Kategorie: Gunnar Wolters

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Rübezahl ist den meisten grob ein Begriff, als Berggeist des Riesengebirges und der nahegelegenen Gebirgszüge. Ich muss gestehen, dass die Sagen mit Rübezahl mir kein Begriff mehr sind. Tatsächlich ist Rübezahl ein äußerst ambivalenter Charakter von launischem Gemüt, der den Menschen in verschiedener Gestalt erscheint. Seinen Namen mag er übrigens überhaupt nicht, sondern möchte als „Herr der Berge“ angeredet werden.

Im Februar des Jahres 1923 ist die Grafschaft Glatz tief verschneit und vereist, natürlich auch der Glatzer Schneeberg als eine der höchsten Erhebungen im Umkreis. Oben auf dem Gipfel steht der Kaiser-Wilhelm-Turm. Als ein Bergführer den Pfad zum Gipfel vorbereitet, entdeckt er eine Leiche vom Turm herabhängend, im Gesicht markant verstümmelt. Die herbeigerufene Glatzer Kriminalpolizei um Oberwachtmeister Franz Koschella findet neben Spuren eines zweiten Mannes, der den Täter offenbar verfolgt hat, auch eine Botschaft des Täters an sein Opfer, in der er sich selbst „Rübezahl“ nennt.

Die Polizei findet bald heraus, dass das Opfer Militärangehöriger war, und versucht, darüber zu Anhaltspunkten zu gelangen. Daher sucht Koschella den Kontakt zu seinem alten Bekannten Wilhelm Klein, bei dem allerdings schnell klar, dass er irgendwie in diesen Fall involviert ist und dass der Schlüssel in dessen Militärvergangenheit zu suchen ist. Noch während die Polizei bei den Ermittlungen nur schwer vorankommt, geschieht ein zweiter Mord an dem renommierten Rechtsmediziner Professor Baumann im Zug von Breslau nach Glatz. Rübezahl hat wieder zugeschlagen.

Plötzlich überlief Koschella ein Schauer. Ein lange nicht mehr wahrgenommenes Gefühl überkam ihn. Er hatte es mit einem intelligenten Gegner zu tun. Einem Strategen. Er konnte es kaum erwarten, den Gipfel zu erreichen, und wollte schnellstmöglich mit der Jagd beginnen. (Auszug S.61)

„Glatz. Rübezahl“ ist der inzwischen dritte Band der historischen Krimiserie mit Schauplatz in der bürgerlichen Kleinstadt an der Neiße, Hauptort der gleichnamigen Grafschaft. Damals schlesisch und damit Teil des Deutschen Reiches, heute ist Glatz polnisch und heißt Kłodzko. Autor Tomasz Duszyński feiert mit der Reihe in Polen große Erfolge und ist inzwischen Ehrenbürger von Kłodzko geworden. Tatsächlich ist vor allem der unverbrauchte Schauplatz in der Provinz in einem Talkessel des Gebirgszugs der Sudeten nahe der tschechischen Grenze äußerst reizvoll. Ähnlich wie bei anderen historischen Krimireihen bewegt man sich von Band zu Band chronologisch weiter. Dieses Mal ist man im Krisenjahr 1923 angekommen und auch wenn man in Glatz weg ab vom Schuss ist – die Probleme der Republik kommen auch hier an.

„Du bist wie ich, ich bin wie du, und da sind mehr von uns…“
Er reagierte nicht. Doch sein Atem beruhigte sich unter dem Einfluss dieser immer wiederkehrenden Worte. Er versuchte, sie aus dem Kopf zu verbannen, und wandte den Blick vom Eindringling ab. Vergeblich. Er konnte sich nicht bewegen.
„Das Leiden wird vergehen, wird dich und mich verwandeln. Dann helfen wir den anderen, auch sie reinigen wir durch Schmerz. Hörst du mich, Klein? Das wird niemals enden.“ (Auszug S.114)

Natürlich steckt nicht der alte Berggeist hinter den Morden, von denen es noch weitere geben wird. Vielmehr gibt es politische und militärische Verwicklungen und der neue militärische Geheimdienst, den es laut Versailler Verträgen eigentlich nicht geben darf, tritt auf den Plan. Vor allem die Vergangenheit von Wilhelm Klein als versehrter Veteran spielt eine entscheidende Rolle, er bleibt eine äußerst interessante, ambivalente Figur.  Duszyński gönnt weiteren Personen Platz im Roman, neben den beiden Assistenten Koschellas, Schulz und Csozek, auch dem oder den Tätern – das bleibt lange offen – , die abwechselnd in kurzen Kapiteln begleitet werden. Der Plot ist mir persönlich etwas zu groß angelegt geraten, aber das mag Ansichtssache sein. Letztlich ist „Glatz. Rübezahl“ ein spannender und vor allem durch das weiterhin sehr gelungene Setting ein lesenswerter Kriminalroman in einer wirklich zu empfehlenden Reihe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Glatz. Rübezahl | Erschienen am 15.06.2026 im Polente Verlag
ISBN 978-3-9505744-3-6
428 Seiten | 19,50 €
Originaltitel: Glatz. Zamiec | Übersetzung aus dem Polnischen von Markus Schnabel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Band 1 „Glatz“

Garry Disher | Zuflucht

Garry Disher | Zuflucht

Fünfzehn Minuten. Zu lange – es war an der Zeit zu verschwinden. Dann blieb ihre Aufmerksamkeit auf dem Drucker neben Brittons Schreibtisch hängen, einem klobigen Laserdrucker/Scanner/Kopierer. Im schmalen Strahl ihrer Taschenlampe wirkte er verstaubt. Sie klappte den Deckel auf. Auf dem Glas lag nichts. Aber in der Schublade lag ein Stapel Druckerpapier. Sie blätterte ihn durch; heraus fiel ein beschrifteter Umschlag. Passwörter, Telefonnummern und Mailadressen. Und der Code für den Safe.  (Auszug S. 160)

Garry Disher ist den Krimikennern natürlich schon länger ein Begriff, sowohl als Autor von langjährigen Krimireihen als auch von einzelnen eigenständigen Romanen. Eine seiner herausragenden Figuren ist sicherlich Wyatt. Ein Mann ohne Vornamen, ein einsamer, intelligenter Gangster, nicht gierig, sondern akribisch, soziale Kontakte um jeden Preis vermeidend. Nun erschafft Disher in „Zuflucht“ ein weibliches Pendant. Grace ist eine Meisterdiebin, nach einigen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit solo unterwegs, immer auf der Hut und in Bewegung. Doch eigentlich ist sie sehr einsam und sehnt sich nach einem Platz, an dem sie sich ohne Sorgen zurückziehen kann – einem Zufluchtsort.

Zu Beginn des Romans befindet sich Grace auf der Suche nach einer Gelegenheit bei einer Briefmarkenausstellung in Brisbane, als sie auf Adam aufmerksam wird, der sich ebenfalls unter den Teilnehmern befindet. Adam ist eigentlich ein alter Freund, sie waren gemeinsam bei Pflegeeltern untergebracht, wurden gemeinsam zu Dieben, eher sie auseinandergebracht wurden und nicht im Guten auseinandergegangen sind. Nun gerät Grace in Hektik, will nicht auf Adam treffen und flüchtet aus Brisbane. Sie beginnt eine längere Tour durch Australiens Südosten und landet schließlich im beschaulichen Kleinstädtchen Battenburg nördlich von Adelaide.

Ein beschaulicher Ort, in dem man es aushalten kann. Durch Zufall gelangt Grace in den Antiquitätenladen von Erin Mandel, die zufällig eine Aushilfe sucht. Grace lässt sich darauf ein, zieht sogar in einer Einliegerwohnung von Erin. Zu ihrer Chefin, die selbst etwas verbirgt, sich zurückhaltend und fast ängstlich verhält, entwickelt sie dennoch rasch ein freundschaftliches Verhältnis. Doch sie bleibt vorsichtig, öffnet sich nicht gegenüber Erin, will sich weitere Mittel verschaffen, plant einen weiteren Coup. Währenddessen verschafft Disher dem Leser weitere Perspektiven: Wir begleiten Adam Garrett bei seinen aktuellen zwielichtigen Geschäften und wie er insgeheim sein Netzwerk aktiviert, um Grace aufzuspüren. Zudem begegnet uns Brodie Hendren, ein äußerst unangenehmes Exemplar toxischer Männlichkeit, der Nazi- und Serienmörderdevotionalien unklarer Herkunft im Netz vertickert und nebenbei voller Rachegelüste seine Ex-Frau aufspüren will. Schließlich Desmond Liddington, Polizist kurz vor der Pensionierung, der gerne noch zum Abschluss einem einflussreichen Unternehmer mit nicht ganz sauberen Methoden das Handwerk legen würde.

Ohne viel zu spoilern, ahnt der geneigte Leser schon, dass sich die Wege dieser Personen in der pittoresken Weinbauregion nördlich von Adelaide begegnen werden. Wie oft bei Disher spinnt der Autor ein feines Netz von Haupt- und Nebensträngen des Plots, die sich am Ende wie von Zauberhand zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Disher entwirft hier spannende Figuren, deren Leben und Vergangenheit nach und nach offenbart werden, und die in einem spannenden Showdown von ebendieser Vergangenheit eingeholt werden und hart aufeinanderprallen werden. Disher hält sich diesmal in Sachen australischer Gesellschaftsstudie zurück, sondern präsentiert einen handwerklich exzellenten Thriller bzw. einen modernen Gangsterroman. Immer wieder faszinierend, wie stilsicher und mit gleichbleibender Qualität der inzwischen 77jährige Australier regelmäßig sein Gesamtwerk erweitert. Möge das noch viele Jahre so weitergehen.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Zuflucht | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-293-00624-9
329 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Sanctuary | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Ganz viele Rezensionen zu exzellenten Romanen von Garry Disher

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Wenn sie richtig gerechnet hatte, waren inzwischen fünf Tage vergangen. Das Säuseln der Lüftungsrohrs half ihr beim Zählen. Mal war es stärker, mal schwächer, wie der entfernte Ton eines Blasinstruments. Gegen Abend flaute der Wind immer ab, dadurch behielt sie den Überblick.
Es ging ihr so schlecht, dass sie es nicht mehr schaffte, von der Matratze aufzustehen. Zum ersten Mal im Leben merkte sie, was Schwerkraft eigentlich bedeutete – es war die brutale Macht, die sie zu Boden drückte.  (Auszug E-Book Pos. 1947)

Im Mai 1993 findet ein geistig behinderter Mann eine nackte Frauenleiche in einem Bachbett im schwedischen Halland nahe Falkenberg. Der zuständige Kommissar Björlind muss sich in einem sehr schwierigen Fall zurechtfinden: Die junge Frau bleibt unidentifiziert. Sie wurde erwürgt und ist sehr abgemagert. Offenbar wurde sie vorher lange Zeit festgehalten und erhielt zu wenig zu essen. Von der Zentrale in Stockholm erhält Björlind Unterstützung durch die junge Beamtin Johanna, doch der Fall erweist sich als äußerst zäh. Kurze Zeit später plant Malin, Björlinds 17jährige Tochter, ein Wochenende in der Wildnis mit ihrem Freund Mattias. Sie leihen sich ein Kanu aus und zelten in der Natur. Malins Vater glaubt, sie verbringt das Wochenende bei einer Freundin. Als sie sonntags nicht nach Hause kommt und die Freundin zugibt, nur als Alibi gedient zu haben, ist es schon zu spät. Malin und Mattias sind verschwunden.

Carl-Johan Vallgren ist ein erfahrener schwedischer Autor, der vor etwa zehn Jahren ins Krimigenre wechselte und mit „Deine Zeit wird kommen“ vor zwei Jahren den schwedischen Krimipreis gewann. Sein Roman bewegt sich an der Grenze zwischen Polizeiroman und Thriller. Es wird einerseits die Polizeiarbeit begleitet, anderseits erhält der Roman durch die zeitkritische Suche nach der Vermissten und Szenen mit dem Täter deutliche Thrillerelemente. Regelmäßig wechselt die Perspektive zwischen Björlind, Johanna, Malin und weiteren Personen. Lange Zeit bleibt offen, wer der Täter ist, allerdings fällt dem geübten Leser schnell auf, dass bestimmte Personen nur als Finte in den Blickpunkt geraten.

Der Autor greift unverkennbar auf klassische Elemente der nordischen Krimitradition zurück: Einbetten in einen reizvollen, provinziellen Schauplatz mit dafür untypischen brutalen Verbrechen und persönlich involvierte bzw. mental angeschlagene Ermittler. In diesem Fall wird schnell klar, dass Björlind durch den Krebstod seiner Frau psychisch extrem angeschlagen ist, er sieht sie sogar und spricht mit ihr. Das Verschwinden seiner einzigen Tochter verschärft seinen Zustand noch maximal. Auch Johanna hat ihr Päckchen zu tragen, kommt sie offenbar mit sehr gemischten Gefühlen zurück nach Falkenberg, von wo sie nach ihrem Abschluss schnell fortgegangen ist. Ihre Probleme werden im Gegensatz zu Björlinds erst nach und nach enthüllt.

„Deine Zeit wird kommen“ ist ein Thriller, der vor allem durch den südschwedischen Schauplatz und auf psychologischer Ebene mit der Trauerbewältigung des Kommissars überzeugt. Der Plot ist eher konventionell und manchmal vielleicht eine Spur zu routiniert. Insgesamt ein gelungener, klassischer von viel Schwermut getragener, schwedischer Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Deine Zeit wird kommen | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47551-5
352 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-518-78667-3 | 15,99 €
Originaltitel: Din tid kommer | Übersetzung aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Megan Abbott | El Dorado Drive

Megan Abbott | El Dorado Drive

Das standen sie nun unbehaglich im Raum, diese Worte. Fingen nicht alle beunruhigenden Unterhaltungen so an? Eine neue Diät, eine neue Religion, ein neuer Mann (Der hat mich wirklich umgehauen!). All diese Dinge, die Frauen ihren Freundinnen mit dem Eifer einer Bekehrten erzählten. Und die immer nur Ärger machten.
„Ich weiß, wie sich das anhört“, sagte Pam und las ihre Gedanken. „Aber hör mir mal zu.“  (Auszug S. 66)

Die drei Bishop-Schwestern Debra, Pam und Harper sind in Grosse Point, einem Vorort von Detroit, wohlbehütet in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen. Doch der Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie hat auch ihre Familie hart getroffen, der Reichtum schwand rasch, plötzlich muss man sich Sorgen um Geld und die Zukunft machen. Mittlerweile (Ende der Nullerjahre) sind die Schwestern in den Vierzigern und leben einen fragilen, abgespeckten Rest-Wohlstand auf Pump. Debras Mann ist schwer krank, Pam streitet erbittert mit ihrem Ex-Mann Doug um Geld für die beiden gemeinsamen, fast erwachsenen Kinder und Harper ist nach einer gescheiterten heimlichen Beziehung mit einer Frau einsam und desillusioniert.

Harper ist Reitlehrerin und verbringt den Sommer auf einem Hof, weit entfernt von Detroit. Als sie zurückkehrt und bei ihrer Schwester Pam einzieht, hat sich etwas verändert. Ihre Schwestern sind aufgekratzt, optimistischer, plötzlich scheint Geld da zu sein. Pam weiht sie schließlich ein: Sie sind einem neuen Frauenclub beigetreten – „Das Rad“. Ziel des Clubs: Gemeinsame Treffen und Partys, Empowerment und die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Sie muss lediglich 5.000 Dollar Eintrittsgebühr aufbringen, die sie aber später vervielfacht zurückerhält. Harper ist skeptisch, lässt sich aber dann doch mitreißen. Doch ihr bleibt natürlich nicht verborgen, was dieser Club tatsächlich ist: Ein simples Schneeballsystem, das davon lebt, das ständig von unten neue Frauen hinzukommen. Und irgendwann wird Pam in ihrem Haus ermordet aufgefunden.

Wenn sie an bröckelnden Pilastern und rußigen Wasserspeiern vorbeifuhr, machte das Harper jedesmal traurig und fassungslos. Die Stadt wird wieder auferstehen, pflegte ihr Vater bei einem Gin Tonic im Club immer zu verkünden, als hätten er und seinesgleichen bei deren Schicksal keine Rolle gespielt. In der Familie wurde nicht über Politik gesprochen, schon gar nicht über Rassismus, aber man konnte dort, wo sie aufwuchsen, nicht groß werden, ohne eine Sensibilität für die Geschichte von Ausplünderung und Vernachlässigung, von Ausbeutung und Verlassenheit zu entwickeln. (Auszug S. 355)

Die amerikanische Noir-Autorin Megan Abbott hat inzwischen in Deutschland beim bislang eher maskulin geprägten Verlag Pulp Master eine feste Heimat gefunden. „El Dorado Drive“ ist bereits der vierte Roman der Autorin beim Verlag. Sie passt auch deshalb so gut ins Programm, weil der Verlag schon immer zielsicher hervorragende Romane über die dunkle Seiten Amerikas herausgebracht hat. In ihrem aktuellen Roman kann Abbott aus eigener Erfahrung schöpfen, ist die Autorin doch in Detroit geboren und studierte später an der University of Michigan. Detroit und Umgebung, früher das Herz der amerikanischen Industrieproduktion, dann extrem stark vom Produktionsrückgang betroffen, hervorgerufen durch große industriepolitische und unternehmerische Fehlentscheidungen. Die Stadt hat seit den 1960ern war als die Hälfte ihrer Einwohner verloren, Verfall, Leerstand oder Brachen prägen inzwischen ganze Stadtteile in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Immer wieder gibt es Versuche zu Renaissance, doch dies gelingt, wenn überhaupt, nur punktuell. Detroit bildet insofern den perfekten Background für diesen seltsamen Frauenclub. Über „Das Rad“, ein mehrdeutiger Begriff, wollen die Frauen endlich wieder am Glücksrad drehen oder die Zeit zu besseren Verhältnissen zurückdrehen. Was nach Empowerment, Selbstbestimmtheit und netten Partys unter Frauen aussehen soll, ist aber in Wahrheit ein abgekartetes System, bei dem sich einige wenige auf Kosten vieler bereichern wollen.

Megan Abbott erzählt dies alles aus der Perspektive der jüngsten Schwester Harper, die einzige Alleinstehende der drei Schwestern. Sie steht als lesbische Frau ein wenig außen vor, doch auch sie drücken Schulden, ausgerechnet bei ihrem Ex-Schwager Doug, weshalb auch sie dem Club beitritt. Die Autorin versteht es hervorragend die Dynamiken zwischen den Frauen zu erfassen, sowohl zwischen den Mitgliedern des Clubs als auch innerhalb der Familie Bishop. Am „El Dorado Drive“ (Pams Adresse) werden verzweifelt Träume nach längst vergangenen, goldenen Zeiten gehegt. Die Frauen verkörpern den bröckelnden amerikanischen Traum, der Wohlstand schwindet zusehends oder ist auf Schuldenbergen gebaut. Man schwankt zwischen Verzweiflung, Desillusionierung, familiärer Loyalität, Hoffnung und Gier. Für die Leser ist zudem interessant, dass sie dabei nicht auf einen Whodunnit verzichten müssen. Es bieten sich bis zum Schluss mehrere Täter:innen an, auf den letzten Seiten vollzieht die Geschichte noch einige Wendungen. Insgesamt überzeugt Megan Abbott erneut mit einem intensiven Einblick in die Problemzonen der amerikanischen Gesellschaft und hinterfragt die Grenzen von Schwesterlichkeit in Zeiten finanzieller Not.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

El Dorado Drive | Erschienen am 11.05.2026 bei Pulp Fiction
ISBN 978-3-946-58229-8
427 Seiten | 18,- €
Originaltitel: El Dorado Drive | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Megan Abbotts „Wage es nur!“

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

Weihnachten 1951: Im Zellentrakt der LAPD Central Division geht es heiß her. Angestachelt durch Behauptungen von Widerstand gegen Polizeibeamte und vom Alkohol durch die Weihnachtsfeier mischen eine Menge von Beamten ein paar gefangene Latinos auf. Mitten drin Officer Bud White, eher nebenbei involviert Sergeant John Vincennes. Sergeant Ed Exley war Wachhabender, leistete Widerstand und wurde kurzerhand der Schlüssel beraubt und eingesperrt. Die „Blutige Weihnacht“ wird anschließend zum großen Skandal. Versuche, die Schuld den Gefangenen unterzuschieben, misslingen. Die Spitze des LAPD muss die Sache öffentlichkeitswirksam bereinigen. Und tut das auch, allerdings werden ein paar Sündenböcke herausgepickt. Exley ist der Belastungszeuge, was ihm großes Standing bei der Chefetage, aber verständlicherweise weniger bei den Kollegen einbringt. Vincennes und White der Rest kommen wie der große Rest glimpflich davon, aber vor allem White sinnt auf Rache, denn dank Exley wurde sein Kumpel, Sergeant Stensland, angeklagt und aus dem Polizeidienst entfernt.

Soweit das Vorspiel von mehr als hundert Seiten, in dem Ellroy seine drei Hauptfiguren einführt. Wendell „Bud“ White ist ein Cop aus problematischen Verhältnissen. Mit 16 musste er mitansehen, wie sein Vater seine Mutter totschlug. Das triggert ihn auch noch als Cop, in dem er Täter häuslicher Gewalt verfolgt. Er gilt als Mann fürs Grobe, wird von seinem Vorgesetzten Sergeant Dudley für Einschüchterung und Gewalt gegen Kriminelle eingesetzt. Er gilt als loyal und wenig ambitioniert, fühlt sich im Laufe der Zeit allerdings zunehmend unterschätzt. Jack Vincennes ist fast schon ein alter Hase, ein Spezialist als Drogenfahnder, dabei hat er vor allem die Jazzszene auf dem Kieker. Er arbeitet als Berater für die erfolgreiche Krimiserie „Badge of Honor“, was ihm eine gewisse Bekanntheit und Respekt unter den Kollegen einbringt. Er hat allerdings zwei Leichen im Keller, zwei Unbeteiligte, die er bei einem schiefgegangenen Einsatz unter Drogeneinfluss versehentlich erschossen hat. Das Ganze wurde vertuscht, doch ausgerechnet Sid Hudgens, Herausgeber des Skandalmagazins „Hush-Hush“, hat Beweise und so liefert Vincennes ihm regelmäßig straffällig gewordene Prominente aus. Ed Exley ist ein enorm ehrgeiziger Polizist, geprägt durch seinen erfolgreichen Vater, Ex-Polizist und jetzt erfolgreicher Bauunternehmer (er ist gut bekannt mit Raymond Dieterling und baut im Roman „Dream-a-Dreamland“ – natürlich sind Walt Disney und Disneyland gemeint). Exley ist enorm intelligent und kompetent und traut sich auch, für seine Karriere gegen Kollegen auszusagen. Er hat große Ansprüche an sich selbst und an seine moralische Integrität und muss doch feststellen, dass er diesen nicht immer gerecht wird.

Nach den Wirren um die „blutige Weihnacht“ folgt der zentrale Fall, um den sich alles kreisen wird (und es kreist eine Menge). April 1953, eine Nebenstraße des Hollywood Boulevard: Im „Nite Owl Coffee Shop“, einem kleinen Diner, kommt es mitten in der Nacht zu einem Blutbad. Drei Angestellte und drei Gäste werden von Unbekannten quasi bis zur Unkenntlichkeit mit Schusswaffen niedergemäht. Ein schiefgegangener Raubüberfall? Die erste Spur führt zu drei Schwarzen, die in der Gegend beim Rumballern in einem markanten Coupé gesehen wurden. Dasselbe oder das gleiche Coupé wurde auch am Tatort beobachtet. Die drei Schwarzen werden festgenommen, bestreiten die Tat, werden aber einer anderen (Entführung, Vergewaltigung) überführt. Vieles spricht dafür, dass sie auch das Massaker im „Nite Owl“ begangen haben, doch es gibt ein paar Zweifel und es fehlen auch eindeutige Beweise. Ed Exley soll in den Verhören die Kerle zum Geständnis bringen, allerdings sauber und ohne Gewalt.

An dieser Stelle verlassen wir mal den Plot, um nicht weiter zu spoilern. Nur so viel: Der Fall „Nite Owl“ gilt zwischendurch als gelöst, wird jedoch im Hintergrund weiter schwelen und schließlich wieder aufgenommen. Und die drei ungleichen und sich nicht gerade grünen Protagonisten werden gezwungen sein, sich gemeinsam damit auseinanderzusetzen. Daneben gibt es weitere Fälle, eine Pornographie-Ermittlung, der Mord am Herausgeber eines Skandalblattes, die Morde an einigen Prostituierten und ein längst abgeschlossener Fall aus den 1930er, bei dem ein Psychopath Kinder ermordet, zerstückelt und die Körper neu zusammengesetzt hat. James Ellroy rührt diese Fälle quasi in einem Mixer zu einer schwer durchschaubaren Brühe zusammen. Das ist einerseits faszinierend, andererseits frustrierend, weil einem als Leser bald nur noch der Kopf schwirrt. Der Plot ist fast schon eine Zumutung. Hinzukommt die bekannte schnoddrige Art von Ellroy, über seine Figuren politische Unkorrektheiten zu verbreiten. Hier werden mit wenigen Seiten Abstand Schwule beschimpft, das N-Wort exzessiv verwendet und ein Jude als Itzig bezeichnet. Obwohl das bei einem in den 1950er Jahren spielenden Plot sicher nicht unbedingt historisch unkorrekt ist, scheint Ellroy das auf gewisse Art auch zu zelebrieren.

Exley erhob sich. „Ich habe das mit der Beschwerde gegen Sie bereits erledigt. Es wird kein Disziplinarverfahren geben, keine Anschuldigungen. […] Er hat mich nicht nach meinen Motiven gefragt, und das Gleiche erwarte ich jetzt von Ihnen.“
Jack stand ebenfalls auf. „Und die Gegenleistung?“
„Wenn der Fall Nite Owl je wieder auf den Tisch kommt, gehören Sie und alles, was Sie wissen, mir.“
Jack streckte seine Hand aus. „Himmel, aus Ihnen ist wirklich ein eiskalter Hurensohn geworden.“ (Auszug S.451)

Dennoch kann man nicht bestreiten, dass einen diese dichte, testosterongesättigte Atmosphäre packt, die Ellroy hier kreiert. Er verwebt reale Personen wie den damaligen Chief des LAPD William H. Parker oder die Mobster Mickey Cohen und Jack Stompanato in die Story, ebenso echte Kriminalfälle wie die „Blutige Weihnacht“ und droppt ein paar Prominente. Erzählt wird aus der Perspektive der drei Hauptfiguren, die Erzählstimme in der dritten Person wird dabei auch immer mal wieder überraschend durchbrochen. Größere Zeitsprünge im Plot überbrückt der Autor mit Abschnitten, die aus Artikeln aus Zeitungen und Magazinen oder internen Vermerken des LAPD bestehen. Ellroy schreibt in einem atemlosen Stil in zumeist kurzen Sätzen oder Satzreihen. Überzeugend sind vor allem die Dialoge, die sehr griffig und authentisch wirken. Insgesamt gelingt dem Autor bei allen genannten Zumutungen ein hochgradig komplexer, aber insgesamt bemerkenswerter hartgesottener Polizeikrimi, mit all den bekannten Zutaten wie Macht, Gewalt, Korruption, Ehrgeiz, Loyalität, Schuld und Verrat. Es gibt keinen weißen Ritter, alle sind mehr oder weniger (vor allem mehr) unmoralische Personen. Letztlich bleibt die Frage nach Gerechtigkeit und ob und zu welchem Preis man sie überhaupt herstellen kann.

„Sergeant, was ist denn nun schon wieder?“
„Bloß eine Kleinigkeit aus Ihrem Autopsiebericht.“
„Sie sind nicht einmal von der County-Polizei.“
„Mageninhalt und Blutanalyse von Lynn Kendrick. Kommen Sie schon. Bitte.“
„Das ist kein Problem. Kendrick hat letzte Woche den Preis für den besten Magen gekriegt. Sind Sie so weit? Frankfurter Würstchen mit Sauerkraut, Pommes frites, Coca-Cola, Opium, Sperma. Guter Gott, ein tolles letztes Abendmahl.“ (Auszug S.544)

James Ellroy ist ein Kind der Stadt, wurde 1948 in Los Angeles geboren. Als er zehn Jahre alt war, wurde seiner Mutter bei einem Sexualverbrechen ermordet. Dieser Mord, der nie aufgeklärt wurde, übt seither eine große Bedeutung auf Ellroy aus. Er wuchs danach beim Vater auf, gerät später als Jugendlicher und junger Erwachsener auf die schiefe Bahn. Kleinkriminalität, Obdachlosigkeit, Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Kleinere Haftstrafen, Psychosen, lebensbedrohliche Erkrankungen. Erst Ende der 1970er schafft Ellroy die Abkehr aus diesem Teufelskreis, jobbt als Caddy und beginnt zu schreiben. 1981 erscheint „Brown‘s Requiem“. Der endgültige Durchbruch gelingt ihm erst später mit dem L.A.-Quartett, vier hartgesottene Thriller über L.A. Ende der 1940er und in den 1950ern, beginnend mit „Die schwarze Dahlie“. „L.A. Confidential“ ist der dritte Band, der bis heute die meiste Aufmerksamkeit genießt, vermutlich durch die großartige Verfilmung von Curtis Hansen mit Russell Crowe, Kevin Spacey, Guy Pearce und Kim Basinger (Oscar für die beste Nebendarstellerin). Das Drehbuch zum Film (Curtis Hansen und Brian Helgeland gewannen den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch) verzichtet allerdings sinnvollerweise auf die meisten Nebenstränge, mit denen Ellroy im Buch jongliert.

Als Angeleno und Chronist seiner Stadt spielt L.A. bei Ellroy natürlich eine große Rolle. Sowohl das erste als auch das zweite L.A. Quartett setzen sich mit der (Kriminal-) Geschichte der Stadt auseinander. In „L.A. Confidential“ bewegen sich die Protagonisten überwiegend im Norden und Westen der Stadt. So liegt das fiktive Nite Owl an der Ecke Hollywood Blvd. / Cherokee. Der Großteil der Geschichte spielt sich im Raum zwischen West Hollywood, Hollywood Hills, Wilshire Boulevard und Downtown ab. Interessant ist, dass man einigen Figuren bei Fahrten durch die Stadt begleiten kann. Zudem kündigen sich im Verlauf des Romans planerische Großprojekte an oder werden umgesetzt: Die Eröffnung von Disneyland 1955 („Dream-a-Dreamland“ im Roman) oder die Planung und Errichtung des südkalifornischen Freeway-Netzes.

 

Rezension und Titelfoto von Gunnar Wolters | Fotos von L.A. von Andy Ruhr

L.A. Confidential – Stadt der Teufel | Erschienen 1990
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Ullstein Verlag
Originaltitel: L.A. Confidential | Übersetzung aus dem Englischen von Hans H. Harbort
ISBN 978-3-548-29008-9
720 Seiten | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe