Tag: 6. Juni 2026

Denise Mina | Die große Hitze

Denise Mina | Die große Hitze

Dies hier war die Stadt der Penner, der Tragödien, der Aufgeschmissenen, ein Ort kläglicher Enden: Sackgasse, Endstation, Skid Row. Güterzüge aus ganz Amerika luden hier Obst und Blumen und Mehl und Milch und all die verlorenen Menschen ab, die Verschüttgegangenen, Männer und Frauen und Kinder, zermalmt und ausgespuckt von der Depression. Es war der letzte Halt für die endgültig Verwirrten und Hoffnungslosen, für Alkoholiker, die vor ihren Problemen flohen. Sie kamen an und stellten fest, dass es nun keinen Ort mehr gab, wohin sie fliehen konnten. (Auszug Seite 141)

Die schottische Noir-Autorin Denise Mina, bekannt für fein gezeichnete Milieustudien und einen präzisen Blick auf die schottische Gesellschaft hat mehr als 60 Jahren nach dem Tod Raymond Chandlers mit „Die große Hitze“ einen offiziell autorisierten Philip-Marlowe-Krimi geschrieben.
Philip Marlowe ist nicht nur einfach eine Romanfigur des amerikanischen Schriftstellers Raymond Chandler, der nach einigen Kurzgeschichten in sechs Romanen Chandlers auftaucht. Auch in der Filmwelt gibt es einige Adaptionen, wobei ich immer Humphrey Bogart vor Augen habe. Der melancholische sowie abgebrühte Marlowe gilt als der Prototyp des klassisch gebrochenen hardboiled detectives. Er lebt und arbeitet nach einem hohen Moralkodex aber nach seinen eigenen Wertevorstellungen in Los Angeles und die geltenden Gesetze werden auch schon mal gedehnt. Als illusionsloser, zynischer Detektiv versucht er in einer Welt ohne Moral seine Integrität zu bewahren, ist meistens respektlos gegenüber Autoritäten, immer auf der Seite der Underdogs, kleine Gauner, die sein Mitleid erregen, lässt er auch schon mal laufen.

Ende der 1930er Jahre leidet nicht nur Privatdetektiv Philip Marlowe unter der Sommerhitze, die ganz Los Angeles im Griff hat. Er grübelt über einen alten Fall nach, der ihn nicht loslässt, als er zum weitläufigen Anwesen der Montgomerys hoch oben in Beverly Hills gerufen wird.  Er soll für den millionenschweren Patriarchen Chadwick Montgomery III. dessen verschwundene Tochter und Erbin Chrissie suchen. Marlowe, knapp bei Kasse, nimmt den Auftrag an, obwohl er dem sterbenskranken Ölmogul nicht über den Weg traut. Wie gerne habe ich den trinkfesten Einzelgänger Marlowe bei seinen Nachforschungen in verschiedenen sozialen Milieus begleitet, zwischen wohlhabenden Villen, zwielichtigen Kellerspelunken und wilden Nachtclubs.

Lefties war ein Arbeitertreff, ein Sägemehl- und-Spuckeladen mit fiesen kleinen Fenstern hoch oben, damit Ehefrauen nicht reingucken konnten und die Sonne draußen blieb. Drinnen bewahrte der Sägemehlteppich die Fußspuren der reinkommenden und rausgehenden Männer wie Diagramme unbekannter Tänze. (Auszug Seite 62)

Dabei stößt er schnell auf verborgene Familienkonflikte, Korruption und moralische Verwerfungen. Die vermisste Zweiundzwanzigjährige findet er sehr schnell, und zwar mit einer Kanone über einer Leiche im heruntergekommenen Brody-Hotel. Marlowe zweifelt, ob er Chrissie abliefern soll, da er argwöhnt, ob sie bei ihrer Familie in guten Händen ist.

Schnell taucht man in das Setting dieser Zeit in LA ein, durch die filmische Erzählweise fühlt sich die Stadt lebendig an. Ich konnte mir die detailliert beschriebenen Schauplätze des Romans wie das luxuriöse Montgomery-Anwesen mit seinen Jacaranda-Baumtunnel genauso gut vorstellen wie das Elend des Brody Hotels.

Es entsteht ein wohliges Retrogefühl, dabei ist der Roman nicht nur Zeitreise, sondern auch eine Gesellschaftsstudie. Die drückende Hitze verstärkt das Gefühl der Bedrohung. Der Roman lebt aufgrund der pointierten Dialoge von seinem Sprachwitz, welchen Denise Mina auf knapp 300 Seiten großartig einfängt. Mit lakonischem Erzählstil trifft sie mit ihrer Neuinterpretation perfekt den unverwechselbaren Marlowe-Rhythmus. Minas Respekt vor dem US-amerikanischen Schriftsteller kann man spüren. In einem Interview erzählt sie, dass sie versucht hat, die besonders geliebten Elemente von Chandler in die Story einzufügen, woraus sich dann die Struktur des Romans ergeben hat. Trotzdem schafft sie es, das Genre wiederzubeleben und etwas Eigenes daraus zu kreieren. Sie beschreibt Los Angeles als einen Ort, an dem viele Flüchtende neuen Halt suchen. In Skid Row in Downtown LA lebten zu der Zeit bis zu 10.000 Obdachlose. Daran hat sich bis heute nicht viel geändert. Auch aktuell prägen Zelte, Notunterkünfte und soziales Elend das Stadtbild von Skid Row. Mina umgeht auch viele der Kritikpunkte der älteren Texte, wie beispielsweise Rassismus oder Homophobie und als bekennende Feministin gelingt es ihr, die weibliche Perspektive behutsam zu modernisieren, indem sie Marlowe mit einer Privatdetektivin zusammen arbeiten lässt, die, finanziell unabhängig, ihm in jeder Hinsicht das Wasser reichen kann.

Von der Third bis zur Sixth gab’s an der Main Street nur Missionen und Suppenküchen, Stripclubs und runtergekommene Kinos, wo die Filme Nebensache waren. Das eigentliche Geschäft waren das Dunkel und die Sitze und ein Schlafplatz zum Eintrittspreis. Plakate von Gangsterstreifen und Wrestlingkämpfen, knittrig und schief aufgehängt, stierten Passanten an, forderten sie heraus, die gähnenden Mäuler der Dunkelheit zu betreten. (Auszug Seite 141)

Ein großes Lesevergnügen, an dem auch die sorgfältige Übersetzung durch Herausgeberin Else Laudan ihren Anteil hat.

 

Fotos und Rezension von Andy Ruhr.

Die große Hitze | Erschienen am 13.04.2026 im Argument Verlag
ISBN 978-3-86754-284-5
304 Seiten | 24,00 €
Originaltitel:  The second murderer | Übersetzung aus dem Englischen von Else Laudan
Bibliografische Angaben & Leseprobe