Autor: Nora

Abgehakt | Oktober 2020

Abgehakt | Oktober 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Oktober 2020

 

Thomas Mullen | Die Stadt am Ende der Welt

Winter 1918: Der erste Weltkrieg ist noch nicht beendet. Die Amerikaner sind letztlich doch auf Seiten der Alliierten in den Krieg eingetreten und müssen Verluste auf dem Schlachtfeld verkraften. Die USA sieht sich allerdings durch die Pandemie der Spanischen Grippe einer neuen Bedrohung ausgesetzt. Tief in den Wäldern des Staates Washingtons liegt die junge Holzfällerstadt Commenwealth. Gründer Charles Worthy hat die Stadt bewusst als Gegenentwurf zum ausufernden kapitalistischen System gegründet. Nun finden sich dort ehemalige Gewerkschafter, Anarchisten, Kommunisten, Kriegsdienstverweigerer. Als die Grippe immer näher kommt, entschließt sich Worthy und die Gemeinschaft zu einem radikalen Schritt: Die Stadt begibt sich in Isolation und schottet sich von der Außenwelt ab. Das Betreten der Stadt von Fremden soll unter allen Umständen verhindert werden. Da nähert sich aus den Wäldern kommend ein Soldat den Absperrungen.
„Die Stadt am Ende der Welt“ ist der Debütroman von Thomas Mullen aus 2006, der in Deutschland zuletzt durch die Reihe um schwarze Polizisten in Atlanta bekannt wurde. Dieser Roman hier wurde natürlich durch die aktuelle Corona-Pandemie wieder schlagartig interessant und dadurch erneut auf Deutsch veröffentlicht.

Der Roman folgt über weite Strecken bekannten Muster von Pandemie-Thrillern oder Dystopien. Eine Gemeinschaft wird durch die Bedrohung stark auf die Probe gestellt und die Harmonie und Solidarität weicht nach und nach Angst, Misstrauen und Panik. Das ist aus meiner Sicht passabel und solide dargestellt, ohne allerdings aus meiner Sicht herauszuragen. Auch die zahlreichen Rückblenden auf die Vorgeschichten der Figuren verlangsamen den Erzählfluss. Was mich allerdings überzeugt hat, ist die Verbindung, die Mullen zwischen den Kriegsanstrengungen der USA und der Pandemie zieht. Tragisch und absurd wie bei der Situation einer nationalen Tragödie wie der Spanischen Grippe auch noch der letzte Kriegsdienstverweigerer aus den Wäldern geholt werden soll.

Die Stadt am Ende der Welt | Erschienen am 29.09.2020 im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-8151-2
480 Seiten | 18,- €
Originaltitel: The Last Town on Earth
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Spannungsroman

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Thomas Mullens Roman „Darktown

 

Don Winslow | Broken

Don Winslow ist bekannt für ausufernde Thrillerepen, beispielsweise seine Kartell-Trilogie. Nun hat er sich an eine Kurzform gewagt. „Broken“ ist eine Sammlung von sechs Novellen, in denen Winslow außerdem viele alte Bekannte aus früheren Büchern wieder zurückholt.

„Broken“ erzählt die Geschichte von Drogencop Jimmy McNabb in New Orleans, der eine Fehde mit einem brutalen Drogendealer austrägt. „Crime 101“ erzählt ein Raub-Story entlang des Pacific Coast Highway mit Steve McQueen-Reminiszenzen. In „The San Diego Zoo“ wird aufgeklärt, wie ein Affe im Zoo an eine geladene Waffe kam. In „Sunset“ ist Kautionsbürge Duke Kasmajian auf der Suche nach einem Kautionsflüchtling. „Hawaii“ erzählt eine Geschichte von Ben, Chon und O (bekannt aus Savages), als sie auf Hawaii Revierkämpfe mit lokalen Gangs geraten. Zuletzt kommt „The Last Ride“, in der der Grenzschützer Cale Strickland ein Mädchen aus einem Auffanglager gegen die Vorschriften mit seiner Mutter wieder vereinen will.

Sechs Geschichten über Gewalt, Drogen, Loyalität und Moral. Geradlinig und kurzweilig erzählt, von hartgesotten, lässig bis berührend bieten diese Storys eine faszinierende Bandbreite. Absolutes Highlight ist „The Last Ride“. Winslow zeigt sich mit diesen Geschichten in Topform.

Broken | Erschienen am 24.03.2020 bei HarperCollins
ISBN 978-3-95967-489-8
512 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-95967-488-1 | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 5 von 5;
Genre: noir/hardboiled

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow

 

Vincent Hauuy | Der Dämon von Vermont

Vor einigen Jahren verlor Profiler Noah Wallace bei der Jagd auf einen Serienmörder seine Frau bei einem Autounfall und wurde selbst schwer verletzt. Nun fristet er mit großen körperlichen und psychischen Problemen ein zurückgezogenes Leben. Da holt ihn sein ehemaliger Partner überraschend ab und fährt mit ihm zu einem Mordschauplatz im benachbarten Kanada. Der Täter hat eine Nachricht an Noah hinterlassen. Die gesamte Vorgehensweise deutet wieder auf den „Dämon von Vermont“ hin. Doch der ist doch damals beim Unfall ebenfalls verstorben. Oder etwa nicht?

Serienmörder-Thriller sind so eine Sache. Eigentlich nicht mehr mein bevorzugtes Subgenre, gibt es da doch viel Schund. Aber es gibt auch Ausnahmen. Leider zählt dieser hier nicht dazu. Was man zumindest noch positiv sagen kann: Es ist halbwegs spannend. Und der Hintergrund der Story, das MKULRA-Programm der CIA zu Bewusstseinskontrolle, ist nicht uninteressant. Die Umsetzung ist aber nur mäßig, der Plot ist für meinen Geschmack zunehmend abstrus. Auch was die handwerklichen Dinge betrifft, reißt mich das Ganze nicht vom Hocker. Maue Dialoge und vom personalen Erzähler zäh vorgetragene Gedanken der Figuren machen die Lektüre nicht besser. Der Kanadier Vincent Hauuy gewann mit diesem Debütroman einen vom französischen Bestsellerautor Michel Bussi gestifteten Literaturpreis. Warum auch immer.

Der Dämon von Vermont | Erschienen am 19.09.2020 im Tropen Verlag;
ISBN 978-3-608-50473-6
448 Seiten | 17,- €
Originaltitel: Le tricycle rouge
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1,5 von 5;
Genre: Thriller

 

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Wolf S. Dietrich | Friesisches Gift

Auf der ostfriesischen Insel Langeoog werden Heroin-Päckchen angeschwemmt, aber als die Polizei diese sicherstellen möchte, sind sie verschwunden. Dann wird ein Journalist vermisst, der unter anderen über diese Angelegenheit berichten wollte und den Dieben offenbar zu nahe gekommen ist. Rieke Bernstein vom LKA ermittelt in beiden Fällen.

Der dritte Fall um die Kommissarin Bernstein hat sich für mich flüssig gelesen, der Schauplatz bringt Urlaubsfeeling mit und die Geschichte ist spannend geschrieben. Trotzdem konnte der Fall mich nicht völlig überzeugen, da die Ermittlungen für meinen Geschmack zu dramatische Ausmaße annehmen und mir die Protagonistin bis zum Schluss unnahbar vorkam.

Friesisches Gift | Erschienen am 28.02.2019 im Lübbe Verlag;
ISBN 978-3-40417-787-8
416 Seiten | 10,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Regionalkrimi

 

Katharina Peters | Todesklippe

Ein Polizeipsychologe aus Rostock kommt bei einem Motorradsturz ums Leben. Ein Kollege glaubt nicht an einen Unfall und so wird die Privatdetektivin Emma Klar aus Wismar eingeschaltet, die erst verdeckt, aber später auch offen ermittelt. Und plötzlich kommen noch ganz andere Ungereimtheiten ans Licht…

„Todesklippe“ von Katharina Peters fand ich spannend zu lesen. Es handelt sich um einen sehr weitverzweigten Fall, bei dem die ermittelnden Beamten nicht immer den vorgeschriebenen Dienstweg einhalten, um ans Ziel zu kommen. Emma Klar als Protagonistin konnte mich ebenfalls überzeugen, nur das Ende wäre für meinen Geschmack mit etwas weniger Gewalt ausgekommen.

Todesklippe | Erschienen am 12.04.2019 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-74663-543-8
352 Seiten | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Regionalkrimi

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Andrea zu Romanen von Katharina Peters

Rezensionen 4+5 und dazugehörige Fotos von Andrea Köster.

Éric Plamondon | Taqawan

Éric Plamondon | Taqawan

Sie verlor das Zeitgefühl. Jede Sekunde dehnte sich endlos, wurde zu einer Stunde. Der Schmerz schien von einem Ort weit ausserhalb ihrer selbst zu kommen. Sie spaltete sich von ihrem Körper ab, Überlebensmechanismus, liess sich ins Dunkel sinken und spürte nur noch eine diffuse Mischung aus Angst, Hass, Wut, Demütigung, hörte, wie die Stimmen sie beleidigten, ohne sie auseinanderhalten zu können, ohne zu begreifen. (E-Book, S.111)

Provinz Québec am 11.Juni 1981: Die 15jährige Océane fährt mit dem Bus von der Schule nach Hause in das Dorf und Reservat der Mi’gmaq. Auf der Brücke über den Restigouche wird der Bus von der Polizei gestoppt und die Schüler sehen von dort mit an, wie die Polizei eine brutale Razzia durchführt und die Fischernetze der Mi’gmaq beschlagnahmt. Es kommt zu gewalttätigen Krawallen, viele Männer, darunter Océanes Vater werden verhaftet. Kurze Zeit später findet der ehemalige Ranger Ives Leclerc Océane im Wald schwer verletzt auf, mehrfach wurde sie vergewaltigt. Ives sucht Hilfe beim Mi’gmaq William, der als Einsiedler im Wald lebt, und seiner Ex-Freundin Caroline, einer jungen Lehrerin aus Frankreich. Gemeinsam versuchen sie, Océane zu heilen und stellen dabei fest, dass sich das Mädchen immer noch in akuter Gefahr befindet.

Der Romanhintergrund basiert auf den tatsächlichen Ereignissen des sogenannten „Salmon Raid“ 1981. Die Mi’gmaq zählen zu den zahlreichen First Nations Kanadas, den Ureinwohnern. Sie leben in den östlichen Provinzen Kanadas, unter anderem auf der Halbinsel Gaspésie im Osten Québecs. Seit Jahrtausenden leben sie vom Fischfang, insbesondere Lachsfang. Die Fangrechte der Mi’gmaq waren seit der Kolonisierung immer wieder umstritten und bedroht. Im Jahr 1981 versuchte die Québecer Provinzregierung, die Fischereirechte einzuschränken und wollte dies auch mit polizeilichen Mitteln durchsetzen. Der Aufruhr erschütterte ganz Kanada und war auch ein Stellvertreterkonflikt, den die Regierung in Québec gegen die der kanadischen Regierung unterstellten Reservate führte.

Er war sieben Jahre alt, und er konnte seiner Grossmutter stundenlang beim Nähen zusehen. […] Eines Tages erklärte sie ihm den Fadenlauf. […] Für Ives`Kinderseele lag darin etwas Magisches. Später, wenn er in einer schwierigen Lage war und das Gefühl hatte, den Faden zu verlieren, suchte er nach dem Fadenlauf. […]
Jetzt, wo er gekündigt hatte und eine junge Mi’gmaq beschützen musste, zwei Männer tot waren und ein Teil der Québecer Bevölkerung die Indianer ein für alle mal loswerden wollte, hatte Leclerc mehr denn je das Gefühl, den Faden verloren zu haben. (E-Book, S.122-124)

Ein Taqawan ist übrigens die Bezeichnung der Mi’gmaq für einen Lachs, der zum ersten Mal nach seiner Geburt zum Laichen wieder zu seinem Geburtsfluss zurückkehrt. Dies ist aber nur eine von zahlreichen Erläuterungen und Einschüben, die Autor Éric Plamondon, ein gebürtiger Québecer, in seinen Roman einflechtet. Die Kapitel sind kurz, manchmal weniger als eine Seite. Plamondon fügt viel Dokumentarisches ein: Erläuterungen zum Lachs und Lachsfang, die Kolonialgeschichte Kanadas und der Provinz Québec, Mythen und Erzählungen der Mi’gmaq und deren schwieriger Kampf um ihre Identität. Dabei bezieht der Autor ganz klar Stellung für die Ureinwohner.

Der Kriminalplot ist dabei recht kurz und knackig und ziemlich noir. Man wirft zahlreichen Autoren immer gerne etwas Geschwätzigkeit vor, hier hatte ich im Gegensatz dazu das Gefühl, dass man den Plot sicherlich noch ausdehnen hätte können. Erstaunlicherweise gelingt dem Autor auf den wenigen Romanseiten aber auch eine gute Zeichnung seiner Hauptfiguren (die Nebenfiguren und die „Bösen“ bleiben allerdings etwas diffus) und vor allem der Ambivalenz und die Zerrissenheit zwischen Québec und Kanada und auch zwischen den Québecern und den Ureinwohnern.

In Québec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen. (E-Book, S.87)

Insgesamt ist „Taqawan“ ein anregender Roman noir mit viel Hintergrundinformation über einen Teil der kanadischen Geschichte. Allerdings muss ich gestehen, dass es mir für eine Topbewertung wegen der zahlreichen Einschübe doch zu fragmentarisch aufbereitet war. Nichtsdestotrotz war es ein bemerkenswerter und lesenswerter Roman.

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Taqawan | Erschienen am 29.09.2020 im Lenos Verlag
ISBN 978-3-03925-004-2
208 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-85787-985-2 | 16,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarfilm „Incident at Restigouche“ der Regisseurin Alanis Obomsawin aus dem Jahr 1984 über die „Salmon Raids“ 1981

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Die kanadische Autorin Margaret Atwood wurde vielfach für ihre zahlreichen Romane ausgezeichnet, aber es war ihr utopischer Roman „Der Report der Magd“ von 1985, der zum Kultbuch avancierte. Die düstere Zukunftsvision spielt Ende des 20. Jahrhundert in einer Welt, in der kaum noch Kinder geboren werden. Im Norden der USA gründen fanatische, religiöse Sektierer die sogenannte Republik Gilead. In dem totalitären Gottesstaat werden Frauen ihrer Identität beraubt, entmündigt und in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen sprich Mägde eingeteilt, um die weibliche Gebärfähigkeit zu gewährleisten. Hauptfigur und Erzählerin des Romans ist die junge Desfred, eine der wenigen fruchtbaren Frauen, die einer männlichen Führungskraft als Zweitfrau zu Gebärzwecken zugewiesen wird. Am Ende kann Desfred entkommen, aber gelingt die Flucht tatsächlich? Der Roman endet mit den Worten:
Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.

34 Jahre hat sich die Autorin für eine Fortsetzung Zeit genommen. Grund war sicher der große Erfolg der preisgekrönten Fernsehserie „The Handmaid‘s Tale“ von 2017. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich eine Rückbesinnung auf vermeintlich sichere, alte Werte wünschen, trifft die Serie einen Nerv. Sie wirkt wie ein erschreckend realer Alptraum und ist auch eine Metapher auf die Abgründe der heutigen Zeit.

„Die Zeuginnen“ setzt 15 Jahre nach dem Ende des Klassikers an und erzählt die Geschichte des fiktiven Staates Gilead zu Ende. Drei Frauen berichten aus ihren Perspektiven als eine Art Zeitzeuginnen in unterschiedlichen Handlungssträngen.

Wie wir auch aussehen mochten, ob wir wollten oder nicht, wir waren Fallstrick und Verlockung, wir waren die unschuldige und schuldlose Ursache dafür, dass wir allein durch unser Dasein die Männer trunken machen konnten vor Lust, bis sie ins Taumeln gerieten und in den Abgrund stürzten… (Auszug Seite 16)

Für mich die interessanteste Figur ist die knallharte Oberbefehlshaberin Tante Lydia, da wir viel aus dem Innenleben des Regimes erfahren. Sie erzählt rückblickend, wie sie vom Opfer zur Täterin wurde. Vor Gilead war sie Familienrichterin und nach dem Putsch landete sie wie alle Frauen in einem Stadion. Doch nach brutalen Folterungen wurde Lydia nicht durch einen Kopfschuss getötet, sondern vor die Wahl gestellt, Teil des Systems zu werden. Lydia entschied sich und wurde neben dem mächtigsten Mann, Kommandant Judd eine einflussreiche Figur in dem puritanischen Schreckensregime. Als oberste Tante regelt sie mit eiserner Hand alle Frauenangelegenheiten. Sie leitet Haus Ardua, hat Einfluss in Staatsangelegenheiten und Einblick in viele geheime Akten. Und ist gleichzeitig Kopf des Untergrunds, denn sie dokumentiert alles und versteckt ihre Aufzeichnungen in einem ausgehöhlten Buch.

Dann kommt die 13-jährige Agnes Jemima zu Wort, die wohlbehütet wie eine „kostbare Blume“ in einem Kommandantenhaushalt aufgezogen wird. Als ihre Mutter stirbt, erfährt sie, dass diese nicht ihre leibliche Mutter war, sondern eine Magd. Als sie mit Kommandant Judd verheiratet werden soll, versetzt sie das in tiefe Panik. Um der Heirat zu entgehen, gibt sie vor, sich als Tante berufen zu fühlen und setzt alles daran, in Haus Ardua aufgenommen zu werden.

In einem der Parks standen Schaukeln; aber wegen unserer Röcke, die vom Wind hätten hochgeweht werden und Einblick hätten gewähren können, durften wir ans Schaukeln nicht einmal denken. (Auszug Seite 25)

Im angrenzenden Kanada wächst die dritte Zeugin Daisy auf. Kurz vor ihrem 16. Geburtstag kommen ihre Eltern Neil und Melanie, die einen Second-Hand-Laden namens Spürhund betreiben, gewaltsam ums Leben. Daisy erfährt jetzt erst, dass sie adoptiert wurde und ihre Pflegeeltern heimlich Teil der Widerstandsgruppe „Mayday“ waren. „Mayday“ hilft Flüchtlingen aus Gilead zu entkommen und der Spürhund galt als konspirativer Ort. Auch Daisy ist in Gefahr und schließt sich dem Widerstand an.

Stück für Stück werden die Zusammenhänge der drei Erzählerinnen enthüllt. Eine wichtige Verbindung ist „die kleine Nicole“, ein Baby, das von seiner Mutter, einer Magd vor 15 Jahren über die Grenze nach Kanada geschmuggelt worden war. Für die Machthaber von Gilead ein Politikum, sie wollen das Mädchen unbedingt zurückhaben. Am Ende fügt sich alles zusammen und der Kreis der beiden jungen Mädchen zur Magd Desfred schließt sich. Einige Geheimnisse werden gelüftet und vieles klärt sich auf. Aber hätte ich das gebraucht?

„Die Zeuginnen“ ist ein Unterhaltungsroman, der deutlich rasanter und handlungsbetonter daher kommt als „Der Report der Magd“. Die Mischung aus Spionageroman und Abenteuergeschichte lässt sich flott weg lesen. Viele Spannungselemente verleihen dem Roman grade zum Ende hin noch mal richtig Tempo. Ich mag die lakonische, teils sarkastische Sprache von Margaret Atwood und den immer wieder aufblitzenden trockenen Humor. Trotzdem fand ich die Fortsetzung nicht so intensiv und aufwühlend. Im Vergleich zu seinem Vorgänger fehlte es für mich an Brisanz und literarischem Anspruch.

Notizen: Margaret Atwood betont immer wieder, dass sie nichts in ihre Romane aufnehme, was es in der Geschichte der Menschheit nicht schon gegeben habe. Alle von ihr beschriebenen Restriktionen gegen Frauen passieren irgendwo auf der Welt.
Die Filmkostüme, die die Mägde in der Serie tragen wurden zur Ikone der Frauenbewegung und als Symbol bei „Me Too“ Demonstrationen verwendet.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Zeuginnen | Erschienen am 10. September 2019 im Berlin Verlag
ISBN 978-3-827-01404-7
576 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: The Testament
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Ron Corbett | Preisgegeben

Ron Corbett | Preisgegeben

Niemand aus Ragged Lake besuchte die Familie, und nachdem Five Mile Camp schon lange vergessen war, kam auch kaum jemand an der Hütte vorbei. Sie lag an keiner Schneemobilroute. […] Die Hütte war von anderen Menschen und ihrem Alltag so weit entfernt wie eine archäologische Ruine, die erst entdeckt werden musste.
Aus diesem Grund konnte keiner aus Ragged Lake mit Sicherheit sagen, wann die Familie ermordet worden war. (S.13)

Im waldreichen Norden Kanadas liegt der kleine Ort Ragged Lake. Einst eine Siedlung für Holzfäller und die Arbeiter einer Papierfabrik. Doch nach dem Niedergang der Fabrik ist der Ort heute weitgehend verlassen. Erst recht im Winter. Ganz in der Nähe in einem ehemaligen Holzfällercamp hat eine kleine Familie sich ein windschiefes Holzhaus gebaut und lebt dort einsam und abgeschieden. Eines Tages durchstreift ein Schlagauszeichner des Holzunternehmens die Wälder und trifft auf die Hütte. Dort findet er Mann, Frau und Kleinkind ermordet auf.

Aus der fernen Großstadt Springfield macht sich der Detective Frank Yakabuski mit zwei Deputys mit Schneemobilen auf ins entlegene Ragged Lake. Die Ermittlungen sind naturgemäß schwierig, da es kaum Anhaltspunkte gibt. Wo liegt das Motiv, diese Familie zu ermorden? In einer Lodge am See sind drei Angestellte und fünf Bewohner und Gäste versammelt. Ist der Mörder einer von ihnen? Oder doch jemand von außen? Als Yakabuski und seine Männer die Gegend durchkämmen, finden sie heraus, dass sich doch noch mehr Personen in Ragged Lake aufhalten. Danach überschlagen sich die Ereignisse und in einem aufziehenden Sturm spitzt sich die Lage zu.

„Preisgegeben“, im Original „Ragged Lake“, ist der Debütroman des Kanadiers Ron Corbett. Corbett lebt in Kanadas Hauptstadt Ottawa und ist erfolgreicher Journalist. Nach mehreren Sachbüchern hat er sich dem Krimigenre verschrieben und wurde mit „Ragged Lake“ direkt für einen Edgar in der Kategorie „Original Taschenbuch“ nominiert. Das vorliegende Buch ist der Auftakt für eine Serie um den Detective Frank Yakabuski. Dieser hat nach einer Dienstzeit bei den Spezialkräften der Armee den Polizeidienst eingeschlagen. Dort genießt er hohen Respekt, seit er mit einem Undercover-Einsatz eine Biker-Gang ausgehoben hat. Von seinem Privatleben erfährt man nicht viel. Er lebt mit seinem Vater, Ex-Cop, zusammen, der sich nur langsam von einer Schußverletzung erholt. Yakabuski ist ein eher wortkarger Einzelgänger, als Cop beharrlich und nervenstark. Die Schauplätze im Roman sind übrigens fiktiv, wenngleich an die Region der nördlichen Wasserscheide in Kanada angelehnt.

Der Warrant Officer hatte dem jungen Leichtinfanteristen den Arm um die Schulter gelegt und mit fröhlicher Stimme gesagt, es sei manchmal gar nicht der Job eines Soldaten, andere zu retten.
Manchmal sei der Job von Soldaten bloß, es den Mistkerlen heimzuzahlen. (S.31)

Die Ausgangssituation lässt auf einen klassischen Whodunit schließen – mit einer begrenzten Verdächtigenzahl in isolierter Lage. Doch so konventionell lässt es der Autor nicht kommen. Er bricht die Erzählweise, lässt Yakabuski im Tagebuch der ermordeten Frau lesen und trägt so deren ganze traurige Geschichte vor. Hier ist dieser Roman wohl am meisten noir: Lucy Whiteduck, eine Cree, erzählt ihre Lebensgeschichte. Eine deprimierende Erzählung, vermutlich typisch für die Probleme der First Nations heute. Die Hoffnung nicht verlierend gründet Lucy eine Familie mit dem Kriegsveteran Guillaume und lässt sich am hinterletzten Ort nieder – und findet trotzdem den Tod. Am düstersten dabei der Tod des kleinen 2jährigen Mädchens Cassandra. Dazwischen weitet sich die Geschichte in Ragged Lake zu einem veritablen Actionthriller aus – mit ganz schön hohem Blutzoll.

Nebenbei, in die Geschichte eingeflochten, erfährt man auch einiges über den Niedergang des kleinen Ortes, eine typische Geschichte von Kolonisierung der Ureinwohner, vom kurzzeitigen Hoch durch die Papierindustrie und dem folgenden Niedergang. Das Vakuum wird nun von anderen Personen besetzt, die auch nichts Gutes im Schilde führen. Insgesamt ist das eine sehr abwechslungsreiche und spannende Geschichte, die bis zuletzt noch eine Überraschung bereithält. Ein wirklich guter Noir aus den tiefen Wäldern Kanadas.

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Preisgegeben | Erschienen am 01.03.2020 im Polar Verlag
ISBN 987-3-948392-04-8
400 Seiten | 14,- €
Originaltitel: Ragged Lake
Bibliografische Angaben

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Elsa Dix | Die Tote in der Sommerfrische

Elsa Dix | Die Tote in der Sommerfrische

„Haare trieben im Wasser, flossen wie dunkles Seegras um ihn herum. Es war eine Frau, sie trieb auf dem Bauch. Christian ergriff sie an der Schulter, versuchte den Kopf über die Wasseroberfläche zu bringen. Er schaffte es nicht. Mit der nächsten Welle zog er den Körper näher Richtung Strand. Doch dann wich das Wasser zurück, und für einen Moment fürchtete er, von der herausströmenden Gischt mitgerissen zu werden.“ (Seite 17)

Viktoria Berg verbringt 1912 die Sommerfrische auf Norderney, bevor sie eine Stellung als Lehrerin antritt. Mit ihr verbringt auch die feine Gesellschaft der Kaiserzeit scheinbar unbeschwerte Tage auf der Insel. Dann zieht der Journalist Christian Hinrichs eine Leiche aus dem Meer und Viktoria kannte die Tote. Da die Polizei den Vorfall ohne Ermittlung als Selbstmord abtut, sich Christian und Viktoria aber einig sind, dass es nicht so ist, begeben sie sich selbst auf Spurensuche.

Krimi trifft Liebe
„Die Tote in der Sommerfrische“ von Elsa Dix ist der erste Fall um Viktoria Berg und Christian Hinrichs. Ich empfand diesen Krimi als sehr unterhaltsam zu lesen. Dieses Buch ist der erste historische Kriminalroman, den ich lese und ich bin überzeugt worden, auch wenn der Schauplatz am Meer einen großen Anteil daran hat. Neben dem Mord, dessen Lösung im Fokus steht, geht es auch um die Gefühle von Viktoria und Christian zueinander. Also ist dieses Buch eine Mischung aus Kriminal- und Liebesroman, was ich gut gelungen finde, denn die Liebesszenen sind überhaupt nicht kitschig und ergänzen sich gut mit den Recherchen um den Todesfall.

Ein Einblick in die Vergangenheit
Sehr interessant fand ich, wie es damals zuging. Dass der Adel automatisch mehr zu sagen hatte als die Arbeiterklasse, welche Arbeitsbedingungen für die Dienstmädchen galten, dass verheiratete Frauen nichts zu sagen hatten und ihre Männer wie Kinder um Erlaubnis fragen mussten. Auch wie insgesamt alles um den Fremdenverkehr organisiert war. Die gesamten Beschreibungen kommen mir sehr gut recherchiert vor. Die Autorin erwähnt in der Danksagung, dass sie viel im Norderneyer Stadtarchiv recherchiert hat und einige der Fundstücke hat sie auf ihrer Homepage veröffentlicht.

Klassengesellschaft
Viktoria Berg ist die Tochter eines Oberstaatsanwaltes, und obwohl es in ihrer Klasse üblich ist, sich zu verheiraten und Kinder zu bekommen, hat Viktoria sich durchgesetzt und eine Ausbildung zur Lehrerin absolviert. Ihr ist es ganz wichtig zu arbeiten und vor allem frei und unabhängig zu bleiben, deshalb kommt für sie eine Ehe keineswegs in Frage. Christian Hinrichs entstammt einer Arbeiter-Familie, und nur durch seinen Ehrgeiz ist er überhaupt Journalist geworden. Mir sind beide Protagonisten sehr sympathisch, Viktoria beeindruckt mich aber besonders durch ihren Mut und die Einstellung, etwas verändern zu wollen und nichts so hinzunehmen, wie es ist.

Seichte Spannung
Den Täter versuchen die beiden durch mehr oder weniger direkte Befragungen der Gäste zu ermitteln, außerdem durch Beobachten, Belauschen und Schlussfolgern. Das Ganze ist spannend, aber auf eine seichte Art. Ich hätte mir ein klein bisschen mehr Nervenkitzel gewünscht, trotzdem kamen keinerlei Längen auf.
Fazit: Eine unterhaltsame Mischung aus Krimi und Liebesgeschichte und eine kleine Reise in die Vergangenheit, angesiedelt im schönen Seebad Norderney. Ich freue mich auf weitere Fälle.

Elsa Dix ist eine aus Norddeutschland stammende Krimiautorin. Sie lebt heute mit ihrem Mann und Hund in Düsseldorf und verbringt jede freie Minute auf Norderney. (Verlagsinfo)

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Die Tote in der Sommerfrische | Erschienen am 16.03.2020 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-49034-0
416 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben und Leseprobe