Autor: Nora

Viveca Sten | Das Grab in den Schären (Band 10)

Viveca Sten | Das Grab in den Schären (Band 10)

“Nora saß unten am Steg, es war erst halb acht. Sie hatte sich mit ihrem Kaffee nach draußen gesetzt, um eine Weile für sich zu sein, bis die Familie wach wurde. Es war ein schöner Morgen. Dünne Wolken streichelten den blauen Himmel, Sonnenglitzer tanzte auf dem Wasser. In der Ferne bei Eknö hielt ein Segelboot schnurgerade Kurs auf Sandhamn.” (Auszug Seite 29)

Auf Telegrafholmen, der Schäreninsel gegenüber von Sandhamn, werden bei Bauarbeiten Teile einer Leiche entdeckt. Die Überreste können kaum zur Identifizierung genutzt werden, aber sie liegen dort schon zehn Jahre. Thomas Andreasson beginnt mit den Ermittlungen und stößt auf zwei Vermisstenanzeigen, die eventuell mit dem Grab in Verbindung gebracht werden können. Nora Linde, eine alte Schulfreundin von Thomas und derzeit krankgeschriebene Staatsanwältin, verbringt den Sommer in ihrem Haus auf Sandhamn. Sie hört von dem Fund und auch von dem einen Vermisstenfall, bei dem es um eine junge Frau geht, die auf Sandhamn verschwunden ist. Es lässt ihr keine Ruhe und sie beginnt trotz ihrer Krankschreibung auf eigene Faust zu recherchieren und begibt sich damit in Lebensgefahr…

“Das Grab in den Schären” von Viveca Sten ist bereits der zehnte Fall um Thomas Andreasson und Nora Linde. Ich bin auf diese Reihe aufgrund der Verfilmungen aufmerksam geworden und habe daraufhin alle Bände gelesen und mich sehr auf diesen neuen Fall gefreut. Aktuell gibt es in der ZDF-Mediathek übrigens vier neue Folgen “Mord im Mittsommer”.

Spannung durch zwei Zeitebenen
Die Geschichte ist in zwei Zeitebenen aufgeteilt, einmal die aktuellen Ermittlungen und dann ab und zu einige Kapitel der zwei Vermissten von vor zehn Jahren, deren Fälle im Rahmen der Mordermittlung neu aufgerollt werden. Das erhöht den Spannungsbogen erheblich, denn als Leser habe ich so ab und zu einen kleinen Vorsprung bekommen. Ansonsten sind es wirklich mühselige Recherchen, die nur ab und zu etwas Neues und oder brauchbares ergeben, aber trotzdem nicht langatmig sind. Das Ende kann dann noch überraschen und wird etwas dramatischer, aber für meinen Geschmack nicht zu übertrieben.

Nora ist psychisch etwas angeschlagen
Das Privatleben der beiden Protagonisten wird in dieser Geschichte nicht ausgeklammert, von Nora gibt es mehr zu lesen, sie ist ja im Grunde auch privat unterwegs, von Thomas werden nur kurze Sequenzen geschildert. Nora finde ich in diesem Buch nicht ganz so sympathisch wie in den vorherigen. Die letzte Ermittlung, in die sie als Staatsanwältin involviert war, Band neun, hat sie psychisch sehr mitgenommen, deshalb auch die Krankschreibung. Sie lässt sich aber natürlich nicht professionell helfen, das wäre ja zu einfach, und frisst ihre ganzen Ängste lieber in sich hinein oder betäubt sie mit Alkohol oder Schlaftabletten. Um sich selbst aus dieser Spirale zu reißen, beginnt sie dann mit ihren eigenen Ermittlungen, obwohl das gegen Dienstvorschriften verstößt.

Meine Lieblingskulisse
Ansonsten übt die Kulisse natürlich den größten Reiz auf mich aus. Insel und Meer sind mein absoluter Favorit und davon gibt es im Stockholmer Schärengarten ja genug. Die Beschreibungen sind auch recht detailliert ohne langatmig zu werden und lassen mich die aktuellen Reisebeschränkungen noch mehr bedauern. Nach den Romanen von Viveca Sten ist Sandhamn in jedem Fall eine Reise wert.

Fazit: Spannende Ermittlungen mit einem Ende, das überraschen kann und einem wundervollen Schauplatz.

Viveca Sten war Chefjuristin bei der dänischen und schwedischen Post, bevor sie sich ganz dem Schreiben widmete. Sie wohnt mit Mann und drei Kindern vor den Toren von Stockholm. Seit sie ein kleines Kind war, hat sie die Sommer auf Sandhamn verbracht, wo ihre Familie seit mehreren Generationen ein Haus besitzt. Ihre Sandhamn-Krimireihe feiert weltweit Erfolge und wurde fürs ZDF verfilmt. (Verlagsinfo)

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Das Grab in den Schären | Erschienen am 4. März 2021 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN: 978-3-462-05217-6
416 Seiten | 16,00 €
Originaltitel: I hemlighet begravd (Übersetzung aus dem Schwedischen von Dagmar Lendt)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Martin Michaud | Aus dem Schatten des Vergessens (Band 3)

Martin Michaud | Aus dem Schatten des Vergessens (Band 3)

Mit dem Prädikat „Thriller“ wird verschwenderisch umgegangen, auch in diesem Fall verbirgt sich hinter der Ankündigung tatsächlich eher ein klassischer „Police Procedural“, ein Kriminalroman, den man in Franko-Kanadien, wo er entstanden ist „Polar“ nennt, und den man gut vergleichen kann mit einem „Nordic Noir“, einem der bei uns so beliebten Skandinavien-Krimis. Der Schauplatz Montréal war für mich ebenso neu wie der Autor Martin Michaud, und es hat sich gelohnt, beide kennenzulernen.

Der Roman kommt recht düster daher, es ist kurz vor Weihnachten, Zeit der Wintersonnenwende, es ist kalt, es wird früh dunkel und es schneit unaufhörlich in Montréal. Auf die Kollegen und die Kollegin im Dezernat Gewaltverbrechen beim Service de Police municipal de la ville de Montréal (SPVM) kommt eine Menge Arbeit zu, und auf den Leser warten Verbrechen, die ebenso ungewöhnlich wie grausam sind, die explizite Gewalt, die hier hemmungslos ausgeübt und ebenso drastisch geschildert wird, dürfte nicht jedem gefallen.

Gleich drei Tote werden kurz nacheinander aufgefunden: eine emeritierte Professorin, Fachbereich Psychiatrie, erhält eine mysteriöse Nachricht: eine junge Punkerin raunt ihr zu „I didn´t shoot anybody, no Sir!“, den Satz, den der Attentäter nach der Ermordung Präsident John F. Kennedys vor der Untersuchungskommission äußerte. Kurz darauf wird sie entführt und bestialisch hingerichtet. Gleichzeitig erhält ein betagter Anwalt, Teilhaber einer renommierten Kanzlei, eine rätselhafte Warnung und taucht in Panik unter, wobei er eine Akte aus dem Archiv mitnimmt und verschwinden läßt. Aus seinem Autoradio ertönt plötzlich eine Kassette mit der Stimme Lee Harvey Oswalds: „I emphatically deny these charges.“ Dann wird auch er verschleppt und findet einen grässlichen Tod, ebenfalls durch ein mittelalterliches Folterinstrument. Schließlich stürzt sich ein Obdachloser vor den Augen einer Polizistin von einem Hochhaus. Er läßt zwei Brieftaschen zurück, die den beiden Mordopfern gehörten. Bevor er springt, beteuert er: „Ich hätte auch gern Erinnerungen. Die haben mir zu viel am Gehirn rumgemacht. Ich bin nicht mehr richtig im Kopf.“ Es stellt sich heraus, dass er seit langem immer wieder in psychiatrischer Behandlung war, weil er an einer bipolaren Störung erkrankt ist. In seinem Zimmer findet man Papptafeln mit unverständlichen Aufzeichnungen.

Erinnerung ist ein Leitmotiv des Romans, der im Original „Je me souviens“ heißt, Ich erinnere mich. An entscheidenden Stellen der Geschichte wird der Satz mehrfach zitiert. Warum Hoffmann & Campe daraus einen derart sperrigen Titel machte, kann ich nicht nachvollziehen. Rätselhaft auch die Entscheidung des Verlags, mit der Veröffentlichung der bisher fünfteiligen Serie in der Mitte zu beginnen. Die englische Ausgabe, ebenfalls als Thriller beworben, kam unter dem Titel „Never forget“ auf den Markt. Auch in den USA startete die Reihe mit diesem dritten Band. (Allerdings mit einem Vorwort des Autors, in dem er kurz zusammenfasst, „Was bisher geschah“). Auf seiner Website empfiehlt Michaud allerdings, seine Bücher in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu lesen, um die Entwicklung seiner Figuren verstehen zu können. In der deutschsprachigen Version fehlen solche Hilfen zum Verständnis, hier bleibt der Leser mit Andeutungen allein, die Michaud hin und wieder ohne Erläuterung in den Text einbaut und die deshalb rätselhaft bleiben. Eine Fernsehserie nach seinen Romanen, für die Michaud die Drehbücher schrieb, wurde mit 10 Episoden der ersten Staffel auch mit „Je me souviens“ begonnen. Dem Vernehmen nach hat das ZDF die Rechte an der Serie gekauft.

In einem fast philosophischen Vorwort klingt das Kernthema bereits an:

„Was was ist wirklich wichtig? Was ich bin oder das Bild, das ich von mir habe? Was in meinem Leben geschieht oder die Vorstellung, die ich mir davon mache? Ich bin nur ein Nichts, eine Abstraktion. Ich bin nichts von dem, was ich geglaubt habe zu sein. Ich bin ohne Identität.“

Die Frage nach der eigenen Identität treibt auch den Hauptdarsteller der Krimireihe um. Das ist Sergent-Détectiv Victor Lessard (in Kanada erscheint die Serie unter dem Titel „Une enquête de Victor Lessard“), ein Polizist, dem der Autor einige schwere Lasten aufgebürdet hat. Er hat früh seine Familie unter entsetzlichen Umständen verloren und lebte als Jugendlicher in verschiedenen Heimen, immer wieder auch auf der Straße, bis ein schwules Paar ihn aufnahm. Nach einer schweren Verletzung bei einem Einsatz verfiel er dem Alkohol, stürzte in eine Depression. Die Ehe zerbrach. Er ist Alkoholiker, seit kurzem trocken aber ständig in Versuchung, wieder zur Flasche zu greifen. Er schafft es auch nicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Gerade kommt er aus der Reha, leidet unter PTBS und einigen Phobien, zum Beispiel einer Angststörung und muss deshalb häufig zu Medikamenten greifen. Der ständig gereizte Neurotiker neigt zu Stimmungsschwankungen,zu Schwermut und Wutausbrüchen. Manchmal grübelt er, ob er sich vor dem fürchten sollte, was aus ihm geworden ist.

Der einen Meter neunzig große Mittvierziger achtet auf seine Ernährung, die athletische Figur verdankt er regelmäßigen Besuchen im Fitness-Studio. Victor ist eitel, aber trotz seines schwierigen Charakters bringt man ihm einige Sympathien entgegen, weil er immer wieder an Körper und Seele verletzt wird und sich trotzdem wieder aufrappelt. Gerade hat er die Hoffnung, dass sich alles endlich zum Guten wendet. Er lebt seit ein paar Monaten in einer Beziehung mit einer jungen, höchst attraktiven Kollegin. Seither schwebt er auf Wolke sieben. Aber auch dieses Glück scheint er zu zerstören: Weil er wieder einmal ausrastet, verletzt er seine Geliebte tief, die Beziehung scheint unwiderruflich beendet. Grund ist sein Sohn, der der wieder einmal in Schwierigkeiten steckt. Er war immer schon ein Problemkind, und Victor macht sich Vorwürfe, dass er über seine Fürsorge für ihn die Tochter vernachlässigt hat.

Seine Partnerin Jacinte Taillon, 40, ist seit 20 Jahren mit Ehefrau Lucille verheiratet. Michaud definiert sie praktisch ausschließlich über ihr Äußeres und porträtiert sie sehr unvorteilhaft, ja unattraktiv. Weiche Gesichtszüge, kurze Haare, Fettpolster, allergisch gegen Make-up. Ständig stopft sie irgend etwas in sich hinein, bei jeder Gelegenheit hat sie eine Chips- oder Donuts-Tüte in der Hand. Bis auf solche Klischees erfahren wir wenig über sie, eine Vergangenheit scheint sie überhaupt nicht zu haben, in der Gegenwart erleben wir „die dicke Taillon“ als Zicke. Sie ist zynisch bis boshaft, spöttisch bis verletzend, ihren Partner provoziert sie wo es geht mit diebischem Vergnügen. Sie besitzt kein Einfühlungsvermögen, ist taktlos und ungehobelt und gerne einmal vulgär. Darüber hinaus erweist sie sich als wenig teamfähig. Ständig boykottiert sie den Fortgang der Ermittlungen, indem sie den Theorien ihrer Kollegen widerspricht und deren Erkenntnisse ins Lächerliche zieht, rechthaberisch nur ihre eigenen Theorien gelten lässt.

Immerhin zeigt sie, wenn Victor ernsthaft in Schwierigkeiten steckt oder wieder einmal bei einem Einsatz einstecken muss, menschliche Regungen und scheint sich echt zu sorgen um ihren Partner. Man kann aber nicht behaupten, dass Victor und Jacinthe harmonieren, im Gegenteil. Ständig streiten die beiden, selbst über Kleinigkeiten. Aber auch wenn er wieder einmal bis zur Weißglut gereizt wird, bleibt Victor loyal. Wenn es die Situation erfordert, arbeiten die ungleichen Partner sogar erfolgreich zusammen und in brenzligen Situationen können sie sich aufeinander verlassen. Allerdings sind Jacinthes Methoden nicht immer im Einklang mit den Dienstvorschriften, da wird schon mal ein Zeuge „eingeschüchtert“ oder es geht eine Tür zu Bruch. Im Einsatz kann sie Victor gewöhnlich nicht folgen und schnauft hinter ihm her. Sobald sie aber am Steuer sitzt, ist sie von allen guten Geistern verlassen. Praktisch jede Autofahrt wird zu einem Rennen, Jacinthe drückt das Gaspedal immer bis auf die Bodenplatte durch und rast in unverantwortlicher Weise durch die Stadt.

Victor läßt sich durch das Gebaren seiner Kollegin nicht aus dem Konzept bringen, er bleibt seiner Linie treu und gibt die Richtung vor, in die ermittelt wird. Und er hat dabei meist das richtige Gespür, auch wenn er mitunter in einer Sackgasse landet oder Umwege gehen muss. Schritt für Schritt kommt man der Lösung näher, auch wenn dabei mehrmals der Zufall helfen muss. Nach und nach können die Ermittler die kryptischen Kritzeleien des Obdachlosen entschlüsseln und gewinnen so wichtige Hinweise auf Geschehen in der Vergangenheit, in denen offensichtlich der Ursprung für die gegenwärtigen Verbrechen liegt. Sind sie dem Rachefeldzug eines Opfers von menschenverachtenden Experimenten der CIA auf der Spur? Der tote Obdachlose war, so stellt sich heraus, Teil des so genannten MK ULTRA-Projekts, bei dem CIA und militärische Einrichtungen bis in die siebziger Jahre mittels Versuchen an Menschen Methoden der Bewusstseinsmanipulation erprobten.

Vincent und Jacinthe recherchieren in diese Richtung, verfolgen aber auch andere Spuren, sammeln unermüdlich belastende Hinweise und haben bald mehrere Verdächtige im Visier, einige Theorien, aber keine Beweise. Und dann gibt es weitere Leichen, neue brutale Gewalt. Jacinthe darf sich eine rasante Verfolgungsjagd mitten im Stadtzentrum liefern, mit katastrophalem Ergebnis. Wieder stehen die Ermittler mit leeren Händen da. Vincent geht hartnäckig auch Ansätzen nach, die von den Kollegen als abwegig betrachtet werden. Rückendeckung bekommt er aber von seinem Chef. Der hat selbst einen privaten Schicksalsschlag zu verkraften, führt aber seine Dienstgeschäfte umsichtig und gewissenhaft. Zu seinen Mitarbeitern ist er freundlich, aber streng. Er erwartet Disziplin, stellt sich aber immer hinter seine Leute, wenn es Schwierigkeiten gibt. Auch Victor kann auf ihn zählen, sogar eine Reise nach Dallas wird genehmigt, als er einen Zeugen zu den Umständen der Ermordung Kennedys befragen will. Einige vage Anhaltspunkte lassen eine Verbindung von mehreren ihrer Verdächtigen mit dem Attentat von 1963 möglich erscheinen. Immerhin bekommt Victor mehrere Hinweise, die seine Spekulationen in Bezug auf die aktuelle Mordserie stützen. Dass Michaud hier die alte Verschwörungstheorie aufgreift und in seine Geschichte integriert, nach der es ein Mord-Komplott mit mehreren Tätern gab, ist nicht nur sehr weit hergeholt, sondern für das Funktionieren des Plots auch absolut entbehrlich.

Montréal, Michauds Heimatstadt, spielt in seinen Romanen um Sergent-Détectiv Lessard eine eigene, wichtige Rolle. Die Topographie der Metropole am Fleuve Saint-Laurant, die mit viel Liebe zum Detail beschrieben wird, trägt wesentlich zur Stimmung bei, natürlich auch durch die besondere Atmosphäre der winterlichen Tristesse. Michaud hat sich zudem einige höchst eindrucksvolle Schauplätze ausgedacht, die er effektiv in Szene setzt. Aber Lessard ist auch auf den Straßen, Plätzen und Boulevards in unterschiedlichen Vierteln unterwegs und zeigt uns, in welche Läden man geht und welche Kneipen angesagt sind. Michaud erwähnt einige Male Sänger und Sängerinnen und gibt Zeilen aus ihren Liedern wieder, er berichtet, welche Hockeymannschaften unterstützt werden und für welche Baseball-Teams man schwärmt, er zitiert einen angesagten Dichter und sein einflussreiches Werk sowie dessen Schlüsselrolle in einem richtungsweisenden Film. Kurzum, wer will, erfährt aus erster Hand eine Menge Interessantes über das Alltagsleben in der Provinz Quebec. Es lohnt sich, ein wenig Geduld aufzubringen und sich auf diese Randbemerkungen einzulassen, auch wenn sie das Tempo aus der ansonsten flott vorgetragenen Mördersuche nehmen und kurzfristig ablenken.

Mehrfach bettet Michaud unvermittelt und scheinbar willkürlich Rückblicke auf politische Ereignisse der jüngeren Geschichte Québécs ein, die nur sehr lockere Berührungspunkte mit dem Kriminalfall haben. Es geht dabei um die Bemühungen der Québécois um Unabhängigkeit von anglophoner Dominanz, um die Sehnsucht nach eigener Identität, um das Verlangen, das politische und kulturelle Leben mitzugestalten. Michaud thematisiert einige Eckpunkte, ohne sie zu kommentieren oder zu bewerten. Das deutsche Publikum darf getrost über diese Details hinweglesen, für die Krimihandlung sind sie nicht relevant. Es lohnt sich natürlich dennoch, den einen oder anderen Fakt nachzuschlagen und sich mit Kultur und Geschichte der Frankokanadier zu beschäftigen. Dann erfährt man, dass das Motto „Je me souviens“ auch das Wappen der Provinz Québéc ziert, es wurde zudem beim Bau des Parlaments über dem Eingang eingemeißelt. Und schließlich prangt der Slogan auf jedem Kfz-Kennzeichen.

Die dicke Schwarte von 640 Seiten erfordert viel Kondition um, bei der Stange zu bleiben, und erst recht Konzentration und ein gutes Gedächtnis, um im Wirrwarr der Handlungsfäden den Überblick zu behalten und die schier unendliche Zahl der Handelnden Personen über einen langen Zeitraum und auf verschiedenen Ebenen richtig zuordnen zu können, die noch dazu mal mit ihrem Vornamen, mal mit Nachnamen, dann wieder mit einem Spitznamen oder auch nur ihrer Funktion angesprochen werden. Manche tauchen auf und gleich wieder ab, manche spielen nur eine kleine Rolle oder gar keine, aber alle werden detailliert, lebendig und anschaulich beschrieben, wenn auch oft hauptsächlich über ihr Äußeres.

Der Plot folgt einem sorgfältig geplanten Aufbau: Fünf größere Abschnitte, 95 kurze Kapitel, zum Teil scheinbar willkürlich eingeteilt, vertrackt verschachtelt und raffiniert miteinander verbunden. Die Kapitel lassen sich zeitlich sehr gut einordnen, Datumsangaben erleichtern den Überblick im sprunghaften hin und her und vor und zurück. Es dauert, bis die unterschiedlichen Erzählstränge etabliert sind, und dann braucht es lange, bis das unübersichtliche Gestrüpp all der Handlungsfäden entwirrt ist und neu verknüpft zu einer stimmigen Geschichte, die mit einer sehr gelungenen Auflösung der verschiedenen Rätsel endet.

Dabei bewegt sich die Erzählung meist auf sprachlich hohem Niveau. Der Stil ist nüchtern, präzise, mit stimmigen, einfallsreichen, manchmal poetischen Bildern. Aber dann landet man plötzlich bei grauenhaften Plattitüden, sich wiederholende Allgemeinplätzen, einem hölzernen, holprigen, unbeholfenen Schreibstil, der irritiert und das Lesevermögen einschränkt. Geschuldet ist dies einer für mich unverständlichen Entscheidung des Verlages, zwei Übersetzer zu beschäftigen. Während das Unterfangen in einem Teil des Romans offenkundig trefflich gelungen ist, scheiterte die Arbeit im anderen mehr oder weniger kläglich, zudem ärgern etliche Fehler.

Victor und Jacinthe tun sich schwer mit ihren Ermittlungen im Gestrüpp der undurchsichtigen Verbindungen. Immer wieder gibt es unvorhergesehene Volten und damit neue Mutmaßungen, die bald wieder verworfen werden. Entscheidende Erkenntnisse bringt schließlich die Akte, die Lawson verschwinden ließ. Als sich eine weitere Entführung ereignet, läuft Victor und Jacinthe die Zeit weg. Bis sie endlich das Versteck der Geisel ausmachen können, ist es schon fast zu spät.

Die angekündigte „Sensation“ ist der Roman nicht, aber grundsolide, gut geschriebene Krimiunterhaltung, an der ich nicht viel zu kritisieren habe. Vier Sterne für diesen Band der Lessard-Reihe. Zwei weitere Folgen sind noch für dieses Jahr angekündigt, aber ich werde erst dann wieder zu Michaud greifen, wenn seine ersten beiden Krimis auf Deutsch erscheinen.

 

Foto & Rezension von Kurt Schäfer.

Aus dem Schatten des Vergessens | Erschienen am 05. November 2020 im Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-01007-7
640 Seiten | 16,90 €
Originaltitel: Je me souviens (Übersetzung aus dem kanadischen Französisch von Anabelle Assaf und Reiner Pfleiderer)
Bibliografische Angaben

Michael Connelly | Night Team (Band 2/21)

Michael Connelly | Night Team (Band 2/21)

Der Mann öffnete und schloss einen weiteren Schub. Ballard nutzte das Scheppern, um das Knarzen ihres Stuhls zu überdecken, als sie aufstand. […] Sie legte die Hand auf den Griff der Pistole und blieb drei Meter hinter dem Mann stehen.
„Was machen Sie da?“
Der Mann erstarrte. Dann nahm er langsam die Hände aus dem Schub, den er durchsucht hatte, und hielt sie so hoch, dass Ballard sie sehen konnte.
„So ist es gut“, sagte sie. „Und würden Sie mir jetzt vielleicht erklären, wer Sie sind und was Sie hier suchen?“
„Bosch der Name“, sagte der Mann. „Ich wollte mich mit jemand treffen.“ (Auszug S.19)

Den Mann, den Detective Renée Ballard bei Durchstöbern von Akten in ihrer Dienststelle überrascht, ist also kein geringerer als der legendäre Harry Bosch. Er ist inzwischen nicht mehr beim LAPD, sondern als Reserve-Officer beim San Fernando Police Department. Obwohl sich Bosch herausreden kann, forscht Ballard nach, in welchem Fall Bosch Nachforschungen anstellt. Dabei wird ihr Interesse an dem Fall ebenfalls geweckt.

Vor neun Jahren wurde die Leiche der 15jährigen Ausreißerin und Prostituierten Daisy Clayton in einem Müllcontainer gefunden, sexuell missbraucht, gefoltert und stranguliert. Die Leiche wurde anschließend ausgiebig mit Bleichmittel behandelt, so dass keine verwertbaren Spuren zu finden waren. Der Täter wurde nicht ermittelt, der Mordfall ist ein Cold Case. Bosch hat ein privates Interesse an dem Fall. Ballard bietet ihm an, den Fall gemeinsam und auch offiziell zu bearbeiten. Doch das muss neben ihrer eigentlichen Arbeit stattfinden, denn beide haben noch weitere Fälle zu bearbeiten. So ermittelt Ballard in einem Todesfall einer alleinstehenden Frau, der zunächst wie ein Mord aussieht. Bosch hingegen hat einen weiteren Cold Case, der aber ungleich brisanter ist. Vor vierzehn Jahren wurde ein ranghohes Gangmitglied hingerichtet, der Täter (auch mangels Interesse) nie gefasst. Nun treibt Bosch einen Zeugen auf, der ihm widerwillig wichtige Hinweise liefert. Doch damit tritt Bosch in ein Wespennest von sehr gefährlichen Gangstrukturen und begibt sich einmal mehr in eine brenzliche Situation.

In Bosch weckte das Hubschraubergeräusch am Himmel Hoffnung. Aber der Mann, der ihn bewachte, versetze es in Panik. Bosch hatte die ganze Nacht versucht, eine Beziehung zu ihm herzustellen. Er hatte ihm nach seinem Namen gefragt und gebeten, seine Fesseln zu lockern und ihn aus dem Käfig zu lassen, um seine verkrampfte Beine zu dehnen. Und er hatte ihn gefragt, ob er sich wirklich mit der Ermordung eines Cops belasten wollte. (Auszug S.311)

Nachdem im letzten Roman „Late Show“ Renée Ballard als neue Figur eingeführt wurde und ihre Vorgeschichte sowohl privat (traumatischer Tod des Vaters beim Surfen, Abkehr von ihrer Mutter) als auch beruflich (abgewiesene Dienstbeschwerde gegen ihren Vorgesetzten wegen sexueller Nötigung und Versetzung zur Nachtschicht) großen Raum in der Story einnahmen, ist dies diesmal eher ein wenig kleiner und dosierter gesetzt. Dafür ist Boschs Privatleben etwas stärker im Fokus, auch weil es einen direkten Fallbezug hat. Während einer verdeckten Ermittlung hatte Bosch Elizabeth Clayton kennengelernt, die Mutter der ermordeten Daisy. Elizabeth hat den Tod ihrer Tochter nie überwunden und war in die Drogenabhängigkeit und Obdachlosigkeit abgeglitten. Nach einem Entzug hatte Bosch ihr angeboten, bei ihm im Haus unterzukommen. Dies ist nun schon mehrere Monate her und seitdem versucht Bosch, den Tod Daisys aufzuklären, um für Elizabeth einen Abschluss zu finden.

Die Kombination von mehreren Serienfiguren eines Autors ist nichts Neues. Michael Connelly hat dies selbst schon vorgemacht, so hatten seine weiteren Figuren Michael Haller und Terry McCaleb schon gemeinsame Auftritte mit Bosch. Seine äußerst erfolgreiche Reihe um den Ermittler Hieronymus „Harry“ Bosch besteht nun schon seit 1992, in dieser Reihe wäre „Night Show“ der 21.Band mit Harry Bosch. Einen weiteren Roman mit Bosch und Ballard („The Night Fire“) hat Connelly bereits im Original veröffentlicht.

Die Kombination der beiden Figuren funktioniert wirklich gut. Trotz gewisser Eigenarten sind sich beide Ermittler schon ähnlich, beider Leben sind stark auf ihren Beruf ausgerichtet. Bosch verzögert sogar ärztliche Behandlungen, weil er die Dienstunfähigkeit fürchtet. Sowohl Bosch als auch Ballard sind akribisch, engagiert und mit einem ausgeprägten Sinn für Gerechtigkeit ausgestattet, dem sie manche Regeln unterordnen. In ihrer moralischen Integrität kommen sie dabei auch ein wenig unnahbar rüber und lassen es auch auf Konflikte ankommen.

Insgesamt ist „Night Team“ ist ein klassischer Polizeikrimi, der mehrere Ermittlungen begleitet, die Vorgänge bei der Polizei beleuchtet und die Polizisten bis in ihr Privateben folgt. Connelly macht dies zwar nicht überdingt spektakulär, aber enorm souverän in Figuren, Setting und Plotentwicklung. Einziger Wermutstropfen für mich war, dass er es erfahrenen Krimilesern zu einfach macht, auf den Täter im Mordfall Daisy Clayton zu kommen. Aber das lässt sich verschmerzen, „Night Team“ ist ein im besten Sinne routinierter Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Night Team | Erschienen am 25.03.2021 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12536-5
446 Seiten | 19,90 €
Originaltitel: Dark Sacred Night (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sepp Leeb)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu „Late Show“ von Michael Connelly

Iain Reid | The Ending

Iain Reid | The Ending

„Ich trage mich mit dem Gedanken, Schluss zu machen.“ (Auszug Buchanfang)

Psychothriller sind eigentlich schon seit einiger Zeit gar nicht mehr mein Beuteschema. Irgendwie kann mich da nichts mehr überraschen, gefühlt habe ich schon alles gelesen. Der Überraschungshit des Kanadiers Iain Reid wirbt unter anderem mit dem Zusatz „subtiler Psycho-Horror für Fans von Stephen King und Hitchcock“. Das catchte mich und nachdem ich mir die Lektüre näher angeguckt hatte, fand ich auch interessant, dass die Meinungen sehr weit auseinandergehen. Leser feiern es oder sind total gelangweilt. Nachdem Netflix 2020 den Roman adaptierte, gab es auch ein Hörbuch und das habe ich mir kurzentschlossen über Audible runtergeladen.

Eine junge Liebe
Im kanadischen Winter steigt eine junge Frau zu ihrem Freund ins Auto. Sie kennen sich erst seit ein paar Wochen und sind auf dem Weg zu seinen Eltern. Jake will ihr zeigen, wo er herkommt und aufgewachsen ist. Auf der langen Autofahrt durch die einsame Schnee-Landschaft lässt die namenlose Ich-Erzählerin den Leser an ihren Gedanken und Eindrücken teilhaben. Sie ist hin- und hergerissen und überlegt, die Beziehung zu beenden. Als Leser oder Hörer sitzt man mit im Auto und erfährt in Rückblenden, wie die beiden Studenten sich kennengelernt haben. Weiter nehmen wir an den Gesprächen des Paares teil, die sich um Alltags- und psychologische Themen handeln, wobei die Dialoge manchmal etwas seltsam wirken, dann wieder schon fast philosophisch anmuten und zum Nachdenken anregen. Trotz tiefer Verbundenheit reden sie jedoch auch oft aneinander vorbei. Die ganze Zeit spürt man eine große Distanz zwischen den Figuren und fragt sich, was da los ist. Sie erzählt Jake nichts von den mysteriösen Anrufen, die sie seit geraumer Zeit erhält und die sie sehr beunruhigen. Auch während der Fahrt erreichen sie anonyme Sprachnachrichten auf ihrem Handy, die sie Jake verheimlicht.

Ein Kammerspiel
Dadurch dass ein großer Teil des Psychothrillers auf kleinem Raum stattfindet und man nicht durch zu viele Settings oder Nebenfiguren abgelenkt wird, verstärkt sich der Eindruck eines Kammerspiels. Die Stimmung ist angespannt und unbehaglich, ohne dass man das richtig greifen kann. Die Protagonistin empfindet diffuse Ängste, auch der Leser spürt deutlich, dass großes Unheil aufzieht. Dann gibt es noch einen Teil auf der Farm bei Jakes Eltern. Auch während des gemeinsamen Essens verhalten sich alle mehr als eigenartig und es passieren seltsame fast surreale Dinge. Das ist alles schon verstörend und man kann verstehen, dass die junge Frau die Farm gerne wieder mit Jake verlassen und trotz immer stärker werdendem Schneefall nicht das Übernachtungsangebot seiner Eltern annehmen möchte.
Unterbrochen wird der Roman von Einschüben, in denen es um die Gedanken von Augenzeugen zu einem tragischen Todesfall geht. Man wird darüber informiert, dass etwas Grauenhaftes passiert. Das lässt bereits erahnen, dass das junge Paar unaufhaltsam auf eine Katastrophe zusteuert. Dem Autor gelingt es durch seinen intensiven Schreibstil mit prägnanten und knappen Sätzen, teilweise nur Satzfragmenten eine beklommene und immer bedrohlicher werdende Atmosphäre mit subtilem Horror zu erzeugen.

Das Ende
Wie man schon vermuten kann, ist das Besondere das Ende. Nach einem spannenden Showdown kommt es zum Schluss zu einem Plot-Twist, den ich so nicht erwartet hatte und der mich auch nach dem Ende des Romans noch lange beschäftigt und nicht so richtig losgelassen hat. Dabei hätte man darauf kommen können, die Hinweise waren da. Es gibt genug Andeutungen, die Raum zum Spekulieren lassen und nach dem Erscheinen des Buches zur Gründung einer Website zum Austausch führten. Am liebsten würde ich jetzt den Thriller noch mal lesen. Dabei habe ich mich gerne von der Schauspielerin Alexandra Sagurna durch die Geschichte tragen lassen, die einen Sog entfaltet und mich nicht eine Minute gelangweilt hat.

Es handelt sich nicht um einen Psychothriller im klassischen Sinn. Das erklärt vielleicht die vielen unterschiedlichen Bewertungen, da Leser etwas anderes erwartet haben und enttäuscht wurden. Es ist mehr ein ungewöhnliches, melancholisches und geschickt inszeniertes Psychodrama über eine menschliche Tragödie. Ein atmosphärisch düsteres Lese- sowie Hörereignis, dessen Ende sicher einige Leser etwas ratlos zurücklässt.

„The Ending“ ist das Romandebüt des gebürtigen Kanadiers Iain Reid, Jahrgang 1980, der aktuell in Ontario lebt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

The Ending | Das Taschenbuch erschien am 02. November 2017 im Droemer Verlag
Aktuell verfügbar als E-Book
ISBN: 978-3-426-45004-8 | 12,99 €
Originaltitel: I’m Thinking of Ending Things (Übersetzung aus dem Englischen von Anke Kreutzer und Dr. Eberhard Kreutzer)
Bibliografische Angaben und Leseprobe

 

Ilka Dick | Tod zwischen den Meeren (Band 2)

Ilka Dick | Tod zwischen den Meeren (Band 2)

„In der Ferne sah sie die Lichter von Föhr. Irgendwo dahinter lag das Festland, in der Schwärze der Nacht. Führte die Spur sie dorthin? Würden sie dort die Antworten auf all ihre Fragen finden? Sie schlang die Arme um den Körper. Ihr wurde kalt.“ (Seite 130)

Hauptkommissarin Marlene Louven ist vor kurzem ertaubt, kann aber mit speziellen Implantaten trotzdem hören. Nun beginnt sie wieder bei der Kripo Schleswig zu arbeiten und übernimmt die ungelösten Fälle. Ihre erste Ermittlung ist ein Vermisstenfall, bei dem eine Frau von der Insel Amrum vor über drei Jahren spurlos verschwunden ist, ihre Leiche wurde nie gefunden. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Simon Fährmann beginnt sie diesen Fall neu aufzurollen und schon bald gibt es neue Hinweise, die nach und nach ein wahnsinniges Verbrechen zutage fördern…

Eine ertaubte Kommissarin
„Tod zwischen den Meeren“ von Ilka Dick ist der zweite Fall um die Kommissarin Marlene Louven. Im ersten Teil hat die Protagonistin gerade ihr Gehör verloren, in diesem Buch ist es etwa ein Jahr her und sie hat sich mit der Technik und der neuen Geräuschkulisse einigermaßen eingespielt. Diese Besonderheit der Polizistin fand ich sehr interessant zu lesen, da ich mich mit dem Thema noch nie weiter befasst und mir auch keine Gedanken dazu gemacht habe. Mir wurde bewusst, wie umständlich es mit Implantaten im Alltag sein kann, welche Schwierigkeiten auftreten können, aber auch wie unglaublich weit die Technik ist, dass Hören trotz Ertaubung überhaupt wieder möglich ist.

Guter Spannungsbogen
Die Ermittlungen werden für meinen Geschmack sehr spannend erzählt. Da die Vermisste auf Amrum verschwunden ist, reisen Louven und Fährmann auf die Insel für ihre ersten Recherchen. Insel-Kulisse gibt bei mir ja sowieso schon einen Pluspunkt. Dann werden natürlich die Befragungen und Überlegungen der Kommissare geschildert, aber der Leser bekommt auch vom Täter immer mal wieder ein Kapitel und ist dadurch im Vorsprung, was die Geschichte überaus mitreißend macht. Am Ende ging es nur um Minuten und ich konnte das Buch nur sehr schwer weglegen.

Protagonistin etwas unnahbar
Die Protagonistin hat einen erwachsenen Sohn und vor über zehn Jahren ihren Ehemann durch einen Unfall verloren. Jetzt lebt sie in einer Dachgeschosswohnung in Schleswig mit einer Katze zusammen. Außerdem rudert sie gern in ihrer freien Zeit. Das sind auch schon so ziemlich alle persönlichen Dinge, die über Marlene Louven geschrieben werden, die Ermittlungen bleiben absolut im Fokus, was mir grundsätzlich gefällt. Da die Kommissarin das aber auch bei ihrer Arbeit so handhabt und jeglichen Smalltalk unterbindet, außer ab und zu mit Fährmann, empfand ich sie als etwas unnahbar und nicht ganz so sympathisch.

Ilka Dick, 1972 in Lüneburg geboren, studierte Lehramt für Sonderschulen in Hamburg und Bremen. Nach Stationen in Lübeck und Berlin zog es sie auf die Nordseeinsel Amrum. Heute lebt die Autorin mit ihrer fünfköpfigen Familie im Herzen Schleswig-Holsteins und ist seit vielen Jahren als Hörgeschädigtenpädagogin tätig.

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Tod zwischen den Meeren | Erschienen am 25. Februar 2021 im Emons Verlag
ISBN: 978-3-74081-115-0
288 Seiten | 13,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe