Kategorie: Gunnar Wolters

Megan Abbott | El Dorado Drive

Megan Abbott | El Dorado Drive

Das standen sie nun unbehaglich im Raum, diese Worte. Fingen nicht alle beunruhigenden Unterhaltungen so an? Eine neue Diät, eine neue Religion, ein neuer Mann (Der hat mich wirklich umgehauen!). All diese Dinge, die Frauen ihren Freundinnen mit dem Eifer einer Bekehrten erzählten. Und die immer nur Ärger machten.
„Ich weiß, wie sich das anhört“, sagte Pam und las ihre Gedanken. „Aber hör mir mal zu.“  (Auszug S. 66)

Die drei Bishop-Schwestern Debra, Pam und Harper sind in Grosse Point, einem Vorort von Detroit, wohlbehütet in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen. Doch der Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie hat auch ihre Familie hart getroffen, der Reichtum schwand rasch, plötzlich muss man sich Sorgen um Geld und die Zukunft machen. Mittlerweile (Ende der Nullerjahre) sind die Schwestern in den Vierzigern und leben einen fragilen, abgespeckten Rest-Wohlstand auf Pump. Debras Mann ist schwer krank, Pam streitet erbittert mit ihrem Ex-Mann Doug um Geld für die beiden gemeinsamen, fast erwachsenen Kinder und Harper ist nach einer gescheiterten heimlichen Beziehung mit einer Frau einsam und desillusioniert.

Harper ist Reitlehrerin und verbringt den Sommer auf einem Hof, weit entfernt von Detroit. Als sie zurückkehrt und bei ihrer Schwester Pam einzieht, hat sich etwas verändert. Ihre Schwestern sind aufgekratzt, optimistischer, plötzlich scheint Geld da zu sein. Pam weiht sie schließlich ein: Sie sind einem neuen Frauenclub beigetreten – „Das Rad“. Ziel des Clubs: Gemeinsame Treffen und Partys, Empowerment und die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Sie muss lediglich 5.000 Dollar Eintrittsgebühr aufbringen, die sie aber später vervielfacht zurückerhält. Harper ist skeptisch, lässt sich aber dann doch mitreißen. Doch ihr bleibt natürlich nicht verborgen, was dieser Club tatsächlich ist: Ein simples Schneeballsystem, das davon lebt, das ständig von unten neue Frauen hinzukommen. Und irgendwann wird Pam in ihrem Haus ermordet aufgefunden.

Wenn sie an bröckelnden Pilastern und rußigen Wasserspeiern vorbeifuhr, machte das Harper jedesmal traurig und fassungslos. Die Stadt wird wieder auferstehen, pflegte ihr Vater bei einem Gin Tonic im Club immer zu verkünden, als hätten er und seinesgleichen bei deren Schicksal keine Rolle gespielt. In der Familie wurde nicht über Politik gesprochen, schon gar nicht über Rassismus, aber man konnte dort, wo sie aufwuchsen, nicht groß werden, ohne eine Sensibilität für die Geschichte von Ausplünderung und Vernachlässigung, von Ausbeutung und Verlassenheit zu entwickeln. (Auszug S. 355)

Die amerikanische Noir-Autorin Megan Abbott hat inzwischen in Deutschland beim bislang eher maskulin geprägten Verlag Pulp Master eine feste Heimat gefunden. „El Dorado Drive“ ist bereits der vierte Roman der Autorin beim Verlag. Sie passt auch deshalb so gut ins Programm, weil der Verlag schon immer zielsicher hervorragende Romane über die dunkle Seiten Amerikas herausgebracht hat. In ihrem aktuellen Roman kann Abbott aus eigener Erfahrung schöpfen, ist die Autorin doch in Detroit geboren und studierte später an der University of Michigan. Detroit und Umgebung, früher das Herz der amerikanischen Industrieproduktion, dann extrem stark vom Produktionsrückgang betroffen, hervorgerufen durch große industriepolitische und unternehmerische Fehlentscheidungen. Die Stadt hat seit den 1960ern war als die Hälfte ihrer Einwohner verloren, Verfall, Leerstand oder Brachen prägen inzwischen ganze Stadtteile in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Immer wieder gibt es Versuche zu Renaissance, doch dies gelingt, wenn überhaupt, nur punktuell. Detroit bildet insofern den perfekten Background für diesen seltsamen Frauenclub. Über „Das Rad“, ein mehrdeutiger Begriff, wollen die Frauen endlich wieder am Glücksrad drehen oder die Zeit zu besseren Verhältnissen zurückdrehen. Was nach Empowerment, Selbstbestimmtheit und netten Partys unter Frauen aussehen soll, ist aber in Wahrheit ein abgekartetes System, bei dem sich einige wenige auf Kosten vieler bereichern wollen.

Megan Abbott erzählt dies alles aus der Perspektive der jüngsten Schwester Harper, die einzige Alleinstehende der drei Schwestern. Sie steht als lesbische Frau ein wenig außen vor, doch auch sie drücken Schulden, ausgerechnet bei ihrem Ex-Schwager Doug, weshalb auch sie dem Club beitritt. Die Autorin versteht es hervorragend die Dynamiken zwischen den Frauen zu erfassen, sowohl zwischen den Mitgliedern des Clubs als auch innerhalb der Familie Bishop. Am „El Dorado Drive“ (Pams Adresse) werden verzweifelt Träume nach längst vergangenen, goldenen Zeiten gehegt. Die Frauen verkörpern den bröckelnden amerikanischen Traum, der Wohlstand schwindet zusehends oder ist auf Schuldenbergen gebaut. Man schwankt zwischen Verzweiflung, Desillusionierung, familiärer Loyalität, Hoffnung und Gier. Für die Leser ist zudem interessant, dass sie dabei nicht auf einen Whodunnit verzichten müssen. Es bieten sich bis zum Schluss mehrere Täter:innen an, auf den letzten Seiten vollzieht die Geschichte noch einige Wendungen. Insgesamt überzeugt Megan Abbott erneut mit einem intensiven Einblick in die Problemzonen der amerikanischen Gesellschaft und hinterfragt die Grenzen von Schwesterlichkeit in Zeiten finanzieller Not.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

El Dorado Drive | Erschienen am 11.05.2026 bei Pulp Fiction
ISBN 978-3-946-58229-8
427 Seiten | 18,- €
Originaltitel: El Dorado Drive | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Megan Abbotts „Wage es nur!“

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

Weihnachten 1951: Im Zellentrakt der LAPD Central Division geht es heiß her. Angestachelt durch Behauptungen von Widerstand gegen Polizeibeamte und vom Alkohol durch die Weihnachtsfeier mischen eine Menge von Beamten ein paar gefangene Latinos auf. Mitten drin Officer Bud White, eher nebenbei involviert Sergeant John Vincennes. Sergeant Ed Exley war Wachhabender, leistete Widerstand und wurde kurzerhand der Schlüssel beraubt und eingesperrt. Die „Blutige Weihnacht“ wird anschließend zum großen Skandal. Versuche, die Schuld den Gefangenen unterzuschieben, misslingen. Die Spitze des LAPD muss die Sache öffentlichkeitswirksam bereinigen. Und tut das auch, allerdings werden ein paar Sündenböcke herausgepickt. Exley ist der Belastungszeuge, was ihm großes Standing bei der Chefetage, aber verständlicherweise weniger bei den Kollegen einbringt. Vincennes und White der Rest kommen wie der große Rest glimpflich davon, aber vor allem White sinnt auf Rache, denn dank Exley wurde sein Kumpel, Sergeant Stensland, angeklagt und aus dem Polizeidienst entfernt.

Soweit das Vorspiel von mehr als hundert Seiten, in dem Ellroy seine drei Hauptfiguren einführt. Wendell „Bud“ White ist ein Cop aus problematischen Verhältnissen. Mit 16 musste er mitansehen, wie sein Vater seine Mutter totschlug. Das triggert ihn auch noch als Cop, in dem er Täter häuslicher Gewalt verfolgt. Er gilt als Mann fürs Grobe, wird von seinem Vorgesetzten Sergeant Dudley für Einschüchterung und Gewalt gegen Kriminelle eingesetzt. Er gilt als loyal und wenig ambitioniert, fühlt sich im Laufe der Zeit allerdings zunehmend unterschätzt. Jack Vincennes ist fast schon ein alter Hase, ein Spezialist als Drogenfahnder, dabei hat er vor allem die Jazzszene auf dem Kieker. Er arbeitet als Berater für die erfolgreiche Krimiserie „Badge of Honor“, was ihm eine gewisse Bekanntheit und Respekt unter den Kollegen einbringt. Er hat allerdings zwei Leichen im Keller, zwei Unbeteiligte, die er bei einem schiefgegangenen Einsatz unter Drogeneinfluss versehentlich erschossen hat. Das Ganze wurde vertuscht, doch ausgerechnet Sid Hudgens, Herausgeber des Skandalmagazins „Hush-Hush“, hat Beweise und so liefert Vincennes ihm regelmäßig straffällig gewordene Prominente aus. Ed Exley ist ein enorm ehrgeiziger Polizist, geprägt durch seinen erfolgreichen Vater, Ex-Polizist und jetzt erfolgreicher Bauunternehmer (er ist gut bekannt mit Raymond Dieterling und baut im Roman „Dream-a-Dreamland“ – natürlich sind Walt Disney und Disneyland gemeint). Exley ist enorm intelligent und kompetent und traut sich auch, für seine Karriere gegen Kollegen auszusagen. Er hat große Ansprüche an sich selbst und an seine moralische Integrität und muss doch feststellen, dass er diesen nicht immer gerecht wird.

Nach den Wirren um die „blutige Weihnacht“ folgt der zentrale Fall, um den sich alles kreisen wird (und es kreist eine Menge). April 1953, eine Nebenstraße des Hollywood Boulevard: Im „Nite Owl Coffee Shop“, einem kleinen Diner, kommt es mitten in der Nacht zu einem Blutbad. Drei Angestellte und drei Gäste werden von Unbekannten quasi bis zur Unkenntlichkeit mit Schusswaffen niedergemäht. Ein schiefgegangener Raubüberfall? Die erste Spur führt zu drei Schwarzen, die in der Gegend beim Rumballern in einem markanten Coupé gesehen wurden. Dasselbe oder das gleiche Coupé wurde auch am Tatort beobachtet. Die drei Schwarzen werden festgenommen, bestreiten die Tat, werden aber einer anderen (Entführung, Vergewaltigung) überführt. Vieles spricht dafür, dass sie auch das Massaker im „Nite Owl“ begangen haben, doch es gibt ein paar Zweifel und es fehlen auch eindeutige Beweise. Ed Exley soll in den Verhören die Kerle zum Geständnis bringen, allerdings sauber und ohne Gewalt.

An dieser Stelle verlassen wir mal den Plot, um nicht weiter zu spoilern. Nur so viel: Der Fall „Nite Owl“ gilt zwischendurch als gelöst, wird jedoch im Hintergrund weiter schwelen und schließlich wieder aufgenommen. Und die drei ungleichen und sich nicht gerade grünen Protagonisten werden gezwungen sein, sich gemeinsam damit auseinanderzusetzen. Daneben gibt es weitere Fälle, eine Pornographie-Ermittlung, der Mord am Herausgeber eines Skandalblattes, die Morde an einigen Prostituierten und ein längst abgeschlossener Fall aus den 1930er, bei dem ein Psychopath Kinder ermordet, zerstückelt und die Körper neu zusammengesetzt hat. James Ellroy rührt diese Fälle quasi in einem Mixer zu einer schwer durchschaubaren Brühe zusammen. Das ist einerseits faszinierend, andererseits frustrierend, weil einem als Leser bald nur noch der Kopf schwirrt. Der Plot ist fast schon eine Zumutung. Hinzukommt die bekannte schnoddrige Art von Ellroy, über seine Figuren politische Unkorrektheiten zu verbreiten. Hier werden mit wenigen Seiten Abstand Schwule beschimpft, das N-Wort exzessiv verwendet und ein Jude als Itzig bezeichnet. Obwohl das bei einem in den 1950er Jahren spielenden Plot sicher nicht unbedingt historisch unkorrekt ist, scheint Ellroy das auf gewisse Art auch zu zelebrieren.

Exley erhob sich. „Ich habe das mit der Beschwerde gegen Sie bereits erledigt. Es wird kein Disziplinarverfahren geben, keine Anschuldigungen. […] Er hat mich nicht nach meinen Motiven gefragt, und das Gleiche erwarte ich jetzt von Ihnen.“
Jack stand ebenfalls auf. „Und die Gegenleistung?“
„Wenn der Fall Nite Owl je wieder auf den Tisch kommt, gehören Sie und alles, was Sie wissen, mir.“
Jack streckte seine Hand aus. „Himmel, aus Ihnen ist wirklich ein eiskalter Hurensohn geworden.“ (Auszug S.451)

Dennoch kann man nicht bestreiten, dass einen diese dichte, testosterongesättigte Atmosphäre packt, die Ellroy hier kreiert. Er verwebt reale Personen wie den damaligen Chief des LAPD William H. Parker oder die Mobster Mickey Cohen und Jack Stompanato in die Story, ebenso echte Kriminalfälle wie die „Blutige Weihnacht“ und droppt ein paar Prominente. Erzählt wird aus der Perspektive der drei Hauptfiguren, die Erzählstimme in der dritten Person wird dabei auch immer mal wieder überraschend durchbrochen. Größere Zeitsprünge im Plot überbrückt der Autor mit Abschnitten, die aus Artikeln aus Zeitungen und Magazinen oder internen Vermerken des LAPD bestehen. Ellroy schreibt in einem atemlosen Stil in zumeist kurzen Sätzen oder Satzreihen. Überzeugend sind vor allem die Dialoge, die sehr griffig und authentisch wirken. Insgesamt gelingt dem Autor bei allen genannten Zumutungen ein hochgradig komplexer, aber insgesamt bemerkenswerter hartgesottener Polizeikrimi, mit all den bekannten Zutaten wie Macht, Gewalt, Korruption, Ehrgeiz, Loyalität, Schuld und Verrat. Es gibt keinen weißen Ritter, alle sind mehr oder weniger (vor allem mehr) unmoralische Personen. Letztlich bleibt die Frage nach Gerechtigkeit und ob und zu welchem Preis man sie überhaupt herstellen kann.

„Sergeant, was ist denn nun schon wieder?“
„Bloß eine Kleinigkeit aus Ihrem Autopsiebericht.“
„Sie sind nicht einmal von der County-Polizei.“
„Mageninhalt und Blutanalyse von Lynn Kendrick. Kommen Sie schon. Bitte.“
„Das ist kein Problem. Kendrick hat letzte Woche den Preis für den besten Magen gekriegt. Sind Sie so weit? Frankfurter Würstchen mit Sauerkraut, Pommes frites, Coca-Cola, Opium, Sperma. Guter Gott, ein tolles letztes Abendmahl.“ (Auszug S.544)

James Ellroy ist ein Kind der Stadt, wurde 1948 in Los Angeles geboren. Als er zehn Jahre alt war, wurde seiner Mutter bei einem Sexualverbrechen ermordet. Dieser Mord, der nie aufgeklärt wurde, übt seither eine große Bedeutung auf Ellroy aus. Er wuchs danach beim Vater auf, gerät später als Jugendlicher und junger Erwachsener auf die schiefe Bahn. Kleinkriminalität, Obdachlosigkeit, Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Kleinere Haftstrafen, Psychosen, lebensbedrohliche Erkrankungen. Erst Ende der 1970er schafft Ellroy die Abkehr aus diesem Teufelskreis, jobbt als Caddy und beginnt zu schreiben. 1981 erscheint „Brown‘s Requiem“. Der endgültige Durchbruch gelingt ihm erst später mit dem L.A.-Quartett, vier hartgesottene Thriller über L.A. Ende der 1940er und in den 1950ern, beginnend mit „Die schwarze Dahlie“. „L.A. Confidential“ ist der dritte Band, der bis heute die meiste Aufmerksamkeit genießt, vermutlich durch die großartige Verfilmung von Curtis Hansen mit Russell Crowe, Kevin Spacey, Guy Pearce und Kim Basinger (Oscar für die beste Nebendarstellerin). Das Drehbuch zum Film (Curtis Hansen und Brian Helgeland gewannen den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch) verzichtet allerdings sinnvollerweise auf die meisten Nebenstränge, mit denen Ellroy im Buch jongliert.

Als Angeleno und Chronist seiner Stadt spielt L.A. bei Ellroy natürlich eine große Rolle. Sowohl das erste als auch das zweite L.A. Quartett setzen sich mit der (Kriminal-) Geschichte der Stadt auseinander. In „L.A. Confidential“ bewegen sich die Protagonisten überwiegend im Norden und Westen der Stadt. So liegt das fiktive Nite Owl an der Ecke Hollywood Blvd. / Cherokee. Der Großteil der Geschichte spielt sich im Raum zwischen West Hollywood, Hollywood Hills, Wilshire Boulevard und Downtown ab. Interessant ist, dass man einigen Figuren bei Fahrten durch die Stadt begleiten kann. Zudem kündigen sich im Verlauf des Romans planerische Großprojekte an oder werden umgesetzt: Die Eröffnung von Disneyland 1955 („Dream-a-Dreamland“ im Roman) oder die Planung und Errichtung des südkalifornischen Freeway-Netzes.

 

Rezension und Titelfoto von Gunnar Wolters | Fotos von L.A. von Andy Ruhr

L.A. Confidential – Stadt der Teufel | Erschienen 1990
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Ullstein Verlag
Originaltitel: L.A. Confidential | Übersetzung aus dem Englischen von Hans H. Harbort
ISBN 978-3-548-29008-9
720 Seiten | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Raymond Chandler | Die Tote im See

Raymond Chandler | Die Tote im See

„Noch habe ich Sie nicht engagiert“, sagte er, „aber wenn ich es tue, handelt es sich um einen vertraulichen Auftrag. Über den Sie auch nicht mit Ihren Freunden von der Polizei reden können. Ist das klar?“
„Worum handelt es sich denn, Mr. Kingsley?“
„Machen Sie sich unnötige Sorgen? Sie erledigen doch alle Detektivarbeiten, oder nicht?“
„Keineswegs alle. Nur einigermaßen anständige.“ (Auszug S.11)

So ist er, der Philip Marlowe. Der Auftrag, den er zu Beginn des Romans erhält, scheint aber relativ unspektakulär. Er erhält von Derace Kingsley, einem erfolgreichen Parfümerie-Unternehmer, den Auftrag, dessen verschwundene Frau Crystal zu finden. Kingsley macht keinen Hehl daraus, dass seine Ehe am Ende ist. Ein Hinweis auf ihren Aufenthaltsort könnte ein Telegramm geben, dass er vor einem Monat von ihr aus El Paso erhalten hat, in dem Crystal ankündigt, sich in Mexiko von ihm scheiden zu lassen und ihren Geliebten Chris Lavery zu heiraten. Danach hat Kingsley aber nichts mehr von ihr gehört und auch Lavery konnte halbwegs glaubhaft versichern, mit Crystal weder in El Paso noch in Mexiko gewesen zu sein. Das lässt sich auch Marlowe bei einem Besuch bei Lavery bestätigen, der sogar behauptet, sich von Crystal bereits getrennt zu haben. Dennoch ist der Besuch bei Lavery für Marlowe interessant. Als er sich noch etwas in seinem Wagen auf der Straße aufhält, bemerkt er Aktivität beim Nachbarhaus eines gewissen Dr. Almore. Wenig später taucht ein Polizeiauto auf und ein Lieutenant Demargo verscheucht Marlowe. Der wird dadurch eher hellhörig und erfährt, dass Dr. Almore zwischenzeitlich mal Crystal Kingsleys Arzt war und seine Frau vor einiger Zeit bei einem seltsamen Selbstmord ums Leben kam.

Mangels weiterer Ansatzpunkte begibt sich Marlowe zum letzten bekannten Aufenthaltsort von Crystal. Weit außerhalb von L.A. bei Puma Point am Little Fawn Lake besitzen die Kingsleys ein Wochenendhäuschen. Dort wird Marlowe von Bill Chess empfangen, der dort wohnt und auf das Haus der Kingsleys mit achtet. Der niedergeschlagene Chess erzählt Marlowe, dass Crystal Kingsley tatsächlich hier oben am See gewesen sei, aber eines Morgens sei sie weg gewesen, zeitgleich mit seiner Frau Muriel, die ihn in der gleichen Nacht verlassen habe. Seitdem habe er von beiden nichts gehört. Chess und Marlowe begeben sich auf einen Rundgang um den See und entdecken plötzlich an einem alten Steg einen Körper im Wasser – der verzweifelte Chess erkennt in der Wasserleiche seine tote Freundin Muriel. Er gerät auch schnell selbst in Verdacht, seine Frau ermordet zu haben, während Marlowe herausfindet, dass Muriel in Wirklichkeit Mildred Haviland hieß und offenbar vor kurzem von einem Polizisten aus L.A. gesucht wurde.

Die Geschichte ist somit – wie üblich bei Chandler – durchaus komplex, um nicht zu sagen kompliziert. Das ist sicherlich auch Chandlers Technik geschuldet, aus mehreren seiner früheren Kurzgeschichten einen Roman zu montieren. In diesem Falle waren dies die Short Stories „The Lady In The Lake“ von 1939, „Bay City Blues“ aus dem Jahr 1938 und „No Crime In The Mountains” von 1941. Sehr verworren kommt dieser Plot daher, falsche Namen und mysteriöse Todesfälle bestimmen das Bild und auch Marlowe hat Mühe, den Durchblick zu behalten. Der Leser sowieso.

Das tut dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch. Chandler ist ein Meister in Dialogen, Situationsbeschreibungen und Charakterisierungen. („Alles wirkte appetitlich wie ein frischer Apfelkuchen“ (S.48); „Das Auto schwebte den Block hinunter und tänzelte um die Ecke.“ (S.30); „Die Einmeterachtzig-Ausführung des Hausfriedensbrechers“ (S.13); „Die meisten meiner Klienten weinen am Anfang entweder mein Hemd nass oder schnauzen mich an, um zu zeigen, wer der Boss ist. Aber in der Regel werden sie am Ende alle ziemlich vernünftig – das heißt, wenn sie dann noch leben.“ (S.12))

Ein Meister der Sprache, dem man gewisse Ausschweifungen oder Verwirrungen im Plot problemlos verzeiht. Und da ist da noch dieser Marlowe, der als Ich-Erzähler durch das Geschehen führt. Er, der Prototyp des hardboiled detective, ein taffer, risikobereiter Typ, der aber seine moralische Integrität wahren und sich nicht korrumpieren lassen will. Der austeilen kann, aber auch einstecken muss, beides aber lieber vermeidet. Kurzum eine sicherlich herausragende Figur der Kriminalliteratur.

Niemand schrie oder stürzte aus der Tür. Keiner pfiff auf einer Polizistenpfeife. Alles war still, sonnig und friedlich. Offenbar gab es keinen Grund zur Aufregung. Da war auch nur Marlowe, der eine weitere Leiche gefunden hatte. Allmählich kann er das schon ganz gut. Pro-Tag-ein-Mord-Marlowe, so könnte man ihn nennen. Um am besten wär’s, man schickte ihm den Leichenwagen hinterher, wenn er seinen Beruf nachgeht.
Ein ganz netter Kerl, fast genial auf seine Art. (Auszug S.122)

Raymond Chandler wurde 1888 in Chicago geboren, lebte ab seinem achten Lebensjahr in England, arbeitete ab 1908 als Journalist in London. Erst 1912 kehrte er in die USA zurück und kam schließlich nach Kalifornien, arbeitete als Buchhalter, nahm zwischendurch als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg teil. Ab 1933 begann er sich vollständig auf die Schriftstellerei zu konzentrieren, zunächst mit Kurzgeschichten in den einschlägigen Krimimagazinen. Von Beginn an hat Los Angeles eine große Bedeutung in seinen Werken, wirkt wie ein eigenständiger Protagonist. Die Stadt erscheint als ambivalente Metropole, glitzernd und zugleich düster: Reichtum und Luxus stehen neben Verfall, Korruption und Kriminalität. Der Blick durch die Augen von Hauptfigur Philip Marlowe zeigt ein L.A. der 1930er und 1940er Jahre, das von Macht, Gewalt und moralischem Verfall geprägt ist. Melancholie und Bedrückung macht sich in den Szenen breit – damit prägte Chandler mit einigen anderen Autoren den Noir als eigenständiges Genre und Los Angeles stand dabei Pate.

Bei aller Präsenz der Stadt in seinen Werken verzichtet Chandler allerdings oftmals darauf, Klarnamen und konkrete Orts- und Straßennamen zu verwenden. In „Die Tote im See“ bewegt sich Philip Marlowe außerdem weit über sein übliches Revier in die Bergregion hinter San Bernardino hinaus. Der fiktive Puma Point bzw. Puma Lake bildet einen scheinbar idyllischen Kontrast zum Moloch L.A. und beschreibt die Gegend um den echten Big Bear Lake in den San Bernardino Mountains. Darüber hinaus begleitet der Leser Marlowe außerdem nach „Bay City“, Chandlers fiktiver Version von Santa Monica, nach Downtown ins „Treloar Building“ nahe der 6th Avenue oder in Kingsleys Villa am fiktiven „Carson Drive“ in Beverly Hills. Marlowes Büro im „Cahuengo Building“ ist eindeutig das Gebäude der Security Trust und Savings Bank, Ecke Hollywood Boulevard und Cahuengo Boulevard. Der Showdown findet schließlich in einer Wohnung im „Bryson Tower“ statt, dem Bryson Apartment Hotel am Wilshire Boulevard.

 

Rezension und Buchfoto von Gunnar Wolters | Fotos von L.A. von Andy Ruhr

Die Tote im See | Erstmals erschienen 1944
Die gelesene Ausgabe erschien 1976 im Diogenes Verlag
Originaltitel: The Lady In The Lake | Übersetzung aus dem Englischen von Hellmuth Karasek
Für die aktuelle Ausgabe „Die Lady im See“ (Neuübersetzung von Robin Detje):
ISBN 978-3-257-24652-0
336 Seiten | 14,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ich hoffte, ich würde schon im Grab liegen, bevor sie diesen Staudamm bauten. Dann würde das Wasser über mich hinwegfließen, und über Daddy und Momma und über Old Ian Alexander und seine Frau Mary und über den verloren gegangenen Leichnam der Prinzessin namens Jocassee und die Cherokee-Hügel und die Pfade, denen de Soto und Bartram und Michaux gefolgt waren, und über die Wiesen und Flüsse und Wälder, die sie beschrieben hatten, und alles würde auf immer und ewig verschwinden, und unsere Gesichter und Namen und Taten und Missetaten wären vergessen, als hätte es uns und Jocassee nie gegeben.  (Auszug E-Book Pos. 972)

Anfang der 1950er Jahre in Jocassee, einem Tal der Appalachen in South Carolina. Holland Winchester ist in der Gegend als Raufbold und Störenfried bekannt. Als der dekorierte Koreakriegveteran spurlos verschwindet, ahnt Sheriff Will Alexander relativ schnell, was ihm zugestoßen sein könnte. Von Hollands Mutter bekommt der Sheriff einen Hinweis auf die Nachbarn der Winchesters, Billy und Amy Holcombe, die nebenan eine kleine, einfache Farm betreiben. Holland soll etwas mit Amy gehabt haben. Sheriff Alexander stellt einen Suchtrupp auf, befragt die Holcombes eindringlich, doch Holland Winchester bleibt weiterhin verschwunden.

Eine abgelegene Gegend in den Bergen, ein Tal, in dem nur noch wenige verblieben sind, nachdem klar ist, dass das Tal irgendwann einem Stausee wird weichen müssen. Noch längst nicht alle haben Strom und Telefon. Die Holcombes bestellen das wenige Land, das sie besitzen, noch mit dem Pferd. In Billys Familie waren schon immer einfache Farmer. Amy kommt eigentlich aus der Kleinstadt, muss sich mit dem Farmleben arrangieren. Die junge Ehe wartet schon länger auf den obligatorischen Nachwuchs. Weiter hinten im Tal lebt noch die Witwe Glendower, eine alte Frau, als Hexe verschrien, aber in Problemfällen immer noch (widerwillig) als Ansprechpartnerin gesucht. Dazwischen die Winchesters, eine Witwe und ihr Sohn, ein Tunichtgut, der vor allem an seinen Kriegserlebnissen zu knabbern hat. Die Geschichte beginnt in 1952, aber die Gegend und die Beschreibungen der Personen wirken teilweise, als wären wir noch einige Jahrzehnte früher unterwegs.

Augen können lügen, aber irgendwann verraten sie die Wahrheit. Als Billy verneinte, blickte er auf seine geballte rechte Hand. Ich wusste, was das bedeutete, weil ich schon viele Männer gesehen hatte, die sich in einer vergleichbaren Situation genauso verhalten hatten. Diese Rechte hatte Felsbrocken groß wie Wassermelonen vom Feld gehoben. Sie hatte mächtige Eichen gefällt, deren Stämme man mit den Armen umfassen konnte. Und vielleicht, nur vielleicht, hatte sie eine Schrotflinte ruhig genug gehalten, um einen Mann zu töten. (Auszug E-Book Pos. 251)

Autor Ron Rash nutzt diese Ausgangslage zu einer einem eindringlichen, dichten Roman, einem Country Noir, in dem der Geist des Ortes permanent präsent ist. Aus fünf Perspektiven wird diese Geschichte hintereinander erzählt, jeweils als Ich-Erzähler, beginnend mit dem Sheriff. Dabei werden manche Ereignisse doppelt erzählt, anderes bringt die Geschichte weiter voran. Es gibt zwischendrin noch einen Zeitsprung. Das Staudammprojekt, das irgendwann steigende Wasser, das alles unter sich begräbt, spielt im Hintergrund eine zunehmende Rolle. Rash erzählt in ruhigem, leisem Ton, dennoch spitzt sich dieses Drama immer weiter zu.

Der Autor wird von einigen Kollegen als einer „der besten amerikanischen Autoren“ bezeichnet. Dennoch wurde Ron Rash erstmals vor zwei Jahren mit „Der Friedhofswärter“ ins Deutsche übersetzt. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist im Original bereits 2002 erschienen. Wie schon in „Der Friedhofswärter“ führt uns der Autor in die fünfziger Jahre und an einen Ort, in dem alte Moralvorstellungen noch überdauern. Ein Mann ist verschwunden, vermutlich ein Mord geschehen. Nicht ganz zur Hälfte des Buches wird der Leser wissen, was geschehen ist, allerdings steht nicht die Aufklärung im Mittelpunkt, sondern wie sich das Ereignis auf die Beteiligten auswirkt und welche Schatten es noch 18 Jahre später wirft. Dabei überzeugt vor allem der Umgang des Autors mit seinen Figuren und die Beschreibung ihrer inneren Konflikte. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist ein starker Roman über Heimat, Moral, Schuld, Hoffnung und Verdrängung, der eine aufwühlende Geschichte in getragenem, nicht reißerischem Ton erzählt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Mit einem Fuß im Paradies | Erschienen am 06.05.2026 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0766-6
253 Seiten | 24,- €
Originaltitel: One Foot In Eden | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Vor Angst war ihm plötzlich schwindlig. Er nahm sich Zeit, um durchzuatmen und das Gleichgewicht wiederzufinden. Man konnte wissen, was in diesem Land im Verborgenen vor sich ging, aber wenn man mit solchen Praktiken direkt konfrontiert war, dann war das eine Erschütterung, die einen zerstören, einen so verrückt machen konnte, dass man am helllichten Tag mit einer Lampe auf der Straße herumlief und nach einem kleinen Rest an Menschlichkeit auf Erden suchte. (Auszug S. 65)

Inspektor Dieuswalwe Azémar von der Police National d’Haïti wird zu einem Leichenfund gerufen. Es ist die Leiche der fünfzehnjährigen Mikayida, die Tochter von Mirlène, Azémars aktueller Geliebten. Das Mädchen wurde brutal ermordet und außerdem wurden ihr noch Symbole in die Haut geritzt. Dieuswalwe setzt einen befreundeten Gerichtsmediziner auf die Obduktion an und stellt weitere Nachforschungen an. Er findet bald heraus, dass Mikayida nicht das einzige Opfer ist, sondern offenbar Teil einer Art satanischen Rituals, in das mächtige Kreise verwickelt sind. Doch Dieuswalwe schwört Mirléne und auch sich selbst, dass er die Mörder von Mikayida zur Strecke bringt.

Dabei geht Dieuswalwe (kreolisch für „Gott sei gelobt“) wie gewohnt nicht zimperlich vor. Wer den Inspektor aus vorherigen Romanen kennt, der weiß, dass er voller Wut, erbarmungslos und fast furchtlos seine Arbeit verrichtet. Sein Treibstoff ist „soro“ oder „kleren“, Zuckerrohrschnaps, der in Haiti an vielen Straßenecken verkauft wird, oft schwarzgebrannt und durchaus ein Gesundheitsrisiko. Die Verbrecher und deren mächtige korrupten Verbündete, die sein Land auspressen, sind Dieuswalwes Feinde. Er hat nur noch wenige Vertraute bei der Polizei und seine hervorragenden Schießkünste haben bislang verhindert, dass man sich seiner entledigt hat.

„Erschütterungen“ ist der fünfte ins Deutsche übersetzte Band dieser Krimireihe. Die Besonderheit: Zum ersten Mal in dieser Reihe hat der Autor Gary Victor seinen Roman in Kreolisch verfasst. Victor selbst ist einer der renommiertesten Autoren und Kreativen seiner Heimat, er hat auch selbst Posten in der Administration Haitis übernommen. Sein Werk ist gekennzeichnet von authentischen Schilderungen eines Landes, das völlig aus den Fugen geraten ist, ein buchstäblicher „failed state“, von Korrupten und Banditen regiert und terrorisiert. Sein Protagonist Dieuswalwe Azémar ist dabei der unbestechliche Lichtblick, doch auch er muss außerhalb der Regeln spielen – ein Dirty Harry von Port-au-Prince.

Sie flüsterte ihm ins Ohr: „Wir sollten das nicht tun, Dieuswalwe. Gott sieht es nicht gern.“ Dieuswalwe antwortete nicht. An die Sache mit Gott glaubte er schon lange nicht mehr. Wenn es ihn gab, dann kümmerten ihn die Angelegenheiten der Menschen, vor allem die der Haitianer, offensichtlich nicht im Geringsten. (Auszug S. 52)

Der Roman ist ziemlich kurz, knapp unter hundert Seiten und dadurch sehr verdichtet. Kurze Sätze, knappe Dialoge, die Handlung wird schnell vorangetrieben. Gary Victor zeichnet ein düsteres Bild von Haiti, ein Staat voller Gewalt, Korruption und Aberglaube, in dem junge Menschen geschändet und auf den Müll geworfen werden – und der einzige, den das zu kümmern scheint, ist ein desillusionierter, alkoholsüchtiger, wütender Inspektor. Das ist starker Noir aus der Karibik für Leser mit starken Nerven – die ganze Reihe ist unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Erschütterungen | Erschienen am 15.03.2026 bei Litradukt
ISBN 978-3-940435-53-8
94 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Sakad | Übersetzung aus dem haitischen Kreolisch von Peter Trier
Bibliografische Angaben & Leseprobe