Tag: 23. April 2026

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

„Warum glaubst du, dass Hoosh wollte, dass du mich in der Regierung hältst? Weil sie glauben, dass ich so ein unersetzbarer Wohnungsbauminister bin?“ Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, so funktionierte Politik nicht wirklich. Alles dreht sich um Kontakte und Beziehungen. Loyalität. Was man über wen weiß. Und wozu man mit diesem Wissen bereit ist.“ (Auszug Seite 253/254)

Die Politikjournalistin Julia versucht einen Skandal um den populären Ministerpräsidenten Schwedens Christian Bratt aufzudecken. Es geht um heimliche Treffen mit europäischen Populisten. Da ihr konkrete Beweise fehlen, wird sie von ihrem Chefredakteur zurückgepfiffen und erst mal aufs Abstellgleis geschoben. Bei ihrem Lebensgefährten Alfred hingegen bekommt die Karriere grade einen neuen Schub. Der Experte für Windkraft bekommt nach einem charismatischen TV-Auftritt den Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten angeboten. Julia und Alfred haben zwei Kinder, sie tauschen absprachegemäß die Rollen und Julia übernimmt die Hausarbeit und Betreuung der Kinder, für die Alfred längere Zeit verantwortlich war.

Da Julia vermutet, dass die Ernennung ihres politisch total unerfahrenen Mannes ein strategischer Schachzug ist, um ihre Recherchen zu sabotieren, ist sie sich jetzt sicher, etwas Brisantem auf der Spur zu sein. Sie vertraut ihrem Bauchgefühl und ermittelt heimlich weiter. Diese Geheimnistuerei belastet die Beziehung. Währenddessen gerät Alfred in die inneren Zirkeln der Macht und Intrigen, wo er sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu wehren weiß. Doch auch er stößt auf Ungereimtheiten in den höchsten politischen Kreisen, als er den Ministerpräsidenten als Pressesprecher nach Brüssel begleitet.

Die Dynamik zwischen Julia als engagierte, investigative Journalistin und Alfred, dem netten, etwas naiven Pressesprecher birgt genügend Zündstoff. Besonders spannend fand ich den Interessenkonflikt zwischen den Beiden. Sie will aufdecken, er soll vertuschen. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein Plot, der ohne blutrünstige und grausame Schilderungen auskommt. Das Potenzial, welches diese Geschichte gehabt hätte, wird meiner Meinung aber nicht richtig ausgeschöpft.

Abwechseln wird in kurzen Kapiteln aus Julias und Alfreds Perspektive erzählt. Am interessantesten sind dabei Alfreds Erfahrungen im Haifischbecken der Politik und wie er sich langsam entwickelt und durchsetzt. Da die eine Hälfte des Autor*innen-Teams Moa Berglöf als politische Expertin und ehemalige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten genug Erfahrungen aufweist und sich mit den alltäglichen Dynamiken hinter den Kulissen auskennt, wirken die Ränkespiele und Machtkämpfe glaubhaft und authentisch. Auch die Figuren auf dem politischen Parkett sind gut gestaltet und lebendig. Vielleicht auch weil einige lebendige Vorbilder haben, wie im Nachwort verraten wird.
Dabei hat mich der Thrill-Anteil, wofür wahrscheinlich Joakim Zander verantwortlich ist, enttäuscht.

Erst nach circa zwei Drittel des Romans kommt sowas wie Spannung auf. Die Geschichte ist von Anfang an weder inhaltlich noch sprachlich besonders anspruchsvoll, sondern eher simpel. Dabei stören mich besonders die Dialoge an einigen Stellen, die eigentlich nur der Erklärung für uns Lesenden dienen. Die Spuren bei Julias Recherchen führen dann in eine ganz unerwartete Richtung und die Enthüllungen haben mich dann auch enttäuscht. Es hat gar nichts mit Politik zu tun. Politisch sind nur die Schauplätze wie Brüssel und die dort auftretenden Charaktere. Ich hätte mir mehr Brisanz erhofft und der Plot hat leider einige Schwächen.

Das Ende des Buches bleibt insgesamt sehr offen und verzichtet auf eine klare Auflösung. Da macht es Sinn, dass die beiden Autoren schon an einem Nachfolgeband arbeiten.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Stockholm Protokolle – Gefährliche Beziehungen | Erschienen am 01.03.2026 bei Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-01883-1
448 Seiten | 18,00 €
Originaltitel: Staben | Übersetzung aus dem Schwedischen von Thomas Altefrohne
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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