Kategorie: 3 von 5

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende März 2022

 

Philip Kerr | Metropolis

Lange vor Volker Kutscher und Co. startete Philip Kerr seine Reihe um den zynischen, aber moralisch integren Privatdetektiv und ehemaligen Polizisten Bernie Gunther während der Nazi-Zeit. Spielten die ersten Bände Mitte/Ende der 1930er, so waren die letzten Bände in der Nachkriegszeit angelegt, in der es aber immer noch vor Nazis wimmelte. Kurz vor seinem viel zu frühen Tod 2019 stellte der Autor mit Band 14 noch dieses Prequel fertig, dass 1928 spielt.

Gunther ist noch bei der Berliner Polizei und wechselt gerade von der Sitte zur Kripo zu dem inzwischen allgemein bekannten Ernst Gennat und seinem Chef Julius Weiß. Die Kripo hat Ende der goldenen Zwanziger alle Hände voll zu tun. Die Stadt in Aufruhr hält gerade ein Serienmörder, der „Winnetou“ genannt wird, weil er seine Opfer, Prostituierte, skalpiert. Kurz darauf wird ein weiterer Serientäter aktiv, das Opfer sind diesmal kriegsversehrte Obdachlose. Gunther ist der einzige, der hier einen Zusammenhang vermutet.

Die Zutaten dieses historischen Krimis sind inzwischen allgemein bekannt, wie auch viele der auftretenden Figuren. Kerr war ein versierter Rechercheur, es gibt vielerlei Verwebung von Fakten und realen Personen. So baut Kerr eine Begegnung mit George Grosz oder einen Besuch der legendären Kneipe „Sing Sing“ ein. Allgemein geht es um den Moloch Berlin, den manche am liebsten von einigen Menschen gesäubert sehen würden, seien es Huren, Krüppel oder Juden, das gesunde Volksempfinden und allgemein um Schäden der Seele. Die Nazis mit ihren menschenverachtenden Parolen erreichen immer mehr Zulauf. Natürlich tummeln sich inzwischen einige Autoren auf dieser Spielwiese, aber das Niveau von Kerr über die gesamte Reihe ist schwer zu erreichen. Aus meiner Sicht war diese Reihe immer geradliniger und stilistisch besser als die Konkurrenz in diesem Genre. Sehr traurig, dass dies der letzte Roman von Philip Kerr bleiben wird.

 

Metropolis | Erschienen am 14.09.2021 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0047-9
400 Seiten | 24,- Euro
Originaltitel: Metropolis (Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5
Genre: Historischer Krimi

 

John McMahon | Cold Detective

Detective P.T. Marsh ist seit dem Unfalltod seiner Frau und seines Kindes nur noch ein Schatten früherer Tage, auch wenn er das im Dienst noch halbwegs verbergen kann. Eine Stripperin erzählt ihm, dass sie häufig von ihrem Freund verprügelt wird. Marsh nimmt sich eines Nachts im trunkenen Zustand der Sache an und verpasst dem Typen eine Abreibung. Dummerweise wird Marsh am nächsten Morgen zu einem Mordfall gerufen und ebenjener Typ, ein Neonazi, ist das Opfer. Die Sache wird aber schnell überlagert von einem weiteren Todesfund. Ein Feldbrand wird gelöscht und der Leichnam eines toten schwarzen Teenagers gefunden. Marsh merkt schnell, dass dies ein Lynchmord war und versucht Details verbogen zu halten, um keinen Aufruhr in der Bevölkerung in der Kleinstadt in Georgia hervorzurufen. Indizien führen zu dem toten Neonazi und Marsh stellt sich die Frage, ob er nicht doch versehentlich den Hauptverdächtigen ermordet hat.

„Cold Detective“ ist der Auftakt zu einer Reihe um den Detective P.T. Marsh aus Georgia, der hier im ersten Fall es mit einer offensichtlich rassistischen Tat zu hat. Autor John McMahon spielt mit verschiedenen Versatzstücken, die allesamt dem Leser nicht ganz unbekannt sind: Der gebrochene Ermittler im Kampf gegen alte Ressentiments, gegen korrupte Kollegen und andere gesellschaftlich hochrangige Personen. Die Tat und ihre Umstände sind nicht frei von Mystik, was gewisse Inspiration z.B. bei der Serie „True Detective“ vermuten lässt. Dennoch macht der Autor das über weite Strecken routiniert und ordentlich. „The Good Detective“, so der Originaltitel, wurde 2019 immerhin für den Edgar nominiert. Der Reiz des Plots liegt auch daran, dass der offensichtlich unbestechliche Ermittler immer wieder Angst haben muss, selbst als Verdächtiger im ersten Mordfall in den Fokus zu geraten. Ein wenig übertrieben fand ich jedoch die weitere Entwicklung im Lynchmord, bei dem für meinen Geschmack ein allzu großes Rad gedreht wird. Insgesamt mit Abstrichen aber ein passabler Reihenauftakt.

 

Cold Detective | Erschienen am 07.01.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31711-5
400 Seiten | 13,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-492-99980-9 | 9,99 €
Originaltitel: The Good Detective (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sven-Eric Wehmeyer)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

 

Doug Johnstone | Eingeäschert (Band 1)

Als Bestattungsunternehmer Jim Skelf mit etwa siebzig Jahren plözlich verstirbt, hinterlässt er drei Frauen, die sich fortan ums Familienunternehmen, zu dem auch eine Detektei gehört, kümmern müssen: Seine Frau Dorothy, seine Tochter Jenny und Enkelin Hannah. Ganz schnell kommt heraus, dass Jim regelmäßige Geldzahlungen an eine Frau und ihre Tochter vor seiner Frau verheimlicht hat, was Dorothy sehr erschüttert. Währenddessen verschwindet die Mitbewohnerin aus Hannahs Studenten-WG spurlos und da die Polizei wenig unternimmt, soll nach Hannahs Wunsch die Detektei Skelf das Verschwinden von Melanie Cheng aufklären.

„Eingeäschert“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die drei Damen vom Bestattungsinstitut. Sehr morbide beginnt der Roman mit der Einäscherung des toten Familienoberhaupts Jim Skelf auf einem Scheiterhaufen im Garten. In der Folgezeit begleiten wir Dorothy, Jenny und Hannah abwechselnd durch Perspektivwechsel bei ihren Ermittlungen. Dorothy im Fall Jim Skelf, Jenny in einem neuen Fall von vermeintlichem Ehebruch, den die Detektei annimmt, und Hannah im Fall Melanie Cheng.

Autor Doug Johnstone ist von Haus aus Astrophysiker und somit darf der Originaltitel „A Dark Matter“ (Dunkle Materie) gerne erwähnt werden, denn er beschreibt sehr gut die Lebenslagen der drei Frauen, die sich neben der Trauer um Jim in unterschiedlichen Lebensaltern verschiedenen Krisen ausgesetzt sehen. Dorothy als belogene Ehefrau, Jenny frisch geschieden und joblos in der Midlife-Crisis, Hannah in tiefer Sorge um eine enge Freundin. Ihre Bahnen und Geschicke werden von unbekannten Dingen beeinflusst wie dunkle Materie das Universum. Ein gelungener Kriminalroman um familiäre Bande, das Leben und den Tod und über toxische Beziehungen mit einem ungewöhnlichen weiblichen Ermittlertrio.

 

Eingeäschert | Erschienen am 18.01.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-42-0
424 Seiten | 25,- €
Originaltitel: A Dark Matter (Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Krimi

 

Ralf Langroth | Ein Präsident verschwindet

Besagter Präsident ist der Chef des damals noch sehr jungen bundesdeutschen Verfassungsschutzes. Am 20. Juli 1954 verschwindet Otto John und taucht kurz darauf scheinbar freiwillig in Ost-Berlin bei einer Pressekonferenz mit den DDR-Spitzen auf. Ein Coup der DDR gegen den Westen mit seiner Nazi-Kontinuität oder ist John doch nicht so freiwillig wie gedacht im Osten? Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe des BKA soll in Berlin auf besonderen Wunsches von Kanzler Adenauer ermitteln. Das kommt Gerber sehr gelegen, ist doch seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, ebenfalls in Berlin verschwunden. Hat sie etwas mit dem Fall Otto John zu tun?

Der Roman ist der zweite Band der Reihe historischer Thriller um den BKA-Beamten Philipp Gerber, der als Ausgewanderter mit der amerikanischen Armee im 2.Weltkrieg nach Deutschland kam und nun dort geblieben ist. Erneut hat der Autor sich ein reales Ereignis ausgesucht, um die er seine fiktive Geschichte platziert: Den Skandal um Otto John. Das Setting um die Schauplätze Bonn, Berlin und Pullach ist stimmig und akkurat wie auch die weiteren realen Persönlichkeiten, die hier als Figuren eingebettet werden, etwa Kanzler Adenauer oder Reinhard Gehlen, Ex-Wehrmachtsgeneral und dann Chef der Organisation Gehlen, Vorläufer des BND. Auch der Plot um Ost-West-Spionage und Misstrauen zwischen den westdeutschen Geheimdiensten ist gut gemacht und spannend. Ein wenig fallen die Figuren ab, bei denen es dann doch etwas an Tiefe fehlt. Aber als spannender Exkurs in deutsch-deutsche Geschichte ist dieser Roman nicht verkehrt.

 

Ein Präsident verschwindet | Erschienen am 15.02.2022 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-00477-3
384 Seiten | 16,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-644-00829-8 | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Historischer Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang März 2022

 

Henri Faber | Ausweglos ♬

Elias Blom von der Kripo Hamburg war vor einigen Jahren daran gescheitert, einen brutalen Serienmörder, in der Öffentlichkeit als Ringfinger-Mörder bekannt, zur Strecke zu bringen und wurde ins Einbruchdezernat versetzt. Doch er sieht eine neue Chance, sich zu rehabilitieren, als jetzt erneut eine Bluttat geschieht, die die Handschrift des Killers einschließlich abgetrennten Fingers trägt. Denn diesmal gibt es einen wichtigen Zeugen. Noah Klingberg hatte Wäsche auf dem Dachboden eines Mehrfamilienhauses auf gehangen, als er mit einem Messer attackiert und gezwungen wurde, den Unbekannten zu seiner Frau Linda zu bringen. Noah sieht einen Ausweg und lotst den Angreifer in die Nachbarwohnung, zu der er einen Zweitschlüssel besitzt und in der er das Ehepaar Falk im Urlaub wähnt. Am anderen Morgen wacht er schwer verletzt neben der toten Nachbarin Emma Falk auf.

Henri Faber hat mit seinem Debüt einen fesselnden Thriller geschaffen, der mit relativ kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven von Beginn an spannend ist und sich im weiteren Verlauf zu einem Verwirrspiel der verschiedenen Charaktere wandelt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die Figuren, die wir durch vier versierte Sprecher mit ihren Geheimnissen, Schwächen und Stärken kennenlernen. Besonders durch das Eintauchen in die Privatleben der Ehepaare Klingberg und Falk wird die Geschichte immer undurchsichtiger. Wir erfahren die Zusammenhänge aus der Sicht von Noah, einem erfolglosen Schriftsteller, der alles für seine Frau tun würde. Linda leidet aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches unter psychischen Problemen und dann ist da noch Elias Blom, der verbissene Kommissar, dessen Charakterisierung ich etwas blass fand. Zwischendurch nimmt uns auch immer wieder der Serienmörder mit in seine krude Gedankenwelt.

Der Autor schafft es gekonnt einen an der Nase herum zu führen und bietet eine Bandbreite an vermuteten Tatabläufen, falschen Geständnissen sowie ungeahnten Wendungen. Die Auflösung ist in keiner Weise vorhersehbar und birgt einen dramatischen wenn auch durch den Alleingang Bloms reichlich unrealistischen Showdown und ein abstruses Ende.

 

Ausweglos | Als Hörbuch am 20. August 2021 im Der Audio Verlag erschienen
ISBN 978-3-7424-2084-8
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Simon Jäger, Vera Teltz, Philipp Schepmann und Uve Teschner
Laufzeit: 12 Stunden, 45 Minuten | 14,99 Euro
Weitere Angaben und Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei dtv Verlagsgesellschaft.

Wertung: 3,0 von 5
Genre: Psychothriller

 

 

Agatha Christie | Tod auf dem Nil ♬

Im Kino läuft gerade die Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit Kenneth Branagh. Das hat mich auf den Geschmack gebracht und ich habe mir den Klassiker sowie eines der bekanntesten Werke der britischen Autorin bei Audible als Hörbuch runtergeladen.

Während seines Urlaubes in Ägypten lernt der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot auf einem Nilkreuzfahrtschiff ein jung verheiratetes Paar kennen. Die bildschöne Millionenerbin Linnet Ridgeway und ihr Ehemann Simon Doyle können ihre Hochzeitsreise auf der „Karnak“ aber nicht wirklich genießen. Linnets beste Freundin Jacqueline de Bellefort, die vorher mit dem mittellosen Doyle verlobt war und die beiden miteinander bekannt gemacht hatte, verfolgt sie rachedurstig überall hin und macht ihnen die Flitterwochen zur Hölle. Heute würde man das Stalking nennen. Linnets Ermordung bringt schließlich die Krimihandlung ins Rollen. Da es nicht bei der einen Toten bleibt, ist der Spürsinn des klugen wie auch eitlen Detektivs mit dem imposanten Moustache gefragt und er steht vor der intellektuellen Herausforderung, den Tathergang penibel zu rekonstruieren. Als Poirot die anderen Passagiere des Nildampfers befragt und nach möglichen Mord-Motiven durchleuchtet (kleiner Spoiler: Sie haben fast alle eins) muss er mit Hilfe seiner genialen Kombinationsgabe die perfekten Alibis zerpflücken und den Mörder trotz vieler falscher Fährten nur aufgrund von Indizien entlarven.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit, dessen Handlung sich auch typisch für Christie in einem isolierten Raum vor exotischer Kulisse abspielt. Der wendungsreiche Krimi-Plot lebt von seinen pointierten Dialogen und einem bissigen Blick auf die damalige bessere Gesellschaft. Die vielen überspitzt dargestellten Charaktere werden mit viel Liebe zum Detail ins Bild gesetzt und dank eines auktorialen Erzählers erfahren wir alles über ihre Beweg- und Hintergründe. Dem Charme dieses fintenreichen Rätselkrimis, bei dem auch die Wirtschaftskrise und der Börsencrash eine Rolle spielen, konnte ich mich nicht entziehen. Die Lösung ist überraschend und immer wieder faszinierend, wie auf den ersten Blick unscheinbare Details im Rückblick eine wichtige Bedeutung erlangen.

 

Tod auf dem Nil | Erschienen am 16.11.2018 im Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-3279-1
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Martin Maria Schwarz
Laufzeit: 9 Stunden 42 Minuten | 7,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Death on the Nile (Übersetzt aus dem Englischen von Pieke Biermann)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 4,5 von 5
Genre: Krimi

 

Agatha Christie | Mord im Orient-Express ♬

An einem kalten Wintertag steigt der Privatdetektiv Hercule Poirot in Istanbul in einen Luxuszug, der ihn nach London bringen soll. Der Orientexpress ist für die Jahreszeit überraschend voll besetzt, nur durch seine Beziehung zu dem ebenfalls mitreisenden Eisenbahn-Direktor Monsieur Bouc bekommt er noch ein freies Abteil. Nach einer unruhigen Nacht bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken und im Nachbarabteil wird der amerikanische Geschäftsmann Samuel Edward Ratchett durch 12 Messerstiche erstochen aufgefunden. Zur Unbeweglichkeit verdammt sitzen der Detektiv und die Mitreisenden fest und Monsieur Bouc bittet den Meisterdetektiv den Fall aufzuklären. Das stellt Poirot vor einige Herausforderungen, hatte doch der mysteriöse Mr. Ratchett ihn am Tag davor im Speisewagen von Morddrohungen berichtet und um Schutz gebeten. Der Täter kann nur einer der Passagiere sein und es stellt sich heraus, dass nicht alle (Ratchett eingeschlossen) die sind, für die sie sich ausgeben.

Ich habe zum ersten Mal die Geschwindigkeit des Hörbuchs etwas erhöht und dann bot der Krimiklassiker großes Unterhaltungspotential mit allem, wofür die Queen of Crime bewundert wird: Ein großes Figurenensemble unterschiedlicher Couleur, ein exotisches Setting, falsche Alibis, zahlreiche Verdächtige sowie die Suche nach dem Motiv. Durch den geschlossenen Raum erleben wir fast ein Kammerspiel mit einem Meisterdetektiv, dessen kleine, graue Zellen auf Hochtouren arbeiten. Dialoge, die nur so vor Schlagkraft und zynischem Wortwitz strotzen. Dazu sieht sich Poirot diesmal, dem ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Halt und Ordnung innewohnt, mit Fragen der Moral und Ethik konfrontiert. Der Mordfall ist vertrackt, das ausgeklügelte Ende wirklich erstaunlich und hat nach all den Jahren nichts von seinem Charme verloren. Auch dieser Roman wurde von und mit Kenneth Branagh neu verfilmt.

 

Mord im Orientexpress | Erschienen am 12.05.2014 in Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-1482-7
ungekürzte Lesung | Sprecher: Friedhelm Ptok
Laufzeit: 7 Stunden 28 Minuten | 6,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Murder on the Orient Express (aus dem Engischen übersetzt von Otto Bayer)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 5 von 5
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr.

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Dezember 2021

 

Agatha Christie | Das Geheimnis des Weihnachtspuddings – Geschichten zum Fest

Auf der Suche nach etwas Besinnlichem griff ich zu dem in Rot und Lebkuchenfarben gestaltetem Büchlein mit Kurzgeschichten zum Fest von Agatha Christie. Diese spielen zumindest alle in der Weihnachtszeit und in den ersten beiden dürfen natürlich ihre legendären Protagonisten, der Meisterdetektiv Hercule Poirot und die gewiefte Hobby-Ermittlerin Jane Marple nicht fehlen. Die titelgebende Geschichte „Das Geheimnis des Weihnachtspuddings“ ist eine ganz klassische Detektivstory um einen verschwundenen Edelstein und ein orientalischer Thronfolger in Nöten. Diese nimmt den Hauptteil des Buches ein und versprüht noch am meisten weihnachtliches Flair. Wir erleben traditionelle, britische Feiertage auf dem Land bei einer gutsituierten Familie mit Dienstpersonal. Der belgische Gentleman ist genau der richtige für diesen delikaten Fall, den er natürlich durch den Einsatz seiner grauen Zellen, clevere Beobachtungen und gerissenes Fallenstellen mit diplomatischem Geschick zu lösen weiß.

Sollte es ihm merkwürdig vorkommen, dass die meisten Hausbewohner draußen gewesen waren und Poirot in Schlafanzug und Mantel antanzte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. (Auszug Seite 84)

In „Eine Weihnachtstragödie“ erzählt Miss Marple eine tragische Geschichte, die sie selbst erlebt hat und in der sie einen Mord zwar mit ihrem unerreichten Spürsinn erahnt, aber nicht verhindern kann. Komplettiert wird das durch eine weitere Kurzgeschichte und ein Märchen mit einem Esel als Hauptfigur zuzüglich eigenen Weihnachtserinnerungen, bei der die Queen of Crime mal ihre besinnliche Seite offenbart. Insgesamt sind das ganz nette Geschichten für einen Nachmittag, die mich zum Schmunzeln brachten und immerhin mal wieder richtig Lust auf Agatha Christie gemacht haben. Der feine Humor gepaart mit gepflegter Sprache, die britische Lebensart mit viel Nostalgie war genau das, was ich grade benötigte.

 

Das Geheimnis des Weihnachtspuddings | Erschienen am 04.10.2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-4550-0469-4
176 Seiten | 12,00 Euro
Zusammenstellung von Daniel Kampa (Übersetzung aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann, Michael Mundhenk und Lia Franken)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Krimi

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

Max Annas | Der Hochsitz

Ein Dorf in der Eifel, unweit der luxemburgischen Grenze. Es sind Osterferien im Jahr 1978. Die beiden 11jährigen Mädchen Sanne und Ulrike durchstreifen aufmerksam die Gegend, ihr Lieblingsplatz ist ein Hochsitz am Waldrand. Und es passieren einige Dinge in diesen Tagen: Im Nachbarort wird eine Bank überfallen, die Grenzbeamten bereiten sich auf eine Aktion gegen Grenzschmuggler vor, ein Fremder klappert in einem Cadillac Bauernhöfe in der Gegend ab und macht unmoralische Kaufangebote und zwei fremde Frauen fahren durchs Grenzgebiet und wollen unerkannt bleiben. Dann geschieht ein Mord, nachts mitten auf der Dorfstraße – und Sanne und Ulrike haben ihn als einzige gesehen. Doch auf sie hört natürlich niemand, sodass die beiden selber auf Spurensuche gehen.

Nach seinen beiden letzten Romanen über Mordermittlungen in der DDR, bleibt Max Annas mit seinem neuen Roman „Der Hochsitz“ in der Vergangenheit. Diesmal aber in der BRD, im Jahr 1978 ist die Angst vor dem Terrorismus der RAF auch in der Eifel hochpräsent. Doch dass zwei Zwölfjährige das Fahndungsplakat aus der Post geklaut haben, ahnt niemand. Überhaupt gibt es so einige Dinge, die an der Polizei vorbei laufen. Max Annas entwirft mit verschiedenen Perspektiven und schnellen Wechseln ein eher tristes Panorama eines Landstrichs, der von Ängsten geprägt scheint: Angst vor Terroristen, vor Fremden, vor Existenzverlust, vor der Zukunft allgemein. Ein Leben im bundesdeutschen Mief der 1970er, bis sich auf einmal die Ereignisse überschlagen. Dabei wird der Plot in einzelne Stränge zerteilt, die sich ab und an treffen, aber oft auch etwas im Ungefähren bleiben. Dennoch eine anregende Lektüre, bei der vor allem das Setting überzeugt.

 

Der Hochsitz | Erschienen am 20.07.2021 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00208-4
272 Seiten | 22,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

Stuart MacBride | Der Garten des Sargmachers (Band 3)

Ex-Polizist Ash Henderson und die Psychologin Dr. Alice McDonald sind Mitglieder einer externen Expertengruppe, die von der schottischen Polizei in speziellen Fällen aktiviert wird. Eigentlich sind sie gerade auf der Jagd nach einem Kindermörder, als sie kurzzeitig abkommandiert werden. In einer kleinen Siedlung an einer Steilküste sind in einem Sturm ein Teil der Klippen abgestürzt. Auch das verlassene Haus eines gewissen Gordon Smith befindet sich nun kurz vor dem Absturz, als man bemerkt, dass in seinem Garten offenbar zahlreiche Leichen vergraben wurden. Henderson kann zwar noch mal kurz ins Haus und einige Fotos sichern, doch die Bergung der Leichen ist unmöglich. Doch die Fotos genügen, um Hendersons Verdacht zu erhärten: Smith ist ein brutaler Serienmörder und er wird weitermorden. Was dem Fall besondere Brisanz verleiht: Offenbar war eine junge Frau, noch minderjährig, aus der Nachbarschaft schon seit Kindertagen mit Smith bekannt und befindet sich in seiner Gewalt.

Wenn man mal im Nachhinein ganz nüchtern an diesen Thriller herangeht, muss man schon gestehen, dass das Ganze ein teilweise abstruser Plot mit gleich zwei Serienmördern ist, was zumindest meine Lesegewohnheiten nicht mehr so richtig trifft. Das Gute daran ist allerdings, dass – anders als so manche (auch deutsche) Autorenkollegen – Stuart MacBride die ganze Nummer nicht so verkrampft und bierernst nimmt. Er schreibt, um zu unterhalten und täuscht keine Bedeutungsschwere vor. Das drückt sich vor allem in seiner skurrilen Figurenschar und im typisch schwarzen schottischen Humor aus. Insofern ist „Der Garten des Sargmachers“ ordentliche Thrillerunterhaltung, allerdings ohne zu brillieren und vielleicht auch einen Tick zu lang.

 

Der Garten des Sargmachers | Erschienen am 18.10.2021 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-49233-6
636 Seiten | 11,- €
Originaltitel: The Coffin Maker’s Garden (Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Jäger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Thriller

 

 

 

John le Carré | Silverview

In London übergibt eine junge Frau einen Brief ihrer an Krebs erkrankten Mutter Deborah Avon an einen Mr. Proctor, offensichtlich ein Mann vom Geheimdienst. Gleichzeitig erhält der junge Buchhändler Julian Lawndsley, der aus der Londoner City in ein kleines Kaff an der Küste von East Anglia gezogen ist, in seinem Laden Besuch von einem seltsamen Mann, Edward Avon. Dieser stellt sich als ehemaliger Studienfreund von Julians verstorbenem Vater vor und ermutert ihn, das bisher leerstehende Kellergeschoss seiner Buchhandlung zum Aufbau einer intellektuellen, philosophischen Bibliothek aufzubauen. Avon selbst hilft mit und nutzt Julians Computer zur weiteren Recherche. Währenddessen hat Stephen Proctor die Witterung aufgenommen, denn es gibt offenbar einen Maulwurf – und die Spuren führen nach „Silverview“, dem Landsitz der Avons.

Vor knapp einem Jahr starb der große Meister des Spionageromans John le Carré und hinterließ ein fast fertiges Manuskript, dass sein Sohn Nicholas Cornwell, selbst Autor unter dem Pseudonym Nick Harkaway, behutsam fertigstellte. Die Story breitet sich sehr langsam und behutsam aus – eine schwierige Ehe, beide Eheleute im Geheimdienst tätig, sie allerdings die erfolgreichere und nun offenbar ein Geheimnisverrat. Alternde Spione mit ihren letzten Winkelzügen und dazwischen die neue Generation, die das Ganze etwas kopfschüttelnd betrachtet. Le Carré packt nochmal die bekannten Themen aus: Lüge, Verrat, Liebe und Loyalität. Und natürlich die Desillusionierung der Geheimdienstarbeit. Le Carré war immer der Mann fürs Intellektuelle anstatt für Geheimdienstaction, so wird „Silverview“ auch zurecht als Roman und nicht als Thriller vermarktet. Denn für mich plätscherte es zum Teil schon etwas vor sich hin. Insgesamt aber dennoch ein solides Werk, dem man das Können le Carrés auch in den schwächeren Momenten anmerkt.

 

Silverview | Erschienen am 18.10.2021 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-55020-206-3
300 Seiten | 14,80 €
Als E-Book: ISBN 978-3-84372-635-1 | 19,99 €
Originaltitel: Silverview (Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Spionageroman

Fotos und Rezensionen 2-4 von Gunnar Wolters.

Mavis Doriel Hay | Geheimnis in Rot

Mavis Doriel Hay | Geheimnis in Rot

Kurz vor Weihnachten wollen wir es etwas besinnlich halten und begeben uns auf eine Reise in ländliche, weihnachtliche England der 1930er Jahre. Wobei so ganz beschaulich geht es dann doch nicht, immerhin geschieht ein Mord am 1.Weihnachtstage auf Flexmere, dem Landsitz der Melburys.

Sir Osmond Melbury ist ein strenger Familienpatriarch, der zum tradionellen Weihnachtsfest die Familie um sich versammelt. Die Melburys haben durch eine erfolgreiche Keksfabrik Ansehen und Reichtum angehäuft. Sir Osmond hat einen Sohn und vier Töchter, bis auf die jüngste Tochter Jennifer alle bereits verheiratet und außer Haus. Die Ehefrau ist bereits verstorben. Das Haus führte zwischenzeitlich Sir Osmonds Schwester Mildred, inzwischen jedoch die Privatsekretärin Grace Portisham – zum Missfallen einiger Familienmitglieder. Ebenfalls zum Weihnachtsfest anwesend sind die Ehegatten der Kinder George, Edith und Eleanor und deren kleine Kinder. Die älteste Tochter Hilda ist bereits verwitwet, ihre Tochter Carol bereits volljährig. Die jüngste Tochter Jennifer ist mit Philip Cheriton verlobt, der allerdings von Sir Osmond nicht gern gesehen wird. Stattdessen versucht er Jennifer mit Oliver Witcombe zu verkuppeln, allerdings mit mäßigem Erfolg. Dennoch ist Witcombe eingeladen und darf sogar den Weihnachtsmann spielen. Zudem ist natürlich noch das Dienstpersonal auf Flexmere während der Weihnachtstage.

Es gibt zahlreiche offen und nicht offen ausgetragene Streitigkeiten. So hat es Sir Osmond es seiner ältesten Tochter Hilda scheinbar nie verziehen, dass sie früh und nicht standesgemäß geheiratet hat, seine Schwester Mildred hat er irgendwann auf dem Haus komplimentiert und auch seinen langjährigen Chauffeur hat Sir Osmond vor Kurzem entlassen. Über allem schwebt jedoch auch die Frage nach Sir Osmonds Testament. Im Sommer hatte er einen kleinen Schlaganfall, sodass die Wahrscheinlichkeit eines Erbes in greifbare Nähe rückt. Zuletzt gab es allerdings Gerüchte, dass Sir Osmond vorhatte, sein Testament zu ändern. Hat er dies bereits erledigt? Wer würde davon profitieren und wer nicht? Das Fest verläuft zunächst ganz so wie vom Hausherrn geplant, nach der Bescherung zieht er sich am Nachmittag in sein Arbeitszimmer zurück. Als Oliver Witcombe später ins Arbeitszimmer zurückkommt, findet er Sir Osmond erschossen mit dem Kopf auf seinem Schreibtisch liegend vor.

Sie waren also alle da, fast alle mit einem guten Grund, Sir Osmond den Tod zu wünschen, wie wir später auf so unerfreuliche Weise feststellen mussten, und nur wenige mit einem Grund, ihm ein langes Leben zu wünschen. (Auszug S.22)

Ein klassisches Landhauskrimi-Setting mit zahlreichen Verdächtigen und dem bedächtigen Charme englischer Polizeiermittlungen. Diese übernimmt Colonel Halstock, ein Freund der Familie, der aber sorgfältig alle Indizien abklappert und keinen Anwesenden frühzeitig von der Täterschaft ausschließt. Aus Halstocks Ich-Perspektive sind auch die meisten Kapitel geschrieben. Eine besondere Note bringt die Autorin Mavis Doriel Hay hinein, indem sie einige Kapitel zu Beginn und am Ende aus der Sicht einiger Anwesenden schildern lässt. Dadurch werden die Ressentiments und Eifersüchteleien nochmal deutlicher.

„Geheimnis in Rot“ ist ingesamt ein cosy Krimi, der aber stimmungsmäßig gut in die Weihnachts- und Adventszeit passt. Ein typischer Rätselkrimi, der dem Leser es durchaus erlaubt, ebenfalls auf Mördersuche zu gehen. Mein früher Verdacht hat sich tatsächlich bestätigt, zum Schluss hin geht die Autorin auch zu offensichtlich in diese Richtung, da hätte mir eine klassische Konfrontation mit allen Beteiligten vielleicht noch besser gefallen. Nichtsdestotrotz ein solider Weihnachtskrimi mit dem Charme vergangener Zeiten.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Geheimnis in rot | Erstmals erschienen 1936
Erschienen als Taschenbuch am 14.09.2019 im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98506-1
301 Seiten | 14,95 €
Originaltitel: The Santa Klaus Murder (Übersetzung aus dem Englischen von Barbara Heller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ronald Malfi | December Park

Ronald Malfi | December Park

Es war lang und weiß. Es war ein Tuch. Es war ein Tuch, das etwas bedeckte. Mir wurde flau im Magen. Ich hatte genug ferngesehen, um zu erkennen, was ich da vor Augen hatte. (Auszug E-Book, Position 155).

Im Herbst 1993 verschwinden mehrere Kinder in der beschaulichen Kleinstadt Harting Farms in Maryland, eine Küstenstadt an der Chesepeake Bay. Offiziell sind die Kinder nur vermisst, die Polizei hält es für denkbar, dass sie einfach nur von zuhause ausgerissen sind. Hinter vergehaltener Hand raunen die Menschen aber dennoch vom „Piper“, dem Rattenfänger, der die Kinder entführt.

Angelo Mazzone und seine Freunde Peter, Scott und Michael sind typische 15-16jährige Jungs, die heimlich rauchen, nach der Schule mit ihren Rädern die Gegend unsicher machen, gerne Schabernack treiben und versuchen, die Schule halbwegs zu überstehen (nur mit den Mädels haben sie es noch nicht so). Zufällig sind die Jungen mit ihren Rädern eines Oktobernachmittags in der Nähe des Waldrands am December Park und werden Zeuge eines großen Polizeiaufgebots. Die Polizisten bergen einen Körper aus dem Wald und als der Wind das Tuch verweht, stellen die entsetzten Jungen fest, dass es die Leiche eines vor kurzem verschwundenen Mädchens ist. Damit ist klar, die Kinder sind nicht einfach weggelaufen, sondern wurden ermordet. Weitere Leichen tauchen aber vorerst nicht auf.

Dafür erhält Angelo neue Nachbarn, eine seltsame Frau mit ihrem Sohn Adrian, in Angelos Alter. Adrian ist in sich gekehrt und eigenbrötlerisch, dennoch freunden sich Angelo und er an und Adrian wird nach und nach Teil von Angelos Clique. Adrian entwickelt eine große Faszination für die Fälle der verschwundenen Kinder, spätestens als er feststellt, dass das von ihm zufällig in der Nähe des Fundorts gefundene Medaillon dem toten Mädchen gehörte. Er steckt die anderen mit seinem Eifer an und bald geben sich die Jungen das Versprechen, dass sie den Piper aufspüren werden. Derweil verschwinden weitere Kinder und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Tatsächlich finden die Jungen kleinere Spuren und Indizien, behalten dies aber für sich, selbst Angelos spricht nicht mit seinem Vater, immerhin einer der ermittelnden Detectives. Doch aus dem Detektivspiel wird irgendwann bitterer Ernst.

Ich steckte meinen Daumennagel zwischen die beiden Hälften und ds herzförmige Medaillon öffnete sich. Meine Großmutter besaß ei ähnliches Medaillon mit einem winzigen Foto von mir in der einen Seite und eines von Charles in der anderen – doch dieses hier war leer […]
„Okay“, entgegnete ich und verstand nicht recht, weshalb das alles für ihn so eine große Sache war.
„Es gehört ihr“, sprach er.
„Wem?“
„Dem toten Mädchen“, antwortete Adrian. „Courtney Cole“. (Auszug E-Book, Position 2904)

Autor Ronald Malfi lebt mit seiner Familie selbst an der Chesepeake Bay und ist vor allem auch durch seine Romane im Horror- und Mysterygenre bekannt. Auf Übernatürliches verzichtet er in dieser Geschichte allerdings, zum Schaudern gibt es allerdings durchaus etwas an einigen Passagen. Nach eigenen Angaben sind in diesen Roman auch Kindheitserinnerungen des Autors eingeflossen, vermutlich in der Figur des Ich-Erzählers Angelo Mazzone. Angelo ist ein durchaus cleverer Junge mit den üblichen Flausen im Kopf, er liebt es zu schreiben, will später einmal Schriftsteller werden. Er lebt mit seinem Vater und seinen Großeltern zusammen, seine Mutter ist früh verstorben. Als schwerer Schatten liegt der Tod seines Bruders Charles im Golfkrieg auf der Familie, insbesondere auf dem Verhältnis zwischen Angelo und seinem Vater. Auch auf seinem neuen Freund Adrian lastet eine schwere Vergangenheit: Seine Mutter und er sind überstürzt aus Chicago verzogen, nachdem Adrians Vater sich mit Autoabgasen umbrachte und Adrian mit in den Tod nehmen wollte.

„December Park“ steht natürlich in der Tradition anderer schauriger Coming-of-Age-Geschichten, auf dem obersten Sockel steht hier sicherlich Stephen King. Und tatsächlich erinnert man sich zwangsmäßig an „Es“ oder „Die Leiche“. Malfi macht seine Sache in Bezug auf Angelo, seine Clique, ihre Freundschaft, ihre Ängste und Konflikte auch nicht schlecht – die Tiefe von Kings Figuren erreicht er freilich nicht. Was schade ist, ist der Roman doch lang genug. Aber leider, muss man sagen, auch etwas zu lang, denn die Spannungsmomente lassen zwischendurch doch sehr auf sich warten. Überhaupt gibt es in der Genrewertung für einen Thriller da doch einige Abzüge. Neben der eher langsam erzählten Story (Die Jungs fahren verdammt viel Fahrrad im Buch) gab es für mich auch einige Unplausibilitäten, auch die Aufklärung am Ende fand ich wenig überzeugend. So muss ich letztendlich konstatieren: Solide bis ordentlich als Coming-of-Age, eher unterdurchschnittlich als Thriller.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

December Park | Erschienen am 28.02.2018 im Luzifer Verlag
ISBN 978-3-95835-317-6
616 Seiten | 14,95 €
als E-Book: ISBN 987-3-95835-033-5 | 7,99 €
Originaltitel: December Park (Übersetzung aus dem Englischen von Ilona Stangl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe