Tag: 23. Juni 2026

Megan Abbott | El Dorado Drive

Megan Abbott | El Dorado Drive

Das standen sie nun unbehaglich im Raum, diese Worte. Fingen nicht alle beunruhigenden Unterhaltungen so an? Eine neue Diät, eine neue Religion, ein neuer Mann (Der hat mich wirklich umgehauen!). All diese Dinge, die Frauen ihren Freundinnen mit dem Eifer einer Bekehrten erzählten. Und die immer nur Ärger machten.
„Ich weiß, wie sich das anhört“, sagte Pam und las ihre Gedanken. „Aber hör mir mal zu.“  (Auszug S. 66)

Die drei Bishop-Schwestern Debra, Pam und Harper sind in Grosse Point, einem Vorort von Detroit, wohlbehütet in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen. Doch der Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie hat auch ihre Familie hart getroffen, der Reichtum schwand rasch, plötzlich muss man sich Sorgen um Geld und die Zukunft machen. Mittlerweile (Ende der Nullerjahre) sind die Schwestern in den Vierzigern und leben einen fragilen, abgespeckten Rest-Wohlstand auf Pump. Debras Mann ist schwer krank, Pam streitet erbittert mit ihrem Ex-Mann Doug um Geld für die beiden gemeinsamen, fast erwachsenen Kinder und Harper ist nach einer gescheiterten heimlichen Beziehung mit einer Frau einsam und desillusioniert.

Harper ist Reitlehrerin und verbringt den Sommer auf einem Hof, weit entfernt von Detroit. Als sie zurückkehrt und bei ihrer Schwester Pam einzieht, hat sich etwas verändert. Ihre Schwestern sind aufgekratzt, optimistischer, plötzlich scheint Geld da zu sein. Pam weiht sie schließlich ein: Sie sind einem neuen Frauenclub beigetreten – „Das Rad“. Ziel des Clubs: Gemeinsame Treffen und Partys, Empowerment und die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Sie muss lediglich 5.000 Dollar Eintrittsgebühr aufbringen, die sie aber später vervielfacht zurückerhält. Harper ist skeptisch, lässt sich aber dann doch mitreißen. Doch ihr bleibt natürlich nicht verborgen, was dieser Club tatsächlich ist: Ein simples Schneeballsystem, das davon lebt, das ständig von unten neue Frauen hinzukommen. Und irgendwann wird Pam in ihrem Haus ermordet aufgefunden.

Wenn sie an bröckelnden Pilastern und rußigen Wasserspeiern vorbeifuhr, machte das Harper jedesmal traurig und fassungslos. Die Stadt wird wieder auferstehen, pflegte ihr Vater bei einem Gin Tonic im Club immer zu verkünden, als hätten er und seinesgleichen bei deren Schicksal keine Rolle gespielt. In der Familie wurde nicht über Politik gesprochen, schon gar nicht über Rassismus, aber man konnte dort, wo sie aufwuchsen, nicht groß werden, ohne eine Sensibilität für die Geschichte von Ausplünderung und Vernachlässigung, von Ausbeutung und Verlassenheit zu entwickeln. (Auszug S. 355)

Die amerikanische Noir-Autorin Megan Abbott hat inzwischen in Deutschland beim bislang eher maskulin geprägten Verlag Pulp Master eine feste Heimat gefunden. „El Dorado Drive“ ist bereits der vierte Roman der Autorin beim Verlag. Sie passt auch deshalb so gut ins Programm, weil der Verlag schon immer zielsicher hervorragende Romane über die dunkle Seiten Amerikas herausgebracht hat. In ihrem aktuellen Roman kann Abbott aus eigener Erfahrung schöpfen, ist die Autorin doch in Detroit geboren und studierte später an der University of Michigan. Detroit und Umgebung, früher das Herz der amerikanischen Industrieproduktion, dann extrem stark vom Produktionsrückgang betroffen, hervorgerufen durch große industriepolitische und unternehmerische Fehlentscheidungen. Die Stadt hat seit den 1960ern war als die Hälfte ihrer Einwohner verloren, Verfall, Leerstand oder Brachen prägen inzwischen ganze Stadtteile in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Immer wieder gibt es Versuche zu Renaissance, doch dies gelingt, wenn überhaupt, nur punktuell. Detroit bildet insofern den perfekten Background für diesen seltsamen Frauenclub. Über „Das Rad“, ein mehrdeutiger Begriff, wollen die Frauen endlich wieder am Glücksrad drehen oder die Zeit zu besseren Verhältnissen zurückdrehen. Was nach Empowerment, Selbstbestimmtheit und netten Partys unter Frauen aussehen soll, ist aber in Wahrheit ein abgekartetes System, bei dem sich einige wenige auf Kosten vieler bereichern wollen.

Megan Abbott erzählt dies alles aus der Perspektive der jüngsten Schwester Harper, die einzige Alleinstehende der drei Schwestern. Sie steht als lesbische Frau ein wenig außen vor, doch auch sie drücken Schulden, ausgerechnet bei ihrem Ex-Schwager Doug, weshalb auch sie dem Club beitritt. Die Autorin versteht es hervorragend die Dynamiken zwischen den Frauen zu erfassen, sowohl zwischen den Mitgliedern des Clubs als auch innerhalb der Familie Bishop. Am „El Dorado Drive“ (Pams Adresse) werden verzweifelt Träume nach längst vergangenen, goldenen Zeiten gehegt. Die Frauen verkörpern den bröckelnden amerikanischen Traum, der Wohlstand schwindet zusehends oder ist auf Schuldenbergen gebaut. Man schwankt zwischen Verzweiflung, Desillusionierung, familiärer Loyalität, Hoffnung und Gier. Für die Leser ist zudem interessant, dass sie dabei nicht auf einen Whodunnit verzichten müssen. Es bieten sich bis zum Schluss mehrere Täter:innen an, auf den letzten Seiten vollzieht die Geschichte noch einige Wendungen. Insgesamt überzeugt Megan Abbott erneut mit einem intensiven Einblick in die Problemzonen der amerikanischen Gesellschaft und hinterfragt die Grenzen von Schwesterlichkeit in Zeiten finanzieller Not.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

El Dorado Drive | Erschienen am 11.05.2026 bei Pulp Fiction
ISBN 978-3-946-58229-8
427 Seiten | 18,- €
Originaltitel: El Dorado Drive | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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