Kategorie: 4 von 5

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2021

 

Stephen Mack Jones | Der gekaufte Tod

Nach einer Art Sabbatical kehrt August Snow zurück in seine Heimatstadt Detroit. Dort war er von seinem Arbeitgeber, dem Detroit Police Department, gekündigt worden, als er Korruption vom Bürgermeister und hohen Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung öffentlich machte. In einer Zivilklage konnte August allerdings eine Millionensumme erstreiten, die ihn nun finanziell unabhängig macht. Kaum ist er wieder im Land, will die exzentrische Milllionärin Eleanor Paget August engagieren, um Unregelmäßigkeiten in ihre Bankhaus aufzuklären. Doch August lehnt den Job ab. Wenig später ist Eleanor Paget tot, der vermeinliche Selbstmord entpuppt sich schließlich als Mord. Augusts schlechtes Gewissen meldet sich, sodass er nun doch den Hintergründen auf die Spur geht. Dabei sticht in erneut in ein Wespennest aus Korruption und organisiertem Verbrechen.

„Der gekaufte Tod“ ist der erste Teil einer Reihe um August Snow. Autor Stephen Mack Jones gewann hiermit direkt den renommierten Hammett Prize. Großer Pluspunkt des Thrillers sind die beiden Hauptfiguren – Augst Snow und Detroit. Snow ist Halb-Afroamerikaner, Halb-Mexikaner, ein sympathischer Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich spielend in den verschiedenen Szenen Detroits bewegt und nach einer Perspektive für diese Stadt sucht, die arg gebeutelt wurde, aber bei der es bescheiden aufwärts geht. Der Plot ist eher solide, eine Art Jack-Reacher-Variation, bei der Snows Gegner aus dem kriminell-militärisch-(finanz)industriellem Komplex eher diffus bleiben. Auch die Kulinarik wird für meinen Geschmack etwas überbetont. Nichtsdestotrotz überzeugte mich der Roman vor allem bei Setting, Figuren und Tempo. Daher sicherlich lesenswert.

Der gekaufte Tod | Erschienen am 20.03.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50477-4
338 Seiten | 17,- €
Als e-Book: ISBN 978-3-608-12079-0 | 13,99 €
Originaltitel: August Snow (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tom Franklin | Wilderer

Tom Franklin hat sich inzwischen auch im deutschsprachigem Raum als wichtiger Vertreter des Southern Gothic, der düsteren Country Noir-Variante der amerikanischen Südstaaten, etabliert – spätestens mit dem Roman „Krumme Type, krumme Type“, mit dem er 2019 den Deutschen Krimipreis gewann.

Der vorliegende Kurzgeschichtenband „Wilderer“ („Poachers“ im Original) erschien 1999 und waren das Debüt des Autors aus dem US-Staat Alabama, wo auch die Kurzgeschichten angesiedelt sind. Der Band beginnt mit der autobiografisch gefärbten Story „Jagdzeit“. Die Protagonisten der Geschichten sind allesamt Abgehängte , die zumeist den Glauben an einen guten Ausgang ihrer Lebensgeschichte schon aufgegeben haben oder sich den Gegebenheiten der ländlichen Provinz mit Wilderei, Alkohol und Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben angepasst haben. So etwa der Besitzer einer Tankstelle im Hinterland, an die sich kaum jemand mehr verirrt, an der aber immer noch das ausgestopfte Nashorn steht, das irgendwann einmal Kunden angelockt hat. Oder der Typ, der davon abhängt, von seinem Bruder unliebsame Jobs zu bekommen, zum Beispiel einen Wurf Katzen zu entsorgen.

Herausragend ist die längste, die Titelgeschichte „Wilderer“, in dem drei junge Männer, archaisch sozialisiert und schon als Wilderer aufgewachsen, einen Wildhüter ermorden. Die örtliche Gemeinschaft ist zurückhaltend, hat den Männern bereits viel durchgehen lassen. Doch irgendjemand scheint Rache nehmen zu wollen. Insgesamt wieder eine überzeugende Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Verlags Pulp Master. Manche Geschichte war für mich etwas kurz, um die volle Wirkung zu entfalten. Aber viele sind starke, düstere Porträts eines rohen US-Hinterlands.

Wilderer | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946-58207-6
250 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Poachers (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Sebastian Fitzek | Der Heimweg

Von Sebastian Fitzeks Bücher hatte ich mich nach einmaliger Lektüre eines Werkes ja schon eigentlich verabschiedet. Einfach nicht mein Ding, total überkonstruiert. Nun hatte ich ein aktuelles Werk geschenkt bekommen und dachte, na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. War im Endeffekt Quatsch.

Ich hätte schon von Beginn an skeptisch sein sollen. Fitzek setzt vorweg zwei Zitate und eine Anmerkungen über die Gewalt an Frauen durch ihre Partner. Ein wirklich gutes Anliegen, dieses Problem literarisch zu verarbeiten. Doch dass Fitzek ein Zitat der BILD-Zeitung entnommen hat, macht dann doch skeptisch, ob er wirklich tief zu dem Thema recherchiert hat. Und der weitere Verlauf des Romans lässt die Skepsis dann relativ schnell in Gewissheit umschlagen. Eine Inhaltsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle, der Plot ist einfach völlig abstrus und albern. Dabei hätte ein Autor mit einer derartigen Auflage tatsächlich auch mal eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Thema „häusliche Gewalt“ bieten können. Aber darauf kommt es Fitzek nicht an, das Buch ist blosse Effekthascherei und Individualisierung des Bösen. Hätte ich mir aber auch fast vorher denken können. So war es vertane Lesezeit.

Der Heimweg | Erschienen am 21.10.2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28155-0
424 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1 von 5;
Genre: Psychothriller

 

Daniel Wehnhardt | Zorn der Lämmer

1942 haben die Nazis auch im litauischen Wilna ihr Schreckensregime etabliert. Ein jüdisches Getto ist eingerichtet, erste Deportationen finden statt. Doch ein Teil der Juden ist nicht länger bereit, sich in der Opferrolle einzurichten. Der charismatische Abba Kovner gründet unter anderem mit seinen Freunden Vitka, Ruzka und Leipke eine Partisanengruppe. Sie ziehen in die Wälder, kooperieren mit anderen Partisanen und der roten Armee. Im Sommer 1944 gehören sie zu den Befreiern Wilnas. Doch damit sehen Abba und seine Freunde ihre Aufgabe nicht als erledigt an: Auge und Auge, Zahn um Zahn. Sie wollen weiter die Nazis, ja alle Deutschen zur Rechenschaft ziehen und sind bereit, sehr weit dafür zu gehen.

Zunächst mal bin ich sehr dankbar für diese Geschichtsstunde, denn die Details von Organisationen wie der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der jüdischen Brigade und der Nakam war mir so noch nicht richtig bekannt. Mir war auch nicht bekannt, dass die Nakam einen Giftanschlag mit vergiftetem Brot auf ein Gefangenenlager mit SS-Angehörigen in Nürnberg nach Kriegsende verübt hatte (bei dem wohl niemand ums Leben kam). Für die Darstellung der historischen Fakten gebührt dem Autor auf jeden Fall Respekt. Der Roman selbst leidet für meinen Geschmack ein klein wenig an der Faktentreue, denn es wird viel nebenbei erläutert und an einigen Stellen kappt der Autor die Story an spannenden Stellen, um den weiteren Fortgang dann später in knappen Rückblenden zu erklären. Auch die Figuren kreisen fast fortwährend um Rache und Vergeltung und hätten noch mehr Tiefe vertragen können. Dennoch ein interessanter Blick in einen nicht so bekannten Abschnitt der Geschichte der Juden und des Holocaust.

Zorn der Lämmer | Erschienen am 07.04.2021 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-6817-0
352 Seiten | 14,- € (E-Book 10,99 €)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Historischer Thriller

Fotos und Rezensionen 1-4 von Gunnar Wolters.

 

Stephen King | Später ♬

Auf ungewohnt wenigen Seiten oder als Hörbuch in ca. 7 ½ Stunden erzählt Stephen King von einem kleinen Jungen mit einer besonderen Gabe. Jamie Conklin kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Zumindest für eine kurze Zeit nach deren Ableben, bis sie verblassen. Und die Verstorbenen müssen immer die Wahrheit sagen. Ich dachte sofort an „The Sixth Sense“, aber mit dem Psychothriller hat „Später“ nur die Grundidee gemeinsam. Der Neunjährige lebt mal nicht Kingtypisch in einer ländlichen Kleinstadt sondern in New York City bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia, einer Literaturagentin und die beiden verbindet ein inniges Verhältnis. Sie ist auch die einzige, die von seinen übernatürlichen Fähigkeiten weiß und dieses Geheimnis gut hütet. Durch die Finanzkrise gerät Tia in eine wirtschaftliche Notlage und dann verstirbt auch noch ihr profitabelster Klient überraschend vor Vollendung seiner heiß erwarteten Bestseller-Reihe. Tia beschließt, sich Jamies Begabung zu Nutze zu machen. Das ist aber nur der Aufhänger, denn als später Tias Lebensgefährtin Liz, eine Polizistin Jamies Gabe mehrfach für ihre Karriere missbraucht, bringt sie ihn in tödliche Gefahr.

Jamie schildert aus der Ich-Perspektive rückblickend die Geschehnisse. So erleben wir aus den Augen eines Kindes die Geschichte und fiebern mit ihm mit, erleben seine Ängste und Sorgen, begleiten ihn beim Erwachsenwerden. Das funktioniert bei King immer wieder und der sympathische Junge ist aufgrund seiner saloppen Jugendsprache und seinem Auftreten absolut authentisch.

Ich mag grade den von anderen manchmal kritisierten, ausschweifenden Stil von King, der seinen Romanen oft Intensität und Tiefe gibt. Deshalb hätte das Werk von mir aus gerne noch mehr Umfang haben können, machte auf mich aufgrund des episodenhaften Erzählstils fast den Eindruck einer etwas längeren Kurzgeschichte, die der Autor mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hat. Andererseits fehlt nichts, nicht mal die eine oder andere Anspielung auf andere Werke. King weiß auch hier auf seine unnachahmliche Art zu fesseln und der solide Mix aus Horrorstory, Crime und Coming-of-Age-Geschichte ist unterhaltsam, wenn auch nicht von atemberaubender und nervenzerfetzender Spannung. Vermutlich ist für mich das von David Nathan mal wieder hervorragend interpretierte Hörbuch die bessere Wahl als das Printexemplar. Nathan kann einfach perfekt die Stimmung, die Emotionalität und den subtilen Horror, der hier bei den grausigen Beschreibungen der gewaltsam zu Tode gekommenen entsteht, transportieren.
Ich könnte mir auch eine Fortsetzung vorstellen, eventuell spielt der Titel ja darauf an.

Später | Erschienen am 15.03.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-5537-2
1 MP3-CD | 22,- Euro
Originaltitel: Later (ungekürzte Lesung von David Nathan der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezension 5 von Andy Ruhr.

 

Ian McGuire | Der Abstinent

Ian McGuire | Der Abstinent

Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint, dann, erschreckend plötzlich, sind sie weg. Anstelle ihrer lebendigen Leiber bleiben nur drei stramme Stricke, wie lange, lotrechte Kratzer auf der Gefängnismauer. (Auszug Seite 16/17)

Ian McGuires neuer Roman führt in den Norden Englands zur Zeit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts. In Manchester liefern sich Anhänger einer irischen Unabhängigkeitsbewegung einen unerbittlichen Kampf mit der örtlichen Polizei.
Schon die ersten Seiten ziehen den Leser mitten in eine gewaltvolle Szenerie, in der drei Iren öffentlich hingerichtet werden. Die drei sind Mitglieder der irischen Unabhängigkeitsbewegung „Fenians“ und sollen bei einem Überfall auf einen Gefangenentransport einen Polizisten erschossen haben.

Die Rebellen werden von den Fenians zu Märtyrern erklärt. Man nimmt Kontakt zu einem Kriegsveteranen amerikanischer Abstammung namens Stephen Doyle auf. Der Söldner aus dem US-Bürgerkrieg, bekannt für seine Skrupellosigkeit kommt mit dem Schiff aus New York und soll den irischen Widerstand in Manchester organisieren. Genau vor diesem Rachefeldzug hatte der besonnene Constable James O’Connor, erst vor kurzem aus Dublin nach Manchester strafversetzt, gewarnt. Der titelgebende Abstinent hatte nach dem frühen Tod seiner Frau und seines Kindes den Halt verloren und seine Trauer im Whiskey ertränkt. Inzwischen trocken versucht er hier in der englischen Großstadt einen Neuanfang. Im Polizeirevier gilt er allerdings als Außenseiter und hat als Ire einen schweren Stand. Er sitzt zwischen allen Stühlen, wird von den englischen Kollegen sowie von den Unabhängigkeitskämpfern misstrauisch beäugt.

Sogar Fazackerly, bei Weitem noch der angenehmste, behandelt ihn meist nur als lustiges Kuriosum, als sonderbare Abnormität, wie einen durchreisenden Apachen oder einen Tanzbären. (Auszug Seite 8)

Ian McGuire knüpft an eine historisch überlieferte Begebenheit vom 23. November 1867 an und spinnt seine Geschichte um den erbitternden Kampf zweier Männer. Dabei wirken die historischen Hintergründe des Romans sehr gut recherchiert und verleihen dem Buch einen besonderen Rahmen.

Genau wie in seinem für den Man-Booker-Prize nominierten Roman „Nordwasser“ bedient sich McGuire einer bildreichen, atmosphärisch dichten fast poetischen Sprache, um das ärmliche Milieu und die ungeschönten Umstände zu schildern, die mich sofort in die Geschichte hineinzog. Die große Stärke des Autors sind seine realistischen Beschreibungen der perspektivlosen Lebenssituationen der arbeitenden Bevölkerung. Dabei ist er immer gut, wenn es um die Beleuchtung des Alltäglichen geht, ständig wird gegessen, getrunken und geschlafen. Er guckt hinter die Kulissen und offenbart die düsteren Ecken einer Industriestadt im 19. Jahrhundert. Man kann den Dreck im Pub, in den Häusern, im Gefängnis, beim Hundekampf oder später auf einer Farm in den USA praktisch spüren und riechen. Obwohl die Menschen hart arbeiten, reicht es hinten und vorne nicht und viele leiden unter Hunger. Durch die zahlreichen Iren, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach England gekommen sind, wird der Konflikt zwischen den Nationalitäten befeuert und es brodelt gewaltig.

Die Figuren sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Besonders O’Connor agiert das ein oder andere Mal sehr ungeschickt und macht Fehler, die sogar zum Tod einiger Menschen führen. Über die Tatsache, dass er seine Informanten namentlich in ein Notizbuch schreibt, was der gnadenlose Auftragskiller dankend annimmt, konnte ich nur den Kopf schütteln. Dass er dann auch noch rückfällig wird und seine Pflichten vernachlässigt, konnte man erahnen. Das lässt ihn zwar sehr menschlich erscheinen, aber der Autor gönnt dem Leser wirklich keinen Lichtblick. Auch kommen der Geschichte einige Zufälle zur Hilfe. O’Connors Neffe kommt aus New York und ist auf dem Schiff ausgerechnet Doyle am Spieltisch begegnet. Den unerfahrenen aber übermotivierten Jungen jetzt als Spitzel einzusetzen ist wirklich nicht besonders klug und er bringt sich und andere in Lebensgefahr. Der Constable dagegen scheint wie ein Getriebener, der seine Pflicht tun möchte und nicht aus seiner Haut kann. Ohne Unterstützung kämpft er wie gegen Windmühlen. Den tiefen Fall von O’Connor mitansehen zu müssen, ist wirklich sehr deprimierend.

In vielen deftigen Dialogen blitzt das Talent des britischen Autors auf. Der promovierte Literaturwissenschaftler hat mit „Der Abstinent“ einen aus meiner Sicht packenden und bewegenden Roman um Rache und Vergeltung vor der Kulisse des irischen Unabhängigkeitskampfes geschrieben. Der äußerst überraschende Showdown ist bitter und nur schwer zu ertragen, aber in seiner Unvermeidlichkeit passend zum Rest des Romans.

Funfact: „Nordwasser“ wird gerade von der BBC in Form einer Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Abstinent | Erschienen am 23. April 2021 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-28272-7
336 Seiten | 23,00 Euro
Originaltitel : The Abstainer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Ian McGuires Roman „Nordwasser“

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 2)

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 2)

Nach dem ersten Teil der Rezensionen deutschsprachiger Politkrimis widme ich mich im zweiten Teil zwei „alten Bekannten“ des Genres. Der Düsseldorfer Autor Horst Eckert ist nun schon seit 25 Jahren Autor politischer Krimis, seit einigen Jahren mit Vincent Che Veih auch mit einem festen Protagonisten. Ebenfalls kein Unbekannter im Genre ist der Frankfurter Autor Jan Seghers. Bekannt vor allem durch die ebenfalls verfilmte Reihe um den Frankfurter Kommissar Marthaler hat Seghers nun einen neuen Protagonisten kreiert.

Jan Seghers | Der Solist

Neuhaus (ob der Vorname im Buch fällt, konnte ich hinterher nicht mehr ermitteln, glaube nicht) ist Beamter des BKA, ein integrer Einzelgänger, kurz „Der Solist“. Neuhaus wird abgeordnet in eine Einheit des Berliner LKA zur Terrorismusbekämpfung. Ein Jahr nach dem Anschlag auf dem Breitscheidplatz ist die Lage in der Hauptstadt angespannt. Ein Mord an einem stadtbekannten Juden, zu dem sich ein „Kommando Anis Amri“ bekennt, sorgt für große Aufregung. Es wird nicht der letzte Mord bleiben, eine antiislamische Stimmung greift um sich. Neuhaus und seine deutschtürkische Kollegin Suna-Marie lassen sich von von oben vorgegebenen Ermittlungsrichtungen nicht beirren und gehen letztlich der Frage nach: Cui bono?

Es gab Sozialarbeiter, Stadtteilinitiativen und Integrationsvereine. Kulturzentrum, Yogapraxis und Trommelkurse. Aber es vermischte sich nichts. Multikulti, so kam es ihm vor, war nur eine Behauptung auf Zeit gewesen. (Auszug S. 187)

Antiislamismus, Populismus, politische Nutznießer und Brandstifter und eine rechte, fremdenfeindliche Tendenz in den deutschen Sicherheitsbehörden. Dieser Roman greift einige heiße Eisen auf und setzt klare Statements, unter anderem mit der Figur des Politikers Nikolas Junker, in der unschwer Alexander Gauland zu erkennen ist. Etwas überraschend ist nach nur etwas mehr als 200 Seiten der Roman auch schon wieder um, da wäre doch noch mehr gegangen, oder? Allerdings gelingt es Jan Seghers durchaus mit Timing, Präzision und wirklich guten Dialogen, sowohl die Figuren zu porträtieren als auch den Plot voranzutreiben. Irritation meinerseits besteht über die Enthüllung über den Background von Neuhaus am Ende des Romans, die diese Figur doch sehr in der Nähe der Figur Veih des Kollegen Horst Eckert rückt. Das hat ein gewisses Gschmäckle.

 

Der Solist | Erschienen am 26.01.2021 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-05848-7
235 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

Horst Eckert | Die Stunde der Wut

Besagter Vincent Che Veih taucht nämlich nunmehr zum fünften Mal in einem Roman von Eckert auf, zum zweiten Mal in Kombination mit der Kriminalrätin Melia Adan, seiner neuen Chefin in der Kriminalinspektion 1 der Düsseldorfer Polizei. Die Besonderheit bei Veih ist seine Mutter, eine alte Unterstützerin der radikalen Linken, die ihm auch in diesem Band Ärger bereiten wird.

Der Roman schließt zeitlich relativ nah an den Vorgänger „Im Namen der Lüge“ an. Damals war ein Neonazi-Netzwerk von Adan und Veih teilweise zerschlagen worden, aber eine Kollegin von Adan vom Verfassungsschutz ist seitdem verschwunden. Adan vermutet, dass sie ermordet wurde und im Fundament einer Turnhalle versenkt wurde, und ermittelt auf eigene Faust weiter. Damaliger Grundstückseigentümer war ein Neonazi-Verein, heute gehört das Gelände den Immobilienmogul Osterkamp. Dieser ist auch politisch aktiv und versucht erfolgreich mit Geld und Erpressung Einfluss in rechten und konservativen Kreisen zu erlangen. Zeitgleich steht Osterkamp im Fokus von Mieterprotesten, da er bei der Einbringung der Rendite alles andere als zimperlich vorgeht. Veih hingegen hat einen Mordfall an einer jungen Frau aus gutem Hause, Tochter eines stadtbekannten Psychiaters, aufzuklären, die in ihrer Wohnung erstochen wurde – vermeintlich von ihrem Lebensgefährten. Doch Veih irritiert direkt von Beginn, dass die Chefin des Rauschgiftdezernats, eine Freundin der Familie, im Fall mitmischt.

Horst Eckert ist natürlich auch schon ein Veteran der Szene. In inzwischen mehr als einem Dutzend Romanen ist er einer der Vorreiter des „Police Procedurals“ in der deutschen Krimiszene. Er beschreibt die Polizeiarbeit äußerst realistisch, vor allem auch die Stimmungen unter den Kollegen und die Hierarchiekämpfe im Präsidium. Insgesamt ist sein Schreibstil sehr tempo und abwechslungsreich, viele Perspektive, schnelle Wechsel der Szenen.

Wir leben in einer Demokratie, dachte Vincent, aber den Oligarchen gehört das Land. Für ihre Interessen setzen sie Leute wie Tristan Bovert ein. Sie finanzieren rechtsradikale Veriene, Parteien, Milizen. Und lassen sie fallen, sobald es ihnen opportun erscheint. (Auszug S. 414-415)

In „Die Stunde der Wut“ greift Eckert ein ähnliches Thema auf wie der Kollege Schorlau: Die neue Macht der Wirtschaftsmagnaten und deren Einfluss auf die Politik sowie die Kooperation zwischen Verfassungsschützern und rechten Netzwerken. Sehr gekonnt führt Eckert die verschiedenen Stränge zusammen und erzählt einen spannenden Polizeikrimi über Korruption, Intrigen, dreiste Gier und auch Wut, die sich schließlich Bahn bricht. Eckert bleibt für mich einer der besten des Genres im deutschsprachigen Raum.

 

Die Stunde der Wut | Erschienen am 08.03.2021 im Heyne Verlag;
ISBN 978-3-453-44103-3
448 Seiten | 12,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Polizeikrimi

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Gunnar zu Krimis von Horst Eckert

 

Foto und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 1)

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 1)

In den letzten Jahren gab es bei den deutschsprachigen Krimis gefühlt vor allem zwei Trends. Historische Kriminalromane und Regionalkrimis, die im Ausland spielen, aber von deutschen Autor:innen geschrieben wurden, die sich aber lieber eines fremdländischen Pseudonyms bedienten. Kriminalromane, die sich aktuellen politischen und gesellschaftskritischen Themen annehmen, waren in der Wahrnehmung zumindest etwas unterrepräsentiert. Keine Ahnung, ob sich daran nun etwas ändert, allerdings hatte ich plötzlich gleich vier solcher Romane gleichzeitig in den Händen und dachte mir, dass man daraus einen Doppelbeitrag machen könnte. Beginnen möchte ich mit einem fast schon Veteranen in diesem Genre: Wolfgang Schorlau begann seine Krimis mit dem Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler bereits 2003.

Wolfgang Schorlau | Kreuzberg Blues

Dengler begleitet seine Freundin Olga nach Berlin zu einer Freundin, die in Kreuzberg in einer Spekulations-Immobilie lebt. Der Vermieter versucht, die Mieter zur Kündigung zu bewegen, um anschließend teuer neu zu vermieten. Dabei schreckt er scheinbar auch vor drastischen Mitteln nicht zu zurück, denn irgendjemand hat Ratten im Hausflur ausgesetzt, die dann ein Baby angegriffen haben. Dengler erklärt sich bereit, sich die Sache näher anzusehen und lässt sich sogar vom großen Immobilienunternehmen Kröger engagieren, um denen von innen heraus auf den Zahn zu fühlen. Doch er muss schnell erkennen, dass noch viel größere und gefährliche Kräfte im Hintergrund agieren.

„Ich heiße Georg Dengler. Das ist Olga. Wir sind Privatermittler. Wir sind entschlossen, Michael Bertram ins Gefängnis zu bringen.“
„Wisst ihr, mit wem ihr euch da anlegt?“
„Das wissen wir.“ Dengler beugte sich näher zu ihr hinüber. „Ich bin jemand“, sagt er, „wenn ich wählen muss zwischen Recht und Gerechtigkeit, wähle ich Gerechtigkeit.“ (Auszug S. 385)

„Kreuzberg Blues“ ist inzwischen der zehnte Band um Georg Dengler. Die Reihe hat es ja sogar schon ins Fernsehen geschafft, auch die Verfilmung dieses Bands ist bereits abgedreht. Als langjähriger Leser der Reihe muss ich natürlich vorweg eines zugeben: Ein Literaturnobelpreisträger wird Wolfgang Schorlau nicht mehr. Er neigt zu zur üppigen Faktenvermittlung auf Kosten der literarischen Eleganz. Seine Figuren lassen sich oft klar einer Seite zu ordnen. Er neigt auch zur Drastik und zu plakativen Aussagen.
Aber ich hätte die Reihe nicht schon so lange verfolgt, wenn es mich nicht auch trotzdem gut unterhalten würde. Denn eines muss man Schorlau lassen: Er transportiert seine Themen mit großem Verve und Engagement. Das Tempo ist rasant, schnelle Szenenwechsel, viel Action. Und er ist äußerst politisch, bezieht klar Stellung im sehr aktuellen Kampf um bezahlbaren Wohnraum. Das ist alles kein literarischer Hochgenuss, aber ein unhaltsamer und auch wichtiger politischer Krimi.

 

Kreuzberg Blues | Erschienen am 08.10.2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00079-5
416 Seiten | 22,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: gesellschaftskritische Krimis

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Gunnar zu Krimis von Wolfgang Schorlau

 

Sunil Mann | Das Gebot

Zum deutschsprachigen Krimi gehört selbstverständlich die Krimiszene der deutschsprachigen Schweiz, die von mir leider tendenziell etwas vernachlässigt wird. Fester Bestandteil dieser Szene ist der Autor Sunil Mann. Der Sohn indischstämmiger Einwanderer begann seine Karriere als Krimiautor mit der Reihe um den Privatdetektiv Vijay Kumar. Nun hat er eine neue Reihe begonnen: Die ehemalige Flugbegleiterin Marisa Greco und der Ex-Sicherheitsmann Bashir Berisha betreiben in Zürich eine Detektei mit dem interessanten Namen „Agentur für unliebsame Angelegenheiten“. „Das Gebot“ ist ihr zweiter Fall.

Ben raucht den letzten Zug seiner Zigarette, schnippt sie auf den Waldboden, erstickt die Glut mit der Schuhspitze. Sie würden Augen machen, seine Schulkameraden, wenn sie wüssten, wozu er es in der Zwischenzeit gebracht hat. Mit wie viel Eifer er glernt hat, als er endlich den richtigen Lehrer gefunden hatte. Aber sie werden von ihm hören, schon bald, sein Name wird auf allen TV-Sendern erwähnt werden, die Newssendungen werden von ihm berichten. (Auszug S. 72-73).

Während der Pandemie hat das Geschäft von Marisa und Bashir gelitten, sodass sie froh sind, endlich wieder einen ordentlichen Auftrag zu erhalten. Sie werden vom Ehepaar Bodmer engagiert, ihren Sohn Erich zu finden, der vor vier Jahren zu einer Weltreise aufgebrochen sein soll und sich seitdem nur noch einmal mit einer Weihnachtskarte gemeldet hat. Nun hat er offenbar von einem Geldautomaten am Zürcher Flughafen Geld abgehoben. Marisa und Bashir finden allerdings schnell heraus, dass Erich mitnichten auf Weltreise war, sondern in den Dschihad nach Syrien gezogen ist und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Sie bleiben auf seiner Spur und werden gewarnt: Sollte Erich in die Schweiz zurückgekehrt sein, hat das nichts Gutes zu bedeuten.

Zwischen drei Perspektiven wechselt dieser Roman: Neben Marisa und Bashirs Ermittlungen verfolgt der Autor auch den IS-Heimkehrer Ben (seine Identität wird erst im Laufe des Buches gelüftet), der mit einer tödlichen Mission nach Zürich zurückgekehrt ist, wie bald deutlich wird. In Rückblicken wird von den Erlebnissen Bens beim islamischen Staat berichtet. Die Porträtierung Bens ist aus meiner Sicht auch der ganz starke Pluspunkt des Romans, denn diese ist sehr differenziert gelungen. Ebenfalls begleitet wird im Roman Andrea Graf, Politikerin der Rechtspopulisten (eine Fortführung aus Band 1, vermute ich). Graf will ihre Partei modernisieren, hat sich allerdings erpressbar gemacht und wird nun von ihrem skrupellosen Wahlkampfberater zu einem stramm konservativ-rechten Kurs gezwungen. Diesen Strang (der zum Ende mit dem anderen kollidiert) fand ich sehr interessant, allerdings war dieser im Vergleich zu Geschichten um Ben etwas unterrepräsentiert und für meinen Geschmack nicht ganz zufriedenstellend aufgelöst. Dennoch insgesamt ein überzeugender Roman mit guter Mischung aus Spannung, Politik und gesellschaftlichem Hintergrund. Die Agentur für unliebsame Angelegenheiten kann man durchaus weiterverfolgen.

 

Das Gebot | Erschienen am 30.03.2021 im Grafit Verlag;
ISBN 978-3-894-25774-3
352 Seiten | 13,- €
Bibliografische Angaben

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Ling Ma | New York Ghost

Ling Ma | New York Ghost

Nach dem ENDE kam der ANFANG. Und am ANFANG waren wir acht, dann neun – das war ich -, eine Zahl, die nur abnehmen würde. Wir fanden einander, nachdem wir aus New York in die sichereren ländlichen Gefilde geflohen waren. Das hatten wir so in Filmen gesehen, auch wenn niemand sagen konnte, in welchen genau. Vieles verlief nicht so, wie wir es von der Leinwand kannten. (Auszug Romananfang)

Ling Mas bereits 2018 in den USA erschienenes Debüt erzählt von einem fiktiven Virus, der sich durch Globalisierung von Asien ausgehend schnell über den Erdball ausbreitet. Das aus China eingeschleppte sogenannte Shen-Fieber wird von Pilzsporen ausgelöst, die in die Atemwege gelangen. Die Infizierten sind dazu verdammt, bewusstlos gefangen in den immer gleichen Routinen ihres Lebens dahinzuvegetieren, bis sie schließlich verhungern. Der Verlauf ist meist tödlich, eine Heilung gibt es bisher nicht. Einige wenige Menschen bleiben verschont. Eine davon ist die Ich-Erzählerin Candace Chen.

Ein tödlicher Virus legt die US-Metropole lahm
In New York erlebt Candace, wie das tödliche Fieber über die Metropole hereinbricht, wie Geschäfte schließen, die U-Bahnen stillstehen und schließlich die Menschen fliehen. Seit einigen Jahren arbeitet sie im Verlagswesen und ist zuständig für die Produktion von Bibeln. Um die Herstellungskosten niedrig zu halten, wurde der Druck in Billiglohn-Länder im südlichen China ausgelagert. Die regelmäßigen Dienstreisen nach China nutzt Candace zu hemmungslosen Shoppingtouren in Hong Kong. Ihre Vorgesetzten überreden sie mit der Aussicht auf Beförderung, als Letzte die Stellung im Büro zu halten. So bleibt Candace in dem großen Büroturm in Manhattan und erledigt pflichtbewusst ihre eintönige Arbeit, obwohl diese ihr nie viel bedeutet hat. Vielmehr gibt die alltägliche Routine ihr Halt und sie benötigt scheinbar die auferlegten Rituale, um irgendwie weiterzumachen. Ihre Leidenschaft ist die Fotografie und so streift sie nach der Arbeit ziellos durch die fast ausgestorbenen Straßen von New York City und hält in Fotos den Zustand der sich immer mehr verändernden Stadt fest. Indem sie auf ihrem anonymen Blog NY Ghost diese Aufnahmen postet, ist sie für viele Menschen die einzige, die die aktuellen Entwicklungen dokumentiert.

Aufgrund des Klappentextes hatte ich erwartet, dass dieser Erzählstrang im Vordergrund stehen würde, aber das nimmt nur einen kleinen Teil der Geschichte ein. In Rückblicken erfahren wir, wie Candace als 6-jährige mit ihren Eltern aus China emigriert ist. Hier ist der Roman eine interessante Migrationsgeschichte und gewährt Einblicke in die Einwanderungsprobleme der Familie Chen. Die Eltern hofften auf ein besseres Leben und tun alles, um sich der neuen Kultur anzupassen sowie sich in der amerikanischen Arbeitswelt zurechtzufinden. Besonders die Mutter kämpft mit der Rolle der migrantischen Ehefrau, wirkt wie zerrissen zwischen den kapitalistischen Verlockungen und dem Wunsch, die eigenen Wurzeln nicht zu verlieren. Vielleicht greift die Autorin auch auf eigene Erfahrungen zurück, denn hier ist der Roman richtig stimmig und bewegend. Candace schlingert irgendwie plan- und orientierungslos durch ihr Leben. Sie studiert Kunst und lebt nach dem frühen Tod ihrer Eltern in einem kleinen Kellerappartement in New York, verliebt sich in den Nachbarn und verliert sich in den Routinen ihres Jobs und im Shopping. Ling Ma trifft den richtigen Ton um das Lebensgefühl der Mittzwanziger in einer Großstadt zu beschreiben, die Suche nach Liebe und Geborgenheit, den Einstieg in die Arbeitswelt, Enttäuschungen und Frustrationen.

Flucht aus New York
Irgendwann muss auch die junge Frau fliehen und schließt sich einer Gruppe Überlebender an. Die Truppe hat ihre eigenen, fast sektenähnlichen Regeln und wird von dem IT-Techniker Bob angeführt. Der selbsternannte Chef will sie zu einer „Anlage“ in der Nähe von Illinois führen, die sich als Shopping-Mall entpuppt, in der sie laut dem dominanten Bob alles zum Überleben finden. Hier ist der Roman richtig düster und dystopisch und beinhaltet auch Elemente eines Road-Movies. Die Szenen sind teilweise morbide und verstörend, wenn die Gruppe beispielweise auf ihrem Weg in Häuser einbricht um zu plündern und Bob sie zwingt, vom Fieber Befallene zu erlösen, sprich zu töten. Wobei von den Fieberzombies selbst gar keine Gefahr ausgeht. Suspense entsteht eher dadurch, weil es in der Gruppe zunehmend zu Spannungen bis zur Gewalt kommt, auch weil Bob absolut keinen Widersprich duldet. Das ist aber nicht besonders innovativ, hat man so schon gelesen und ich musste an „The Walking Dead“ denken.

Meine Meinung
New York Ghost bietet viele Themen an wie Kapitalismus – und Konsumkritik, Herkunft und Identitätssuche, Entmenschlichung, Leistungsdruck, Familie und erste Liebe, die aber gar nicht dröge, sondern raffiniert miteinander verknüpft werden. Die Endzeitgeschichte vor New Yorker Kulisse ist intelligent geschrieben mit gut beobachteten Figuren, der Ton ist ironisch-distanziert. Ein visionärer Roman, in dem sich vieles wie Homeoffice, Masken und Quarantäne gespenstisch vertraut liest und der von der Realität überholt wurde. Als melancholischer Endzeitthriller bietet er nur beliebiges, dafür funktioniert er als Drama, bissige Satire und als originelle Gesellschaftskritik. Einige Doppeldeutigkeiten wurden mir erst nach dem Lesen richtig bewusst.

Ling Ma wurde wie ihre Romanheldin 1983 in der chinesischen Provinz Fujian geboren und ist in den USA aufgewachsen. Ihr Debütroman, der von Zoë Beck übersetzt wurde, gewann zahlreiche Preise.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

New York Ghost | Erschienen am 23. März 2021 im CulturBooks Verlag
ISBN 978-3-959-88152-4
360 Seiten | 23,- Euro
Originaltitel : Severance (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Zoë Beck)
Bibliografische Angaben