Tag: 10. Juni 2026

Michael Connelly | Dunkle Stunden

Michael Connelly | Dunkle Stunden

Es hieß, um Los Angeles kennenzulernen, musste man bloß „vom Anfang bis zum Strand“ den Sunset Boulevard runterfahren. Dann erfuhr man als Tourist alles über die Stadt: Man sah ihre Kultur und ihre Highlights genauso wie ihre unzähligen Verwerfungen und Missstände. Beginnend in Downtown … führte der Sunset Boulevard durch Chinatown, Echo Park, Silver Lake und Los Feliz, bevor er eine Rechtsbiegung machte und Hollywood, Beverly Hills, Brentwood und Pacific Palisades durchquerte und schließlich am Pazifik endete. Auf diesem langen Weg führten vier Fahrbahnen durch arme und reiche Viertel, vorbei an Obdachlosenlagern und Villen, am legendären Unterhaltungs- und Bildungseinrichtungen, hipper Kulinarisch und hippen Kulturen. Er war die Straße der hundert Städte und führte doch nur durch eine einzige. (Auszug Seite 217/217)

Bei einem Special über Los Angeles darf natürlich ein Autor wie Michael Connelly nicht fehlen. Grade seine Krimis und Thriller sind eng mit der Geografie und Kultur der Megacity verbunden. Connelly zog 1987 nach Kalifornien, um für die Los Angeles Times zu arbeiten, wo er sich auf Polizeireportagen spezialisierte. Seine Kenntnisse der Polizeiarbeit und des Justizapparates verleihen seinen Werken viel LA-Lokalkolorit. Indem er in seinen Werken realistische Fälle mit detailgenauer, schnörkelloser Ermittlerarbeit konstruiert, die oft soziale Unruhen oder die Resilienz der Stadt thematisieren, zeichnet er das Bild einer Weltstadt voller Widersprüche.

Detective Renée Ballard ist immer noch bei der Nachtschicht des LAPD. Sie hat Dienst, als in der Silvesternacht, in der traditionell von Hunderten Feiernden auf den Straßen in die Luft geschossen wird, der Besitzer einer kleinen Autowerkstatt erschossen wird. Obwohl für Mordermittlungen nicht zuständig, recherchiert Ballard und findet heraus, dass Javier Raffa in seiner Jugend Mitglied einer lokalen Gang war. Die Tatwaffe wurde vor Jahren schon einmal bei einem Mord eingesetzt, der nie geklärt wurde. Ballard kennt den damals zuständigen Beamten gut: Es ist der inzwischen pensionierte Harry Bosch, der sich aber privat weiterhin um die Aufklärung Cold Cases bemüht. Ballard schätzt die moralische Integrität des altgedienten Veteranen, hadert allerdings oft mit seiner lockeren Interpretation bestehender Gesetze.

Parallel zu diesem Fall muss sich Ballard um die Aufklärung einer Serie von Vergewaltigungen kümmern. Offensichtlich zwei Männer, in den Medien „Midnight Men“ genannt, schlagen immer nachts an Feiertagen zu und sorgen für einen enormen Aufklärungsdruck, der von Ballards Vorgesetzten weitergegeben wird. Als Leserin ist man mittendrin und erlebt, wie sich die Ermittler Schritt für Schritt an die Täter heranarbeiten.

Mehr als die vorherigen Bände beleuchtet der vierte Band um das Ermittlerduo Ballard und Bosch die schwierige Arbeit der Polizei in einer von Unruhen und sozialen Spannungen geprägten Stadt. Zum Zeitpunkt der Handlung hat die Corona-Pandemie in Los Angeles ihren Höhepunkt erreicht. Die Pandemie und die jüngsten Proteste haben die Polizeiarbeit verändert. Das LAPD hat aufgrund von Geschichten über Korruption, Rassismus und Gewalt im Dienst an Vertrauen eingebüßt. Selbst Renée gerät ob ihrer Tätigkeit ins Grübeln und fühlt sich durch viele Vorschriften und interne Machtkämpfe frustriert. Wegen Covid-19 sind die Strände gesperrt und sie kann nicht mehr in ihrem Zelt am Venice Beach schlafen. Auch fühlt sie sich aufgrund der gestiegenen Zahl von Obdachlosen dort nicht mehr so wohl wie früher. Am Ende bekommt sie ein interessantes Angebot von ihrem ehemaligen Mentor Bosch. Michael Connelly schildert glaubhaft, dass das LAPD, überarbeitet, unterbesetzt und schlecht bezahlt, unter großem Druck steht. Viele Kollegen der Hollywood Division sind desillusioniert, haben sich innerlich von ihrem Job verabschiedet und leisten nur noch Dienst nach Vorschrift.

Connelly spart auch nicht mit Kritik an der Stadtentwicklung, die die Bebauungsmöglichkeiten der Grundstücke bis zum Äußersten ausreizt. Es werden die überteuerten Häuser in den wohlhabenden Wohngegenden im Westen beschrieben, sowie das hartnäckige Problem der Obdachlosigkeit, das die Stadt nicht in den Griff bekommt, thematisiert. Die überfüllten Obdachlosenlager in Hollywood, ursprünglich nur aus wenigen Zelten bestehend, während der Pandemie zu einer riesigen Ansammlung von Unterständen und sonstigen primitiven Behausungen angewachsen, beherbergen inzwischen mindestens einhunderttausend Menschen. Dadurch entsteht ein stimmiges Bild des aktuellen Los Angeles, welches in Connellys Romanen wie eine eigene Hauptfigur behandelt wird. Und nicht zu vergessen Bosch tolles Haus mit dem atemberaubenden Blick von der Terrasse auf den Cahuenga Pass.

 

Fotos und Rezension von Andy Ruhr.

Dunkle Stunden | Erschienen am 28.08.2023 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12570-9
432 Seiten | 22,00 €
Originaltitel: Dark Hours | Übersetzung aus dem Englischen von Sepp Leeb
Bibliografische Angaben & Leseprobe