Monat: April 2026

Ellen Dunne | Die schlafenden Hunde von Dublin (Band 5)

Ellen Dunne | Die schlafenden Hunde von Dublin (Band 5)

Nach ihrer längeren Auszeit in Irland kehrt Kriminalkommissarin Patsy Logan wieder nach München zurück, um ihren Dienst in der Mordkommission wieder aufzunehmen. Doch kaum ist sie wieder in der bayrischen Landeshauptstadt, erfährt sie vom Tod von Fergal Massey, eines alten Freundes ihres Vaters. Dieser wurde in Dublin erschossen aufgefunden, ausgerechnet nachdem der Ire zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder heimatlichen Boden betreten hatte. Patsy wird sogar als Zeugin von ihren Kollegen befragt, denn Fergal, Inhaber eines Irish Pubs in München, hinterlässt ausgerechnet ihr einen Großteil seines Vermögens, zu dem auch Grundstücke und Immobilien in Irland zählen. Außerdem wurde beim Toten ein altes Foto gefunden. Darauf Fergal, Patsys Vater Arthur, Mannix Sheridan – ein weiterer alter Freund – und die jugendliche Patsy.

Sie riskiert einen Blick aus dem Fenster. Über ihr die Straßenbeleuchtung, rechts vom Auto fliegen straff gespannte Metallseile vorbei. Aha. Sie überqueren den Fluss auf die Nordseite der Stadt. Auf dieser Brücke, die von Weitem aussieht wie eine Harfe. Ihr Name? Hat sie vergessen. Und wie hieß der verfluchte Fluss nochmal? Und was haben sie überhaupt auf der Dubliner Nordseite zu suchen? Sie gehört doch in den Süden. „Wir sind hier falsch“, hört sie sich sagen. Ihre Worte verlaufen ineinander wie Schlieren. „Wir müssen umkehren.“ (Auszug S. 6)

Patsy reist zur Beisetzung nach Irland. Die Todesumstände von Fergal Massey und das Foto lassen in Patsy wieder das alte Trauma wieder aufreißen: Das Verschwinden ihres Vaters 1993 in Irland. Arthur Logan litt unter manisch-depressiven Schüben, er verschwand damals und wurde nie gefunden, eine Spur führte zu den Klippen über der irischen See. Nun wurde sein alter Freund ermordet, als dieser offenbar einige Dinge in der Heimat zu erledigen hatte. Patsy will Antworten, doch die Hinterbliebenen und vor allem der letzte noch lebende Freund Mannix Sheridan geben sich bedeckt. Natürlich gibt sich Patsy damit nicht zufrieden und forscht in die Vergangenheit, als ihr Vater das Familien-Logistikunternehmen von der bayrisch-österreichischen Grenze damals bis nach Irland ausdehnte und scheinbar gute Geschäfte machte. Doch bei guten Geschäften Anfang der 1990er in Irland waren kriminelle Verbindungen nicht weit.

Der eisige Charme der Irischen See ist schwer zu erklären. Wie sie einen anlockt mit ihrer samtigen Oberfläche, ihre Farben wechselt wie ihre Launen, wie sie in der Sonne verführerisch glitzert. Wenn nicht gerade ein Sturm geht, scheint ihr nichts ferner zu liegen als das aufbrausende Temperament des Atlantiks drüben an der Westküste. (Auszug S. 167)

„Die schlafenden Hunde von Dublin“ ist inzwischen der fünfte Band um die Münchner Kommissarin Patrizia, genannt Patsy, Logan mit deutscher Mutter und irischem Vater (von den Kollegen und Fans der Reihe aufgrund eines alten Vorfalls auch anerkennend-spöttisch „Frau der Stunde“ genannt) . Von Beginn an waren die Gemütszustände der Hauptfigur neben dem Kriminalplot ein wichtiger Bestandsteil der Romane der österreichischen Autorin Ellen Dunne, die inzwischen seit längerem in der Nähe von Dublin lebt. Die Ich-Erzählerin Patsy ist allerdings auch ein wesentlicher Garant für den Erfolg der Reihe, denn die (selbst-)ironisch-schlagfertigen bis zynischen Kommentare und Gedanken der Kommissarin machen die Krimis sehr reizvoll. Der verschwundene Vater zieht sich als Patsys Trauma schon von Beginn an durch die Reihe, nun erhält sie zum ersten Mal die realistische Chance zu ergründen, was damals wirklich mit ihrem Vater geschehen ist. Wie schon in der Vergangenheit steckt Patsy dabei ihre Nase tief in gefährliche Angelegenheiten und gerät dabei auch weit außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs.

Die Docklands, ein heimeliges Gruselkabinett, das nur noch in meiner Erinnerung existierte. Inzwischen waren Lagerhallen den Bürogebäuden für die Multinationals aus Finanz- und Techindustrie gewichen, das alte Gasometer ein vollverglaster Appartementturm, dessen Mieten sich nur die Mitarbeiter besagter Unternehmen leisten konnten. Die alten Cottages und Backsteinhäuser der Dockarbeiter südlich des Flusses wirkten wie letzte Widerstandsnester, eingezwängt in einen Kordon aus Stahl, Beton und Glas. (Auszug S. 202)

Der Roman präsentiert sich als gelungene Reihenfortsetzung. Der Schauplatz Dublin wird erneut als reizvolles Setting präsentiert (siehe die Bilder mit Textauszügen). Und das Wichtigste: Ellen Dunne behält ihren intelligent-knappen, lakonisch-lässigen Schreibstil bei und liefert für die treuen Leser endlich eine Antwort auf die Frage: „Was geschah mit Arthur Logan?“ Das bedeutet allerdings für Neueinsteiger, dass sie diese Reihe in chronologischer Reihenfolge lesen sollten. Das ist bei dieser Reihe aber nun wahrlich keine Bürde.

 

Fotos von H. Wolters | Rezension von Gunnar Wolters

Die schlafenden Hunde von Dublin | Erschienen am 19.02.2026 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen auf Kaliber.17 zu der Reihe um Patsy Logan

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Zu den harten Fakten: Von Oktober 1989 bis April 1991 verübte ein Serienmörder in Brandenburg südöstlich von Berlin insgesamt sechs Morde und beging drei weitere Mordversuche. Die Taten waren auch mit sexuellem Missbrauch bzw. Vergewaltigung verbunden. Die Taten und die Suche nach dem Täter wurden von der Presse intensiv verfolgt, man gab ihm den Namen „Rosa Riese“ oder „Bestie von Beelitz“. Die Berichterstattungen während der Suche und später während des Prozesses von bestimmten Boulevardmedien wurden anschließend stark kritisiert. Im August 1991 wurde schließlich ein Mann in Damenbekleidung von zwei Joggern überwältigt und der Polizei übergeben. Dort gestand Wolfgang Schmidt, ehemaliger Volkspolizist, die Taten. Während des Prozesses wurde bekannt, dass Schmidt einen extremen sexuellen Fetischismus entwickelt hatte. Später ließ Schmidt ihre Transgeschlechtlichkeit bekanntgeben und erfolgreich die Geschlechtszuordnung ändern. Sie heißt seitdem Beate Schmidt und ist immer noch im Maßregelvollzug untergebracht.

Die Potsdamer Autorin Sophie Sumburane hat sich dieses Stoffes angenommen und daraus einen True Crime-Roman verfasst. Sie beginnt den Roman in Deetz, einem kleinen Ort an der Havel zwischen Potsdam und Brandenburg, Anfang Oktober 1989. Hedi, eine junge Frau aus dem Dorf, badet wie viele aus der Gegend gerne in den Erdelöchern, kleine Seen in ehemaligen Torfabbaulöchern, als sie einen Mann bemerkt, der sie beobachtet. Sie entkommt mit einem Schrecken, der Mann greift sie nicht an, verhält sich aber merkwürdig. Zwei Wochen später wird in der Bungalowsiedlung nahe der Erdelöcher eine 51jährige Frau ermordet, die Hedi auch kannte. Die Bewohner aus Deetz reagieren schockiert, neben Hedi auch ihre beste Freundin Gabi. Die Polizei der untergehenden DDR ist mit dem Fall überfordert, verdächtigt unter anderem den Ehemann, obwohl der überhaupt nicht zu der Beschreibung des Täters passt, der einem Zeugen in der Siedlung aufgefallen ist.

Der Roman konzentriert sich in der Folgezeit stark auf die beiden Frauen und Ich-Erzählerinnen Hedi und Gabi, die sich durch den Wandel in der DDR und der später erfolgenden Wiedervereinigung in einer komplizierten Lebensphase befinden. Die scheinbar vorgezeichneten Pfade der DDR mit Ausbildung und Beruf gelten nicht mehr, man ist nun aber auch etwas überfordert mit der Freiheit. Gerade die Elterngeneration findet sich nur schwer in der neuen Bundesrepublik zurecht. Und nun geht die Angst vor dem Mörder um, der das Dorf lähmt, in die heile Welt eindringt. Hedi flüchtet mit ihrem Freund Erich nach Berlin. Doch dort lässt er sie nicht mehr aus der Wohnung, steigert sich in Beschützerinstinkte, wird ihr gegenüber körperlich. Irgendwann glaubt Hedi, dass er der Gesuchte ist. Gabi hingegen nutzt die neue Freiheit, bewirbt sich erfolgreich um ein Praktikum bzw. Volontariat bei der Bild-Zeitung. Dort will sie auf den Fall des Mörders und vermutlichen Serientäters aufmerksam machen, scheitert aber zunächst am Desinteresse der Redaktion. Erst der Doppelmord an einer Mutter und ihres Säuglings lässt das Interesse des Boulevards umso heftiger entfachen. Währenddessen versucht Gabi, Hedi aus ihrem „Gefängnis“ mit Erich zu befreien.

Die Autorin nutzt die beiden Frauen und ihr Umfeld, um die einschneidenden Erfahrungen der Wendezeit deutlich zu machen. Ein gewohntes Umfeld, dass sich plötzlich stark verändert. Eine neu gewonnene Freiheit, die auch erstmal verunsichert. Ein Konsumrausch, dem viele nicht gewachsen sind. Die staatliche Ordnung der DDR, die vom Übergang überfordert ist. Existenzängste. Die Bundesrepublik als Ellbogengesellschaft. Die niederen Instinkte des Boulevardjournalismus. Hinzu kommen die Taten des Serienmörders, die verstören und Angst machen, die als westlich importiert empfunden wurden, obwohl, wie sich später herausstellt, der Täter in der DDR unter ihnen sozialisiert wurde. Der Täter selbst kommt übrigens nur selten durch knappe, kurze Abschnitte – zumeist Aussagen aus dem Polizeiverhör – vor. Der Fokus liegt weniger auf den Taten und gar nicht auf den Ermittlungen, eher auf den Opfern, denen ein gewisser Platz eingeräumt wird, vor allem aber auf der gesamtgesellschaftlichen Situation der Wendezeit und der damit verbundenen Umwälzungen, in der diese Taten stattfanden und was diese dadurch für ein Echo auslösten. Das macht den Roman zu einer lesenswerten Studie über ein aufsehenerregendes Verbrechen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.

„Ich glaubte, ich wollte beim Aufklären helfen, weil irgendwie keiner so richtig etwas tat, doch jetzt weiß ich, eigentlich war es meine Angst, die mich antrieb. […] Es war die Angst, die mich zwang zu verstehen zu wollen, wovor ich Angst haben musste. Ich hatte das Gefühl, ich würde erst wieder angstfrei sein, wenn ich jeden Moment mit Gewissheit wusste, wo er war. Doch nun sind Monate vergangen, ohne dass ich mehr weiß, eine weitere Frau wird vermisst und ein weiteres Mal scheint sie vergessen zu werden.“ (Auszug S. 212)

Über die Recherchen von Sophie Sumburane wurde zudem auch eine dreiteilige Dokumentarserie („Rosa Riese“) der Reihe „ARD Crime Time“ produziert. Ein Kamerateam begleitet die Autorin bei der Befragung von Zeitzeugen und auf Spurensuche in der Region. Zudem werden Archivbeiträge eingespielt. Im Gegensatz zum Buch spielen die Polizeiermittlungen und der Täter eine größere Rolle. Insofern eine interessante Ergänzung zum Roman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Keine besonderen Auffälligkeiten | Erschienen am 02.03.2026 in der Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-478-4
296 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarserie „Rosa Riese“ in der ARD-Mediathek