Kategorie: Krimi

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2022

Kurzrezensionen Dezember 2022

Arttu Tuominen | Was wir verbergen

Ende des letzten Jahres erschien „Was wir verschweigen“ von Arttu Tuominen, der erste Band mit Kommissaren der Kriminalpolizei aus Pori in Nordwestfinnland. Damals stand Jari Paloviita im Fokus, als er einem mordverdächtigen Jugendfreund zu Hilfe kommt und die Ermittlungen beeinflusst. Für mich ein überzeugender Krimi.

Nun gibt es Band 2 aus Pori und diesmal steht Jaris Kollege Henrik Oksman im Fokus des Romans. Er ist ein stiller Einzelgänger im Präsidium. Was niemand weiß: Henrik ist homosexuell und verkleidet sich gern als Frau. Er verbringt einen Abend in einem queeren Nachtklub in Pori, findet dort Anschluss und verlässt mit seinem Begleiter den Club in ein nahegelegenes Hotel. Kurz darauf wirft ein Attentäter zwei Granaten in den Eingangsbereich des Clubs, fünf Menschen sterben. Ein Bekennervideo zeigt einen fanatischen Mann, der weitere Taten ankündigt und andere aufruft, ebenfalls in seinen Kampf gegen Schwule und vermeintlich Andersartige zu ziehen. Es folgen hektische Ermittlungen nach dem Täter, währenddessen Henrik verschweigt, dass er kurz vor dem Attentat im Club war und mit aller Macht versucht, sein Geheimnis zu bewahren.

Eine sehr interessante Idee des Autors, die Prämisse des ersten Romans – ein Ermittler, der in einem aktuellen Fall etwas zu verbergen hat – wieder aufzugreifen. Das funktioniert auch, denn obwohl man annehmen könnte, dass Homosexualität im modernen Finnland unproblematisch wäre, stehen der private Hintergrund Henrik Oksmans als Gegenbeispiel. Erzkonservative, homophobe und rassistische Gegenbewegungen gibt es offenbar auch in Finnland. Der Roman überzeugt am meisten bei der komplexen Figur Oksman und am wenigsten bei der etwas schematischen Figur des Attentäters. Insgesamt aber eine ordentliche Fortsetzung des starken ersten Bands.

 

Was wir verbergen | Erschienen am 28.10.2022 bei Bastei Lübbe
ISBN 978-3-7857-2811-6
366 Seiten | 16,99 €
Als E-Book: ISBN 978-3-7517-2811-9 | 11,99 €
Originaltitel: Hyvitys | Übersetzung aus dem Finnischen von Anke Michler-Janhunen
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Krimi

 

Michael Mann & Meg Gardiner | Heat 2

Um Regisseur Michael Mann ist es ein wenig still geworden, seine letzter Kinofilm „Blackhat“ von 2015 war ein veritabler Flop. Kein Wunder, dass er sich nun seines größten Erfolgs erinnert hat: „Heat“ von 1995 ist ein sowohl actionreiches als auch tief melancholisches Heist-Drama, ein Klassiker des Genres, mit großartigen Schauspilern wie Robert de Niro und Al Pacino. Zusammen mit der Kriminalautorin Meg Gardiner hat Michael Mann nun „Heat 2“ geschrieben, dass sowohl Prequel als auch Sequel von „Heat“ ist. Die Verfilmung soll angeblich bereits in den Startlöchern stehen.

Die Cineasten unter uns werden es wissen (Zur Not erläutern die Autoren etwas umständlich im Prolog auch nochmal den Schluss von Heat): Beim Showdown am Ende überlebt Chris Shiherlis (gespielt von Val Kilmer) schwer verletzt und entkommt der Polizei um Vincent Hanna. Aus dieser Ausgangsposition wird erzählt, wie Chris in Paraguay in der rauen Schmugglerstadt Cuidad del Este bei einer taiwanesischen Mafiafamilie unterkommt und sich dort hocharbeitet, vor allem in der Gunst der Tochter des Clanchefs, die obwohl deutlich cleverer als ihr Bruder, nicht an die Spitze des Clans aufrücken soll. Währenddessen wird die Vorgeschichte erzählt: Nach einem Coup in Chicago 1988 geraten Neil McCauley und seine Crew mit Chris ins Visier eines soziopathischen Kriminellen, der ihnen den nächsten Coup streitig machen will. Zum Ende werden alle Fäden wieder in L.A. Im Jahr 2000 zusammenführen.

Jetzt kann man natürlich etwas streiten, ob es unbedingt einer Fortsetzung bedurft hätte. Ästhetisch und inhaltlich knüpfen Mann & Gardiner an Bestehendem an, haben wenig Neues zu bieten, geben den bekannten Figuren keine wesentlichen neuen Attribute. Andererseits ist das Ganze auch auf einem respektablem Niveau. Der Spannungsbogen überzeugt, man bleibt bis zum Schluss dran und fühlte sich gut unterhalten. Insofern nicht übel, man sehen, was der Film kann.

 

Heat 2 | Erschienen am 27.09.2022 bei HarperCollins
ISBN 978-3-3650-0228-5
688 Seiten | 14,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-7499-0516-4 | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

Michelle Paver | Schneegrab

April 1935: Von Darjeeling aus bricht eine Gruppe britischer Bergsteiger zum Kangchenjunga auf, dem dritthöchsten Berg der Welt. Sie bewegen sich auf der Route einer Expedition um den Leiter Edmund Lyell knapp dreißig Jahre zuvor, die im Desaster endete, wobei Lyell dank eines von ihm veröffentlichten heroischen Expeditionsberichts zum Bergsteigerhelden wurde. Doch ging es damals so zu, wie von ihm berichtet? Stephen Pearce, Arzt der neuen Expedition, kam erst spät ins Team, will sich unbedingt beweisen – und doch beschleicht ihn ein merkwürdiges Gefühl, auch aufgrund des Aberglaubens der einheimischen Träger. Als die Gruppe schließlich den Berg erreicht, hat Stephen Erscheinungen. Irgendjemand scheint die Gruppe zu begleiten und zu beobachten.

Autorin Michelle Paver begibt sich mit „Schneegrab“ in den Himalaya und hat eine Mischung aus historischem Bergsteigerroman und Mysterythriller vorgelegt. Der Schauplatz ist interessant gewählt, ihre Recherchen scheint die Autorin auch gemacht zu haben, allerdings habe ich schon packendene Bergsteigergeschichten gelesen. Das Ganze ist weniger eine Horror als eine Schauergeschichte. Nicht schlecht, vor allem die Auflösung fand ich durchaus clever. Allerdings plätscherte es für mich zwischendurch auch so ein wenig dahin. Die Entscheidung, die Story von Stephen als Ich-Erzähler erzählen zu lassen, macht zwar Sinn, aber ich fand die übrigen Figuren dadurch etwas blass vom Profil. So fand ich „Schneegrab“ ganz ordentlich für zwischendurch, aber da wäre aus meiner Sicht noch mehr drin gewesen.

 

Schneegrab | Erschienen am 01.12.2021 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06345-6
304 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-492-60178-8 | 12,99 €
Originaltitel: Thin Air | Übersetzung aus dem Englischen von Karin Dufner
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Mysterythriller

 

Graham Moore | Verweigerung

Ein Geschworenenprozess in Los Angeles: Die 15jährige Jessica Silver, Tochter eines Immobilienmoguls, verschwindet. Wegen Mordes wird ihr Lehrer Bobby Nock angeklagt, der offenbar ein Verhältnis mit Jessica hatte und in dessen Auto Blutspuren von Jessica gefunden wurden. Die Geschworenen tendieren zunächst zu einem Schuldspruch, entscheiden aber letztlich nach längerer Beratung und Intervention hauptsächlich einer Geschworenen auf „nicht schuldig“ und stehen fortan unter scharfer Kritik. Im Mittelpunkt der Kritik steht Maya Seale, die anschließend selbst Jura studiert und Anwältin wird. Zehn Jahre später trommelt eine TV-Produktionsfirma die Geschworenen wieder zusammen. Einer von ihnen, Rick, behauptet, hieb- und stichfeste Beweise für die Täterschaft Bobby Nocks gefunden zu haben. Maya bezweifelt dies, streitet sich mit Rick und findet diesen kurz danach ermordet in ihrem Hotelzimmer. Plötzlich wird Maya zur Hauptverdächtigen.

Justizthriller waren durch John Grisham in der 1990ern auf einmal sehr populär. Das amerikanische Rechtssystem mit Geschworenenurteilen lädt natürlich auch immer wieder zu interessanten Plots ein. Hier erzählt Autor Graham Moore sehr versiert auf zwei Zeitebenen: Zum einen beleuchtet er den Prozess von damals, nach und nach erfährt der Leser, was damals in den Beratungen der Geschworenen geschehen ist und was zum Freispruch von Bobby Nocks geführt hat. Zum Anderen verfolgen wir Maya in der Gegenwart, die nur widerwillig an dem TV-Event teilnimmt, plötzlich mordverdächtig ist und nun selbst ermittelt, um sich zu entlasten. Insgesamt ein clever erzählter Justizthriller mit einigen interessanten Wendungen und einigen bissigen Spitzen gegen das amerikanische Justizsystem.

 

Verweigerung | Erschienen am 21.12.2020 im Eichborn Verlag
ISBN 978-3-8479-0053-5
400 Seiten | 22,- €
Als Taschenbuch: ISBN 978-3-8479-0108-2 | 12,- €
Originaltitel: | Übersetzung aus dem Englischen von André Mumot
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Genre: Spannungsroman

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Greg Buchanan | Sechzehn Pferde

Greg Buchanan | Sechzehn Pferde

Sechzehn Pferde, hatte Alec berichtet. Und die Schweife – alle abgetrennt. Sie liegen auf einem Haufen. Die Art, wie die Schweife, nun regennass, ineinander verstrickt waren. Die Art, wie die Augen immer noch vom Boden aufsahen. Und ihre Anordnung … diese groben Kreise … Er hatte nicht den Eindruck, dass dies der Ort eines Verbrechens war. Es wirkte eher wie der Ausdruck eines Wunsches. (Auszug Seite 35)

In dem englischen Küstenstädtchen Ilmarch werden 16 Tierkadaver gefunden. Die Pferde wurden nachts auf einer Farm unbemerkt abgeschlachtet und ihre abgetrennten Köpfe in eigenartiger Weise arrangiert. Dem ermittelnden Polizisten Alec Nichols bietet sich ein bizarrer Anblick: Nur die Köpfe der grausam getöteten Pferde wurden kreisförmig in den Ackerboden eingegraben, während ein Auge in den Himmel blickt. Von den Körpern der Tierleichen keine Spur, lediglich die Schweife werden in der Nähe gefunden. Die schockierte örtliche Polizeidienststelle ist überfordert und die Veterinärforensikerin Dr. Cooper Allen wird hinzugezogen. Durch ihre Erfahrung als ehemalige Tierärztin versucht sie zusammen mit Detective Sergeant Nichols die Botschaft zu entschlüsseln, versucht rauszufinden, was mit den Pferden geschehen sein könnte.

Dr. Cooper Allen, eine verschlossen und unterkühlt wirkende Person, geht bei den Befragungen behutsam und zurückhaltend vor. Trotzdem halten sich die Bauern bedeckt, wollen nichts gesehen oder gehört haben. Auch DS Nichols wirkt oft abwesend und in sich gekehrt. Er kämpft nach dem Tod seiner Frau als alleinerziehender Vater eines Sohnes gegen Depressionen und wirkt teilweise überfordert.

Der düstere Kriminalroman ist in einem ehemaligen Urlaubsort an der Ostküste Englands angesiedelt, der mittlerweile durch Globalisierung und Rezession wirtschaftlich abgehängt wurde. Die Hotels werden inzwischen entweder als Sozialwohnungen genutzt oder Obdachlosen überlassen. Die jungen Leute wandern ab, denn es gibt keine Arbeit mehr, Betriebe und Geschäfte schließen, Straßen und Gebäude verfallen. Ilmarch ist am Ende, das wirklich Bedrückende ist aber, dass die verbliebenen Menschen einfach weiter machen, in unheimlicher Stille dahin vegetieren und in Verbitterung und Hass versinken.

Der Klappentext hatte mich enorm angefixt und der Ansatz, eine Ermittlung von Tierleichen aus aufzuziehen, neugierig gemacht. Ohne Vorwarnung wird man sofort in die Geschichte hineingezogen, und es geht gleich spannend los. Durch die kurzen Kapitel und die damit einhergehenden Sprünge muss man allerdings dranbleiben und aufpassen, nicht den Faden zu verlieren. Aufgrund der Kadaver in der Erde entwickelt sich ein hochansteckender Krankheitserreger. Als der Ort unter Quarantäne gestellt wird, damit sich die Infektion nicht weiter ausbreitet, überschlagen sich die Ereignisse. Es kommt zu weiteren Todesfällen und Nichols Sohn Simon verschwindet urplötzlich.

Und hier wird die ohnehin schon krude Handlung richtig verworren. Den Erzählstil empfand ich sehr anstrengend und nicht leicht konsumierbar. Ständig wird irgendwohin gesprungen, auch auf der Zeitebene, hier eine Traumsequenz, dort ein Gespräch. Es ist schwierig, der Story zu folgen, man verliert den Überblick, dazu die schrägen Figuren, die teilweise sehr übertrieben agieren und sich in ihrem Weltschmerz verlieren. Es gibt auch keine zielgerichtete Ermittlung, die zu einer schlüssigen Lösung führt. Die beiden Protagonisten Nichols und Allen werden wie zwei verlorene Seelen, die einen bizarren Fall aufklären wollen, mehr durch das Geschehen getrieben als es zu bestimmen. Obwohl man ihre innere Zerrissenheit und Verzweiflung jederzeit spürt, baute ich keine Bindung zu ihnen auf. Dazu ist die Geschichte voller Gewalt, besonders gegen Tiere und die detaillierten Beschreibungen von Tierquälereien muss man aushalten. Trotzdem ist es bis zum Schluss fesselnd und ich wollte wissen, wie es zu Ende geht. Leider war die Auflösung dann für mich eher unbefriedigend.

Greg Buchanan, ein Drehbuchautor für Videospiele hat mit seinem Debütroman einen Krimi von hoher literarischer Qualität über den Untergang eines fiktiven, entlegenen Kaffs an der Ostküste Englands vorgelegt, für die er eindringliche Bilder findet. Ein Roman, der grade wegen seiner Gewalt gegen Tiere nichts für schwache Nerven ist und eine bedrohliche und verstörende Atmosphäre kreiert. Einen roten Handlungsfaden sucht man vergebens, der Autor ist nicht vordergründig an dem Krimiplot interessiert, setzt mehr auf Melodramatik und Schwermut. „Sechzehn Pferde“ ist ein Roman mit Tiefgang über den Niedergang eines englischen Dorfes, der Einblicke in die Abgründe menschlicher Seelen bietet.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Sechzehn Pferde | Erschienen am 23. Februar 2022 im S. Fischer Verlag
ISBN 978-3-103-97488-1
448 Seiten | 22,00 Euro
Originaltitel: Sixteen Horses | Übersetzung aus dem Englischen von Henning Ahrens
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2022

 

 

Amor Towles | Lincoln Highway

Nebraska Mitte der 50er Jahre. Der 18jährige Emmett Williams wird nach über einem Jahr wegen Totschlags aus der Besserungsanstalt Salina entlassen. Er kehrt zum Familienhaus zurück, wo nach dem Tod des Vaters und dem Verschwinden der Mutter nur noch sein 8jähriger Bruder Billy wartet. Die kleine Farm gehört inzwischen der Bank und Emmett möchte mit Billy ein neues Leben beginnen. Dazu wollen die beiden mit dem alten hellblauen Studebaker über den Lincoln Highway Richtung Kalifornien fahren, wo sie die vor Jahren verschwundene Mutter vermuten. Kurz vor der Abfahrt tauchen Duchess und Woolly, zwei Freunde aus dem Jugendknast mit ganz anderen Reiseplänen auf. Sie stehlen Emmetts Auto samt seinem Geld und machen sich auf den Weg nach New York City, um an Woollys Erbe zu gelangen. Die beiden Brüder sehen sich gezwungen, ihnen per Zug hinterher zu reisen. Das ist der Beginn einer aberwitzigen Reise mit vielen skurrilen Begegnungen und vier sehr unterschiedliche Jugendlichen, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Der besonnene Emmett, der schon früh Verantwortung übernehmen, sich aber auch mit seinem Jähzorn auseinandersetzen muss, sein kleiner oft altklug wirkender Bruder Billy. Dagegen der durchgeknallte Duchess, der total ichbezogen nur nach seinem eigenen Moralkodex handelt. Und dann noch der liebenswerte Woolly, Spross einer wohlhabenden Ostküstenfamilie, aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen immer Außenseiter und unberechenbar in seinen Handlungen.

Die Road Novel beginnt mit Emmetts schicksalhafter Herkunftsgeschichte sowie der Gewalttat sehr vielversprechend und ich genoss das ländliche Setting des mittleren Amerikas. Leider konnte es mich dann aber nicht durchgehend begeistern. Der Plot verfängt sich in vielen Nebenhandlungen, es wird aus nicht weniger als acht Perspektiven erzählt. Dadurch bremst sich die Geschichte immer wieder aus und alles wird nur oberflächlich angerissen. Amor Towles ruhiger Erzählton ist liebenswert charmant, bildgewaltig, rutscht jedoch für meinen Geschmack öfter ins Banale ab. Mir war es oft zu redselig und viele Sätze zu bedeutungsschwanger und mythenbeladen. Die einzelnen Charaktere sind mit Ecken und Kanten gut ausgearbeitet, und besonders Duchess machte es mir oft nicht leicht, seine Eskapaden zu ertragen. Viele überraschende Wendungen hielten mich dann doch bei der Stange und ich wollte auch unbedingt wissen, was es damit auf sich hat, dass die Kapitel des Romans rückwärts gezählt werden.

 

Lincoln Highway | erschienen am 25. Juli 2022 im Carl Hanser Verlag
ISBN 978-34462-7400-6
576 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: The Lincoln Highway | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Gerne: Spannungsroman

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

Chris Hadfield | Die Apollo-Morde

Der Kanadier Chris Hadfield war bis 2013 Astronaut und wurde international vor allem mit seiner Mission auf der ISS Ende 2012 / Angang 2013 bekannt, von wo mit Nachrichten und Bildern von der ISS über die sozialen Medien große Popularität erlangte. Kurz vor seiner Rückkehr zur Erde veröffentlichte Hadfield auch ein Musikvideo, in der er in der Raumstation David Bowies „Space Oddity“ covert. Als Ruheständler begann mit Hadfield mit dem Schreiben, seiner Passion Weltraum ist er aber treu geblieben. Für sein Debüt als Thrillerautor hat er sich die ominöse Apollo 18-Mission ausgesucht, die nie stattfand, aber in der Popkultur immer wieder die Fantasie anregt.

Die NASA hat Budget-Probleme, sodass für Apollo 18 das Pentagon einspringt. Dadurch wird die Mission im Jahr 1972 aber überwiegend militärisch. Die Sowjets haben vor kurzem eine Sonde auf die Mondoberfläche gebracht, zudem wurde die (noch unbemannte) Spionage-Raumstation Almaz in die Umlaufbahn gebracht. Die Crew soll nach Möglichkeit beides auf ihrer Mission sabotieren. Doch Apollo 18 steht unter keinem guten Stern, als der Kommandant bei einem Test-Helikopterflug ums Leben kommt. Die Unglücksursache bleibt unklar, da startet die Mannschaft bereits ins All. Und dort wartet die nächste Überraschung, denn Almaz ist keineswegs unbemannt.

Durchaus pfiffig nutzt Chris Hadfield hier Fakten und Fiktion, um den kalten Krieg der 1970er in den Weltraum zu verlegen. Dabei kommt auch eine Vielzahl reale Persönlichkeiten vor. Er erzählt die Story aus verschiedenen Perspektiven und mit einem großen Fundus aus seiner persönlichen Erfahrung. Das ist auch die große Stärke des Thrillers: Die ganze Mission, die Schauplätze und die Atmosphäre im All und auf dem Mond beschreibt Hadfield sehr anschaulich und authentisch. Da verzeiht man auch den einen oder anderen Hänger im Plot und die ausbaufähigen Figuren. Insgesamt ein ordentliches Weltraumabenteuer von einem echten Insider.

 

Die Apollo-Morde | Erschienen am 15.06.2022 im dtv Verlag
ISBN 978-3-342-322010-1
640 Seiten | 12,95 Euro
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: The Apollo Murders | Übersetzung aus dem Englischen von Charlotte Lungstrass-Kapfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Thriller

 

 

Antonio Fusco | Schatten der Vergangenheit

Tommaso Casabona ist Kommissar einer Stadt in der Nähe von Florenz. Vor kurzem hat sich seine Frau von ihm getrennt, Auslöser war eine Affäre mit einem Arzt. Ebenjener Arzt wurde ermordet aufgefunden und ein Mafiakiller als Kronzeuge beschuldigt Casabona des Mordes. Bei einer Hausdurchsuchung flüchtet Casabona, da er nur so glaubt, selbst seine Unschuld beweisen zu können. Die Indizien für seine Tatbeteiligung stehen auf wackligen Füßen, aber offenbar sind die Ermittlungsbehörden bereit, Casabona zu opfern, um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen nicht zu erschüttern. Casabona erhält Unterstützung seiner untergebenen Kollegen und knüpft zudem alte Kontakte ins Mafiamilieu, um die wahren Hintergründe herauszufinden.

Autor Antonio Fusco ist Forensiker bei der italienischen Staatspolizei und hat daher interne Einblicke in die Arbeit der Ermittlungsbehörden, was diesen Krimi interessant macht, da hier offenbar einige auch gegeneinander arbeiten. Die Reihe um Commissario Casabona ist in Italien schon sehr erfolgreich. Umso mehr hat mich irritiert, dass sein deutscher Verlag nun mit Band 6 der Reihe in Deutschland beginnt. Die Vorgeschichte Casabonas wird nämlich nur angerissen und die Figuren bleiben ein wenig blass.

Dafür erhält der Leser ansonsten aber einen ordentlichen, geradlinigen und spannenden Krimi. Der Roman ist recht kurz und hält sich daher kaum mit Nebensächlichkeiten auf. Manches geht vielleicht auch zu glatt bei Casabonas Flucht und Untertauchen. Dennoch überzeugt der Roman vor allem dann, wenn es um die „miesen“ Tricks der Justiz und Behörden geht. Schmutzige Deals werden gemacht, persönliche Vorteile gesucht, vermeintlich wichtige Zeugen geschützt, auch wenn dadurch Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden.

 

Schatten der Vergangenheit | Erschienen am 12.04.2022 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50518-4
240 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-608-11943-5 | 13,99 €
Originaltitel: La Stagione del fango | Übersetzung aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

 

Berna González Harbour | Goyas Ungeheuer

Comisaria María Ruiz ist wieder nach Madrid zurückgekehrt, aber von Dienst suspendiert. Die Situation belastet auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden im Polizeiapparat. Sie müsste sich eigentlich zurückhalten, aber als mehrere merkwürdige Ereignisse in Madrid stattfinden, ist ihr Ermittlerinstinkt geweckt. Tote Truthähne werden zur Schau gestellt, ein Hund versinkt in einem Schlammloch und schließlich ein Mord: Nahe des Flusses Manzanares wird eine junge Kunststudentin bizarr ermordet aufgefunden. Die Zurschaustellung lässt nur einen Schluss zu: Es gibt eine Verbindung zu den Werken des großen spanischen Künstlers Francisco de Goya. Doch während die Polizei den Dozent und Liebhaber der Studentin verhaftet, verfolgt Ruiz eine ganz andere Spur.

Nochmehr als der deutsche Titel ist der Originaltitel in direktem Bezug zu Goyas Werk: „El sueño de la razón“ ist ein Teil von Goyas berühmtem Werk „El sueño de la razón produce monstruos“ („Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“). Die Auseinandersetzung mit Goyas Werk ist auch das Faszinierende an diesem Roman. Im Buch tauchen 13 Abbildungen von Goyas Kunstwerken auf, die Auseinandersetzung mit seinem Werk ist essentieller Bestandteil des Kriminalromans. Daneben wird auch die spanische Hauptstadt als Setting mit ungewöhnlichen Schauplätzen gut in Szene gesetzt.

Die Voraussetzungen für einen guten Roman sind somit vorhanden, dennoch war ich nicht ganz zufrieden. Die Übersetzung einer Serie mit dem vierten Roman zu beginnen, empfand ich als unglücklich, da viel zu viel aus der Vorgeschichte der Figuren in diesen Band hineinspielt. Zudem fand ich die Figur des psychopatischen Täters eher blass und nicht markant genug. Es ist auch so, dass der Täter so zur Mitte des Buches feststeht und ich eigentlich noch mit einer Wendung zum Ende gerechnet hatte, aber da kam nichts mehr. Fazit: Plot und Täterfiguren haben mich nicht begeistert, aber wer mit einem Krimi mal so richtig in die Kunsthistorie und Francisco de Goya eintauchen will, der sollte einen Blick in diesen Roman riskieren.

 

Goyas Ungeheuer | Erschienen am 17.08.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-730-7
472 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN 987-3-86532-826-7 | €
Originaltitel: El sueño de la razón | Übersetzung aus dem Spanischen von Maike Hopp
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

Garry Disher | Stunde der Flut

Garry Disher | Stunde der Flut

Januar 2020: Charlie Deravin ist frisch gebackenener Vater und noch nicht lange bei der Polizei, ist in die Fußstapfen seines Vaters Rhys getreten. Doch die Stimmung in der Familie Deravin ist getrübt, die Eltern haben sich getrennt, der Vater hat eine Geliebte. Das alte, bescheidene Familienhaus in Menlo Beach steht zum Verkauf, Charlie holt noch ein paar Surfbretter ab, will seinem Vater lieber nicht begegnen. Seine Mutter Rose hat etwas Neues angemietet, aber Probleme mit dem seltsamen Untermieter Shane Lambert, den Charlie und sein Bruder Liam dann vor die Tür setzen. Eine gute Woche später ist Charlie wieder in Menlo Beach. Billy Saul, ein neunjähriger Junge ist aus einem Jugendlager verschwunden. Die Polizei startet eine großangelegte Suchaktion, man findet schließlich einige Sachen des Jungen am Strand. Mitten in der Aktion wird Charlie abkommandiert, Kollegen befragen ihn zu seiner Mutter. Man hat ihren Wagen am Straßenrand verlassen aufgefunden. Fahrertür offen, Wertsachen verstreut, Blut am Autoschlüssel. Sowohl Rose Deravin als auch Billy bleiben verschwunden.

Zwanzig Jahre später immer noch. Die Ungewissheit hat an allen Personen genagt, schnell wurde damals Charlies Vater zum Hauptverdächtigen. Doch der Verdacht konnte nie durch Beweise erhärtet werden. Für viele, auch für Charlies Bruder Liam, bleibt der Vater der vermeintliche Täter, doch Charlie will dies nicht glauben. Überhaupt konnte damals ziemlich wenig herausgefunden werden. Ebenfalls verdächtig war der Untermieter, doch zum Tatzeitpunkt war er offenbar in Polizeigewahrsam, inzwischen ist er auch nicht mehr auffindbar. Charlie hat während all der Zeit versucht, noch irgendwas zu ermitteln, daran ist schließlich auch seine Ehe zerbrochen.

Ende 2019 wird Charlie vom Dienst suspendiert, weil er einen Vorgesetzten attackiert hatte. Bei einem Vergewaltigungsprozess wird das Opfer plötzlich Ziel von Verleumdungen, der Täter, ein Sporttalent, in Schutz genommen, die Geschworenen beeinflusst, die Polizei bleibt auf der Suche nach weiteren Zeugen tatenlos. Charlie lernt eine Geschworene kennen, die sich gegen die Beeinflussung zur Wehr setzt. Beide werden ein Paar und Charlie verteidigt sie auch vor Kollegen. Aufgrund der Suspendierung ergibt sich für Charlie aber auch wieder mal genug Zeit, um die Nachforschungen zu seiner Mutter wieder aufzunehmen. Und tatsächlich, nach zwanzig Jahren kommt Bewegung in den Fall.

Der Job und all die Fehler, die er darin gemacht hatte. Man würde ihn wieder einsetzen, vielleicht zur Verkehrspolizei irgendwo draußen im Buschland verdonnern. Oder rausschmeißen. Oder er kündigte. Im Augenblick leckte er sich nur die Wunden und wartete ab. Und er suchte nach Shane Lambert, seit zwanzig Jahren. Der Faden, an dem noch keiner gezogen hatte. All die Spuren, die im Sande verlaufen waren…. (Auszug S.45)

Garry Disher ist ein unermüdlicher Autor, inzwischen hat der Australier schon die 70 überschritten, dennoch veröffentlicht er mehr oder weniger jährlich einen neuen Roman. Lange Zeit jonglierte Disher mit zwei Reihen parallel, Hal Challis als Polizist und Wyatt als Berufsverbrecher. Dann veröffentlichte er „Bitter Sweet Road“ mit Constable Hirschhausen, eigentlich als Stand Alone gedacht, nun gibt es davon auch schon drei Bände. „The Way It Is Now“, so der Originaltitel, ist erstmal auch nur ein Einzelstück, doch bei Disher kann man nie wissen. Zentraler Protagonist ist ebenfalls ein Polizist, wenngleich ein suspendierter. Charlie Deravin ist ein ruhiger, eher melancholischer Typ. Als Polizist sehr engagiert, fast schon zu sehr, im Gespräch mit einer Therapeutin wird deutlich: Der Typ steht kurz vorm Burnout. Nun könnte Charlie sich nach der Suspendierung sammeln, das Glück einer frischen Beziehungen genießen, doch was tut er: Er gräbt wieder in der Vergangenheit herum. Das Verschwinden seiner Mutter ist der große dunkle Punkt in seiner Familie, zumal sein Vater den Verdacht, damit etwas zu tun gehabt zu haben, nie los wurde.

Die Figur Charlie Deravin steht stellvertretend für die große Klasse des Autors Garry Disher. Seine Figuren leben und atmen förmlich, sind keine zusammengeschusterten Abziehbilder, sondern dieser Charlie könnte, so wie er ist, am Strand von Menlo Beach stehen. Disher beschreibt seine Figuren glaubhaft, ihre Beziehungen untereinander, ihre Träume und Abgründe. Dabei bleibt er in der Gegenwart verankert, in der australischen Gesellschaft, bringt Covid-19, Buschbrände, Verfehlungen der australischen Polizei wie selbstverständlich in die Geschichte ein.

Das fasziniert mich immer aufs Neue bei Garry Disher. Und sein traumwandlerisches Gespür für den Plot. Auch hier gibt es wieder verschiedene Stränge, die er zielsicher am Ende zusammenführt. Diesmal in einem wahren Showdown. Insofern gibt es bei „Stunde der Flut“ keine Überraschungen – Garry Disher bleibt der Goldstandard der Kriminalliteratur.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Stunde der Flut | Erschienen am 11.07.2022 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00584-6
334 Seiten | 22,- €
Originaltitel: The Way It Is Now | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Garry Disher auf diesem Blog

Max Korn | Talberg 2022 (Band 3)

Max Korn | Talberg 2022 (Band 3)

Laut Wettervorhersage war das Orkantief, das eine Schneise der Verwüstung durch den Hirschberger Wald gezogen hatte, nur die Vorhut. Der meteorologische Dienst warnte vor einer weiteren Superzelle, die in ihre Richtung unterwegs war. Ein zweiter, anhaltend rotierender Aufwind, der noch heftiger sein sollte als der Zyklon, den sie im Moment zu spüren bekamen. So weit wird’s kommen, dass wir evakuieren müssen … Und dass er sich beeilen solle mit dem Skelett, bevor es noch den ganzen Hang fortschwemmt. (Auszug Seite 11)

Das niederbayerische Dorf Talberg wird von einem verheerenden Unwetter heimgesucht. Es regnet schon seit Tagen ohne Unterlass, das Wasser steigt unaufhaltsam und die Verbindungen zur Außenwelt sind komplett abgebrochen. Während die Feuerwehr versucht, ein Neubaugebiet vor einem Erdrutsch zu bewahren, wird in dem Wurzelwerk einer umgestürzten Eiche das Skelett eines Kindes gefunden. Adam Wegebauer, ein ehemaliger Kripobeamter aus München, der kürzlich in sein Heimatdorf Talberg versetzt worden war, unternimmt während der tobenden Naturgewalten die ersten Untersuchungen. Obwohl klar ist, dass die Knochen schon sehr lange unter der Erde vergraben gewesen sein müssen, verspürt er sofort eine unerklärliche Betroffenheit und trotz vieler persönlicher Probleme ist es ihm ein dringendes Anliegen, den Fall so schnell wie möglich zu lösen, bevor das LKA übernehmen wird. Unter schwersten Bedingungen sichert er die Knochen und bringt sie zu einem pensionierten Arzt, der eine erste Einschätzung vornimmt. Trotz der Orkanböen gelingt es jedoch der LKA-Beamtin Eva Engler sich zu Fuß ins Dorf vorzukämpfen, da sie bei dem Skelettfund eine Verbindung zu einem aktuellen Fall vermutet.
Eva ist der Typ, durchsetzungsstarke und ehrgeizige Ermittlerin und sie will unbedingt den Kindsmörder finden. Doch dazu braucht sie Adam, der sich im Dorf und seinen Bewohnern besser auskennt. Während sich die beiden unterschiedlichen Polizisten langsam aneinander gewöhnen und schließlich zusammen arbeiten, um das Geheimnis der Kinderknochen zu entschlüsseln, nehmen die Naturgewalten immer mehr zu. Dabei führen die Ermittlungen tief in Adam Wegebauers Vergangenheit.

Gleich der Beginn glänzt mit fesselnden sowie plastischen Beschreibungen des Sturmes. Es war mir dann aber fast schon zu ausführlich, da es öfter zu Wiederholungen kam. Die Geschichte lässt sich aufgrund eines flüssigen, gefälligen Schreibstils und sehr kurzen Kapiteln (Fitzek lässt grüßen) problemlos lesen. Mit einem gemächlichen Erzähltempo treibt Korn seinen Plot voran. Der Fall ist nicht superspannend, aber sehr undurchsichtig und macht von Anfang an neugierig. Die Umsetzung fand ich dann jedoch nur mäßig unterhaltsam. Das lag zum einen an dem ständigen Hin- und Hergerenne während des Sturmes und nicht komplett nachvollziehbarer Handlungen der Protas. Adams nasse Klamotten und die daraus resultierenden ‚Halsschmerzen bis zu den Ohren‘ nehmen viel zu viel Raum ein. Zum anderen bremsen ständige Rückblicke in Adams und noch einiger anderer Vergangenheiten die Geschichte aus. Für Adam und seine Schwester Elke war es keine leichte Kindheit, die immer wieder durch die Alkoholsucht und die permanenten Gewaltausbrüche des Vaters bestimmt wurde.

Dies ist der dritte Teil einer Trilogie, die alle in dem abgelegenen Bergdorf Talberg nahe der österreichischen Grenze spielen, allerdings zu unterschiedlichen Zeiten. Ich habe die Vorgängerbände nicht gelesen, dies ist auch nicht unbedingt nötig, da es sich jeweils um abgeschlossene Geschichten handelt. Das Titelbild deutet bereits eine düstere, beklemmende Atmosphäre an und tatsächlich liegt jederzeit eine große Trostlosigkeit über der kleinen Dorfgemeinschaft. Vorne auf dem Einband befindet sich eine Übersicht der handelnden Figuren. Das Buch ist in zwei Teile unterteilt und zwar in ‚Das Buch Adam‘ und ‚Das Buch Eva‘. Das Auftauchen von Eva belebt die Geschichte auf jeden Fall und sie bekommt mehr Dynamik, bevor es zum Schluss noch mal durch einige überraschende Wendungen und menschliche Abgründe spannend wird.

Ich finde die Charaktere einschließlich des traumatisierten, alkoholkranken Polizisten, der mit Dämonen aus der Vergangenheit kämpft ziemlich stereotyp gezeichnet. Auch bei weiteren Dorfbewohnern, der taffen LKA-Beamtin oder den Zugezogenen aus Warnemünde wird kein Klischee ausgelassen. Dialoge in urbayerisch sollen die Lebendigkeit steigern, als Ruhrpöttler habe ich nicht alles verstanden, konnte es mir aber aus dem Zusammenhang erklären.

Max Korn ist ein deutscher Schriftsteller, der seine Romane unter verschiedenen Pseudonymen veröffentlicht. U.a. verfasst er als Luis Sellano seine Lissabon-Krimi-Reihe. Seine Jugend verbrachte er oft in dem kleinen Ort Thalberg im Bayerischen Wald, was ihn zu seiner Trilogie über den fiktiven Ort Talberg inspirierte.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Talberg 2022 | Erschienen am 09.05.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3 45342-461-6
361 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben und Leseprobe