Autor: Nora

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Die folgende Choreographie war genau festgelegt und immer die gleiche: Die Schuhe ließen sie vorne am Eingang stehen. In der Küche schnappte sich Enana ein Messer, inspizierte den Kühlschrank, nahm alle Leckerbissen von denen sie essen durften, heraus und machte sich daran, von allem feine Scheiben abzusäbeln. Immer nur genau so viel, dass nicht nachzuvollziehen war, wo sie genascht hatten, aber genug, um sich satt zu essen. (Auszug E-Book S.8)

Ismael, Enana und Ayo sind drei argentinische Waisen, die auf der Straße leben und als Diebe über die Runden kommen. Der 15jährige Ismael ist der mißtrauische Kopf der drei, die 12jährige Enana die Furchtlose, Abenteuerlustige und ihr 6jähriger Halbbruder Ayo der Kletterspezalist, der in alle Häuser reinkommt. Doch die drei sind längst nicht so selbstbestimmt, wie sie zwischendurch selber glauben. Die meisten Aufträge erhalten sie vom Ex-Cop und Security-Mann Guida, der sie auf bestimmte Objekte ansetzt, bei denen er die Schwachstellen kennt. Dann steigt Ayo ein und öffnet die Türen für Enana und Ismael. Der Trick bei den Raubzügen: Die drei stehlen nicht viel, es bisschen Schmuck, Geld, vielleich Kleidung. So wenig, dass es den Eigentümern erst später auffällt und dann zuerst die Hausangestellten unter Verdacht geraten.

Guida behandelt sie meist gut, hat ein Auge auf sie, sorgt dafür, dass die Polizei sich nicht für sie interessiert. Doch bei ihm stehen knallharte Interessen im Vordergrund, die drei sind sein Kapital. Ein Kapital, dass man auch lukrativ veräußern kann. Doch die Kinder sollen nicht verschreckt werden, sodass er ihnen einen lukrativen Ferienjob in Uruguay verspricht, den sie schließlich auch annehmen. Es winkt gutes Geld und die Aussicht auf den Ozean. Sie werden über den Rio de la Plata verfrachtet und in ein exklusives, weitläufiges Villengelände. Ihre Auftraggeber erwarten, dass sie in einer Woche die neun Häuser auf dem Gelände ausräumen und sich zwischendurch immer wieder in das bewaldete, unwegsame Dickicht auf dem Areal zurückziehen. Langsam reift vor allem in Ismael die Erkenntnis, dass sie nur als Mittel zum Zweck für etwas ganz anderes ausgenutzt werden sollen.

Die Autorin Lućia Puenzo ist in ihrer argentinischen Heimat (nicht nur dort) vor allem eine bekannte und erfolgreiche Filmemacherin. Dies wird auch in diesem schmale Roman deutlich, der zwar einerseits sehr handlungsgetrieben und temporeich ist, andererseits aber durch interessante Perspektivwechsel verschiedene Figuren, wenn auch nur kurz, näher ans Geschehen holt und die Figuren dem Leser etwas näher bringt. Es erlaubt einen Einblick in die scharfen Ungleichheiten der argentinischen und uruguayischen Gesellschaften. Dass die Geschichte von Ismael, Enana und Ayo kein gutes Ende nehmen wird, scheint von Beginn an unausweichlich. Doch die Kinder sind zäh und mutig und durchkreuzen die für sie bestimmmten Pläne.

Das geschulterte Gewehr und die Metallschneide des Messers im Rucksack konnten das ungute Gefühl, das ihn begleitete, seit die Männer mit dem Pick-up ihnen ihre Aufgabe erklärt hatten, kaum abmildern: Dieser Auftrag war eine Nummer zu groß für sie, es konnte nicht gut gehen. Es würde nicht gut gehen. […] Das jedoch verwandelte den Auftrag in etwas ganz anderes: in einen Opfergang. (Auszug E-Book S.61)

„Die man nicht sieht“ ist vieles auf sehr wenigen Seiten, ein fast atemloser Thriller in Echtzeit, ein Noir über das Schicksal, wenn andere über anderer Leben bestimmen und ein gesellschaftskritischer Roman über die Ungleichheit und die Schwachen und Unmündigen, die gnadenlos verheizt werden. Trotz der Kürze des Werks werden auch die Personen angemessen beleuchtet und dienen nicht nur als Staffage. Insgesamt ein anregendes und aufwühlendes Werk.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die man nicht sieht | Erschienen als Taschenbuch am 12.03.2020 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-2824-9
208 Seiten | 13,- €
als E-Book: ISBN 978-3-8031-4239-9 | 10,99 €
Originaltitel: Los invisibles (Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Melba Escobar | Die Kosmetikerin

Melba Escobar | Die Kosmetikerin

Ich hasse alles, was diese nicht biologisch abbaubaren Frauen mit ihren gezupften Augenbrauen repräsentieren. Ich hasse ihre schrillen, gekünstelten Stimmen, als wären sie vierjährige Püppchen, kleine Drogenbaron-Schlampen, die wie ein Phallus in den Körper einer Frau gezwängt sind. Alles ist so verworren, diese Macho-Kind-Frauen verstören mich, sie deprimieren mich, bei ihrem Anblick muss ich daran denken, was alles kaputt und faul ist in diesem Land, in dem der Wert von Frauen an der Größe ihres Hinterns, der Form ihrer Brüste und ihrer Wespentaille gemessen wird. (Auszug Seite 7/8)

Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben zieht die alleinerziehende Karen aus der Provinz in die Hauptstadt Kolumbiens. In Bogotá findet sie einen Job in einem renommierten Kosmetikinstitut in einem mondänen Viertel. Im ‚Haus der Schönheit‘ lässt sich die weibliche Oberschicht behandeln und vertraut Karen ungewollt alle möglichen Geheimnisse an. Sie spart ihr Geld um schnellstmöglich ihren vierjährigen Sohn nachzuholen, den sie in der Obhut ihrer Mutter in der Hafenstadt Cartagena gelassen hat.

Haus der Schönheit
Eines Tages behandelt sie die minderjährige Schülerin Sabrina Guzmán, die sich, offensichtlich angetrunken für ein bevorstehendes Date mit einem älteren Mann verschönern lassen möchte. Als Karen erfährt, dass das Mädchen am nächsten Morgen tot aufgefunden wurde, ist sie geschockt und kann an einen vermuteten Selbstmord nicht glauben. Auch die verzweifelten Eltern lassen nichts unversucht, um herauszufinden, was in den letzten Stunden ihrer Tochter geschah. Sabrinas Mutter besucht Karen sogar im Salon, denn die war die letzte, die das Mädchen lebend gesehen hat. Doch Karen hat selbst genug Probleme, die ihr Leben in einen Abwärtsstrudel verwandeln. Sie findet eines Tages ihre Wohnung ausgeraubt vor, auch ihre gesamten Ersparnisse unter der Matratze sind weg. Sie wird von ihrem Vermieter brutal vergewaltigt und dann von dessen Ehefrau aus der Wohnung geworfen. Aus der Not heraus beginnt sie nebenher als Prostituierte zu arbeiten und gerät dadurch ständig in gefahrvolle Situationen. Die traumatischen Erfahrungen und ihr Nebenjob als Callgirl werfen sie aus der Bahn und sie gerät ahnungslos in den Dunstkreis der an dem Tod des Schulmädchens Beteiligten. Der Täter verfügt über ein einflussreiches Netzwerk aus politischen und kriminellen Akteuren und damit gerät Karen in Gefahr.

Eine ihrer Kundinnen ist die 57-jährige Psychoanalytikerin Claire. Sie lebte viele Jahre in Paris und ist jetzt nach der Trennung von ihrem Ehemann in die Stadt zurückgekehrt, die sie eigentlich verabscheut und in der sie sich immer fremd fühlt. Regelmäßig besucht sie den Schönheits-Salon, allerdings mit ambivalenten Gefühlen. Eigentlich misstraut sie den zementierten Klassenschranken, auch wenn sie als gebildete Frau ein Teil davon ist, und verachtet die Arroganz der Schickeria. Von der attraktiven Karen und ihrer Ausstrahlung ist sie aber fasziniert. Als sie bemerkt, dass die schöne Mulattin sich verändert, will sie ihr helfen und schreibt ihre tragische Geschichte auf.

Ambitioniert und anstrengend
Ich muss zugeben, dass es mir der Roman sehr schwer gemacht hat. Das lag zum einen an den ständig wechselnden Erzählperspektiven. Größtenteils erzählt Claire Karens Geschichte, zwischendurch aber auch ihre Freundin Lucía, teilweise wird auch schon mal mitten im Text die Perspektive ohne einen Hinweis gewechselt. Auch die großen Handlungssprünge machten mir das Lesen sehr anstrengend und dämpften den Lesefluss. Ich hatte ständig das Gefühl etwas verpasst zu haben und war irgendwann des Zurückblätterns müde. Die tote Schülerin spielt anders als nach dem Lesen des Klappentextes vermutet, nur am Rande eine Rolle.

Vielmehr geht es der Autorin in ihrem multiperspektivisch erzählten Roman neben dem Aufzeigen der wirtschaftlichen Ungleichheiten um den allgegenwärtigen Machismo. Wie ein Kriminalroman inszeniert, ist ‚Die Kosmetikerin‘ doch eher ein Sittenbild der Gesellschaft. Dabei stehen mal nicht die Kartelle oder die Kämpfe der Drogenbarone im Fokus. Escobar zeigt deutlich, dass Kolumbien auch jenseits des Drogenhandels von mächtigen Clans beherrscht wird, dass diese mafiösen Strukturen sich zudem in den besseren Kreisen sowie in der politischen Elite ausbreiten und Sexismus und Korruption an der Tagesordnung sind.

Exemplarisch für die gesellschaftlichen Schichten steht der Kosmetiksalon, in dem reiche privilegierte Damen und arme Angestellte aufeinander treffen. Die Frauen, die sich hier behandeln lassen, unterwerfen sich den gängigen Schönheitsidealen. Sie haben ihre Rolle in der patriarchalen Macho-Kultur scheinbar akzeptiert und lassen ihren Frust an Frauen in schwächeren Positionen aus.

Escobar schreibt sehr ambitioniert mit einigen fast philosophischen Sätzen über die Zustände in Bogotá. Viele schonungslose Passagen werden mit einem großen Hang zur Brutalität geschildert, die mir an die Nieren gingen. Ich fand es an vielen Stellen sehr aufwühlend, aber aufgrund der verwirrenden Erzählweise nicht mitreißend genug, viel zu düster und deprimierend.

‚Die Kosmetikerin‘ ist der vierte Roman der kolumbianischen Schriftstellerin und Journalistin Melba Escobar. ‚La casa de la belleza‘ wurde 2016 als bester Roman mit dem kolumbianischen Premio Nacional de Novela ausgezeichnet.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die Kosmetikerin | Das TB erschien am 09. September 2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-4534-2336-7
320 Seiten | 9,99 Euro
Originaltitel: La casa de la belleza (Übersetzung aus dem Spanischen von Sybille Martin)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Etwa 50 Kilometer außerhalb von Buenos Aires liegt Altos de la Cascada, eine Gated Community mit schicken Anwesen, Golf- und Tennisplatz und einem großen Zaun drumherum. Ein Refigium der oberen Mittelklasse, die sich hier in den profitablen 1990er Jahren hier eingerichtet haben. Die argentinische Wirtschaftskrise beginnt sich zwar zu entwickeln, was viele aber nicht wahrhaben wollen. Somit ist man mit weiterhin vorwiegend damit beschäftigt, den Schein zu wahren und den eigenen Wohlstand zur Schau zu stellen.

Sie wollten lieber eine Mauer, das hält nicht bloß fremden Menschen fern, man ist auch von außen nicht mehr zu sehen. Und wir brauchen auch nicht mehr zu sehen, was draußen los ist. (Auszug S. 95)

Viele Familien sind in La Cascada miteinander befreundet, zumindest tut man so. Regelmäßig verbringen die Männer der Familien Scaglia, Insúa, Urovich und Guevara den Donnerstagabend miteinander. Die Frauen nennen sich scherzhaft „Donnerstagswitwen“. Eines Donnerstags, den 27. September 2001, ist Maria Virginia Guevara überrascht, beim Heimkommen ihren Mann Ronie schon zu Hause vorzufinden. Er verhält sich auch seltsam und bricht sich kurz darauf bei einem Sturz auf der Terrasse das Bein. Erst im Krankenhaus erfahren die Guevaras die schreckliche Nachricht: Tano Scaglia, Gustavo Insúa und Martín Urovich sind im Pool der Scaglias bei einem Stromunfall ums Leben gekommen. Doch der Leser wird direkt auf ein paar seltsame Begleitumstände hingewiesen. Rückblickend wird nun die Geschichte der Familien in La Cascada erzählt und letztlich die Hintergründe dieses tragischen Abends aufgedeckt.

Autorin Claudia Piñeiro zählt heute zu den erfolgreichsten argentinischen Autoren. Sie ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Rechnungsprüferin. Piñeiro schreibt auch Kinder- und Jugendbücher, arbeitet als Regisseurin und beim Theater. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ erschien 2003. Oftmals sind ihre gesellschaftskritischen, dramatischen Romane in eine Kriminalgeschichte eingebettet. 2005 erschien „Las viudas des los jueves“ und gewann mit dem Premio Clarín einen der wichtigsten argentinischen Literaturpreise. 2009 verfilmte Marcelo Piñeyro den Roman fürs Kino.

„La Cascada“ ist eine sogenannte Gated Community, eine dieser Siedlung der Reichen und Aufstrebenden, oft in Ländern mit starkem Wohlstandsgefälle, in denen man versucht, genau dieses Gefälle auszublenden. Hinzu kommt in diesem Falle, dass die aufsteigende Wirtschaftskrise in Argentinien genau diesen Lebensstandard bedroht. Claudia Piñeiro wirft einen sehr scharfen Blick auf die Bewohner und entlarvt die ganzen Lebenslügen und anderen Dramen, die sich unter der Oberfläche des schönen Scheins abspielen. Machismo, Gewalt in der Ehe, Alkoholismus, Untreue, Rassismus, Antisemitismus und andere Vorurteile schwelen teilweise im Verborgenen, teilweise werden sie aber nur verdrängt. Die Probleme des Lebens will man in La Cascada lieber nicht mit den Nachbarn teilen, aber oft auch nicht mit dem Ehepartner. Man kehrt lieber unter den Teppich, heuchelt, will nichts von Problemen anderer hören und wahrt den Schein. Und legt sich innerhalb der Mauern merkwürdig undemokratische Verhaltensregeln auf.

Piñeiro legt in diesen Roman eine gehörige Portion Gesellschaftskritik mit einer Generation des Aufschwungs, die aber in Zeiten der Krise nur Egoismus und Eskapismus kennt. Ein zynisches Porträt einer Nachbarschaftsclique auf Talfahrt, die schließlich mit drei Toten enden wird. Dabei bedient sie sich auch stilistisch eines interessanten Kniffs. Sie schreibt zum einen aus der Ich-Perspektive von Maria Virginia Guevara, die angefangen hat, als Maklerin zu arbeiten und damit eine der wenigen Frauen ist, die es noch nötig haben zu arbeiten. Sie ist auch der wenigen, die ein wenig mehr hinterfragt und eine gewisse kritische Distanz bewahrt. Zum anderen wird aus der personalen Perspektive erzählt, ungewöhnlicherweise mit einem Plural-Wir. Damit gibt Piñeiro quasi der Gemeinschaft eine Stimme, erzählt von der allgemeinen Wahrnehmung in La Cascada, aber auch von Heimlichkeiten und Gerüchten.

[…] nach dieser Geschichte also soll sie an den Rand des zuletzt erwähnten Hefteintrags geschrieben haben: „Kann man wirklich mit jemandem befreundet sein, den man über seine Brieftasche kennengelernt hat?“ Worauf sie sich selbst, am Fuß derselben Seite, als Antwort notiert habe: „Alles Elend nimmt seinen Weg über die Brieftasche.“ (Auszug S.65).

Man könnte zuletzt natürlich die Frage aufwerfen, ob das hier überhaupt ein Krimi ist, aber die Frage ist müßig. Claudia Piñeiro bedient sich hier selbstverständlich der Elemente des Genres, zudem beantwortet sie ganz der Spannungstradition folgend, die Frage nach der Vorgängen an jenem Donnerstagabend erst ganz zum Schluss. Dazwischen ist dieses Buch ein überzeugender Gesellschaftsroman mit präziser Sprache, zynisch-ironischem Unterton und scharfem Blick auf die Figuren. Sie porträtiert auf beiläufige, aber fesselnde Art eine Gesellschaftsschicht voller Heuchelei und Dekadenz auf dem Weg in den eigenen Untergang. Ein überzeugender Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Donnerstagswitwen | Erschienen 2010 im Unionsverlag
Aktuelle Taschenbuchausgabe: ISBN 978-3-293-20568-0
320 Seiten | 13,95 €
Originaltitel: Las viudas de los jueves (Übersetzung aus dem Spanischen von Peter Kultzen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Gunnar zu Claudia Piñeiros „Der Privatsekretär

Jennifer Clement | Gebete für die Vermissten

Jennifer Clement | Gebete für die Vermissten

Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter. Sie pfiff durch die Zähne … Sie roch nach Bier. Im Spiegel sah ich, wie sie mir mit dem Stück Kohle übers Gesicht fuhr. Das Leben ist böse, flüsterte sie … Vielleicht muss ich dir die Zähne ausschlagen, sagte meine Mutter. (Auszug Seite 9)

Guerrero ist eine von Gewalt gebeutelte Provinz im Südwesten von Mexico. Bekannt ist die Urlaubsmetropole Acapulco an der Pazifikküste liegend. In den dünn besiedelten Bergen, wo vor allem Indigene leben, lassen die Kartelle Mohn anbauen und durch diese Gebiete wird das Kokain dann aus Südamerika transportiert.

In den kleinen Bergdörfern besitzen Drogenhändler die Macht und terrorisieren diesen Landstrich. Ein Menschenleben ist hier nichts wert, besonders nicht das der Mädchen. Für die junge Ladydi Garcia Martinez ist das der bittere Alltag. Sie erzählt uns von ihrem Leben in dieser trostlosen Gegend, in dem mittlerweile fast nur noch Frauen leben. Die Männer, die nicht auf die Seite der Drogendealer wechseln, verlassen ihre Familien um in Acapulco Arbeit zu finden. Oder sie fliehen über die Grenze in die USA. Die es schaffen, schicken einen Teil ihres Lohnes zu ihren Frauen aber die meisten Männer kehren nicht zurück. So ist es die Aufgabe der Frauen, ihre Kinder zu beschützen. Und das Gefährlichste sind nicht die giftigen Skorpione, Klapperschlangen, Leguane oder Erdbeben, auch nicht die Militärs, die wahllos Gift aus Hubschraubern über das Gelände versprühen. Eigentlich um die Mohnfelder der Narcos zu zerstören, oft wurden die Piloten aber auch bestochen und sprühen ihre Pestizide über die Hütten der Bauern. Das Schlimmste sind die Entführungen durch die Menschenhändler. Die kleinen Mädchen werden von ihren Müttern in Jungensachen gekleidet und als Teenager absichtlich hässlich gemacht, die Haare kurz geschnitten, die Zähne mit Filzstift geschwärzt. Sobald am Horizont die schweren Escalades mit schwarz getönten Scheiben auftauchen, verstecken sich die Mädchen in selbstgegrabenen Erdlöchern. Doch meistens sind die Frauen der Willkür der Drogenmafia machtlos ausgeliefert, von den bisher verschleppten Mädchen fehlt jede Spur, nur eine taucht nach einem Jahr psychisch und physisch angeschlagen wieder auf.

Eine vermisste Frau ist nur ein Blatt, das der Regen in die Gosse treibt. (Auszug Seite 68)

Für Ladydi scheint sich ein Ausweg aus dem Elend zu eröffnen, als sie einen Job als Kindermädchen in Acapulco antritt. Ihr Cousin Mike hat ihr die Stelle vermittelt und bringt sie auf das luxuriöse Anwesen einer reichen Familie. Die Besitzer tauchen aber monatelang nicht auf. Ladydi hat eine gute Zeit und verliebt sich in den Gärtner. Bis zu dem Tag, als die Polizei die Villa stürmt und ein gewaltiges Waffenlager vorfindet. Für Ladydi beginnt ein Alptraum, denn aufgrund der Machenschaften ihres Cousins, der für die Zetas arbeitet, wird sie verhaftet und findet sich in Drogenschmuggel und einen üblen Doppelmord verwickelt. Obwohl noch minderjährig kommt sie ins Frauengefängnis in Mexiko-City. Auch hier gerät sie wieder in eine reine Frauenwelt, in der jede Inhaftierte grauenhafte Geschichten zum Besten geben kann.

Die Autorin, die in Mexiko-City aufwuchs hat für diesen Roman mehr als 10 Jahre lang in Guerrero recherchiert, Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen geführt, um dann alles mit viel Herzblut in eine fiktive Story zu verpacken. Herausgekommen ist ein intimer Blick auf den trostlosen Alltag der armen Bevölkerung inmitten der Mohnfelder. Ohne zu bewerten berichtet sie in neutraler Sprache hautnah aus der Perspektive einer betroffenen Heranwachsenden. Ladydi lässt uns teilhaben an ihrer trostlosen Jugend und erzählt von ihrer Halbschwester Maria mit der Hasenscharte, von Paula, dem schönsten Mädchen von Mexiko, von Estefani, deren Mutter an Aids stirbt, von Ruth, dem Müllbaby, die einen Schönheitssalon betreibt und ihrer alkoholsüchtigen Mutter Rita.
Jennifer Clement findet eine feine Balance zwischen Sachlichkeit und Emotion, erzählt in einem unterkühlten, fast unpersönlichen Ton, völlig ungeschminkt mit vielen poetischen und bildreichen Metaphern und das komplette Fehlen der wörtlichen Rede. Trotz der Not und widriger Umstände gibt es auch immer wieder Zeichen der Wärme und der Freundschaft, auch blitzt immer wieder das grotesk-komische in dieser Welt der Armut und Gewalt auf und sorgt für hellere Momente. So heißt die Protagonistin tatsächlich nach Lady Di, aber nicht aufgrund deren Schönheit, sondern weil sie für ihre Mutter die Heilige der Betrogenen ist.

Der Stoff wird sehr knapp auf 200 Seiten gefasst, ist mehr Novelle als Roman. Das war auch so ein bisschen mein Problem. Es gibt so viele komplexe Nebenfiguren, aber keine der Charaktere ist tief oder mehrdimensional angelegt. Auch wenn jede ihre eigene Geschichte hat, die bestimmt oft ergreifend und berührend scheint, ist gar kein Platz für tiefgehende Charakterzeichnungen. Sie wirken mehr wie standardisierte Stellvertreter und als wolle die Autorin alles unterbringen, was sie während ihrer Recherchen herausgefunden hat. Auch wenn dahinter viel Realität steckt und alles der traurigen Wahrheit entspricht, drohen bei der Vielzahl der alltäglichen Grausamkeiten diese zur Routine zu werden und die unerträglichen Ereignisse konnten mich gar nicht mehr erschüttern. Trotzdem zerbricht Ladydi nicht an ihrem Schicksal, sie kennt auch keine andere Welt und sie erfährt auch immer wieder die große Solidarität der Frauen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Gebete für die Vermissten | Das Taschenbuch erschien am 06. Dezember 2015 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-6640-7
228 Seiten | 8,99 Euro
Originaltitel: Prayers for the Stolen (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Jennifer Clements Roman „Gun Love

Nils Westerboer | Athos 2643

Nils Westerboer | Athos 2643

Neben dem Krimigenre gehört Science Fiction sicherlich ebenfalls zu den unterschätzten Gattungen der Literatur. Denn oftmals steckt in vermeintlichen Genrewerken so viel mehr drin. Während der literarische Krimi sich gerne mit handfesten sozialen, gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzt, probiert es Science Fiction oft mit den großen Themen der Philosophie, Ethik oder sogar Theologie. Genau diesen Ansatz wählt auch Nils Westerboer in seinem Roman „Athos 2643“.

Aber zunächst zur Ausgangslage. Wir schreiben das Jahr 2643. Die Menschheit war irgendwann im ausgehenden 21.Jahrhundert aufgrund einer Pandemie gezwungen, die Erde zu verlassen. Wenige überlebten das „Nadelöhr“, den Sprung zum Mond und von dort aus weiter ins ganze Sonnensystem. Mit Hilfe des großflächigen Einsatzes künstlicher Intelligenzen bis hin zum humanoider Chimären (die allerdings aufgrund eines Terrorangriffs vor mehr als 200 Jahren deaktiviert wurden) hat der Mensch den lebensfeindlichen Weltraum erschließen können. Über den Status der zum Einsatz kommenden Intelligenzen und die Funktionseinstufung der menschlichen Bewohner wacht das Kollektiv der sogenannten „Obhut“. Die KI haben grundsätzlich zwei Funktionsstufen: In der Stufe „util“ handelt die KI im Sinne des größstmöglichen Nutzens des von ihr zu betreuenden Habitats, was allerdings Kollateralschäden für einzelne Personen nicht aussschließt. In der Stufe „deon“ handelt die KI streng ethisch für jeden Einzelnen.

Auf „Athos“, einem kleinen felsigen Objekt in der Umlaufbahn des Neptun, ehemals als Mine erschlossen, aber lange aufgegeben, befindet sich ein Kloster einer christlichen Gemeinschaft mit lediglich acht Bewohnern. Angeschlossen ist zudem eine Fleischfabrik (der Begriff ist wörtlich zu nehmen, Nutztiere wurden zur Fleischproduktion optimiert und ohne nicht benötigte Körperteile gehalten), in der sich ein Todesfall ereignet hat. Ein Mönch wurde von einer Schlachterdrohne getötet. Ein Vorfall, der mit einer funktionierenden KI, die die ganze Station auf Athos steuert, nicht hätte vorkommen sollen. Zur Prüfung und Neueinstellung der KI wird Rüd Kartheiser geschickt. Er ist Inquisitor und soll die KI mit Hilfe von Konversationstechniken von „util“ auf „deon“ einstellen. Mit dabei als Partner hat Rüd die holografische KI Zack. Zack erscheint als attraktive Frau, was Rüd auch ausnutzt, und was im Kloster einige ziemlich irritiert. Rüd trifft auf relativ geringe Unterstützung sowohl bei den Mönchen als auch bei der KI des Klosters, MARFA. Je länger er auf Athos verweilt, umso mehr stellt Rüd fest, dass irgendein tieferes Geheimis die Gemeinschaft und ihre KI umgibt. Um seinen Auftrag erfüllen zu können, ist Rüd schließlich bereit, entscheidende Anweisungen der Obhut zu missachten und Zack einen weiterreichenden Status freizuschalten.

„Wem vertrauen Sie eigentlich mehr?“, fragt Rüd kopfschüttelnd. „Ihrer MARFA oder dem lieben Gott?“
Gembdenbach hebt die Hände, als sei Rüd ein unbelehrbares Kind, an das jede Mühe verschwindet ist.
Uri springt für ihn ein. „Das – Oder – ist – falsch“, piepst er. (Auszug S. 195)

Der Weltraum ist als Setting bei mir eher unterrepräsentiert. Vielleicht zu Unrecht, denn das Genre bietet so viel mehr als Space Operas. „Athos 2643“ lässt nach dem Klappentext dann auch eher einen Krimi vermuten. Der Schauplatz in einem Mönchskloster auf einem Neptunmond, zwei Ermittler kommen hinzu, die Klostergemeinschaft hat etwas zu verbergen – da wurden bei mir gewisse Assoziationen mit „Der Name der Rose“ geweckt. Und das nicht ganz zu Unrecht, denn die Kriminalhandlung tritt teilweise deutlich in den Hintergrund, denn auf diesem menschlichen Außenposten werden wichtige Fragen der Philosophie, Ethik und Theologie aufgeworfen und behandelt. Kein Wunder, ist Autor Nils Westerboer doch auch studierter Theologe. In meinen laienhaften Worten zusammengefasst, dreht sich vieles um Descartes berühmten Ausspruch: „Cogito ergo sum.“ Nur diesmal als Frage formuliert. Inwieweit können künstliche Intelligenzen „sein“? Was unterscheidet sie noch von echten Menschen und wird dies überwunden?

Vergessen als Fähigkeit.
Ich begreife jetzt: Entscheiden braucht Vergessen. Solange ich alles weiß, was ich wissen kann, sind meine Entscheidungen keine Entscheidungen, sondern Folgerungen. Kann ich vergessen, tappe ich, wie die Menschen in einer Dämmerung zwischen hell und dunkel, stochere in teils klaren, teils vagen Erinnerungen, wäre gezwungen, zu wägen, zu ermessen, müsste, könnte entscheiden.
Entscheiden braucht Vergessen.
Echtes Vergessen. (Auszug S. 363)

Oben hatte ich formuliert, dass die Krimihandlung in den Hintergrund rückt. Dadurch kam es für mich zwischendurch auch zu etwas langatmigen Passagen, aber zum Glück behält Westerboer einen Spannungsbogen, der zum Schluss nochmal in Form eines Thrillers anzieht. Besonderen Reiz gewinnt der Roman durch die Erzählperspektive: Die KI Zack führt als Ich-Erzähler*in durch die Handlung. Zack macht während des Romans eine Entwicklung durch, man könnte darüber streiten, ob ihre Erzählstimme dem immer angemessen ist. Insgesamt konnte mich „Athos 2643“ aber doch überzeugen. Ein hintergründiger Science-Fiction-Spannungsroman, bei dem man manche Passage erstmal sacken lassen muss – aber das muss ja auch bei Spannungsliteratur kein Nachteil sein.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Athos 2643 | Erschienen am 19.02.2022 bei Hobbit Presse im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98494-1
432 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe