
C.B. John | Red Star Down
Anfang 2017: Die CIA-Agentin Jenna befindet sich in einem heiklen und riskanten Einsatz in Malaysia. Der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un wurde in eine Honigfalle gelockt und soll nun final rekrutiert werden. Doch das Treffen verläuft nicht zufriedenstellend und es kommt noch schlimmer: Auf dem Flughafen wird der Koreaner Opfer eines Giftanschlags und Jenna entkommt auf einer Landstraße nur knapp einer Drohnenattacke. Kurz darauf muss die CIA in Washington einen weiteren Rückschlag hinnehmen: Ein hochrangiger russischer Diplomat und eine äußerst wichtige Quelle der CIA stirbt in einem Hotelzimmer, mutmaßlich ermordet. Kurz zuvor hatte dessen Sohn Ljoscha Präsident Putin in einer Livesendung mit einer unbequemen Frage herausgefordert. Währenddessen hat sich im Weißen Haus ein erratischer, narzisstischer Präsident eingerichtet, der seine Berater ignoriert und wissentlich oder unabsichtlich auch Geheimdienstinterna ausplaudert. Auf einen neuen Berater für Ostasien, Eric Rahn, hält Trump allerdings große Stücke. Dieser ist allerdings nicht derjenige, der er zu sein vorgibt.
Der Roman spielt in den ersten beiden Jahren der ersten Amtszeit von Donald Trump und greift dabei tatsächliche Ereignisse auf, darunter die Ermordung von Kim Jong-nam am 13.02.2017 am Flughafen von Kuala Lumpur, das Treffen von Trump und Kim in Singapur im Juni 2018 und einen Monat später das amerikanisch-russische Gipfeltreffen in Helsinki, inklusive eines bis heute mysteriösen Vier-Augen-Gesprächs zwischen beiden Präsidenten. Um diese Ereignisse und um weitere Dinge wie russische Giftanschläge und das koreanische „Saat-Programm“ zur Agentenrekrutierung herum spinnt C.B. John eine höchst spekulative, aber auch sehr unterhaltsame Story um hochriskante Spionageoperationen von amerikanischer, russischer und nordkoreanischer Seite.
Jetzt dachte Ljoscha lange über diesen Streit nach und verspürte eine brennende Scham. Wenn er nicht verdammt selbstgerecht und vorschnell mit seinem Urteil gewesen wäre, hätte er vielleicht verstanden, was ihm sein Vater zu sagen versucht hatte. Es war fast so, als hätte er eine Maske abgenommen.
Ich muss das Spiel mitspielen, wenn ich mein eignes spielen will.
Jeder in Russland wusste, dass man sein Leben in verschiedene Bereiche aufteilen und abschotten musste, wenn man Konflikte überstehen wollte. Seine Mutter, sein Vater, seine Großeltern und auch er selbst waren mit Geheimnissen aufgewachsen, die niemals geteilt werden durften… Und was waren die Geheimnisse seines Vaters? (Auszug E-Book Pos. 4911)
Die Story wird in zahlreichen Perspektivwechseln erzählt, maßgeblich aus Sicht der drei Hauptfiguren. Zum einen Jenna Williams, Amerikanerin koreanischer Abstimmung, erfolgreiche CIA-Agentin mit einer Achillesferse: eine Zwillingsschwester, die einst von den Nordkoreanern von einem Strand in Südkorea gekidnappt und in ein Programm gesteckt wurde, um nordkoreanische Agenten zu „züchten“. Ljoscha Kusnezow, ein nicht übermäßig politischer Jurastudent in Moskau, der dennoch stark mit dem System Putin hadert und nichts von den Aktivitäten seines Vaters ahnt. Schließlich Eric Rahn, ein in einem aufwändigen Programm von den Nordkoreanern platzierter Spion, der es bis den Beraterstab von Trump geschafft hat und der gnadenlos sein Ziel verfolgt, mit mehr Angst vor der nordkoreanischen Diktatorenfamilie als vor der Enttarnung durch die Amerikaner. Durch die ausführliche Darstellung und Zeichnung dieser Figuren gelingt es dem Autor, die globale Erzählebene auch auf einen privaten Kontext hinunter zu brechen.
Autor D.B. John gilt als ausgewiesener Kenner der koreanischen Verhältnisse, ist als Romanautor bislang mit dem Thriller „Stern des Nordens“ aufgefallen, der gewissermaßen die Vorgeschichte zu diesem aktuellen Roman liefert. „Red Star Down“ erweist sich als Spionagethriller, die die aktuell volatile geopolitische Lage aufgreift, dabei kunstvoll tatsächliche Ereignisse spekulativ verdichtet und ein hohes erzählerisches Tempo vorlegt. Einziger Kritikpunkt meinerseits ist die ziemlich konsequente Schwarz-Weiß-Darstellung in Helden und Schurken, die eher an so manche alte Kalter-Krieg-Politthriller erinnert. Nichtsdestotrotz ist „Red Star Down“ ein echter Pageturner über die Destabilisierung bekannter Ordnungen, globale Machtspiele und Manipulation.
Foto und Rezension von Gunnar Wolters.
Red Star Down | Erschienen am 20.08.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47564-5
717 Seiten | 20,- €
Als E-Book: ISBN 987-3-518-78799-1 | 16,99 €
Originaltitel: Red Star Down | Übersetzung aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
Bibliografische Angaben & Leseprobe



