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Deutschsprachige Politkrimis (Teil 1)

Deutschsprachige Politkrimis (Teil 1)

In den letzten Jahren gab es bei den deutschsprachigen Krimis gefühlt vor allem zwei Trends. Historische Kriminalromane und Regionalkrimis, die im Ausland spielen, aber von deutschen Autor:innen geschrieben wurden, die sich aber lieber eines fremdländischen Pseudonyms bedienten. Kriminalromane, die sich aktuellen politischen und gesellschaftskritischen Themen annehmen, waren in der Wahrnehmung zumindest etwas unterrepräsentiert. Keine Ahnung, ob sich daran nun etwas ändert, allerdings hatte ich plötzlich gleich vier solcher Romane gleichzeitig in den Händen und dachte mir, dass man daraus einen Doppelbeitrag machen könnte. Beginnen möchte ich mit einem fast schon Veteranen in diesem Genre: Wolfgang Schorlau begann seine Krimis mit dem Stuttgarter Privatermittler Georg Dengler bereits 2003.

Wolfgang Schorlau | Kreuzberg Blues

Dengler begleitet seine Freundin Olga nach Berlin zu einer Freundin, die in Kreuzberg in einer Spekulations-Immobilie lebt. Der Vermieter versucht, die Mieter zur Kündigung zu bewegen, um anschließend teuer neu zu vermieten. Dabei schreckt er scheinbar auch vor drastischen Mitteln nicht zu zurück, denn irgendjemand hat Ratten im Hausflur ausgesetzt, die dann ein Baby angegriffen haben. Dengler erklärt sich bereit, sich die Sache näher anzusehen und lässt sich sogar vom großen Immobilienunternehmen Kröger engagieren, um denen von innen heraus auf den Zahn zu fühlen. Doch er muss schnell erkennen, dass noch viel größere und gefährliche Kräfte im Hintergrund agieren.

„Ich heiße Georg Dengler. Das ist Olga. Wir sind Privatermittler. Wir sind entschlossen, Michael Bertram ins Gefängnis zu bringen.“
„Wisst ihr, mit wem ihr euch da anlegt?“
„Das wissen wir.“ Dengler beugte sich näher zu ihr hinüber. „Ich bin jemand“, sagt er, „wenn ich wählen muss zwischen Recht und Gerechtigkeit, wähle ich Gerechtigkeit.“ (Auszug S. 385)

„Kreuzberg Blues“ ist inzwischen der zehnte Band um Georg Dengler. Die Reihe hat es ja sogar schon ins Fernsehen geschafft, auch die Verfilmung dieses Bands ist bereits abgedreht. Als langjähriger Leser der Reihe muss ich natürlich vorweg eines zugeben: Ein Literaturnobelpreisträger wird Wolfgang Schorlau nicht mehr. Er neigt zu zur üppigen Faktenvermittlung auf Kosten der literarischen Eleganz. Seine Figuren lassen sich oft klar einer Seite zu ordnen. Er neigt auch zur Drastik und zu plakativen Aussagen.
Aber ich hätte die Reihe nicht schon so lange verfolgt, wenn es mich nicht auch trotzdem gut unterhalten würde. Denn eines muss man Schorlau lassen: Er transportiert seine Themen mit großem Verve und Engagement. Das Tempo ist rasant, schnelle Szenenwechsel, viel Action. Und er ist äußerst politisch, bezieht klar Stellung im sehr aktuellen Kampf um bezahlbaren Wohnraum. Das ist alles kein literarischer Hochgenuss, aber ein unhaltsamer und auch wichtiger politischer Krimi.

 

Kreuzberg Blues | Erschienen am 08.10.2020 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00079-5
416 Seiten | 22,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: gesellschaftskritische Krimis

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Gunnar zu Krimis von Wolfgang Schorlau

 

Sunil Mann | Das Gebot

Zum deutschsprachigen Krimi gehört selbstverständlich die Krimiszene der deutschsprachigen Schweiz, die von mir leider tendenziell etwas vernachlässigt wird. Fester Bestandteil dieser Szene ist der Autor Sunil Mann. Der Sohn indischstämmiger Einwanderer begann seine Karriere als Krimiautor mit der Reihe um den Privatdetektiv Vijay Kumar. Nun hat er eine neue Reihe begonnen: Die ehemalige Flugbegleiterin Marisa Greco und der Ex-Sicherheitsmann Bashir Berisha betreiben in Zürich eine Detektei mit dem interessanten Namen „Agentur für unliebsame Angelegenheiten“. „Das Gebot“ ist ihr zweiter Fall.

Ben raucht den letzten Zug seiner Zigarette, schnippt sie auf den Waldboden, erstickt die Glut mit der Schuhspitze. Sie würden Augen machen, seine Schulkameraden, wenn sie wüssten, wozu er es in der Zwischenzeit gebracht hat. Mit wie viel Eifer er glernt hat, als er endlich den richtigen Lehrer gefunden hatte. Aber sie werden von ihm hören, schon bald, sein Name wird auf allen TV-Sendern erwähnt werden, die Newssendungen werden von ihm berichten. (Auszug S. 72-73).

Während der Pandemie hat das Geschäft von Marisa und Bashir gelitten, sodass sie froh sind, endlich wieder einen ordentlichen Auftrag zu erhalten. Sie werden vom Ehepaar Bodmer engagiert, ihren Sohn Erich zu finden, der vor vier Jahren zu einer Weltreise aufgebrochen sein soll und sich seitdem nur noch einmal mit einer Weihnachtskarte gemeldet hat. Nun hat er offenbar von einem Geldautomaten am Zürcher Flughafen Geld abgehoben. Marisa und Bashir finden allerdings schnell heraus, dass Erich mitnichten auf Weltreise war, sondern in den Dschihad nach Syrien gezogen ist und als Kriegsverbrecher gesucht wird. Sie bleiben auf seiner Spur und werden gewarnt: Sollte Erich in die Schweiz zurückgekehrt sein, hat das nichts Gutes zu bedeuten.

Zwischen drei Perspektiven wechselt dieser Roman: Neben Marisa und Bashirs Ermittlungen verfolgt der Autor auch den IS-Heimkehrer Ben (seine Identität wird erst im Laufe des Buches gelüftet), der mit einer tödlichen Mission nach Zürich zurückgekehrt ist, wie bald deutlich wird. In Rückblicken wird von den Erlebnissen Bens beim islamischen Staat berichtet. Die Porträtierung Bens ist aus meiner Sicht auch der ganz starke Pluspunkt des Romans, denn diese ist sehr differenziert gelungen. Ebenfalls begleitet wird im Roman Andrea Graf, Politikerin der Rechtspopulisten (eine Fortführung aus Band 1, vermute ich). Graf will ihre Partei modernisieren, hat sich allerdings erpressbar gemacht und wird nun von ihrem skrupellosen Wahlkampfberater zu einem stramm konservativ-rechten Kurs gezwungen. Diesen Strang (der zum Ende mit dem anderen kollidiert) fand ich sehr interessant, allerdings war dieser im Vergleich zu Geschichten um Ben etwas unterrepräsentiert und für meinen Geschmack nicht ganz zufriedenstellend aufgelöst. Dennoch insgesamt ein überzeugender Roman mit guter Mischung aus Spannung, Politik und gesellschaftlichem Hintergrund. Die Agentur für unliebsame Angelegenheiten kann man durchaus weiterverfolgen.

 

Das Gebot | Erschienen am 30.03.2021 im Grafit Verlag;
ISBN 978-3-894-25774-3
352 Seiten | 13,- €
Bibliografische Angaben

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Ling Ma | New York Ghost

Ling Ma | New York Ghost

Nach dem ENDE kam der ANFANG. Und am ANFANG waren wir acht, dann neun – das war ich -, eine Zahl, die nur abnehmen würde. Wir fanden einander, nachdem wir aus New York in die sichereren ländlichen Gefilde geflohen waren. Das hatten wir so in Filmen gesehen, auch wenn niemand sagen konnte, in welchen genau. Vieles verlief nicht so, wie wir es von der Leinwand kannten. (Auszug Romananfang)

Ling Mas bereits 2018 in den USA erschienenes Debüt erzählt von einem fiktiven Virus, der sich durch Globalisierung von Asien ausgehend schnell über den Erdball ausbreitet. Das aus China eingeschleppte sogenannte Shen-Fieber wird von Pilzsporen ausgelöst, die in die Atemwege gelangen. Die Infizierten sind dazu verdammt, bewusstlos gefangen in den immer gleichen Routinen ihres Lebens dahinzuvegetieren, bis sie schließlich verhungern. Der Verlauf ist meist tödlich, eine Heilung gibt es bisher nicht. Einige wenige Menschen bleiben verschont. Eine davon ist die Ich-Erzählerin Candace Chen.

Ein tödlicher Virus legt die US-Metropole lahm
In New York erlebt Candace, wie das tödliche Fieber über die Metropole hereinbricht, wie Geschäfte schließen, die U-Bahnen stillstehen und schließlich die Menschen fliehen. Seit einigen Jahren arbeitet sie im Verlagswesen und ist zuständig für die Produktion von Bibeln. Um die Herstellungskosten niedrig zu halten, wurde der Druck in Billiglohn-Länder im südlichen China ausgelagert. Die regelmäßigen Dienstreisen nach China nutzt Candace zu hemmungslosen Shoppingtouren in Hong Kong. Ihre Vorgesetzten überreden sie mit der Aussicht auf Beförderung, als Letzte die Stellung im Büro zu halten. So bleibt Candace in dem großen Büroturm in Manhattan und erledigt pflichtbewusst ihre eintönige Arbeit, obwohl diese ihr nie viel bedeutet hat. Vielmehr gibt die alltägliche Routine ihr Halt und sie benötigt scheinbar die auferlegten Rituale, um irgendwie weiterzumachen. Ihre Leidenschaft ist die Fotografie und so streift sie nach der Arbeit ziellos durch die fast ausgestorbenen Straßen von New York City und hält in Fotos den Zustand der sich immer mehr verändernden Stadt fest. Indem sie auf ihrem anonymen Blog NY Ghost diese Aufnahmen postet, ist sie für viele Menschen die einzige, die die aktuellen Entwicklungen dokumentiert.

Aufgrund des Klappentextes hatte ich erwartet, dass dieser Erzählstrang im Vordergrund stehen würde, aber das nimmt nur einen kleinen Teil der Geschichte ein. In Rückblicken erfahren wir, wie Candace als 6-jährige mit ihren Eltern aus China emigriert ist. Hier ist der Roman eine interessante Migrationsgeschichte und gewährt Einblicke in die Einwanderungsprobleme der Familie Chen. Die Eltern hofften auf ein besseres Leben und tun alles, um sich der neuen Kultur anzupassen sowie sich in der amerikanischen Arbeitswelt zurechtzufinden. Besonders die Mutter kämpft mit der Rolle der migrantischen Ehefrau, wirkt wie zerrissen zwischen den kapitalistischen Verlockungen und dem Wunsch, die eigenen Wurzeln nicht zu verlieren. Vielleicht greift die Autorin auch auf eigene Erfahrungen zurück, denn hier ist der Roman richtig stimmig und bewegend. Candace schlingert irgendwie plan- und orientierungslos durch ihr Leben. Sie studiert Kunst und lebt nach dem frühen Tod ihrer Eltern in einem kleinen Kellerappartement in New York, verliebt sich in den Nachbarn und verliert sich in den Routinen ihres Jobs und im Shopping. Ling Ma trifft den richtigen Ton um das Lebensgefühl der Mittzwanziger in einer Großstadt zu beschreiben, die Suche nach Liebe und Geborgenheit, den Einstieg in die Arbeitswelt, Enttäuschungen und Frustrationen.

Flucht aus New York
Irgendwann muss auch die junge Frau fliehen und schließt sich einer Gruppe Überlebender an. Die Truppe hat ihre eigenen, fast sektenähnlichen Regeln und wird von dem IT-Techniker Bob angeführt. Der selbsternannte Chef will sie zu einer „Anlage“ in der Nähe von Illinois führen, die sich als Shopping-Mall entpuppt, in der sie laut dem dominanten Bob alles zum Überleben finden. Hier ist der Roman richtig düster und dystopisch und beinhaltet auch Elemente eines Road-Movies. Die Szenen sind teilweise morbide und verstörend, wenn die Gruppe beispielweise auf ihrem Weg in Häuser einbricht um zu plündern und Bob sie zwingt, vom Fieber Befallene zu erlösen, sprich zu töten. Wobei von den Fieberzombies selbst gar keine Gefahr ausgeht. Suspense entsteht eher dadurch, weil es in der Gruppe zunehmend zu Spannungen bis zur Gewalt kommt, auch weil Bob absolut keinen Widersprich duldet. Das ist aber nicht besonders innovativ, hat man so schon gelesen und ich musste an „The Walking Dead“ denken.

Meine Meinung
New York Ghost bietet viele Themen an wie Kapitalismus – und Konsumkritik, Herkunft und Identitätssuche, Entmenschlichung, Leistungsdruck, Familie und erste Liebe, die aber gar nicht dröge, sondern raffiniert miteinander verknüpft werden. Die Endzeitgeschichte vor New Yorker Kulisse ist intelligent geschrieben mit gut beobachteten Figuren, der Ton ist ironisch-distanziert. Ein visionärer Roman, in dem sich vieles wie Homeoffice, Masken und Quarantäne gespenstisch vertraut liest und der von der Realität überholt wurde. Als melancholischer Endzeitthriller bietet er nur beliebiges, dafür funktioniert er als Drama, bissige Satire und als originelle Gesellschaftskritik. Einige Doppeldeutigkeiten wurden mir erst nach dem Lesen richtig bewusst.

Ling Ma wurde wie ihre Romanheldin 1983 in der chinesischen Provinz Fujian geboren und ist in den USA aufgewachsen. Ihr Debütroman, der von Zoë Beck übersetzt wurde, gewann zahlreiche Preise.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

New York Ghost | Erschienen am 23. März 2021 im CulturBooks Verlag
ISBN 978-3-959-88152-4
360 Seiten | 23,- Euro
Originaltitel : Severance (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Zoë Beck)
Bibliografische Angaben

Julia Bruns | Ostseeglut (Band 2)

Julia Bruns | Ostseeglut (Band 2)

„Die Seebrücke lag weit hinter ihr, wie sie feststellen musste. Ohne es zu bemerken, war sie fast schon in Baabe angekommen. Sie stopfte ihre geballten Fäuste in die Taschen ihres Parkas und machte sich erleichtert zurück auf den Weg nach Sellin. Das Meer half immer, wenigstens darauf konnte man sich verlassen.“ (Seite 140)

Im Ostseebad Sellin auf der Insel Rügen brennt das Kurhotel und bei den Löscharbeiten wird zufällig eine Leiche gefunden. Bei dem Toten handelt es sich um den Besitzer des Hotels, der seit zwei Wochen vermisst wird. Das Gebäude wurde vor kurzem verkauft und soll abgerissen werden. Hauptkommissarin Anne Berber nimmt die Ermittlungen auf und stößt bei der Suche nach dem Täter auf die DDR-Vergangenheit der Insel und ein schreckliches Geheimnis.

Fall zwei auf Rügen
„Ostseeglut“ von Julia Bruns ist der zweite Fall um Kommissarin Anne Berber und Pensionsbesitzer Sören Hilgert. „Eiskalte Ostsee“, den ersten Teil, habe ich ebenfalls gelesen und war sehr begeistert, dementsprechend habe ich der Fortsetzung entgegengefiebert. Anders als beim ersten Buch kam ich hier etwas schwer in die Geschichte rein, ich empfand den Schreibstil etwas umständlich, mit vielen langen und verschachtelten Sätzen. Außerdem kommen am Anfang recht viele Namen vor, da musste ich ein paar Mal überlegen, wer nochmal wie im Zusammenhang stand. Nach diesen Anfangsschwierigkeiten hat mich der Roman aber gepackt und ich finde das Thema zur DDR-Geschichte sehr spannend.

Zwei Protagonisten
Anne Berber ist Anfang vierzig, frisch von ihrem Mann getrennt und vorübergehend in der Pension von Sören Hilgert untergekommen. Hilgert ist Anfang fünfzig und seit etwa zwei Jahren Pensionsbesitzer in Sellin. Vorher war er jahrelang Kriminalkommissar bei der Mordermittlung in Berlin, da ihm diese Arbeit aber fast einen Burnout beschert hat, hat er drastisch umgesattelt. Auf Grund seiner Erfahrung ist er deshalb der ideale Sparringpartner für Anne Berber, wenn sie in ihren Ermittlungen nicht weiterkommt.

Spannung bis zum Schluss
Der Spannungsbogen hält sich bei diesen Ermittlungen wirklich bis ganz zum Schluss. Die Geschichte konzentriert sich überwiegend auf die Lösung des Falls, nur sehr wenig private Aspekte der beiden Protagonisten fließen ab und zu mit ein, was ich sehr angenehm finde. Außerdem kommt die Kulisse des Ostseebades und des Meeres absolut nicht zu kurz.

Fazit: Nach kleinen Anfangsschwierigkeiten überzeugt mich dieser Krimi durch Spannung, Ostsee-Flair und die jüngere deutsche Geschichte der Insel Rügen. Ich freue mich schon jetzt auf Fall drei.

Julia Bruns, in einem kleinen Dorf mitten in Thüringen geboren, studierte Politikwissenschaft, Soziologie und Psychologie an der Universität Jena. Nach ihrer Promotion im Fach Politikwissenschaft arbeitete sie viele Jahre als Redenschreiberin und in der Öffentlichkeitsarbeit. Heute schreibt sie als freie Autorin. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Ostseeglut | Erschienen am 18. März 2021 im Emons Verlag
ISBN: 978-3-740-81111-2
272 Seiten | 13,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezension zu Band 1 „Eiskalte Ostsee“

Tom Hillenbrand | Montecrypto

Tom Hillenbrand | Montecrypto

Aktien, Anleihen, Währungen – alles ist genauso viel wert, wie die Leute glauben, dass es wert ist. Geld ist kondensierte Hoffnung, ist Glaube – Glaube daran, dass ein Asset weiter steigt; Glaube daran, dass man nicht zu teuer gekauft hat; Glaube daran, dass ein noch größerer Depp um die Ecke kommen und einem Ölfässer, Schweinehälften oder hässliche Münzen mit Schildkrötenlogo für das Doppelte abnehmen wird; Glaube daran, dass die eigene Gier gerechtfertigt ist. (Auszug 2063 E-Book)

Der amerikanische Selfmade-Unternehmer Gregory Hollister war ein Techno-Nerd, wie man ihn sich vorstellt: Schon mit 11 Jahren schrieb er erfolgreich seine ersten Computerprogramme. Später gründete er ein Startup namens Juno und entwickelte eine Kryptowährung sowie eine Bezahlapp. Der Visionär der Krypto-Branche galt als Pionier in Sachen Digitalwährungen. Der Verkauf seiner Firmenanteile machte ihn zu einem schwerreichen Mann. Jetzt ist Sir Holly bei einem tragischen Unglücksfall ums Leben gekommen. Bei einem Flug mit seiner Cessna stürzt er über dem Golf von Mexiko aus ungeklärten Gründen ins Meer. Von seinem Milliarden-Vermögen ist jedoch nur ein Bruchteil auffindbar, denn er hatte den größten Teil seines Privatvermögens in Bitcoins angelegt.

Bitcoins, Shitcoins, Blockchain
Gregs Halbschwester Jackie, eine Aktionskünstlerin beauftragt in Los Angeles den Privatdetektiv Edward Dante das verschwundene Vermögen zu finden. Der britisch-stämmige Dante scheint genau der richtige zu sein, denn er ist auf heikle Finanz- und Vermögensfragen spezialisiert, „Financial Forensics“ steht ja nicht ohne Grund auf seinen Visitenkarten. Der ehemalige Banker hatte bei Gerard Brothers, einer der größten Wall-Street-Banken, gearbeitet und Millionen verdient. Nach der weltweiten Finanzkrise hatte er, mitverantwortlich, der Wall-Street beschämt den Rücken gekehrt und sich im eher schäbigen Viertel Hollywoods als Privatschnüffler selbstständig gemacht.
Der finanziell in der Klemme sitzende Ed Dante nimmt den Auftrag an und beginnt zu ermitteln. Während eines Einbruchs in seiner Wohnung lernt er die technisch versierte und attraktive Bloggerin Mercy Mondego kennen, die sich im Gegensatz zu ihm mit Bitcoins, Shitcoins, Klickfarmen und Computern hervorragend auskennt und ihm fortan in der Krypto-Welt zur Seite steht. Dann tauchen im Internet posthum Videos von Hollister auf, in dem er kryptische Botschaften verkündet und von einem digitalen Schatz namens Montecrypto berichtet, der versteckt wäre und den es zu finden gäbe. Die Internet-Community dreht durch und es beginnt eine Art kollektive Schnitzeljagd. Auch FBI, ausländische Geheimdienste, Mafia und Terroristen begeben sich auf die globale Suche nach dem Vermögen und wollen den Code entschlüsseln.

First Quatermain
Zusammen mit Mondego macht Dante sich zu einer Kryptokonferenz nach Las Vegas auf. Hier in der Mojave-Wüste gerät er mehr zufällig in den Fokus der Öffentlichkeit. Im Netz fallen sofort Vergleiche mit dem literarischen Schatzsucher Allan Quatermain und Dante mit markantem Trilby-Hut auf seiner Glatze. Er wird zum Held und zum Gejagten. Fortan ist er in den Medien nur noch der First Quatermain.

Während weitere Videos vom exzentrischen Startup-Unternehmer viral gehen, bringt Dante Hinweise in Zusammenhang und kommt dem Geheimnis um Montecrypto immer näher. Die wilde Jagd über Kontinente, die jetzt folgt, von Los Angeles über Frankfurt bis nach Zug in die Schweiz und zurück nach New York hat mich irgendwie an Dan Browns Thrillers mit Professor Robert Langdon erinnert. Der Showdown ist dann ein großes Actionspektakel mit einem teilweise voraussehbaren Twist und für mich eine augenzwinkernde Reminiszenz an die Schlussszenen der Bond-Filme ohne hier zu viel verraten zu möchten.

Meine Meinung
Tom Hillenbrand begibt sich mit seinem neuen Thriller in die Welt der Finanzwirtschaft. Bedenken, dass man ohne Vorkenntnisse der Thematik überhaupt folgen kann, sind unnötig. Denn wie von ihm gewohnt, macht er nicht den Fehler, mit seitenlangen Erklärungen zu nerven. Souverän und mit viel Hintergrundwissen werden die Grundlagen der globalen Geldwirtschaft und digitale Kryptowährungen vermittelt und die Bitcoin-Szenerie dargestellt. Das Tempo ist hoch und ich habe immer wieder gerne zum Buch gegriffen. Als moderne Version einer Schatzsuche à la Indiana Jones funktioniert der Thriller bestens und die vielen popkulturellen Verweise haben Spaß gemacht. Ich mag einfach den flüssigen und mitunter flapsigen Schreibstil, Dantes trockenen Humor und die vielen witzigen Einfälle.
Mit Ed Dante hat der Autor eine sympathische Figur erschaffen, auch wenn man sagen muss, dass der Charakter des abgehalfterten, gescheiterten Privatdetektivs mit Alkoholproblemen und leicht sexistischem Frauenbild eher einem Stereotyp entspricht, während die attraktive, schlaue Bloggerin oder der durchgeknallte Krypto-Millionär nur oberflächlich skizziert werden.

Trotz des Titels und der Schatzsuche ist „Montecrypto“ keine moderne Version von „Der Graf von Montechristo“. Tom Hillenbrand hat eine eigenständige Geschichte geschrieben, in der allerdings einige Namen aus dem Klassiker von Alexandre Dumas auftauchen. Montecrypto hat mehr Anteile einer Abenteuergeschichte als eines Thrillers und mich über weite Strecken hervorragend unterhalten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Montecrypto | Erschienen am 04. März 2021 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00157-0
448 Seiten | 16,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Tom Hillenbrands Thriller „Drohnenland„, „Hologrammatica“ und „Qube

S.A. Cosby | Blacktop Wasteland

S.A. Cosby | Blacktop Wasteland

Beauregard umklammerte das Lenkrad, als wäre es ein Rettungsring. Er konnte die Vibrationen des Motors durch das Steuer bis zu den Schultern spüren. Sein Herz aber trommelte nicht. Er vermutete, das es nicht mehr als siebzig Mal pro Minute schlug. Dies war sein Platz. Er war in seinem Element. (Auszug S.134)

Beauregard „Bug“ Montage ist vermutlich der beste Fluchtwagenfahrer südlich der Mason-Dixon-Linie. Allerdings hat sich Bug seit längerem zur Ruhe gesetzt und versucht nun, sein Leben als treusorgender Familienvater und Inhaber einer eigenen Autoreparaturwerkstatt zu bestreiten. Doch spätestens seitdem ein Konkurrent mit Dumpungpreisen die Kunden aus Bugs Werkstatt abzieht, mehren sich die Geldprobleme und Bug gute Vorsätze gehen langsam, aber sicher zum Teufel.

Der Roman beginnt mit einem illegalen Autorennen, an dem Bug mit seinem Cousin Kelvin teilnimmt, um wenigstens die wichtigsten Rechnungen bezahlen zu können. Doch obwohl Bug gewinnt, werden sie von Betrügern abgezogen. Bug kann sich zwar einen Teil des Geldes wiederholen, doch der Abend war letztlich ein Fiasko, hat die erhoffte Trendwende nicht gebracht. Da meldet sich mit Ronnie ein Bekannter von Bug und will ihn bei einem todsicheren Überfall auf einen Juwelier dabei haben. Bug zögert. Zum einen, weil Ronnie und sein Kumpel Quan nicht den Eindruck erwecken, die Sache so glatt durchziehen zu können. Zum anderen aufgrund seines schlechten Gewissens gegenüber seiner Frau Kia und den beiden Söhnen. Doch er braucht das Geld und macht mit. Natürlich geht die Sache alles andere als glatt. Es gibt einen Toten bei Überfall. Und die Diamanten im Safe stammten aus illegalen Geschäften, sodass die Cops nun ihr geringstes Problem sind.

Wenn du fährst, als hättest du Angst, wirst du verlieren. Wenn du fährst, als würdet du befürchten, anschließend die ganze Maschine erneuern zu müssen, wirst du verlieren. Du musst fahren, als würde nichts anderes zählen, als so schnell wie möglich diese Linie zu erreichen. Du musst fahren, als wäre der Teufel hinter dir her. (Auszug S.13)

Die Worte seines Vater klingen Bug immer noch oft im Ohr. Generell handelt der Roman von nicht überwundener Vergangenheit. Schon Bugs Vater war eine Legende im Fluchtwagen, schon er hat seine Familie für manch riskanten Job vernachlässigt. Als es eines Tages zum Äußersten kam, war Bug dabei. Der Vater verschwand daraufhin spurlos, Bus selbst musste ins Jugendgefängnis. Diese Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Bug hat dies niemals verdaut oder gar damit abgeschlossen. Er eifert seinem Vateridol immer noch hinterher, im Wissen, dass er seine Familie damit genauso zerstören könnte wie sein Vater damals.

Immer wenn Bug „on the road“ ist, spielt der Roman seine Stärken aus: Tempo, Spannung, Adrenalin. Spektakuläre Verfolgungsjagden funktionieren nicht nur auf der Leinwand. Zudem passt auch das Setting des ländlichen Virginias zwischen tiefen Wäldern, Trailerparks, Schrottplätzen und Hinterwäldlerkaffs. Ein kleiner Wermutstropfen für mich war, dass die anderen Momente, insbesondere die familiären diese Intensität immer wieder brechen. Dieses klassische Motiv des vom Leben nicht gerade begünstigten Underdogs, hin und hergerissen zwischen Bad Boy und Familienglück, wird für meinen Geschmack etwas zu sehr ausgereizt.

Was ich bisher noch gar nicht erwähnt hatte: Bug ist schwarz. Ich finde aber, dass das gar nicht so vordergründig von S.A. Cosby ausgespielt wurde. Natürlich kommt der Alltagsrassismus zur Sprache, kommt es hier und da zum Clinch mit Rednecks (Sehr amüsant, als ein Typ Bug nicht in einen Sexclub lassen will, mit den Worten: „Können wir nicht wenigstens einen Ort haben, an dem ihr nicht eure Visage reinsteckt? Verdammt, ihr habt doch schon das Weiße Haus.“ Auszug S. 285) Aber letztlich hätte Bug auch mit wenigen Strichen „White Trash“ sein können – der Plot hätte trotzdem funktioniert. Da bringt beispielsweise die Autorenkollegin Attica Locke mit ihren Kriminalromanen einen viel tieferen afroamerikanischen Blick ein.

Dennoch ist „Blacktop Wasteland“ keine Enttäuschung, eher im Gegenteil. Der Krimiplot ist straff und zeitweise in High Speed erzählt. Da gibt es nichts zu meckern. Aber ein paar Abzüge in der B-Note muss ich machen, da Cosby zu offensiv auf ein Ende zusteuert, das dem gepflegten Noir-Leser etwas widerstrebt. Nichtsdestotrotz eine gut unterhaltende, stellenweise packende Lektüre.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Blacktop Wasteland | Erschienen am 26.03.2021 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0220-3
320 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Blacktop Wasteland (Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe