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Graham Greene | Der dritte Mann

Graham Greene | Der dritte Mann

Das Vorwort des Buches beginnt mit folgenden Worten:

Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden. (Auszug S.9)

Mit dieser Bürde beginnt die Lektüre eines Werkes, dessen Verfilmung sicherlich zu den bekanntesten Thrillern oder Film noir zählt. Greene führt sogar noch im Vorwort weiter aus, dass der Film „sogar besser als die Erzählung“ sei, eine Art Endfassung. Und letztlich mag man ihm am Ende kaum widersprechen, auch wenn man versucht hatte, diese Worte im Vorwort erst einmal beiseite zu schieben.

Doch zunächst zur Handlung. Ins zerstörte Wien nach dem zweite Weltkrieg kommt der britische Autor von Western-Groschenromanen Rollo Martins, eingeladen von seinem alten Freund Harry Lime, mit Aussicht auf einen Job. Doch als Martins eintrifft, wird ihm berichtet, dass Harry bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Bei der Beerdigung kommt Martins in Kontakt zum britischen Major Calloway. Dessen Enthüllung, dass Harry ein krimineller Schieber gewesen sei, ruft bei Martins Empörung hervor. Er weigert sich, Wien direkt wieder zu verlassen und unternimmt eigene Ermittlungen.

Diese bringen einige Merkwürdigkeiten zum Vorschein. Harry wurde offenbar direkt vor seinem Haus in Begleitung zweier Bekannter überfahren, sein Hausarzt kam kurze Zeit später hinzu und stellte Harrys Tod fest. Als Martins bei Harrys Bekanntem Kurtz die Ereignisse erfährt, legt auch Kurtz ihm nahe, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Auch der Arzt Dr. Winkler bestätigt Kurtz‘ Aussage.

Wie ich es sehe, wenn ich meine Akten, die Gesprächsnotizen, die Aussagen diverser Leute durchgehe, wäre es Rollo Martins in diesem Zeitpunkt immer noch möglich gewesen, Wien wohlbehalten zu verlassen. Er hatte eine ungesunde Neugier an den Tag gelegt, aber der Krankheit war zu jedem Zeitpunkt Einhalt geboten worden. Niemand hatte irgendetwas preisgegeben. Die glatte Wand der Täuschung hatte seinen rastlosen Fingern bisher keinen echten Riss offenbart. Als Rollo Martins das Haus von Dr. Winkler verließ, schwebte er nicht in Gefahr. (Auszug S.72)

Doch Martins ist nicht zufrieden und erfährt kurze Zeit später von einem Nachbarn von Harry, dass der Überfahrene nicht von zwei Männern von der Straße getragen wurde, sondern dass es noch einen dritten Mann gab. Harry versucht vergeblich, den Mann zu einer Aussage bei der Polizei zu bewegen. Als er ihn später am Abend nochmal treffen will, wurde der Mann ermordet aufgefunden. Somit wird Martins endgültig in die Geschichte um kriminelle Schmugglerbanden und die Machtverhältnisse zwischen den Besatzungsmächten hineingezogen. Verstärkt wird dies noch, als Martins sich in Harrys Freundin Anna Schmidt verliebt, die mit falschen Papieren in Wien lebt und ständig in Angst lebt, von den Sowjets festgenommen zu werden. Martins geht letztlich weiter der entscheidenden Frage nach: Wer ist der dritte Mann?

Erzähler der Geschichte ist Major Calloway, der die Geschichte aus den Gesprächen mit Martins und anderen Dokumenten für den Leser rekonstruiert. Calloway verfolgt aber natürlich auch eigene Interessen, wie sich besonders zum Ende des Romans herausstellt. Die Erzähltechnik macht den Roman für meinen Geschmack etwas sperrig, nicht so leicht zugänglich. Der Sog, der sich bei den Bildern der Verfilmung einstellt, ist beim Lesen nicht da, nur selten kommt wirklich eine Art von Spannung auf.

Er ging rasch weg. Er machte sich nicht die Mühe, festzustellen, ob er verfolgt wurde, oder das mit dem Schatten nachzuprüfen. Doch als er die Mündung einer Straße passierte, schaute er zufällig zur Seite, und genau um die Ecke, gegen eine Wand gedrückt, um nicht bemerkt zu werden, stand eine dicke, kräftige Gestalt. […] Zwanzig Meter entfernt stand Martins da und starrte die stumme, reglos auf der dunklen Straße stehende Gestalt an, die zurückstarrte. Ein Polizeispitzel vielleicht oder ein Handlanger jener anderen Männer, der Männer, die Harry zuerst korrumpiert und dann umgebracht hatten – womöglich sogar der dritte Mann? (Auszug S.135)

Solche intensiven Szenen finden sich auch ein paar im Roman, allerdings noch mehr im Film, der bis heute ein fast schon ikonisches Werk ist. Regisseur Carol Reed fragte bei Graham Green nach dem bereits gemeinsam gedrehten „Kleines Herz in Not“ nach einem Drehbuch an und Greene verfasste die Erzählung „Der dritte Mann“, die dann in der Filmproduktion noch an einigen Stellen leicht verändert wurde. Was den Film aber bis heute so herausragen lässt, sind beispielsweise der Drehort im immer noch zerstörten Wien 1948, die extravagante Kameraführung von Robert Krasker, die Schatteneffekte, die schauspielerischen Leistungen insbesondere von Orson Welles, der insgesamt nur wenig zu sehen ist, dann aber mit seiner Präsenz dominiert, bis hin zum markanten „Harry Lime Theme“ auf der Zither von Anton Karas.

Dagegen kann das Buch nicht ganz ankommen, gleichwohl ich das Glück hatte, die illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg zu lesen. Die in Sepiatönen gehaltenen Illustrationen von Annika Siems geben ein wenig das Flair des Verfilmung wieder. Generell ist es nie ratsam, zuerst den Film zu sehen und damit die komplette Handlung des Romans vorwegzunehmen. Doch auch wenn der Film den Roman etwas überstrahlt, bleibt „Der dritte Mann“ eine interessante Geschichte über Freundschaft und Liebe im Konflikt mit der menschlichen Gier.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der dritte Mann | Erstmals erschienen 1950
Die gelesene Ausgabe erschien 2017 als Lizenzausgabe für die Edition Büchergilde
ISBN 978-3-86406-076-2
206 Seiten | 25,- €
Originaltitel: The Third Man (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

„Es gibt keine Garantien“, warnte Hamish sie. „Man kann nicht wissen, in welchem Zustand sich Ihr Erbe befindet. Es ist schon ziemlich lange hier unten.“ „Ja, aber es ist doch ein Torfmoor, stimmt’s?“, warf Will ein. „Ich meine, ich habe von Leichen gelesen, die jahrhundertelang in Torfmooren erhalten geblieben sind.“ (Auszug Position 549 E-Book)

Durch die im Moor vorhandenen Torfmoose entsteht ein stark saures Milieu, welches unter anderem dafür sorgen kann, dass Moorleichen über Jahrzehnte gut konserviert bleiben. Diesen Umstand macht sich Val McDermid in ihrem 5. Fall um die auf Cold-Case-Fälle spezialisierte Polizistin Detective Chief Inspector Karen Pirie zu Nutze.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Schatzsuche in den Highlands
Die Schatzkarte des verstorbenen Großvaters hatte ein amerikanisches Ehepaar in die Highlands geführt. Auf der Suche nach ihrem Erbe waren sie an einem abgelegenen Ort im Moor fündig geworden. Mit Hilfe des ortsansässigen Bauern oder besser Highlanders, Hamish Mackenzie, finden sie auf dessen Grundstück nicht nur die zwei vergrabenen Motorräder, die der Großvater am Ende des zweiten Weltkrieges entwendete und vergraben hatte. In der Grube taucht überraschend auch eine männliche, aufgrund der Bodenverhältnisse gut erhaltene Leiche auf. Und hier kommt DCI Pirie auf den Plan, denn die Nike-Turnschuhe des Opfers können exakt ins Jahr 1995 verortet werden. Aufgrund des guten Zustandes der Leiche hofft man auf eine schnelle Identifizierung. Die engagierte Chefin der Historic Cases Unit ist grade in den schottischen Highlands unterwegs, da in einem alten Fall aus den 80er Jahren, bei dem es um brutale Vergewaltigungen und Morde an Prostituierten geht, neue Hinweise auftauchten.

Die Autorin erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denn immer wieder erfahren wir durch Rückblicke in das Jahr 1944 und danach, wie und warum es dazu kam, dass die beiden amerikanischen, wertvollen Maschinen beim Truppentransport irgendwie „verloren“ gingen und von zwei ehemaligen Soldaten vergraben wurden.

Pirie hat es grade nicht leicht, privat leidet sie immer noch unter dem schmerzlichen Verlust ihres Lebensgefährten und beruflich macht ihre neue Vorgesetzte Assistant Chief Constable Ann Markie ihr das Leben mit vielen unnötigen Schikanen schwer. Der immer wie aus dem Ei gepellten Markie ist besonders die Außenwirkung der schottischen Polizei wichtig. Sie unterstützt die HCU, solange sich die Fälle der Police Scotland in den Abendnachrichten gut verkaufen lassen. Als DCI Pirie rausfindet, dass ein neu eingesetzter Kollege als Spitzel auf sie angesetzt wurde, wird ihr klar, dass Markie sie unbedingt loswerden will. Auch wenn sie erst mal die Gründe nicht versteht, denn die Erfolgsrate der HCU ist sehr gut. Zur gleichen Zeit wird Pirie in ihrem syrischen Lieblingscafe in Edinburgh Zeugin eines Gesprächs zweier Frauen am Nebentisch und ahnt aufgrund der Äußerungen, dass hier ein Verbrechen geplant wird. An einer Stelle denkt sie:

Das Ganze hatte etwas Bühnenhaftes, fast, als wäre es eine absichtsvolle Darbietung. (Auszug Pos. 281 E-Book)

Meine Meinung
Das hat mich auch anfänglich beim Lesen dieses Kriminalromans gestört. Die Dialoge wirken nicht natürlich, sondern oft aufgesetzt und lediglich dafür da, den Leser über einen Sachstand zu informieren. Die Charaktere waren mir zu oberflächlich und nicht tief genug gestaltet, auch werden zahlreiche Klischees bedient. Ich möchte beispielhaft den knapp zwei Meter großen Highlander Hamish herausgreifen:

Sein Haar, das die gleichen Schattierungen aufwies wie die Torfziegel, die in ihrem Wohnzimmer aufgeschichtet waren, fiel ihm in widerspenstigen Locken auf die Schultern. Der üppige Bart sah so weich aus, dass sie am liebsten das Gesicht darin vergraben hätte. Er trug einen weiten, handgestrickten Pullover in Waldbeerenfarbe über einem Kilt, der schmale Hüften und muskulöse Waden betonte. Dicke Wollstrümpfe warfen über einem Paar abgenutzter Arbeiterstiefel Falten. Er war nicht unbedingt schön. Aber prächtig. Entweder war das Hamish Mackenzie, ging es ihr durch den Kopf, oder irgendein Prinz aus Game of Thrones. (Auszug Pos. 397 E-Book)

Hinzufügen könnte ich noch, dass sich die Küche seines weißen Cottages „undefinierbar männlich anfühlt“ und bevor man sich wundert: Edelstahl und auf weichen Glanz polierte Eiche sowie Küchengeräte, die man nur aus Kochsendungen kennt. Aber Schluss jetzt mit Hamish!
Wir haben es hier mit vielen verschiedenen Handlungslinien zu tun, und es ist der Souveränität der Autorin zu verdanken, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt verzettelt. Die Geschichte lässt sich flüssig lesen, der Schreibstil ist ruhig fast betulich. McDermid verzichtet auf Actionszenen, der Fokus liegt dafür auf akribisch beschriebener Polizeiarbeit. Einmal an den bedächtigen Erzählstil gewöhnt, der keine nervenzerreißende, atemlose Spannung bietet, empfand ich Interesse an den Entwicklungen der diversen Fälle und ich habe gerne weiter gelesen.

Dabei haben mich aber immer wieder einige Kleinigkeiten gestört, wie die Angewohnheit, alle mit lächerlichen Spitznamen zu versehen und diese gefühlt in jedem zweiten Satz zu benutzen. Auch für meinen Geschmack sehr nervig waren das ständige Zelebrieren von Kaffeeholen und das Aussuchen der diversen Kaffeesorten. Als Karen in Edinburgh wieder auf Hamish trifft, den ich noch mal erwähnen muss, stellt sich heraus, dass er neben einem Leben als Bauer auch noch eine Coffeeshop-Kette in Edinburgh besitzt.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Zwischendurch wirft McDermid routiniert durch ihre Protagonistin Karen Pirie auch kritische Blicke auf das heutige Edinburgh, wenn es um Gentrifizierung oder die Arbeit der Stadtplaner geht, die ursprüngliche Viertel zugunsten des Tourismus aufmöbeln möchten. Vielleicht nicht der beste Krimi der Bestseller-Autorin, handelt es sich doch um solide irgendwie gemütliche Krimikost mit Schottland-Flair. Ich möchte eigentlich nur wissen, wie es mit Karen und ihrem Hipster-Barista Hamish weitergeht.

Die Queen of Crime
Val McDermid wurde 1955 in der Hafenstadt Kirkcaldy im schottischen Fife geboren. Aus einer Bergarbeiterfamilie stammend, war sie die erste aus der Familie, die auf eine Universität ging. Schon mit 17 Jahren studierte sie in Oxford Englische Literatur. Nach dem Abschluss war sie als Journalistin, als Bühnenautorin und auch als Literaturdozentin erfolgreich, bevor sie 1987 als Schriftstellerin debütierte. Mittlerweile erscheinen ihre Bücher weltweit in mehr als 30 Sprachen und die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autorin gilt als eine der erfolgreichsten britischen Schriftstellerinnen im Spannungsgenre. Neben einigen bekannten Serienfiguren wie die Journalistin Lindsay Gordon oder die Privatdetektivin Kate Brannigan schaffte es die Reihe um Profiler Tony Hill und DI Carol Jordon sogar ins Fernsehen. Die TV-Serie „Hautnah – Die Methode Hill“ entstand zwischen 2002 und 2008. McDermid engagiert sich für die Gleichstellung Homosexueller und ist eine Unterstützerin des Referendums über die Unabhängigkeit Schottlands.

 

Buchfoto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Grab im Moor | Erschienen am 1. September 2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28223-6
496 Seiten | 16.00 Euro
Originaltitel: Broken Ground (Übersetzung aus dem Englischen von Ute Brammertz)
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Scott Thornley | Der gute Cop

Scott Thornley | Der gute Cop

„Ich will keine Polizisten hier haben. Ich will dich.“ Der Bürgermeister beugte sich über den Tisch zu ihm. „Ich will nur das Beste für die Stadt, Mac. Aber was hilft es Dundurn, wenn diese Karre und ein paar Säulen länger als ein halbes Jahrhundert hier liegen und jetzt ein Riesen-Medienwirbel darum veranstaltet wird? Wir waren unser Leben lang Kanadas Stiefkind. Dieses Projekt wird uns wieder auf die Beine helfen und zurück ins Spiel bringen.“ (Auszug Seite 18)

Dundurn, eine kleine Stadt im Norden Kanadas hat ihre besten Zeiten schon lange hinter sich, nachdem aufgrund von Globalisierung viele Industrien ins Ausland verlagert wurden. Aktuell werden im Rahmen eines Hafenerneuerungsprojektes beim Ausbaggern des Hafenbeckens mehrere Leichen gefunden. Zwei Tote im Kofferraum eines Oldtimers, die aber nach ersten Erkenntnissen schon seit Jahrzehnten im Wasser liegen. Weitere in Plastik eingeschweißte und danach in Säulen einbetonierte Leichen sind aber eindeutig jüngeren Datums und stehen eventuell im Zusammenhang mit mehreren Toten, die just auf dem Grundstück einer Biker-Gang gefunden wurden. Keine guten Nachrichten für den Bürgermeister. Der sieht seine ambitionierten Pläne für die angeschlagene Wirtschaft der Stadt in Gefahr. Zwei um 1813 versunkene Kriegsschiffe sollten im Rahmen eines Museumsprojekts Touristen anziehen. Deshalb beauftragt er Detective Superintendent MacNeice mit möglichst unauffälligen Ermittlungen und fordert eine schnelle Aufklärung der Fälle.

Mord unter Bikern
Keine leichte Aufgabe für DSI MacNeice und sein Team. Die brutale Entstellung der einbetonierten Leichen erschwert die Identifizierung. Erste Ergebnisse weisen auf Auseinandersetzungen zwischen diversen Motorradgangs hin und einige Spuren führen zu Disputen zwischen dem Baugewerbe und Biker-Gangs.

Doch damit nicht genug. Eine junge Schwesternschülerin indischer Herkunft wird auf offener Straße erstochen. Und es bleibt nicht bei dem einen Tötungsdelikt. Weitere Opfer, alles junge, ehrgeizige Frauen mit Migrationshintergrund, die alleine unterwegs sind, werden mit einem Messer attackiert, aufgeschlitzt und getötet.

Überwältigt von der Brutalität des offensichtlich psychopathischen Frauenmörders bittet McNeice seine frühere Kollegin Fiza Aziz um Hilfe. Als erfolgreiche Polizistin mit Migrationshintergrund passt die Muslimin perfekt in das Beuteschema des Mörders. Die promovierte Kriminalistin Aziz hatte nach ihrem letzten Einsatz ausgebrannt das Team verlassen und war nach Ottawa gegangen um an der Uni Kriminologie zu lehren. Ohne zu zögern kehrt sie jetzt zu den Kollegen zurück um den Köder zu spielen. Moment mal! Es gibt immer wieder Verweise auf vorangegangene Ereignisse sowie die Beziehungen untereinander und so musste ich nach Recherchen feststellen, dass es sich um den zweiten Band einer bis dahin schon vierteiligen Reihe handelt. Auch wenn es sich um einen abgeschlossenen Kriminalfall handelt, den man gut für sich lesen kann, hätte ich einen kleinen Hinweis darauf begrüßt.

Man wird wirklich mit einer Vielzahl an Leichen konfrontiert und ich muss zugeben, dass ich teilweise die Übersicht verlor. Zwei ganz unterschiedliche Fälle laufen in separaten Handlungssträngen neben einander her. Der Fall um den Serienmörder war fesselnd und aufgrund der besonderen Thematik Rassenhass sehr bewegend. Hier ist der Krimi ein richtiger Polizeiroman, in dem die Arbeit des Teams detailliert und kleinteilig beschrieben wird. Das muss man mögen, aber mich haben diese Abschnitte, in denen klassisch ermittelt wird, Zeugen befragt und Spuren gelesen werden, richtig gut unterhalten. Weniger gefallen haben mir die Passagen aus Sicht des Serienmörders. Die laut gesprochenen Monologe mit seinem Spiegelbild habe ich nur noch quer gelesen. Durch diesen „Trick“ seine fremdenfeindlichen Ansichten dem Leser näher zu bringen hätte man besser lösen können.

Meine Meinung
Es gibt einige interessante Charakterbeschreibungen, zum Beispiel die Rechtsmedizinerin oder die italienisch-stämmige Familie der Betonlieferanten. Aber gerade die Hauptfigur Mac fand ich etwas farblos. Der Witwer ist ein sympathischer Typ, ein intelligenter, bei seinem Team geschätzter Ermittler, die reißerische Beschreibung im Klappentext passt aber gar nicht. Da ich jetzt weiß, dass es schon einen Vorgängerband gibt, vermute ich, dass in diesem auf die Charakterzüge von Mac und seinem Team genauer eingegangen wurde.

In „Der gute Cop“ werden viele Themen behandelt, von Bandenkriminalität, korrupten Politikern über Rassismus, Rache zu Drogen und Prostitution. Vielleicht zu viele Themen, denn durch die vielen Handlungsstränge verliert der Krimi etwas an Intensität und Übersichtlichkeit. Der Schreibstil ist flüssig, an einigen Stellen bedächtig und bei den Tötungsdelikten recht drastisch. Es handelt sich um ganz klassische, solide Krimikost, nicht schlecht, aber auch nicht durchgehend gut. Selten passte durchschnittlich besser.

„Der gute Cop“ ist der zweite Band einer Reihe, die der kanadische Autor Scott Thornley um den verwitweten Detective Superintendent MacNeice geschrieben hat und der erste ins Deutsche übersetzte. Thornley wuchs in dem kanadischen Hamilton auf und die Stadt am Fuße des Ontariosee inspirierte ihn für das fiktive Industrie-Städtchen Dundurn.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Der gute Cop | Erschien am 14. Juni 2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7081-7
523 Seiten | 16,00 Euro
Originaltitel: The Ambitious City. A MacNeice Mystery (Übersetzung aus dem Englischen von Karl-Heinz Ebnet und Andrea O’Brien)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Bent Ohle | Inseldämmerung (Band 4)

Bent Ohle | Inseldämmerung (Band 4)

“Rechts tauchte der Leuchtturm über den im Wind wogenden nackten Bäumen und Büschen auf. Gleich würde die letzte Fähre für heute ankommen und wieder zurückfahren, danach waren sie vollkommen abgeschnitten vom Rest der Welt. Ein Gefühl, das Nils eigentlich mochte. Es war das Elementare einer Insel, die Abgeschiedenheit von allem anderen, völlig auf sich allein gestellt zu sein.” (Auszug Seite 44)

Drei Männer flüchten nach einem Raubüberfall vom Festland nach Amrum, das von einem heftigen Sturm heimgesucht wird. In der Hoffnung auf Unterschlupf klopfen sie am Heiligen Abend an die Tür einer jungen Familie, die auf der Insel ihre Weihnachtsferien verbringt. Als sie eingelassen werden, nimmt das Schicksal seinen blutigen Lauf… (Verlagsinfo)

Vier Handlungsstränge
“Inseldämmerung” von Bent Ohle ist der vierte Fall um den Amrumer Inselpolizist Nils Petersen. Es ist der erste Fall, den ich gelesen habe und bei dieser Geschichte hätte ich nicht sagen können, wer der Protagonist sein soll. Die Handlung ist in mehrere Stränge unterteilt. Es wird aus Sicht von den drei geflüchteten Männern berichtet, außerdem der Familie, die ihren Weihnachtsurlaub auf Amrum verbringt, der Polizei aus Hamburg, die aufgrund des Raubüberfalls ermitteln und Nils Petersen. Wobei letzterer nicht besonders oft und erst am Ende hin eine tragende Rolle spielt.

Anlaufschwierigkeiten
Zu Beginn fand ich die Geschichte etwas langatmig. Es beginnt mit dem 23. Dezember und in allen Strängen wird berichtet, wie der Tag vor Heiligabend verbracht wird. Bis es überhaupt einen Fall gibt und die eigentliche Handlung beginnt, vergehen über fünfzig Seiten. Danach wird es aber mit jeder Seite spannender und es fiel mir zum Ende hin zunehmend schwerer das Buch aus der Hand zu legen. Der Autor arbeitet viel mit Cliffhangern, was die Spannung zusätzlich steigen lässt. Der Sturm, der über die Insel fegt, sorgt zusätzlich für eine gefährliche Stimmung.

Aus Perspektive von Tätern und Opfern
Zu dem Protagonisten kann ich nicht so viel schildern, weil wirklich fast kaum etwas von ihm beschrieben wird. Ansonsten geht es bei den Polizisten noch etwas um das Familienleben, gerade an Feiertagen, mit einem so einnehmenden Job. Im Fokus bleibt allerdings der Fall, der hier im Buch aber auch mehr aus Sicht der Täter und Opfer beschrieben wird und nicht Hauptsächlich aus Sicht der ermittelnden Personen.

Fazit: Spannender Krimi, der etwas braucht um in Fahrt zu kommen, dann aber mit Spannung punktet. Dazu eine stürmische und überzeugende Inselkulisse, allerdings dafür einen Protagonisten, der in den Hintergrund gerückt wird.

Bent Ohle, 1973 in Wolfenbüttel geboren, wuchs in Braunschweig auf und studierte zunächst in Osnabrück, bis er an die Filmhochschule in Potsdam-Babelsberg wechselte, wo er als Film- und Fernsehdramaturg seinen Abschluss machte. Heute lebt er mit seiner Familie wieder in Braunschweig. (Verlagsinfo)

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Inseldämmerung | Erschienen am 15.10.2020 im Emons Verlag
ISBN: 978-3740809348
288 Seiten | 13,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Dezember 2020

 

Un-Su Kim | Heißes Blut

In der Hafenstadt Busan in Südkorea sind Anfang der 1990er die Machtbereiche der Verbrecherorganisationen klar abgegrenzt. Im Hafenviertel Guam herrscht der alte Gangsterboss Vater Son, der das Alltagsgeschäft unter anderem Haisu überlässt. Haisu steckt in sowas wie einer Midlife Crisis. Er ist mittlerweile Anfang 40, in der Hierarchie auf der zweithöchsten Ebene angekommen und allgemein respektiert. Dennoch blickt er verbittert auf sein Leben: er lebt einsam in einem Hotelzimmer und hat nur Schulden angehäuft. Haisu sucht wieder die Nähe zu seiner Jugendliebe und deren Sohn, der ebenfalls ein kleiner Gangster geworden ist und gerade wieder aus dem Gefängnis frei gekommen ist. Da bietet ein anderer Gangster Haisu ein Chance für eine Veränderung: Ein Lizenzvertrieb für Spielautomaten, auch nicht ganz legal, aber scheinbar doch ein Sprung heraus aus der Knochenmühle. Doch Haisu tritt letztlich – ohne es zu wollen – eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Gleichgewicht der Mafiaclans in Busan vollkommen durcheinander bringt.

Nachdem lange Zeit Krimis aus dem asiatischen Raum eher selten den Weg nach Deutschland fanden, werden in den letzten Jahren, auch dank einiger engagierter kleinerer Verlage, einige interessante Kriminalromane vor allem aus dem japanischen und koreanischen Raum ins Deutsche übersetzt (teilweise noch nicht aus dem Original, wie auch in diesem Fall). Autor Un-Su Kim hat bereits mit dem Roman „Die Plotter“ für Aufmerksamkeit gesorgt, nun hat der Europa Verlag mit „Heißes Blut“ einen weiteren Roman des Koreaners vorgelegt.
Der Roman erzählt die Geschichte aus Haisus Blickwinkel. Er ist ein Waise, unter sehr schwierigen Bedingungen aufgewachsen, von Gangstern unter die Fittiche genommen worden und in der Organisation aufgestiegen. Dennoch zerrinnt ihm sein Geld und sein Leben unter den Fingern. Schauplatz der Geschichte ist der fiktive Stadtteil Guam von Busan mit Strand, kleinem Hafen, Bars, Restaurants, Stundenhotels und seinen Gangs, die von Schutzgeld, Schmuggel und Zuhälterei leben. „Heißes Blut“ ist ein waschechtes Gangsterepos, brutal und rau, aber gleichtzeitig auch melancholisch, mit einem traurigen und einsamen Helden. Dabei erinnert es durchaus an bekannte europäische Mafiaepen, bleibt dabei aber dennoch im koreanischen Milieu behaftet. Insgesamt eine anregende, überzeugende Lektüre.

Heißes Blut | Erschienen am 11.09.2020 im Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-238-1
584 Seiten | 24,- €
Originaltitel: 뜨거운 피 Tteugeoun Pi
Bibliografische Angaben

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

James Lee Burke | Dunkler Strom

Billy Bob Holland, ehemaliger Texas Ranger, ist inzwischen Anwalt in der texanischen Stadt Deaf Smith. Er übernimmt einen schwierigen Fall: Der junge Lucas Smothers wird beschuldigt, die junge Roseanne Hazlitt ermordet zu haben. Viele Indizien sprechen auch gegen Lucas. Besondere Bedeutung erlangt der Fall für Billy Bob, weil Lucas sein Sohn ist, zu dem er sich allerdings nie bekannt hat.
Der Fall Roseanne wird aber schon bald von weiteren Ereignissen überlagert. Ein Mörder entkommt aus dem örtlichen Gefängnis, wird aber kurz darauf umgebracht. Ein weiterer Psychopath muss ebenfalls entlassen, weil eine Zeugin ums Leben kommt. Zudem scheint es Aktivitäten mehrerer Bundesbehörden in Deaf Smith zu geben. Und Billy Bob stößt bei seinen Bemühungen um Entlastung für Lucas auf Darl Vanzandt, einen örtlichen Halbstarken und Tunichtgut aus reicher Familie, der in Verbindung zu Lucas und Roseanne steht.

Autor James Lee Burke ist eine lebende Legende der amerikanischen (Kriminal-)Literatur und bekannt für seine wortgewaltigen Südstaaten-Panoramen. Hier beschreibt er aus der Sicht des Anwalts die Verhältnisse in einer texanischen Kleinstadt, die von Korruption und klaren Machtstrukturen gekennzeichnet sind. Dabei spielt auch immer die Vergangenheit eine große Rolle: Billy Bob liest im Tagebuch seines Urgroßvaters und hält Zwiesprache mit seinem Freund L.Q.Navarro, der bei einem nicht ganz legalen Einsatz gegen Drogendealer versehentlich durch eine Kugel Hollands ums Leben kam.
Insgesamt eine durchaus komplexe und anspruchsvolle Story mit interessanten Figuren, die Burke meiner Meinung nach aber souverän und gekonnt vorträgt.

Dunkler Strom | Erstmals erschienen 1997
Die E-Book-Ausgabe erschien am 03.01.2014 bei Edel Elements
ISBN 978-3-95530-287-0
384 Seiten | 5,99 €
Originaltitel: Cimarron Rose
Bibliografische Angaben

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tim McGabhann | Der erste Tote

Carlos und Andrew sind Journalisten einer mexikanischen Zeitung auf dem Rückweg von einem Routineauftrag in der Erdölstadt Poca Riza m Bundesstaat Veracruz. Da finden die beiden eine übelst zugerichtete Leiche am Wegesrand. Kurz darauf taucht eine Polizeistreife auf, bedroht und verjagt die beiden und nimmt die Leiche mit, ohne zu ermitteln. Carlos wittert eine Story, doch Andrew will zurück nach Mexiko City. Die beiden streiten sich, Carlos bleibt in Poca Riza, recherchiert tiefer und findet auch heraus, dass der Tote ein Umweltaktivist war. Doch als er in die Hautptstadt zurückkehrt und noch bevor er Andrew wieder kontaktieren kann, wird er in seiner Wohnung gefoltert und ermordet.

Mexiko ist als Thrillerschauplatz ein gern gewählter Ort, da die Realität dort oftmals noch die kühnsten Thrillerplots übertrifft. Der irische Autor Tim McGabhann lebt seit einiger Zeit in Mexiko und bedient sich hier der sehr mexikanischen Form der Erzählung: der „crónica“, einer Mischform aus Reportage und Romanerzählung, was McGabhann im Nachwort auch erläutert. Reale Recherchen werden fiktionalisiert, um sie überhaupt veröffentlichen zu können. In „Der erste Tote“ geht es zwar diesmal um die Ausbeutung eines Landstrichs durch die Öl- und Frackingindustrie und nicht um Drogen, aber ansonsten trifft man auf die üblichen Dinge in mexikanschen Thrillern: Kartelle, Todesschwadronen, korrumpierte Polizei, ermordete Aktivisten und Journalisten. Das alles verbindet McGabhann mit der Trauer Andrews um Carlos, denn die beiden waren auch privat ein Paar. Insgesamt gibt dieser Thriller durchaus nochmal ein paar interessante Facetten zur Situation in Mexiko, allerdings hat man es bei den bekannten Kollegen McGabhanns schon deutlich packender und eindrücklicher gelesen.

Der erste Tote | Erschienen am 16.11.2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47104-3
276 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: Call Him Mine
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Thriller

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Maren Schwarz | Inselsumpf

Eine Frau erwacht, ohne dass sie sich an ihr bisheriges Leben erinnern kann. Auch nicht daran, dass sie kürzlich ein Kind geboren hat. Rechtsmedizinerin Leona Pirell, die auf der Ostseeinsel Rügen wohnt, nimmt die Frau auf und begibt sich auf Spurensuche zu ihrer Vergangenheit und trifft dabei auf ein tödliches Geheimnis…

„Inselsumpf“ von Maren Schwarz empfand ich als einen sehr kurzweiligen Kriminalroman, der sich sehr gut liest und ein meiner Meinung nach wichtiges Thema aufgreift. Allerdings kam mir an einigen Stellen zu viel Zufall vor, was bei mir dann eher unglaubwürdig ankam. Trotzdem lesenswert!

Inselsumpf | Erschienen am 8. April 2020 im Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-839-22577-6
288 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Regionalkrimi

Foto und Rezension Nr. 4 von Andrea Köster.