Kategorie: Gunnar Wolters

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Im März 2026 stand auf einmal ein Roman an der Spitze der Krimibestenliste, der frischen Wand in der deutschen Krimilandschaft versprach: „Heaven’s Gate“ von Daniel Faßbender spielt auf den Philippinen in der Surferszene. Es gab ein paar sehr wohlwollende Besprechungen und mit „Surf Noir“ hatte man direkt ein Subgenre parat.

Bei „Surf Noir“ habe ich dann aufgemerkt und gedacht, da gibt es doch schon was. Erwähnt sei hier zum einen der legendäre Thriller „Gefährliche Brandung“ („Point Break“ im Original) von Kathryn Bigelow mit Keanu Reeves und Patrick Swayze in den Hauptrollen. Vorlage für den Film war übrigens der Roman „Tapping The Source“ (dt. „Wellenjagd“) von Kem Nunn aus dem Jahr 1984, sowas wie der Ursprung des Surf Noir. Und dann ist mir aufgefallen, dass ich auch noch auf meinem SuB-Stapel etwas dazu habe: „Pacific Private“ von Don Winslow, der erste Roman mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels in San Diego. Und damit ergab sich doch direkt die Gelegenheit für eine Doppelrezension.

Don Winslow | Pacific Private

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, der aufgrund eines alten Falles um ein nie gefundenes Kind, das vermutlich in den Fängen eines Kinderschänders war und dessen Schicksal ihm immer noch nachhängt, den Dienst quittierte. Stattdessen schlägt er sich als Privatdetektiv und als Besitzer eines Surfshops durch, vor allem aber surft er jeden Tag morgens mit seinen Freunden, einer eingefleischten Surfgang – der Dawn Patrol.

Eines Tages sucht ihn die Anwältin Petra Hall auf, damit Boone eine Zeugin für einen Versicherungsbetrug findet. Das kommt Boone allerdings ziemlich ungelegen, macht sich die ganze Surfszene doch für die vermeintlich besten Wellen aller Zeiten in den kommenden Tagen bereit. Doch er kann die attraktive wie durchsetzungsstarke Petra nicht abwimmeln und ein bisschen leichte Kohle verdienen ist auch nicht verkehrt. Doch als Boone auf der Suche nach der Stripperin Tammy Roddick einen Hinweis auf ein Motel findet und beim Eintreffen dort feststellt, dass eine Kollegin von Tammy dort vom Balkon in den Tod gestürzt wurde, dämmert ihm, dass der Auftrag deutlich komplizierter und gefährlicher wird.

„Wissen Sie, wann Mr. Daniels hier sein wird?“
„Nein. Sie?“
Petra schüttelt den Kopf. „Deshalb frage ich Sie.“
Cheerful blickt von seiner Abrechnung auf. Das Mädchen lässt sich keinen Scheiß bieten. Cheerful gefällt das, deshalb sagt er: „Ich will Ihnen was erklären, Boone hat keine Armbanduhr, er richtet sich nach dem Sonnenstand.“
„Darf ich daraus schließen, dass Mr. Daniels zu den eher entspannten Zeitgenossen gehört?“
„Wäre Boone noch entspannter“, sagt Cheerful, „könnte er nicht mehr aufrecht stehen.“ (Auszug S. 26-27)

„Pacific Private“ („The Dawn Patrol“ im Original) ist der erste von zwei Romanen mit Boone Daniels als Hauptfigur. Wie häufig schreibt Winslow schnell, in kurzen Sätzen, kurzen Kapiteln, im Präsens, mit vielen Perspektivwechseln und einer allwissenden Erzählstimme, die uns direkt in die Figuren eintauchen lässt. Die Schauplätze sind neben dem Pazifischen Ozean zahlreiche Orte im San Diego County, zumeist in Strandnähe entlang des Highway 101. Neben des eigentlichen Kriminalfalls spielt bis zum Schluss die große Wellenfront und die freundschaftlichen Beziehungen innerhalb der Dawn Patrol eine große Rolle im Roman.

Boone Daniels‘ Auftrag führt ihn letztlich nicht nur zu einem schnöden Versicherungsbetrug, sondern wird deutlich düsterer und gewalttätiger, als man es vielleicht von der Surferszene erwartet. Autor Don Winslow gelingt es auch in diesem Roman, seinem Thriller einen enormen Sog zu verleiten. Und damit ist nicht nur die Strömung im Ozean gemeint, der Einzig kritisch möchte ich anmerken, dass der Autor es manchmal etwas übertreibt und durch den plaudernden Erzähler fast jeder Figur und einigen Schauplätzen ein paar Seiten Hintergrundinfos und eine Anekdote gönnt. Auch sind einige der Figuren mit ziemlich skurrilen Biografien ausgestattet. Dennoch wird der Lesefluss für mich nicht nachhaltig gestört, sondern die durchgehende Spannung wird kurz danach wieder aufgegriffen. Insgesamt verkörpert der Roman eine sehr gelungene Mischung aus Coolness, Humor, Ernsthaftigkeit und Gewalt.

Daniel Faßbender | Heaven’s Gate

Der frühere deutsche Profisurfer Caruso lebt inzwischen auf Surogao, eine Insel der Philippinen. Dort stürzt er sich regelmäßig in die Wellen dieses Surfspots und verdingt sich mehr schlecht als recht als Gelegenheitsprivatdetektiv, fristet allerdings ein Leben von der Hand in den Mund. Die attraktive und reiche Spanierin Ángel will allerdings ausgerechnet ihn verpflichten, ihren vermissten Sohn Juan zu finden, da die korrupte Polizei keine Hilfe zu sein scheint. Caruso nimmt die Aufgabe an, ermittelt zunächst im Surfermilieu, in dem sich Juan wohl auch bewegte. Allerdings ist die Insel Surogao nicht nur bei Surfern ein Hot Spot, sondern auch zunehmend im internationalen Drogenhandel. Und so gerät Caruso schnell in eine äußerst gefährliche Situation.

Währenddessen ist in Deutschland Dietmar „Diego“ Miehle, ehemaliger Zuhälter und Kokskönig auf St. Pauli nach langer Haft wieder auf freiem Fuß. Der alternde Ex-Gangster glaubt nun, mit einer (Auto-)Biographie ein gutes Auskommen erreichen zu können, muss allerdings feststellen, dass ein Verlag abspringt und auch sonst kaum jemand auf ihn gewartet zu haben scheint. Da meldet sich Caruso bei ihm, denn er ist einer der letzten Kontakte auf Juans Handy. Juan ist Diegos Sohn, er hatte allerdings bis vor einigen Wochen keinen Kontakt. Diego hat eine Ahnung, was sein Sohn auf Surogao vorhatte und kann Caruso einige Insidertipps geben.

Ich schlief bis in den Nachmittag und träumte von Hawaii, dem Gecko im Wasserspender und Fuerteventura. Ein wirrer Alptraum, vielleicht auch mehrere, die flirrend ineinander übergingen. Die Angst, alles zu verlieren, was wir etwas bedeutete, ließ mich mit rasendem Herzen aufwachen. Als mir einfiel, dass ich bereits alles verloren hatte, beruhigte es sich wieder. (Auszug S. 120)

„Heaven’s Gate“ ist Daniel Faßbenders erster Krimi. Der Autor debütierte 2018 mit seinem Roman „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ und möchte nun im Krimigenre reüssieren. Das könnte auch durchaus aufgehen, denn dieser Surfer-Krimi bringt frischen Wind in die deutsche Krimiszene, die sich bei den Schauplätzen in der Regel nicht so weit von der Heimat entfernt. Die (fiktive) philippinische Insel und vor allem die Surfspots sind reizvoll beschrieben. Auch die Themen Gewalt, Korruption, Drogenhandel werden angemessen und spannend behandelt.

Nicht ganz optimal fand ich allerdings die Figuren des Romans. Schon Caruso als Hauptfigur gefiel mir eigentlich auf dem Surfbrett am besten, an Land hatte der Privatdetektiv für meinen Geschmack Mühe, sich aus den Reminiszenzen an andere hardboiled detectives (finanziell klammer Einzelgänger, dem Alkohol sehr zugeneigt, begibt sich voller Naivität in den Fall (obwohl er es besser wissen müsste), schläft mit der schönen Auftraggeberin usw.) zu befreien. Zudem gibt es aus meiner Sicht nicht allzu sehr ausgereifte Nebenfiguren, die nur kaum aus der Eindimensionalität hervortreten wie der russische Oligarchensohn, die korrupte Politik und Polizei, die schöne, reiche Mutter des Vermissten und andere. Auch Diego kommt mir oftmals eher als „Comic relief“ vor, denn als ernsthafte Figur.

„Heaven’s“ Gate lässt mich etwas hin- und hergerissen zurück. Einerseits sicherlich ein ordentliches Krimidebüt. Lässig-flüssiger Stil, liest sich locker weg. Kann mit glaubwürdiger Surfer Attitude punkten. Bringt ein unverbrauchtes, tropisches Setting, aber verschweigt nicht die Schattenseiten und das zu bestimmten Jahreszeiten miese Wetter. Andererseits werden hier an einigen Stellen die Klischees bemüht, die Figuren bleiben manchmal flach und im Plot wird zum actionhaften Schluss für meinen Geschmack manches zu hopplidahopp und nicht mehr ganz glaubhaft forciert.

Der Roman stand – wie gesagt – im März an der Spitze der auch von mir gern als Hinweis genutzten Krimibestenliste. Winslows Surfer-Cop Boone Daniels wurde in der Kritik als Referenz genannt. Faßbender selbst verweist in einem Verlagsinterview auf Hammett und Fauser als Vorbilder. Nun, der Roman war wirklich ganz gut, sicherlich über dem Krimi-Einheitsbrei. Aber auf der „Hardboiled & Noir Road“ zu diesen Vorbildern sind noch einige Schritte zu laufen.

 

Fotos & Rezensionen von Gunnar Wolters.

Pacific Private | Erschienen 2009 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46096-2
396 Seiten | 9,99 € (aktuell nur antiquarisch lieferbar)
Originaltitel: The Dawn Patrol | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Wertung: 4,5 von 5

Heaven’s Gate | Erschienen am 17.02.2026 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5

Ellen Dunne | Die schlafenden Hunde von Dublin (Band 5)

Ellen Dunne | Die schlafenden Hunde von Dublin (Band 5)

Nach ihrer längeren Auszeit in Irland kehrt Kriminalkommissarin Patsy Logan wieder nach München zurück, um ihren Dienst in der Mordkommission wieder aufzunehmen. Doch kaum ist sie wieder in der bayrischen Landeshauptstadt, erfährt sie vom Tod von Fergal Massey, eines alten Freundes ihres Vaters. Dieser wurde in Dublin erschossen aufgefunden, ausgerechnet nachdem der Ire zum ersten Mal seit Jahrzehnten wieder heimatlichen Boden betreten hatte. Patsy wird sogar als Zeugin von ihren Kollegen befragt, denn Fergal, Inhaber eines Irish Pubs in München, hinterlässt ausgerechnet ihr einen Großteil seines Vermögens, zu dem auch Grundstücke und Immobilien in Irland zählen. Außerdem wurde beim Toten ein altes Foto gefunden. Darauf Fergal, Patsys Vater Arthur, Mannix Sheridan – ein weiterer alter Freund – und die jugendliche Patsy.

Sie riskiert einen Blick aus dem Fenster. Über ihr die Straßenbeleuchtung, rechts vom Auto fliegen straff gespannte Metallseile vorbei. Aha. Sie überqueren den Fluss auf die Nordseite der Stadt. Auf dieser Brücke, die von Weitem aussieht wie eine Harfe. Ihr Name? Hat sie vergessen. Und wie hieß der verfluchte Fluss nochmal? Und was haben sie überhaupt auf der Dubliner Nordseite zu suchen? Sie gehört doch in den Süden. „Wir sind hier falsch“, hört sie sich sagen. Ihre Worte verlaufen ineinander wie Schlieren. „Wir müssen umkehren.“ (Auszug S. 6)

Patsy reist zur Beisetzung nach Irland. Die Todesumstände von Fergal Massey und das Foto lassen in Patsy wieder das alte Trauma wieder aufreißen: Das Verschwinden ihres Vaters 1993 in Irland. Arthur Logan litt unter manisch-depressiven Schüben, er verschwand damals und wurde nie gefunden, eine Spur führte zu den Klippen über der irischen See. Nun wurde sein alter Freund ermordet, als dieser offenbar einige Dinge in der Heimat zu erledigen hatte. Patsy will Antworten, doch die Hinterbliebenen und vor allem der letzte noch lebende Freund Mannix Sheridan geben sich bedeckt. Natürlich gibt sich Patsy damit nicht zufrieden und forscht in die Vergangenheit, als ihr Vater das Familien-Logistikunternehmen von der bayrisch-österreichischen Grenze damals bis nach Irland ausdehnte und scheinbar gute Geschäfte machte. Doch bei guten Geschäften Anfang der 1990er in Irland waren kriminelle Verbindungen nicht weit.

Der eisige Charme der Irischen See ist schwer zu erklären. Wie sie einen anlockt mit ihrer samtigen Oberfläche, ihre Farben wechselt wie ihre Launen, wie sie in der Sonne verführerisch glitzert. Wenn nicht gerade ein Sturm geht, scheint ihr nichts ferner zu liegen als das aufbrausende Temperament des Atlantiks drüben an der Westküste. (Auszug S. 167)

„Die schlafenden Hunde von Dublin“ ist inzwischen der fünfte Band um die Münchner Kommissarin Patrizia, genannt Patsy, Logan mit deutscher Mutter und irischem Vater (von den Kollegen und Fans der Reihe aufgrund eines alten Vorfalls auch anerkennend-spöttisch „Frau der Stunde“ genannt) . Von Beginn an waren die Gemütszustände der Hauptfigur neben dem Kriminalplot ein wichtiger Bestandsteil der Romane der österreichischen Autorin Ellen Dunne, die inzwischen seit längerem in der Nähe von Dublin lebt. Die Ich-Erzählerin Patsy ist allerdings auch ein wesentlicher Garant für den Erfolg der Reihe, denn die (selbst-)ironisch-schlagfertigen bis zynischen Kommentare und Gedanken der Kommissarin machen die Krimis sehr reizvoll. Der verschwundene Vater zieht sich als Patsys Trauma schon von Beginn an durch die Reihe, nun erhält sie zum ersten Mal die realistische Chance zu ergründen, was damals wirklich mit ihrem Vater geschehen ist. Wie schon in der Vergangenheit steckt Patsy dabei ihre Nase tief in gefährliche Angelegenheiten und gerät dabei auch weit außerhalb ihres Zuständigkeitsbereichs.

Die Docklands, ein heimeliges Gruselkabinett, das nur noch in meiner Erinnerung existierte. Inzwischen waren Lagerhallen den Bürogebäuden für die Multinationals aus Finanz- und Techindustrie gewichen, das alte Gasometer ein vollverglaster Appartementturm, dessen Mieten sich nur die Mitarbeiter besagter Unternehmen leisten konnten. Die alten Cottages und Backsteinhäuser der Dockarbeiter südlich des Flusses wirkten wie letzte Widerstandsnester, eingezwängt in einen Kordon aus Stahl, Beton und Glas. (Auszug S. 202)

Der Roman präsentiert sich als gelungene Reihenfortsetzung. Der Schauplatz Dublin wird erneut als reizvolles Setting präsentiert (siehe die Bilder mit Textauszügen). Und das Wichtigste: Ellen Dunne behält ihren intelligent-knappen, lakonisch-lässigen Schreibstil bei und liefert für die treuen Leser endlich eine Antwort auf die Frage: „Was geschah mit Arthur Logan?“ Das bedeutet allerdings für Neueinsteiger, dass sie diese Reihe in chronologischer Reihenfolge lesen sollten. Das ist bei dieser Reihe aber nun wahrlich keine Bürde.

 

Fotos von H. Wolters | Rezension von Gunnar Wolters

Die schlafenden Hunde von Dublin | Erschienen am 19.02.2026 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen auf Kaliber.17 zu der Reihe um Patsy Logan

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Sophie Sumburane | Keine besonderen Auffälligkeiten

Zu den harten Fakten: Von Oktober 1989 bis April 1991 verübte ein Serienmörder in Brandenburg südöstlich von Berlin insgesamt sechs Morde und beging drei weitere Mordversuche. Die Taten waren auch mit sexuellem Missbrauch bzw. Vergewaltigung verbunden. Die Taten und die Suche nach dem Täter wurden von der Presse intensiv verfolgt, man gab ihm den Namen „Rosa Riese“ oder „Bestie von Beelitz“. Die Berichterstattungen während der Suche und später während des Prozesses von bestimmten Boulevardmedien wurden anschließend stark kritisiert. Im August 1991 wurde schließlich ein Mann in Damenbekleidung von zwei Joggern überwältigt und der Polizei übergeben. Dort gestand Wolfgang Schmidt, ehemaliger Volkspolizist, die Taten. Während des Prozesses wurde bekannt, dass Schmidt einen extremen sexuellen Fetischismus entwickelt hatte. Später ließ Schmidt ihre Transgeschlechtlichkeit bekanntgeben und erfolgreich die Geschlechtszuordnung ändern. Sie heißt seitdem Beate Schmidt und ist immer noch im Maßregelvollzug untergebracht.

Die Potsdamer Autorin Sophie Sumburane hat sich dieses Stoffes angenommen und daraus einen True Crime-Roman verfasst. Sie beginnt den Roman in Deetz, einem kleinen Ort an der Havel zwischen Potsdam und Brandenburg, Anfang Oktober 1989. Hedi, eine junge Frau aus dem Dorf, badet wie viele aus der Gegend gerne in den Erdelöchern, kleine Seen in ehemaligen Torfabbaulöchern, als sie einen Mann bemerkt, der sie beobachtet. Sie entkommt mit einem Schrecken, der Mann greift sie nicht an, verhält sich aber merkwürdig. Zwei Wochen später wird in der Bungalowsiedlung nahe der Erdelöcher eine 51jährige Frau ermordet, die Hedi auch kannte. Die Bewohner aus Deetz reagieren schockiert, neben Hedi auch ihre beste Freundin Gabi. Die Polizei der untergehenden DDR ist mit dem Fall überfordert, verdächtigt unter anderem den Ehemann, obwohl der überhaupt nicht zu der Beschreibung des Täters passt, der einem Zeugen in der Siedlung aufgefallen ist.

Der Roman konzentriert sich in der Folgezeit stark auf die beiden Frauen und Ich-Erzählerinnen Hedi und Gabi, die sich durch den Wandel in der DDR und der später erfolgenden Wiedervereinigung in einer komplizierten Lebensphase befinden. Die scheinbar vorgezeichneten Pfade der DDR mit Ausbildung und Beruf gelten nicht mehr, man ist nun aber auch etwas überfordert mit der Freiheit. Gerade die Elterngeneration findet sich nur schwer in der neuen Bundesrepublik zurecht. Und nun geht die Angst vor dem Mörder um, der das Dorf lähmt, in die heile Welt eindringt. Hedi flüchtet mit ihrem Freund Erich nach Berlin. Doch dort lässt er sie nicht mehr aus der Wohnung, steigert sich in Beschützerinstinkte, wird ihr gegenüber körperlich. Irgendwann glaubt Hedi, dass er der Gesuchte ist. Gabi hingegen nutzt die neue Freiheit, bewirbt sich erfolgreich um ein Praktikum bzw. Volontariat bei der Bild-Zeitung. Dort will sie auf den Fall des Mörders und vermutlichen Serientäters aufmerksam machen, scheitert aber zunächst am Desinteresse der Redaktion. Erst der Doppelmord an einer Mutter und ihres Säuglings lässt das Interesse des Boulevards umso heftiger entfachen. Währenddessen versucht Gabi, Hedi aus ihrem „Gefängnis“ mit Erich zu befreien.

Die Autorin nutzt die beiden Frauen und ihr Umfeld, um die einschneidenden Erfahrungen der Wendezeit deutlich zu machen. Ein gewohntes Umfeld, dass sich plötzlich stark verändert. Eine neu gewonnene Freiheit, die auch erstmal verunsichert. Ein Konsumrausch, dem viele nicht gewachsen sind. Die staatliche Ordnung der DDR, die vom Übergang überfordert ist. Existenzängste. Die Bundesrepublik als Ellbogengesellschaft. Die niederen Instinkte des Boulevardjournalismus. Hinzu kommen die Taten des Serienmörders, die verstören und Angst machen, die als westlich importiert empfunden wurden, obwohl, wie sich später herausstellt, der Täter in der DDR unter ihnen sozialisiert wurde. Der Täter selbst kommt übrigens nur selten durch knappe, kurze Abschnitte – zumeist Aussagen aus dem Polizeiverhör – vor. Der Fokus liegt weniger auf den Taten und gar nicht auf den Ermittlungen, eher auf den Opfern, denen ein gewisser Platz eingeräumt wird, vor allem aber auf der gesamtgesellschaftlichen Situation der Wendezeit und der damit verbundenen Umwälzungen, in der diese Taten stattfanden und was diese dadurch für ein Echo auslösten. Das macht den Roman zu einer lesenswerten Studie über ein aufsehenerregendes Verbrechen in Zeiten gesellschaftlicher Umbrüche.

„Ich glaubte, ich wollte beim Aufklären helfen, weil irgendwie keiner so richtig etwas tat, doch jetzt weiß ich, eigentlich war es meine Angst, die mich antrieb. […] Es war die Angst, die mich zwang zu verstehen zu wollen, wovor ich Angst haben musste. Ich hatte das Gefühl, ich würde erst wieder angstfrei sein, wenn ich jeden Moment mit Gewissheit wusste, wo er war. Doch nun sind Monate vergangen, ohne dass ich mehr weiß, eine weitere Frau wird vermisst und ein weiteres Mal scheint sie vergessen zu werden.“ (Auszug S. 212)

Über die Recherchen von Sophie Sumburane wurde zudem auch eine dreiteilige Dokumentarserie („Rosa Riese“) der Reihe „ARD Crime Time“ produziert. Ein Kamerateam begleitet die Autorin bei der Befragung von Zeitzeugen und auf Spurensuche in der Region. Zudem werden Archivbeiträge eingespielt. Im Gegensatz zum Buch spielen die Polizeiermittlungen und der Täter eine größere Rolle. Insofern eine interessante Ergänzung zum Roman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Keine besonderen Auffälligkeiten | Erschienen am 02.03.2026 in der Edition Nautilus
ISBN 978-3-96054-478-4
296 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarserie „Rosa Riese“ in der ARD-Mediathek

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Er erwähnte das Beten oft, und auch wenn ich keine Kirchgängerin war, lebte ich noch immer in Pennsylvania, und hier kam es gar nicht gut an, wenn man Religion verunglimpfte. Gekündigte Freundschaften, zerbrochene Familien – alles vorgekommen. Mir war beten schon immer wie eine Ausrede erschienen, um es zu vermeiden, Initiative ergreifen zu müssen oder harten Wahrheiten ins Auge zu sehen. Aber in Locksburg behielt man solche Zweifel für sich und schluckte jeglichen Spott runter. (Auszug S. 166)

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Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy ist seit langem als Autor politischer Kriminalromane bekannt. Der Franzose aus Rouen ist seit „Der Block“ (3. Rang Deutscher Krimipreis 2018) auch in Deutschland ein Begriff als außerordentlich politischer Autor, der eine Machtergreifung der politischen Rechten in seinen Werken vorausahnt. In seinen Noir-Krimis nennt er die Rechten „Patriotischer Block“, aber jeder weiß, wer gemeint ist. „Der Block“ las sich fast als Schlüsselroman für den Aufstieg des damaligen „Front National“, heute „Rassemblement National (RN)“, in eine politische Führungsrolle. Dieses Szenario inclusive bestimmter Figuren hat er in weiteren Romanen wieder aufgegriffen, zuletzt erschien im letzten Jahr „Die letzten Französin“ in deutscher Übersetzung.

Nun könnte man sagen, dass Leroy schon seit 15 Jahren den Teufel an die Wand malt, sprich eine Machtübernahme durch oder in Beteiligung der Faschisten in Frankreich postuliert, die aber bis heute nicht stattgefunden hat. Wer allerdings die Verhältnisse in Frankreich ein wenig verfolgt, wird feststellen, dass dort die Situation noch deutlich prekärer ist als in Deutschland und der Autor womöglich nur seiner Zeit voraus. Der RN hat bereits das ganze Land betrachtet die Mehrheit der Stimmen und die demokratische Mitte schrumpft weiter durch stärkere linksextreme Gegenströmungen. Präsident Macron hat keine eigene parlamentarische Mehrheit mehr und seit der letzten Wahl der Nationalversammlung 2024 bereits den dritten Ministerpräsidenten berufen.

Sein Name wird in „Die kleine Faschistin“ nicht genannt, Leroy und die Figuren nennen den Präsidenten nur den „Verrückten“. Dieser hat sich im Élysée-Palast abgekapselt, ist politisch isoliert, agiert zunehmend erratisch und hat mal wieder das Parlament aufgelöst. Er hat eine konservative Frau zur Ministerpräsidentin ernannt und erkennt nicht, dass diese die Sicherheitskräfte an sich bindet und ihr eigenes Spiel spielt – kurz vor den nächsten Wahlen. Der Roman spielt im heißen Sommer (der Klimawandel!) in der fiktiven Küstenstadt Frise nahe Dünkirchen und der belgischen Grenze. Die beiden Hauptfiguren sind Francesca Crommelynck und Patrick Bonneval.

Sie ist eine blonde, attraktive, großgewachsene 20jährige, in einem rechtsradikalen Elternhaus aufgewachsen und früh als „kleine Faschistin“ sozialisiert. Sie ist aktives Mitglied der Schlägertruppe „Löwen von Flandern“, die natürlich den Patriotischen Block unterstützt. Ihr Trauma ist der Verlust ihrer Jugendliebe Jugurtha, Sohn eines Kommunisten, und ihres älteren Bruders kurz hintereinander, als sie 14 war. Jugurtha wurde in den Dünen ermordet, ihr Bruder Nils starb im Kugelhagel eines gescheiterten Waffen-Drogen-Deals zwischen Faschisten und der Mocro-Mafia. Im Laufe des Romans wird sie das versteckte Tagebuch ihres Bruders finden und sie in eine Krise stürzen. Bonneval hingegen ist ein fast 60jähriger alteingesessener Abgeordneter der Sozialistischen Partei, der von einer Spin Doktorin zum Dark Horse für den Ministerpräsidentenposten gekürt wurde, um dann festzustellen, dass das Wahlbündnis mehrerer Linksparteien in seinem Wahlkreis dieses Mal einen Kommunisten als Gegenkandidat zum Block aufstellt. Das lässt die sowieso schon aufkeimende Mid-Life-Crisis von Bonneval nochmal zusätzlich aufblühen. Francesca und Bonneval werden im Laufe der Handlung aufeinandertreffen, mehr sei an dieser Stelle nicht gespoilert.

Jérôme Leroy erzählt den kurzen, knackigen Roman mit Hilfe eines allwissenden Erzählers, der hier und da ein wenig spoilert, an anderer Stelle in die Vergangenheit schweift, aber über weite Strecken im Präsens erzählt. Dabei nimmt er einen durchaus amüsanten, gar nicht so ernsthaften Ton, der weniger politisch moralisiert, sondern unterhalten will. Schon die einleitende Szene ist skurril-großartig, als ein Auftragskiller eine Ferienhaussiedlung auf der Suche nach Patrick Bonnevals Haus durchstreift, sich aber in der Tür irrt und in eine Drogen- und Sexparty junger Leute platzt. Er entledigt sich fast seufzend der Zeugen, ehe er selbst durch die Schrotflinte einer Nachbarin endet. Alles äußerst detailliert und urkomisch beschrieben.

So eine Scheiße aber auch.
Victor Serge zieht seine Glock. Er schießt, und Maéva Dupuis, dreiundzwanzig Jahre alt, kurz vor ihrem zweiten Jahr in einer Handelsschule in Amiens stehend, stirbt.
Der Schalldämpfer hat in der Rue de Dunes doch ziemlich gedröhnt. Victor Serge hofft gleichwohl, dass die Musik – jetzt gerade läuft Vomit Candy von Johnny Mafia – den Lärm übertönt hat. Das wäre angesichts der überbordenden Energie der Band aus Sens möglich.
Leider nein. (Auszug aus Kap.2)

Vor ein paar Jahren gab es mal einen kleinen Trend im Krimigenre, vorwiegend von irischen und britischen Autoren, den „Screwball Noir“. „Die kleine Faschisten“ müsste man daran angelehnt als „Screwball Polar“ bezeichnen – ein äußerst flotter, kurzweiliger satirischer Roman mit viel Wortwitz und skurriler Handlung. In diesem Falle bleibt dem Leser aber ein bitterer Beigeschmack, den es geht im Hintergrund immer um ein zutiefst gespaltenes Frankreich, die Demokratie schwebt über dem Abgrund. Das ist aber dennoch sehr originell und gelungen umgesetzt und unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die kleine Faschistin | Erschienen am 02.03.2026 bei Edition Nautilus
978-3-96054-476-0
152 Seiten | 18,- €
Originaltitel: La petite fasciste | Übersetzung aus dem Französischen von Cornelia Wend
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Der Block“ von Jérôme Leroy