Autor: Nora

Jan Costin Wagner | Sommer bei Nacht

Jan Costin Wagner | Sommer bei Nacht

„Also finden Sie ihn?“
Er will etwas entgegnen. Hält inne.
„Sie müssen ihn doch finden, das ist doch Ihre Aufgabe.“
Meine Aufgabe, denkt er. Das stimmt, natürlich. „Ja“, sagt er. „Ich möchte Jannis finden, von ganzem Herzen. Ich werde alles tun, was in meiner Macht steht.“
Stille.
Seine eigenen Worte klingen nach. Er ist selbst überrascht, von der Wucht, mit der er sie ausgesprochen hat. Und darüber, dass er jedes Wort genau so gemeint hat. (Auszug Seite 57)

Eine Grundschule in Wiesbaden. Ein Sommerflohmarkt wird veranstaltet. Eltern und Lehrer verkaufen Spielzeug und andere Sachen für gute Zwecke. Schon zu Beginn der Veranstaltung kommen zahlreiche Besucher. Sarah Meininger ist Schülerin an dieser Schule, deswegen bringt sie mit ihrer Mutter und ihrem kleinen Bruder Jannis auch Spielsachen vorbei. Die drei betreten dafür das Schulgebäude, die Mutter spricht mit einer Lehrerin. Auf einmal ist Jannis verschwunden.

Wie sich schnell herausstellt, ist Jannis mit einem Mann mit großem Teddybär mitgegangen. Doch niemand kann den Mann genau beschreiben. Die ermittelten Beamten Ben Neven und Christian Sandner ermitteln routiniert, aber es ergibt sich keine schnelle heiße Spur. Eine führt nach Österreich: Dort wurde vor einiger Zeit ebenfalls ein Junge unter ähnlichen Umständen entführt und ist seitdem nicht wieder aufgetaucht.

So weit die Voraussetzungen dieses Romans, die durchaus Spannung versprechen. Allerdings sollte dem Leser beim Autor Jan Costin Wagner bewusst sein, dass dieser doch etwas andere Prioritäten in seinen Romanen setzt. Mit seiner Reihe um den finnischen Kommissar Kimmo Joentaa hat Wagner sich deutlich von üblichen Genremustern abgesetzt. Diese Krimis waren weniger Spannungsliteratur als psychologische Romane mit viel Melancholie und Lakonie und den großen Themen wie Leben, Tod und Trauer.

Insofern bewegt sich der Autor thematisch mit diesem Roman in gewohnten Gefilden. Diesmal hat er allerdings den Schauplatz Finnland verlassen und seinen Roman in Deutschland angesiedelt. Wagner setzt auf kurze Abschnitte mit regelmäßigen Perspektivwechseln, bei denen der personale Erzähler aus der Sicht und mit den Gedanken der jeweiligen Figuren berichtet. Und dabei sind Verlust, Trauer und Tod die beherrschenden Themen und Gedanken. Auch sprachlich erkennt man die von Wagner gewohnten Elemente von kurzen, präzisen Sätzen und eher nüchternem, lakonischem Stil.

Was sich allerdings bei den Joentaa-Romanen zu einer stimmigen Handlung zusammenfindet, bei der der Leser letztlich auf die Spannung zugunsten einer atmosphärisch-dichten Handlung voller menschlicher Dramen gerne verzichtet, hat sich hier in Sommer bei Nacht für mich nicht eingestellt. Obwohl der Autor sein Handwerk natürlich weiterhin beherrscht, bleiben diesmal die Figuren für mich zu weit entfernt. Für eine Geschichte über Kindesentführung und Kindesmissbrauch verzichtet Wagner erstaunlicherweise weitgehend auf die Perspektive der Betroffenen. Die Perspektive der Täter bleibt teilweise ungenutzt, konzentriert sich mehr auf die Handlungen zur Vertuschung der Tat. Eltern und Angehörige kommen nur am Rande vor. Dabei wären dies die offensichtlichen tragischen Figuren für Verlust und Trauer gewesen. Stattdessen konstruiert der Autor diese Emotionen in den Lebensgeschichten der Ermittler: Der tragische Tod einer Freundin zu Jugendzeiten, der Selbstmord der Tochter, die Entfremdung von der Ehefrau samt Andeutung eigener pädophiler Neigungen. Dies hat mich insgesamt nicht so ganz überzeugt. Der Plot mit der Kindesentführung wird meines Erachtens dadurch zu stark in den Hintergrund gerückt, die Möglichkeiten nicht genutzt. Somit war ich trotz der unbestrittenen sprachlichen Stärken des Autors dieses Mal nicht so richtig zufrieden.

Er war einfach zu müde. Und ein Gedanke hatte sich eingeschlichen, den er abstreifen wollte, aber es gelang ihm nicht, nicht ganz. Dass alles keinen Sinn hat. Dass sie Jannis nicht finden werden. Dawit auch nicht. (Seite 251)

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Sommer bei Nacht | Erschienen am 13. Februar 2020 im Galiani Verlag
ISBN 987-3-86971-208-6
320 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Tage des letzten Schnees und ein Bericht von einer Lesung mit dem Autor.

Eva Almstädt | Ostseeangst Bd. 14

Eva Almstädt | Ostseeangst Bd. 14

„Ostsee? Ripper? Der Hemmelsdorfer See lag sehr nahe an der Ostseeküste und gehörte ganz sicher zur Ostseeregion. Außerdem hatten sie es mittlerweile mit mindestens zwei Opfern zu tun. Trotzdem schien Pia der Titel „Ostseeripper“ nicht sehr glücklich gewählt worden zu sein, zielte er doch darauf ab, mit Erinnerungen an die Geschichten von „Jack the Ripper“ in London des Jahres 1888 Panik, Angst und Sensationslust zu schüren. Das machte sich gerade in der Touristensaison in den Ostseebädern schlecht.“ (Auszug Seiten 168 und 169)

Eine jugendliche Kajakgruppe entdeckt eine abgetrennte Hand in einer Feuerstelle am Hemmelsdorfer See nahe Lübeck. Kommissarin Pia Korittki und ihre Kollegen übernehmen den Fall und beginnen mit der Suche nach den restlichen menschlichen Überresten. Dann wird ein weiteres Körperteil gefunden, in einem Stall, der zum gleichen Besitzer gehört, wie der Rastplatz mit der Hand. Es handelt sich allerdings um einen zweiten Toten. Außerdem verschwindet die Betreuerin der Jugendlichen Kajakfahrer spurlos, auch nach ihr wird gesucht. Nach den ersten Zeugenbefragungen macht Pia eine zufällige Entdeckung, die das LKA betrifft, die nun also ebenfalls mitermitteln. Hängen die mittlerweile drei Ermittlungen alle zusammen? Kann dieser sehr komplexe Fall gelöst werden?

Ein umfangreicher Fall

Ostseeangst von Eva Almstädt ist der mittlerweile vierzehnte Fall um Pia Korittki. Es handelt sich hier um einen wirklich sehr umfangreichen Fall, in dem nur nach und nach so etwas wie ein roter Faden auftaucht. Trotzdem hatte ich keine Probleme damit, den Überblick zu behalten. Es werden wirklich viele Personen befragt und noch mehr Überlegungen der Ermittler geschildert, aber ich konnte beim Lesen gut folgen.

Trotzdem ein Privatleben

Die Protagonistin ist mir sehr sympathisch. Sie hat vor einem Jahr ihren Freund bei einem Unfall verloren, das beschäftigt sie natürlich noch, aber es überdeckt nicht ihr gesamtes Leben. Positiv finde ich auch, dass sie aufgrund ihres Sohnes, der sich im Kindergartenalter befindet und von dessen Vater Pia getrennt lebt, ihre Stundenanzahl bei der Arbeit reduziert hat und auch bei einem so aufwändigen Fall Zeit für ihr Kind findet. Bei vielen anderen Krimis verschwindet das Privatleben dann ja oft völlig und die Ermittler arbeiten Tag und Nacht. Aber Pia setzt gute Prioritäten, finde ich.

Aber keine Ostsee

Insgesamt bezieht sich die Geschichte überwiegend auf die Lösung des Falls, die privaten Belange aller handelnden Personen nehmen also nicht zu viel Raum ein. Es wird nicht allein aus Sicht von Pia erzählt, sondern es bekommen die meisten Hauptpersonen eine Stimme, was mir gut gefällt. Die Spannung bleibt in den Ermittlungen sehr konstant. Obwohl es lange dauert, bis erste verwertbare Ergebnisse auftreten, empfand ich keinerlei Längen beim Lesen. Einziger Wehrmutstropfen ist tatsächlich, dass mir die Ostsee, die im Titel versprochen wird, in der Geschichte fehlt.

Fazit: Ein verzwickter, aber trotzdem übersichtlicher und spannender Krimi. Klare Empfehlung!

Eva Almstädt, 1965 in Hamburg geboren und dort auch aufgewachsen, absolvierte eine Ausbildung in den Fernsehproduktionsanstalten der Studio Hamburg GmbH und studierte Innenarchitektur in Hannover. Seit 2001 ist sie freie Autorin. Eva Almstädt lebt mit ihrem Mann und zwei Kindern in Schleswig-Holstein.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Ostseeangst | Erschienen am 29. März 2019 bei Bastei Lübbe
ISBN 978-3404178216
416 Seiten | 10.- Euro
Bibliographische Angaben und Leseprobe

Auch bei uns: Weitere Regionalkrimis von Eva Almstädt, rezensiert von Andrea.

James Lee Burke | Regengötter (Hackberry Holland Bd. 2) ♬

James Lee Burke | Regengötter (Hackberry Holland Bd. 2) ♬

In einem kleinen Kaff tief im Südwesten der USA werden hinter einer alten Kirche die notdürftig verscharrten Leichen von neun Frauen gefunden. Es handelt sich um illegal eingewanderte Asiatinnen, die hier im Niemandsland nahe der mexikanischen Grenze als Prostituierte arbeiten mussten und als Drogenkuriere missbraucht wurden. Sheriff Hackberry Holland, der einen anonymen Hinweis auf das Massengrab erhielt, benachrichtigt das FBI, bleibt aber auch selbst an der Sache dran. Den Kriegsveteranen erinnert das Massaker an seine Gefangenschaft in Korea und er lässt es sich nicht nehmen, die Leichen selbst auszugraben. Bisher beschränkte sich der Dienst des über 70-jährigen Sheriffs eher auf routinierte Alkoholdelikte. Jetzt setzt der erfahrene Holland alle Hebel in Bewegung, um den einzigen Tatzeugen, einen untergetauchten Irak-Veteranen, zu finden. In dem noch jungen, traumatisierten Exsoldaten und Trinker Pete Flores sieht Holland einen Leidensgenossen.

Flores ist mit seiner Freundin, der Kellnerin und Country-Musikerin Vikki Geddes auf der Flucht vor den Hintermännern. Ihnen dicht auf den Fersen ist Jack Collins, genannt Preacher, ein Psychopath und skrupelloser Auftragsmörder. Der bibelfeste Antagonist tötet vermeintlich in göttlicher Mission und bleibt bis zum Schluss in seiner Willkür total unberechenbar. Ein blutiger Wettlauf beginnt, in deren Verlauf sich rivalisierende Drogenbarone, Frauenhändler, soziopathische Killer, Cops und FBI bekämpfen.

Das ist tatsächlich mein erster Roman vom Altmeister des Hard-Boiled-Krimis James Lee Burke. Im Mittelpunkt steht der gealterte Witwer Hackberry Holland, ein typischer Antiheld mit Alkoholproblemen und Kriegsvergangenheit. Auffallend viele starke Frauenfiguren bereichern die Story. Da ist die in Holland verliebte Chief Deputy Pam Tibbs, die zur Verteidigung ihres Chefs auch schon mal den Knüppel rausholt. Auch Vikki Geddes sowie Esther Dolan, die jüdische Frau eines Nachtclubbesitzers behaupten sich erfolgreich in der gewalttätigen Männerwelt, während der kleine, schmierige Strip-Lokal-Besitzer Nick Dolan, übrigens meine absolute Lieblingsfigur, tatsächlich noch große Zivilcourage entwickelt.

Sprach- und bildgewaltig mischt Burke ruhige Passagen mit drastischen von schonungsloser Brutalität. Sein Blick auf die komplexen Charaktere ist ungeschönt und weist ihn als Menschenkenner aus. Aber wichtiger als der Krimi-Anteil im harten Plot von Regengötter ist neben einer angespannten, bedrohlichen Atmosphäre Burkes Blick auf die Abgründe der amerikanischen Gesellschaft, in der jeder sich selbst der Nächste ist.

Dietmar Wunder gelingt es durch überzeugende Interpretationen der einzelnen Charaktere, die Geschichte lebendig wirken zu lassen. Beim Hören hatte ich ständig den Staub der rauen, kargen Einöde auf der Zunge und Bilder von flirrenden Landschaften im Kopf. Die anschaulichen Beschreibungen gaben mir das Gefühl, mitten in der Kulisse zu sein. Allein die grotesken Handlungen des durchgeknallten Wirrkopfs Preacher und die teilweise überzogenen Gewaltausbrüche der Figuren konnte ich an der einen oder anderen Stelle nicht wirklich nachvollziehen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Regengötter | Erschienen am 14. September 2015 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-3221-2
2 MP3-CDs | 14.19 Euro
Gesamtspielzeit: ca. 10 Stunden 2 Minuten
gekürzte Lesung von Dietmar Wunder
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Auch bei uns: Weitere Rezensionen zu Roman von James Lee Burke (Print).

Beeke Dierksen | Schwarze Förde Bd. 1

Beeke Dierksen | Schwarze Förde Bd. 1

„Seit dem frühen Morgen waren sie vor Ort, auf diesem offensichtlich unbewirtschafteten Acker, der auf halber Höhe zwischen Glücksburg und der Flensburger Außenförde lag. Endlose Stunden, in denen eine Grabstätte nach der anderen freigelegt worden war. Ein eisiger Wind peitschte Regenschauer über das Land, schon vor Tagen hatte sich der bis dahin goldene Oktober in einen garstigen Vorboten des Winters verwandelt. Als hätte sich das Wetter dem Horrorszenario anpassen wollen.“ (Auszug Seite 8)

Mit Hilfe eines anonymen Tipps werden sechs vergrabene Leichen auf einem Acker gefunden. Christoph Wengler und sein Team von der Bezirkskriminalinspektion in Flensburg übernehmen den Fall, ziehen aber die Operative Fallanalyse aus Kiel hinzu, also Hannah Lundgren und ihre Mitarbeiter. Nach ersten Recherchen stehen schnell die Identitäten fest und auch, dass es eine siebte Vermisste gibt. Offensichtlich wurden alle Frauen über einen längeren Zeitraum gefangen gehalten. Können Wengler und Lundgren die Täter stellen und das letzte Opfer retten?

Spannung von vorn bis hinten

Schwarze Förde von Beeke Dierksen ist meiner Meinung nach ein spannender, aber auch grausiger Kriminalroman, der eher nichts für schwache Nerven ist. Die Frauen werden nicht nur gefangen gehalten, sondern auch misshandelt, was zwar nicht in allen Details erzählt wird, aber doch genug, um es sich gut vorzustellen. Außerdem haben es die Beamten mit zum Teil stark verwesten Leichen zu tun. Der Spannungsbogen zieht sich durch das gesamte Buch, für mich gab es keine Längen. Zu Beginn laufen die Ermittlungen eher schleppend, aber dann ergibt sich ein Puzzleteil nach dem anderen und die Aufklärung wird rasant vorangetrieben.

Viele private Baustellen

Von dem Fall habe ich wirklich gern gelesen, allerdings sind mir die privaten Probleme der Kommissare etwas zu viel. Gefühlt hat jeder einen Schicksalsschlag erlitten, aber eben nicht sowas Profanes wie eine Scheidung, sondern eher todkrankes Kind, Suizid des Freundes, Medikamentenabhängigkeit oder magersüchtige Teenager-Tochter in den vermeintlichen Fängen eines Zuhälters. Wobei ich den Umgang der Mutter mit Letzterer persönlich überhaupt nicht gut finde: Anstatt zu versuchen, mit dem Teenager trotz seiner Aufmüpfigkeit ins Gespräch zu kommen und Hilfsbereitschaft und Sorge auszusprechen, kommt sie mit Hausarrest und Verboten und Meckern. Ich kann die Reaktion der Tochter da ehrlich gesagt schon verstehen.

Der erste Fall

Nach meiner Recherche ist diese Geschichte der erste Fall von Wengler und Lundgren, obwohl im Buch immer wieder Erinnerungen an frühere Fälle auftauchen, die vermuten lassen, dass es schon weitere Bände der beiden gibt. Da das aber nicht der Fall ist, finde ich es schade, dass nicht näher auf diese Andeutungen eingegangen wird, wenn Wengler beispielsweise denkt, dass er nicht wieder zu spät zu einer Rettung kommen will. Der Schluss lässt mich auch eher unzufrieden zurück: Der Fall wird zwar gelöst, aber in den privaten Bereichen bleibt alles offen. Aber vielleicht werden diese losen Enden in einem möglichen zweiten Fall aufgegriffen.

Fazit: Spannende Ermittlungen, aber etwas zu viel Schicksal bei den Ermittlern.

Beeke Dierksen ist das Pseudonym der Krimiautorin Angelika Svensson. Die Autorin wurde in Hamburg geboren und lebt heute in Norderstedt. Nach einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete sie beim Norddeutschen Rundfunk. Mittlerweile ist die Autorin freiberuflich tätig.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schwarze Förde | Erschienen am 17. Oktober 2019 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0619-4
256 Seiten | 10.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Holger Karsten Schmidt | Die Toten von Marnow Bd. 1

Holger Karsten Schmidt | Die Toten von Marnow Bd. 1

Sie sprachen kein Wort in dieser Nacht, sie rührten auch den Oban nicht an. Elling legte sich auf die Seite für Vagabunden, Lona auf die andere. Elling hielt ihre Hand. Sie beide und die Stille über Marnow.
Keinen Kilometer Luftlinie entfernt ereignete sich ein Mord. (Auszug Seite 322)

In einer Wohnung in einer Hochhaussiedlung in Rostock wird die Leiche eines Mannes gefunden. Die Kehle durchgeschnitten, im Bad aufgehängt und eine Botschaft auf die Stirn geritzt. Die Polizei findet kinderpornografisches Material auf dem Computer des Toten. Damit ist die Ermittlungsrichtung klar für Kommissarin Lona Mendt und ihren Kollegen Frank Elling. Doch dann geschieht kurz darauf ein zweiter Mord, ebenfalls mit Kehlenschnitt an einem gut betuchten Rentner auf der Terrasse eines Seniorenheims. Wo besteht der Zusammenhang zwischen den Toten? Da erhält der finanziell chronisch klamme Elling ein unmoralisches Angebot: Ein Frau behauptet, dass der erste Tote ein Kinderschänder gewesen und deswegen aus Rache umgebracht worden sei. Für die Einstellung der Ermittlungen bietet sie Elling eine enorme Summe Geld.

Doch die Ermittlungen laufen währenddessen weiter und es stellt sich heraus, dass dem ersten Opfer die Kinderpornos nur unterschoben wurden, um das tatsächliche Motiv zu verschleiern. Mendt und Elling finden eine Verbindung zum kleinen Ort Marnow am Ufer eines Sees mit kleinem Campingplatz und einer Klinik. Dort haben zu DDR-Zeiten Medikamententests westdeutscher Firmen stattgefunden, der zweite Tote hat damals in einer Pharmafirma in Hamburg gearbeitet. Scheinbar verübt hier jemand Morde aus Rache, aber es gibt auch noch weitere Personen, denen nichts an einer Veröffentlichung der damaligen Ereignisse liegt.

Dabei haben die beiden Ermittler durchaus ihr eigenes Päckchen zu tragen. Mendt kommt aus Hannover, ist eine taffe Einzelgängerin, lebt im eigenen Wohnwagen, etwas unnahbar, allerdings fällt auf, dass sie irgendetwas aus ihrer Vergangenheit mit sich herumträgt. Elling hingegen ist ein Alteingesessener, ein guter Polizist, aber mit dem Habitus eines typischen Beamten. Allerdings befindet er sich privat in einer Ausnahmesituation: Seine Mutter wird zunehmend dement, finanziell lebt er auf deutlich zu großem Fuß und, als wenn es nicht schon genug wäre, ist ihm seine Frau auch noch untreu. Das klingt nach einem in Krimis sehr oft gewählten Ermittlergespann mit ziemlichen Gegensätzen, funktioniert aber im weiteren Verlauf des Buches durchaus gut, denn vor allem die Entwicklung von Elling ist für den Leser überraschend und bringt den Roman weiter nach vorne. Was die beiden Ermittlerfiguren außerdem auszeichnet, ist die Unschärfe zwischen Recht, Gerechtigkeit und Unrecht, die beide im Laufe der Geschichte umgibt, indem sie die üblich gesetzten Grenzen (teilweise nachvollziehbar, teilweise diskutabel) überschreiten.

Und ja, es hatte sie etwas gestreift an diesem Tag. Der exakte Begriff war Lona Mendt, der Atheistin, zu religiös aufgeladen, um ihn auszusprechen, aber ihre Intuition hatte sie nicht getrogen: das Böse. (Seite 61)

Autor Holger Karsten Schmidt zählt zu den renommiertesten deutschen Drehbuchautoren. Zu meinen Favoriten unter den Filmen mit seinen Drehbüchern zählen u.a. einige Stuttgarter Tatort-Folgen mit den Kommissaren Lannert & Bootz, der exzellente Film Mord in Eberswalde über einen psychopathischen Kindermörder in der DDR (den es dort offiziell nicht geben durfte) und den Zweiteiler Gladbeck über das Gladbecker Geiseldrama. Als Romanautor ist er bis vor einigen Jahren nur selten in Erscheinung getreten. Das änderte sich aber mit der Veröffentlichung des ersten Fuseta-Krimis mit Schauplatz in Portugal, die er unter dem offenen Pseudonym Gil Ribeiro schreibt. Nun soll Die Toten von Marnow der Auftakt zu einer neuen Reihe mit den beiden Rostocker Polizisten Elling und Mendt sein.

Die Erfahrung des Autors im Drehbuchschreiben merkt man dem Krimi auch durchaus positiv an. Insbesondere die Dialoge und die Wahl und Beschreibung der Schauplätze sind sehr gelungen. Zudem punktet der Roman mit einer wahren Geschichte als Hintergrund: Die Tests mit im Westen nicht zugelassenen Medikamenten in der DDR an Freiwilligen oder sogar Ahnungslosen sind eines der zahlreichen dunklen deutsch-deutschen Kapitel (Schmidt zeigt am Ende als Beweis sogar Auszüge aus Stasi-Unterlagen). Heutzutage zieht es die Pharmafirmen übrigens in die Länder der dritten Welt.

Der Krimi wird zumeist (aber nicht ausschließlich) aus der Sicht der Protagonisten erzählt. Deren private Hintergründe (vor allem Ellings) nehmen durchaus großen Raum im Roman ein, dennoch wird über mehrere Spannungshöhepunkte die Kriminalgeschichte immer wieder vorangetrieben. Lediglich gegen Ende überzieht der Autor für meinen Geschmack bei einer etwas übertrieben Hollywood-reifen Actionszene. Alles in allem ist Die Toten von Marnow aber ein gut recherchierter, spannender Krimi mit einem Ermittler-Duo mit Potenzial.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Toten von Marnow | Erschienen am 16. Januar 2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-04794-3
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe