Kategorie: gesellschaftskritischer Krimi

Peter Grandl | Turmschatten

Peter Grandl | Turmschatten

Ephraim Zamir hat als kleiner Junge Auschwitz überlebt. Nun hat er sich, 65 Jahre nach Kriegsende, wieder in Deutschland, in der süddeutschen Heimatstadt seiner Mutter niedergelassen, einen alten Wehrturm zu einer luxuriösen Wohnung ausbauen lassen. An seiner Seite die junge Esther Goldstein als seine Haushälterin. Die junge, gehörlose Frau ist Opfer eines terroristischen Anschlags in Israel geworden und Ephraim möchte sie in der Bewältigung ihrer Traumata unterstützen, gleichwohl er selbst die Erlebnisse an der Todesrampe in Auschwitz nie ganz überwunden hat. Ephraim engagiert sich zudem in der jüdischen Gemeinde, stellt eine großzügige Spende für den Bau der neuen Synagoge in Aussicht.

Dieses Vorhaben ist der wieder erstarkten rechte Szene natürlich ein Dorn im Auge. Die Rechten sind bestens vernetzt und nehmen Ephraim ins Visier. Vier von Ihnen, darunter ein Minderjähriger, sollen einen Überfall auf Ephraims Wohnung unternehmen. Trotz diverser Schutzmaßnahmen können sie sich Zutritt zum Wehrturm verschaffen, in dem sie aber nur Esther Goldstein antreffen. Der Überfall geht gründlich schief. Als Ephraim kurze Zeit später eintrifft, kann er noch drei der Angreifer überwältigen. Diese müssen feststellen, dass Ephraim kein harmloser, alter Jude ist, wie sie geglaubt haben.

Ephraim, voller Wut und Entschlossenheit, hat sich entschlossen, ein Tribunal über die drei Nazis Steiner, Udo und Karl abzuhalten, denen er noch weitere Verbrechen beweisen kann. Er beginnt mit Verhören und streamt diese live im Internet. Dort ruft er die Menschen zur Abstimmung auf, ob die Nazis leben oder sterben sollen. Bei einer Millionen Klicks für „Sterben“ verspricht er die Liquidation. Das Verfahren wird binner kürzester Zeit zur Mediensensation und digitalem Hype. Derweil hat die Polizei den Wehrturm umstellt und versucht mit aller Macht, dieses Tribunal zum Stoppen zu bringen. Doch auch hierfür hat Ephraim Vorkehrungen getroffen.

Mit jedem Stockwerk, das er die steinerne Treppe im Turm hinabstieg, wurde es kälter. Es war eine Kälte, die nicht nur von dem alten Gemäuer kam, sondern auch aus seinem Inneren. […] Der Turm zog ihn herab in einen Sog aus Blut und Gewalt. Zamir war nun bereit, der Welt das wahre Gesicht dieser Barbaren zu zeigen – und er war sich sicher, dass die friedliebenden Menschen ihn zum Vollstrecker ernennen würden. (Auszug Pos. 2679)

Die Geschichte spielt im Hauptstrang im Oktober 2010, wird aber immer wieder mit Rückblenden unterbrochen. Der Autor lässt hier ein üppiges Personal auffahren, wechselt immer wieder den Blick auf das Geschehen, erzählt auch einige Hintergründe der Figuren. Im Mittelpunkt stehen vor allem Ephraim und noch mehr die drei Nazis, vor allem Karl Rieger, der wohl intelligenteste und widersprüchlichste von Ihnen. Daneben der Einsatzleiter der Polizei, Karl Riegers Bewährungshelferin und ein skrupelloser Programmchef eines Fernsehsenders sowie weitere Personen. Trotz des hohen Personenauflaufs hat Peter Grandl das Ensemble gut im Griff, treibt den Plot voran und behält den Spannungsbogen konstant hoch.

Bereits vor knapp zehn Jahren als Drehbuchentwurf angelegt, hat Autor Peter Grandl mangels anfänglichem Interesse der Filmwirtschaft diesen Stoff zu seinem Debütroman verarbeitet. Dieser erschien 2020 im kleinen Label „Das neue Berlin“ der Eulenspiegel Verlagsgruppe und nun als Taschenbuchausgabe im Piper Verlag. Die Filmrechte sind inzwischen verkauft und die Dreharbeiten waren fürs letzte Jahr geplant.

Die Grundzutaten dieses Thrillers sind wohlbekannt – es geht um Schuld, Sühne, Rache, Gewissen, Reue und um Ignoranz, Sensationsgier, Verantwortungslosigkeit. Das Interessante an diesem Roman ist, dass mir immer wieder kleine Hakler auffallen, Unklarheiten im Plot, Figuren am Rande des Klischees (und drüber hinaus), Recherchefehler (Degowski erschoss Emanuele De Giorgi, nicht Rösner)  – und trotzdem funktioniert er ausgesprochen gut. Dieser Thriller verbindet rasante Action mit zahlreichen gebrochenen Figuren und fügt nebenbei historische Ereignisse aus der bundesdeutschen Geschichte als wichtige tragende Elemente der Figuren in die Story ein. Das liest sich dann wie eine Chronologie des Rechtsradikalismus, etwa die oftmals unbehelligt gebliebenen Wehrsportgruppen, den rechtsradikalen Terror und die Verwebungen von rechten Schlägern und rechten, den Schein wahrenden Parteien. Allles in allem ein rasanter, spannungsreicher Thriller, der in seiner szenischen, multiperspektiven Anlage eine Vielfalt an Themen aufgreift, dies aber zumeist sehr überzeugend beherrscht.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Turmschatten | Die Taschenbuchausgabe erschien am 15.07.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06321-0
592 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Peter Temple | Wahrheit

Peter Temple | Wahrheit

Als er sich zurücklehnte, den Adrenalinschub spürte, hatte er kurz das Gefühl, auf Singos Platz zu gehören: Stephen Villani, Chef des Morddezernats. Jemand, der es verdient hatte, Chef des Morddezernats zu sein.

Kurz. (Auszug S. 162)

Ich habe schon immer viel gelesen, überwiegend im Krimigenre. Seit etwa zehn Jahren als Amateurrezensent nochmal mehr als vorher. Dadurch habe ich eine gewisse Routine entwickelt, welches Buch mir denn gefallen könnte. Durch Wälzen von Vorschauen, Informationen über den Autor und Vorgängerbüchern, durch Meinungen anderer Rezensenten ist die Trefferquote dann eigentlich sehr hoch. Ich greife kaum noch zu Flops, weil ich schon vorher erahne, was mir nicht so passen könnte. Was ich auf der anderen Seite aber auch feststelle: Ich bin sehr zurückhaltend bei Superlativen geworden. Ich lese viele wirklich gute Bücher, aber dass ich die Höchstnote vergebe, kommt inzwischen sehr selten vor. In den letzten 18 Monaten nur drei Mal. Damit ich die 5 von 5 vergebe, muss inzwischen viel zusammenkommen: Setting, Figuren, Thema und ein sprachlich-literarischer Anspruch. Ich muss von Beginn an merken: Oha, hier will es der Autor oder die Autorin wissen. Und den hatte ich bei „Wahrheit“ direkt im ersten Absatz:

Sie fuhren über die West Gate Bridge, hinter Ihnen lag eine Wohnung in Altona, eine tote Frau, eigentlich noch ein Teenager, schmutzige, rot gefärbte Haare, ausgebleichte Tätowierungen, Stichverletzungen in Bauch, Brustkorb, Rücken, Gesicht, zu viele, um sie zu zählen. Dem Kind, männlich, zwei oder drei Jahre alt, hatte man den Kopf eingetreten. Überall war Blut. Auf dem Nylonteppich in Pfützen, eine Kette klebriger schwarzer Pfützen. (Auszug S.7)

Die beiden Männer, die eben an diesem grausigen Tatort waren, sind Kripochef Villani und sein Kollege Birkerts aus dem Morddezernat in Melbourne. Der grausige Doppelmord ist zwei Seiten weiter schon geklärt, aber er setzt den Ton für den weiteren Roman. Denn schon werden die Mordermittler zum nächsten Tatort gerufen. In einem Luxusapartment eines neu erbauten Hochhauskomplexes (inklusive Casino) wird die Leiche einer jungen Frau gefunden. Von Beginn an werden die Mordermittler um Stephen Villani nur unzureichend unterstützt. Die Security vor Ort ist keine Hilfe, auch bei den Vorgesetzten scheint der Fall keine Priorität zu besitzen. Da gerät ein zweiter Fall in den Fokus: In einer Gewerbeimmobilie wurden drei Kriminelle zum Teil brutal gefoltert und ermordet. Hier wird schnelle Aufklärung verlangt. Der Fall scheint eine Abrechnung im Milieu gewesen zu sein, hier ist zur Beruhigung der Bevölkerung ein rascher Erfolg vonnöten.
Nebenbei hat Inspector Villani auch privat einige Baustellen: Seine Ehe kriselt, er hat eine Geliebte, eine Journalistin eines lokalen Fernsehsenders. Seine minderjährige Tochter ist verschwunden und hängt offenbar mit Drogenabhängigen ab. Als Polizisten die Tochter aufgreifen, lässt Villani sie einige Stunden in Polizeigewahrsam schmoren und verschärft damit die familiäre Situation noch. Derweil hockt sein Vater im Hinterland auf seiner Farm, während gerade gewaltige Buschbrände toben. Villanis Versuche, ihn dort wegzulocken, sind vergeblich.

Orong winkte sie näher. Gillam und Barry neigten sich zu ihm hin.
„Ein Beispiel ist Prosilio“, sagte er und sah dabei Villani an, „man will nicht, dass irgendeine Nuttengeschichte ein Multimillionen-Dollar-Projekt beschädigt, ein Vorzeigeprojekt, ein Kronjuwel dieses Bezirks.“ […]
„Man findet jeden Tag tote Schlampen, stimmt’s, Inspector?“, sagte Orong. (Auszug S. 126)

Autor Peter Temple wurde 1946 in Südafrika geboren, arbeitete als Journalist. Er verlies bewusst 1977 das Apartheidregime, lebte einige Jahre in Deutschland und emigrierte dann 1980 nach Australien. Er arbeitete dort als Literaturdozent. Erst 1996 erschien „Bad Debts“, sein Debütroman und erster Band der vierteiligen Serie um den Privatermittler Jack Irish. Leider verstarb Temple bereits 2018 an Krebs. Er gilt aber weiterhin als einer der besten Krimiautoren Australiens. Fünfmal gewann er Australiens wichtigsten Krimipreis, den Ned Kelly Award, 2007 für „The Broken Shore“ auch als erster Australier den Gold Dagger, 2012 den Deutschen Krimipreis für „Wahrheit“. Und eigentlich reicht sein Ruf auch übers Genre hinaus, denn „Wahrheit“ ist einfach sensationell starke Literatur. In seiner Heimat gewann er mit dem Roman überraschend als Genreautor den allgemeinen Literaturpreis „Miles Franklin Award“.

Was den Roman so herausragend macht, ist das Zusammenspiel aller Zutaten. Schon allein sprachlich ist der Roman aus meiner Sicht außergewöhnlich gut, weil er dem Leser einiges abverlangt. Hier wird nichts nebenbei erklärt, keine Erklärdialoge geführt. Alles ist sprachlich höchst authentisch, verknappt, salopp, lakonisch. Die Stimmung ist düster und explosiv. Inspector Villani wird hier auf einer wahren Tour de Force begleitet, sowohl beruflich als auch privat. Dabei werden nebenbei große gesellschaftliche Probleme Australiens wie Machtmissbrauch und Korruption eingebettet und ein äußerst spannendes Bild von Polizeiarbeit gegeben. Temple bleibt aber permanent beim Protagonisten Villani und dessen Konflikten um Liebe, Ehe, Familie, das Verhältnis zum eigenen Vater und beruflich um die Loyalität im eigenen Team, das schwierige Agieren im Polizeiapparat und der Umgang mit den eigenen Leichen im Keller. Ein großartiger Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Wahrheit | Erstmals erschienen 2009
Aktuell in der deutschen Übersetzung nur als E-Book verfügbar:
ISBN 978-3-641-06681-9 | 8,99 €
Originaltitel: Truth | Übersetzung aus dem Englischen von Hans M. Herzog
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Peter Temples Roman „Die Schuld vergangener Tage“

David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

Und wenn das Rechtssystem versagte, kamen die Leute zu mir. Für ein paar Hundert Dollar übte ich in Ihrer Namen zumindest ansatzweise Rache. Mein Beitrag zur Gerechtigkeit. (Auszug S.54)

Virgil Wounded Horse ist ein Lakota und lebt im Rosebud-Reservat in South Dakota. Er schlägt sich als Vollstrecker durch: Viele Straftaten, besonders gegen Personen, werden im Reservat nicht verfolgt. Die örtliche Polizei im Reservat ist nur für Kleindelikte zuständig, die Bundespolizei interessiert sich für vieles, was die Indianer untereinander betrifft, nicht. Dann tritt Virgil auf und vermöbelt einen Übeltäter im Auftrag der Geschädigten, um wenigstens etwas Gerechtigkeit herzustellen.

Eines Tages wird Virgil von Ben Short Bear, Mitglied des Stammesrates, angesprochen. Im Reservat ist Heroin aufgetaucht, einer der Lakota, ein gewisser Rick Crow, arbeitet wohl mit Mexikanern zusammen und bringt das Zeug ins Reservat. Virgil soll das Ganze unterbinden. Zunächst lehnt Virgil ab. Als jedoch kurz darauf Virgils Neffe und Adoptivsohn Nathan fast an einer Überdosis stirbt, fährt Virgil mit seiner Ex-Freundin Marie Richtung Denver, um Crow aufzuspüren. Wider Willen gerät Virgil kurz darauf in eine Polizeiaktion, die vor allem Nathan in große Gefahr bringt.

„Die Polizei ist nicht ihr Freund und Helfer. Vor allem die Feds nicht. Momentan gibt es nur einem Menschen, dem Sie vertrauen können, und der sitzt vor Ihnen. Falls Ihnen das bis heute noch nicht klar war, dann sage ich es Ihnen nochmal in aller Deutlichkeit: Wenn es um das Recht der Weißen geht, ziehen die Natives immer den Kürzeren.“ (Auszug S.196)

David Heska Wanbli Weiden ist selbst Bürger der Sicangu Lakota Nation, lebt inzwischen in Denver, aber kann die Verhältnisse in den amerikanischen Reservaten aus eigener Hand beschreiben. Die Situation ist oftmals mehr als prekär, Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholprobleme, niedrige Lebenserwaltung, hohe Selbstmordrate. Sehr viele Natives, die in den Reservaten bleiben, leiden unter psychischen Problemen, haben Schwierigkeiten, ihre Identität als Indianer unter den gegebenen Bedingungen zu bewahren. Es gibt zu wenig Hilfsprogramme. Interessant erscheinen Aktionen, die sich auf alte Traditionen zurückbesinnen, um dadurch wieder Stammes- und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Diese ganze Nebenaspekte bilden den stilvollen Rahmen für diesen düsteren Krimi, der sich viel Zeit für seine Figuren und das Setting nimmt. „Winter Counts“ war der erste Kriminalroman des Autors, der damit aber direkt zahlreiche Literatur- und Krimipreise einheimste und auf der Short List des Edgar Award stand.

Virgil ist einer dieser Bewohner des Reservats, der nie raus gekommen ist und sich der schwierigen Lage mehr schlecht als recht angepasst hat. Die alten Traditionen und Rituale interessieren ihn nicht wirklich mehr. Er lebt quasi von der Hand in den Mund, ist aber bemüht, dem Sohn seiner verstorbenen Schwester ein halbwegs ordentliches Zuhause zu bieten. Seine Ex Marie hingegen ist eine Art Aktivistin, die sich mit der Situation des Reservats nicht abfinden will und daher tatkräftig Aktionen zur Verbesserung der Lage unterstützt. Sie hält auch viel von Rückbesinnung auf alte Stammestraditionen.

Die Geschichte wird von Virgil als Ich-Erzähler erzählt, bleibt lange Zeit etwas spannungsarm, bevor sie zum Ende hin förmlich explodiert. Der Reiz des Buches liegt daher weniger am eher soliden Plot, sondern am Schauplatz, an der schonungslosen Beschreibung der prekären Verhältnisse und an der Faszination der Stammesrituale. Dabei teilt Weiden zu beiden Seiten aus, korrupte eigene Leute bekommen genauso ihr Fett weg (wie die Weißen, die den Natives immer noch die Selbstbestimmung verweigern. Dadurch sicherlich ein Kriminalroman, der aus der breiten Masse herausragt.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Winter Counts | Erschienen am 23.05.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-46-8
460 Seiten | 16,00 €
Originaltitel: Winter Counts (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Patrick McGuinness | Den Wölfen zum Fraß

Patrick McGuinness | Den Wölfen zum Fraß

Ich muss lachen, merke dann aber, dass diese Erklärung gar nicht so schlecht ist. Man nimmt sexuelle Scham und sexuelle Frustration, packt darauf Reichtum, Hierarchie und seelische wie körperliche Gewalt, serviert das Ganze dann in einem großen Glas namens Anspruch und erhält… nun ja, exakt das, was wir haben. (Auszug E-Book Pos. 3541)

In einem Gestrüpp, einer wilden Müllkippe, in einer Stadt im Südosten Englands wird kurz vor Weihnachten die Leiche einer jungen Frau, Zalie Dyer, gefunden. Ein Nachbar von ihr, Mr. Wolphram wird von der Polizei befragt, hatte kurz vor ihrem Verschwinden mit der Toten Kontakt, hat kein Alibi und macht sich für die Polizei verdächtig. Wolphram wird erstmal festgenommen.

Die beiden leitenden Polizeibeamten Gary und Alexander vernehmen den Verdächtigen. Für Gary ist Wolphram extrem verdächtig. Ein pensionierter Lehrer einer Privatschule, Junggeselle, Einzelgänger, kultiviert und selbstsicher im Verhör – so jemand hat doch etwas zu verbergen. Bei Alexander, auch Ander genannt, stehen die Dinge anders. Er kennt Wolphram, war er doch vor 25 Jahren dessen Schüler im Chapleton College. Noch gibt er diese Information nicht preis. Aber obwohl er zugeben muss, dass Wolphram ein kauziger Typ ist, kann er ihn nach seinen Erfahrungen aus der Schulzeit nicht mit einem Mord in Verbindung bringen.

Jede Gefühlsregung untergräbt, korrigiert, durchmischt er mit etwas anderem. Aber mit was? Mit etwas Emotionslosem. Weiß er zu viel, um Gefühle zu haben oder kennt er sie so genau, dass er sie gar nicht mehr empfindet? (Auszug E-Book Pos. 135)

Das Problem von Gary und Ander ist der große Druck von außen, den Fall möglichst schnell aufzuklären. Wolphram ist für die Öffentlichkeit ein perfekter Täter. Schnell haben die Medien Wind von dessen Festnahme bekommen und schlachten die Story nun brutal aus. Wolphram wird buchstäblich „den Wölfen zum Fraß vorgeworfen“. Er war damals schon ein etwas verschrobener Lehrer, der aber Interesse an seinen Schülern zeigte, sie etwa zu Arthouse-Filmabenden zu sich nach Hause einlud. Ehemalige Schüler berichten aber nun von angeblichen Anzüglichkeiten, die Schule distanziert sich öffentlich von ihm. Die Medien bezahlen gutes Geld für weitere Exklusivstorys. Doch je mehr sich die Yellow Press auf Wolphram einschießt, desto mehr wachsen die Zweifel nicht nur bei Ander, sondern auch bei seinem Kollegen Gary. Sie finden bei Wolphram zu wenig weitere Indizien auf die Tat, zudem kann Ander nach anfänglicher Lethargie herausstellen, dass Wolphram zu den anständigen Lehrern der Schule gehörte.

Als Kriminalroman ist dieses Buch sehr ungewöhnlich. Zwar wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Ander erzählt, aber der Fokus liegt nur zum Teil auf den Ermittlungen, die erst spät in Gang kommen. Sehr viel Raum nehmen die Empfindungen von Ander ein und vor allem seine Erinnerungen an seine Schulzeit in den 1980ern. Damals war er, im Ausland aufgewachsen, ein Außenseiter, noch mehr aber sein damaliger Freund Daniel. Erlebnisse von Mobbing durch die Mitschüler, psychischem Druck und unterschwelliger sexueller Nötigung durch die Lehrer. Im direkten Zusammenhang damit steht auch die Klassenfrage, die in Großbritannien wohl immer noch akut ist. Das elitäre Schulsystem zementiert dieses Klassensystem zudem, Aufsteiger zwischen den Systemen werden gemobbt. Spannenderweise hat der Autor den Clash der Gesellschaftsschichten auch bei den beiden Polizisten integriert. Gary ist der vorlaute, prollige, proletarische Typ, mit einem leicht bedrohlichem Gehabe. Ein rechtschaffender Polizist, der sich hochgearbeitet hat, der aber auch ein wenig seine Vorurteile pflegt, gerade gegenüber „denen da oben“. Ich-Erzähler Ander ist auf der anderen Seite einer von „denen da oben“, hat sich nach guter Ausbildung etwas überraschend für die Polizei entschieden. Er ist ein eher grüblerischer, melancholischer Typ. Auf der Arbeit sehr methodisch, wird er von Gary „Prof“ genannt. Es geht zwischen beiden sehr spöttisch zu, dennoch funktioniert die Zusammenarbeit. Außerdem steht natürlich die mediale Ausschlachtung des Falls im Mittelpunkt. Die brutale, empathielose Zurschaustellung von Mordopfer und vermeintlichem Täter bis hin zum geförderten Denunziantentum wird hier deutlich dargestellt.

„Den Wölfen zum Fraß“ ist der zweite Roman des Autors Patrick McGuinness, Literaturwissenschaftler in Oxford, der auch viel Lyrik publiziert. McGuinness verarbeitet in seinem Roman einen realen Fall. Am 25.12.2010 wurde die 25jährige Joanna Yeates tot in der Nähe von Bristol aufgefunden, schnell unter Verdacht geriet Christoffer Jefferies, Yeates‘ Vermieter und ein ehemalige Lehrer von McGuinness. Jefferies wurde von zahlreichen Medien aufgrund seines Habitus schnell als Täter diffamiert und vorverurteilt. Später stellte sich heraus, dass Jefferies unschuldig war. Der Vorgang führte zu einer großen Mediendebatte in Großbritannien.

Der vorliegende Roman ist ein ungewöhnlich zusammengestellter Kriminalroman, der vor allem Medienkritik und auch Gesellschaftskritik in sich vereint. Mit der Konstellation der beiden unterschiedlichen Ermittlerfiguren gelingt dem Autor ein guter Kniff. Hier und da verliert sich für meinen Geschmack der Roman etwas in der Melancholie und Reflexion des Ich-Erzählers, aber insgesamt ist dieser Roman anregend, sprachgewand und eine interessante Variation im Genre.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Den Wölfen zum Fraß | Erschienen am 16.03.2022 bei Oktaven im Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978-3-7725-3028-9
422 Seiten | 29,90 €
als E-Book: ISBN 978-3-7725-3028-9 | 24,99 €
Originaltitel: Throw me to the wolves (Übersetzung aus dem Englischen von Dieter Fuchs)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Etwa 50 Kilometer außerhalb von Buenos Aires liegt Altos de la Cascada, eine Gated Community mit schicken Anwesen, Golf- und Tennisplatz und einem großen Zaun drumherum. Ein Refigium der oberen Mittelklasse, die sich hier in den profitablen 1990er Jahren hier eingerichtet haben. Die argentinische Wirtschaftskrise beginnt sich zwar zu entwickeln, was viele aber nicht wahrhaben wollen. Somit ist man mit weiterhin vorwiegend damit beschäftigt, den Schein zu wahren und den eigenen Wohlstand zur Schau zu stellen.

Sie wollten lieber eine Mauer, das hält nicht bloß fremden Menschen fern, man ist auch von außen nicht mehr zu sehen. Und wir brauchen auch nicht mehr zu sehen, was draußen los ist. (Auszug S. 95)

Viele Familien sind in La Cascada miteinander befreundet, zumindest tut man so. Regelmäßig verbringen die Männer der Familien Scaglia, Insúa, Urovich und Guevara den Donnerstagabend miteinander. Die Frauen nennen sich scherzhaft „Donnerstagswitwen“. Eines Donnerstags, den 27. September 2001, ist Maria Virginia Guevara überrascht, beim Heimkommen ihren Mann Ronie schon zu Hause vorzufinden. Er verhält sich auch seltsam und bricht sich kurz darauf bei einem Sturz auf der Terrasse das Bein. Erst im Krankenhaus erfahren die Guevaras die schreckliche Nachricht: Tano Scaglia, Gustavo Insúa und Martín Urovich sind im Pool der Scaglias bei einem Stromunfall ums Leben gekommen. Doch der Leser wird direkt auf ein paar seltsame Begleitumstände hingewiesen. Rückblickend wird nun die Geschichte der Familien in La Cascada erzählt und letztlich die Hintergründe dieses tragischen Abends aufgedeckt.

Autorin Claudia Piñeiro zählt heute zu den erfolgreichsten argentinischen Autoren. Sie ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Rechnungsprüferin. Piñeiro schreibt auch Kinder- und Jugendbücher, arbeitet als Regisseurin und beim Theater. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ erschien 2003. Oftmals sind ihre gesellschaftskritischen, dramatischen Romane in eine Kriminalgeschichte eingebettet. 2005 erschien „Las viudas des los jueves“ und gewann mit dem Premio Clarín einen der wichtigsten argentinischen Literaturpreise. 2009 verfilmte Marcelo Piñeyro den Roman fürs Kino.

„La Cascada“ ist eine sogenannte Gated Community, eine dieser Siedlung der Reichen und Aufstrebenden, oft in Ländern mit starkem Wohlstandsgefälle, in denen man versucht, genau dieses Gefälle auszublenden. Hinzu kommt in diesem Falle, dass die aufsteigende Wirtschaftskrise in Argentinien genau diesen Lebensstandard bedroht. Claudia Piñeiro wirft einen sehr scharfen Blick auf die Bewohner und entlarvt die ganzen Lebenslügen und anderen Dramen, die sich unter der Oberfläche des schönen Scheins abspielen. Machismo, Gewalt in der Ehe, Alkoholismus, Untreue, Rassismus, Antisemitismus und andere Vorurteile schwelen teilweise im Verborgenen, teilweise werden sie aber nur verdrängt. Die Probleme des Lebens will man in La Cascada lieber nicht mit den Nachbarn teilen, aber oft auch nicht mit dem Ehepartner. Man kehrt lieber unter den Teppich, heuchelt, will nichts von Problemen anderer hören und wahrt den Schein. Und legt sich innerhalb der Mauern merkwürdig undemokratische Verhaltensregeln auf.

Piñeiro legt in diesen Roman eine gehörige Portion Gesellschaftskritik mit einer Generation des Aufschwungs, die aber in Zeiten der Krise nur Egoismus und Eskapismus kennt. Ein zynisches Porträt einer Nachbarschaftsclique auf Talfahrt, die schließlich mit drei Toten enden wird. Dabei bedient sie sich auch stilistisch eines interessanten Kniffs. Sie schreibt zum einen aus der Ich-Perspektive von Maria Virginia Guevara, die angefangen hat, als Maklerin zu arbeiten und damit eine der wenigen Frauen ist, die es noch nötig haben zu arbeiten. Sie ist auch der wenigen, die ein wenig mehr hinterfragt und eine gewisse kritische Distanz bewahrt. Zum anderen wird aus der personalen Perspektive erzählt, ungewöhnlicherweise mit einem Plural-Wir. Damit gibt Piñeiro quasi der Gemeinschaft eine Stimme, erzählt von der allgemeinen Wahrnehmung in La Cascada, aber auch von Heimlichkeiten und Gerüchten.

[…] nach dieser Geschichte also soll sie an den Rand des zuletzt erwähnten Hefteintrags geschrieben haben: „Kann man wirklich mit jemandem befreundet sein, den man über seine Brieftasche kennengelernt hat?“ Worauf sie sich selbst, am Fuß derselben Seite, als Antwort notiert habe: „Alles Elend nimmt seinen Weg über die Brieftasche.“ (Auszug S.65).

Man könnte zuletzt natürlich die Frage aufwerfen, ob das hier überhaupt ein Krimi ist, aber die Frage ist müßig. Claudia Piñeiro bedient sich hier selbstverständlich der Elemente des Genres, zudem beantwortet sie ganz der Spannungstradition folgend, die Frage nach der Vorgängen an jenem Donnerstagabend erst ganz zum Schluss. Dazwischen ist dieses Buch ein überzeugender Gesellschaftsroman mit präziser Sprache, zynisch-ironischem Unterton und scharfem Blick auf die Figuren. Sie porträtiert auf beiläufige, aber fesselnde Art eine Gesellschaftsschicht voller Heuchelei und Dekadenz auf dem Weg in den eigenen Untergang. Ein überzeugender Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Donnerstagswitwen | Erschienen 2010 im Unionsverlag
Aktuelle Taschenbuchausgabe: ISBN 978-3-293-20568-0
320 Seiten | 13,95 €
Originaltitel: Las viudas de los jueves (Übersetzung aus dem Spanischen von Peter Kultzen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Gunnar zu Claudia Piñeiros „Der Privatsekretär