetektiv, dessen kleine, graue Zellen auf Hochtouren arbeiten. Dialoge, die nur so vor Schlagkraft und zynischem Wortwitz strotzen. Dazu sieht sich Poirot diesmal, dem ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Halt und Ordnung innewohnt, mit Fragen der Moral und Ethik konfrontiert. Der Mordfall ist vertrackt, das ausgeklügelte Ende wirklich erstaunlich und hat nach all den Jahren nichts von seinem Charme verloren. Auch dieser Roman wurde von und mit Kenneth Branagh neu verfilmt.

 

Mord im Orientexpress | Erschienen am 12.05.2014 in Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-1482-7
ungekürzte Lesung | Sprecher: Friedhelm Ptok
Laufzeit: 7 Stunden 28 Minuten | 6,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Murder on the Orient Express (aus dem Engischen übersetzt von Otto Bayer)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 5 von 5
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr.

Mechtild Borrmann | Wer das Schweigen bricht

Mechtild Borrmann | Wer das Schweigen bricht

Es war einfach eine Dummheit gewesen. Seine ganze Neugierde auf diese Therese Peters war eine sentimentale Albernheit, die er sich jetzt nicht mehr erklären konnte. Unkritisch hatte er es für einen glücklichen Zufall gehalten, auf eine Journalisti zu treffen, und jetzt konnte man sie nicht mehr aufhalten. Er fühlte sich wie ein Verräter. Was würde diese Frau noch alles zutage fördern? Er nahm einen Schluck von dem Cognac. (Auszug S.52)

Robert Lubisch durchforscht den Nachlass seines vor Kurzem verstorbenen Vaters Friedhelm und findet dort den SS-Ausweis eines gewissen Wilhelm Peters sowie das Foto einer jungen Frau. Lubischs Interesse ist geweckt, sein Vater war ein strenger Patriarch und das Verhältnis war eher getrübt. Gibt es ein ungewöhnliches Geheimnis im Leben des so strebsamen Friedhelm Lubisch, der in den Nachkriegsjahren ein Firmenimperium aufgebaut hat? Robert Lubisch folgt einer Spur ins niederrheinische Kranenburg und findet heraus, dass die Frau auf dem Bild Therese Pohl, später Therese Peters war. Im ehemaligen Wohnhaus von Therese wohnt inzwischen die Journalistin Rita Albers, die ein paar Nachforschungen anstellt. Vor Ort will niemand viel sagen, Therese Peters ist irgendwann 1950 aus Kranenburg verschwunden, kurz nachdem ihr Mann vermisst gemeldet wurde. Albers wittert eine spannende Story und kann sogar ermitteln, wo sich Therese heute aufhält. Therese Mende ist inzwischen Erbin eines Modeimperiums und will zu den damaligen Ereignissen eigentlich nichts mehr sagen. Kurz darauf wird Rita Albers erschlagen in ihrer Küche aufgefunden.

Nun ermittelt die Polizei im Mordfall Albers. Verdächtigt wird auch Robert Lubisch, der kurz zuvor mit Albers zusammengekommen war, um sie von weiteren Ermittlungen abzuhalten. Schnell wird klar, dass die Lösung in der Vergangenheit zu finden ist. Nach und nach ergibt sich eine Geschichte von sechs jungen Menschen, die im Sommer 1939 die Schule beenden und deren enge Freundschaft aufgrund verschiedener traumatischer Ereignisse nach und nach zerbricht. Diese Ereignisse von damals werfen einen Schatten bis in die heutige Zeit und Robert Lubisch wird sich wünschen, diese Büchse der Pandora niemals geöffnet zu haben.

„[…] Es gab im Winter 1944/45 keine Zeit für Trauer, und manchmal denke ich, dass das eine der Tragödien dieses Krieges war, vielleicht jedes Krieges ist. Wenn wir keine Zeit zum Trauern haben, verlieren wir eine Dimension unseres Menschseins.“ (Auszug S.195)

Mechtild Borrmann schreibt abwechselnd in den beiden Zeitebenen 1998 und 1939-1950. Dabei wechselt sie sowohl direkt in die Vergangenheit als auch über Erinnerungen der Personen, zumeist Therese Mende. Der Ton ist ruhig, das Tempo eher gemächlich. Die Autorin schreibt klar und stringent, mit wenig Ausschweifungen, doch nie nüchtern. Der Fokus liegt auf den Figuren und ihren Gefühlswelten. Die Erzählperspektive wechselt zwischen verschiedenen Personen. Nach und nach wird diese Tragödie enthüllt und entfaltet so noch präziser ihre erzählerische Kraft. Mit einer nicht erwarteten Wendung ganz zum Schluss wird der Leser nochmals überrascht.

Mechtild Borrmann ist inzwischen Bestsellerautorin, 2011 war sie jedoch noch im Aufbau ihr schriftstellerischen Karriere. Sie hatte zuvor drei beachtete Kriminalromane veröffentlicht, der enorme spätere Erfolg war jedoch noch nicht absehbar. Im Februar 2011 erschien dann ihr dritter Roman im Bielefelder Pendragon Verlag. „Wer das Schweigen bricht“ war dann der endgültige Durchbruch der Autorin und für den Verlag ein Glücksgriff, eine 22.Auflage erreicht man so schnell nicht wieder. Der Roman war aber nicht nur bei den Leser:innen ein voller Erfolg, auch die Kritiker waren begeistert und vergaben für dieses Werk ein Jahr später den Deutschen Krimipreis.

Natürlich spielt die Geschichte im zweiten Weltkrieg und unter dem nationalsozialistischen Regime. Dies beeinflusst und sorgt für eine Katalyse der Ereignisse. Doch im Grunde genommen erzählt Borrmann eine ganz klassische Geschichte von Freundschaft, nicht erwiderter Liebe, Enttäuschung, Eifersucht, Hass und Schuld – und welche Tragweite persönliche, manchmal spontane Entscheidungen entfachen können, auch über Jahrzehnte hinweg. Und über das spätere Schweigen, dass die offenen Gräben zwar füllt, aber die Erinnerung nie ganz verdrängt. Das Ganze transportiert sie sehr geschickt in den beiden Zeitebenen mit glaubwürdigen Figuren, die diesen eher leisen, aber dadurch umso mächtigeren Roman tragen. „Wer das Schweigen bricht“ ist ein herausragender Kriminalroman, den man mehr als zehn Jahre nach Veröffentlichung schon als Klassiker des Genres verorten kann.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Wer das Schweigen bricht | Erschienen am 07. Februar 2011 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-231-9
224 Seiten | 9,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe