Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Vor Angst war ihm plötzlich schwindlig. Er nahm sich Zeit, um durchzuatmen und das Gleichgewicht wiederzufinden. Man konnte wissen, was in diesem Land im Verborgenen vor sich ging, aber wenn man mit solchen Praktiken direkt konfrontiert war, dann war das eine Erschütterung, die einen zerstören, einen so verrückt machen konnte, dass man am helllichten Tag mit einer Lampe auf der Straße herumlief und nach einem kleinen Rest an Menschlichkeit auf Erden suchte. (Auszug S. 65)

Inspektor Dieuswalwe Azémar von der Police National d’Haïti wird zu einem Leichenfund gerufen. Es ist die Leiche der fünfzehnjährigen Mikayida, die Tochter von Mirlène, Azémars aktueller Geliebten. Das Mädchen wurde brutal ermordet und außerdem wurden ihr noch Symbole in die Haut geritzt. Dieuswalwe setzt einen befreundeten Gerichtsmediziner auf die Obduktion an und stellt weitere Nachforschungen an. Er findet bald heraus, dass Mikayida nicht das einzige Opfer ist, sondern offenbar Teil einer Art satanischen Rituals, in das mächtige Kreise verwickelt sind. Doch Dieuswalwe schwört Mirléne und auch sich selbst, dass er die Mörder von Mikayida zur Strecke bringt.

Dabei geht Dieuswalwe (kreolisch für „Gott sei gelobt“) wie gewohnt nicht zimperlich vor. Wer den Inspektor aus vorherigen Romanen kennt, der weiß, dass er voller Wut, erbarmungslos und fast furchtlos seine Arbeit verrichtet. Sein Treibstoff ist „soro“ oder „kleren“, Zuckerrohrschnaps, der in Haiti an vielen Straßenecken verkauft wird, oft schwarzgebrannt und durchaus ein Gesundheitsrisiko. Die Verbrecher und deren mächtige korrupten Verbündete, die sein Land auspressen, sind Dieuswalwes Feinde. Er hat nur noch wenige Vertraute bei der Polizei und seine hervorragenden Schießkünste haben bislang verhindert, dass man sich seiner entledigt hat.

„Erschütterungen“ ist der fünfte ins Deutsche übersetzte Band dieser Krimireihe. Die Besonderheit: Zum ersten Mal in dieser Reihe hat der Autor Gary Victor seinen Roman in Kreolisch verfasst. Victor selbst ist einer der renommiertesten Autoren und Kreativen seiner Heimat, er hat auch selbst Posten in der Administration Haitis übernommen. Sein Werk ist gekennzeichnet von authentischen Schilderungen eines Landes, das völlig aus den Fugen geraten ist, ein buchstäblicher „failed state“, von Korrupten und Banditen regiert und terrorisiert. Sein Protagonist Dieuswalwe Azémar ist dabei der unbestechliche Lichtblick, doch auch er muss außerhalb der Regeln spielen – ein Dirty Harry von Port-au-Prince.

Sie flüsterte ihm ins Ohr: „Wir sollten das nicht tun, Dieuswalwe. Gott sieht es nicht gern.“ Dieuswalwe antwortete nicht. An die Sache mit Gott glaubte er schon lange nicht mehr. Wenn es ihn gab, dann kümmerten ihn die Angelegenheiten der Menschen, vor allem die der Haitianer, offensichtlich nicht im Geringsten. (Auszug S. 52)

Der Roman ist ziemlich kurz, knapp unter hundert Seiten und dadurch sehr verdichtet. Kurze Sätze, knappe Dialoge, die Handlung wird schnell vorangetrieben. Gary Victor zeichnet ein düsteres Bild von Haiti, ein Staat voller Gewalt, Korruption und Aberglaube, in dem junge Menschen geschändet und auf den Müll geworfen werden – und der einzige, den das zu kümmern scheint, ist ein desillusionierter, alkoholsüchtiger, wütender Inspektor. Das ist starker Noir aus der Karibik für Leser mit starken Nerven – die ganze Reihe ist unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Erschütterungen | Erschienen am 15.03.2026 bei Litradukt
ISBN 978-3-940435-53-8
94 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Sakad | Übersetzung aus dem haitischen Kreolisch von Peter Trier
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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