Kategorie: gesellschaftskritischer Krimi

Denise Mina | Götter und Tiere (Band 3)

Denise Mina | Götter und Tiere (Band 3)

Der Bewaffnete ging zum Anfang der Schlange. Die Jagdhaube sah lässig aus. Und die Augen darin sahen lässig aus. Das hatte Martin wirklich getroffen: Dieser Mann hatte seine ganze Welt im Griff, er war nicht besorgt, zweifelte nicht, suchte nicht nach Halt. Er ging nicht zum Psychiater und heulte rum wie ein Mädchen. Er war lässig. (Auszug Seite 15)

„Götter und Tiere“ ist der dritte von fünf Bänden um die Glasgower Polizeiermittlerin Detective Sergeant Alexandra Morrow und ihrem Team. Die Veröffentlichung der deutschen Übersetzung des im Original bereits 2012 erschienenen Teils vervollständigt endlich die Lücke in der fünfbändigen Reihe.

Im vorweihnachtlichen Glasgow wird eine Postfiliale überfallen. In der Schlange steht auch der pensionierte Gewerkschaftler Brendan Lyons mit seinem kleinen Enkel. Der alte Herr hilft dem brutalen Verbrecher beim Einpacken des Geldes, bevor er von ihm mit einem Maschinengewehr regelrecht exekutiert wird. Vorher hatte er seinen Enkel noch in die Obhut eines anderen Kunden gegeben. Der junge Martin Pavel stand in der Schlange hinter ihm und kann nachher bei der Polizei bezeugen, dass Lyons den Täter gekannt haben muss. Nicht nur wegen der vielen Tätowierungen auf seinem Körper bleibt der angebliche Student über lange Strecken eine suspekte Figur. Am Hals trägt er zum Beispiel das von Aristoteles stammende, titelgebende Zitat „Gods and Beasts“, was so viel bedeutet wie: Wer nicht in Gemeinschaft leben kann, ist entweder Gott oder Tier.

Zur gleichen Zeit halten zwei Beamte der Strathclyde Police bei einer Verkehrskontrolle einen Kleingangster im protzigen Audi A7 an. Im Kofferraum des Drogendealers entdecken sie Plastiktüten mit jeder Menge Bargeld. Anstatt die Pfundnoten sicherzustellen, geraten sie in Versuchung und merken zu spät, dass sie in eine Falle getappt sind.

„Tun Sie mir einen Gefallen. Ich habe eine Scheißangst vor diesen Typen. Ich will nur raus. Meine Mum ist krank, sie hat nur mich. Ich meine, so wie ich es sehe, ist der Kofferraum leer…“ (Auszug Seite 32)

Sehr viel Raum nimmt der populäre Politiker Kenny Gallagher der Labourpartei ein, dessen angebliche Affäre mit einer minderjährigen Praktikantin das Ende seiner Karriere bedeuten könnte. Er kämpft um seinen guten Ruf mit der Boulevardpresse und mit seiner Frau im wahrsten Sinne des Wortes. Trotz seiner privilegierten Herkunft aus dem gehobenen Bürgerturm ist der linke Politiker sehr beliebt. Er gilt als einer, der wirklich zuhört und sich tatsächlich für die Sorgen des kleinen Mannes zu interessieren scheint. Für die Arbeiterklasse ist er einfach einer der Guten.

Als Hauptfigur steht DS Alex Morrow nie aufdringlich im Mittelpunkt. Sie ist eine zähe, intelligente Ermittlerin, die es eben nicht immer schafft, die ganze Zeit einfühlsam und sensibel zu agieren, sondern eine ganz normale, in ihrem Job hart arbeitende Frau. Als stillende Mutter von Zwillingen kämpft sie auch mit privatem Stress. Das wird aber nicht über Gebühr strapaziert. Schwierig ist die Beziehung zu ihrem kriminellen Halbbruder Danny, einem Glasgower Gangster, der als Geldwäscher für diverse Drogenbanden arbeitet. Die Geschwister mögen sich und obwohl sie auf verschiedenen Seiten stehen, überlegt Alex sogar, ob er der passende Taufpate für die Zwillinge sein könnte. Alex gesteht sich ein, dass sie Polizistin geworden ist, weil Danny ein Verbrecher und ihr Leben immer ein Spiegel von Dannys ist.

Meine Meinung
Die Geschichte wird aus verschiedenen Blickwinkeln geschildert. Erst am Ende, wenn die einzelnen Erzählstränge nachvollziehbar miteinander verzahnt werden, stellt man fest, dass alles mit allem zusammenhängt. Wobei die Auflösung auch gar nicht mal so spektakulär daherkommt, ich las die Seiten gleich noch mal, weil ich dachte, ich hätte was überlesen. Dabei geht es der schottischen Autorin in der Serie um Alex Morrow nicht primär um die Aufklärung von Verbrechen oder das Finden eines Täters. Es ist zwar auch ein Kriminalroman aber der gesellschaftliche Aspekt überwiegt. Mina vernachlässigt das Krimi-Element zugunsten einem genauen Blick auf die verschiedenen sozialen Milieus, in denen überall die Bereitschaft zur Korruption vorhanden ist. Dabei beschreibt sie normale Menschen mit Schwächen, die mit den Herausforderungen des Alltags kämpfen, die kriminell werden und Grenzen überschreiten. Wenn es um die Verschiebungen der Macht geht, in der Politik, bei der Polizei oder zwischen Eheleuten hat der Roman seine besten Momente.

Diese Obdachloseneinrichtung war nicht für Familien, die das Glück verlassen hatte, oder Singlemänner und -frauen auf Arbeitssuche. Hier wurden die unappetitlichen Fälle aufgenommen, Trinker und Drogensüchtige, Meister des Chaos, Leute mit offenen Schwären und ansteckenden Krankheiten, solche, die mit abstoßenden psychischen Störungen zu kämpfen hatten. (Auszug Seite 120)

Das ist der dritte Kriminalroman, den ich von Denise Mina lese und wie schön, Journalistin Paddy Meehan aus einer anderen Reihe der Autorin hat einen kleinen Auftritt. Alle drei Romane sind unterschiedlich konzipiert und lassen sich schwer auf ein Genre festlegen. Was sie gemein haben, ist dieser spitze mitunter gnadenlose Blick der Autorin hinter die Fassade. Sie gibt einen Einblick in die Befindlichkeiten der Figuren und dadurch sind ihre Charaktere immer zutiefst glaubhaft und lebensnah. Ihre Kriminalromane sind nie romantisierend, sondern immer eine extrem reale und damit desillusionierte Bestandsaufnahme der kriminellen Realität in Glasgow sowie ein fein gezeichnetes, kluges Soziogramm der schottischen Gesellschaft.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Götter und Tiere | Erschienen am 28. September 2020 im Argument Verlag mit Ariadne
ISBN 978-3-86754-246-3
352 Seiten | 21,- Euro
Originaltitel: Gods and Beasts (Übersetzung aus dem Englischen von Karen Gerwig)
Bibliografische Angaben

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Max Annas | Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit (Band 2)

Als sie die Tür geschlossen hatten und wieder mit Thomas Schuster allein waren, stellte sich Rolf vor den Tisch, beide Hände aufgestützt, und ließ sich etwas Zeit. Er fletschte die Zähne, als er anfing zu reden. „Und wie stehst du zur Deutschen Demokratischen Repubik?“
Der Junge öffnete den Mund, atmete schnell, formte ab und zu die Lippen, um einen Ton zu sagen, und sprach dann trotzdem kein Wort. Als er in Tränen ausbrach, verließen sie den Raum wieder. (S.145)

Jena, Bezirk Gera, Deutsche Demokratische Republik, 1985: Melchior, Sohle, Biber und Julia sind vier junge Leute, die sich als „blank generation“ fühlen und gebannt auf die Punk-Kultur des Westens blicken. Sie wollen sich auch ein wenig abheben von der angepassten Gesellschaft der DDR und gründen ihre eigene Punkband mit dem Namen „Ernteeinsatz“. Doch wenig später wird Melchior ermordet in einem Möbellager seines Vaters aufgefunden. Die Morduntersuchungskommission ermittelt zunächst in Melchiors direktem Umfeld. Neben seinen Bandkollegen erscheint auch Melchiors Vater verdächtig.

Michael Nikoleit ist Antiquitätenhändler, der regelmäßig in den Westen fahren darf, um dort seine Waren zu verkaufen und der DDR Devisen einzubringen. Dennoch oder gerade deswegen ist er der DDR-Obrigkeit suspekt. Hinzu kommt, dass er und sein Sohn heftige Auseinandersetzungen hatten. Aber noch andere Dinge kommen im Laufe der Ermittlungen zu Tage. Eine Einbruchsserie rund um Jena hat offenbar einen Bezug zum Fall. Bei einem Einbruch in eine Datsche von Erich Marder, Bibers Vater und hoher Offizier der Volksarmee, wurde eine Fotografie entwendet, die eine unrühmliche Vergangenheit Marders enthüllen könnte. Und über allem schwebt die Staatssicherheit, die die jungen Punker überwacht und offenbar Melchior als IM angeworben hatte.

„Aber was mache ich mit dem Marder?“
„Was ist denn die Maßgabe in der Morduntersuchungskommission Gera?“
„Dass es der Marder nicht gewesen sein kann.“
„Dann kann er es eben nicht gewesen sein. Das ist eine Frage der politischen Erfahrung. Vielleicht sollte ich besser sagen: der politischen Weisheit.“
Otto ballte die rechte Hand zur Faust. Er verspürte große Lust, sie dem Bruder ins Gesicht zu schlagen. (S.276)

Auf vier Bände ist die Reihe um Oberleutnant Otto Castorp der Volkspolizei angelegt. Castorp ist ein gewissenhafter Beamter, der sich mit der DDR zwar insgesamt arrangiert hat, aber bei Fehlern und Heuchelei im System nicht unbedingt wegsieht. Dies wurde bereits im ersten Band klar, als er am Ende zu einem Akt der Selbstjustiz griff und nun in diesem Band feststellen muss, dass seine Tat nicht unbeobachtet geblieben ist. Er spürt das Damoklesschwert über sich und muss fürchten, an irgendeinen beliebigen Zeitpunkt für seine Tat belangt zu werden. Privat war er im ersten Band fremdgegangen und dabei an eine IM der Stasi geraten. Nun verdächtigt Castorp seine Frau des Ehebruchs, ohne dies beweisen zu können. Insgesamt bleibt die familiäre Situation angespannt. Sein Bruder Bodo ist ein hohes lokales Tier bei der Stasi, grundsätzlich linientreu, aber hier und da für Otto hilfreich.

Sehr gut hat mir die Gliederung des Romans gefallen. Hauptsächlich wird aus zwei Perspektiven erzählt: Otto Castorp als personaler Erzähler in der 3.Person und Julia Frühauf aus der Ich-Perspektive. Dabei begleiten wir Castorp durch die Ermittlungen, seine privaten Probleme und die schwierige Lage im Team der Morduntersuchungskommission mit unterschiedlichen Charakteren (auch im Bezug zur DDR), den unterschiedlichen polizeilichen Herangehensweisen und der stetigen Anpassung an politische Gegebenheiten. Julia, eine Pfarrerstochter, hingegen erzählt in Rückblicken von der Band, von ihrer Liebe zu Melchior, von dem diffusen Gefühl des Abgehängtseins, den kleinen Momenten des Aufbegehrens bis hin zur harten Gegenreaktion der Staatsmacht.

Überhaupt ist dies erneut ein zentrales Motiv des Romans: Die Allgegenwärtigkeit des Staates bis hin in die Familien. Nichts ist privat, alles ist politisch. Max Annas beschreibt ein interessantes Porträt der DDR-Gesellschaft in den 1980ern, das sehr stimmig wirkt. Ingesamt setzt dieser zweite Band das hohe Niveau des Auftakts fort.

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Morduntersuchungskommission. Der Fall Melchior Nikoleit | Erschienen am 21.07.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00133-9
336 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Weiterlesen: Noras Rezension zu Band 1 „Morduntersuchungskommission“

Éric Plamondon | Taqawan

Éric Plamondon | Taqawan

Sie verlor das Zeitgefühl. Jede Sekunde dehnte sich endlos, wurde zu einer Stunde. Der Schmerz schien von einem Ort weit ausserhalb ihrer selbst zu kommen. Sie spaltete sich von ihrem Körper ab, Überlebensmechanismus, liess sich ins Dunkel sinken und spürte nur noch eine diffuse Mischung aus Angst, Hass, Wut, Demütigung, hörte, wie die Stimmen sie beleidigten, ohne sie auseinanderhalten zu können, ohne zu begreifen. (E-Book, S.111)

Provinz Québec am 11.Juni 1981: Die 15jährige Océane fährt mit dem Bus von der Schule nach Hause in das Dorf und Reservat der Mi’gmaq. Auf der Brücke über den Restigouche wird der Bus von der Polizei gestoppt und die Schüler sehen von dort mit an, wie die Polizei eine brutale Razzia durchführt und die Fischernetze der Mi’gmaq beschlagnahmt. Es kommt zu gewalttätigen Krawallen, viele Männer, darunter Océanes Vater werden verhaftet. Kurze Zeit später findet der ehemalige Ranger Ives Leclerc Océane im Wald schwer verletzt auf, mehrfach wurde sie vergewaltigt. Ives sucht Hilfe beim Mi’gmaq William, der als Einsiedler im Wald lebt, und seiner Ex-Freundin Caroline, einer jungen Lehrerin aus Frankreich. Gemeinsam versuchen sie, Océane zu heilen und stellen dabei fest, dass sich das Mädchen immer noch in akuter Gefahr befindet.

Der Romanhintergrund basiert auf den tatsächlichen Ereignissen des sogenannten „Salmon Raid“ 1981. Die Mi’gmaq zählen zu den zahlreichen First Nations Kanadas, den Ureinwohnern. Sie leben in den östlichen Provinzen Kanadas, unter anderem auf der Halbinsel Gaspésie im Osten Québecs. Seit Jahrtausenden leben sie vom Fischfang, insbesondere Lachsfang. Die Fangrechte der Mi’gmaq waren seit der Kolonisierung immer wieder umstritten und bedroht. Im Jahr 1981 versuchte die Québecer Provinzregierung, die Fischereirechte einzuschränken und wollte dies auch mit polizeilichen Mitteln durchsetzen. Der Aufruhr erschütterte ganz Kanada und war auch ein Stellvertreterkonflikt, den die Regierung in Québec gegen die der kanadischen Regierung unterstellten Reservate führte.

Er war sieben Jahre alt, und er konnte seiner Grossmutter stundenlang beim Nähen zusehen. […] Eines Tages erklärte sie ihm den Fadenlauf. […] Für Ives`Kinderseele lag darin etwas Magisches. Später, wenn er in einer schwierigen Lage war und das Gefühl hatte, den Faden zu verlieren, suchte er nach dem Fadenlauf. […]
Jetzt, wo er gekündigt hatte und eine junge Mi’gmaq beschützen musste, zwei Männer tot waren und ein Teil der Québecer Bevölkerung die Indianer ein für alle mal loswerden wollte, hatte Leclerc mehr denn je das Gefühl, den Faden verloren zu haben. (E-Book, S.122-124)

Ein Taqawan ist übrigens die Bezeichnung der Mi’gmaq für einen Lachs, der zum ersten Mal nach seiner Geburt zum Laichen wieder zu seinem Geburtsfluss zurückkehrt. Dies ist aber nur eine von zahlreichen Erläuterungen und Einschüben, die Autor Éric Plamondon, ein gebürtiger Québecer, in seinen Roman einflechtet. Die Kapitel sind kurz, manchmal weniger als eine Seite. Plamondon fügt viel Dokumentarisches ein: Erläuterungen zum Lachs und Lachsfang, die Kolonialgeschichte Kanadas und der Provinz Québec, Mythen und Erzählungen der Mi’gmaq und deren schwieriger Kampf um ihre Identität. Dabei bezieht der Autor ganz klar Stellung für die Ureinwohner.

Der Kriminalplot ist dabei recht kurz und knackig und ziemlich noir. Man wirft zahlreichen Autoren immer gerne etwas Geschwätzigkeit vor, hier hatte ich im Gegensatz dazu das Gefühl, dass man den Plot sicherlich noch ausdehnen hätte können. Erstaunlicherweise gelingt dem Autor auf den wenigen Romanseiten aber auch eine gute Zeichnung seiner Hauptfiguren (die Nebenfiguren und die „Bösen“ bleiben allerdings etwas diffus) und vor allem der Ambivalenz und die Zerrissenheit zwischen Québec und Kanada und auch zwischen den Québecern und den Ureinwohnern.

In Québec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen. (E-Book, S.87)

Insgesamt ist „Taqawan“ ein anregender Roman noir mit viel Hintergrundinformation über einen Teil der kanadischen Geschichte. Allerdings muss ich gestehen, dass es mir für eine Topbewertung wegen der zahlreichen Einschübe doch zu fragmentarisch aufbereitet war. Nichtsdestotrotz war es ein bemerkenswerter und lesenswerter Roman.

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Taqawan | Erschienen am 29.09.2020 im Lenos Verlag
ISBN 978-3-03925-004-2
208 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-85787-985-2 | 16,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarfilm „Incident at Restigouche“ der Regisseurin Alanis Obomsawin aus dem Jahr 1984 über die „Salmon Raids“ 1981

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Sara Paretsky | Altlasten Bd. 19

Sara Paretsky | Altlasten Bd. 19

Obwohl klar war, dass keine der beiden sich mein Honorar leisten konnte, hörte ich mich sagen, ich würde morgen im Studio anrufen und ein paar Fragen stellen.
Bernie sprang auf und fiel mir um den Hals. „Vic, ich wusste, du sagst ja! Ich wusste, wir können auf dich zählen.“
Ich dachte an Sam Spade, wie er zu Brigid O’Shaughnessy sagt, er werde sich für sie nicht zum Hanswurst machen. Warum war ich nicht so hart wie Sam? (Auszug Seiten 15-16)

Privatdetektivin V.I. „Vic“ Warshawski wird von der Studentin Bernadette und ihrer Freundin Angela auf den Fall des verschwundenen Regisseurs und Fitnesstrainers August Veridan aufmerksam gemacht. In das Fitnessstudio, in dem er arbeitete, wurde eingebrochen und da er nicht auffindbar ist, ist er automatisch Hauptverdächtiger der Polizei. Bernadette und Angela vermuten eine vorschnelle Vorverurteilung des afroamerikanischen August. Vic beginnt widerwillig die Ermittlungen, findet auch Augusts Wohnung eingebrochen vor. Sie findet heraus, dass August Kontakt zur älteren schwarzen Schauspielerin Emerald Ferring hatte und diese ihn überredet hat, ihn auf den Spuren in ihre Vergangenheit nach Kansas zu begleiten. Vic reist ihnen hinterher und merkt schnell, dass hier einiges mehr dahintersteckt als nur ein paar Einbrüche.

Warshawskis Spur führt sie über einen Armee-Stützpunkt bis nach Lawrence, Kansas. Dort ist Emerald Ferring aufgewachsen, dorthin ist sie 1983 zurückgekehrt, als es Proteste gegen die Raketensilos mit den atomar bestückten Interkontinentalraketen gab. Das Protestcamp wurde damals unter merkwürdigen Umständen aufgelöst und es gab auch einen Unglücksfall mit einer toten Aktivistin. Vic gerät in eine komplexe Mischung aus Kleinstadtdramen, alten Geheimnissen, militärischer Forschung an biologischen Kampfstoffen und Wiederbewaffnungs-Beschwörern. Sie sticht in ein Wespennest und mischt einen Klüngel auf, der unter allen Umständen alles unter der Decke halten will. Und immer noch fehlt jede Spur von August Veridan und Emerald Ferring. Auf der Suche nach den beiden findet Warshawski auf der Farm einer früheren Freundin von Ferring die erste Tote.

„Wissen Sie was, Warshawski, Lieutenant Lowdham war neugierig genug auf Ihre wahre Mission, dass er ein paar Leute in Chicago angerufen hat, um sich nach Ihnen zu erkundigen.“ […]
„Die übereinstimmende Auskunft ist offenbar, Sie sind ehrlich, Sie erzählen Ergebnisse, Sie sind waghalsig. Und Sie sind eine Heimsuchung.“ (Seite 296)

Eine treffende Beschreibung der Protagonistin und Ich-Erzählerin Victoria Iphegenia Warschawski, die mit Altlasten („Fallout“ im Original) ihren 19. Serienauftritt hat. Weitere Bände sind im Original bereits erschienen und weitere aus der Vergangenheit harren noch der deutschen Übersetzung. Allerdings scheint Autorin Sara Paretsky nun beim Argument Verlag ihre passende deutsche Verlagsheimat gefunden zu haben. 1982 erschien mit „Schadensersatz“ („Indemnity Only“) der erste Roman der Serie um die Privatdetektivin aus Chicago. V.I. oder für Freunde „Vic“ ist taff und hartgesotten, steht ihren männlichen Kollegen in Sachen Cleverness in nichts nach. Sie ist aber kein Abklatsch männlicher Hardboiled Detectives, denn sie ist eher lebensbejahend und moralisch als zynisch und umgibt sich mit einigen engen Freunden, die ihr bei Gelegenheit auch unter die Arme helfen. Die „Windy City“ Chicago ist dabei ihre natürliche Umgebung. Hier ist sie aufgewachsen, hier kennt sie jede Ecke, hier kann ihr niemand etwas vormachen. Doch ausgerechnet in diesem Band muss Vic ihre Komfortzone verlassen und allein (nur mit Begleiterin Hundedame Peppy) nach Kansas, in die Weite des Mittleren Westens und in ungewohnter Umgebung ihren Fall lösen. Wie die Autorin im Nachwort erklärt, ist dies eine Reise zu ihren Wurzeln, denn Sara Paretsky ist in Lawrence, Kansas, aufgewachsen und ihr Vater war Zellbiologe an der University of Kansas.

Man schläft nie gut im Gefängnis, egal, wie schick die Unterbringung ist, aber ich war erschöpft bis auf die Knochen. Ich war es müde, den traurigen Schutt von anderer Leute Leben wegzuräumen, müde, mich mit Regierungsbeamten zu streiten, müde, darüber nachzusinnen, warum anständige Gesetzeshüter, wie Sheriff Gisborne seinem Leumund nach einer war, plötzlich anfingen, sich als Einpeitscher für die Army oder mächtige Konzerne herzugeben. Geld war von Hand zu Hand gegangen oder Drohungen von Ohr zu Ohr – es war immer dieselbe Geschichte, und ich war es so müde, sie zu deuten. Kein Wunder, dass Jake genug von mir hatte. Ich hatte selbst genug von mir. (Seite 309)

Altlasten ist einerseits eine im besten Sinne altmodische „Private Eye Novel“ mit einer verbissenen Privatdetektivin, die zäh ihre Spuren verfolgt und alte Geheimnisse hervorholt, andererseits aber durchzogen von zeitlosen und wieder modernen Themen wie Feminismus, Rassismus, Gentechnik, Aufrüstung. Die komplexe Geschichte ist zwar teilweise etwas ausschweifend, aber dennoch leichtgängig erzählt und wirkt wie eine Mischung aus einer guten alten Lew-Archer-Familiengeheimis-Story und einem Jack-Reacher-Plot im Kampf gegen den militärisch-industriellen Komplex. Überzeugend wie die Autorin diese verschiedenen Stränge zu einer gelungenen Gesamtgeschichte mit vielschichtigen Figuren und einer umwerfenden, moralischen Hauptfigur zusammenführt. 38 Jahre nach Beginn der Serie ist V.I. Warshawski immer noch relevant und auf der Höhe der Zeit.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Altlasten, erschienen am 6. April 2020 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-244-9
544 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Fallout
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Olga Tokarczuk | Gesang der Fledermäuse

Olga Tokarczuk | Gesang der Fledermäuse

Ich entschloss mich, heute trotz Schmerzen den Abhang hinaufzugehen und alles von oben zu betrachten. Sicher wäre die Welt noch an ihrem Ort. Vielleicht würde mich das beruhigen und bewirken, dass sich meine Kehle lockerte und es mir besser ginge. […] Ich blickte auf die schwarz-weiße Landschaft des Hochplateaus, und mir war klar, dass Traurigkeit ein wichtiges Wort bei der Definition der Welt war. Sie liegt allem zugrunde, sie ist das fünfte Element, die Quintessenz. (Auszug Seiten 59-60)

In einer kleinen Siedlung auf einem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze leben im Winter nur wenige Menschen, unter anderem Janina Duszejko und ihr Nachbar Matoga. Beide finden einen dritten Nachbarn jämmerlich an einem Rehknochen erstickt in seiner Hütte vor. Ein Unfall, wenngleich unter merkwürdigen Umständen. Die Polizei ermittelt nur kurz. Wenig später findet Janina die nächste Leiche, der ermittelnde Kommissar ist kopfüber in einen alten Brunnen am Wegesrand gestürzt. Rund um den Brunnen finden sich ganz viele Rehspuren. Janina ist sich sicher, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Schlägt etwa die Natur zurück? Sie ermittelt auf eigene Faust.

Janina Duszejko ist eine ältere Dame, die als Lehrerin für Englisch einige Stunden noch arbeitet. Sie lebt in einer kleinen Hütte in der abgelegenen Siedlung, in der die meisten Häuser nur im Sommer bewohnt werden. Regelmäßig besucht sie noch ein ehemaliger Schüler, mit dem sie Gedichte des von ihr geschätzten englischen Lyrikers William Blake (Auszüge aus den Gedichten ziehen sich symbolträchtig durch das ganze Buch) übersetzt. Ansonsten bleibt sie lieber unter sich und im Einklang mit der Natur. Sie gilt den meisten Mitmenschen als verschroben oder sogar Schlimmeres, denn sie spricht unter anderem mit den Tieren und widmet sich ausführlich der Astrologie. Vor allem prangert sie den Umgang der Menschen untereinander und vor allem gegenüber der Tierwelt an. Doch Gehör findet sie nicht.

Ich ging bis in den Wald hinein, dort hätte ich endlos herumstromern können. Im Wald war es plötzlich still, eine riesige und behagliche Tiefe tat sich auf, in der man sich gut verstecken konnte. Der Wald schaukelte meine Gedanken. Hier musste ich mein unangenehmstes Leiden nicht verstecken – mein Weinen. Ich konnte die Tränen fließen lassen, sie konnten die Augen spülen und die Sicht verbessern. Vielleicht konnte ich deshalb mehr sehen als Menschen mit trockenen Augen. (Seite 174)

Autorin Olga Tokarczuk ist Psychologin und die wohl aktuell wichtigste polnische Schriftstellerin. Im letzten Jahr gewann sie rückwirkend für 2018 den Literaturnobelpreis. Leider ging ihre Würdigung ein wenig im Streit um den anderen Preisträger dieser Doppelverleihung – Peter Handke – etwas unter. Das Nobelkomitee würdigte „ihre erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform darstellt“. Eine Überschreitung sämtlicher Genregrenzen ist dabei ihr 2009 im Original erschienener Roman Gesang der Fledermäuse. Neben philosophischen und moralischen Betrachtungen, ein wenig Mystik, Gesellschafts- und Zivilisationskritik, handelt es sich hier in Teilen auch um einen Kriminalroman mit der schrulligen Janina als Ich-Erzählerin und Ermittlerin. Diese Figur mit ihrer Melancholie, dem immer mal durchscheinenden trockenen Humor, der verschrobenen Liebenswürdigkeit und großen Moral trägt für mich auch den Roman, der an manchen Stellen vielleicht etwas pathetisch und mystisch wird, aber in seiner kritischen Haltung für mehr Respekt gegenüber den Tieren und seinen Mitmenschen dennoch überzeugt. Insgesamt aber eine lesenswerte Begegnung mit der polnischen Nobelpreisträgerin.

Das Buch wurde übrigens von der bekannten polnischen Regisseurin Agnieszka Holland verfilmt. Die Spur (Originaltitel: „Pokot“) wurde 2017 bei der Berlinale uraufgeführt und gewann dort den Silbernen Bären. Der Film hält sich grundsätzlich an die Romanvorlage, Olga Tukarczuk war auch am Drehbuch beteiligt. Besonders eindrucksvoll war für mich die Inszenierung der Landschaft und Tierwelt und das Spiel von Agnieszka Mandat-Grąbka als Janina Duszejko. Ich fand den Film generell etwas plakativer in Sachen Feminismus, Zivilisationskritik und vor allem Kritik am Umgang mit Tieren. Die Kriminalhandlung, die im Buch noch deutlicher aufblitzt, kam mir im Film etwas zu kurz. Dennoch hat mir auch der Film gefallen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Gesang der Fledermäuse | Erstmals erschienen 2010
Die aktuelle Ausgabe erschien am 28. November 2019 im Kampa Verlag
ISBN 987-3-311-10022-5
310 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Prowadź swój pług przez kości umarłych
Bibliographische Angaben & Leseprobe, Filmtrailer „Die Spur“