Kategorie: Krimi

Scott Thornley | Der gute Cop

Scott Thornley | Der gute Cop

„Ich will keine Polizisten hier haben. Ich will dich.“ Der Bürgermeister beugte sich über den Tisch zu ihm. „Ich will nur das Beste für die Stadt, Mac. Aber was hilft es Dundurn, wenn diese Karre und ein paar Säulen länger als ein halbes Jahrhundert hier liegen und jetzt ein Riesen-Medienwirbel darum veranstaltet wird? Wir waren unser Leben lang Kanadas Stiefkind. Dieses Projekt wird uns wieder auf die Beine helfen und zurück ins Spiel bringen.“ (Auszug Seite 18)

Dundurn, eine kleine Stadt im Norden Kanadas hat ihre besten Zeiten schon lange hinter sich, nachdem aufgrund von Globalisierung viele Industrien ins Ausland verlagert wurden. Aktuell werden im Rahmen eines Hafenerneuerungsprojektes beim Ausbaggern des Hafenbeckens mehrere Leichen gefunden. Zwei Tote im Kofferraum eines Oldtimers, die aber nach ersten Erkenntnissen schon seit Jahrzehnten im Wasser liegen. Weitere in Plastik eingeschweißte und danach in Säulen einbetonierte Leichen sind aber eindeutig jüngeren Datums und stehen eventuell im Zusammenhang mit mehreren Toten, die just auf dem Grundstück einer Biker-Gang gefunden wurden. Keine guten Nachrichten für den Bürgermeister. Der sieht seine ambitionierten Pläne für die angeschlagene Wirtschaft der Stadt in Gefahr. Zwei um 1813 versunkene Kriegsschiffe sollten im Rahmen eines Museumsprojekts Touristen anziehen. Deshalb beauftragt er Detective Superintendent MacNeice mit möglichst unauffälligen Ermittlungen und fordert eine schnelle Aufklärung der Fälle.

Mord unter Bikern
Keine leichte Aufgabe für DSI MacNeice und sein Team. Die brutale Entstellung der einbetonierten Leichen erschwert die Identifizierung. Erste Ergebnisse weisen auf Auseinandersetzungen zwischen diversen Motorradgangs hin und einige Spuren führen zu Disputen zwischen dem Baugewerbe und Biker-Gangs.

Doch damit nicht genug. Eine junge Schwesternschülerin indischer Herkunft wird auf offener Straße erstochen. Und es bleibt nicht bei dem einen Tötungsdelikt. Weitere Opfer, alles junge, ehrgeizige Frauen mit Migrationshintergrund, die alleine unterwegs sind, werden mit einem Messer attackiert, aufgeschlitzt und getötet.

Überwältigt von der Brutalität des offensichtlich psychopathischen Frauenmörders bittet McNeice seine frühere Kollegin Fiza Aziz um Hilfe. Als erfolgreiche Polizistin mit Migrationshintergrund passt die Muslimin perfekt in das Beuteschema des Mörders. Die promovierte Kriminalistin Aziz hatte nach ihrem letzten Einsatz ausgebrannt das Team verlassen und war nach Ottawa gegangen um an der Uni Kriminologie zu lehren. Ohne zu zögern kehrt sie jetzt zu den Kollegen zurück um den Köder zu spielen. Moment mal! Es gibt immer wieder Verweise auf vorangegangene Ereignisse sowie die Beziehungen untereinander und so musste ich nach Recherchen feststellen, dass es sich um den zweiten Band einer bis dahin schon vierteiligen Reihe handelt. Auch wenn es sich um einen abgeschlossenen Kriminalfall handelt, den man gut für sich lesen kann, hätte ich einen kleinen Hinweis darauf begrüßt.

Man wird wirklich mit einer Vielzahl an Leichen konfrontiert und ich muss zugeben, dass ich teilweise die Übersicht verlor. Zwei ganz unterschiedliche Fälle laufen in separaten Handlungssträngen neben einander her. Der Fall um den Serienmörder war fesselnd und aufgrund der besonderen Thematik Rassenhass sehr bewegend. Hier ist der Krimi ein richtiger Polizeiroman, in dem die Arbeit des Teams detailliert und kleinteilig beschrieben wird. Das muss man mögen, aber mich haben diese Abschnitte, in denen klassisch ermittelt wird, Zeugen befragt und Spuren gelesen werden, richtig gut unterhalten. Weniger gefallen haben mir die Passagen aus Sicht des Serienmörders. Die laut gesprochenen Monologe mit seinem Spiegelbild habe ich nur noch quer gelesen. Durch diesen „Trick“ seine fremdenfeindlichen Ansichten dem Leser näher zu bringen hätte man besser lösen können.

Meine Meinung
Es gibt einige interessante Charakterbeschreibungen, zum Beispiel die Rechtsmedizinerin oder die italienisch-stämmige Familie der Betonlieferanten. Aber gerade die Hauptfigur Mac fand ich etwas farblos. Der Witwer ist ein sympathischer Typ, ein intelligenter, bei seinem Team geschätzter Ermittler, die reißerische Beschreibung im Klappentext passt aber gar nicht. Da ich jetzt weiß, dass es schon einen Vorgängerband gibt, vermute ich, dass in diesem auf die Charakterzüge von Mac und seinem Team genauer eingegangen wurde.

In „Der gute Cop“ werden viele Themen behandelt, von Bandenkriminalität, korrupten Politikern über Rassismus, Rache zu Drogen und Prostitution. Vielleicht zu viele Themen, denn durch die vielen Handlungsstränge verliert der Krimi etwas an Intensität und Übersichtlichkeit. Der Schreibstil ist flüssig, an einigen Stellen bedächtig und bei den Tötungsdelikten recht drastisch. Es handelt sich um ganz klassische, solide Krimikost, nicht schlecht, aber auch nicht durchgehend gut. Selten passte durchschnittlich besser.

„Der gute Cop“ ist der zweite Band einer Reihe, die der kanadische Autor Scott Thornley um den verwitweten Detective Superintendent MacNeice geschrieben hat und der erste ins Deutsche übersetzte. Thornley wuchs in dem kanadischen Hamilton auf und die Stadt am Fuße des Ontariosee inspirierte ihn für das fiktive Industrie-Städtchen Dundurn.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Der gute Cop | Erschien am 14. Juni 2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7081-7
523 Seiten | 16,00 Euro
Originaltitel: The Ambitious City. A MacNeice Mystery (Übersetzung aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Die Tote im Götakanal

Maj Sjöwall & Per Wahlöö | Die Tote im Götakanal

Obwohl die Kopfschmerzen nicht weniger geworden waren und er einen Pfropfen im Ohr hatte, fühlte er sich bedeutend wohler. Er kam sich vor wie ein Langstreckenläufer eine Sekunde vor dem Start. Lediglich zwei Dinge beunruhigten ihn: Der Mörder hatte drei Monate Vorsprung. Und er selbst wußte nicht, in welche Richtung er rennen sollte. (S.37)

In Motala am Vätternsee wird bei Aushubarbeiten im Schleusenbecken des Götakanals eine nackte Frauenleiche gefunden. Die Tote wurde vergewaltigt und erwürgt. Zur Unterstützung der örtlichen Polizeibehörden kommt Kommissar Martin Beck aus der Hauptstadt nach Motala. Doch die Ermittlungen stocken zunächst, denn die Tote ist trotz Aufruf an die Bevölkerung nicht zu identifizieren. Dann kommt der entscheidende Hinweis aus den USA: Die Tote ist Roseanna McGraw aus Lincoln, Nebraska. Sie war auf Europareise und in Schweden mit dem Passagierschiff „Diana“ auf dem Götakanal unterwegs.

Damit ist klar, dass es niemand aus ihrem näheren Umfeld war, sondern jemand, den sie auf ihrer Reise kennengelernt hatte. Doch Beck und seine Kollegen tun sich bei den Ermittlungen äußerst schwer. Die Befragung der Crew und der Passagiere ergibt keinen direkt Verdächtigen. Die Polizisten sammeln zunächst Informationen über die Tote und versuchen, Bild- und Filmmaterial von den Reisenden zu erhalten, um zu erfahren, wem Roseanna McGraw auf der Fahrt begegnet ist. Da kommt ein entscheidender Hinweis: Neben den Personen auf der offiziellen Passagierliste gibt es auf diesen Kanalfahrten noch Deckspassagiere, die unterwegs zusteigen und ein paar Tage mitfahren.

Martin Beck warf einen letzten Blick auf seine Unterlagen; das Bild der Frau von Växjö lag obenauf. Dann klappte er die Mappe zu. „Das wäre dann alles“, sagte er. „Entschuldigen Sie, daß wir sie mit derartigen Fragen belästigen mußten. Aber das gehört leider zu meinem Beruf. Kann ich Sie vielleicht nach Hause bringen lassen?“
„Danke, ist nicht nötig. Ich nehme die U-Bahn.“ […]
Martin Beck begleitete ihn ins Erdgeschoß hinunter. „Also, auf Wiedersehen.“
„Auf Wiedersehen.“ […]
„Sollen wir ihn weiter beschatten?“, fragte Kollberg.
„Ist nicht nötig.“
Ahlberg sah Martin Beck an. „Glaubst du, daß er es ist?“
Martin Beck stand mitten im Zimmer und betrachtete seine Fingernägel. „Ja“, sagte er schließlich. „Ich bin felsenfest davon überzeugt.“ (S.117-118)

Maj Sjöwall und Per Wahlöö stehen für die große Tradition der schwedischen Kriminalliteratur. Ihr zehnbändiger Zyklus „Roman über ein Verbrechen“ um Kommissar Beck und seine Kollegen gilt immer noch als Maßstab des Genres. Wahlöö war zunächst ab Ende der 1950er Jahre alleine als Autor mehrerer Politthriller erfolgreich. 1961 lernten sich Sjöwall und Wahlöö kennen. Sie waren beide Journalisten und Übersetzer, insbesondere der Cop-Krimis aus dem 87.Revier von Ed McBain. Schließlich entwarfen die beiden bekennenden Marxisten einen Plan über eine Krimi-Reihe, in der sie vor allem auch gesellschaftskritische Aspekte unterbringen wollten. Das Autorenpaar war ein großer Kritiker des schwedischen Wohlfahrtsstaats und der vermeintlichen „Scheindemokratie“. Jan Christian Schmidt zitiert in einem Artikel über den beiden aus der „Swedish Book Review“: „Obwohl sie den Kriminalroman in der Tat erneuert haben, lag es ironischerweise überhaupt nicht in ihrer Absicht, das Genre zu erneuern, sondern sie wollten es als Vehikel benutzen, um ein breites Publikum und eine spezifische Plattform für ihre politischen Ansichten zu gewinnen.“ Ihre Romanreihe begann 1965 mit dem Erscheinen von „Roseanna“ (dt. „Die Tote im Götakanal“) und endete 1975 mit „Terroristerna“ (dt. „Die Terroristen“). Per Wahlöö starb bereits im Juni 1975, kurze Zeit nach Ende der Reihe. Maj Sjöwall arbeitete anschließend wieder hauptsächlich als Übersetzerin, veröffentlichte selbst nur noch weniges, meist als Co-Autorin. Sie starb im April 2020.

Der vorliegende erste Band der Reihe um Kommissar Beck ist ein waschechter Polizeiroman in Tradition von Ed McBain. Der Fokus liegt auf der Ermittlungsarbeit und den Abläufen in der Ermittlergruppe. Dialoge, Zeugenbefragungen, Protokolle, Telegramme werden teilweise wortgetreu wiedergegeben, was auch heute noch sehr authentisch wirkt. Zudem entwickelt sich der Roman von einer klassischen Mördersuche im Laufe zu der Frage, wie man dem Hauptverdächtigen auch habhaft werden kann. Die politische Botschaft Sjöwalls und Wahlöös ist in diesem Roman noch eher unterentwickelt, wird sich im Laufe der Reihe noch erheblich steigern. Gleichwohl ist der Fall ein Abbild der gesellschaftlichen Zeit: Roseanna McGraw war eine moderne Frau, eigenständig, selbstbewusst und sexuell nicht zurückhaltend. Jemand, der nicht ins Bild so mancher Männer passte. Von Kommissar Beck erfährt der Leser mit Abstrichen auch ein paar Dinge außerhalb seiner Arbeit. Das Familien- und Eheleben scheint Beck zu ermüden. Er ist froh, sich zwischendurch einige Tage abseilen zu können und steckt hohe Energie in die Aufklärung des Falles.

„Die Tote im Götakanal“ ist inzwischen natürlich ein Klassiker des Genres. Mit der Reihe waren die Autoren Wegweiser für das bis heute äußerst erfolgreiche Genre der skandivischen Kriminalromane, die zumeist auch eine gesellschaftlich-politische Komponente beinhalten. Der Roman ist aus meiner Sicht gut gealtert, immer noch sehr gut lesbar, da modern und mit vielen Dialogen geschrieben. Dieser Klassiker ist auf jeden Fall eine Wiederentdeckung wert.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Tote im Götakanal | Erstmals erschienen 1965
Die gelesene Ausgabe erschien 1968 im Rowohlt Verlag
Aktuelle Ausgabe: ISBN 978-3-499-24441-4
272 Seiten | 9,99 €
Originaltitel: Roseanna (Übersetzung aus dem Schwedischen von Johannes Carstensen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Artikel über Maj Sjöwall und Per Wahlöö von Jan Christian Schmidt auf kaliber.38

Weiterlesen II: Gunnars Rezension zu Band 2 der Reihe („Der Mann, der sich in Luft auflöste“)

Charlotte Link | Ohne Schuld (Band 3)

Charlotte Link | Ohne Schuld (Band 3)

“Also ging Sascha nicht mehr in den Kindergarten, sondern blieb zu Hause bei Alice. Die wirkte inzwischen so depressiv, dass ich mir immer größere Sorgen um sie machte. Sie schlich wie ein Schatten durch den Tag. In einer völlig mechanisch wirkenden, freudlosen Form der Pflichterfüllung suchte sie mit Sascha weiterhin Logopäden, Osteopathen, Heilpraktiker aller Art auf, aber sie wirkte dabei wie jemand, der nichts Gutes vom Leben mehr erwartet.” (Seite 191)

Auf eine Frau wird in einem Zug geschossen, Sergeant Kate Linville ist zufällig auch anwesend und kann sie in letzter Minute retten. Zwei Tage später stürzt eine andere Frau mit ihrem Fahrrad über einen dünnen Draht, wird bewusstlos und hört den darauf folgenden Schuss nicht mehr. Beide Frauen stehen in keinem Zusammenhang, aber die Tatwaffe ist die gleiche. Kate Linville beginnt zu ermitteln, stößt auf ein unfassbares Geheimnis und begibt sich in tödliche Gefahr…

Neuer Fall für Kate Linville
“Ohne Schuld” von Charlotte Link empfand ich als gewohnt sehr spannend, sodass ich mich kaum von der Geschichte lösen konnte. Es handelt sich um den dritten Fall um Kate Linville, kann aber auch unabhängig von den vorherigen gelesen werden. Auch der zweite Fall, „Die Suche“, hat mich absolut überzeugt.

Frustrierende Ermittlungen
Die Ermittlungen beginnen zunächst ohne jegliche Erfolgserlebnisse für die Polizisten und man spürt beim Lesen ihre Frustration, weil einfach überhaupt nicht klar wird, was diese beiden Frauen gemeinsam haben, warum auf beide mit derselben Pistole geschossen wurde. Als dann aber doch endlich der Durchbruch folgt, nimmt die Ermittlung schnell an Fahrt auf und schon bald geht es bei mehreren Personen um Leben und Tod. Insgesamt vielleicht ein bisschen zu spektakulär für meinen Geschmack, aber durchaus fesselnd. Das Geheimnis ist wirklich schrecklich und ich kann den Rachegedanken fast nachvollziehen. Das Ende lässt mich dann allerdings etwas unbefriedigt zurück, da es offen bleibt.

Die Protagonistin
Sergeant Kate Linville ist 44 Jahre alt, hat gerade von Scotland Yard zur North Yorkshire Police gewechselt und zieht damit in das Haus ihrer verstorbenen Eltern zurück nach Scalby. Kates Kollegen beschreiben sie als verschlossen, introvertiert und undurchschaubar. In Wirklichkeit hat sie aber nur kein sehr ausgeprägtes Selbstbewusstsein. Sie leidet darunter, dass sie allein mit ihrer Katze lebt, also keinen Partner und Kinder hat und ihre Gedanken und Gefühle werden oft sehr ausführlich beschrieben, wo ich an manchen Stellen schon etwas ungeduldig wurde, weil die Handlung, die gerade an Spannung gewinnt, dadurch aufgehalten wird.

Fazit: Gewohnt spannender Kriminalroman der Autorin, in dem ein unglaubliches Geheimnis gerächt werden soll und bei dem es am Ende um Leben und Tod geht.

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Ohne Schuld | Erschienen am 02. November 2020 im Blanvalet Verlag
ISBN: 978-3-764-50738-1
544 Seiten | 24,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezension zu Band 2 der Reihe („Die Suche“)

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Stuart Turton | Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle

Ein Mann wacht morgens orientierungslos und leicht verletzt in einem Waldstück auf. Er trägt einen Smoking, ist völlig verdreckt und hat keine Erinnerung an die letzte Nacht. Er kann sich nicht mal an seinen eigenen Namen erinnern und selbst sein Körper ist ihm fremd. Als er eine Frau um Hilfe schreien hört und Zeuge einer Verfolgung mit Schusswechseln wird, kommt ihm der Name Anna in den Sinn. Völlig verwirrt schleppt er sich zu einem naheliegenden Herrenhaus, um Hilfe zu holen.

Mord in Endlosschleife
Hier auf dem Anwesen Blackheath House lädt die Familie Hardcastle am Abend zu einem Maskenball ein. Und auf diesem Fest soll die Tochter des Hauses, Evelyn Hardcastle, sterben. Darüber wird unser Protagonist von einem seltsamen Typen, der das Kostüm eines Pestdoktors trägt, informiert. Er teilt ihm auch mit, dass er diesen Mord aufklären soll und dafür sieben Tage Zeit hat. Jeden Tag erwacht er in einen anderen Körper und erlebt aus dessen Sicht immer wieder in einer Endlosschleife den gleichen Tag, an dessen Ende immer wieder der Tod der jungen Frau steht. Schafft er es nicht, innerhalb der sieben Tage den Mörder zu benennen, werden seine gesamten Erinnerungen gelöscht und das Spiel fängt wieder von vorne an. Ein perfides Spiel, in dem es noch andere Mitspieler mit der gleichen Aufgabe gibt. Aber nur einer dieser Rivalen kann diesem Ort und der Zeitschleife entkommen.

Im weiteren Verlauf erfährt der Ich-Erzähler, dass sein richtiger Name Aiden Bishop ist. Wer er ist oder wie er an diesen Ort gekommen ist, bleibt weiter im Dunkeln. Da die Geschichte in der Ich-Perspektive erzählt wird, ist man als Leser immer ganz nah bei ihm und seinen schrittweisen Bemühungen, die Zusammenhänge zu ergründen. Nie weiß man mehr als Aiden und genau wie er wird man von einigen Wendungen überrascht. Er weiß nie, wem er vertrauen kann und einige Figuren trachten ihm nach dem Leben. Es bleibt auch nicht bei dem einen Todesfall. Das Hin- und Herspringen zwischen den Wirten und das mühselige Entdecken, in welchem Körper er jetzt wieder steckt, ist natürlich maximal verwirrend, macht aber den großen Reiz des Kriminalromans aus. Dabei beeinflussen ihn seine verschiedenen Wirtskörper durch ihre Charaktereigenschaften. Ob es das körperlich hohe Gewicht des einen oder die Wollust und Aggressivität des anderen oder wieder die Cleverness eines weiteren sind. Um den Kreislauf zu durchbrechen und aus Blackheath zu entfliehen, muss er sich die körperlichen oder geistigen Fähigkeiten seiner Wirte zu Nutze machen. Teilweise behindern sie ihn auch und verfügen nicht über Eigenschaften, die er in speziellen Momenten dringend benötigt. Faszinierend beschrieben wird, wie seine eigene Persönlichkeit sich mit denen seiner Wirte vermischt und er dagegen ankämpfen muss, dass sie mehr oder weniger untergeht. Um das Chaos perfekt zu machen, begegnet Aiden sich, wie es sich für einen Zeitreisenden gehört, selbst in den anderen Körpern.

Origineller Genremix
Ich habe das ungekürzte Hörbuch über Audible gehört und der Schauspieler und Hörbuchsprecher Frank Stieren macht das mit seiner angenehmen, unaufgeregten Stimme auch sehr gut. Trotzdem würde ich bei diesem Krimi vielleicht eher das Printexemplar empfehlen. Aufgrund ständiger Perspektiv- und Zeitenwechsel bedarf es einer großen Konzentration, um am Ball zu bleiben. Im Buch hätte man zwischendurch mal zurückblättern können. Auch serviert uns Turton ein wirklich großes Personal-Tableau mit Lords und Ladys, Dienerschaft und Gästen und ich kann mir Namen auch besser merken, wenn ich sie schwarz auf weiß lese.

Wenn man sich einfach darauf einlässt, macht die raffiniert konstruierte Geschichte großen Spaß. Trotz großer Komplexität des Inhalts hatte ich nie den Eindruck, der Autor hätte seine Handlungsfäden nicht mehr im Griff. Zum Schluss sitzen alle Puzzleteile an der richtigen Stelle und er bietet eine nachvollziehbare Auflösung.

Stuart Turton hat einen ganz klassischen Kriminalroman geschrieben, der im Erzählstil, im Setting und atmosphärisch an die typisch englischen Rätselkrimis à la Agatha Christie erinnert. Das Besondere ist das phantastische Element und mich hat der originelle Genremix mit einer Vielzahl an spektakulären Einfällen hervorragend unterhalten. Als großer Fan der amerikanischen Filmkomödie „Und täglich grüßt das Murmeltier“ konnte ich mir das nicht entgehen lassen. Einzig der Maskenball kam ein bisschen kurz und spielte gar keine so große Rolle.

„Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle“ ist das Romandebüt des britischen Schriftstellers und Reisejournalisten Stuart Turton. Der Kriminalroman wurde nach seinem Erscheinen in Großbritannien zum großen Publikumserfolg und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. Inzwischen hat sich Netflix die Rechte gesichert und arbeitet an einer siebenteiligen Serienadaption.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die sieben Tode der Evelyn Hardcastle | Erschienen am 24. August 2019 bei Tropen
ISBN 978-3-608-50421-7
605 Seiten | 24.- Euro (Die Taschenbuchausgabe erscheint im März im Heyne Verlag)
Originaltitel: The Seven Deaths of Evelyn Hardcastle (Übersetzung aus dem Englischen von Dorothee Merkel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

In meiner Eitelkeit sah ich mich gern als Rächer oder, schlimmer noch, fahrenden Ritter. Aber ich schlug nur im Dunkeln wild um mich. […] Meine Dienstmarke war zumindest vorübergehend nichts mehr wert. Ich besaß keine rechtlichen Vollmachten. Wie konnte ich in einem Fall weitermachen, der sich zu einem Raum ohne Türen entwickelt hatte? (Auszug S. 230-231)

Detective Dave Robicheaux geht einem Hinweis aus einem Notruf nach und kommt zum Strandhaus des Regisseurs Desmond Cormier, ein guter alter Bekannter Robicheaux‘. Auf dessen Terrasse bemerkt er etwas, das draußen auf dem Meer treibt: Die Leiche einer jungen Frau, in theatralischer Manier post mortem an ein Kreuz genagelt. Die Frau arbeitete für eine Hilfsorganisation, die sich unter anderem um Strafgefangene in Todeszellen kümmert. Die Spur führt fast automatisch zu Hugo Tillinger, einem zum Tode Verurteilten, der aus einem Gefängniskrankenhaus fliehen konnte. Diesen Tillinger will Robicheux‘ Kumpel Clete Purcel vor einigen Tagen gesehen haben, als er aus einem Güterzug in einen Fluss sprang. Purcel griff nicht ein und macht sich nun Vorwürfe.

Doch als weitere Leichen auftauchen, ebenfalls inszeniert und damit offensichtlich das Werk eines Serienmörders, gibt es auch Spuren in andere Richtungen. Korrupte Cops, die in der Prostitutionsszene dick mitverdient haben sowie auch Spuren zu Cormier und seiner Filmcrew, die momentan ein aufwändiges historisches Filmdrama in Louisiana und Arizona drehen. Cormier ist eigentlich ein guter Mann, ging vor 25 Jahren mit nichts als großen Träumen nach Hollywood und kehrt nun als gefeierter Regisseur zurück. Doch mit welchen Leuten hat er sich inzwischen eingelassen? Gerüchte machen die Runde, dass Cormiers Film zu großen Teilen mit schmutzigem Geld finanziert wird, man vermutet die Russen, die Saudis und die Mafia von der Ostküste. Robicheaux ist zudem besonders auf der Hut, da seine Tochter Alafair ebenfalls an dem Film mitwirkt und auch seine neue Kollegin Bailey Ribbons (zu der er sich hingezogen fühlt) wird von Cormier umschmeichelt.

„Die Filmleute haben irgendwas mit dem Tod von Lucinda Arceaux zu tun. Ich kann’s nicht beweisen, ich weiß es einfach.“
„Woher?“
„Das Böse hat einen Geruch. Es ist eine Präsenz, die ihren Träger verzehrt. Wie leugnen es, weil wir dafür keine plausible Erklärung haben. Es riecht nach Verwesung innerhalb von lebendem Gewebe.“ (Auszug S. 70)

James Lee Burke ist Jahrgang 1936 und immer noch verdammt produktiv. Zuletzt hat er jedes Jahr einen neuen Robicheux-Band veröffentlicht. „Blues in New Iberia“ ist inzwischen Nr. 22, in den USA ist bereits Band 23 („A Private Cathedral“) erschienen. Sein Protagonist Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel sind immer noch unbeugsamer Verfechter der Gerechtigkeit in den düsteren, gewalttätigen Sümpfen und Bayous Lousianas. Dieses Mal kommt es bei beiden aber zu etwas melancholischen Schüben. Aus der Mid-Life-Crisis sind beide schon längst raus (das genaue Alter ist ja immer etwas komisch zu bestimmen bei Robicheaux, wenn man die Rückverwiese sieht, müsste er ungefähr so alt sein wie Burke – was in der Story aber nicht ganz passen würde), vielmehr kommen sie ins Grübeln, schwanken zwischen (Alp-)Traum und Realität, blicken auf ihre Vergangenheit, lecken ihre Wunden. Kurzum: Sie haben den Blues. Aber wer will es Ihnen verdenken bei theatralisch inszenierten Leichen, weißen Polizisten, die farbige Frauen anschaffen schicken, halbseidenen Hollywood-Produzenten und einem Killer mit Flammenwerfer?

Wenn man James Lee Burke etwas vorwerfen mag (ich spreche es ungern aus), dann dass er ein wenig zur Redundanz neigt. Korrupte Kollegen, merkwürdige Auftragskiller, direkte Bedrohung von Robicheaux‘ Familie. Manche Figuren und Storymotive kommen einem Kenner der Reihe doch etwas bekannt vor. Vermutlich ist das bei inzwischen 22 Bänden auch irgendwie nicht anders zu erwarten. Positiv formuliert könnte man sagen, Burke zitiert sich selbst. Und doch hatte ich bei diesem Band das Gefühl, dass der Autor durchaus straffer hätte erzählen können.

Das ist aber eher Jammern auf einem ziemlich hohen Niveau, denn wenn man einen Burke aufschlägt, darf man sich als Leser sicher sein, dafür auch einiges zu bekommen: Ein starken, kraftvollen Schreibstil, ambivalente, sehr präzise beschriebene Figuren, komplexe Storys rund um klassische Themen wie Schuld, Rache, Vertrauen und Freundschaft sowie ein üppiges Stimmungsbild der Sumpf- und Küstenlandschaft Louisianas. Und das reicht in diesem Fall vielleicht nicht für ein echtes Highlight in dieser großartigen Reihe, aber immer noch für einen wirklich lesenswerten Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Blues in New Iberia | Erschienen am 01.07.2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-684-3
586 Seiten | 22,- €
Originaltitel: New Iberia Blues
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension zu „Blues in New Iberia“ von Jochen König auf krimi-couch.de

Weiterlesen II: Rezensionen von Gunnar und Andy zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 10, Band 14, Band 16, Band 21