Kategorie: gesellschaftskritischer Krimi

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Vor Angst war ihm plötzlich schwindlig. Er nahm sich Zeit, um durchzuatmen und das Gleichgewicht wiederzufinden. Man konnte wissen, was in diesem Land im Verborgenen vor sich ging, aber wenn man mit solchen Praktiken direkt konfrontiert war, dann war das eine Erschütterung, die einen zerstören, einen so verrückt machen konnte, dass man am helllichten Tag mit einer Lampe auf der Straße herumlief und nach einem kleinen Rest an Menschlichkeit auf Erden suchte. (Auszug S. 65)

Inspektor Dieuswalwe Azémar von der Police National d’Haïti wird zu einem Leichenfund gerufen. Es ist die Leiche der fünfzehnjährigen Mikayida, die Tochter von Mirlène, Azémars aktueller Geliebten. Das Mädchen wurde brutal ermordet und außerdem wurden ihr noch Symbole in die Haut geritzt. Dieuswalwe setzt einen befreundeten Gerichtsmediziner auf die Obduktion an und stellt weitere Nachforschungen an. Er findet bald heraus, dass Mikayida nicht das einzige Opfer ist, sondern offenbar Teil einer Art satanischen Rituals, in das mächtige Kreise verwickelt sind. Doch Dieuswalwe schwört Mirléne und auch sich selbst, dass er die Mörder von Mikayida zur Strecke bringt.

Dabei geht Dieuswalwe (kreolisch für „Gott sei gelobt“) wie gewohnt nicht zimperlich vor. Wer den Inspektor aus vorherigen Romanen kennt, der weiß, dass er voller Wut, erbarmungslos und fast furchtlos seine Arbeit verrichtet. Sein Treibstoff ist „soro“ oder „kleren“, Zuckerrohrschnaps, der in Haiti an vielen Straßenecken verkauft wird, oft schwarzgebrannt und durchaus ein Gesundheitsrisiko. Die Verbrecher und deren mächtige korrupten Verbündete, die sein Land auspressen, sind Dieuswalwes Feinde. Er hat nur noch wenige Vertraute bei der Polizei und seine hervorragenden Schießkünste haben bislang verhindert, dass man sich seiner entledigt hat.

„Erschütterungen“ ist der fünfte ins Deutsche übersetzte Band dieser Krimireihe. Die Besonderheit: Zum ersten Mal in dieser Reihe hat der Autor Gary Victor seinen Roman in Kreolisch verfasst. Victor selbst ist einer der renommiertesten Autoren und Kreativen seiner Heimat, er hat auch selbst Posten in der Administration Haitis übernommen. Sein Werk ist gekennzeichnet von authentischen Schilderungen eines Landes, das völlig aus den Fugen geraten ist, ein buchstäblicher „failed state“, von Korrupten und Banditen regiert und terrorisiert. Sein Protagonist Dieuswalwe Azémar ist dabei der unbestechliche Lichtblick, doch auch er muss außerhalb der Regeln spielen – ein Dirty Harry von Port-au-Prince.

Sie flüsterte ihm ins Ohr: „Wir sollten das nicht tun, Dieuswalwe. Gott sieht es nicht gern.“ Dieuswalwe antwortete nicht. An die Sache mit Gott glaubte er schon lange nicht mehr. Wenn es ihn gab, dann kümmerten ihn die Angelegenheiten der Menschen, vor allem die der Haitianer, offensichtlich nicht im Geringsten. (Auszug S. 52)

Der Roman ist ziemlich kurz, knapp unter hundert Seiten und dadurch sehr verdichtet. Kurze Sätze, knappe Dialoge, die Handlung wird schnell vorangetrieben. Gary Victor zeichnet ein düsteres Bild von Haiti, ein Staat voller Gewalt, Korruption und Aberglaube, in dem junge Menschen geschändet und auf den Müll geworfen werden – und der einzige, den das zu kümmern scheint, ist ein desillusionierter, alkoholsüchtiger, wütender Inspektor. Das ist starker Noir aus der Karibik für Leser mit starken Nerven – die ganze Reihe ist unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Erschütterungen | Erschienen am 15.03.2026 bei Litradukt
ISBN 978-3-940435-53-8
94 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Sakad | Übersetzung aus dem haitischen Kreolisch von Peter Trier
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Rezensions-Doppel Philippinen

Rezensions-Doppel Philippinen

Die Philippinen sind in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse und wir hatten hier auf dem Blog eine Zeit lang eine Tradition, zur Buchmesse dann auch ein paar Krimis aus oder über das Gastland zu präsentieren. Das wollte ich dieses Jahr gerne wieder aufgreifen, war allerdings nicht so einfach, denn der bevölkerungsreiche asiatische Inselstaat ist literarisch international, was Übersetzungen betrifft, eher unterrepräsentiert und im Krimigenre sowieso. Letztlich habe ich auf meinem umfangreichen SuB aber noch etwas gefunden. Zum einen ein erst von kurzem übersetztes Werk des in seiner Heimat sehr erfolgreichen Autors Jose Dalisay und zum anderen ein Krimi aus den 1980ern mit Schauplatz Manila des australischen Autors William Marshall.

Jose Dalisay | Last Call Manila
Ein Sarg trifft am Flughafen Manila ein. Eine tote philippinische Gastarbeiterin in Saudi-Arabien. Das Schild sagt, in ihm liegt „Aurora V. Cabahug“. Doch der Polizist Walter Zamora in der Provinzstadt Paez, der ein Telegramm erhält, um die Angehörigen zu informieren, weiß sofort: Das kann nicht stimmen. Denn Aurora, genannt Rory, ist die Sängerin und Hauptattraktion im „Flame Tree“, im örtlichen Nachtclub. Dort hat er sie erst gestern quicklebendig gesehen.

Und so macht sich Walter auf, um hier Licht ins Dunkle zu bringen – auch wenn ihm nur bedingt gelingt. Irgendwann machen sich Walter und Rory auf nach Manila, um den Sarg abzuholen und dabei geschehen weitere unvorhergesehene Dinge. Währenddessen wird in Rückblicken die Geschichte von Soledad erzählt, Rorys Schwester, die mit dem Pass ihrer Schwester als Arbeitskraft nach Saudi-Arabien gegangen und nun in einem Sarg zurückgekommen ist.

Das war es, worum es in diesem Land wirklich ging: Distrikte, Grenzen, Absperrungen, die dich daran erinnerten, wo du hingehörtest und wo du standest. Diese Dinge zu vergessen, war der Anfang vom Ende, und Walter hatte nicht vor, noch einmal diesen Weg zu gehen, Besonnenheit war nun seine Parole, Besonnenheit und Umsicht, das Vermeiden von unnötigen Konflikten – von denen es, Gott wusste das am besten, mehr als genug gab in Walters Welt. (Auszug Seite 88)

Autor Jose Dalisay ist in seiner Heimat einer der bekanntesten Autoren und Herausgeber und schrieb diesen Roman bereits 2008. 2023 erschien „Last Call Manila“ in deutscher Übersetzung, laut Tobias Gohlis, Chefjuror der Krimibestenliste, der vermutlich erste übersetzte philippinische Kriminalroman. Obwohl man den Begriff schon weit dehnen muss, zwar kommt ein Kriminalbeamter, eine Leiche und eine Reihe von Verbrechen vor, aber ansonsten geht es hier eher nicht genretypisch zu.

Aber das soll hier nicht als Kritik gemeint sein. Lakonisch und mit schwarzem Humor erzählt der Autor über den schwierigen Alltag, vor allem über seine Hauptfiguren. Walter ist ein besonnener, abgestumpfter Polizist, der sich möglichst konfliktfrei durchs Leben manövrieren will. Rory ist die junge Frau mit Talent und Träumen, die es aber bisher nur in den Nachtclub ihrer Heimatstadt geschafft hat. Und Soledad erzählt vom unglaublich entbehrungsreichen Leben der Filipinos, die im Ausland harte Arbeit verrichten, um die Daheimgebliebenen zu versorgen. Mit möglichem bösem Ende inklusive. Jose Dalisay hat hier einen kurzweiligen Roman verfasst, der interessante Einblicke in die philippinische Gesellschaft bietet.

William Marshall | Manila Bay
Lieutenant Felix Elizalde von der Manila Metro Police muss in einem schwierigen Mordfall ermitteln. Während eines Hahnenkampfes mit dem bekannten Champion „Battling Mendez“, dem wohl bekanntesten Hahn der Philippinen und ein lukrativer Werbeträger, hat ein Unbekannter den Kampfleiter und Buchmacher im Ring erschossen. Trotz hunderter Zeugen gibt es zwar eine Beschreibung, aber keine klaren Hinweise auf die Identität des Täters. Der Tote gehörte zu einem Konsortium, dem „Battling Mendez“ gehörte. Hierzu zählt auch der Bruder des Toten, der sich bei einem Telefonat mit Elizalde seltsam verhält. Doch bevor Elizalde ihn aufsuchen kann, wird auch der Bruder durch eine Granate getötet, die auf seine Wohnung abgefeuert wird, mehrere Passanten sind ebenfalls unter den Opfern. Elizalde vermutet, dass noch weitere Personen in Gefahr sind und dass es mit der Verbindung zu „Mendez“ zu tun hat. Doch das Firmengeflecht rund um diesen lukrativen Hahn ist schwer zu durchschauen und wird auch von anderer Seite gut geschützt.

Wie üblich war der uninteressanteste Teil an einem Verbrechen in Manila das Verbrechen selbst. Wahrhaft faszinierend war es, wie sich die Zeugen in Luft auflösten, sobald etwas passierte, und nie wieder gesehen wurden. (Auszug S. 30)

Währenddessen haben Elizaldes Untergebene Sergeant Baptiste Bontoc und Detective Sergeant Jesus-Vicente Ambrosio zwei Spezialaufgaben. Während Bontoc abkommandiert wurde, um vermeintlich japanischen Grabräuber in einem Dinosaurierpark, unter dem noch Kriegsgräber aus dem zweiten Weltkrieg vermutet werden, aufzuspüren, mischt sich Ambrosio unter die Taxifahrenden Manilas, denn es gibt einen Räuber, der mit Hilfe von Stinkbomben der Durianfrucht Taxis ausraubt.

Diese beiden Episoden, die sich regelmäßig mit der Mordserie, die Elizalde bearbeitet, ablösen, sorgen für Exzentrik und Humor in diesem Kriminalroman, der im Original bereits 1983 erschien. Autor William Marshall, Australier, aber Kosmopolit, schrieb vor allem eine erfolgreiche Reihe von Krimis mit Schauplatz Hongkong, aber eben auch zwei Krimis über Manila. Marshall sorgt durch die mehreren Plotstränge für ein hohes Erzähltempo und viel Abwechslung, schafft es aber zum Ende hin, die beiden Stränge um Bontoc und Ambrosio so zu beenden, dass danach alle Beteiligten zum Showdown des Hauptplots zusammenkommen.

„Manila Bay“ ist aktuell leider vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich, ist aber auch heute noch ein absolut lesenswerter Krimi, der letztlich einen klassischen Plot über Korruption und Rache enthält, aber trotz seines hohen Tempos und der schnellen Schnitte interessante Geschichten und Einblicke in die philippinische Gesellschaft bereithält.

 

Rezensionen und Foto von Gunnar Wolters.

Last Call Manila | Erschienen am 14.02.2023 im Transit Verlag
ISBN 978-3-88747-399-0
210 Seiten | 22,- €
Die gelesene Ausgabe erschien als Lizenzausgabe bei der Büchergilde Gutenberg
Originaltitel: Soledad’s Sister | Übersetzung aus dem Englischen von Nico Fröba
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5

Manila Bay | Erschienen am 07.09.2000 im Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-20190-3;
288 Seiten | nur noch antiquarisch erhältlich
Originaltitel: Manila Bay | Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Bibliografische Angaben
Wertung: 4 von 5

Sara Paretsky | Wunder Punkt (Band 22)

Sara Paretsky | Wunder Punkt (Band 22)

Ich persönlich war die Verantwortung so leid. Ich war nicht Privatdetektivin geworden, um die Bürde von anderer Leute Sorgen zu tragen, sondern weil es mich reizte, die Hintergründe bestimmter Verbrechen aufzudecken. Mehr noch, ich genoss es, wenn ich für etwas Gerechtigkeit sorgen konnte. (Auszug S. 34)

V.I. Warshawski ist eine echte Veteranin. 1982 ermittelte die Privatdetektivin aus Chicago zum allerersten Mal in „Indemnity Only“ (Dt. „Schadenersatz“). Gibt es eigentlich eine aktuelle Ermittlerfigur, die länger permanent im Einsatz ist? Jedenfalls ist Vic Warshawski scheinbar unverwüstlich, denn in „Wunder Punkt“ schickt sie ihre Schöpferin Sara Paretsky in ihren 22. (!) Einsatz. Doch auch an Veteraninnen geht nicht alles spurlos vorüber.

Einer ihrer letzten Fälle hat Vic nämlich schwer mitgenommen. Für ihren Partner Peter spürte sie eine Studentin auf, eine Transfrau, die sich vor ihren Eltern versteckte. Diese wiederum beschuldigten Peter, für die Situation verantwortlich zu sein. Zwar schwieg Vic über den Aufenthaltsort, doch ein zweiter Detektiv spürte sie ebenfalls auf. Der Vater kam mit einer Waffe, er erschoss sein Kind und sich selbst. Vic kam zu spät, um das Blutbad zu verhindern. Doch die Tat hat sie schwer mitgenommen, zudem kam es zum Zerwürfnis mit Peter, der sich als Archäologe zu einer längeren Ausgrabung in Europa angeschlossen hat.

In dieser Situation war es für ihr Quasi-Patenkind Bernie schwer, Vic zu einem Trip nach Lawrence, Kansas zu überreden, um ihrer Mitbewohnerin Angela, einer erfolgreichen College-Basketballerin, bei einem Spiel zuzusehen. Und noch schwerer ist es, Vic am Morgen nach dem Spiel zu bitten, nach einer anderen Kommilitonin, Sabrina, zu suchen, die ebenfalls als Fan mitgekommen ist, aber nun in der Nacht verschwunden ist. Widerwillig nimmt sich Vic der Sache an, erfährt, dass Sabrina in einer Krise steckte und sucht in der begrenzten Drogenszene von Lawrence. In einem heruntergekommenen Haus außerhalb der Stadt, das offenbar für Drogenpartys genutzt wird, findet sie schließlich Sabrina in kritischem drogenberauschtem Zustand. Ihre Mutter, Angestellte eines hochrangigen Unternehmens in der Rüstungsbranche, beauftragt Vic, mehr herauszufinden. Also sieht sich Vic nochmal im Drogenhaus um und findet die Leiche einer Frau im Keller, die sie mehreren Tagen vermisst wurde. Inzwischen gerät Vic selbst ins Visier der Behörden, darf das County nicht mehr verlassen, sogar das FBI taucht in Lawrence auf.

Die Getötete Clarina Coffin hatte mehrfach für Aufsehen gesorgt, da sie sich in den Geschichtslehrplan an der Schule eingemischt hatte und Ungerechtigkeiten zu Zeiten der Staatsgründung von Kansas angeprangert hatte. Doch wer hatte ein Motiv, sie zu ermorden? Vic wird immer noch selbst verdächtigt und hat wenig Vertrauen in die örtlichen Ermittler. Somit nimmt sie selbst die Ermittlungen in die Hand, fast allein, nur eine hochmotivierte Lokaljournalistin und zwei alte Freunde, die einen Schrottplatz betreiben, stehen ihr zur Seite. Vic gräbt tief und begibt sich in große Gefahr, denn sie macht sich in Lawrence einige Feinde, denn die Machenschaften reichen bis in höhere Kreise.

Das alles wird zu einem (nicht ungewöhnlich für V.I. Warshawski) sehr komplexen Fall, in dem es um Landraub, illegale Grundstückgeschäfte und viel Geld in der Zukunft geht, sodass Besitzansprüche aus alten Zeiten eher lästig sind. Neueinsteiger in die Serie (der Einstieg ist durchaus möglich) sollten wissen, dass die Story sehr dezidiert und kleinteilig entwickelt wird, auf wohl dosierte Spannungsmomente muss allerdings keinesfalls verzichtet werden. Kenner schätzen allerdings die ausgereifte Entwicklung des Plots, die starken Dialoge und generell den Biss der unbeugsamen Privatschnüfflerin.

Verlegerin und Übersetzerin Else Laudan hat am Ende noch ein ausführliches Glossar angelegt, um die wichtigsten Begriffe nochmal für den Leser detaillierter zu erläutern. Denn Sara Paretsky greift hier Themen auf, die von der Gründung des Staates Kansas und seiner ambivalenten Rolle in Fragen der Sklavenhaltung bis hin zu Serverfarmen und Bitcoinmining reichen. Ein wenig hätte man die Geschichte vielleicht straffen können, aber sei es drum. „Wunder Punkt“ ist ein starker gesellschaftskritischer Krimi aus dem Herzen der Vereinigten Staaten, in dem die angeschlagene Vic Warshawski auch im 22.Fall unerschütterlich und mit großem persönlichem Einsatz für Gerechtigkeit einsteht. Die Autorin kommt im September übrigens nach längerer Zeit mal wieder nach Deutschland zu einer Lesetour, die Termine sollte man sich merken.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Wunder Punkt | Erschienen am 10.06.2025 im Argument Verlag
ISBN 987-3-86754-281-4
500 Seiten | 25,- €
Originaltitel: Pay Dirt | Übersetzung aus dem Englischen von Else Laudan
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Sara Paretsky

Jurica Pavičić | Mater Dolorosa

Jurica Pavičić | Mater Dolorosa

Sie lief nach draußen, an die frische Luft, in die belebende Kälte, nur weg von den Menschen. Sie lief nach Hause, und durch ihren Kopf wirbelten grausame Bilder von dem ,was sie gerade gehört hatte. Sie dachte an Schnitte und Würgemale. Und ihr ging es besser. Denn eins wusste sie: Das konnte nicht Mario gewesen sein. Denn so etwas hatte Mario nicht in sich. Er hatte keinen Funken Aggression oder Böses in sich. Und das wusste jeder, der Mario gut kannte, so gut wie sie. (Auszug E-Book, S. 147)

Im kroatischen Split wird in einer alten Industriebrache die Leiche einer jungen Frau gefunden. Sie war vorher mit einer Freundin in einem Club, hatte sich offenbar mit ihrem späteren Mörder dort verabredet. Doch niemand hat den Mörder gesehen, lediglich der Autotyp wird identifiziert. Der Ermittlungsdruck der Polizei ist groß, über das Fahrzeug gerät ein aktenkundiger Sexualtäter ins Visier. Doch obwohl er extrem unter Druck gesetzt wird, gesteht er nicht und eindeutige Indizien, die ihn mit der Tat in Verbindung bringen gibt es nicht. Der junge Ermittler Zvone verfolgt währenddessen eine ganz andere Spur. Er vermutet den Täter im Bekanntenkreis. Durch gewisse Indizien verdichtet sich sein Verdacht auf eine Person.

Als die Polizei ein blutiges Kleidungsstück und ein abgerissenes Stück einer Tasche dem Täter zuordnet und der Öffentlichkeit präsentiert, können es Katja und ihre erwachsenen Tochter Ines kaum fassen. Diese Dinge gehören ihrem Sohn bzw. Bruder Mario und weitere Beweisstücke hat er noch zu Hause. Dies bringt die Familie vor eine riesige Zerreisprobe, während die Mutter alles verdrängt und Mario schützen will, hadert Ines mit sich, ob sie die Familie oder den Verrat zugunsten der Gerechtigkeit wählt.

Ich habe Jurica Pavičić als Autor vor einigen Jahren mit seinem Roman „Die Zeugen“ kennengelernt, später habe ich auch „Blut und Wasser“ von ihm gelesen. Beides überzeugende Roman, die sich in einem Grenzbereich zwischen Roman und Kriminalroman befinden. Pavičić legt zumeist einen Kriminalfall seinen Romanen zugrunde, verweigert sich dann aber den üblichen Schemeta, sondern beleuchtet die einzelnen Figuren und ihm gelingt darüber auch ein gesellschaftliches Panorama. So auch in „Mater Dolorosa“: Der Tod einer jungen Frau ist das Vehikel, um drei Personen näher zu kommen. Zvone, der junge Ermittler, der mit seinem verwitweten, kriegsversehrten Vater zu Hause lebt und als einziger Polizist die Spuren richtig deutet und die Identität des Mörders errät. Doch es fehlen die Beweise und niemand belastet den Täter. Wie weit will er gehen, um der Gerechtigkeit genüge zu tun? Ines, die Schwester des Mörders, der langsam klar wird, dass ihr Bruder der Täter ist und die irritiert ist, wie die Familie damit umgeht und zweifelt, ob sie ihren Bruder decken soll. Mehr noch, als herauskommt, dass sie mit ihrem verheirateten Chef eine Affäre hat, ist sie plötzlich überall unten durch und in der Defensive. Katja, die Mutter des Täters, gläubig, ist die „schmerzensreiche Mutter“. Sie ignoriert das Offensichtliche, will die Tat des Sohnes unbedingt unter den Teppich kehren, hat aber gleichzeitig kein Verständnis für ihre Tochter.

Pavičić schreibt die Geschichte abwechseln aus den Perspektiven der drei Hauptfiguren. Der Mörder, Mario, erscheint nur am Rande als antriebslose Person. Eine vollständige Aufklärung findet nicht statt, es gibt kein Geständnis, dennoch sprechen Indizien eine eindeutige Sprache. Doch das ist hier nicht entscheidend, denn die inneren Konflikte der drei Protagonisten zwischen Familie, Loyalität, Gerechtigkeit und Verrat sind entscheidend. Zudem scheinen die Konflikte in der kroatischen Gesellschaft durch, soziale Unterschiede, die Rolle der Frau, Spannungen zwischen alt und jung, die perspektivarme Generation der Kriegsveteranen, die immer noch bestehende Macht der Kirche – all das flechtet der Autor gekommt in diesen Roman ein. Er erinnert mich dabei an die ebenfalls von mir sehr geschätzte argentinische Autorin Claudia Piñeiro. „Mater Dolorosa“ ist ein in der Grundstimmung sehr melancholischer Roman, der zeigt, wie vielseitig das Krimigenre sein kann, und aus meiner Sicht unbedingt empfehlenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Mater Dolorosa | Erschienen am 22.01.2025 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 987-3-944359-81-6
356 Seiten | 16,90 €
als E-Book: ISBN 987-3-944359-91-5 | 12,99 €
Originaltitel: Mater Dolorosa | Übersetzung aus dem Kroatischen von Blanka Stipetic
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen auf dem Blog zu Romanen von Jurica Pavičić

 

Wolfgang Schorlau | Black Forest (Band 11)

Wolfgang Schorlau | Black Forest (Band 11)

Elf Bände ist die Reihe inzwischen alt, ins Fernsehen hat es Dengler auch schon geschafft. Ein zweites Standbein hat sich Autor Wolfgang Schorlau zusammen mit Claudio Caiolo mit den erfolgreichen Venedig-Krimis auch schon aufgebaut. Doch an seiner Dengler-Reihe möchte der Autor offenbar festhalten, hat nun nach vier Jahren einen neuen Band veröffentlicht, in dem der Autor wie immer aktuelle politische Themen aufgreift. Diesmal das Thema Klimawandel und Windkraft.

Privatermittler Georg Dengler reist aus Sorge um seine Mutter nach Altglashütten in den Schwarzwald. Eine Polizistin und ein alter Freund hatten ihn angerufen und ihn gebeten, sich um seine Mutter zu kümmern. Sie sehe nachts Gespenster und sei etwas merkwürdig geworden.

„Was hast du gesehen, Mame?“ Mein Ton ist ruhig, meine Stimme tief. Vergeblich versuche ich, diesen einen Gedanken zu unterdrücken: Meine Mutter ist verrückt geworden.
Ihr Blick hat sich nicht verändert. Sie starrt mich immer noch an, aber ich bin mir nicht sicher, ob sie mich sieht. „Schatte“, sagt sie. „In der Werkstatt geischtert immer en Schatte rum. Man kann ihn durch d’Fenster in dei’m Zimmer sehe.“ (S. 49)

Man ahnt schon, dass Denglers Mutter keine Gespenster sieht, auch wenn es ihr Sohn (obwohl er von Haus aus misstrauischer sein müsste) lange vermutet. Selbst als ein Transporter auf der Bundesstraße versucht, sein Auto zu rammen und einen Unfall zu provozieren, bezieht er es eher auf sich. Doch nach und nach dämmert ihm, was seine Mutter in Gefahr bringen könnte: Sie besitzt ein Grundstück in exponierter Lage auf dem Feldberg. Dort möchte ein Investor gerne ein Windrad errichten. Doch darüber ist ein heftiger Streit entbrannt, denn Windkraftgegner wollen dies mit aller Macht verhindern. Zu den lokalen Aktivisten gesellen sich aber noch mächtige Gegner im Hintergrund, die mit fossilen Energien eine Menge Geld verdienen und die Energiewende desavouieren wollen. Ein Windrad auf dem höchsten Gipfel des Schwarzwalds soll da unbedingt verhindert werden. Und mittendrin steht Mutter Dengler, die zudem noch das Problem hat, die entscheidende Besitzurkunde nicht wiederzufinden.

Doch auch Dengler selbst hat ein altes Trauma mit dem Hof, in dem er aufgewachsen ist. Denn in der Tenne starb damals – Dengler war als Kind mit dabei – sein Vater bei einem Unfall. Seitdem traut er sich nicht mehr in die „Denn“. Doch seine in seine wiederkehrenden Alpträume von damals mischt sich ein neues Gefühl. War das damals wirklich ein Unfall?

Ach, eigentlich mag ich die Reihe ja irgendwie schon. Schorlau hatte ein paar wirklich interessante Bände dabei, in denen er interessantes Material recherchiert hat und auf bestimmte Themen und Ereignisse eine andere Sichtweise präsentiert hat, z.B. Auf die dritte Generation der RAF in „Die blaue Liste„, auf das Oktoberfest-Attentat in „Das München-Komplott“ oder auf die NSU in „Die schützende Hand„. Ich mag auch die Figur Dengler, ein Privatermittler auf schwäbisch, mit den ihn ergänzenden Figuren, die sich im Laufe der Reihe auch weiterentwickeln. In diesem Band geht es auch viel um die Mutter. Schorlaus Entscheidung, sie konsequent Alemannisch sprechen zu lassen, finde ich sehr gelungen.

Allerdings war Wolfgang Schorlau schon immer ein Autor, der auch im Text mit seinen Recherchen und Überzeugungen nicht hinterm Berg hielt. Das ist in „Black Forest“ leider auch extrem der Fall. Seine Abhandlungen zum Klimawandel und zur Nutzung von Windkraft bringt er hier ziemlich plump an den Mann, auch durch die Wahl und die Figurendarstellung der Antagonisten. Selbst wenn man Schorlaus politische Überzeugungen in dieser Sache teilt, muss man hier ein ums andere Mal mit den Augen rollen.

Auch ein historischer Strang, den er in den Plot einbaut, hat mich nicht so richtig überzeugt. Denglers Vater war demnach in jungen Jahren unter Wernher von Braun Raketenforscher in Peenemünde und wurde nach dem Krieg von ausländischen Mächten umworben (die Inspiration zu diesem Aspekt stammt vermutlich aus Merle Krögers „Die Experten„). Hier fügt dieser Strang allerdings für meinen Geschmack nicht organisch in die Geschichte ein und wirkt am Ende gar überflüssig.

So muss ich am Ende resümieren, dass ich „Black Forest“ nicht als Highlight der Reihe bezeichnen würde. Wolfgang Schorlau sorgt hier und da für Spannung, bringt auf der Seite der Denglers ein interessantes Figurenensemble zusammen und hat ein wichtiges und relevantes Thema am Start. Was er dann literarisch daraus macht, ist unterdurchschnittlich. Er erzählt zu viel und zeigt zu wenig. Hinzu kommt: Die Bösewichter und Teile des Plots sind schablonenhaft und unterkomplex. Bei aller Verbundenheit mit der Reihe muss ich da einfach mehr erwarten.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Black Forest | Erschienen am 01.10.2024 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05139-1
444 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zur Dengler-Reihe auf Kaliber.17