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Deon Meyer | Der Tag des Skorpions (Band 10)

Deon Meyer | Der Tag des Skorpions (Band 10)

Die nächste Polizeiwache war Kapstadt Zentral, unten in der Buitenkantstraat. Griessel wusste: Auch wenn er jetzt anrief, würden die Kollegen nicht rechtzeitig hier sein. Er musste etwas unternehmen. Äußerst vorsichtig, denn es waren zu viele Leute hier im Einkaufszentrum. Griessel schob die Hand unter seine Jacke zur Dienstpistole rechts in seinen Gürtel. Er verließ die Schlange und ging langsam auf den Mann zu. Stellte sich neben ihn. (Auszug Seite 20)

Im mittlerweile 10. Band um das Ermittlerduo Bennie Griessel und Vaughn Cupido sind die beiden Kollegen und Freunde endlich rehabilitiert. Sie dürfen wieder als Captains ihrer Arbeit nachgehen, allerdings weiter unter ihrem alten Chef in der Provinz Stellenbosch bei Kapstadt. Dabei beschäftigen sie sich mit zwei Fällen, die zunächst kaum greifbar erscheinen. Zuerst explodiert auf einem Weingut eine Schäferhütte und die Zeugenaussagen geben Rätsel auf. Sie berichten von eigenartigem Lichtschein kurz vor der Explosion. Cupido ist genervt, dass er sich jetzt auch noch um lapidare Brandstiftung kümmern soll. Doch dann kommt bei einer weiteren Explosion in einem Wohnwagen ein Mann ums Leben. Und wieder wollen mehrere Augenzeugen unbekannte Flugobjekte gesehen haben. Bei einem weiteren Fall wird es persönlich. Brendon Maarmann, ein ehemaliger Polizist und Freund Cupidos, der zuletzt als Privatdetektiv arbeitete, wird tot in seiner Garage aufgefunden. Zunächst als tragischer Unfall eingeschätzt, denn Maarmann, der in seiner Freizeit gerne alte Fahrzeuge aufgearbeitet und danach verkauft hatte, liegt erdrückt unter einem grade fertiggestellten PKW. Einige Hinweise lassen die Polizisten allerdings an der Unfall-These zweifeln. Der bei  Freunden und Kollegen beliebte Maarmann war dafür bekannt, dass Sicherheit immer an erster Stelle stand.

Erst ziemlich zum Schluss gibt es Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag und dass die Fälle irgendwie zusammenhängen. In Südafrika bereitet man grade eine internationale Sicherheitskonferenz vor.  Ein politisches Großereignis, bei dem sich Vertreter der BRICS-Staaten in Stellenbosch treffen. Meyer gelingt es, die Spannung kontinuierlich zu steigern.  In einem rasanten Finale versuchen Bennie und Vaughn, ein mögliches Attentat zu verhindern.

Dieser 10. Band setzt noch weniger auf spektakuläre Action-Szenen als die vorherigen Bände, dafür mehr auf beharrliche, mühsame Polizeiarbeit. Zeugen müssen aufgesucht und befragt sowie Spuren nachgegangen werden, die sich oftmals als Sackgassen erweisen. Dieser zähe, frustrierende Prozess des Ermittelns plus falsche Fährten macht den Roman glaubwürdig. Die Charaktere, allen voran unsere Helden sind lebendig, weil fehlerhaft und dadurch menschlich. Während Bennie sich um ein besseres Verhältnis zu seinen Kindern aus erster Ehe bemüht, schiebt Cupido den Heiratsantrag immer wieder vor sich her. Auch die anderen Figuren gewinnen an Tiefe, da ihre Motive nachvollziehbar beschrieben werden.

Wie in vielen seiner Thriller verbindet Meyer auch diesmal den Krimiplot sowie die privaten Freuden und Probleme seiner beiden Hauptfiguren eng mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im gegenwärtigen Afrika. Seine Thriller sind auch immer eine ungeschminkte Kritik an den Zuständen in Südafrika. Es geht um ungezügelte Korruption, aber auch um moralische Themen wie Rache und Selbstjustiz. Dabei ist Meyer nie belehrend.

In die Geschichte eingestreut und kursiv hervorgehoben sind Teile eines Zeitungsinterviews mit Bennie Griessel. Eine Journalistin hatte ihn intensiv über seine 30 Berufsjahre befragt. Zugegeben haben mich diese Passagen immer wieder aus der Geschichte rausgebracht. Trotzdem ist „Der Tag des Skorpions“ ein großes Lesevergnügen, mit einem anspruchsvollen,  fesselnden Plot, bei dem am Ende wieder alle Handlungsstränge zusammengeführt werden. Und natürlich garantieren die trockenen Dialoge unserer beiden Helden immer wieder für Auflockerung in der Handlung.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Tag des Skorpions | Erschienen am 15. April 2026 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-01026-2
512 Seiten | 24,00 Euro
Originaltitel: Scorpio | Übersetzung aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zur Bennie Griessel-Reihe bei Kaliber.17

Megan Abbott | El Dorado Drive

Megan Abbott | El Dorado Drive

Das standen sie nun unbehaglich im Raum, diese Worte. Fingen nicht alle beunruhigenden Unterhaltungen so an? Eine neue Diät, eine neue Religion, ein neuer Mann (Der hat mich wirklich umgehauen!). All diese Dinge, die Frauen ihren Freundinnen mit dem Eifer einer Bekehrten erzählten. Und die immer nur Ärger machten.
„Ich weiß, wie sich das anhört“, sagte Pam und las ihre Gedanken. „Aber hör mir mal zu.“  (Auszug S. 66)

Die drei Bishop-Schwestern Debra, Pam und Harper sind in Grosse Point, einem Vorort von Detroit, wohlbehütet in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen. Doch der Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie hat auch ihre Familie hart getroffen, der Reichtum schwand rasch, plötzlich muss man sich Sorgen um Geld und die Zukunft machen. Mittlerweile (Ende der Nullerjahre) sind die Schwestern in den Vierzigern und leben einen fragilen, abgespeckten Rest-Wohlstand auf Pump. Debras Mann ist schwer krank, Pam streitet erbittert mit ihrem Ex-Mann Doug um Geld für die beiden gemeinsamen, fast erwachsenen Kinder und Harper ist nach einer gescheiterten heimlichen Beziehung mit einer Frau einsam und desillusioniert.

Harper ist Reitlehrerin und verbringt den Sommer auf einem Hof, weit entfernt von Detroit. Als sie zurückkehrt und bei ihrer Schwester Pam einzieht, hat sich etwas verändert. Ihre Schwestern sind aufgekratzt, optimistischer, plötzlich scheint Geld da zu sein. Pam weiht sie schließlich ein: Sie sind einem neuen Frauenclub beigetreten – „Das Rad“. Ziel des Clubs: Gemeinsame Treffen und Partys, Empowerment und die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Sie muss lediglich 5.000 Dollar Eintrittsgebühr aufbringen, die sie aber später vervielfacht zurückerhält. Harper ist skeptisch, lässt sich aber dann doch mitreißen. Doch ihr bleibt natürlich nicht verborgen, was dieser Club tatsächlich ist: Ein simples Schneeballsystem, das davon lebt, das ständig von unten neue Frauen hinzukommen. Und irgendwann wird Pam in ihrem Haus ermordet aufgefunden.

Wenn sie an bröckelnden Pilastern und rußigen Wasserspeiern vorbeifuhr, machte das Harper jedesmal traurig und fassungslos. Die Stadt wird wieder auferstehen, pflegte ihr Vater bei einem Gin Tonic im Club immer zu verkünden, als hätten er und seinesgleichen bei deren Schicksal keine Rolle gespielt. In der Familie wurde nicht über Politik gesprochen, schon gar nicht über Rassismus, aber man konnte dort, wo sie aufwuchsen, nicht groß werden, ohne eine Sensibilität für die Geschichte von Ausplünderung und Vernachlässigung, von Ausbeutung und Verlassenheit zu entwickeln. (Auszug S. 355)

Die amerikanische Noir-Autorin Megan Abbott hat inzwischen in Deutschland beim bislang eher maskulin geprägten Verlag Pulp Master eine feste Heimat gefunden. „El Dorado Drive“ ist bereits der vierte Roman der Autorin beim Verlag. Sie passt auch deshalb so gut ins Programm, weil der Verlag schon immer zielsicher hervorragende Romane über die dunkle Seiten Amerikas herausgebracht hat. In ihrem aktuellen Roman kann Abbott aus eigener Erfahrung schöpfen, ist die Autorin doch in Detroit geboren und studierte später an der University of Michigan. Detroit und Umgebung, früher das Herz der amerikanischen Industrieproduktion, dann extrem stark vom Produktionsrückgang betroffen, hervorgerufen durch große industriepolitische und unternehmerische Fehlentscheidungen. Die Stadt hat seit den 1960ern war als die Hälfte ihrer Einwohner verloren, Verfall, Leerstand oder Brachen prägen inzwischen ganze Stadtteile in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Immer wieder gibt es Versuche zu Renaissance, doch dies gelingt, wenn überhaupt, nur punktuell. Detroit bildet insofern den perfekten Background für diesen seltsamen Frauenclub. Über „Das Rad“, ein mehrdeutiger Begriff, wollen die Frauen endlich wieder am Glücksrad drehen oder die Zeit zu besseren Verhältnissen zurückdrehen. Was nach Empowerment, Selbstbestimmtheit und netten Partys unter Frauen aussehen soll, ist aber in Wahrheit ein abgekartetes System, bei dem sich einige wenige auf Kosten vieler bereichern wollen.

Megan Abbott erzählt dies alles aus der Perspektive der jüngsten Schwester Harper, die einzige Alleinstehende der drei Schwestern. Sie steht als lesbische Frau ein wenig außen vor, doch auch sie drücken Schulden, ausgerechnet bei ihrem Ex-Schwager Doug, weshalb auch sie dem Club beitritt. Die Autorin versteht es hervorragend die Dynamiken zwischen den Frauen zu erfassen, sowohl zwischen den Mitgliedern des Clubs als auch innerhalb der Familie Bishop. Am „El Dorado Drive“ (Pams Adresse) werden verzweifelt Träume nach längst vergangenen, goldenen Zeiten gehegt. Die Frauen verkörpern den bröckelnden amerikanischen Traum, der Wohlstand schwindet zusehends oder ist auf Schuldenbergen gebaut. Man schwankt zwischen Verzweiflung, Desillusionierung, familiärer Loyalität, Hoffnung und Gier. Für die Leser ist zudem interessant, dass sie dabei nicht auf einen Whodunnit verzichten müssen. Es bieten sich bis zum Schluss mehrere Täter:innen an, auf den letzten Seiten vollzieht die Geschichte noch einige Wendungen. Insgesamt überzeugt Megan Abbott erneut mit einem intensiven Einblick in die Problemzonen der amerikanischen Gesellschaft und hinterfragt die Grenzen von Schwesterlichkeit in Zeiten finanzieller Not.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

El Dorado Drive | Erschienen am 11.05.2026 bei Pulp Fiction
ISBN 978-3-946-58229-8
427 Seiten | 18,- €
Originaltitel: El Dorado Drive | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Megan Abbotts „Wage es nur!“

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ich hoffte, ich würde schon im Grab liegen, bevor sie diesen Staudamm bauten. Dann würde das Wasser über mich hinwegfließen, und über Daddy und Momma und über Old Ian Alexander und seine Frau Mary und über den verloren gegangenen Leichnam der Prinzessin namens Jocassee und die Cherokee-Hügel und die Pfade, denen de Soto und Bartram und Michaux gefolgt waren, und über die Wiesen und Flüsse und Wälder, die sie beschrieben hatten, und alles würde auf immer und ewig verschwinden, und unsere Gesichter und Namen und Taten und Missetaten wären vergessen, als hätte es uns und Jocassee nie gegeben.  (Auszug E-Book Pos. 972)

Anfang der 1950er Jahre in Jocassee, einem Tal der Appalachen in South Carolina. Holland Winchester ist in der Gegend als Raufbold und Störenfried bekannt. Als der dekorierte Koreakriegveteran spurlos verschwindet, ahnt Sheriff Will Alexander relativ schnell, was ihm zugestoßen sein könnte. Von Hollands Mutter bekommt der Sheriff einen Hinweis auf die Nachbarn der Winchesters, Billy und Amy Holcombe, die nebenan eine kleine, einfache Farm betreiben. Holland soll etwas mit Amy gehabt haben. Sheriff Alexander stellt einen Suchtrupp auf, befragt die Holcombes eindringlich, doch Holland Winchester bleibt weiterhin verschwunden.

Eine abgelegene Gegend in den Bergen, ein Tal, in dem nur noch wenige verblieben sind, nachdem klar ist, dass das Tal irgendwann einem Stausee wird weichen müssen. Noch längst nicht alle haben Strom und Telefon. Die Holcombes bestellen das wenige Land, das sie besitzen, noch mit dem Pferd. In Billys Familie waren schon immer einfache Farmer. Amy kommt eigentlich aus der Kleinstadt, muss sich mit dem Farmleben arrangieren. Die junge Ehe wartet schon länger auf den obligatorischen Nachwuchs. Weiter hinten im Tal lebt noch die Witwe Glendower, eine alte Frau, als Hexe verschrien, aber in Problemfällen immer noch (widerwillig) als Ansprechpartnerin gesucht. Dazwischen die Winchesters, eine Witwe und ihr Sohn, ein Tunichtgut, der vor allem an seinen Kriegserlebnissen zu knabbern hat. Die Geschichte beginnt in 1952, aber die Gegend und die Beschreibungen der Personen wirken teilweise, als wären wir noch einige Jahrzehnte früher unterwegs.

Augen können lügen, aber irgendwann verraten sie die Wahrheit. Als Billy verneinte, blickte er auf seine geballte rechte Hand. Ich wusste, was das bedeutete, weil ich schon viele Männer gesehen hatte, die sich in einer vergleichbaren Situation genauso verhalten hatten. Diese Rechte hatte Felsbrocken groß wie Wassermelonen vom Feld gehoben. Sie hatte mächtige Eichen gefällt, deren Stämme man mit den Armen umfassen konnte. Und vielleicht, nur vielleicht, hatte sie eine Schrotflinte ruhig genug gehalten, um einen Mann zu töten. (Auszug E-Book Pos. 251)

Autor Ron Rash nutzt diese Ausgangslage zu einer einem eindringlichen, dichten Roman, einem Country Noir, in dem der Geist des Ortes permanent präsent ist. Aus fünf Perspektiven wird diese Geschichte hintereinander erzählt, jeweils als Ich-Erzähler, beginnend mit dem Sheriff. Dabei werden manche Ereignisse doppelt erzählt, anderes bringt die Geschichte weiter voran. Es gibt zwischendrin noch einen Zeitsprung. Das Staudammprojekt, das irgendwann steigende Wasser, das alles unter sich begräbt, spielt im Hintergrund eine zunehmende Rolle. Rash erzählt in ruhigem, leisem Ton, dennoch spitzt sich dieses Drama immer weiter zu.

Der Autor wird von einigen Kollegen als einer „der besten amerikanischen Autoren“ bezeichnet. Dennoch wurde Ron Rash erstmals vor zwei Jahren mit „Der Friedhofswärter“ ins Deutsche übersetzt. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist im Original bereits 2002 erschienen. Wie schon in „Der Friedhofswärter“ führt uns der Autor in die fünfziger Jahre und an einen Ort, in dem alte Moralvorstellungen noch überdauern. Ein Mann ist verschwunden, vermutlich ein Mord geschehen. Nicht ganz zur Hälfte des Buches wird der Leser wissen, was geschehen ist, allerdings steht nicht die Aufklärung im Mittelpunkt, sondern wie sich das Ereignis auf die Beteiligten auswirkt und welche Schatten es noch 18 Jahre später wirft. Dabei überzeugt vor allem der Umgang des Autors mit seinen Figuren und die Beschreibung ihrer inneren Konflikte. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist ein starker Roman über Heimat, Moral, Schuld, Hoffnung und Verdrängung, der eine aufwühlende Geschichte in getragenem, nicht reißerischem Ton erzählt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Mit einem Fuß im Paradies | Erschienen am 06.05.2026 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0766-6
253 Seiten | 24,- €
Originaltitel: One Foot In Eden | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Vor Angst war ihm plötzlich schwindlig. Er nahm sich Zeit, um durchzuatmen und das Gleichgewicht wiederzufinden. Man konnte wissen, was in diesem Land im Verborgenen vor sich ging, aber wenn man mit solchen Praktiken direkt konfrontiert war, dann war das eine Erschütterung, die einen zerstören, einen so verrückt machen konnte, dass man am helllichten Tag mit einer Lampe auf der Straße herumlief und nach einem kleinen Rest an Menschlichkeit auf Erden suchte. (Auszug S. 65)

Inspektor Dieuswalwe Azémar von der Police National d’Haïti wird zu einem Leichenfund gerufen. Es ist die Leiche der fünfzehnjährigen Mikayida, die Tochter von Mirlène, Azémars aktueller Geliebten. Das Mädchen wurde brutal ermordet und außerdem wurden ihr noch Symbole in die Haut geritzt. Dieuswalwe setzt einen befreundeten Gerichtsmediziner auf die Obduktion an und stellt weitere Nachforschungen an. Er findet bald heraus, dass Mikayida nicht das einzige Opfer ist, sondern offenbar Teil einer Art satanischen Rituals, in das mächtige Kreise verwickelt sind. Doch Dieuswalwe schwört Mirléne und auch sich selbst, dass er die Mörder von Mikayida zur Strecke bringt.

Dabei geht Dieuswalwe (kreolisch für „Gott sei gelobt“) wie gewohnt nicht zimperlich vor. Wer den Inspektor aus vorherigen Romanen kennt, der weiß, dass er voller Wut, erbarmungslos und fast furchtlos seine Arbeit verrichtet. Sein Treibstoff ist „soro“ oder „kleren“, Zuckerrohrschnaps, der in Haiti an vielen Straßenecken verkauft wird, oft schwarzgebrannt und durchaus ein Gesundheitsrisiko. Die Verbrecher und deren mächtige korrupten Verbündete, die sein Land auspressen, sind Dieuswalwes Feinde. Er hat nur noch wenige Vertraute bei der Polizei und seine hervorragenden Schießkünste haben bislang verhindert, dass man sich seiner entledigt hat.

„Erschütterungen“ ist der fünfte ins Deutsche übersetzte Band dieser Krimireihe. Die Besonderheit: Zum ersten Mal in dieser Reihe hat der Autor Gary Victor seinen Roman in Kreolisch verfasst. Victor selbst ist einer der renommiertesten Autoren und Kreativen seiner Heimat, er hat auch selbst Posten in der Administration Haitis übernommen. Sein Werk ist gekennzeichnet von authentischen Schilderungen eines Landes, das völlig aus den Fugen geraten ist, ein buchstäblicher „failed state“, von Korrupten und Banditen regiert und terrorisiert. Sein Protagonist Dieuswalwe Azémar ist dabei der unbestechliche Lichtblick, doch auch er muss außerhalb der Regeln spielen – ein Dirty Harry von Port-au-Prince.

Sie flüsterte ihm ins Ohr: „Wir sollten das nicht tun, Dieuswalwe. Gott sieht es nicht gern.“ Dieuswalwe antwortete nicht. An die Sache mit Gott glaubte er schon lange nicht mehr. Wenn es ihn gab, dann kümmerten ihn die Angelegenheiten der Menschen, vor allem die der Haitianer, offensichtlich nicht im Geringsten. (Auszug S. 52)

Der Roman ist ziemlich kurz, knapp unter hundert Seiten und dadurch sehr verdichtet. Kurze Sätze, knappe Dialoge, die Handlung wird schnell vorangetrieben. Gary Victor zeichnet ein düsteres Bild von Haiti, ein Staat voller Gewalt, Korruption und Aberglaube, in dem junge Menschen geschändet und auf den Müll geworfen werden – und der einzige, den das zu kümmern scheint, ist ein desillusionierter, alkoholsüchtiger, wütender Inspektor. Das ist starker Noir aus der Karibik für Leser mit starken Nerven – die ganze Reihe ist unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Erschütterungen | Erschienen am 15.03.2026 bei Litradukt
ISBN 978-3-940435-53-8
94 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Sakad | Übersetzung aus dem haitischen Kreolisch von Peter Trier
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy ist seit langem als Autor politischer Kriminalromane bekannt. Der Franzose aus Rouen ist seit „Der Block“ (3. Rang Deutscher Krimipreis 2018) auch in Deutschland ein Begriff als außerordentlich politischer Autor, der eine Machtergreifung der politischen Rechten in seinen Werken vorausahnt. In seinen Noir-Krimis nennt er die Rechten „Patriotischer Block“, aber jeder weiß, wer gemeint ist. „Der Block“ las sich fast als Schlüsselroman für den Aufstieg des damaligen „Front National“, heute „Rassemblement National (RN)“, in eine politische Führungsrolle. Dieses Szenario inclusive bestimmter Figuren hat er in weiteren Romanen wieder aufgegriffen, zuletzt erschien im letzten Jahr „Die letzten Französin“ in deutscher Übersetzung.

Nun könnte man sagen, dass Leroy schon seit 15 Jahren den Teufel an die Wand malt, sprich eine Machtübernahme durch oder in Beteiligung der Faschisten in Frankreich postuliert, die aber bis heute nicht stattgefunden hat. Wer allerdings die Verhältnisse in Frankreich ein wenig verfolgt, wird feststellen, dass dort die Situation noch deutlich prekärer ist als in Deutschland und der Autor womöglich nur seiner Zeit voraus. Der RN hat bereits das ganze Land betrachtet die Mehrheit der Stimmen und die demokratische Mitte schrumpft weiter durch stärkere linksextreme Gegenströmungen. Präsident Macron hat keine eigene parlamentarische Mehrheit mehr und seit der letzten Wahl der Nationalversammlung 2024 bereits den dritten Ministerpräsidenten berufen.

Sein Name wird in „Die kleine Faschistin“ nicht genannt, Leroy und die Figuren nennen den Präsidenten nur den „Verrückten“. Dieser hat sich im Élysée-Palast abgekapselt, ist politisch isoliert, agiert zunehmend erratisch und hat mal wieder das Parlament aufgelöst. Er hat eine konservative Frau zur Ministerpräsidentin ernannt und erkennt nicht, dass diese die Sicherheitskräfte an sich bindet und ihr eigenes Spiel spielt – kurz vor den nächsten Wahlen. Der Roman spielt im heißen Sommer (der Klimawandel!) in der fiktiven Küstenstadt Frise nahe Dünkirchen und der belgischen Grenze. Die beiden Hauptfiguren sind Francesca Crommelynck und Patrick Bonneval.

Sie ist eine blonde, attraktive, großgewachsene 20jährige, in einem rechtsradikalen Elternhaus aufgewachsen und früh als „kleine Faschistin“ sozialisiert. Sie ist aktives Mitglied der Schlägertruppe „Löwen von Flandern“, die natürlich den Patriotischen Block unterstützt. Ihr Trauma ist der Verlust ihrer Jugendliebe Jugurtha, Sohn eines Kommunisten, und ihres älteren Bruders kurz hintereinander, als sie 14 war. Jugurtha wurde in den Dünen ermordet, ihr Bruder Nils starb im Kugelhagel eines gescheiterten Waffen-Drogen-Deals zwischen Faschisten und der Mocro-Mafia. Im Laufe des Romans wird sie das versteckte Tagebuch ihres Bruders finden und sie in eine Krise stürzen. Bonneval hingegen ist ein fast 60jähriger alteingesessener Abgeordneter der Sozialistischen Partei, der von einer Spin Doktorin zum Dark Horse für den Ministerpräsidentenposten gekürt wurde, um dann festzustellen, dass das Wahlbündnis mehrerer Linksparteien in seinem Wahlkreis dieses Mal einen Kommunisten als Gegenkandidat zum Block aufstellt. Das lässt die sowieso schon aufkeimende Mid-Life-Crisis von Bonneval nochmal zusätzlich aufblühen. Francesca und Bonneval werden im Laufe der Handlung aufeinandertreffen, mehr sei an dieser Stelle nicht gespoilert.

Jérôme Leroy erzählt den kurzen, knackigen Roman mit Hilfe eines allwissenden Erzählers, der hier und da ein wenig spoilert, an anderer Stelle in die Vergangenheit schweift, aber über weite Strecken im Präsens erzählt. Dabei nimmt er einen durchaus amüsanten, gar nicht so ernsthaften Ton, der weniger politisch moralisiert, sondern unterhalten will. Schon die einleitende Szene ist skurril-großartig, als ein Auftragskiller eine Ferienhaussiedlung auf der Suche nach Patrick Bonnevals Haus durchstreift, sich aber in der Tür irrt und in eine Drogen- und Sexparty junger Leute platzt. Er entledigt sich fast seufzend der Zeugen, ehe er selbst durch die Schrotflinte einer Nachbarin endet. Alles äußerst detailliert und urkomisch beschrieben.

So eine Scheiße aber auch.
Victor Serge zieht seine Glock. Er schießt, und Maéva Dupuis, dreiundzwanzig Jahre alt, kurz vor ihrem zweiten Jahr in einer Handelsschule in Amiens stehend, stirbt.
Der Schalldämpfer hat in der Rue de Dunes doch ziemlich gedröhnt. Victor Serge hofft gleichwohl, dass die Musik – jetzt gerade läuft Vomit Candy von Johnny Mafia – den Lärm übertönt hat. Das wäre angesichts der überbordenden Energie der Band aus Sens möglich.
Leider nein. (Auszug aus Kap.2)

Vor ein paar Jahren gab es mal einen kleinen Trend im Krimigenre, vorwiegend von irischen und britischen Autoren, den „Screwball Noir“. „Die kleine Faschisten“ müsste man daran angelehnt als „Screwball Polar“ bezeichnen – ein äußerst flotter, kurzweiliger satirischer Roman mit viel Wortwitz und skurriler Handlung. In diesem Falle bleibt dem Leser aber ein bitterer Beigeschmack, den es geht im Hintergrund immer um ein zutiefst gespaltenes Frankreich, die Demokratie schwebt über dem Abgrund. Das ist aber dennoch sehr originell und gelungen umgesetzt und unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die kleine Faschistin | Erschienen am 02.03.2026 bei Edition Nautilus
978-3-96054-476-0
152 Seiten | 18,- €
Originaltitel: La petite fasciste | Übersetzung aus dem Französischen von Cornelia Wend
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Der Block“ von Jérôme Leroy