Autor: Nora

Rieke Husmann | Inselerbe Bd. 4

Rieke Husmann | Inselerbe Bd. 4

Hella rollte mit den Augen. „Mach es nicht so spannend!“
„Fünf Personen sollen erben. Vier von ihnen leben auf Wangerooge. Ich vermute, es sind Freunde oder etwas Ähnliches. Eine Person wohnt in Wittmund. Ich habe sie noch auf einer anderen Liste gefunden.“
„Mitarbeiterin des Pflegeheims?“
„Richtig! Annette Petersen. Sie erbt zwanzigtausend Euro. (…)“ (Auszug Seite 28)

Im Wittmunder Pflegeheim wird die Bewohnerin Edda Detlefsen tot aufgefunden. Die Ärztin, die den Totenschein ausstellen soll, stellt bei der Untersuchung allerdings fest, dass es sich um keinen natürlichen Tod handelt, Frau Detlefsen wurde erstickt. Die Ermittlungen übernimmt Hella Brandt, die Leiterin der Kriminalpolizei in Wittmund, und ihr Kollege Lars Mattes. Nach den ersten Recherchen stellt sich heraus, dass die Seniorin noch bis vor kurzem mit einigen Künstlerfreunden auf Wangerooge gelebt hat. Ist das Motiv des Mordes das Erbe?

Ermittlungen an erster Stelle

Inselerbe von Rieke Husmann ist bereits der vierte Fall um die Kommissarin Hella Brandt. Es handelt sich hier um einen klassischen Kriminalroman in dem die Ermittlung absolut im Vordergrund steht. Ich bekam einen guten Einblick in die Polizeiarbeit, vor allem wie viel Arbeit einzelne Recherchen bedeuten und dieser Aufwand oft nicht mit Erfolg gekrönt wird. Etwas auffällig fand ich, dass bei ganz vielen Informationen, die benötigt wurden, irgendeiner noch einen alten Schulfreund hat, der schnell weiterhelfen kann oder einen ehemaligen Kollegen, der unter der Hand eben mal Auskunft gibt.

Eine schwangere Kommissarin

Das Privatleben der Protagonistin wird ab und zu gestreift. Sie wohnt außerhalb von Wittmund direkt hinter dem Deich in einer alten Kate mit ihrem Freund zusammen und ist aktuell schwanger. In den gemeinsamen Gesprächen geht es oft um die zukünftigen Elternrollen, da Hella recht schnell nach der Geburt in den Job zurück möchte und ihre Arbeit nicht ganz ungefährlich ist. Grundsätzlich sind mir Hella und auch ihr engster Kollege Lars sehr sympathisch. Besonders gut finde ich, wie Hella mit ihrem Stellvertreter umgeht, der sich aufgrund der Schwangerschaft schon auf ihrem Posten sieht, nämlich sehr direkt und klar.

Guter Lesefluss

Die Geschichte liest sich sehr flüssig und leicht und die Autorin verliert keine Zeit mit unnötigen Landschaftsbeschreibungen oder schmückt Szenen besonders umfangreich aus. Das treibt die Handlung recht gut voran und es kommt zu keinen Längen beim Lesen, aber ab und zu ein paar Sätze oder gar Seiten mehr hätte ich auch nicht schade gefunden.

Fazit: Gut zu lesender Kriminalroman, in dem die Ermittlungen im Vordergrund stehen und sich nicht mit umständlichen Beschreibungen aufgehalten wird.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Inselerbe | Erschienen am 20. Februar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0867-9
240 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Als er am nächsten Morgen auf sein Büro zuging und eine Frau dort sitzen sah, hoffte er, sie würde vor dem Nebenzimmer sitzen, hoffte, dass man sie dort platziert hatte, bei den Kollegen, die irgendeinen anderen Mordfall bearbeiteten. Die Perspektive konnte täuschen, dachte er, obwohl er in Wahrheit wusste, dass sie vor seinem Zimmer saß, und je näher er kam, desto klarer wurde, dass sie in den richtigen Jahren war, um Mutter von einem der Opfer zu sein, exakt die Zielgruppe, Mutter eines fünfzehn- bis zwanzigjährigen Jungen. (Auszug Seite 59)

Mitte 1923 wechselt Kriminalkommissar Robert Lahnstein zur Polizei nach Hannover und wird leitender Ermittler im Fall verschwundener Jungen und junger Männer. Von Februar bis Oktober 1923 sind zehn Jungen verschwunden. Die Vermissten stammen zumeist aus den unteren sozialen Schichten. Leichen wurden nicht gefunden, oftmals reißen junge Leute in diesen Zeiten auch einfach aus. Dennoch glaubt zunehmend auch die Polizei, dass ihnen etwas zugestoßen ist. Gerüchte um einen Serienmörder machen die Runde. Schließlich werden auch Leichenteile in der Leine gefunden. Langsam gerät ein Mann in den Mittelpunkt der Verdächtigungen: Fritz Haarmann.

Doch dies sehen längst nicht alle so. Haarmann hat Kontakte zur Polizei, ist Tippgeber, Spitzel. Viele halten den geistig etwas zurückgebliebenen Mann für harmlos. Haarmann verdient sich als Händler von Gebrauchtkleidung und auch für Fleisch aus illegalen Schlachtungen. Er ist bekannt in der Homosexuellen-Szene. Man weiß, dass er öfters mal jungen Männern Obdach bietet. Ein wenig merkwürdig ist er ja schon, aber in den ärmlichen und beengten Verhältnissen der Hannoveraner Altstadt will keiner so richtig wissen, was genau der andere macht. Die Stimmung wird zunehmend schlechter, als weitere Jungen verschwinden. Die Polizei und vor allem Lahnstein geraten unter Druck. Ein Ermittlungserfolg wird erwartet. Lahnstein verbeißt sich zunehmends in den Fall, und versteift sich auf Haarmann als potenziellen Täter. Doch noch kann er ihm nichts beweisen.

Der Fall „Fritz Haarmann“ dürfte einer der bekannsten Kriminalfälle Deutschlands sein und Haarmann selbst einer der bekanntesten Serienmörder. Mindestens 24 Jungen und junge Männer soll Haarmann zwischen 1918 und 1924 getötet haben, er selbst gab nur neun Taten zu, weitere Opfer sind möglich. Im Dezember 1924 wurde Haarmann zum Tode verurteilt, das Urteil wurde im April 1925 vollstreckt. Die Umstände seines Geständnisses sind umstritten.

Während und nach Haarmanns Prozess machte der Schriftsteller und Philosoph Theodor Lessing auf die zweifelhafte Rolle der Polizei aufmerksam – er hat auch in diesem Roman einen Auftritt. Spätestens mit dem berühmten Haarmann-Lied („Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir…“) wurde Haarmann endgültig zu einer (pop-)kulturellen Figur. Autor Dirk Kurbjuweit, bekannt als Journalist beim Spiegel und der Zeit, greift die wichtigsten Fakten auf, zitiert aus Gutachten und Urteil, aber er verarbeitet dies nicht zu einem True Crime-Roman, sondern hat mit Robert Lahnstein einen fiktiven Ermittler als Protagonisten installiert, der nichts mit den damaligen tatsächlichen Ermittlern zu tun hat.

Nur ein Zimmer, ein schmutziges Bett, dunkle Flecken auf den Bodendielen, helle Flecken an den Wänden. Eine Küchenzeile, ein kleiner Tisch, Dachschrägen. Der Mann hatte die Tür abgesperrt, hier müsse man aufpassen, Hannover sei ein unsicheres Pflaster, hatte er dabei gesagt. Er stellte eine Flasche Schnaps auf den Tisch. Der Junge überlegte, wie er abhauen könne, aber der Schlüssel steckte, und so schnell würde er die Tür nicht eintreten können. Aber eigentlich war der Mann ja nett, und ein bisschen aufregend war das hier auch. (Seite 199)

Obwohl zumeist aus der Sicht der Kommissars Lahnstein geschildert, wechselt der Autor auch hin und wieder die Perspektive und erzählt aus dem Blickwinkel eines Jungen oder auch von Haarmann selbst. Eine eklige Schilderung von Leichenzerstückelung inklusive. Doch Lahnstein bleibt die Hauptfigur in diesem Roman, über ihn gelingt hauptsächlich die Beschreibung der Schauplätze, der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Kurbjuweit greift dabei tief in die Vergangenheit des Kommissars, der als Pilot im ersten Weltkrieg eingesetzt war, aber rasch in Kriegsgefangenschaft geriet. Seine Frau und seine junge Tochter hat er nach dem Krieg nicht mehr wiedergesehen, warum bleibt lange offen. Im Bochumer Polizeirevier war er nicht mehr tragbar, weil er von den französischen Besatzern Klarheit im Falle des Todes seiner Mutter forderte, die als Unbeteiligte bei einem Schusswechsel ums Leben kam. In Hannover bleibt er im Präsidium isoliert, als bekennender Sozialdemokrat ist er mit den anderen Kollegen, die der Republik kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, nicht gut gelitten. Besonders mit seinem reaktionären Kollegen Müller, der vor ihm leitender Ermittler in diesem Fall war, verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Doch Dirk Kurbjuweit als renommierter Journalist will hier auch die politische Ebene bedienen. Themen wie Nichtdemokraten im Staatsdienst, Beeinflussung eines Geständnisses mit unlauteren oder gar illegalen Methoden sind Fragestellungen, die heute natürlich ebenfalls relevant sind. Doch gerade in der Darstellung der politischen Themen überzeugt mich der Autor manchmal nicht. Zu sehr gewollt gerät dies manchmal, zu viele Thematiken werden aufgemacht. Am ungeschicktesten empfand ich beim Lesen die Passagen, in denen Lahnstein beim Polizeipräsidenten auf den Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Gustav Noske, trifft. Der Sozialdemokrat Noske war selbst in der eigenen Partei höchst umstritten, hat er sich doch als Reichswehrminister im Frühjahr 1919 zur Verteidigung der Republik vor kommunistischen Revolutionären Freikorpslern und anderer reaktionärer Kräfte bedient, was ihm viele Linke nie verziehen haben. Noske erklärt sich und den Zustand der Republik sehr umständlich und unauthentisch. Schließlich zieht er noch eine Verbindung zwischen einem Ermittlungserfolg im Fall Haarmann und der Zustimmung der Bevölkerung zur Republik. Das wirkt auf mich alles ein wenig zu hoch aufgehängt.

Kurbjuweit schreibt verknappt, stakkatohaft, kurze Sätze, Aufzählungen; eher nüchterner Stil trotz aller Dramatik drumherum. Insgesamt ist Haarmann solide geschrieben, aber man wird das Gefühl nicht los, dass der Roman ein wenig zu kalkuliert ist. Ein bisschen Historie, ein bisschen Grauen, ein bisschen Politik, ein bisschen Moraldebatte. Abgehakt. Aber so richtig berührt einen das wenig. So bleibt das Fazit: Potenzial verschenkt.

 

Rezension von Gunnar Wolters.

Haarmann | Erschienen am 17. Februar 2020 im Penguin Verlag
ISBN 987-3-328-60084-8;
318 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Stephen Chbosky | Der unsichtbare Freund ♬

Stephen Chbosky | Der unsichtbare Freund ♬

Die Meinungen über den umfangreichen Thriller Der unsichtbare Freund gehen ja ziemlich auseinander und ich war wirklich sehr neugierig, wie mir die Mischung aus Thriller, Horror, Mystery und Fantasy gefallen würde. Der Einstieg gestaltete sich jedenfalls sehr vielversprechend, mysteriös und düster.

Die alleinerziehende Kate zieht mit ihrem 7-jährigen Sohn Christoper in das kleine Städtchen Mill Grove in Pennsylvania. Auf der Flucht vor Kates gewalttätigem Freund scheint das abgeschiedene Örtchen umgeben von einem dichten Wald der richtige Zufluchtsort zu sein, um neu anzufangen. Von Anfang an übt der geheimnisvolle, sogenannte Missionswald eine schwer erklärbare Faszination auf Christopher aus. Als er eines Tages einer lächelnden Wolke in den Wald folgt, bleibt er für ganze sechs Tage verschollen. Als er wieder auftaucht, hat er keine Erinnerung an die Tage im Wald. Er weiß nur noch, dass ihm „der nette Mann“ geholfen hat und obwohl er unversehrt scheint, ist von nun an alles anders: Christopher, der unter Lernschwierigkeiten litt, schreibt plötzlich Bestnoten. Dank seiner Vorhersagen gewinnt seine Mutter im Lotto und sie können sich endlich ein eigenes kleines Heim leisten. Auch in der Schule tritt der schüchterne Christopher jetzt selbstbewusster auf und findet sogar Freunde.

Projekt Baumhaus

Die braucht er auch, denn er hat einen Auftrag: Er soll im Missionswald ein Baumhaus bauen und zwar bis Weihnachten. Denn nur dann könne er sich und die Bewohner von Mill Grove und eigentlich die ganze Welt retten. Christopher ist richtig besessen von der Idee und als Leser fragt man sich, wie das alles mit dem kleinen David Olson zusammenhängt, der vor mehr als 50 Jahren im Wald verschwand und nie wieder gesehen wurde. Der Einstieg mit einem Prolog in die Vergangenheit zog mich gleich in den Bann. Der Autor schafft mit unheimlichen Ereignissen und bedrohlichen Elementen wie zum Beispiel den immer wieder rätselhaft auftauchenden Hirschen eine beklemmende Grundstimmung.

Stephen Chbosky nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte aufzubauen. Viele Figuren aus der Kleinstadt werden eingeführt und der Autor versteht es sehr gut, ihre menschlichen Beziehungen näher zu bringen. Fast alle Charaktere haben ihr Päckchen zu tragen. Nicht nur Christopher, der um seinen verstorbenen Vater trauert, wurde vom Schicksal schon arg gebeutelt. Kate und Christopher haben eine sehr enge Beziehung zueinander und der kleine Junge, der sich selbst für dumm hält, wächst einem schon ans Herz. Genau wie die kleine Truppe von Außenseitern, die er um sich schart, um sein Projekt zum Erfolg zu bringen. Man fiebert mit ihnen mit bei ihrem Kampf Gut gegen Böse. Erzählerisches Talent kann man Stephen Chbosky nicht abstreiten und die dichte Erzählweise mit detailreichen Ausführungen erinnert tatsächlich an Stephen King; Chbosky als großer King-Fan streitet das auch gar nicht ab.

Gut gegen Böse

In der zweiten Hälfte wechseln sich Szenen der realen und der Fantasiewelt ab, die Übergänge sind fließend. Es werden auch viele religiöse Elemente eingebaut und man spürt hinter jedem Satz das Herzblut, mit dem Stephen Chbosky diese gewaltige Geschichte erdacht hat.

Leider wird es im letzten Drittel wirklich sehr abstrus und die Geschichte konnte mich nicht mehr durchgehend fesseln. Man spürt Chboskys offensichtliche Begeisterung für seine erdachte Welt und ich feiere viele seiner faszinierenden Ideen. Aber mir fehlt der rote Faden in der Storyline, dem Plot fehlt es jetzt an Struktur, denn er hetzt einfach nur noch von Szene zu Szene. Die Spannung kann bei dem Gewirr von Handlungssträngen nicht dauerhaft gehalten werden. Dadurch, dass sich die Horrorszenen eigentlich immer nur wiederholen, bringt das die Handlung nicht wirklich voran und man hat das Gefühl, sie dreht sich im Kreis. Gefühlt liefen die Helden nur noch hin und her zwischen Wald, Stadt und Krankenhaus. Ich glaube, das wäre King nicht passiert, denn mir wurden die Protagonisten irgendwann egal und ich sehnte das Ende der Geschichte herbei. Auch die Freunde um Christopher spielen keine große Rolle mehr. Als Stilelement versucht der Autor durch Wiederholung und immer wiederkehrende Worte das Gehörte noch eindringlicher zu machen. Das ist auf Dauer sehr ermüdend. Irgendwann nerven selbst die Hirsche.

Der amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Stephen Chbosky schreibt sehr bildgewaltig, so dass bei mir sofort das Kopfkino ansprang und ich Figuren und Ereignisse förmlich vor mir sah. Als Film könnte ich mir diese Story sehr gut vorstellen und Chbosky soll schon am Drehbuch schreiben. Und David Nathan kann als Sprecher natürlich auch überzeugen und ist mit ein Grund, warum ich bis zum Ende durchhielt. Er sorgte mit seinem perfekten Vortag für jede Menge Gänsehautmomente.

Stephen Chbosky schrieb über einen Zeitraum von 10 Jahren an seinem Roman Der unsichtbare Freund und rausgekommen ist ein atmosphärischer, mystischer Horror-Thriller, der teilweise zu überfrachtet und zum Ende zu weitschweifig geraten ist.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der unsichtbare Freund | Das Hörbuch erschien am 4. November 2019 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-38371-4963-0
3 mp3 CDs | 29,95 Euro UVP | ab 17.80 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 22 Stunden 49 Minuten
Sprecher: David Nathan
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Ellen Sandberg | Das Erbe

Ellen Sandberg | Das Erbe

„Mona folgte seinem Blick. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte sie ein wunderschönes Jugendstilhaus. Über mehrere Etagen Stuck, geschwungene Formen, florale Elemente, vergoldete Verzierungen und in der Rosette am Giebel ein Schwanenpaar, das die Köpfe Höcker an Höcker legte. Ein beeindruckendes und liebevoll instand gehaltenes Gebäude.
„Ihre Tante hat beinahe ihr ganzes Leben im Schwanenhaus gelebt“, sagte Sander.“ (Auszug Seite 23)

Mona Lang erfährt durch einen Brief, dass sie die Alleinerbin von Klara Hacker ist, der Großcousine ihrer Mutter. Mona hat Klara das letzte Mal vor einigen Jahren bei dem siebzigsten Geburtstag ihres Vaters gesehen und wusste nicht mal, dass sie verstorben ist. Klara geht davon aus, dass sie ein sehr wertvolles Gemälde geerbt hat und ist dann völlig überrascht, als sie beim Treffen mit Klaras Steuerberater erfährt, dass sie jetzt das Schwanenhaus in München besitzt. Das Haus ist 12 Millionen Euro wert und somit ist Mona reich. Sie hat sich noch gar nicht ganz an ihr neues Leben gewöhnt, da lässt Monas Mutter eine Bemerkung fallen, die Mona nicht nur ins Grübeln bringt, sondern die sie auch über Moral nachdenken lässt und sie weit in die Vergangenheit zieht. Welche Geheimnisse verbirgt dieses Haus?

Die Spannung nimmt stetig zu

Das Erbe von Ellen Sandberg ist der dritte Spannungsroman der Autorin Inge Löhnig unter diesem Pseudonym. Die ersten beiden Bücher (Die Vergessenen und Der Verrat) haben mir bereits sehr gut gefallen und auch dieses hat mich nicht enttäuscht. Bereits nach den ersten Seiten war ich mitten in der Geschichte, die sich leicht und flüssig liest und mit dem Kommentar von Monas Mutter stetig an Spannung zunimmt. Bei den knapp fünfhundert Seiten ist keine zu viel, beim Lesen gab es für mich keine Längen.

Blick in die Vergangenheit

Die Geschichte ist in drei Stränge unterteilt: Das Leben von Mona, Sabine und Klara, wobei von Klara in der Vergangenheit berichtet wird, angefangen 1938 bei ihrer Kindheit im Schwanenhaus, denn dort wohnte sie ihr gesamtes Leben. Es werden ziemlich viele Namen erwähnt und in der Mitte des Buches war es für mich nicht mehr ganz so einfach alle richtig zuzuordnen, da musste ich mich etwas mehr konzentrieren.

Protagonistin mit moralischem Kompass

Mona ist mir sehr sympathisch. Quasi mit dem Erbe hat sich ihr langjähriger Freund getrennt und so zieht sie von Berlin nach München ins Schwanenhaus. Dort gönnt sie sich von ihrem Reichtum dann auch etwas, aber ohne zu großspurig zu werden. Da sie einen „moralischen Kompass“ hat, hat Klara sie als Alleinerbin eingesetzt, doch dieser Kompass bringt Mona immer weiter an ihre Grenzen und eine Entscheidung fällt ihr, in Bezug auf das Haus und die Ergebnisse ihrer Recherchen dazu, sehr schwer. Beim Lesen habe ich mich auch immer wieder gefragt, wie ich in dieser Situation reagiert hätte.

Hartz IV-Klischees

Bei Sabine werden ziemlich viele Klischees bedient: Sie wohnt in Hamburg-Harburg in einer Sozialwohnung mit ihren beiden Kindern, sie ist von ihrem Mann getrennt, lebt von Hartz IV, nimmt ab und zu einen Job an, um sich dann aber gleich wieder in der Probezeit kündigen zu lassen, fühlt sich grundsätzlich von allen und jedem benachteiligt und verbringt ihre Tage zu Hause mit Dosenbier und Zigaretten. Trotzdem empfinde ich die Darstellung von Sabine als nicht überzogen.

Fazit: Klare Empfehlung! Eine Reise in die Vergangenheit des zweiten Weltkrieges und seine Folgen und eine spannende Frage der Moral.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Erbe | Erschienen am 28. Oktober 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10402-5
512 Seiten | 15.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Die Vergessenen und Der Verrat von Ellen Sandberg.

Deepa Anappara | Die Detektive vom Bhoot-Basar

Deepa Anappara | Die Detektive vom Bhoot-Basar

„Haben Sie diesen Jungen gesehen“, fragt Pari, und ihre Stimme ist genauso kühl wie die Eishände, mit denen sie Bahadurs Foto hochhält. „War er hier? Haben Sie seinen Freund gesehen?“
„Darum muss sich die Polizei kümmern, nicht ihr“, sagt der Mann.
„Die Polizei kümmert sich aber nicht um uns, weil wir arm sind“, sage ich. (Auszug Seite 121)

Jai und seine Freunde Pari und Faiz leben in einer illegalen Armensiedlung (Basti) in einer nordindischen Stadt und gehen in die vierte Klasse. Das Leben im Basti ist beschwerlich und gefährlich. Doch die Situation wird noch bedrohlicher, als kurz nacheinander ein Mitschüler aus ihrer Klasse und ein weiteres Kind aus der Siedlung verschwindet. Die Polizei unternimmt nichts, die Stimmung wird zunehmend aufgeheizt. Jai und seine Freunde gründen ein Detektivtrio und gehen selbst auf die Spur nach den verschwundenen Kindern.

Jai, Pari und Faiz suchen nach Hinweisen im Basti, in der Schule und im benachbarten wuseligen Bhoot-Basar mit all seinen Ständen und Gassen. Sie wagen sich sogar verbotenerweise bis ins weit entfernte Stadtzentrum und bis zum Bahnhof. Sie sammeln ein paar Einzelheiten, die darauf hindeuten, dass die Kinder nicht freiwillig weggelaufen sind und können ein paar Gerüchte entkräften. Doch wer genau dahintersteckt, da tappen sie weiterhin im Dunkeln.

Die Unruhe im Armenviertel wird immer größer und es werden Schuldige gesucht. Auch die Polizei mischt nun mit, aber schürt den Konflikt durch Korruption und voreilige Festnahmen nur noch. Außerdem schwelt für die Bewohner immer die Angst, dass mit zunehmender Aufmerksamkeit die illegale Siedlung abgerissen wird und sie sich ein neues Zuhause suchen müssen.

Ich bin Detektiv und habe gerade ein Verbrechen begangen.
Aber es ist für eine gute Sache. Wenn Pari und ich Bahadur und Omvir finden, werden wir unser Zuhause nicht verlieren. Unser Zuhause ist viel mehr wert als lumpige vierhundert Rupien. (Seite 98)

Der Ich-Erzähler Jai lebt im Basti in einer kleinen Bude zusammen mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Runu, einer vielversprechenden Läuferin. Er gibt sich dabei als Anführer der Detektive aus, weil er glaubt, durch das Gucken von Real-Crime-Polizei-Dokus bestens vorbereitet zu sein. Allerdings fallen dem einzigen Mädchen der Gruppe, Pari, die deutlich besseren Fragen ein. Auch sonst ist Pari eindeutig die Cleverste der Truppe, hat sie doch aufgrund ihrer guten Schulnoten sogar ein Stipendium für eine Privatschule in Aussicht. Dritter im Bunde ist Faiz, Muslim, mit mehreren älteren Geschwistern. Er sorgt sich sehr um sein Äußeres und arbeitet schon regelmäßig im Basar. Die Geschichte lebt von den sehr unterschiedlichen Charakteren der Drei und besonders amüsant ist die Diskrepanz zwischen Jais Anspruch auf den Posten des Chefdetektivs und seinen Fähigkeiten insbesondere im Vergleich zu Pari, die ihn deutlich in den Schatten stellt.

Das Buch erinnert von der Story natürlich an so Kinderbuchklassiker wie Emil und die Detektive oder Kalle Blomqvist. Die Aufklärung eines Kriminalfalls durch die Kinder ist aber letztlich nicht die Hauptsache, vielmehr ermitteln die Kinder nur Teilaspekte, Kleinigkeiten. Der Roman liefert vor allem einen Einblick ins heutige Indien. Dabei vermitteln die Kinder die lebhaften, bunten, manchmal auch fröhlichen Seiten, allerdings ist von Beginn an klar, dass letztlich die problematischen Seiten Indiens thematisiert werden. Armut, Korruption, Klassenunterschiede, Smog, Konflikte zwischen den Religionen und vor allem die Benachteiligung von Kindern bis hin zu Kindesmissbrauch und Sklaverei. Was mir generell bei solchen Romanen aus Kindersperspektive oftmals ein wenig fehlt, ist die tiefergehende Befassung mit den Themen. Der Blick durch die Augen der kindlichen Protagonisten kratzt manchmal doch nur ein wenig an der Oberfläche. In diesem Roman ist dies insgesamt besser gelöst durch die Vielzahl an Kontakten und Nebenfiguren, mit denen Jai, Pari und Faiz kommunizieren. Die Autorin durchbricht außerdem mehrfach die Erzählperspektive des Ich-Erzählers mit kurzen Kapiteln aus Sicht der Verschwundenen und drei „Geschichten, die dir das Leben retten werden“ – bemerkenswerte Geschichten über Schicksale und Aberglauben quer über die Religionsgrenzen.

Die Detektive vom Bhoot-Basar ist das Debüt der inzwischen in England lebenden Inderin Deepa Anappara. Sie schildert das Leben der drei Freunde lebhaft und voller Sympathie für ihre Protagonisten. Allerdings hatte ich zwischenzeitlich ein wenig das Gefühl, dass die Geschichte trotz weiterer verschwundener Kinder ein wenig auf der Stelle tritt. Es ist der Autorin positiv anzurechnen, dass sie ab dem dritten Abschnitt wieder deutlich an Handlung und Intensität zulegt und auch der Versuchung widersteht, das Buch zu einem Kinderbuch werden zu lassen. Insgesamt war ich dann auch zufrieden über diese authentische Reise mit Jai, Pari und Faiz ins heutige Indien.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Detektive vom Bhoot-Basar | Erschienen am 16. September 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 987-3-498-00118-6
400 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Djinn Patrol on the Purple Line
Bibliographische Angaben & Leseprobe