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Chris Chibnall | Septembermord 

Chris Chibnall | Septembermord 

Er stieg aus, ging zögerlich auf den reglosen Umriss mitten auf der leeren A35 zu, merkte nicht mal, dass er die Tür offen gelassen hatte, hörte nicht das anhaltende Alarmsignal, das nach dem abwesenden Fahrer nörgelte. Ewan sah auch die Warnblinker nicht, die das nächtliche Dunkel in einem gleichmäßigen Takt orange färbten. Er sah nur die Gestalt vor sich auf der Straße. (Auszug Pos. 67 von 4.404)

Chris Chibnall, ein britischer Drehbuchautor, bekannt auch als Showrunner der erfolgreichen Serie „Broadchurch“ hat seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht. Mit seinem Debüt „Death at the White Hart“, so der Originaltitel, startet eine neue englische Krimi-Reihe, die im Südwesten Englands angesiedelt ist.

Es geht um einen bizarren Mordfall in dem fiktiven Dorf Fleetcombe in der englischen Grafschaft Dorset. Mitten in der Nacht wird auf einer Küstenstraße eine grotesk inszenierte männliche Leiche gefunden. Der halbnackte Körper des Toten wurde an der Lehne eines Holzstuhls festgebunden, die untere Körperhälfte steckt in einem Sack, auf dem Kopf ist ein riesiges Hirschgeweih drapiert. Schnell wird der Tote als der Gastwirt des ansässigen Pubs „White Hart“ identifiziert, Jim Tiernan, der in der Vergangenheit bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Mit dem Fall wird die erst wenige Wochen zuvor mit Ehemann und Sohn in ihre Heimat nach West Dorset zurückgekehrte DS Nicola Bridge betraut. Warum die erfahrene 38-jährige Polizistin, die in Liverpool eine angesehene Spezialistin für das organisierte Verbrechen war, in die Provinz zurückkehrt, erfährt man erst nach und nach. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward, einem jungen Quereinsteiger, der seine mangelnde Erfahrung mit großem Einsatzwillen ausgleichen möchte. Zur Einheit gehört auch noch ein mürrischer Schreibtischhengst, der aufgrund seiner exzellenten Arbeit bei der Recherche und Datenanalyse zunehmend die Anerkennung seiner Kollegen gewinnt.

An Verdächtigen mangelt es nicht, auch weil Jim Tiernan sich am Tag vor seiner Ermordung noch heftig mit diversen Gästen im Pub gestritten hatte. Tiernan hatte die Kneipe als Pächter übernommen und sie ganz traditionell als Wirtshaus alter Schule geführt, in die man gerne trinken geht. Ganz anders als seine Konkurrentin Ayesha Burton, die im Fox, dem einzig weiteren Pub in Fleetcombe auf gutes Essen sowie Getränke für Anwohner und Touristen setzt und damit auf gehobene Kundschaft. Allen ist klar, dass sich zwei Pubs in dem kleinen beschaulichen Örtchen, auch wenn Fleetcombe mit achthundert Einwohnern und malerisch an der Küste liegend dem perfekten englischen Landidyll entspricht, nicht auf Dauer halten können. Die ehrgeizige Bridge und der ambitionierte Jungspund Ward müssen in einer Gemeinschaft voller Geheimnisse und Intrigen ermitteln. Obwohl sich die Dörfler sehr bedeckt halten und Aussagen sich widersprechen, finden sie unter anderem heraus, dass es einen identischen Mordfall bereits vor 100 Jahren gab. Trotzdem dringen sie nur Stück für Stück zur Lösung des Falles vor. Erst die Beobachtungen eines kleinen Mädchens bringen die Polizeibeamten auf eine heiße Spur.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit oder Ermittlerkrimi, den man aufgrund des gefälligen Schreibstils gut lesen kann, der aber nach bewährtem Schema abläuft und nichts Neues bietet. Das Storytelling habe ich so schon in etlichen Krimis gelesen. Die Grundkonstellation ist ein altbekanntes, vertrautes Muster aus dem britischen Dorfkrimi und einer verschworenen Dorfgemeinschaft mit einem Sammelsurium seltsamer Typen, die fast alle etwas zu verbergen haben. Da gibt es den bulligen, misstrauischen Farmer Deakins, der immer im Clinch mit seinen Nachbarn liegt, Frankie, einen ängstlichen, schwulen Friseur und die kleine Shannon, die sich oft nicht nach Hause traut und aus ihrem Versteck das Ortsgeschehen genau beobachtet. Die Charaktere sind alle gut, aber auch ein wenig klischeehaft gezeichnet. Es ist auch nicht besonders innovativ, dass es ein Team gibt, das aus Kostengründen in ein leerstehendes Gebäude verfrachtet wird und sich erst noch zusammenraufen muss oder dass die Hauptermittlerin private Probleme hat und auf ein scheinbar unbedarftes Landei als Partner trifft. Dabei mochte ich das Geplänkel zwischen den beiden ganz gerne und die Dialoge haben mich gut unterhalten.

Die Schilderung des Dorflebens, die der Autor mit allen Eigenheiten zeichnet, ist anschaulich und stimmig. Die ländliche Atmosphäre mit ihrer trügerischen Idylle wird perfekt eingefangen. Szenen werden bildstark beschrieben und die Dialoge sitzen punktgenau. Auch das Ermittlerduo Bridge und Ward hat sofort eine gute Chemie, man merkt, dass hier eine Reihe angelegt wurde. In kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven erzählt Chibnall handwerklich souverän und routiniert. Mir fehlte es ein wenig an Dynamik, es plätschert so vor sich hin und die Auflösung hatte ich relativ früh erkannt. Solide Unterhaltung für Fans vom britischen Cozy-Crime. Vielleicht bin ich auch kein Fan von Cozy-Krimis, denn wenn sich zum Schluss alle wieder im Pub treffen, war es mir ein bisschen zu viel Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Septembermord | Erschienen am 31. Juli 2026 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06881-9
416 Seiten | 18,00 Euro
Originaltitel: Death at the White Hart | Übersetzung: Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

„Warum glaubst du, dass Hoosh wollte, dass du mich in der Regierung hältst? Weil sie glauben, dass ich so ein unersetzbarer Wohnungsbauminister bin?“ Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, so funktionierte Politik nicht wirklich. Alles dreht sich um Kontakte und Beziehungen. Loyalität. Was man über wen weiß. Und wozu man mit diesem Wissen bereit ist.“ (Auszug Seite 253/254)

Die Politikjournalistin Julia versucht einen Skandal um den populären Ministerpräsidenten Schwedens Christian Bratt aufzudecken. Es geht um heimliche Treffen mit europäischen Populisten. Da ihr konkrete Beweise fehlen, wird sie von ihrem Chefredakteur zurückgepfiffen und erst mal aufs Abstellgleis geschoben. Bei ihrem Lebensgefährten Alfred hingegen bekommt die Karriere grade einen neuen Schub. Der Experte für Windkraft bekommt nach einem charismatischen TV-Auftritt den Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten angeboten. Julia und Alfred haben zwei Kinder, sie tauschen absprachegemäß die Rollen und Julia übernimmt die Hausarbeit und Betreuung der Kinder, für die Alfred längere Zeit verantwortlich war.

Da Julia vermutet, dass die Ernennung ihres politisch total unerfahrenen Mannes ein strategischer Schachzug ist, um ihre Recherchen zu sabotieren, ist sie sich jetzt sicher, etwas Brisantem auf der Spur zu sein. Sie vertraut ihrem Bauchgefühl und ermittelt heimlich weiter. Diese Geheimnistuerei belastet die Beziehung. Währenddessen gerät Alfred in die inneren Zirkeln der Macht und Intrigen, wo er sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu wehren weiß. Doch auch er stößt auf Ungereimtheiten in den höchsten politischen Kreisen, als er den Ministerpräsidenten als Pressesprecher nach Brüssel begleitet.

Die Dynamik zwischen Julia als engagierte, investigative Journalistin und Alfred, dem netten, etwas naiven Pressesprecher birgt genügend Zündstoff. Besonders spannend fand ich den Interessenkonflikt zwischen den Beiden. Sie will aufdecken, er soll vertuschen. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein Plot, der ohne blutrünstige und grausame Schilderungen auskommt. Das Potenzial, welches diese Geschichte gehabt hätte, wird meiner Meinung aber nicht richtig ausgeschöpft.

Abwechseln wird in kurzen Kapiteln aus Julias und Alfreds Perspektive erzählt. Am interessantesten sind dabei Alfreds Erfahrungen im Haifischbecken der Politik und wie er sich langsam entwickelt und durchsetzt. Da die eine Hälfte des Autor*innen-Teams Moa Berglöf als politische Expertin und ehemalige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten genug Erfahrungen aufweist und sich mit den alltäglichen Dynamiken hinter den Kulissen auskennt, wirken die Ränkespiele und Machtkämpfe glaubhaft und authentisch. Auch die Figuren auf dem politischen Parkett sind gut gestaltet und lebendig. Vielleicht auch weil einige lebendige Vorbilder haben, wie im Nachwort verraten wird.
Dabei hat mich der Thrill-Anteil, wofür wahrscheinlich Joakim Zander verantwortlich ist, enttäuscht.

Erst nach circa zwei Drittel des Romans kommt sowas wie Spannung auf. Die Geschichte ist von Anfang an weder inhaltlich noch sprachlich besonders anspruchsvoll, sondern eher simpel. Dabei stören mich besonders die Dialoge an einigen Stellen, die eigentlich nur der Erklärung für uns Lesenden dienen. Die Spuren bei Julias Recherchen führen dann in eine ganz unerwartete Richtung und die Enthüllungen haben mich dann auch enttäuscht. Es hat gar nichts mit Politik zu tun. Politisch sind nur die Schauplätze wie Brüssel und die dort auftretenden Charaktere. Ich hätte mir mehr Brisanz erhofft und der Plot hat leider einige Schwächen.

Das Ende des Buches bleibt insgesamt sehr offen und verzichtet auf eine klare Auflösung. Da macht es Sinn, dass die beiden Autoren schon an einem Nachfolgeband arbeiten.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Stockholm Protokolle – Gefährliche Beziehungen | Erschienen am 01.03.2026 bei Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-01883-1
448 Seiten | 18,00 €
Originaltitel: Staben | Übersetzung aus dem Schwedischen von Thomas Altefrohne
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Joakim Zander

Colin Walsh | Kala

Colin Walsh | Kala

Im Sommer 2003 genießen sechs Teenager, alle um die 15 Jahre alt, in der irischen Kleinstadt Kinlough einen endlosen Sommer, bis Katherine „Kala“ Lanann spurlos verschwindet und nicht mehr gefunden wird. Jetzt, 15 Jahre später, treffen sich drei der damaligen Clique in dem Küstenstädtchen wieder. Mush, der in der Kneipe seiner Mutter arbeitet und es nie aus Kinlough rausgeschafft hat, Helen eine Journalistin, die für eine Hochzeit eher widerwillig aus Kanada nach Irland zurückkehrt. Und Joe, in LA ein gefeierter Rockstar, der für einen Gig in das Örtchen an der irischen Küste zurückkehrt. Grade jetzt wird ein Skelett im Wald gefunden, bei dem es sich um die menschlichen Überreste der vermissten Kala handelt und fast zeitgleich verschwinden wieder zwei Jugendliche, die Schwestern Donna und Marie. Die drei werden von der Vergangenheit, die sie alle auf ihre eigene Weise verdrängt haben, eingeholt.

Alle haben sie ihre Theorie. Sogar ich. Irgendwo in einem dunklen Winkel meines Verstands hab ich sofort an Kala gedacht. Das wollte ich nicht denken, aber du kannst dich ein Leben lang daran abarbeiten, deinem Hirn vorzuschreiben, was es zu denken hat, kannst versuchen, deine Gedanken zu kontrollieren, als wärst du der scheiß Rain Man, ist alles für’n Arsch. (Auszug Pos. 152 von 5931)

Der Plot klingt im ersten Moment nach etwas, was man so schon öfter gelesen hat. Freunde treffen nach Jahren wieder an dem Ort aufeinander, wo sie vor Jahren auseinandergingen, ohne dass das traumatische Geschehen um die verschwundene Freundin geklärt worden wäre. Autor Colin Walsh erzählt in seinem Debüt in kurzen Kapiteln abwechselnd aus den Perspektiven unserer Protagonisten, die durch eigene Erzählstile gekennzeichnet sind. Bei Mush in einem einfachen Duktus mit vielen Slang-Ausdrücken, bei Joe mit vielen sich wiederholenden Inneneinsichten in der zweiten Person Singular. Diese sich wiederholenden, unnötig langen Reflexionen drehen sich im Kreis und behindern durchaus den Lesefluss. Die vielen Perspektiven erhöhen die Komplexität, es fühlt sich eher an, als müsse man sich den Plot erarbeiten und es dauert etwas, bis man aufgrund des Schreibstils in die Geschichte reingefunden hat.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Einerseits in der Vergangenheit zum Zeitpunkt von Kalas Verschwinden und in der Gegenwart. Die Rückblenden ins Jahr 2003 lassen den Sommer vor 15 Jahren lebendig werden und wenn der Roman hier das Leben für junge Menschen in einem kleinen Touristenstädtchen außerhalb der Saison als besonders öde und langweilig schildert, ist das natürlich ein Klischee, aber durchaus stimmig erzählt. Die pubertierenden Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe zu beobachten war glaubhaft geschildert. Die charismatische Kala war der strahlende Mittelpunkt der Clique, wirkte nach außen hin cool, aber im Inneren war sie eine zutiefst verunsicherte Seele. Hier fand ich einige Aspekte, wie die Dynamik innerhalb der Clique, die Spannungen, Loyalitäten und Geheimnisse, insbesondere die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses durchaus interessant geschildert.

Nach und nach werden die Geheimnisse des Dorfes aufgedeckt, in der die Clique reingeraten ist. Es geht um Seilschaften, krumme Geschäfte, um Tierquälerei, Geschäftemacherei, Geldwäsche und Korruption. Die fast mafiösen Strukturen in dem idyllischen Dörfchen haben mich verwundert, die Beschreibungen der brutalen Gewalt erschreckt. Nach einem zählen Mittelteil kommt auf den letzten 50 Seiten tatsächlich noch Spannung auf, auch wenn ich als erfahrene Thrillerleserin die Auflösung zumindest erahnt habe.

Bei Kala handelt es sich um eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, irischer Gesellschaftsstudie und düsterem Thriller, wobei der Thrill schon einiges auf sich warten lässt. Vielleicht ist das auch das Problem, denn in keinem des Genres hat der Roman mich restlos überzeugt. Dabei hatten mich das Setting einer irischen Kleinstadt sowie die Vergleiche im Klappentext mit Tana French und Donna Tart neugierig gemacht und angefixt. Vielleicht waren meine Erwartungen deshalb auch zu hoch, aber diesem Anspruch wird Colin Walsh, obwohl sehr ambitioniert und mit literarischem Anspruch, gar nicht gerecht.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kala | Erschienen am 26.02.2026 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-989-41130-2
512 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Kala | Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Als er den Gürtelclip endlich entfernt hat, schiebt er die Pistole ins Holster und legt beides zurück in die geräumige Mittelkonsole. „Ich wusste nicht, dass Sie eine Waffe haben“, sagte Lily. „Ich bin ein schwuler Mann in Arkansas“, antwortete er. „Selbstverständlich habe ich eine gottverdammte Waffe.“ (Auszug E-Book Pos. 1901 von 3703)

Die 18-jährige Lily Stevens lebt mit ihrer Familie in Arkansas in einer kleinen Gemeinde. Sie sind nicht nur Mitglieder der Oneness-Kirche, sogenannte Pfingstkirchler, die einen strengen Glauben leben, ihr Vater David ist auch der Prediger der kleinen Gemeinde. Das macht die aktuelle Situation noch schwieriger, denn Lily ist im 5. Monat schwanger und ihr Verlobter und Vater des Kindes, Peter Cutchin ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Während jeder in der Gemeinde vermutet,  der 19-Jährige hätte wegen der Verantwortung kalte Füße bekommen und wäre kurz vor der Hochzeit einfach abgehauen, will Lily das nicht glauben. Für die eingeschworene Gemeinde ist eine sitzengelassene und hochschwangere Braut eine Katastrophe und Lilys Vater David Stevens wird dafür verantwortlich gemacht, seine Tochter nicht hart genug im Zaum gehalten zu haben. Er droht seinen Posten zu verlieren. Das Verhältnis zu Peters Mutter Cynthia ist schwierig, sie sieht Lily als Schuldige in Bezug auf die Schwangerschaft und dass Peter abgehauen ist. Sie legt die Heilige Schrift besonders streng aus und Handys sind für sie beispielsweise das Tor zur Sünde.

Außer an den Herrn und Sagrotan glaubt sie nur an die Unantastbarkeit der Mutterschaft, aber sie ist bei diesem Thema genauso unflexibel wie bei den anderen. (Auszug E-Book Position 604 von 3703)

Nachdem auch der Sheriff die Sache nicht ernst nimmt, wendet sich Lily hilfesuchend an Allan Woodson, einem Arbeitskollegen von Peter. Beide arbeiten an der Rezeption des Hotels Corinthian Inn. Es stellt sich heraus, dass Allan auch noch ihr Onkel ist, das Ergebnis einer lang verschwiegenen Affäre von Lilys Opa, ebenfalls Pfingstprediger vor über 40 Jahren. Lily bekommt mit, dass die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck ebenfalls auf der Suche nach  Peter sind und zu gewalttägigen Methoden greifen. Allan versucht anfangs noch, Lily von den beiden fernzuhalten, erkennt aber, dass er sich nicht länger raushalten darf. Im Corinthian Inn geht es um Prostitution Minderjähriger und Menschenhandel. Er kann Lily nicht alleine ziehen lassen, die zum ersten Mal in ihrem Leben die behütete Gemeinde der Pfingstler, Richtung Little Rock verlässt. Eine Spur führt sie in das von Eli geführte Bordell. In der Hauptstadt Arkansas wird Lily mit ihr bislang unbekannter brutaler Gewalt und niederen Abscheulichkeiten konfrontiert.

Bei dem Roman handelt es sich mehr um ein Sozialdrama als um einen Thriller. Die im Präsens gehaltene Handlung mit wechselnden Erzählperspektiven schreitet gemächlich dahin, kommt mit gezügelter Action aus und weiß mit einigen Wendungen zu überraschen. Es kommt dann zu einer eskalierenden Gewaltszene, die aber nicht im Detail geschildert wird, die ich aber trotzdem zu heftig und übertrieben fand. Der Erzählstil ist leicht zugänglich, ich fand es von Anfang an sprachlich ohne jegliche Raffinesse.

Positiv zu bewerten sind die Protagonisten Lily und Allan. Den Weg, den die bisher gehorsame Predigertochter Lily, die sich weder schminken noch die Haare schneiden oder Hosen tragen darf, zur mutigen Frau, die sich von niemandem aufhalten lässt, geht, ist glaubhaft geschildert. Sie zweifelt zunehmend an Gott, den sie in ihrer verzweifelten Lage vermisst, gibt aber ihren Glauben nicht auf. Auch Allan, ihr hühnenhafter, schwuler Onkel ein absoluter Sympathieträger, der zu Hause seinen Stiefvater pflegt, ist kein Superheld, hält sich mit Sarkasmus im Hintergrund und guckt oft weg, kann aber im entscheidenden Moment über seinen Schatten springen. Die Dialoge zwischen Lily und Allan sind lebendig und unterhaltsam, unterbrechen das Düstere. Alle anderen Figuren waren mir zu blass gestaltet. Die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck stehen sinnbildlich für White Trash, agieren aber sehr hirnlos und dämlich.

Mit „Die Tochter des Predigers“, im Original „Find him“, hat der amerikanische Autor Jake Hinkson eine Geschichte in einem religiös geprägten Landstrich der USA angesiedelt. Man merkt, dass er weiß, wovon er spricht. 1975 in Arkansas geboren, wuchs er in einer frommen Familie auf. Sein Vater war Diakon einer evangelischen Kirche, mehrere Onkel Pastoren. Seit seinem 14. Lebensjahr lebte er in einer von seiner Familie geleiteten religiösen Gemeinschaft in einer abgelegenen Gegend, dem sogenannten Bibelgürtel der USA. In seinen Romanen behandelt er immer wieder die religiösen Strukturen im amerikanischen Bible Belt und kritisiert die heuchlerische und scheinheilige Gottesfurcht der Gemeinden.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Tochter des Predigers | Erschienen am 07. Oktober 2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910-91832-0
352 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Find him | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Bailey Seybolt | Coram House

Bailey Seybolt | Coram House

Seit ich hier bin, habe ich mich als Unbeteiligte gesehen, die von außen auf die Geschichte schaut. Als eine neutrale Reporterin, die nichts mit der Geschichte zu tun hat. Doch das stimmt nicht mehr. Ich kann nicht sagen, wann genau es sich geändert hat. Vielleicht, als ich den Schrei im Wald gehört habe. Vielleicht heute Morgen, als ich Rooneys Leiche gefunden habe. (Auszug Position 4124 von 5095)

Im Mittelpunkt des Thriller-Debüts steht die frisch verwitwete Autorin Alex Kelley, die grade eine schwere Zeit durchlebt. Einst für ihre True-Crimes gefeiert, war sie mit ihrem letzten Roman aufgrund von Recherchefehlern in Misskredit gefallen. Hoffnungsvoll nimmt sie das Angebot an, als Ghostwriterin über die tragischen Ereignisse in einem von Nonnen und Priestern geführtem Waisenhaus namens Coram House im ländlichen Nordosten der USA zu schreiben und sich damit zu rehabilitieren. Es geht um einen vor Jahrzehnten vorgefallenen Missbrauchsskandal, dessen Gerichtsprozess in den 80er Jahren mit einem Vergleich endete. Der ehemalige Chefermittler und mittlerweile pensionierte Rechtsanwalt Alan Stedsan möchte sein Vermächtnis literarisch aufbereiten, besteht aber auf einer Verschwiegenheitsklausel, um sich die absolute Kontrolle über das Endprodukt vorzubehalten.

Alex reist ins winterliche Vermont und schon die ersten Akteneinsichten in alte Zeugenprotokolle deuten auf einen brisanten Fall hin. Generationen von Kindern wurden einer harten Erziehung ausgesetzt, es geht um Missbrauch, Misshandlungen und einem angeblichen Todesfall. Vor allem das Schicksal des damals neunjährigen Tommy, der an einem heißen Tag im Jahr 1968 spurlos verschwand, lässt Alex nicht mehr los. Sie verbeißt sich in den Fall, befragt ehemalige Waisenkinder, bekommt Unterstützung durch die Polizei, doch dann findet sie beim Joggen die Leiche einer Frau im See. Sie ist davon überzeugt, dass der Tod mit der dunklen Vergangenheit Coram Houses zusammenhängt und sie jemandem zu nahegekommen ist.

Coram House ist ein typischer Destination-Thriller, in dem der Schauplatz, das trostlose, inzwischen verlassene Kinderheim die Hauptrolle spielt und die bedrückende Stimmung enorm verstärkt. Das verschneite Vermont mit dem zugefrorenen Lake Champlain in der klirrenden Winterkälte ist treffend eingefangen. Alex als Protagonistin und Ich-Erzählerin ist der allzu bekannte Typ der „kaputten“ Thriller-Protagonistin. Sie reagiert oft überspannt, nervt die Polizei, trifft falsche Entscheidungen, bei denen sie unnötige Risiken eingeht und kreist um sich selbst. Sie trinkt zu viel, hat den zu frühen Tod ihres Mannes noch nicht überwunden und natürlich joggt sie exzessiv. Ihre Besessenheit, Tommys Schicksal zu klären war für mich nicht wirklich nachvollziehbar. Gleichzeitig ist der Rechtsanwalt wenig kooperativ, seine Motivation, das Buch schreiben zu lassen, undurchsichtig.

Spannungstechnisch würde ich es als Slow-Burn bezeichnen, es ist eher mysteriös, teilweise zu dramatisch und pathetisch erzählt. Die Handlung entwickelt sich mit unerwarteten, teilweise konstruierten Wendungen, die in einem unvorhersehbaren, aber nicht abwegigen Ende gipfeln. Unterbrochen wird die gegenwärtige Geschichte immer wieder durch Vernehmungsvideos aus den 80ern, die sich organisch in die Handlung einfügen und einen erschütternden Blick auf die Zustände und Grausamkeiten in dem katholischen Kinderheim geben.

Die Autorin Bailey Seybolt studierte u.a. kreatives Schreiben an der Concordia University und lebt heute mit ihrer Familie in Vermont, nicht weit vom Lake Champlain entfernt. Ihr fiktionaler Debüt-Roman wurde von einer historischen Geschichte inspiriert.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Coram House | Erschienen am 11. September 2025 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26431-0
384 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Coram House | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Goga-Klingenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe