Kategorie: Gunnar Wolters

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2022

 

 

Amor Towles | Lincoln Highway

Nebraska Mitte der 50er Jahre. Der 18jährige Emmett Williams wird nach über einem Jahr wegen Totschlags aus der Besserungsanstalt Salina entlassen. Er kehrt zum Familienhaus zurück, wo nach dem Tod des Vaters und dem Verschwinden der Mutter nur noch sein 8jähriger Bruder Billy wartet. Die kleine Farm gehört inzwischen der Bank und Emmett möchte mit Billy ein neues Leben beginnen. Dazu wollen die beiden mit dem alten hellblauen Studebaker über den Lincoln Highway Richtung Kalifornien fahren, wo sie die vor Jahren verschwundene Mutter vermuten. Kurz vor der Abfahrt tauchen Duchess und Woolly, zwei Freunde aus dem Jugendknast mit ganz anderen Reiseplänen auf. Sie stehlen Emmetts Auto samt seinem Geld und machen sich auf den Weg nach New York City, um an Woollys Erbe zu gelangen. Die beiden Brüder sehen sich gezwungen, ihnen per Zug hinterher zu reisen. Das ist der Beginn einer aberwitzigen Reise mit vielen skurrilen Begegnungen und vier sehr unterschiedliche Jugendlichen, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Der besonnene Emmett, der schon früh Verantwortung übernehmen, sich aber auch mit seinem Jähzorn auseinandersetzen muss, sein kleiner oft altklug wirkender Bruder Billy. Dagegen der durchgeknallte Duchess, der total ichbezogen nur nach seinem eigenen Moralkodex handelt. Und dann noch der liebenswerte Woolly, Spross einer wohlhabenden Ostküstenfamilie, aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen immer Außenseiter und unberechenbar in seinen Handlungen.

Die Road Novel beginnt mit Emmetts schicksalhafter Herkunftsgeschichte sowie der Gewalttat sehr vielversprechend und ich genoss das ländliche Setting des mittleren Amerikas. Leider konnte es mich dann aber nicht durchgehend begeistern. Der Plot verfängt sich in vielen Nebenhandlungen, es wird aus nicht weniger als acht Perspektiven erzählt. Dadurch bremst sich die Geschichte immer wieder aus und alles wird nur oberflächlich angerissen. Amor Towles ruhiger Erzählton ist liebenswert charmant, bildgewaltig, rutscht jedoch für meinen Geschmack öfter ins Banale ab. Mir war es oft zu redselig und viele Sätze zu bedeutungsschwanger und mythenbeladen. Die einzelnen Charaktere sind mit Ecken und Kanten gut ausgearbeitet, und besonders Duchess machte es mir oft nicht leicht, seine Eskapaden zu ertragen. Viele überraschende Wendungen hielten mich dann doch bei der Stange und ich wollte auch unbedingt wissen, was es damit auf sich hat, dass die Kapitel des Romans rückwärts gezählt werden.

 

Lincoln Highway | erschienen am 25. Juli 2022 im Carl Hanser Verlag
ISBN 978-34462-7400-6
576 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: The Lincoln Highway | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Gerne: Spannungsroman

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

Chris Hadfield | Die Apollo-Morde

Der Kanadier Chris Hadfield war bis 2013 Astronaut und wurde international vor allem mit seiner Mission auf der ISS Ende 2012 / Angang 2013 bekannt, von wo mit Nachrichten und Bildern von der ISS über die sozialen Medien große Popularität erlangte. Kurz vor seiner Rückkehr zur Erde veröffentlichte Hadfield auch ein Musikvideo, in der er in der Raumstation David Bowies „Space Oddity“ covert. Als Ruheständler begann mit Hadfield mit dem Schreiben, seiner Passion Weltraum ist er aber treu geblieben. Für sein Debüt als Thrillerautor hat er sich die ominöse Apollo 18-Mission ausgesucht, die nie stattfand, aber in der Popkultur immer wieder die Fantasie anregt.

Die NASA hat Budget-Probleme, sodass für Apollo 18 das Pentagon einspringt. Dadurch wird die Mission im Jahr 1972 aber überwiegend militärisch. Die Sowjets haben vor kurzem eine Sonde auf die Mondoberfläche gebracht, zudem wurde die (noch unbemannte) Spionage-Raumstation Almaz in die Umlaufbahn gebracht. Die Crew soll nach Möglichkeit beides auf ihrer Mission sabotieren. Doch Apollo 18 steht unter keinem guten Stern, als der Kommandant bei einem Test-Helikopterflug ums Leben kommt. Die Unglücksursache bleibt unklar, da startet die Mannschaft bereits ins All. Und dort wartet die nächste Überraschung, denn Almaz ist keineswegs unbemannt.

Durchaus pfiffig nutzt Chris Hadfield hier Fakten und Fiktion, um den kalten Krieg der 1970er in den Weltraum zu verlegen. Dabei kommt auch eine Vielzahl reale Persönlichkeiten vor. Er erzählt die Story aus verschiedenen Perspektiven und mit einem großen Fundus aus seiner persönlichen Erfahrung. Das ist auch die große Stärke des Thrillers: Die ganze Mission, die Schauplätze und die Atmosphäre im All und auf dem Mond beschreibt Hadfield sehr anschaulich und authentisch. Da verzeiht man auch den einen oder anderen Hänger im Plot und die ausbaufähigen Figuren. Insgesamt ein ordentliches Weltraumabenteuer von einem echten Insider.

 

Die Apollo-Morde | Erschienen am 15.06.2022 im dtv Verlag
ISBN 978-3-342-322010-1
640 Seiten | 12,95 Euro
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: The Apollo Murders | Übersetzung aus dem Englischen von Charlotte Lungstrass-Kapfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Thriller

 

 

Antonio Fusco | Schatten der Vergangenheit

Tommaso Casabona ist Kommissar einer Stadt in der Nähe von Florenz. Vor kurzem hat sich seine Frau von ihm getrennt, Auslöser war eine Affäre mit einem Arzt. Ebenjener Arzt wurde ermordet aufgefunden und ein Mafiakiller als Kronzeuge beschuldigt Casabona des Mordes. Bei einer Hausdurchsuchung flüchtet Casabona, da er nur so glaubt, selbst seine Unschuld beweisen zu können. Die Indizien für seine Tatbeteiligung stehen auf wackligen Füßen, aber offenbar sind die Ermittlungsbehörden bereit, Casabona zu opfern, um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen nicht zu erschüttern. Casabona erhält Unterstützung seiner untergebenen Kollegen und knüpft zudem alte Kontakte ins Mafiamilieu, um die wahren Hintergründe herauszufinden.

Autor Antonio Fusco ist Forensiker bei der italienischen Staatspolizei und hat daher interne Einblicke in die Arbeit der Ermittlungsbehörden, was diesen Krimi interessant macht, da hier offenbar einige auch gegeneinander arbeiten. Die Reihe um Commissario Casabona ist in Italien schon sehr erfolgreich. Umso mehr hat mich irritiert, dass sein deutscher Verlag nun mit Band 6 der Reihe in Deutschland beginnt. Die Vorgeschichte Casabonas wird nämlich nur angerissen und die Figuren bleiben ein wenig blass.

Dafür erhält der Leser ansonsten aber einen ordentlichen, geradlinigen und spannenden Krimi. Der Roman ist recht kurz und hält sich daher kaum mit Nebensächlichkeiten auf. Manches geht vielleicht auch zu glatt bei Casabonas Flucht und Untertauchen. Dennoch überzeugt der Roman vor allem dann, wenn es um die „miesen“ Tricks der Justiz und Behörden geht. Schmutzige Deals werden gemacht, persönliche Vorteile gesucht, vermeintlich wichtige Zeugen geschützt, auch wenn dadurch Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden.

 

Schatten der Vergangenheit | Erschienen am 12.04.2022 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50518-4
240 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-608-11943-5 | 13,99 €
Originaltitel: La Stagione del fango | Übersetzung aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

 

Berna González Harbour | Goyas Ungeheuer

Comisaria María Ruiz ist wieder nach Madrid zurückgekehrt, aber von Dienst suspendiert. Die Situation belastet auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden im Polizeiapparat. Sie müsste sich eigentlich zurückhalten, aber als mehrere merkwürdige Ereignisse in Madrid stattfinden, ist ihr Ermittlerinstinkt geweckt. Tote Truthähne werden zur Schau gestellt, ein Hund versinkt in einem Schlammloch und schließlich ein Mord: Nahe des Flusses Manzanares wird eine junge Kunststudentin bizarr ermordet aufgefunden. Die Zurschaustellung lässt nur einen Schluss zu: Es gibt eine Verbindung zu den Werken des großen spanischen Künstlers Francisco de Goya. Doch während die Polizei den Dozent und Liebhaber der Studentin verhaftet, verfolgt Ruiz eine ganz andere Spur.

Nochmehr als der deutsche Titel ist der Originaltitel in direktem Bezug zu Goyas Werk: „El sueño de la razón“ ist ein Teil von Goyas berühmtem Werk „El sueño de la razón produce monstruos“ („Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“). Die Auseinandersetzung mit Goyas Werk ist auch das Faszinierende an diesem Roman. Im Buch tauchen 13 Abbildungen von Goyas Kunstwerken auf, die Auseinandersetzung mit seinem Werk ist essentieller Bestandteil des Kriminalromans. Daneben wird auch die spanische Hauptstadt als Setting mit ungewöhnlichen Schauplätzen gut in Szene gesetzt.

Die Voraussetzungen für einen guten Roman sind somit vorhanden, dennoch war ich nicht ganz zufrieden. Die Übersetzung einer Serie mit dem vierten Roman zu beginnen, empfand ich als unglücklich, da viel zu viel aus der Vorgeschichte der Figuren in diesen Band hineinspielt. Zudem fand ich die Figur des psychopatischen Täters eher blass und nicht markant genug. Es ist auch so, dass der Täter so zur Mitte des Buches feststeht und ich eigentlich noch mit einer Wendung zum Ende gerechnet hatte, aber da kam nichts mehr. Fazit: Plot und Täterfiguren haben mich nicht begeistert, aber wer mit einem Krimi mal so richtig in die Kunsthistorie und Francisco de Goya eintauchen will, der sollte einen Blick in diesen Roman riskieren.

 

Goyas Ungeheuer | Erschienen am 17.08.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-730-7
472 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN 987-3-86532-826-7 | €
Originaltitel: El sueño de la razón | Übersetzung aus dem Spanischen von Maike Hopp
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

Garry Disher | Stunde der Flut

Garry Disher | Stunde der Flut

Januar 2020: Charlie Deravin ist frisch gebackenener Vater und noch nicht lange bei der Polizei, ist in die Fußstapfen seines Vaters Rhys getreten. Doch die Stimmung in der Familie Deravin ist getrübt, die Eltern haben sich getrennt, der Vater hat eine Geliebte. Das alte, bescheidene Familienhaus in Menlo Beach steht zum Verkauf, Charlie holt noch ein paar Surfbretter ab, will seinem Vater lieber nicht begegnen. Seine Mutter Rose hat etwas Neues angemietet, aber Probleme mit dem seltsamen Untermieter Shane Lambert, den Charlie und sein Bruder Liam dann vor die Tür setzen. Eine gute Woche später ist Charlie wieder in Menlo Beach. Billy Saul, ein neunjähriger Junge ist aus einem Jugendlager verschwunden. Die Polizei startet eine großangelegte Suchaktion, man findet schließlich einige Sachen des Jungen am Strand. Mitten in der Aktion wird Charlie abkommandiert, Kollegen befragen ihn zu seiner Mutter. Man hat ihren Wagen am Straßenrand verlassen aufgefunden. Fahrertür offen, Wertsachen verstreut, Blut am Autoschlüssel. Sowohl Rose Deravin als auch Billy bleiben verschwunden.

Zwanzig Jahre später immer noch. Die Ungewissheit hat an allen Personen genagt, schnell wurde damals Charlies Vater zum Hauptverdächtigen. Doch der Verdacht konnte nie durch Beweise erhärtet werden. Für viele, auch für Charlies Bruder Liam, bleibt der Vater der vermeintliche Täter, doch Charlie will dies nicht glauben. Überhaupt konnte damals ziemlich wenig herausgefunden werden. Ebenfalls verdächtig war der Untermieter, doch zum Tatzeitpunkt war er offenbar in Polizeigewahrsam, inzwischen ist er auch nicht mehr auffindbar. Charlie hat während all der Zeit versucht, noch irgendwas zu ermitteln, daran ist schließlich auch seine Ehe zerbrochen.

Ende 2019 wird Charlie vom Dienst suspendiert, weil er einen Vorgesetzten attackiert hatte. Bei einem Vergewaltigungsprozess wird das Opfer plötzlich Ziel von Verleumdungen, der Täter, ein Sporttalent, in Schutz genommen, die Geschworenen beeinflusst, die Polizei bleibt auf der Suche nach weiteren Zeugen tatenlos. Charlie lernt eine Geschworene kennen, die sich gegen die Beeinflussung zur Wehr setzt. Beide werden ein Paar und Charlie verteidigt sie auch vor Kollegen. Aufgrund der Suspendierung ergibt sich für Charlie aber auch wieder mal genug Zeit, um die Nachforschungen zu seiner Mutter wieder aufzunehmen. Und tatsächlich, nach zwanzig Jahren kommt Bewegung in den Fall.

Der Job und all die Fehler, die er darin gemacht hatte. Man würde ihn wieder einsetzen, vielleicht zur Verkehrspolizei irgendwo draußen im Buschland verdonnern. Oder rausschmeißen. Oder er kündigte. Im Augenblick leckte er sich nur die Wunden und wartete ab. Und er suchte nach Shane Lambert, seit zwanzig Jahren. Der Faden, an dem noch keiner gezogen hatte. All die Spuren, die im Sande verlaufen waren…. (Auszug S.45)

Garry Disher ist ein unermüdlicher Autor, inzwischen hat der Australier schon die 70 überschritten, dennoch veröffentlicht er mehr oder weniger jährlich einen neuen Roman. Lange Zeit jonglierte Disher mit zwei Reihen parallel, Hal Challis als Polizist und Wyatt als Berufsverbrecher. Dann veröffentlichte er „Bitter Sweet Road“ mit Constable Hirschhausen, eigentlich als Stand Alone gedacht, nun gibt es davon auch schon drei Bände. „The Way It Is Now“, so der Originaltitel, ist erstmal auch nur ein Einzelstück, doch bei Disher kann man nie wissen. Zentraler Protagonist ist ebenfalls ein Polizist, wenngleich ein suspendierter. Charlie Deravin ist ein ruhiger, eher melancholischer Typ. Als Polizist sehr engagiert, fast schon zu sehr, im Gespräch mit einer Therapeutin wird deutlich: Der Typ steht kurz vorm Burnout. Nun könnte Charlie sich nach der Suspendierung sammeln, das Glück einer frischen Beziehungen genießen, doch was tut er: Er gräbt wieder in der Vergangenheit herum. Das Verschwinden seiner Mutter ist der große dunkle Punkt in seiner Familie, zumal sein Vater den Verdacht, damit etwas zu tun gehabt zu haben, nie los wurde.

Die Figur Charlie Deravin steht stellvertretend für die große Klasse des Autors Garry Disher. Seine Figuren leben und atmen förmlich, sind keine zusammengeschusterten Abziehbilder, sondern dieser Charlie könnte, so wie er ist, am Strand von Menlo Beach stehen. Disher beschreibt seine Figuren glaubhaft, ihre Beziehungen untereinander, ihre Träume und Abgründe. Dabei bleibt er in der Gegenwart verankert, in der australischen Gesellschaft, bringt Covid-19, Buschbrände, Verfehlungen der australischen Polizei wie selbstverständlich in die Geschichte ein.

Das fasziniert mich immer aufs Neue bei Garry Disher. Und sein traumwandlerisches Gespür für den Plot. Auch hier gibt es wieder verschiedene Stränge, die er zielsicher am Ende zusammenführt. Diesmal in einem wahren Showdown. Insofern gibt es bei „Stunde der Flut“ keine Überraschungen – Garry Disher bleibt der Goldstandard der Kriminalliteratur.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Stunde der Flut | Erschienen am 11.07.2022 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00584-6
334 Seiten | 22,- €
Originaltitel: The Way It Is Now | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Garry Disher auf diesem Blog

Rezensions-Doppel: Elizabeth Wetmore | Wir sind dieser Staub & Angie Kim | Miracle Creek

Rezensions-Doppel: Elizabeth Wetmore | Wir sind dieser Staub & Angie Kim | Miracle Creek

Die amerikanische Literaturszene ist ein schier unerschöpflicher Fundus für neue Autoren und Autorinnen. Gerade bei den Autorinnen gab es in letzter Zeit sehr viele neue Stimmen, die sich in den Zwischenräumen zwischen Kriminalliteratur und anderen Genres bewegen. Zwei davon sind Elizabeth Wetmore und Angie Kim. Elizabeth Wetmore ist eine der zahlreichen Spätberufenen. Sie hat in ihrem Leben schon vieles gemacht, eine Bar geschmissen, Englisch gelehrt, Taxi gefahren. Im Alter von 52 Jahren erfolgte dann mit „Valentine“ in begeistert aufgenommes Debüt als Autorin. Auch Angie Kim hat sich erst spät für eine schriftstellerische Karriere entschieden. Die geborene Südkoreanerin zog als Teenagerin in die USA und arbeitete als Anwältin. Ihr Romandebüt „Miracle Creek“ veröffentlichte sie auch erst mit 50 Jahren und gewann dafür 2020 den Edgar für den besten Debütroman. Zeit für eine Doppelrezension.

Elizabeth Wetmore | Wir sind dieser Staub

Odessa, im Westen von Texas Mitte der 1970er Jahre. Es dämmert bereits an diesem Valentins-Morgen, als die 14-jährige Gloria Ramírez schwer misshandelt aus einem Pick-up taumelt, in dem sie die ganze Nacht brutal vergewaltigt wurde. Während ihr Peiniger seinen Rausch ausschläft, flüchtet sie barfuß durch endlos staubige Weite, die Füße von Glasscherben und Kakteen, die Hände von Stacheldraht zerschnitten zur nächstgelegenen Ranch. Die Landschaft scheint nur aus rotem staubigem Wüstensand und Büffelgras zu bestehen. Präriehasen hoppeln zwischen ausrangierten Pipelines und Bohrtürmen umher und unter dem ständigen Auf und Ab der Ölpumpen haben sich Mokassinotter und Klapperschlangen zusammengerollt. Gloria erreicht die Veranda der Whitehead-Ranch und bittet die 26-jährige, mit dem zweiten Kind hochschwangere Mary Rose um Hilfe. Mittlerweile hat sich Dale Strickland in seinem Truck auf den Weg gemacht, um Gloria einzuholen. Während ihre kleine neunjährige Tochter Sheriff und Krankenwagen alarmiert, versucht Mary Rose den jungen Ölarbeiter mit dem Gewehr in Schach zu halten. Dabei befindet sie sich in einem inneren Konflikt und wünscht sich das übel zugerichtete Mädchen wäre auf einer anderen Farm gelandet.

Und da verstummt er, späht sekundenlang an mir vorbei zum Haus und verzieht den Mund zu einem breiten Grinsen. Ich frage mich, ob meine Tochter am Fenster steht, und neben ihr das fremde Mädchen mit den schwarzvioletten Augen und den aufgeplatzten Lippen. …. Wir rühren uns nicht, ich und mein möglicherweise geladenes Gewehr. (Auszug Seite 33)

Nach diesem atemberaubenden Anfangskapitel wird aus der Perspektive verschiedener Frauen, die auf die eine oder andere Weise in die Geschehnisse verwickelt sind, erzählt. Dabei liest sich jede Episode wie eine eigenständige Kurzgeschichte. Trotz ihrer mutigen Tat ist Mary Rose Whitehead danach ständigen Schikanen ausgesetzt. Sie wird bedroht und beschimpft, der Täter, Sohn eines Pfarrers wird verteidigt, das Opfer in den Schmutz gezogen und rassistisch sowie sexistisch beschimpft. Selbst ihr Ehemann Robert versteht nicht, dass sie wegen einer jungen Mexikanerin, die aus purer Langeweile zu einem Fremden ins Auto gestiegen ist, sich und das Leben ihrer Tochter in Gefahr gebracht hat. Trotzdem will Mary Rose unbedingt im späteren Prozess gegen Dale Strickland aussagen. Auf der entlegenen Farm fühlt sie sich nicht mehr sicher. Ihr Mann kümmert sich von früh bis spät fast allein um die Rinderzucht, nachdem die letzten Helfer abgehauen sind, um gegen bessere Bezahlung auf den Ölfeldern zu arbeiten und so zieht sie mit Tochter und Neugeborenem in die Stadt. Auch hier wagt sie es nicht, ihre Tochter auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.

Neben Mary Rose und Gloria, die sich nach der traumatischen Erfahrung Glory nennt, erfahren wir von der Nachbarin Corrine, einer ehemaligen Lehrerin, die ihren Schmerz über den Tod des geliebten Mannes Potter in Alkohol ertränkt. Weiter von der 10-jährigen Debra Ann, dessen Mutter Ginny abgehauen ist und die sich fürsorglich um einen obdachlosen Vietnam-Veteranen kümmert. Mit viel Empathie aber wenig Nachsicht schaut Elizabeth Wetmore sehr genau auf ihre Frauenfiguren, die alle irgendwie desillusioniert und gebrochen sind, aber mit einem Rest an Würde gegen ausweglose Situationen kämpfen.

Warum hat Gott Texas das Öl geschenkt? Als Wiedergutmachung für alles, was Er dem Land angetan hat. (Auszug Seite 284)

In Odessa bietet die Arbeit auf den Ölfeldern den Männern eine Chance auf gutes Geld und ein besseres Leben. Trotz hoher Unfallrate erscheint diese Tätigkeit den meisten erstrebenswerter als das Leben der Farmer, deren Existenzen durch Dürre, Ungeziefer sowie fallende Rinderpreise bedroht sind. Für Frauen scheint das Land der Ölbarone nicht besonders geeignet. Das zeigt Wetmore auf besondere Weise, indem sie die weibliche Perspektive in diesem männlichen, rauen Setting in den Vordergrund rückt. Sie müssen sich unterordnen, harren unglücklich im tristen Alltag aus, und versuchen, mit wenig Aussicht auf Veränderung irgendwie zu überleben. Die wenigsten sehen eine Perspektive. Noch tiefer als die Frauen stehen nur die illegal eingewanderten Mexikaner. Dennoch ist der Roman nicht komplett deprimierend, der Autorin gelingt es immer wieder auch Szenen der Hoffnung und der Menschlichkeit zu zeigen. Elizabeth Wetmore ist in den 70ern im westlichen Texas in genauso einem Kaff aufgewachsen, inmitten einer trostlosen Landschaft geprägt von Förderanlangen für Erdöl und Erdgas, bis ihr mit 18 Jahren der Absprung gelang. Trotzdem spürt man ihre Liebe zu dieser unwirtlich scheinenden texanischen Natur, denkt man nur an die kleinen, sehr sarkastischen Witze zwischendurch.

Fernab von allen Genreschubladen, denn Elizabeth Wetmores großartiges Debüt ist vielmehr als ein Spannungsroman, zeichnet sie das Bild vom Aufbrechen verkrusteter Strukturen im ländlichen Amerika der 70er Jahre. Dabei ist ihr Schreibstil derart bildgewaltig, man spürt die Hitze und den Staub fast körperlich, man kann die nach Öl stinkende Luft praktisch riechen, die unendliche Weite vor sich sehen und die Langeweile in der Ödnis nachempfinden. Mit großer Ausdruckskraft und rauer, jedoch auch poetischer Sprache schildert sie eine Machogesellschaft, in der Sexismus und Rassismus dominieren. In einem fein austarierten Plot erzählt sie von Ungerechtigkeiten, dem hilflosen Ausgeliefertsein aber auch von einer neuen Generation von Frauen, die sich nicht mehr alles gefallen lassen und erstmalig gegen die Macht des Patriarchats aufbegehren.

Angie Kim | Miracle Creek

In einer Kleinstadt in Virginia beginnt vor dem örtlichen Gericht ein Mordverfahren. Angeklagt ist Elisabeth Ward wegen Mordes an ihrem Sohn Henry und einer Bekannten Kitt Kozlowski. Die Todesumstände waren äußerst ungewöhnlich: Elisabeth und Henry sowie Kitt und ihr Sohn TJ (beide Söhne sind autistisch) besuchten mit weiteren Personen einen ungewöhnlichen Therapieort. Das „Miracle Submarine“ ist eine U-Boot-ähnliche Druckkammer, in der die hyperbare Sauerstofftherapie, die Darreichung 100%igen Sauerstoffs, durchgeführt wird. Betrieben wurde das „Miracle Submarine“ von der Familie Yoo, koreanische Einwanderer, in einer Scheune am Waldrand. Ein Risiko bei dieser Therapie ist jedoch das erhöhte Brand- und Explosionsrisiko aufgrund des reinen Sauerstoffs. Tatsächlich kam es eines Abends zu einer Brandentwicklung nahe der Sauerstoffschläuche, die dann auf die Druckkammer übersprang. Henry und Kitt starben, der Betreiber Pak Yoo konnte die weiteren Insassen der Druckkammer befreien. Er selbst, seine Tochter Mary und der Patient Matt Thompson erlitten dabei noch schwere Verletzungen. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit war Elisabeth nicht mit in der Kammer, sondern außerhalb der Scheune. Aufgrund mehrerer Indizien glaubt die Staatsanwaltschaft, Elisabeth habe die Tat begangen. Motiv: Sie wollte sich endlich der Last ihres autistischen Sohnes befreien.

Die Autorin Angie Kim erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive der beteiligten Personen. Durch diese Perspektivwechsel und auch durch den Fortgang der Gerichtsverhandlung, in der Elisabeths Anwältin einiges unternimmt, um den Verdacht von ihrer Mandantin hin auf andere zu ziehen, entstehen von Beginn an beim Leser Zweifel an der Version der Staatsanwaltschaft. Allerdings erzählen hier sehr viele Personen nicht die Wahrheit oder verschweigen wichtige Dinge, um sich nicht selbst in Misskredit und zumindest in ein schlechtes Licht zu rücken. So wird schnell enthüllt, dass Pak Yoo die Aufsicht im Moment der Katastrophe seiner Frau übertragen hatte. Und was für ein merkwürdiges Verhältnis hatten Matt und Paks minderjährige Tochter Mary? Und wer hatte sich eine Woche vor dem Unglück nach der Brandschutzversicherung erkundigt? Zahlreiche Fragen tauchen auf, die Figuren umspinnt ein immenses Lügennetz, das sich nur langsam entflechtet.

Sie brauchte Antworten. Sie löste die Bremsen, setzte zurück, vom Baum weg, und fuhr zurück zur Straße. Nach links ging es zum Gericht, sie könnte noch vor dem Ende der Mittagspause wieder dort sein, an der Seite ihres Mannes. Aber da würde sie keine Antworten bekommen. Nur noch mehr Lügen, die weitere Fragen aufwarfen. […] Sie fuhr nach rechts. Sie musste nach Antworten suchen. Allein. (Auszug S.256-257)

Ähnlich wie Elisabeth Witmore kann man Angie Kims Roman auch nicht so ganz einem Genre zuordnen. Viele Szenen spielen vor Gericht und doch ist es kein klassischer Justizthriller. Der Roman dringt noch deutlich tiefer in die persönlichen Verhältnisse der Figuren ein, er erzählt von Mutterliebe, Zweifel und Verzweiflung angesichts eines eigenen autistischen Kindes, von Identität und patriarchalem Stolz koreanischer Einwandererfamilien, von Missgunst, Untreue und krankhaftem Kinderwunsch. Alle Figuren sind dabei verbunden in mangelnder Kommunikation, Verschweigen, Vertuschung bis hin zur offenen Lüge.

Insgesamt gelingt Angie Kim ein überzeugender psychologischer Spannungsroman, dem es über die gesamte Zeit gelingt, durch neue Enthüllungen und Wendungen die Spannung und Aufmerksamkeit hochzuhalten. Dabei überzeugt vor allem die Struktur und der Aufbau des Romans und der sehr intime Blick auf die Figuren.

 

Foto und Rezensionen von Andy Ruhr (Wir sind dieser Staub) und Gunnar Wolters (Miracle Creek).

Wir sind dieser Staub | Erschienen am 30.09.2021 im Eichborn Verlag
ISBN 978-3 84790-092-4
320 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Valentine | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 5 von 5
historischer Kriminalroman | Western

Miracle Creek | Erscheinen am 09.03.2020 bei Hanserblau
ISBN: 978-3-906-90315-6
520 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Miracle Creek | Übersetzung aus dem Englischen von Mareike Heimburger
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 4,0 von 5
Spannungsroman

Peter Grandl | Turmschatten

Peter Grandl | Turmschatten

Ephraim Zamir hat als kleiner Junge Auschwitz überlebt. Nun hat er sich, 65 Jahre nach Kriegsende, wieder in Deutschland, in der süddeutschen Heimatstadt seiner Mutter niedergelassen, einen alten Wehrturm zu einer luxuriösen Wohnung ausbauen lassen. An seiner Seite die junge Esther Goldstein als seine Haushälterin. Die junge, gehörlose Frau ist Opfer eines terroristischen Anschlags in Israel geworden und Ephraim möchte sie in der Bewältigung ihrer Traumata unterstützen, gleichwohl er selbst die Erlebnisse an der Todesrampe in Auschwitz nie ganz überwunden hat. Ephraim engagiert sich zudem in der jüdischen Gemeinde, stellt eine großzügige Spende für den Bau der neuen Synagoge in Aussicht.

Dieses Vorhaben ist der wieder erstarkten rechte Szene natürlich ein Dorn im Auge. Die Rechten sind bestens vernetzt und nehmen Ephraim ins Visier. Vier von Ihnen, darunter ein Minderjähriger, sollen einen Überfall auf Ephraims Wohnung unternehmen. Trotz diverser Schutzmaßnahmen können sie sich Zutritt zum Wehrturm verschaffen, in dem sie aber nur Esther Goldstein antreffen. Der Überfall geht gründlich schief. Als Ephraim kurze Zeit später eintrifft, kann er noch drei der Angreifer überwältigen. Diese müssen feststellen, dass Ephraim kein harmloser, alter Jude ist, wie sie geglaubt haben.

Ephraim, voller Wut und Entschlossenheit, hat sich entschlossen, ein Tribunal über die drei Nazis Steiner, Udo und Karl abzuhalten, denen er noch weitere Verbrechen beweisen kann. Er beginnt mit Verhören und streamt diese live im Internet. Dort ruft er die Menschen zur Abstimmung auf, ob die Nazis leben oder sterben sollen. Bei einer Millionen Klicks für „Sterben“ verspricht er die Liquidation. Das Verfahren wird binner kürzester Zeit zur Mediensensation und digitalem Hype. Derweil hat die Polizei den Wehrturm umstellt und versucht mit aller Macht, dieses Tribunal zum Stoppen zu bringen. Doch auch hierfür hat Ephraim Vorkehrungen getroffen.

Mit jedem Stockwerk, das er die steinerne Treppe im Turm hinabstieg, wurde es kälter. Es war eine Kälte, die nicht nur von dem alten Gemäuer kam, sondern auch aus seinem Inneren. […] Der Turm zog ihn herab in einen Sog aus Blut und Gewalt. Zamir war nun bereit, der Welt das wahre Gesicht dieser Barbaren zu zeigen – und er war sich sicher, dass die friedliebenden Menschen ihn zum Vollstrecker ernennen würden. (Auszug Pos. 2679)

Die Geschichte spielt im Hauptstrang im Oktober 2010, wird aber immer wieder mit Rückblenden unterbrochen. Der Autor lässt hier ein üppiges Personal auffahren, wechselt immer wieder den Blick auf das Geschehen, erzählt auch einige Hintergründe der Figuren. Im Mittelpunkt stehen vor allem Ephraim und noch mehr die drei Nazis, vor allem Karl Rieger, der wohl intelligenteste und widersprüchlichste von Ihnen. Daneben der Einsatzleiter der Polizei, Karl Riegers Bewährungshelferin und ein skrupelloser Programmchef eines Fernsehsenders sowie weitere Personen. Trotz des hohen Personenauflaufs hat Peter Grandl das Ensemble gut im Griff, treibt den Plot voran und behält den Spannungsbogen konstant hoch.

Bereits vor knapp zehn Jahren als Drehbuchentwurf angelegt, hat Autor Peter Grandl mangels anfänglichem Interesse der Filmwirtschaft diesen Stoff zu seinem Debütroman verarbeitet. Dieser erschien 2020 im kleinen Label „Das neue Berlin“ der Eulenspiegel Verlagsgruppe und nun als Taschenbuchausgabe im Piper Verlag. Die Filmrechte sind inzwischen verkauft und die Dreharbeiten waren fürs letzte Jahr geplant.

Die Grundzutaten dieses Thrillers sind wohlbekannt – es geht um Schuld, Sühne, Rache, Gewissen, Reue und um Ignoranz, Sensationsgier, Verantwortungslosigkeit. Das Interessante an diesem Roman ist, dass mir immer wieder kleine Hakler auffallen, Unklarheiten im Plot, Figuren am Rande des Klischees (und drüber hinaus), Recherchefehler (Degowski erschoss Emanuele De Giorgi, nicht Rösner)  – und trotzdem funktioniert er ausgesprochen gut. Dieser Thriller verbindet rasante Action mit zahlreichen gebrochenen Figuren und fügt nebenbei historische Ereignisse aus der bundesdeutschen Geschichte als wichtige tragende Elemente der Figuren in die Story ein. Das liest sich dann wie eine Chronologie des Rechtsradikalismus, etwa die oftmals unbehelligt gebliebenen Wehrsportgruppen, den rechtsradikalen Terror und die Verwebungen von rechten Schlägern und rechten, den Schein wahrenden Parteien. Allles in allem ein rasanter, spannungsreicher Thriller, der in seiner szenischen, multiperspektiven Anlage eine Vielfalt an Themen aufgreift, dies aber zumeist sehr überzeugend beherrscht.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Turmschatten | Die Taschenbuchausgabe erschien am 15.07.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06321-0
592 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Peter Temple | Wahrheit

Peter Temple | Wahrheit

Als er sich zurücklehnte, den Adrenalinschub spürte, hatte er kurz das Gefühl, auf Singos Platz zu gehören: Stephen Villani, Chef des Morddezernats. Jemand, der es verdient hatte, Chef des Morddezernats zu sein.

Kurz. (Auszug S. 162)

Ich habe schon immer viel gelesen, überwiegend im Krimigenre. Seit etwa zehn Jahren als Amateurrezensent nochmal mehr als vorher. Dadurch habe ich eine gewisse Routine entwickelt, welches Buch mir denn gefallen könnte. Durch Wälzen von Vorschauen, Informationen über den Autor und Vorgängerbüchern, durch Meinungen anderer Rezensenten ist die Trefferquote dann eigentlich sehr hoch. Ich greife kaum noch zu Flops, weil ich schon vorher erahne, was mir nicht so passen könnte. Was ich auf der anderen Seite aber auch feststelle: Ich bin sehr zurückhaltend bei Superlativen geworden. Ich lese viele wirklich gute Bücher, aber dass ich die Höchstnote vergebe, kommt inzwischen sehr selten vor. In den letzten 18 Monaten nur drei Mal. Damit ich die 5 von 5 vergebe, muss inzwischen viel zusammenkommen: Setting, Figuren, Thema und ein sprachlich-literarischer Anspruch. Ich muss von Beginn an merken: Oha, hier will es der Autor oder die Autorin wissen. Und den hatte ich bei „Wahrheit“ direkt im ersten Absatz:

Sie fuhren über die West Gate Bridge, hinter Ihnen lag eine Wohnung in Altona, eine tote Frau, eigentlich noch ein Teenager, schmutzige, rot gefärbte Haare, ausgebleichte Tätowierungen, Stichverletzungen in Bauch, Brustkorb, Rücken, Gesicht, zu viele, um sie zu zählen. Dem Kind, männlich, zwei oder drei Jahre alt, hatte man den Kopf eingetreten. Überall war Blut. Auf dem Nylonteppich in Pfützen, eine Kette klebriger schwarzer Pfützen. (Auszug S.7)

Die beiden Männer, die eben an diesem grausigen Tatort waren, sind Kripochef Villani und sein Kollege Birkerts aus dem Morddezernat in Melbourne. Der grausige Doppelmord ist zwei Seiten weiter schon geklärt, aber er setzt den Ton für den weiteren Roman. Denn schon werden die Mordermittler zum nächsten Tatort gerufen. In einem Luxusapartment eines neu erbauten Hochhauskomplexes (inklusive Casino) wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Von Beginn an werden die Mordermittler um Stephen Villani nur unzureichend unterstützt. Die Security vor Ort ist keine Hilfe, auch bei den Vorgesetzten scheint der Fall keine Priorität zu besitzen. Da gerät ein zweiter Fall in den Fokus: In einer Gewerbeimmobilie wurden drei Kriminelle zum Teil brutal gefoltert und ermordet. Hier wird schnelle Aufklärung verlangt. Der Fall scheint eine Abrechnung im Milieu gewesen zu sein, hier ist zur Beruhigung der Bevölkerung ein rascher Erfolg vonnöten.
Nebenbei hat Inspector Villani auch privat einige Baustellen: Seine Ehe kriselt, er hat eine Geliebte, eine Journalistin eines lokalen Fernsehsenders. Seine minderjährige Tochter ist verschwunden und hängt offenbar mit Drogenabhängigen ab. Als Polizisten die Tochter aufgreifen, lässt Villani sie einige Stunden in Polizeigewahrsam schmoren und verschärft damit die familiäre Situation noch. Derweil hockt sein Vater im Hinterland auf seiner Farm, während gerade gewaltige Buschbrände toben. Villanis Versuche, ihn dort wegzulocken, sind vergeblich.

Orong winkte sie näher. Gillam und Barry neigten sich zu ihm hin.
„Ein Beispiel ist Prosilio“, sagte er und sah dabei Villani an, „man will nicht, dass irgendeine Nuttengeschichte ein Multimillionen-Dollar-Projekt beschädigt, ein Vorzeigeprojekt, ein Kronjuwel dieses Bezirks.“ […]
„Man findet jeden Tag tote Schlampen, stimmt’s, Inspector?“, sagte Orong. (Auszug S. 126)

Autor Peter Temple wurde 1946 in Südafrika geboren, arbeitete als Journalist. Er verlies bewusst 1977 das Apartheidregime, lebte einige Jahre in Deutschland und emigrierte dann 1980 nach Australien. Er arbeitete dort als Literaturdozent. Erst 1996 erschien „Bad Debts“, sein Debütroman und erster Band der vierteiligen Serie um den Privatermittler Jack Irish. Leider verstarb Temple bereits 2018 an Krebs. Er gilt aber weiterhin als einer der besten Krimiautoren Australiens. Fünfmal gewann er Australiens wichtigsten Krimipreis, den Ned Kelly Award, 2007 für „The Broken Shore“ auch als erster Australier den Gold Dagger, 2012 den Deutschen Krimipreis für „Wahrheit“. Und eigentlich reicht sein Ruf auch übers Genre hinaus, denn „Wahrheit“ ist einfach sensationell starke Literatur. In seiner Heimat gewann er mit dem Roman überraschend als Genreautor den allgemeinen Literaturpreis „Miles Franklin Award“.

Was den Roman so herausragend macht, ist das Zusammenspiel aller Zutaten. Schon allein sprachlich ist der Roman aus meiner Sicht außergewöhnlich gut, weil er dem Leser einiges abverlangt. Hier wird nichts nebenbei erklärt, keine Erklärdialoge geführt. Alles ist sprachlich höchst authentisch, verknappt, salopp, lakonisch. Die Stimmung ist düster und explosiv. Inspector Villani wird hier auf einer wahren Tour de Force begleitet, sowohl beruflich als auch privat. Dabei werden nebenbei große gesellschaftliche Probleme Australiens wie Machtmissbrauch und Korruption eingebettet und ein äußerst spannendes Bild von Polizeiarbeit gegeben. Temple bleibt aber permanent beim Protagonisten Villani und dessen Konflikten um Liebe, Ehe, Familie, das Verhältnis zum eigenen Vater und beruflich um die Loyalität im eigenen Team, das schwierige Agieren im Polizeiapparat und der Umgang mit den eigenen Leichen im Keller. Ein großartiger Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Wahrheit | Erstmals erschienen 2009
Aktuell in der deutschen Übersetzung nur als E-Book verfügbar:
ISBN 978-3-641-06681-9 | 8,99 €
Originaltitel: Truth | Übersetzung aus dem Englischen von Hans M. Herzog
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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