Kategorie: 4 von 5

Sara Paretsky | Altlasten Bd. 19

Sara Paretsky | Altlasten Bd. 19

Obwohl klar war, dass keine der beiden sich mein Honorar leisten konnte, hörte ich mich sagen, ich würde morgen im Studio anrufen und ein paar Fragen stellen.
Bernie sprang auf und fiel mir um den Hals. „Vic, ich wusste, du sagst ja! Ich wusste, wir können auf dich zählen.“
Ich dachte an Sam Spade, wie er zu Brigid O’Shaughnessy sagt, er werde sich für sie nicht zum Hanswurst machen. Warum war ich nicht so hart wie Sam? (Auszug Seiten 15-16)

Privatdetektivin V.I. „Vic“ Warshawski wird von der Studentin Bernadette und ihrer Freundin Angela auf den Fall des verschwundenen Regisseurs und Fitnesstrainers August Veridan aufmerksam gemacht. In das Fitnessstudio, in dem er arbeitete, wurde eingebrochen und da er nicht auffindbar ist, ist er automatisch Hauptverdächtiger der Polizei. Bernadette und Angela vermuten eine vorschnelle Vorverurteilung des afroamerikanischen August. Vic beginnt widerwillig die Ermittlungen, findet auch Augusts Wohnung eingebrochen vor. Sie findet heraus, dass August Kontakt zur älteren schwarzen Schauspielerin Emerald Ferring hatte und diese ihn überredet hat, ihn auf den Spuren in ihre Vergangenheit nach Kansas zu begleiten. Vic reist ihnen hinterher und merkt schnell, dass hier einiges mehr dahintersteckt als nur ein paar Einbrüche.

Warshawskis Spur führt sie über einen Armee-Stützpunkt bis nach Lawrence, Kansas. Dort ist Emerald Ferring aufgewachsen, dorthin ist sie 1983 zurückgekehrt, als es Proteste gegen die Raketensilos mit den atomar bestückten Interkontinentalraketen gab. Das Protestcamp wurde damals unter merkwürdigen Umständen aufgelöst und es gab auch einen Unglücksfall mit einer toten Aktivistin. Vic gerät in eine komplexe Mischung aus Kleinstadtdramen, alten Geheimnissen, militärischer Forschung an biologischen Kampfstoffen und Wiederbewaffnungs-Beschwörern. Sie sticht in ein Wespennest und mischt einen Klüngel auf, der unter allen Umständen alles unter der Decke halten will. Und immer noch fehlt jede Spur von August Veridan und Emerald Ferring. Auf der Suche nach den beiden findet Warshawski auf der Farm einer früheren Freundin von Ferring die erste Tote.

„Wissen Sie was, Warshawski, Lieutenant Lowdham war neugierig genug auf Ihre wahre Mission, dass er ein paar Leute in Chicago angerufen hat, um sich nach Ihnen zu erkundigen.“ […]
„Die übereinstimmende Auskunft ist offenbar, Sie sind ehrlich, Sie erzählen Ergebnisse, Sie sind waghalsig. Und Sie sind eine Heimsuchung.“ (Seite 296)

Eine treffende Beschreibung der Protagonistin und Ich-Erzählerin Victoria Iphegenia Warschawski, die mit Altlasten („Fallout“ im Original) ihren 19. Serienauftritt hat. Weitere Bände sind im Original bereits erschienen und weitere aus der Vergangenheit harren noch der deutschen Übersetzung. Allerdings scheint Autorin Sara Paretsky nun beim Argument Verlag ihre passende deutsche Verlagsheimat gefunden zu haben. 1982 erschien mit „Schadensersatz“ („Indemnity Only“) der erste Roman der Serie um die Privatdetektivin aus Chicago. V.I. oder für Freunde „Vic“ ist taff und hartgesotten, steht ihren männlichen Kollegen in Sachen Cleverness in nichts nach. Sie ist aber kein Abklatsch männlicher Hardboiled Detectives, denn sie ist eher lebensbejahend und moralisch als zynisch und umgibt sich mit einigen engen Freunden, die ihr bei Gelegenheit auch unter die Arme helfen. Die „Windy City“ Chicago ist dabei ihre natürliche Umgebung. Hier ist sie aufgewachsen, hier kennt sie jede Ecke, hier kann ihr niemand etwas vormachen. Doch ausgerechnet in diesem Band muss Vic ihre Komfortzone verlassen und allein (nur mit Begleiterin Hundedame Peppy) nach Kansas, in die Weite des Mittleren Westens und in ungewohnter Umgebung ihren Fall lösen. Wie die Autorin im Nachwort erklärt, ist dies eine Reise zu ihren Wurzeln, denn Sara Paretsky ist in Lawrence, Kansas, aufgewachsen und ihr Vater war Zellbiologe an der University of Kansas.

Man schläft nie gut im Gefängnis, egal, wie schick die Unterbringung ist, aber ich war erschöpft bis auf die Knochen. Ich war es müde, den traurigen Schutt von anderer Leute Leben wegzuräumen, müde, mich mit Regierungsbeamten zu streiten, müde, darüber nachzusinnen, warum anständige Gesetzeshüter, wie Sheriff Gisborne seinem Leumund nach einer war, plötzlich anfingen, sich als Einpeitscher für die Army oder mächtige Konzerne herzugeben. Geld war von Hand zu Hand gegangen oder Drohungen von Ohr zu Ohr – es war immer dieselbe Geschichte, und ich war es so müde, sie zu deuten. Kein Wunder, dass Jake genug von mir hatte. Ich hatte selbst genug von mir. (Seite 309)

Altlasten ist einerseits eine im besten Sinne altmodische „Private Eye Novel“ mit einer verbissenen Privatdetektivin, die zäh ihre Spuren verfolgt und alte Geheimnisse hervorholt, andererseits aber durchzogen von zeitlosen und wieder modernen Themen wie Feminismus, Rassismus, Gentechnik, Aufrüstung. Die komplexe Geschichte ist zwar teilweise etwas ausschweifend, aber dennoch leichtgängig erzählt und wirkt wie eine Mischung aus einer guten alten Lew-Archer-Familiengeheimis-Story und einem Jack-Reacher-Plot im Kampf gegen den militärisch-industriellen Komplex. Überzeugend wie die Autorin diese verschiedenen Stränge zu einer gelungenen Gesamtgeschichte mit vielschichtigen Figuren und einer umwerfenden, moralischen Hauptfigur zusammenführt. 38 Jahre nach Beginn der Serie ist V.I. Warshawski immer noch relevant und auf der Höhe der Zeit.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Altlasten, erschienen am 6. April 2020 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-244-9
544 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Fallout
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Rieke Husmann | Inselerbe Bd. 4

Rieke Husmann | Inselerbe Bd. 4

Hella rollte mit den Augen. „Mach es nicht so spannend!“
„Fünf Personen sollen erben. Vier von ihnen leben auf Wangerooge. Ich vermute, es sind Freunde oder etwas Ähnliches. Eine Person wohnt in Wittmund. Ich habe sie noch auf einer anderen Liste gefunden.“
„Mitarbeiterin des Pflegeheims?“
„Richtig! Annette Petersen. Sie erbt zwanzigtausend Euro. (…)“ (Auszug Seite 28)

Im Wittmunder Pflegeheim wird die Bewohnerin Edda Detlefsen tot aufgefunden. Die Ärztin, die den Totenschein ausstellen soll, stellt bei der Untersuchung allerdings fest, dass es sich um keinen natürlichen Tod handelt, Frau Detlefsen wurde erstickt. Die Ermittlungen übernimmt Hella Brandt, die Leiterin der Kriminalpolizei in Wittmund, und ihr Kollege Lars Mattes. Nach den ersten Recherchen stellt sich heraus, dass die Seniorin noch bis vor kurzem mit einigen Künstlerfreunden auf Wangerooge gelebt hat. Ist das Motiv des Mordes das Erbe?

Ermittlungen an erster Stelle

Inselerbe von Rieke Husmann ist bereits der vierte Fall um die Kommissarin Hella Brandt. Es handelt sich hier um einen klassischen Kriminalroman in dem die Ermittlung absolut im Vordergrund steht. Ich bekam einen guten Einblick in die Polizeiarbeit, vor allem wie viel Arbeit einzelne Recherchen bedeuten und dieser Aufwand oft nicht mit Erfolg gekrönt wird. Etwas auffällig fand ich, dass bei ganz vielen Informationen, die benötigt wurden, irgendeiner noch einen alten Schulfreund hat, der schnell weiterhelfen kann oder einen ehemaligen Kollegen, der unter der Hand eben mal Auskunft gibt.

Eine schwangere Kommissarin

Das Privatleben der Protagonistin wird ab und zu gestreift. Sie wohnt außerhalb von Wittmund direkt hinter dem Deich in einer alten Kate mit ihrem Freund zusammen und ist aktuell schwanger. In den gemeinsamen Gesprächen geht es oft um die zukünftigen Elternrollen, da Hella recht schnell nach der Geburt in den Job zurück möchte und ihre Arbeit nicht ganz ungefährlich ist. Grundsätzlich sind mir Hella und auch ihr engster Kollege Lars sehr sympathisch. Besonders gut finde ich, wie Hella mit ihrem Stellvertreter umgeht, der sich aufgrund der Schwangerschaft schon auf ihrem Posten sieht, nämlich sehr direkt und klar.

Guter Lesefluss

Die Geschichte liest sich sehr flüssig und leicht und die Autorin verliert keine Zeit mit unnötigen Landschaftsbeschreibungen oder schmückt Szenen besonders umfangreich aus. Das treibt die Handlung recht gut voran und es kommt zu keinen Längen beim Lesen, aber ab und zu ein paar Sätze oder gar Seiten mehr hätte ich auch nicht schade gefunden.

Fazit: Gut zu lesender Kriminalroman, in dem die Ermittlungen im Vordergrund stehen und sich nicht mit umständlichen Beschreibungen aufgehalten wird.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Inselerbe | Erschienen am 20. Februar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0867-9
240 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Tim Herden | Süderende Bd. 6

Tim Herden | Süderende Bd. 6

Wieder Kopfschütteln. Auch von Möselbeck. „Die Eltern von Isabel Ganzow wohnen in Vitte, in Süderende“, klärte er sie auf. „Sie kommt eigentlich von der Insel, war früher auch meine Patientin. Und da war sie gesund. Vielleicht eine leichte Neigung zur Hypertonie, aber nicht schlimm. Aber sie wohnt schon lange nicht mehr auf der Insel, sondern auf Rügen.“ (Auszug Seite 16)

Im Hotel Wiesenweg in Vitte auf der Insel Hiddensee wird Isabel Ganzow tot in ihrem Zimmer gefunden. Sofort beginnt Nelly Blohm, die Inselpolizistin, mit den ersten Befragungen und bekommt schnell Unterstützung von der SoKo Ostseeküste aus Stralsund. Der Begleiter der Toten, Harry Teichmüller, ist Tourismuschef auf der Nachbarinsel Rügen und verschwindet am folgenden Tag beim Insellauf spurlos. Er ist bis dahin der Hauptverdächtige. Neben den üblichen Ermittlungen läuft die Fahndung nach Teichmüller auf Hochtouren, trotzdem können weitere Opfer nicht verhindert werden. Was sind die Motive der Morde?

Polizeiliche Umstrukturierungen

Süderende von Tim Herden ist der sechste Inselkrimi um Stefan Rieder, der in den ersten Büchern Polizist auf Hiddensee war und nun der Chef der Soko Ostseeküste ist. Die Soko hat sich Rieder unter anderem aus Kollegen zusammengestellt, mit denen er in früheren Fällen auf der Insel bereits gute Erfahrungen gemacht hat und die sich nun um Fälle vom Fischland bis nach Usedom beschäftigen. Nelly Blohm hat in einem früheren Fall bereits mit Rieder zusammengearbeitet, als sie noch im Revier in Bergen auf der Insel Rügen arbeitete. Nach dem letzten Fall war nicht ganz klar, ob es überhaupt einen weiteren Krimi geben wird und so freue ich mich nun umso mehr über diesen Roman.

Besuchbare Schauplätze

Die Geschichte liest sich wie gewohnt sehr flüssig und es geht hauptsächlich um die Ermittlungsarbeit. Private Szenen kommen ebenfalls vor, aber wohl dosiert und auch eher von den Protagonisten. Der Fall ist ziemlich verstrickt, immer wieder ergeben sich Indizien, aber keine handfesten Beweise und immer wieder rücken andere Personen in den Fokus als Tatverdächtige. Rieder ist sich auch nicht zu schade, auf „freie Mitarbeiter“ zu setzen, beispielsweise seinen Nachbarn oder den Parkplatzwächter, um sich umzuhören. Besonders haben mir wieder die sehr detaillierten Beschreibungen einzelner Schauplätze auf Hiddensee gefallen. Ich konnte mir jeweils genau vorstellen, wo sich die Kommissare aufhielten und Ecken, die mir bisher unbekannt waren, werden im nächsten Urlaub besucht.

Spannung bis zum Schluss

Die Spannung hält sich konstant und wirklich bis zur letzten Seite. Die letzte Seite lässt außerdem auf einen weiteren Krimi hoffen. Einziger Wermutstropfen für mich ist, dass die Handlung nicht ausschließlich auf Hiddensee spielt, sondern leider mindestens zur Hälfte auf Rügen. Außerdem hätte ich die italienische Mafia auch nicht unbedingt in der Geschichte gebraucht.

Fazit: Gewohnt spannende Ermittlung, die leider etwas viel auf der Insel Rügen spielt.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Süderende | Erschienen am 26. Februar 2020 im Mitteldeutschen Verlag
ISBN 978-3-963-11307-3
336 Seiten | 14.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Extra: 14-minütige Lesung von Tim Herden auf YouTube

Auch bei uns: Andreas Rezensionen zu den Romanen Harter Ort und Schwarzer Peter des Autors Tim Herden.

Abgehakt | März 2020

Abgehakt | März 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Qartalsende 1/2020

 

Alan Parks | Tod im Februar Bd. 2

Detective Harry McCoy wird zu einem blutigen Tatort auf dem Dach eines Hochhaus-Rohbaus gerufen. Dort wurde ein junger Mann abgeschlachtet, zusätzlich eine Nachricht in seine Brust geritzt. Der Mann war Spieler bei Celtic Glasgow – und mit Elaine Scooby verlobt, Tochter eines lokalen Gangsterbosses. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden: Ein ehemaliger Mitarbeiter Scoobys und angeblich ein verschmähter Verehrer der Tochter. Doch als weitere Morde geschehen und ein Kampf in der Glasgower Unterwelt beginnt, dämmert es McCoy, dass noch einiges mehr dahintersteckt.

Tod im Februar ist der zweite Teil der Reihe um den Glasgower Polizisten Harry McCoy und spielt nur wenige Wochen später als Teil 1 Blutiger Januar im Februar 1973. Es gibt Wiedersehen mit Harrys Kollegen Wattie, seinem väterlichen Vorgesetzten Murray und Cooper, ebenfalls Gangsterboss und Harrys Freund aus Tagen im Kinderheim. Die Atmosphäre ist wiederum düster, das Setting in Glasgow in den 70ern ist rau und schmuddelig, voller Drogen und Alkohol. Während des Falles kommt zudem Harrys und Coopers traurige Vergangenheit wieder hoch, die sie nie ganz hinter sich lassen können und die auch ihre Handlungen in der Gegenwart beeinflussen. Harry ist ein waschechter hardboiled Cop, empathisch für die Gebeutelten, grimmig gegenüber den Bösen. Seine Beziehung zu Cooper ist als Cop natürlich hochproblematisch. Und diesmal wandelt Harry nicht nur auf der Grenze zwischen hell und dunkel, diesmal wird er sie auch überschreiten.

Insgesamt ein wirklich guter, souverän erzählter, hartgesottener Krimi mit einem sehr gelungenen Schauplatz. Hoffentlich hält die Qualität der Reihe an.

 

Tod im Februar, erschienen am 28. Oktober 2019 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27198-2
432 Seiten | 16.- Euro
Originaltitel: February’s Son
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/ Hardboiled
Wertung: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zum 1. Teil der Reihe Blutiger Januar

 

Oliver Buslau | Feuer im Elysium

Wien im April/Mai 1824: Die Stadt fiebert der Aufführung der neuesten, der neunten Sinfonie vom alten Meister Ludwig van Beethoven entgegen. Lange Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört, doch das neue Werk soll etwas ganz besonderes sein. Geradezu revolutionär. Ein Wort, dass man in Wien in diesen Tagen nicht gerne hört. Und so ist vielen Reaktionären in Adel und Beamtenschaft die Uraufführung ein Dorn im Auge. In diesen Tagen kommt der junge Sebastian Reiser in die Stadt. Er sollte die Schlossverwaltung des Edlen von Sonnberg übernehmen und später vielleicht die Tochter des Hauses heiraten. Doch nach dem Unfalltod des Edlen wurde er vom Erben des Schlosses verwiesen und muss in Wien neu anfangen. Dort trifft er auf seinen alten Musiklehrer, Teilnehmer des Premierenorchesters, und einen alten Studienfreund in Diensten der Staatsmacht, der ihn als Spitzel anheuert. Reiser soll sich in die Orchestergruppe der Uraufführung einschleusen und Umstürzler und Revolutionäre denunzieren. Doch Reiser wird von der Kraft von Beethovens Symphonie mitgerissen und befindet sich längst – zunächst ohne es zu ahnen – in der Mitte einer großen Verschwörung.

Ludwig van Beethovens Geburtsjahr jährt sich in diesem Jahr zum 250. Mal. Zeit für eine große kulturelle Vermarktung des Komponisten. Warum dann nicht auch ein Beethoven-Krimi/Thriller? Für Autor Oliver Buslau, Musikjournalist, Amateurmusiker und Krimiautor (mehrere im Umfeld klassischer Musik), lag das förmlich auf der Hand. Am überzeugendsten ist dieser historische Thriller, in dem Beethoven selbst zwar nicht so häufig, aber doch regelmäßig auftritt, wenn es um die klassische Musik und den Schauplatz und die historische Lage im Deutschen Bund und im Kaiserreich geht. Der Wiener Kongress hatte die Restauration der alten Verhältnisse zur Folge, liberales oder gar revolutionäres Gedankengut wurde verfolgt. Starker Mann war der österreichische Kanzler Metternich, der ein umfangreiches Spitzelsystem etablierte. Dagegen fallen manche Teile des Plots etwas ab. Die Hintergrundgeschichte des Sebastian Reiser überzeugt nicht so ganz, vor allem die Auflösung des Komplotts erscheint arg konstruiert. Dennoch war es insgesamt unterhaltend, weitgehend spannend und mit zahlreichen interessanten Fakten versehen.

 

Feuer im Elysium | Erschienen am 23. Januar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0616-3
496 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Historischer Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

James Lee Burke | Straße ins Nichts Bd. 11

Die junge Letty Labiche wartet auf ihre Hinrichtung. Sie hatte einen Mann ermordet, der auf sie und ihre Schwester in der Kindheit öfters aufgepasst hatte. Dave Robicheaux kannte die Beteiligten und verdächtigte den Mann des sexuellen Missbrauchs, ohne dass dies zu beweisen war. Er will Letty vor der Hinrichtung bewahren und recherchiert ihren Hintergrund. Dabei stößt er zufällig auf einen alteingesessenen Zuhälter, der behauptet zu wissen, dass Daves lange verschollene Mutter von Polizisten ermordet wurde. Daves Mutter hatte ihre Familie verlassen, dennoch hat ihm die Ungewissheit, was mit ihr geschehen ist, lange zugesetzt. So setzt er nun alles daran, diese Spur weiterzufolgen und macht sich dadurch natürlich einige Feinde. Dave steht irgendwann vor der Frage, ob die Verantwortlichen mit normalen Mitteln zu belangen sind oder ob er selbst für Gerechtigkeit sorgen muss.

Straße ins Nichts oder Purple Cane Road im Original erschien vor genau zwanzig Jahren als elfter Band der beliebten Reihe um Dave Robicheaux, der wie immer mit seinem besten Kumpel Clete Purcel in New Orleans und Louisiana für Gerechtigkeit sorgen will und dabei in der Wahl der Mittel ein ums andere Mal die Grenzen überschreitet, was ihn allerdings für den Leser umso interessanter macht. Dieses Mal ist der Fall sogar noch eine Spur persönlicher als sonst. Autor James Lee Burke erzählt dies wie immer kraftvoll, mit vielen interessanten Figuren, eingebettet in präzisen und bildlichen Beschreibungen der Natur und Landschaft Lousianas. Es gibt sicher noch stärkere Bände der Reihe, aber Burke ist dennoch eine sichere Bank, immer empfehlenswert.

 

Straße ins Nichts | Erstmals erschienen 2000
ISBN 978-3-86532-675-1
Die Neuauflage erschienen am 15. Januar 2020 im Pendragon Verlag
436 Seiten | 20.- Euro
Originaltitel: Purple Cane Road
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zu weiteren Titeln des Autors James Lee Burke

 

Oyinkan Braithwaite | Meine Schwester, die Serienmörderin

Korede ist Krankenschwester, stammt aus einer relativ wohlhabenden Familie aus Lagos in Nigeria. Korede hat auch noch eine jüngere Schwester, Ayoola. Diese ist eine absolute Schönheit und daher auch bei den Männern sehr beliebt. Im Gegensatz zu Korede. Es gibt aber ein Problem: Ayoola hat schon drei ihrer Verehrer umgebracht.
Korede ist dann die Cleanerin, sie reinigt den Tatort und lässt die Leiche verschwinden. Dass ihre Schwester in Notwehr gehandelt hat, wie sie behauptet, kauft Korede ihr schon längst nicht mehr ab, aber an die Polizei will sie sie auch nicht ausliefern. Da ergibt sich eine neue Situation: Korede ist schon länger in einen Arzt aus ihrem Krankenhaus verliebt, ohne dass es zu einem Date oder Weiterem gekommen wäre. Doch als Ayoola sie auf der Arbeit besucht, springt der Arzt direkt auf Ayoola an und beginnt, mit ihr auszugehen.

Zwei völlig unterschiedliche Schwestern, die eine die Unscheinbare, Vernünftige, die andere die Schöne, Unbekümmerte und Tödliche. Dennoch gilt die alte Regel vom Blut, das dicker als Wasser ist, was im Laufe der Geschichte aber sehr auf die Probe gestellt wird. Autorin Oyinkan Braithwaite erzählt diese Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Korede, was einerseits seinen Reiz hat, andererseits die Perspektive einschränkt und keinen vollen Blick auf die Dinge erlaubt. Immer wieder werden auch Rückblicke eingestreut, die teilweise einiges erhellen, so etwa das schwierige Verhältnis zum nicht liebevollen Vater, was die Schwestern zusammengeschweißt hat. Überhaupt ist dies eine ausgesprochen feminines Buch (feministisch sogar? Ich weiß nicht.), sind doch die Männer weitgehend nur Randfiguren.

Meine Schwester, die Serienmörderin war im englischsprachigen Raum bereits äußerst erfolgreich und war gar für den Man Booker Price nominiert. Die Geschichte ist durchaus reizvoll und unterhält gut. Den Hype halte ich dennoch nur bedingt für gerechtfertigt, denn ich hatte den Eindruck, dass überall noch ein paar Prozente herauszuholen gewesen wären. So schwankt die Autorin für meinen Geschmack zu sehr in der Frage, ob sie die Geschichte eher schwarzhumorig-pulpig oder mit ernsthafter Tiefe erzielen will. Dann wäre aber mehr Tiefe in der Figur der Ayoola wünschenswert gewesen. Dennoch ist dieser Roman absolut keine Enttäuschung, sondern gut geschrieben und mit originellem Plot.

Meine Schwester, die Serienmörderin | Erschienen am 10. März 2020 bei Blumenbar im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-05074-0 | ISBN 978-3-841-21898-8 (eBook)
240 Seiten | 20.- Euro, 14.99 Euro (eBook)
Originaltitel: My Sister, the Serial Killer
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Caroline Eriksson | Die Beobachterin

Elena ist Schriftstellerin und vorübergehend in ein Reihenhaus eingezogen. Während sie dort am Küchentisch sitzt und arbeitet, kann sie die Familie im gegenüberliegenden Haus beobachten und ihr fallen merkwürdige Szenen auf, die sie einerseits für ihr neues Buch nutzt, die sie andererseits aber auch immer fester davon überzeugen, dass dort bald etwas Schreckliches passiert, das sie verhindern muss.

Es handelt sich hier meiner Meinung nach um einen Thriller, der sich flüssig und auch spannend liest und der zum Ende hin einige Wendungen aufweisen kann, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber insgesamt fesselt er mich nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte.

 

Die Beobachterin | Erschienen am 12. November 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10043-0
336 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Hon som vakar
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Tom Hillenbrand | Qube

Tom Hillenbrand | Qube

„Um sein organisches Encephalon gegen ein digitales auszutauschen, bräuchten wir einen Quantencomputer, in dem sein Brainscan bereits eingespielt ist und der …“ „Bekommen Sie.“ „Sportsfreund, Ihr Mandant hat eine Kugel im Kopf. Er kann keine vierundzwanzig Stunden warten, bis der Rechner präpariert…“ „Doktor, der bootfähige Qube mit Doyles digitaler Gehirnkopie wird gerade angeliefert.“ (Auszug Seite 12)

In Tom Hillenbrands neuem Thriller Qube geht es gleich dramatisch los. Wir befinden uns im Jahr 2091. Der Reporter Calvary Doyle wird mitten in London durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Der prominente Journalist hatte zum Thema KI recherchiert und anscheinend etwas Spektakuläres herausgefunden. Er weiß aber nicht mehr was, denn bei dem Mordanschlag kommt er zwar mit dem Leben davon, sein Gehirn ist aber derart beschädigt, dass es bei der Not-OP durch einen künstlichen Computer ersetzt wird. Das hatte Doyle selbst vor einiger Zeit so festgelegt und dafür in weiser Voraussicht schon einen Back-Up erstellt. Unglücklicherweise wurden dabei aber die letzten Rechercheergebnisse nicht abgespeichert. Als auch noch seine Wohnung in die Luft fliegt, wird die Polizeibehörde UNANPAI aufmerksam und die Agentin Fran Bittner auf den Fall angesetzt.

UNANPAI ist eine Organisation zur Bekämpfung Künstlicher Intelligenz. Zweimal konnte bereits verhindert werden, dass die KI die Herrschaft über die Menschheit übernimmt und diese Ereignisse wurden als Turing-Zwischenfälle bekannt. Die Gefahr, dass eine weitere KI in einem Quantencomputer, einem sogenannten Qube, existiert und sich selbstständig macht, muss unbedingt verhindert werden! Agentin Bittner liefert sich einen Wettlauf mit der Zeit, um eine Katastrophe zu verhindern.

Der Traum von der Unsterblichkeit

Mehrere isolierte Handlungsstränge führen parallel durch den spannenden intelligenten Plot. Die geschlechtswandelnde Agentin Francesca oder auch manchmal Francesco Bittner ist bereits aus Hologrammatica bekannt, wo sie vor drei Jahren maßgeblich an der Abwendung einer Krisensituation mit der KI Æther beteiligt war.
Bittner ist ein Quant und wechselt in weibliche wie in männliche Gefäße. Ein anderer Handlungsstrang begleitet den skrupellosen Milliardär Clifford Torus, der von der Unsterblichkeit träumt und dem jedes Mittel recht ist, dieses Ziel zu erreichen. Eine ganz andere Dimension haben Computerspiele erreicht. In einem weiteren Erzählstrang kämpft die Profi-Spielerin Persia Peach, in der Szene besser bekannt als Colonel Crimson, bei einem Fantasygame in einer durch Hologramme täuschend echt simulierten Kampfspiel-Arena, einem sogenannten Ludorama. Mit der Welt der Gamer bringt Hillenbrand einen interessanten Aspekt hinein, auch wenn die Passagen des Spieles, die einen fesselnden Höhepunkt der Story darstellen, mich nicht so richtig überzeugen konnten.

Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz

Tom Hillenbrand spinnt hier die utopische Geschichte aus Hologrammatica mit gewohnt großem Einfallsreichtum und Phantasie weiter. Auch die großen philosophischen Themen der Menschheit werden wieder thematisiert. Es geht auch um den Zwiespalt zwischen Chancen und Risiken einer KI. Dank Hillenbrands großer Detailtiefe im Ausschmücken seiner Settings findet man sich in dieser total technisierten Zukunftsvision sehr gut zurecht. Ansonsten hilft auch noch ein Glossar am Ende des Thrillers mit den wichtigsten Begriffen. Klimakatastrophen haben der Erde arg zugesetzt und große Teile des Planeten sind unbewohnbar. Die Erdbevölkerung zieht sich in kühlere Regionen zurück und besiedelt sogar das All. Oder wie es in dem Thriller heißt: …all jene Städte in Südeuropa, Afrika oder Indien, in denen nur noch streunende Hunde lebten.‘

Das Holonet ist in der Lage, die unwirtlichen Landschaften und hässlichen Gebäude digital zu modifizieren. Menschen nutzen die Möglichkeit, auf diese Art ihr Aussehen zu verändern und wer genug Geld besitzt, kann kurzzeitig in optimierte Klonkörper wechseln. Spannung entsteht auch dadurch, dass man miträtselt, wie die unterschiedlichen Erzählebenen zusammengeführt werden und welche Figuren sich wie zusammentun.

Qube ist ein unterhaltsamer Science-Thriller der Extraklasse und ein würdiger Nachfolger, kommt aber für mein Empfinden nicht ganz an die Genialität von Hologrammatica ran, den ich noch tiefgründiger fand. Vielleicht fehlte mir auch der Protagonist Galahad Singh aus Teil 1. Den Reiz machte für mich unter anderem auch die Diskrepanz zwischen dem altmodischen Detektiv mit seinem trockenem Humor und der voll technisierten Welt aus. Und ich will nicht zu viel verraten, aber möglicherweise taucht er in einem weiteren Band wieder auf. Die neuen Charaktere wie Fran Bittner sind interessant aber nicht so vielschichtig angelegt. Jedenfalls schreit das Ende nach einer weiteren Fortsetzung.

Auch wenn beide Teile unabhängig voneinander funktionieren, würde ich empfehlen, den Vorgänger zuerst zu lesen. Es ist einfach für den Lesefluss und -genuss förderlich, wenn man die vom Autor erschaffene, sehr komplexe Welt schon kennt. Auch weil in Qube das Hologrammatica-Universum nicht mehr groß beschrieben, sondern als bekannt vorausgesetzt wird. Genug Potenzial für weitere Bände wäre auf jeden Fall vorhanden.

Das psychedelische Cover springt ins Auge und ich finde es sehr gelungen. Es ist dem Thema des Buches und auch dem Vorgängerband angepasst.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Qube | Erschienen am 13. Februar 2020 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05440-8
560 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zu Hologrammatica von Tom Hillenbrand.