Kategorie: Gunnar Wolters

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Ken Jaworowski | What About The Bodies

Er erwähnte das Beten oft, und auch wenn ich keine Kirchgängerin war, lebte ich noch immer in Pennsylvania, und hier kam es gar nicht gut an, wenn man Religion verunglimpfte. Gekündigte Freundschaften, zerbrochene Familien – alles vorgekommen. Mir war beten schon immer wie eine Ausrede erschienen, um es zu vermeiden, Initiative ergreifen zu müssen oder harten Wahrheiten ins Auge zu sehen. Aber in Locksburg behielt man solche Zweifel für sich und schluckte jeglichen Spott runter. (Auszug S. 166)

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Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy | Die kleine Faschistin

Jérôme Leroy ist seit langem als Autor politischer Kriminalromane bekannt. Der Franzose aus Rouen ist seit „Der Block“ (3. Rang Deutscher Krimipreis 2018) auch in Deutschland ein Begriff als außerordentlich politischer Autor, der eine Machtergreifung der politischen Rechten in seinen Werken vorausahnt. In seinen Noir-Krimis nennt er die Rechten „Patriotischer Block“, aber jeder weiß, wer gemeint ist. „Der Block“ las sich fast als Schlüsselroman für den Aufstieg des damaligen „Front National“, heute „Rassemblement National (RN)“, in eine politische Führungsrolle. Dieses Szenario inclusive bestimmter Figuren hat er in weiteren Romanen wieder aufgegriffen, zuletzt erschien im letzten Jahr „Die letzten Französin“ in deutscher Übersetzung.

Nun könnte man sagen, dass Leroy schon seit 15 Jahren den Teufel an die Wand malt, sprich eine Machtübernahme durch oder in Beteiligung der Faschisten in Frankreich postuliert, die aber bis heute nicht stattgefunden hat. Wer allerdings die Verhältnisse in Frankreich ein wenig verfolgt, wird feststellen, dass dort die Situation noch deutlich prekärer ist als in Deutschland und der Autor womöglich nur seiner Zeit voraus. Der RN hat bereits das ganze Land betrachtet die Mehrheit der Stimmen und die demokratische Mitte schrumpft weiter durch stärkere linksextreme Gegenströmungen. Präsident Macron hat keine eigene parlamentarische Mehrheit mehr und seit der letzten Wahl der Nationalversammlung 2024 bereits den dritten Ministerpräsidenten berufen.

Sein Name wird in „Die kleine Faschistin“ nicht genannt, Leroy und die Figuren nennen den Präsidenten nur den „Verrückten“. Dieser hat sich im Élysée-Palast abgekapselt, ist politisch isoliert, agiert zunehmend erratisch und hat mal wieder das Parlament aufgelöst. Er hat eine konservative Frau zur Ministerpräsidentin ernannt und erkennt nicht, dass diese die Sicherheitskräfte an sich bindet und ihr eigenes Spiel spielt – kurz vor den nächsten Wahlen. Der Roman spielt im heißen Sommer (der Klimawandel!) in der fiktiven Küstenstadt Frise nahe Dünkirchen und der belgischen Grenze. Die beiden Hauptfiguren sind Francesca Crommelynck und Patrick Bonneval.

Sie ist eine blonde, attraktive, großgewachsene 20jährige, in einem rechtsradikalen Elternhaus aufgewachsen und früh als „kleine Faschistin“ sozialisiert. Sie ist aktives Mitglied der Schlägertruppe „Löwen von Flandern“, die natürlich den Patriotischen Block unterstützt. Ihr Trauma ist der Verlust ihrer Jugendliebe Jugurtha, Sohn eines Kommunisten, und ihres älteren Bruders kurz hintereinander, als sie 14 war. Jugurtha wurde in den Dünen ermordet, ihr Bruder Nils starb im Kugelhagel eines gescheiterten Waffen-Drogen-Deals zwischen Faschisten und der Mocro-Mafia. Im Laufe des Romans wird sie das versteckte Tagebuch ihres Bruders finden und sie in eine Krise stürzen. Bonneval hingegen ist ein fast 60jähriger alteingesessener Abgeordneter der Sozialistischen Partei, der von einer Spin Doktorin zum Dark Horse für den Ministerpräsidentenposten gekürt wurde, um dann festzustellen, dass das Wahlbündnis mehrerer Linksparteien in seinem Wahlkreis dieses Mal einen Kommunisten als Gegenkandidat zum Block aufstellt. Das lässt die sowieso schon aufkeimende Mid-Life-Crisis von Bonneval nochmal zusätzlich aufblühen. Francesca und Bonneval werden im Laufe der Handlung aufeinandertreffen, mehr sei an dieser Stelle nicht gespoilert.

Jérôme Leroy erzählt den kurzen, knackigen Roman mit Hilfe eines allwissenden Erzählers, der hier und da ein wenig spoilert, an anderer Stelle in die Vergangenheit schweift, aber über weite Strecken im Präsens erzählt. Dabei nimmt er einen durchaus amüsanten, gar nicht so ernsthaften Ton, der weniger politisch moralisiert, sondern unterhalten will. Schon die einleitende Szene ist skurril-großartig, als ein Auftragskiller eine Ferienhaussiedlung auf der Suche nach Patrick Bonnevals Haus durchstreift, sich aber in der Tür irrt und in eine Drogen- und Sexparty junger Leute platzt. Er entledigt sich fast seufzend der Zeugen, ehe er selbst durch die Schrotflinte einer Nachbarin endet. Alles äußerst detailliert und urkomisch beschrieben.

So eine Scheiße aber auch.
Victor Serge zieht seine Glock. Er schießt, und Maéva Dupuis, dreiundzwanzig Jahre alt, kurz vor ihrem zweiten Jahr in einer Handelsschule in Amiens stehend, stirbt.
Der Schalldämpfer hat in der Rue de Dunes doch ziemlich gedröhnt. Victor Serge hofft gleichwohl, dass die Musik – jetzt gerade läuft Vomit Candy von Johnny Mafia – den Lärm übertönt hat. Das wäre angesichts der überbordenden Energie der Band aus Sens möglich.
Leider nein. (Auszug aus Kap.2)

Vor ein paar Jahren gab es mal einen kleinen Trend im Krimigenre, vorwiegend von irischen und britischen Autoren, den „Screwball Noir“. „Die kleine Faschisten“ müsste man daran angelehnt als „Screwball Polar“ bezeichnen – ein äußerst flotter, kurzweiliger satirischer Roman mit viel Wortwitz und skurriler Handlung. In diesem Falle bleibt dem Leser aber ein bitterer Beigeschmack, den es geht im Hintergrund immer um ein zutiefst gespaltenes Frankreich, die Demokratie schwebt über dem Abgrund. Das ist aber dennoch sehr originell und gelungen umgesetzt und unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die kleine Faschistin | Erschienen am 02.03.2026 bei Edition Nautilus
978-3-96054-476-0
152 Seiten | 18,- €
Originaltitel: La petite fasciste | Übersetzung aus dem Französischen von Cornelia Wend
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Der Block“ von Jérôme Leroy

Henry Wise | Holy City

Henry Wise | Holy City

Die Menschen hier schienen unter einer Wolke aus Niederlagen zu leben, selbst zugefügt und ererbt. Die Weißen hatten den verlorenen Bürgerkrieg, die Schwarzen die Sklaverei. Man könnte denken, sie würden sich erbittert gegenüberstehen, aber tatsächlich hockten sie alle im selben Graben, und da draußen lauerte der Rest des Staates, der Rest des Landes. (Auszug S. 24)

Will Seems ist nach zehn Jahren, in denen er in Virginias Hauptstadt Richmond gelebt hat, in seine Heimat im Euphoria County im Süden Virginias zurückgekehrt. Vorgeblich um nach dem Tod seiner Mutter zu seinen Wurzeln zurückzukehren und das heruntergekommene Familienanwesen zu renovieren. Er ist als Deputy beim Sheriff angestellt. Eines Nachts ist Will wie so häufig schlaflos im County unterwegs, als er ein Feuer beim Haus vom Tom Janders bemerkt. Er kann Tom zwar aus dem Feuer ziehen, doch da ist dieser bereits tot, offensichtlich bereits vor Austritt des Feuers ermordet. Als Verstärkung als dem Büro des Sheriffs eintrifft, wird ein Mann bemerkt, der vom Ort des Geschehens flieht. Zeke Hathom wird festgenommen und ist fortan Verdächtiger Nr.1, hatte er doch Schulden beim Toten. Doch Will und viele andere der Gemeinde halten Zeke für unschuldig.

Will hat zudem weitere Gründe, an der Schuld von Zeke Hathom zu zweifeln, da er ein enges Verhältnis zur Familie Hathom pflegt. Zekes Sohn Sam Hathom ist Wills bester Freund und auf Will lastet eine tiefe Schuld. Vor mehr als zehn Jahren wurde der weiße Will bei einem Bad im Fluss mit dem schwarzen Sam von einer Gruppe schwarzer gleichaltriger Jugendlicher bedrängt. Sam setzte sich für Will ein und wurde brutal und lebensgefährlich verprügelt. Davon hat Sam nur schwer erholt, muss mit dauerhaften Schäden leben und findet sich nur schwer im Leben zurecht. Er wurde drogenabhängig und wird mit Haftbefehl gesucht. Will kann sich bis heute nicht verzeihen, dass er Sam nicht beigestanden hat, unabhängig davon, ob dies überhaupt möglich gewesen wäre. Er versteckt Sam seit seiner Rückkehr bei sich auf dem abgelegenen Familienanwesen, ohne dass dessen Familie davon weiß. Will möchte nun Sams Vater entlasten und stellt eigene Ermittlungen an, da der Sheriff sich bereits festgelegt hat. Dabei soll die Privatdetektivin Bennico Watts, die von einigen Familien verpflichtet wurde, Will unterstützen, worauf er sich nur widerwillig einlässt.

“Seems!”, brüllte Mills, und Will drehte sich in der Tür um. „Wenn du noch einmal deine Stimme gegen mich erhebst, knöpfe ich dir so schnell die Dienstmarke ab, dass du meinst, einen Geist gesehen zu haben.“
„Tun Sie, was Sie wollen“, sagte Will. „Aber bis dahin mache ich meinen Job.“
Damit trat er hinaus in die Hitze des Sommers. (Auszug S. 69)

Bleischwer lastet die Schuld auf diesem Will Seems, der bis in die Gegenwart sich seine Passivität von damals nicht verzeihen kann, zumal der versehrte Sam ihn auch permanent daran erinnert. Er ist in seine Heimat zurückgekehrt, doch angekommen ist er nicht wirklich, er steht zwischen den Stühlen und ist in seiner Last gefangen. Will glaubt, seine Schuld abzahlen zu können, indem er Sam vor dem Sheriff versteckt und versucht, ihn auf Entzug zu setzen. Dass sein Vater in Haft ist, verschweigt er ihm, stattdessen will er selbst die Dinge lösen, auch das gegen den Willen des Sheriffs. Wills Schuld lässt ihn nachts nicht schlafen, er durchstreift das düstere County, hört den einzigen Sender, den man dort draußen empfängt – einen religiösen Sender, der das zornige Wort Gottes verkündet. Überhaupt bewegt man sich dort im Süden Virginias in einem Landstrich, der rau und unwirtlich wirkt. Nicht nur auf Will lastet eine bleierne Schwere, nach und nach kommen weitere Dinge als Licht, auch andere haben Schuld auf sich geladen.

„Holy City“ ist übrigens ein Begriff für Richmond als Pilgerstätte für Senatoren und Abgeordnete, ehemalige Hauptstadt der Konföderierter. Zum Zeitpunkt der Geschichte stehen dort auf dem zentralen Boulevard noch die Denkmäler der großen Figuren der Südstaaten (erst 2020/2021 wurden diese demontiert). Mit diesem Roman setzt der Polar Verlag die Tradition fort, mit „Country Noir“-Romanen das ländliche Amerika, das sogenannte Herzland zu porträtieren. Abgehängte Gegenden, der Blick geht eher zurück als nach vorn. Gegenden, aus denen der aktuelle Präsident beträchtliche Teile seiner Wählerschaft zieht. „Holy City“ reiht sich in diese Erzählungen ein, besticht durch seine Beschreibungen von Landschaft und Menschen, erzählt überzeugend von Heimat und der Schwierigkeit des Zurückkommens und vor allem von der Last von Schuld, Trauer und Hass.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Holy City | Erschienen am 15.01.2026 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910918-40-5
340 Seiten | 26,- €
Originaltitel: Holy City | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Karen Witthuhn
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Martin von Arndt | Der Wortschatz des Todes

Irina Starilenko kam als Kind einer russisch-ukrainischen Familie nach Deutschland und arbeitete als Ermittlerin beim BKA. Ihr Bruder Konstantin hat sich linken Gruppierungen angeschlossen, die auch vor Straftaten nicht zurückschrecken. Um nicht kompromittiert zu werden, hat Irina ihre Stellung beim BKA aufgegeben und strebt nun eine private Anstellung in einer Wirtschaftskanzlei an. Doch nun wird sie von Konstantin um Hilfe gebeten: Sein ukrainischer Freund Oleksi wurde wegen Mordes an einem polnischen Geschäftsmann verhaftet, dem man Verbindungen bei Waffengeschäften zu Russland nachsagt. Oleksi hat den Mord sogar gestanden. Doch Konstantin weiß, dass Oleksi es nicht gewesen sein kann, hat er doch zum Zeitpunkt hunderte Kilometer entfernt mit ihm einen Brandanschlag auf ein von Nazis und Identitären benutztes Gebäude verübt. Irina und der Anwalt Julian Bergmann versuchen vergeblich, Oleksi zum Widerrufen seines Geständnisses zu überzeugen. Mit Hilfe alter Kontakte betriebt Irina nun eigene Ermittlungen und stößt auf Ungereimtheiten, insbesondere bei der Identität des Toten.

Autor Martin von Arndt hat bereits in der Vergangenheit mehrere Politthriller, zumeist mit interessantem historischem Background, veröffentlicht. So etwa „Tage der Nemesis“, in denen der Genozid an den Armeniern 1915 thematisiert wird, oder „Sojus“, der zur Zeit des Ungarn-Aufstands 1956 spielt. In diesem Roman geht von Arndt aber in die Gegenwart und beschreibt die Auswirkungen des russischen Angriffskrieges in Deutschland und den langen Arm Russlands in die Bundesrepublik. Ein Mord geschieht, ein polnischer Waffenhändler stirbt, der scheinbar mit den Russen Geschäfte gemacht hat, der Mörder ein junger Ukrainer auf der Flucht vor dem Krieg. Doch so einfach, wie sie scheinen, sind die Dinge natürlich nicht.

Die Story wird fast ausschließlich aus der Sicht Irinas erzählt. Eher widerwillig erklärt sie sich bereit, ihrem Bruder zu helfen, zu dem sie trotz engem Familiensinn ein angespanntes Verhältnis hat, weil sie wegen ihm ihre BKA-Karriere beendet hat. Irina ist eine interessante und etwas unnahbare Hauptfigur. Hochintelligent, Kampfsportlerin, intersexuell geboren, die russisch-ukrainische Familie war bei markanten geschichtlichen Momenten wie dem Holodomor oder Tschernobyl involviert, ihr Bruder ein Linksextremist, ihre 15jährige Nichte eine versierte Hackerin. Sie befindet sich in einem neuen Lebensabschnitt, wirkt etwas einsam, versucht die Beziehungen zu alten Freundinnen wiederzubeleben. Irinas Lebensgeschichte als Migrantin in Deutschland wird im Plot regelmäßig aufgegriffen.

„Und das Gesicht?“
„Deutsch.“
Irina lachte. „Was ist ein deutsches Gesicht?“
Frau Babic zuckte mit den Schultern.
„Kann ich nicht genau sagen. Eines, dass es in Deutschland oft gibt. Ich habe keins. Sie auch nicht.“
Irina lächelte. „Und ist das gut?“
Frau Babic lächelte verschmitzt zurück.
„Kommt drauf an. Wollen Sie viele Männer haben? Dann ja. Aber wollen Sie lieber nicht auffallen, wenn die Nazis wiederkommen…? Dann nicht, hm-hm.“ (Auszug S. 106)

„Der Wortschatz des Todes“ (der etwas sperrige Titel ist ein Zitat des großen ukrainischen Autors Sergij Zhadan) besticht vor allem durch einen starken Plot mit starken Dialogen sowie die Aktualität und Unverbrauchtheit des Themas. Es gibt immer wieder Erklärungen, historische Ereignisse (vor allem zum russischen Angriffskrieg und der Vorgeschichte), die erwähnt und eingeordnet werden. Dies gelingt von Arndt jedoch zumeist sehr organisch im Plot. Unverbraucht ist auch die Protagonistin Irina Starilenko, obwohl der Autor ihr vielleicht etwas zu viel in die Biografie packt. Zusammengefasst ist der Roman aber absolut überzeugend und macht Lust auf weitere Bände mit Irina und ihrem armenischen Berghund Shun (der keine große Rolle hat, aber die Handlung immer wieder charmant auflockert).

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Der Wortschatz des Todes | Erschienen am 17.09.2025 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0712-3
288 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Normalerweise gibt es an dieser Stelle in unserer Rubrik „Asservatenkammer“ eine etwas ausführliche Einordnung des Autors oder der Autorin. In diesem Fall ist das aber nicht nötig, denn mit dem Autor Eric Ambler haben wir uns in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich beschäftigt. An dieser Stelle seien die Beträge „Eric Ambler, ein Porträt“ und die zahlreichen Rezensionen zu seinen Werken sehr empfohlen. Dennoch in aller Kürze: Ambler hatte vor dem zweiten Weltkrieg zunächst in einer Werbeagentur gearbeitet, bevor er dann den Durchbruch als Thrillerautor hatte. Sein bekanntestes Werk ist bis heute sicherlich der 1939 erschienene Roman „Die Maske des Dimitrios“. Im Krieg arbeitete Ambler in der Armeefilmeinheit, legte eine Schaffenspause als Autor ein. 1951 erschient sein erster Roman nach dem Krieg, „Besuch bei Nacht“ schließlich 1956. Kurz darauf wird Ambler nach Hollywood gehen, um dort als Drehbuchautor für zehn Jahre zu arbeiten.

Der Roman beginnt im Urwald auf einer südostasiatischen Insel. Der britische Ingenieur Steve Fraser hat mehrere Jahre bei einem Staudammprojekt im fiktiven Staat Sunda gearbeitet. Sunda hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen niederländischen Kolonie gebildet. Eine ehemalige Guerillatruppe ist nun an die Regierung der jungen Republik gekommen und nutzt nun Regierungsposten und schafft zweifelhafte Verwaltungsposten, um die ehemaligen Militärs finanziell zu versorgen. Korruption und Vetternwirtschaft blühen. So sind auch einige Offiziere zum Staudammprojekt gekommen, obwohl sie über keinerlei Qualifikation verfügen. Sie machen sich wichtig und keine Freunde unter den Ingenieuren. Einzig der Major Suparto fällt Fraser positiv auf. Die Republik Sunda ist aber noch nicht vollends befriedet. Der ehemalige Oberst Sanusi, ein Muslim, hat sich zum Rebellenführer aufgeschwungen und der neuen Regierung den Kampf erklärt. Sanusi hat sich ins Hinterland zurückgezogen und ist dort schwer zu bekämpfen.

Nun läuft Frasers Vertrag aus und er möchte nun auch angesichts weiterer Gräueltaten gegen ehemalige niederländische Kolonisten die Heimreise antreten. Er verbringt ein paar letzte Tage in der Hauptstadt Selampang, um dort auf seine Papiere zur Ausreise zu warten. Ein befreundeter Pilot lädt ihn ein, in dessen Dachgeschosswohnung im Air House, einem markanten, modernen, mehrstöckigen Gebäude, in dem sich auch der zentrale nationale Radiosender befindet, zu wohnen. Fraser gönnt sich entspannte Tage, lernt in einer Bar Rosalie kennen, Tochter einer Ehe eines Europäers und einer Einheimischen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang fällt Fraser ein Jeep auf, den er Major Suparto zuordnet und ist irritiert, das Fahrzeug in der Hauptstadt zu sehen. Fraser und Rosalie verbringen die Nacht im Dachapartment. Als sie morgens aufwachen, ist plötzlich Aufruhr im Haus und Suparto steht im Apartment. Es ist ein Putsch im Gange, Suparto gehört zu Sanusis Rebellen und Fraser und Rosalie stehen ab sofort unter Hausarrest und die Wohnung ist für die Rebellen beschlagnahmt.

Ein Schweigen entstand. Rosalies Hand lag reglos in meiner.
„Das Apartment“, fuhr Suparto fort, „gehört einem australischen Piloten. Er hat es dem Engländer zur Verfügung gestellt. Ich gebe zu, die Situation ist nicht gerade angenehm.“
„Man hätte sie den Soldaten überlassen sollen“, sagte Roda gereizt. […]
Sanusi wandte sich ab, um ins Wohnzimmer zu gehen. „Die Sache ist unwichtig“, sagte er, „sie kann später gelöst werden.“ (Auszug S. 107)

Nach einer langen Schaffenspause von über zehn Jahren hatte sich Eric Ambler nach dem Zweiten Weltkrieg erst 1951 wieder mit einem neuen Roman zurückgemeldet. In „Der Fall Deltschev“ brach Ambler dann endgültig mit dem Kommunismus sowjetischen Stils, mit dem er vor dem Krieg durchaus – auch in seinen Romanen – sympathisiert hatte. In dieser zweiten Phase seines Schaffens als Autor zeitgenössischer Politthriller ging Ambler dann im Gegensatz zu manchen Kollegen weniger auf die Dynamiken der Großmächte im Kalten Krieg ein, sondern beschrieb die politischen und gesellschaftlichen Verwerfzonen an den Rändern, in „Besuch bei Nacht“ zum Beispiel im indonesischen Raum. Indonesien erlangte 1949 nach einem vierjährigen Krieg, der zumeist als Guerillakrieg geführt wurde, die Unabhängigkeit von den Niederlanden. In den Verhandlungen sollte Indonesien zukünftig als Föderation geführt werden, doch schon bald führte Präsident Sukarno das Land als Einheitsstaat, stark nationalistisch, gestützt durch das Militär und wirtschaftlich dem Kommunismus zugewandt. Damit waren die Spannungen zwischen den vielen Völkern und Religionsgemeinschaften vorprogrammiert. 1966 wurde geputscht und der durch die Amerikaner unterstützte General Suharto kam an die Macht und regierte mehr als dreißig Jahre diktatorisch.

In diesem Spannungsfeld siedelt Ambler seinen Plot an. Sein Protagonist ist wie üblich ein Unbeteiligter, dem im Verlauf der Handlung aber einiges an Verantwortung aufgebürdet wird. So ist es auch diesmal: Fraser, der anfangs sich mehr oder weniger nur unsichtbar machen will, um die Situation heil zu überstehen, gerät unter Druck, als man ihn von Seiten der Putschisten um ingenieurstechnische Hilfe bittet. Der Druck steigt noch, als er bemerkt, dass nicht alle Putschisten tatsächlich gegen die alte Regierung arbeiten. Fraser muss lavieren, um nicht nur sein Leben, sondern auch Rosalies zu retten, zu der er zunehmend Zuneigung entwickelt.

Eric Ambler schreibt wie gewohnt zurückhaltend und nüchtern, dennoch mit dosierter Spannung. Der Roman kommt stellenweise wie ein Kammerspiel daher, der Mittelteil spielt fast ausschließlich im Dachgeschossapartment. Ambler vermeidet eine klare Positionierung und eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der verschiedenen Lager, sondern beschreibt eher analytisch die schwierige Lage der Putschisten, ihren vermeintlichen anfänglichen Erfolg umzumünzen. Die Figuren bleiben ein wenig unausgegoren, aber Ambler war schon immer ein Meister die Mechanismen politischer Macht zu beschreiben und war damit damals immer auf der Höhe der Zeit oder dieser sogar voraus. Der heutige Leser muss sich aber von den aktuellen Erwartungen an einen Thriller lösen, obwohl für Amblers Verhältnisse viele Geschosse durch die Gegend fliegen. Letztlich reiht sich „Besuch bei Nacht“ nahtlos in Amblers Gesamtwerk ein und bietet intelligente Unterhaltung mit politisch-gesellschaftlichen Stoffen, die zumeist bis in die heutige Zeit Relevanz behalten haben.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Besuch bei Nacht | Erstmals erschienen 1956
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-65115-7
256 Seiten | 12,- €
Originaltitel: The Night-Comers | Übersetzung aus dem Englischen von Wulf Teichmann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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