Kategorie: Gunnar Wolters

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Dezember 2020

 

Un-Su Kim | Heißes Blut

In der Hafenstadt Busan in Südkorea sind Anfang der 1990er die Machtbereiche der Verbrecherorganisationen klar abgegrenzt. Im Hafenviertel Guam herrscht der alte Gangsterboss Vater Son, der das Alltagsgeschäft unter anderem Haisu überlässt. Haisu steckt in sowas wie einer Midlife Crisis. Er ist mittlerweile Anfang 40, in der Hierarchie auf der zweithöchsten Ebene angekommen und allgemein respektiert. Dennoch blickt er verbittert auf sein Leben: er lebt einsam in einem Hotelzimmer und hat nur Schulden angehäuft. Haisu sucht wieder die Nähe zu seiner Jugendliebe und deren Sohn, der ebenfalls ein kleiner Gangster geworden ist und gerade wieder aus dem Gefängnis frei gekommen ist. Da bietet ein anderer Gangster Haisu ein Chance für eine Veränderung: Ein Lizenzvertrieb für Spielautomaten, auch nicht ganz legal, aber scheinbar doch ein Sprung heraus aus der Knochenmühle. Doch Haisu tritt letztlich – ohne es zu wollen – eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Gleichgewicht der Mafiaclans in Busan vollkommen durcheinander bringt.

Nachdem lange Zeit Krimis aus dem asiatischen Raum eher selten den Weg nach Deutschland fanden, werden in den letzten Jahren, auch dank einiger engagierter kleinerer Verlage, einige interessante Kriminalromane vor allem aus dem japanischen und koreanischen Raum ins Deutsche übersetzt (teilweise noch nicht aus dem Original, wie auch in diesem Fall). Autor Un-Su Kim hat bereits mit dem Roman „Die Plotter“ für Aufmerksamkeit gesorgt, nun hat der Europa Verlag mit „Heißes Blut“ einen weiteren Roman des Koreaners vorgelegt.
Der Roman erzählt die Geschichte aus Haisus Blickwinkel. Er ist ein Waise, unter sehr schwierigen Bedingungen aufgewachsen, von Gangstern unter die Fittiche genommen worden und in der Organisation aufgestiegen. Dennoch zerrinnt ihm sein Geld und sein Leben unter den Fingern. Schauplatz der Geschichte ist der fiktive Stadtteil Guam von Busan mit Strand, kleinem Hafen, Bars, Restaurants, Stundenhotels und seinen Gangs, die von Schutzgeld, Schmuggel und Zuhälterei leben. „Heißes Blut“ ist ein waschechtes Gangsterepos, brutal und rau, aber gleichtzeitig auch melancholisch, mit einem traurigen und einsamen Helden. Dabei erinnert es durchaus an bekannte europäische Mafiaepen, bleibt dabei aber dennoch im koreanischen Milieu behaftet. Insgesamt eine anregende, überzeugende Lektüre.

Heißes Blut | Erschienen am 11.09.2020 im Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-238-1
584 Seiten | 24,- €
Originaltitel: 뜨거운 피 Tteugeoun Pi
Bibliografische Angaben

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

James Lee Burke | Dunkler Strom

Billy Bob Holland, ehemaliger Texas Ranger, ist inzwischen Anwalt in der texanischen Stadt Deaf Smith. Er übernimmt einen schwierigen Fall: Der junge Lucas Smothers wird beschuldigt, die junge Roseanne Hazlitt ermordet zu haben. Viele Indizien sprechen auch gegen Lucas. Besondere Bedeutung erlangt der Fall für Billy Bob, weil Lucas sein Sohn ist, zu dem er sich allerdings nie bekannt hat.
Der Fall Roseanne wird aber schon bald von weiteren Ereignissen überlagert. Ein Mörder entkommt aus dem örtlichen Gefängnis, wird aber kurz darauf umgebracht. Ein weiterer Psychopath muss ebenfalls entlassen, weil eine Zeugin ums Leben kommt. Zudem scheint es Aktivitäten mehrerer Bundesbehörden in Deaf Smith zu geben. Und Billy Bob stößt bei seinen Bemühungen um Entlastung für Lucas auf Darl Vanzandt, einen örtlichen Halbstarken und Tunichtgut aus reicher Familie, der in Verbindung zu Lucas und Roseanne steht.

Autor James Lee Burke ist eine lebende Legende der amerikanischen (Kriminal-)Literatur und bekannt für seine wortgewaltigen Südstaaten-Panoramen. Hier beschreibt er aus der Sicht des Anwalts die Verhältnisse in einer texanischen Kleinstadt, die von Korruption und klaren Machtstrukturen gekennzeichnet sind. Dabei spielt auch immer die Vergangenheit eine große Rolle: Billy Bob liest im Tagebuch seines Urgroßvaters und hält Zwiesprache mit seinem Freund L.Q.Navarro, der bei einem nicht ganz legalen Einsatz gegen Drogendealer versehentlich durch eine Kugel Hollands ums Leben kam.
Insgesamt eine durchaus komplexe und anspruchsvolle Story mit interessanten Figuren, die Burke meiner Meinung nach aber souverän und gekonnt vorträgt.

Dunkler Strom | Erstmals erschienen 1997
Die E-Book-Ausgabe erschien am 03.01.2014 bei Edel Elements
ISBN 978-3-95530-287-0
384 Seiten | 5,99 €
Originaltitel: Cimarron Rose
Bibliografische Angaben

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tim McGabhann | Der erste Tote

Carlos und Andrew sind Journalisten einer mexikanischen Zeitung auf dem Rückweg von einem Routineauftrag in der Erdölstadt Poca Riza m Bundesstaat Veracruz. Da finden die beiden eine übelst zugerichtete Leiche am Wegesrand. Kurz darauf taucht eine Polizeistreife auf, bedroht und verjagt die beiden und nimmt die Leiche mit, ohne zu ermitteln. Carlos wittert eine Story, doch Andrew will zurück nach Mexiko City. Die beiden streiten sich, Carlos bleibt in Poca Riza, recherchiert tiefer und findet auch heraus, dass der Tote ein Umweltaktivist war. Doch als er in die Hautptstadt zurückkehrt und noch bevor er Andrew wieder kontaktieren kann, wird er in seiner Wohnung gefoltert und ermordet.

Mexiko ist als Thrillerschauplatz ein gern gewählter Ort, da die Realität dort oftmals noch die kühnsten Thrillerplots übertrifft. Der irische Autor Tim McGabhann lebt seit einiger Zeit in Mexiko und bedient sich hier der sehr mexikanischen Form der Erzählung: der „crónica“, einer Mischform aus Reportage und Romanerzählung, was McGabhann im Nachwort auch erläutert. Reale Recherchen werden fiktionalisiert, um sie überhaupt veröffentlichen zu können. In „Der erste Tote“ geht es zwar diesmal um die Ausbeutung eines Landstrichs durch die Öl- und Frackingindustrie und nicht um Drogen, aber ansonsten trifft man auf die üblichen Dinge in mexikanschen Thrillern: Kartelle, Todesschwadronen, korrumpierte Polizei, ermordete Aktivisten und Journalisten. Das alles verbindet McGabhann mit der Trauer Andrews um Carlos, denn die beiden waren auch privat ein Paar. Insgesamt gibt dieser Thriller durchaus nochmal ein paar interessante Facetten zur Situation in Mexiko, allerdings hat man es bei den bekannten Kollegen McGabhanns schon deutlich packender und eindrücklicher gelesen.

Der erste Tote | Erschienen am 16.11.2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47104-3
276 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: Call Him Mine
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Thriller

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Maren Schwarz | Inselsumpf

Eine Frau erwacht, ohne dass sie sich an ihr bisheriges Leben erinnern kann. Auch nicht daran, dass sie kürzlich ein Kind geboren hat. Rechtsmedizinerin Leona Pirell, die auf der Ostseeinsel Rügen wohnt, nimmt die Frau auf und begibt sich auf Spurensuche zu ihrer Vergangenheit und trifft dabei auf ein tödliches Geheimnis…

„Inselsumpf“ von Maren Schwarz empfand ich als einen sehr kurzweiligen Kriminalroman, der sich sehr gut liest und ein meiner Meinung nach wichtiges Thema aufgreift. Allerdings kam mir an einigen Stellen zu viel Zufall vor, was bei mir dann eher unglaubwürdig ankam. Trotzdem lesenswert!

Inselsumpf | Erschienen am 8. April 2020 im Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-839-22577-6
288 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Regionalkrimi

Foto und Rezension Nr. 4 von Andrea Köster.

Dominique Manotti | Marseille.73

Dominique Manotti | Marseille.73

Der Roman beginnt mit einem Prolog, einer Erklärung der Verhältnisse in Südfrankreich 1973. In ganz Frankreich leben viele Migranten aus Nordafrika, insbesondere aus dem ehemals französischen Algerien, das vor etwa zehn Jahren unabhängig wurde. Damals musste de Gaulle einsehen, dass Algerien nicht zu halten war, musste aber mit der Unabhängigkeit Algeriens innenpolitisch große Probleme bewältigen. Die große Gruppe der Algerienfranzosen, der Pied-Noirs, wehrte sich bis hin zu terroristischen Aktionen der OAS. 1973 wird der Konflikt wieder angeheizt. Durch ein Dekret des Innenministers werden viele Migranten quasi über Nacht von Schwarzarbeitern zu Illegalen, denen die Abschiebung droht. Gewaltbereite rechte Gruppierungen greifen dies bereitwillig auf. Die „Sans-Papiers“ wollen sich gegen die Benachteiligungen und Bedrohungen wehren, doch ihre Demonstrationen werden gewaltsam von Sicherheitskräften und „besorgten Bürgern“ aufgelöst. Mitten in diese angespannte Stimmung kommt die Nachricht vom Tod eines Marseiller Busfahrers durch einen psychisch gestörten arabischen Algerier.

Bevor er zum Èvêché aufbricht, wirft Daquin einen letzten Blick auf den Vieux-Port zu seinen Füßen, das graugrüne, reglose Wasser, die verwaisten Kaianlagen, kein Geräusch, keine Bewegung, das Leben steht still. Die Stadt atmet nicht mehr. In einer Handvoll Stunden wird sie Èmile Guerlache zu Grabe tragen, sie wartet, sie stinkt nach Blut. (Auszug S.52)

Die Beerdigung des Busfahrers wird von extremen Gruppen instrumentalisiert, aber es bleibt erstmal still. Am Abend sitzt der junge Algerier Malek an einem Boulevard vor einer arabischen Bar, als ein Auto neben ihm hält. Der Beifahrer schießt Malek mit drei Kugeln nieder. Die herbeigerufenen Polizisten der Sûreté nehmen die Sache eher gelangweilt auf. Die Zeugen aus der Bar und die hinzugekommenen Brüder des Toten rufen nochmal die Kriminalpolizei an, das Team von Commissaire Théo Daquin nimmt den Tatort nochmal auf und findet sogar eine weitere Patronenhülse. Doch der Fall bleibt bei der Sûreté. Gleichwohl behalten Daquin und seine Inspektoren Grimberg und Delmas den Fall im Blick, denn sie merken, dass da etwas gewaltig stinkt und dass es Parallelen zu einer Ermittlung gibt, die sie gerade bearbeiten: Die illegalen Aktivitäten der UFRA, der Organisation der Algerienheimkehrer, und die Beteiligung von Mitgliedern der Marseiller Polizei. Derweil versuchen die Kollegen den Fall Malek als einen Mord im Milieu darzustellen (wie auch weitere Tötungsdelikte an Algeriern) und den Toten und seine Familie als kriminell zu diskreditieren.

Ein neuer Manotti ist für mich immer ein echtes Fest. Die 1942 geborene französische Historikerin und Ex-Gewerkschafterin steht für hochpolitische, meist historische Krimis, die aber eigentlich direkte Bezüge zur Gegenwart aufweisen. „Marseille 73“ ist wieder ein Roman mit ihrem häufig gewählten Protagonisten Théo Daquin und schließt zeitlich ziemlich direkt an den Roman „Schwarzes Gold“ an. Daquin ist ein sehr fähiger Ermittler, seine Homosexualität muss er allerdings im schwulenfeindlichen Marseille geheimhalten. Zudem verfügt er als Pariser über wenig Kenntnis und Erfahrung über die Machtverhältnisse im Marseiller Polizeipräsidium und zwischen den verschiedenen, teilweise rivalisierenden Polizeieinheiten. Doch dafür hat Daquin seinen Inspecteur Grimbert, einen Alteingesessenen, der sich zwischen den Etagen zu bewegen weiß.

„Man überträgt diese Fälle der Sûreté nicht, damit sie erfolgreich abgeschlossen werden, man überträgt sie ihr, damit sie niemals aufgeklärt werden. Es gibt hier eine Art, die Dinge zu sehen, eine Geisteshaltung, eine Kultur, nenne es, wie du willst, die von allen geteilt wird: Worüber man nicht spricht, das existiert nicht. Also spricht man nicht über rassistische Verbrechen. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.“ (Auszug S.92)

Manottis Stil ist sehr verknappt, kurze Sätze, sehr präzise. Sie schreibt zudem generell im Präsens, was manche Abschnitte fast berichtsartig macht. Zur tieferen Darstellung nutzt sie aber die Möglichkeit der Dialoge und des auktorialen Erzählers, wobei sie interessanterweise manchmal für ein oder zwei Sätze in die Ich-Erzähler-Ebene schwenkt. Trotz eines Glossars und Personenregisters ist der Roman komplex und eher für ambitionierte Genreleser. Allerdings wird man extrem belohnt, denn Manotti verbindet hier mehrere Themenbereiche einfach großartig miteinander. Da ist zum einen der aufkeimende Rassismus, der sich mitten in der Bevölkerung und auch in den Polizeikräften ausbreitet, da ist zum anderen der Kampf der Migranten, der „Sans-Papiers“, um Legalität und Schutz durch die Behörden, auch mit Hilfe der Gewerkschaften. Des Weiteren der Kampf der Familie des getöteten Malik um Anerkennung und Ehre, um eine echte Ermittlung des Mörders und zuletzt der Kampf innerhalb der Behörden um Deutungshoheit, um die Öffentlichkeit, um den Umgang mit Korruption oder Schlimmerem. So ist die Ermittlung des Teams Daquin fast weniger eine Suche nach dem Mörder Maliks als vielmehr ein Wettstreit gegen die Vertuschung und kriminelle Energie im eigenen Hause.

Insgesamt ist für mich „Marseille.73“ ein enorm vielseitiger Krimi noir voller Finesse und Brillanz. Sicherlich einer der stärksten Krimis diesen Jahres. Zwar fiktiv, aber auf historischen Fakten basierend und – wie bereits oben erwähnt – voller Bezüge zur Gegenwart. Die Verlegerin Else Laudan äußert bereits in ihrem Vorwort Parallelen zu den NSU-Morden und dem Umgang der Ermittlungsbehörden damit. Und tatsächlich stelle ich mir auch gerade einen „dicken Marcel“ im Bundesamt für Verfassungsschutz vor, ein Faktotum außerhalb der Organisationspläne, der im Zusammenspiel mit den Dienststellen entscheidet, welche Ermittlung eingestellt und welche Akte vernichtet werden muss, um den schönen Schein zu wahren und die Behörde vor Unbill zu bewahren. Die Vermutung liegt nahe, dass sowas hierzulande und heutzutage ähnlich abläuft wie damals in Marseille `73.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Marseille.73 | Erschienen am 02.11.2020 im Argument Verlag
ISBN 978-3-867-54247-0;
400 Seiten | 23,- €
Originaltitel: Marseille 73
Bibliografische Angaben

Weitersehen: TV-Beitrag zum Roman inklusive Interview mit der Autorin in einer Sendung von Arte france.

Weiterlesen: Joachim Feldmanns Rezension im Crimemag.

Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Manottis Romanen auf diesem Blog.

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

In meiner Eitelkeit sah ich mich gern als Rächer oder, schlimmer noch, fahrenden Ritter. Aber ich schlug nur im Dunkeln wild um mich. […] Meine Dienstmarke war zumindest vorübergehend nichts mehr wert. Ich besaß keine rechtlichen Vollmachten. Wie konnte ich in einem Fall weitermachen, der sich zu einem Raum ohne Türen entwickelt hatte? (Auszug S. 230-231)

Detective Dave Robicheaux geht einem Hinweis aus einem Notruf nach und kommt zum Strandhaus des Regisseurs Desmond Cormier, ein guter alter Bekannter Robicheaux‘. Auf dessen Terrasse bemerkt er etwas, das draußen auf dem Meer treibt: Die Leiche einer jungen Frau, in theatralischer Manier post mortem an ein Kreuz genagelt. Die Frau arbeitete für eine Hilfsorganisation, die sich unter anderem um Strafgefangene in Todeszellen kümmert. Die Spur führt fast automatisch zu Hugo Tillinger, einem zum Tode Verurteilten, der aus einem Gefängniskrankenhaus fliehen konnte. Diesen Tillinger will Robicheux‘ Kumpel Clete Purcel vor einigen Tagen gesehen haben, als er aus einem Güterzug in einen Fluss sprang. Purcel griff nicht ein und macht sich nun Vorwürfe.

Doch als weitere Leichen auftauchen, ebenfalls inszeniert und damit offensichtlich das Werk eines Serienmörders, gibt es auch Spuren in andere Richtungen. Korrupte Cops, die in der Prostitutionsszene dick mitverdient haben sowie auch Spuren zu Cormier und seiner Filmcrew, die momentan ein aufwändiges historisches Filmdrama in Louisiana und Arizona drehen. Cormier ist eigentlich ein guter Mann, ging vor 25 Jahren mit nichts als großen Träumen nach Hollywood und kehrt nun als gefeierter Regisseur zurück. Doch mit welchen Leuten hat er sich inzwischen eingelassen? Gerüchte machen die Runde, dass Cormiers Film zu großen Teilen mit schmutzigem Geld finanziert wird, man vermutet die Russen, die Saudis und die Mafia von der Ostküste. Robicheaux ist zudem besonders auf der Hut, da seine Tochter Alafair ebenfalls an dem Film mitwirkt und auch seine neue Kollegin Bailey Ribbons (zu der er sich hingezogen fühlt) wird von Cormier umschmeichelt.

„Die Filmleute haben irgendwas mit dem Tod von Lucinda Arceaux zu tun. Ich kann’s nicht beweisen, ich weiß es einfach.“
„Woher?“
„Das Böse hat einen Geruch. Es ist eine Präsenz, die ihren Träger verzehrt. Wie leugnen es, weil wir dafür keine plausible Erklärung haben. Es riecht nach Verwesung innerhalb von lebendem Gewebe.“ (Auszug S. 70)

James Lee Burke ist Jahrgang 1936 und immer noch verdammt produktiv. Zuletzt hat er jedes Jahr einen neuen Robicheux-Band veröffentlicht. „Blues in New Iberia“ ist inzwischen Nr. 22, in den USA ist bereits Band 23 („A Private Cathedral“) erschienen. Sein Protagonist Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel sind immer noch unbeugsamer Verfechter der Gerechtigkeit in den düsteren, gewalttätigen Sümpfen und Bayous Lousianas. Dieses Mal kommt es bei beiden aber zu etwas melancholischen Schüben. Aus der Mid-Life-Crisis sind beide schon längst raus (das genaue Alter ist ja immer etwas komisch zu bestimmen bei Robicheaux, wenn man die Rückverwiese sieht, müsste er ungefähr so alt sein wie Burke – was in der Story aber nicht ganz passen würde), vielmehr kommen sie ins Grübeln, schwanken zwischen (Alp-)Traum und Realität, blicken auf ihre Vergangenheit, lecken ihre Wunden. Kurzum: Sie haben den Blues. Aber wer will es Ihnen verdenken bei theatralisch inszenierten Leichen, weißen Polizisten, die farbige Frauen anschaffen schicken, halbseidenen Hollywood-Produzenten und einem Killer mit Flammenwerfer?

Wenn man James Lee Burke etwas vorwerfen mag (ich spreche es ungern aus), dann dass er ein wenig zur Redundanz neigt. Korrupte Kollegen, merkwürdige Auftragskiller, direkte Bedrohung von Robicheaux‘ Familie. Manche Figuren und Storymotive kommen einem Kenner der Reihe doch etwas bekannt vor. Vermutlich ist das bei inzwischen 22 Bänden auch irgendwie nicht anders zu erwarten. Positiv formuliert könnte man sagen, Burke zitiert sich selbst. Und doch hatte ich bei diesem Band das Gefühl, dass der Autor durchaus straffer hätte erzählen können.

Das ist aber eher Jammern auf einem ziemlich hohen Niveau, denn wenn man einen Burke aufschlägt, darf man sich als Leser sicher sein, dafür auch einiges zu bekommen: Ein starken, kraftvollen Schreibstil, ambivalente, sehr präzise beschriebene Figuren, komplexe Storys rund um klassische Themen wie Schuld, Rache, Vertrauen und Freundschaft sowie ein üppiges Stimmungsbild der Sumpf- und Küstenlandschaft Louisianas. Und das reicht in diesem Fall vielleicht nicht für ein echtes Highlight in dieser großartigen Reihe, aber immer noch für einen wirklich lesenswerten Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Blues in New Iberia | Erschienen am 01.07.2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-684-3
586 Seiten | 22,- €
Originaltitel: New Iberia Blues
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension zu „Blues in New Iberia“ von Jochen König auf krimi-couch.de

Weiterlesen II: Rezensionen von Gunnar und Andy zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 10, Band 14, Band 16, Band 21

 

Adrian McKinty | Alter Hund, neue Tricks (Band 8)

Adrian McKinty | Alter Hund, neue Tricks (Band 8)

„Sie können ruhig schlafen gehen, Sir. Ich bringe das hier zum Abschluss. Alles ziemlich offensichtlich, wie Sie schon sagten, da bin ich mir sicher“, sagte ich.
Da konnte man mal sehen, wie eingerostet ich schon war. So etwas sagte man nicht, wenn die Götter, das böse Omen und das Schicksal zuhörten. Niemals. Was hast du dir dabei gedacht, Duffy? Du Blödmann. (Auszug S.38)

Es ist 1992 und Sean Duffy verbringt eigentlich ein inzwischen beschauliches Leben. Mit Frau (na ja, geheiratet hat er dann doch noch nicht) und inzwischen fünfjähriger Tochter ist er über die Irische See nach Schottland gezogen. Im Polizeidienst ist er nur noch Teilzeitkraft, sechs Tage im Monat, und bis zu den Pensionsansprüchen nach zwanzig Jahren Dienstzeit sind es nur noch zweieinhalb Jahre. So werden er und sein Kumpel John „Crabbie“ McCrabban eher im Innendienst eingesetzt. Doch da der leitende Inspektor Lawson im Teneriffa-Urlaub weilt, soll sich Duffy einen Tötungsfall mal näher anschauen.

Auf den ersten Blick eine klare Sache: Ein Jaguar wurde von einem Landhaus gestohlen. Der Besitzer wollte den Raub verhindern und wurde von dem/den Carjackern erschossen. Doch Duffy fallen spontan ein paar Ungereimtheiten auf, unter anderem ist der Name, mit dem der Tote das Haus gemietet hat, nicht sein richtiger. Der Mann war offenbar Künstler, Landschafts- und Porträtmaler, aber wie konnte er seinen Lebensstil und zwei Radierungen von Picasso im Wohnzimmer finanzieren? In der Telefonliste taucht eine merkwürdige Nummer auf, mit der offenbar sehr regelmäßig telefoniert wurde. Die Nummer gehört zu einer Telefonzelle im irischen Dundalk. In der Nachbarschaft wohnt Brendan O’Roarke, Mitglied des Armeerats der IRA.

Völlig zwecklos, Verstärkung anzufordern. Die würden doch nur alles vermasseln. Die Trottel vom Revier? Vergiss es. Die Schafsköpfe von der Schnellen Eingrifftruppe oder von Special Branch? Amateure. Der Einzige, dem Spiegel-Duffy vertraute, war Crabbie, und den wollte niemand hier reinziehen.
Duffy solo. Wie in alten Zeiten. (Auszug S.216)

Man fürchtete ja schon das Schlimmste, als Adrian McKinty nun dank eines neuen amerikanischen Agenten mit seinem „The Chain“ unter die Bestseller-Autoren gegangen war. Es sei ihm unbedingt gegönnt, aber die einhellige Meinung der Kenner seiner Bücher war, dass „The Chain“ zu sehr dem Mainstream frönte und er damit unter seinen Möglichkeiten blieb. Gefürchtet wurde vor allem um seine Sean-Duffy-Reihe, die er aber zum Glück doch noch (ein bisschen) weitermacht.

Begonnen hatte die Reihe ja 1981 und inzwischen haben in Band 8 die Neunziger erreicht. Alles entwickelt sich weiter, aber Duffy bleibt sich zum Glück treu (auch wenn er die Musik von diesen Typen aus Seattle gar nicht so übel findet). Einen Fall, den er einmal in den Fingern hat, gibt er so einfach nicht ab – auch wenn er von seinen Vorgesetzten dazu aufgefordert wird und es gefährlich werden könnte. Diesmal pfeifen die Spatzen von den Dächern, dass es Bewegung bei den Konfliktparteien der „Troubles“ gibt. Friedensgespräche vielleicht. Doch natürlich gibt es auch die Falken, die auf keinen Fall der anderen Seite entgegenkommen wollen. Und einer dieser Falken ist Brendan O’Roarke.

Mit Sean Duffy bin ich ja nun schon eine Weile unterwegs und werde dieser Reihe nicht müde. Dieser Mischung aus Kriminalfällen voller Finesse und brisanter Action, dem historischen Hintergrund des Nordirland-Konflikts, dem Zeitgeist der 80er und frühen 90er und dem bissig-ironischem Sprachwitz gepaart mit einer lässigen Hauptfigur, kann man sich kaum entziehen. Sehr erfreulich, dass Autor Adrian McKinty und sein Übersetzer Peter Torberg im Laufe der Reihe auch ihre Form nicht verlieren. Somit ist auch „Alter Hund, neue Tricks“ wiederum ein richtig guter Kriminalroman geworden.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Alter Hund, neue Tricks | Erschienen am 29.09.2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47060-2
368 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: Hang On St. Christopher
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezensionen von Gunnar zu Band 3 (Die verlorenen Schwestern), Band 4 (Gun Street Girl), Band 5 (Rain Dogs) und Band 6 (Dirty Cops) der Sean-Duffy-Reihe

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Die Arbeit war nicht die, die Streich sich erhofft hatte, und Bommel kein Mensch, für den er Sympathie empfand, doch schon beim Grenzübertritt an einem kalten Aprilmontag im letzten Jahr hatte man ihn deutlich spüren lassen, dass auf einen wie ihn niemand wartete. Trotz Wirtschaftswunder und Wir-sind-wieder-wer war offenbar niemand bereit, ihm ordentliche und anständig bezahlte Arbeit zu geben. Er hatte den Kameraden, die ihm genau das vorausgesagt hatten, nicht geglaubt. Oder nicht glauben wollen. (Auszug, S.10)

Frankfurt 1959: Arnolt Streich ist nach Jahren in der Fremdenlegion nach Deutschland zurückgekehrt. Doch er erhält nur eine Anstellung als Wachmann in einem heruntergekommenen Werkstatt- und Garagenhof. Als ein Mordanschlag auf einen Waffenhändler verübt wird, spekuliert die Stadt über die Hintergründe. Hatte der Tote Waffen an die algerischen Befreiungskämpfer verkauft und war das sein Todesurteil? Streich will sich am liebsten aus allem heraushalten, doch er merkt bald, dass ihn die Vergangenheit einholt.

Streich merkt bald, dass er beobachtet wird – offenbar der französische Geheimdienst. Tatsächlich wird er auch bald kontaktiert: Die Franzosen brauchen Informationen von ihm, setzen ihn mit Details aus der Vergangenheit unter Druck. Streich kooperiert notgedrungen, immer noch im Glauben, sich aus den schmutzigen Details heraushalten zu können. Doch als ein weiterer Anschlag verübt wird, an dem auch eine Unbeteiligte ums Leben kommt und die Franzosen ihn nicht aus den Fängen lassen und ihm nahe stehende Personen bedroht werden, entscheidet sich Streich, die Initiative zu übernehmen.

Dabei tat er völlig unbeteiligt. Routine. So, wie Streich es selbst kannte, aus den Kellern. Als harmloser Beginn dessen, was folgen sollte. Und sie wussten alle, was folgen würde. Die Schreie derer, die vor ihnen in diesem Raum waren, hatten sich in ihre Ohren, in ihr Hirn eingebrannt. In jede Faser ihres Körpers. Deshalb hatten sie diesen Raum für die Verhöre ausgesucht, zwischen den Zellen, in denen man den Schreien nicht entgehen konnte. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Für Streich war es eine Notwendigkeit. Im Krieg. Nichts Persönliches. Wie für die meisten. Es gab aber auch die anderen. Die taten es mit Begeisterung. (Auszug, S.153)

Protagonist Arnolt Streich ist einer von vielen deutschen Soldaten, die kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von der Fremdenlegion rekrutiert wurden. Für die Franzosen war er in so manchem Konflikt seitdem im Einsatz. Sein Spitzname aus der Legion lautet „Quatre d’un coup“ – „Vier auf einen Streich“ – aus einer blutigen Episode des Indochinakriegs. Überhaupt hat Streich so manche Gräueltat miterlebt oder sogar selbst begangen, zuletzt im Algerienkrieg. Sein ganzes Erwachsenenleben war er mehr oder weniger Soldat im Krieg. Nun, zurück in Deutschland, muss er feststellen, dass man trotz Wirtschaftswunder auf jemanden wie ihn nicht gewartet hat. Sein Wachdienstjob bringt ihm zwar immerhin etwas Geld und ein Dach über den Kopf, unterfordert ihn aber total. Sein Leben scheint perspektivlos, ständig springen ihn Bilder aus der Vergangenheit in den Sinn. Er lebt in den Tag hinein und hört immerfort die gleiche Platte auf dem Plattenspieler: „Mon Légionnaire“ von Edith Piaf. Doch ein paar Lichtblicke gibt es: Streich besucht regelmäßig die Prostituierte Gesine, zu der er ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut. Und er beschützt das herumstreunende junge Mädchen Lidia vor einer Jungenbande und knüpft so ein zartes Band mit dem Mädchen.

„Die rote Hand“ erzählt eine fiktive Geschichte mit realem Hintergrund. In den 1950er Jahren verübte die vom französischen Geheimdienst getragene Organisation „La main rouge“ zahlreiche Terroranschläge auf Kader und Unterstützer der algerischen Befreiungsorganisation FLN. Unter anderem wurden auch in Deutschland Anschläge verübt, so etwa der hier zu Beginn des Romans erwähnte Anschlag auf den Waffenhändler Purchert im März 1959 in Frankfurt, bei dem dieser ums Leben kam. Aus Staatsräson gab es damals keine ernsthaften Ermittlungen der deutschen Behörden. Autor Jürgen Heimbach ist so etwas wie ein Spezialist für (noch) unverbrauchte historische Stoffe. Seine Trilogie um Kommissar Koch spielte bereits in den Nachkriegsjahren des zweiten Weltkriegs. Nun ist er noch einige Jahre weiter voran gegangen und erzählt eine heutzutage wenig präsente Nachkriegsepisode.

„Ein Roman, der niemanden unberührt lässt“, „schnörkellos und dennoch poetisch.“ So lautet das Urteil der Glauser-Preis-Jury, die Jürgen Heimbach für „Die rote Hand“ in diesem Jahr den Glauser-Preis für den besten Kriminalroman verlieh. Diese Auszeichnung hatte mich nochmal auf den Roman aufmerksam gemacht und ich habe es keinesfalls bereut. Das Setting ist gelungen, die Spannung steigert sich stetig. Die Stimmung ist eher melancholisch bis rau, genau wie die Hauptfigur des einsamen Legionärs, der sich in der Heimat nicht mehr zurechtfindet. Heimbach bleibt auch eng bei seiner Figur und erzählt über eine personellen Erzähler aus dessen Sicht. Dabei strömen immer wieder unvermittelt Bilder aus der Vergangenheit auf Streich ein und vermischen sich mit der realen Situation, was auch textlich ohne Übergang so vom Autor sehr gekonnt umgesetzt wird und den Leser an der einen oder anderen Stelle überrascht. Ebenfalls prominent wird auch die Musik im Roman eingesetzt, neben der Piaf auch einige Jazztitel der 1950er Jahre. Insgesamt also ein wirklich empfehlenswerter Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die rote Hand | Die Taschenbuchausgabe erschien am 29.09.2020 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20899-5
288 Seiten | 13,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe