Kategorie: Ermittler

Rezensent

Don Winslow | The Final Score

Don Winslow | The Final Score

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Kurzgeschichten, aber wenn ein Ausnahmeautor wie Don Winslow seine schriftstellerische Rente unterbricht und eine Sammlung von 6 Kriminalnovellen vorlegt, bin ich dabei! Zwei Jahre nach seinem angekündigt letztem Buch „City in Ruins“, dem Abschlussband der „City-Trilogie“ und einige Zeit nach seiner ersten Novellensammlung „Broken“ zeigt Winslow seine ganze literarische Bandbreite und Vielseitigkeit. Jede der sechs Storys beleuchtet eine andere Facette des kriminellen Lebens. Die meisten sind so um die vierzig Seiten, die umfangreichste hat fast hundert Seiten.

„Die Sonntagsliste“ entführt uns in die frühen 1970er Jahre nach Rhode Island in ein vom Tourismus lebendes Fischerörtchen und glänzt mit viel Nostalgie. Sonntags darf kein Alkohol verkauft werden, aber es gibt eine geheime Liste mit den Namen durstiger Kunden, die das Wochenende ohne Alkohol nicht überstehen. Nick McKenna liefert für einen Spirituosenladen hier jeden Sonntag nicht ganz legal Hochprozentiges an höchst unterschiedliche Kunden aus. Der clevere Teenager will sich so das Geld für die Universität verdienen. Sein Traum von einer möglichen besseren  Zukunft fernab seiner Hippie-Eltern gerät durch das Zusammentreffen mit einigen Kunden ins Wanken.
Nachdem der Nichtsnutz Chrissy Pritchett betrunken einen Autounfall verursacht, bei dem eine junge Frau stirbt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein integrer, aufstrebender Streifenpolizist, versucht alles, um ihm ein schweres Schicksal zu ersparen. Damit sein labiler Cousin seine Strafe in Sicherheit absitzen kann, will er ihm einen Platz im Nordflügel des Gefängnisses verschaffen und erwägt sogar, sich dafür mit der Mafia einzulassen.

„True Story“ ist eine in reine Dialogform gegossene Erzählung, in dem zwei Männer sich in einem Diner unterhalten. Auch wenn die ständigen Namensverwechslungen mich teilweise amüsiert haben und die Szene an „Pulp Fiction“ erinnert hat, ist dieses dialoglastige Kammerspiel für mich die schwächste Geschichte.

Im charmanten „Lunch Break“ gibt es ein Wiedersehen mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“). Daniels und seine Surfer-Crew sollen eine verwöhnte Hollywood-Diva beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh, eine drogenkonsumierende Nervensäge macht ihnen das Leben schwer, wird auch noch von einem Stalker verfolgt.

„Kollisionen“ und das titelgebende „The Final Score“ sind die längsten Storys und noch am eindeutigsten als Kriminalgeschichten zu titulieren. In „The Final Score“ plant der Berufsverbrecher John Highland einen letzten großen Coup. Er ist auf Kaution frei,  bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Der geplante Raub eines Casinos, das Kartellgelder wäscht, ist eigentlich ein unmöglicher Coup. Highland stellt eine Crew zusammen und demonstriert  ihnen seinen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Plan, der so gewaltfrei wie möglich verlaufen soll. Die spannende Heist-Story bietet unerwartete Wendungen im besten „Ocean‘s Eleven“ Stil.

In „Kollisionen“ gerät der erfolgreiche Hotelmanager Brad McAllister in einen Streit, bei dem er einen anderen Mann schlägt. Als dieser unglücklich fällt und verstirbt, muss McAllister sich vor Gericht verantworten. Der glücklich verheiratete Mann und Vater eines kleinen Jungen wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis tut er alles, um zu überleben und zu seiner kleinen Familie zurückzukehren.

Jede dieser sechs Novellen ist fesselnd und besitzt ihren ganz eigenen Charme. Alle Geschichten werden im gewohnt schnörkellosen, unverwechselbaren Winslow-Stil erzählt, in dem kein Wort zu viel scheint und der sich oft in den scharfen Dialogen widerspiegelt. Auch auf den wenigen Seiten besitzen seine Charaktere Tiefe, machen Entwicklungen durch, wodurch man mit ihnen bangt. Don Winslow beherrscht aufgrund seines präzisen Schreibens auch diese literarische Form, seine Geschichten sind trotz der komprimierten Gestalt emotional und erreichen eine tiefe Intensität. In den sechs Geschichten dominieren Mobster-Themen, es geht um Verbrechen, Schuld, Erlösung und Loyalität, eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen politischen Klima in den USA wie noch in „Broken“ sucht man allerdings vergebens.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

The Final Score | Erschienen am 27.01.2026 bei HarperCollins
ISBN 978-3-3650-1337-3
336 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Final Score | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow auf Kaliber.17

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ich hoffte, ich würde schon im Grab liegen, bevor sie diesen Staudamm bauten. Dann würde das Wasser über mich hinwegfließen, und über Daddy und Momma und über Old Ian Alexander und seine Frau Mary und über den verloren gegangenen Leichnam der Prinzessin namens Jocassee und die Cherokee-Hügel und die Pfade, denen de Soto und Bartram und Michaux gefolgt waren, und über die Wiesen und Flüsse und Wälder, die sie beschrieben hatten, und alles würde auf immer und ewig verschwinden, und unsere Gesichter und Namen und Taten und Missetaten wären vergessen, als hätte es uns und Jocassee nie gegeben.  (Auszug E-Book Pos. 972)

Anfang der 1950er Jahre in Jocassee, einem Tal der Appalachen in South Carolina. Holland Winchester ist in der Gegend als Raufbold und Störenfried bekannt. Als der dekorierte Koreakriegveteran spurlos verschwindet, ahnt Sheriff Will Alexander relativ schnell, was ihm zugestoßen sein könnte. Von Hollands Mutter bekommt der Sheriff einen Hinweis auf die Nachbarn der Winchesters, Billy und Amy Holcombe, die nebenan eine kleine, einfache Farm betreiben. Holland soll etwas mit Amy gehabt haben. Sheriff Alexander stellt einen Suchtrupp auf, befragt die Holcombes eindringlich, doch Holland Winchester bleibt weiterhin verschwunden.

Eine abgelegene Gegend in den Bergen, ein Tal, in dem nur noch wenige verblieben sind, nachdem klar ist, dass das Tal irgendwann einem Stausee wird weichen müssen. Noch längst nicht alle haben Strom und Telefon. Die Holcombes bestellen das wenige Land, das sie besitzen, noch mit dem Pferd. In Billys Familie waren schon immer einfache Farmer. Amy kommt eigentlich aus der Kleinstadt, muss sich mit dem Farmleben arrangieren. Die junge Ehe wartet schon länger auf den obligatorischen Nachwuchs. Weiter hinten im Tal lebt noch die Witwe Glendower, eine alte Frau, als Hexe verschrien, aber in Problemfällen immer noch (widerwillig) als Ansprechpartnerin gesucht. Dazwischen die Winchesters, eine Witwe und ihr Sohn, ein Tunichtgut, der vor allem an seinen Kriegserlebnissen zu knabbern hat. Die Geschichte beginnt in 1952, aber die Gegend und die Beschreibungen der Personen wirken teilweise, als wären wir noch einige Jahrzehnte früher unterwegs.

Augen können lügen, aber irgendwann verraten sie die Wahrheit. Als Billy verneinte, blickte er auf seine geballte rechte Hand. Ich wusste, was das bedeutete, weil ich schon viele Männer gesehen hatte, die sich in einer vergleichbaren Situation genauso verhalten hatten. Diese Rechte hatte Felsbrocken groß wie Wassermelonen vom Feld gehoben. Sie hatte mächtige Eichen gefällt, deren Stämme man mit den Armen umfassen konnte. Und vielleicht, nur vielleicht, hatte sie eine Schrotflinte ruhig genug gehalten, um einen Mann zu töten. (Auszug E-Book Pos. 251)

Autor Ron Rash nutzt diese Ausgangslage zu einer einem eindringlichen, dichten Roman, einem Country Noir, in dem der Geist des Ortes permanent präsent ist. Aus fünf Perspektiven wird diese Geschichte hintereinander erzählt, jeweils als Ich-Erzähler, beginnend mit dem Sheriff. Dabei werden manche Ereignisse doppelt erzählt, anderes bringt die Geschichte weiter voran. Es gibt zwischendrin noch einen Zeitsprung. Das Staudammprojekt, das irgendwann steigende Wasser, das alles unter sich begräbt, spielt im Hintergrund eine zunehmende Rolle. Rash erzählt in ruhigem, leisem Ton, dennoch spitzt sich dieses Drama immer weiter zu.

Der Autor wird von einigen Kollegen als einer „der besten amerikanischen Autoren“ bezeichnet. Dennoch wurde Ron Rash erstmals vor zwei Jahren mit „Der Friedhofswärter“ ins Deutsche übersetzt. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist im Original bereits 2002 erschienen. Wie schon in „Der Friedhofswärter“ führt uns der Autor in die fünfziger Jahre und an einen Ort, in dem alte Moralvorstellungen noch überdauern. Ein Mann ist verschwunden, vermutlich ein Mord geschehen. Nicht ganz zur Hälfte des Buches wird der Leser wissen, was geschehen ist, allerdings steht nicht die Aufklärung im Mittelpunkt, sondern wie sich das Ereignis auf die Beteiligten auswirkt und welche Schatten es noch 18 Jahre später wirft. Dabei überzeugt vor allem der Umgang des Autors mit seinen Figuren und die Beschreibung ihrer inneren Konflikte. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist ein starker Roman über Heimat, Moral, Schuld, Hoffnung und Verdrängung, der eine aufwühlende Geschichte in getragenem, nicht reißerischem Ton erzählt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Mit einem Fuß im Paradies | Erschienen am 06.05.2026 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0766-6
253 Seiten | 24,- €
Originaltitel: One Foot In Eden | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Gary Victor | Erschütterungen (Band 5)

Vor Angst war ihm plötzlich schwindlig. Er nahm sich Zeit, um durchzuatmen und das Gleichgewicht wiederzufinden. Man konnte wissen, was in diesem Land im Verborgenen vor sich ging, aber wenn man mit solchen Praktiken direkt konfrontiert war, dann war das eine Erschütterung, die einen zerstören, einen so verrückt machen konnte, dass man am helllichten Tag mit einer Lampe auf der Straße herumlief und nach einem kleinen Rest an Menschlichkeit auf Erden suchte. (Auszug S. 65)

Inspektor Dieuswalwe Azémar von der Police National d’Haïti wird zu einem Leichenfund gerufen. Es ist die Leiche der fünfzehnjährigen Mikayida, die Tochter von Mirlène, Azémars aktueller Geliebten. Das Mädchen wurde brutal ermordet und außerdem wurden ihr noch Symbole in die Haut geritzt. Dieuswalwe setzt einen befreundeten Gerichtsmediziner auf die Obduktion an und stellt weitere Nachforschungen an. Er findet bald heraus, dass Mikayida nicht das einzige Opfer ist, sondern offenbar Teil einer Art satanischen Rituals, in das mächtige Kreise verwickelt sind. Doch Dieuswalwe schwört Mirléne und auch sich selbst, dass er die Mörder von Mikayida zur Strecke bringt.

Dabei geht Dieuswalwe (kreolisch für „Gott sei gelobt“) wie gewohnt nicht zimperlich vor. Wer den Inspektor aus vorherigen Romanen kennt, der weiß, dass er voller Wut, erbarmungslos und fast furchtlos seine Arbeit verrichtet. Sein Treibstoff ist „soro“ oder „kleren“, Zuckerrohrschnaps, der in Haiti an vielen Straßenecken verkauft wird, oft schwarzgebrannt und durchaus ein Gesundheitsrisiko. Die Verbrecher und deren mächtige korrupten Verbündete, die sein Land auspressen, sind Dieuswalwes Feinde. Er hat nur noch wenige Vertraute bei der Polizei und seine hervorragenden Schießkünste haben bislang verhindert, dass man sich seiner entledigt hat.

„Erschütterungen“ ist der fünfte ins Deutsche übersetzte Band dieser Krimireihe. Die Besonderheit: Zum ersten Mal in dieser Reihe hat der Autor Gary Victor seinen Roman in Kreolisch verfasst. Victor selbst ist einer der renommiertesten Autoren und Kreativen seiner Heimat, er hat auch selbst Posten in der Administration Haitis übernommen. Sein Werk ist gekennzeichnet von authentischen Schilderungen eines Landes, das völlig aus den Fugen geraten ist, ein buchstäblicher „failed state“, von Korrupten und Banditen regiert und terrorisiert. Sein Protagonist Dieuswalwe Azémar ist dabei der unbestechliche Lichtblick, doch auch er muss außerhalb der Regeln spielen – ein Dirty Harry von Port-au-Prince.

Sie flüsterte ihm ins Ohr: „Wir sollten das nicht tun, Dieuswalwe. Gott sieht es nicht gern.“ Dieuswalwe antwortete nicht. An die Sache mit Gott glaubte er schon lange nicht mehr. Wenn es ihn gab, dann kümmerten ihn die Angelegenheiten der Menschen, vor allem die der Haitianer, offensichtlich nicht im Geringsten. (Auszug S. 52)

Der Roman ist ziemlich kurz, knapp unter hundert Seiten und dadurch sehr verdichtet. Kurze Sätze, knappe Dialoge, die Handlung wird schnell vorangetrieben. Gary Victor zeichnet ein düsteres Bild von Haiti, ein Staat voller Gewalt, Korruption und Aberglaube, in dem junge Menschen geschändet und auf den Müll geworfen werden – und der einzige, den das zu kümmern scheint, ist ein desillusionierter, alkoholsüchtiger, wütender Inspektor. Das ist starker Noir aus der Karibik für Leser mit starken Nerven – die ganze Reihe ist unbedingt lesenswert.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Erschütterungen | Erschienen am 15.03.2026 bei Litradukt
ISBN 978-3-940435-53-8
94 Seiten | 13,- €
Originaltitel: Sakad | Übersetzung aus dem haitischen Kreolisch von Peter Trier
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Im März 2026 stand auf einmal ein Roman an der Spitze der Krimibestenliste, der frischen Wand in der deutschen Krimilandschaft versprach: „Heaven’s Gate“ von Daniel Faßbender spielt auf den Philippinen in der Surferszene. Es gab ein paar sehr wohlwollende Besprechungen und mit „Surf Noir“ hatte man direkt ein Subgenre parat.

Bei „Surf Noir“ habe ich dann aufgemerkt und gedacht, da gibt es doch schon was. Erwähnt sei hier zum einen der legendäre Thriller „Gefährliche Brandung“ („Point Break“ im Original) von Kathryn Bigelow mit Keanu Reeves und Patrick Swayze in den Hauptrollen. Vorlage für den Film war übrigens der Roman „Tapping The Source“ (dt. „Wellenjagd“) von Kem Nunn aus dem Jahr 1984, sowas wie der Ursprung des Surf Noir. Und dann ist mir aufgefallen, dass ich auch noch auf meinem SuB-Stapel etwas dazu habe: „Pacific Private“ von Don Winslow, der erste Roman mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels in San Diego. Und damit ergab sich doch direkt die Gelegenheit für eine Doppelrezension.

Don Winslow | Pacific Private

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, der aufgrund eines alten Falles um ein nie gefundenes Kind, das vermutlich in den Fängen eines Kinderschänders war und dessen Schicksal ihm immer noch nachhängt, den Dienst quittierte. Stattdessen schlägt er sich als Privatdetektiv und als Besitzer eines Surfshops durch, vor allem aber surft er jeden Tag morgens mit seinen Freunden, einer eingefleischten Surfgang – der Dawn Patrol.

Eines Tages sucht ihn die Anwältin Petra Hall auf, damit Boone eine Zeugin für einen Versicherungsbetrug findet. Das kommt Boone allerdings ziemlich ungelegen, macht sich die ganze Surfszene doch für die vermeintlich besten Wellen aller Zeiten in den kommenden Tagen bereit. Doch er kann die attraktive wie durchsetzungsstarke Petra nicht abwimmeln und ein bisschen leichte Kohle verdienen ist auch nicht verkehrt. Doch als Boone auf der Suche nach der Stripperin Tammy Roddick einen Hinweis auf ein Motel findet und beim Eintreffen dort feststellt, dass eine Kollegin von Tammy dort vom Balkon in den Tod gestürzt wurde, dämmert ihm, dass der Auftrag deutlich komplizierter und gefährlicher wird.

„Wissen Sie, wann Mr. Daniels hier sein wird?“
„Nein. Sie?“
Petra schüttelt den Kopf. „Deshalb frage ich Sie.“
Cheerful blickt von seiner Abrechnung auf. Das Mädchen lässt sich keinen Scheiß bieten. Cheerful gefällt das, deshalb sagt er: „Ich will Ihnen was erklären, Boone hat keine Armbanduhr, er richtet sich nach dem Sonnenstand.“
„Darf ich daraus schließen, dass Mr. Daniels zu den eher entspannten Zeitgenossen gehört?“
„Wäre Boone noch entspannter“, sagt Cheerful, „könnte er nicht mehr aufrecht stehen.“ (Auszug S. 26-27)

„Pacific Private“ („The Dawn Patrol“ im Original) ist der erste von zwei Romanen mit Boone Daniels als Hauptfigur. Wie häufig schreibt Winslow schnell, in kurzen Sätzen, kurzen Kapiteln, im Präsens, mit vielen Perspektivwechseln und einer allwissenden Erzählstimme, die uns direkt in die Figuren eintauchen lässt. Die Schauplätze sind neben dem Pazifischen Ozean zahlreiche Orte im San Diego County, zumeist in Strandnähe entlang des Highway 101. Neben des eigentlichen Kriminalfalls spielt bis zum Schluss die große Wellenfront und die freundschaftlichen Beziehungen innerhalb der Dawn Patrol eine große Rolle im Roman.

Boone Daniels‘ Auftrag führt ihn letztlich nicht nur zu einem schnöden Versicherungsbetrug, sondern wird deutlich düsterer und gewalttätiger, als man es vielleicht von der Surferszene erwartet. Autor Don Winslow gelingt es auch in diesem Roman, seinem Thriller einen enormen Sog zu verleiten. Und damit ist nicht nur die Strömung im Ozean gemeint, der Einzig kritisch möchte ich anmerken, dass der Autor es manchmal etwas übertreibt und durch den plaudernden Erzähler fast jeder Figur und einigen Schauplätzen ein paar Seiten Hintergrundinfos und eine Anekdote gönnt. Auch sind einige der Figuren mit ziemlich skurrilen Biografien ausgestattet. Dennoch wird der Lesefluss für mich nicht nachhaltig gestört, sondern die durchgehende Spannung wird kurz danach wieder aufgegriffen. Insgesamt verkörpert der Roman eine sehr gelungene Mischung aus Coolness, Humor, Ernsthaftigkeit und Gewalt.

Daniel Faßbender | Heaven’s Gate

Der frühere deutsche Profisurfer Caruso lebt inzwischen auf Surogao, eine Insel der Philippinen. Dort stürzt er sich regelmäßig in die Wellen dieses Surfspots und verdingt sich mehr schlecht als recht als Gelegenheitsprivatdetektiv, fristet allerdings ein Leben von der Hand in den Mund. Die attraktive und reiche Spanierin Ángel will allerdings ausgerechnet ihn verpflichten, ihren vermissten Sohn Juan zu finden, da die korrupte Polizei keine Hilfe zu sein scheint. Caruso nimmt die Aufgabe an, ermittelt zunächst im Surfermilieu, in dem sich Juan wohl auch bewegte. Allerdings ist die Insel Surogao nicht nur bei Surfern ein Hot Spot, sondern auch zunehmend im internationalen Drogenhandel. Und so gerät Caruso schnell in eine äußerst gefährliche Situation.

Währenddessen ist in Deutschland Dietmar „Diego“ Miehle, ehemaliger Zuhälter und Kokskönig auf St. Pauli nach langer Haft wieder auf freiem Fuß. Der alternde Ex-Gangster glaubt nun, mit einer (Auto-)Biographie ein gutes Auskommen erreichen zu können, muss allerdings feststellen, dass ein Verlag abspringt und auch sonst kaum jemand auf ihn gewartet zu haben scheint. Da meldet sich Caruso bei ihm, denn er ist einer der letzten Kontakte auf Juans Handy. Juan ist Diegos Sohn, er hatte allerdings bis vor einigen Wochen keinen Kontakt. Diego hat eine Ahnung, was sein Sohn auf Surogao vorhatte und kann Caruso einige Insidertipps geben.

Ich schlief bis in den Nachmittag und träumte von Hawaii, dem Gecko im Wasserspender und Fuerteventura. Ein wirrer Alptraum, vielleicht auch mehrere, die flirrend ineinander übergingen. Die Angst, alles zu verlieren, was wir etwas bedeutete, ließ mich mit rasendem Herzen aufwachen. Als mir einfiel, dass ich bereits alles verloren hatte, beruhigte es sich wieder. (Auszug S. 120)

„Heaven’s Gate“ ist Daniel Faßbenders erster Krimi. Der Autor debütierte 2018 mit seinem Roman „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ und möchte nun im Krimigenre reüssieren. Das könnte auch durchaus aufgehen, denn dieser Surfer-Krimi bringt frischen Wind in die deutsche Krimiszene, die sich bei den Schauplätzen in der Regel nicht so weit von der Heimat entfernt. Die (fiktive) philippinische Insel und vor allem die Surfspots sind reizvoll beschrieben. Auch die Themen Gewalt, Korruption, Drogenhandel werden angemessen und spannend behandelt.

Nicht ganz optimal fand ich allerdings die Figuren des Romans. Schon Caruso als Hauptfigur gefiel mir eigentlich auf dem Surfbrett am besten, an Land hatte der Privatdetektiv für meinen Geschmack Mühe, sich aus den Reminiszenzen an andere hardboiled detectives (finanziell klammer Einzelgänger, dem Alkohol sehr zugeneigt, begibt sich voller Naivität in den Fall (obwohl er es besser wissen müsste), schläft mit der schönen Auftraggeberin usw.) zu befreien. Zudem gibt es aus meiner Sicht nicht allzu sehr ausgereifte Nebenfiguren, die nur kaum aus der Eindimensionalität hervortreten wie der russische Oligarchensohn, die korrupte Politik und Polizei, die schöne, reiche Mutter des Vermissten und andere. Auch Diego kommt mir oftmals eher als „Comic relief“ vor, denn als ernsthafte Figur.

„Heaven’s“ Gate lässt mich etwas hin- und hergerissen zurück. Einerseits sicherlich ein ordentliches Krimidebüt. Lässig-flüssiger Stil, liest sich locker weg. Kann mit glaubwürdiger Surfer Attitude punkten. Bringt ein unverbrauchtes, tropisches Setting, aber verschweigt nicht die Schattenseiten und das zu bestimmten Jahreszeiten miese Wetter. Andererseits werden hier an einigen Stellen die Klischees bemüht, die Figuren bleiben manchmal flach und im Plot wird zum actionhaften Schluss für meinen Geschmack manches zu hopplidahopp und nicht mehr ganz glaubhaft forciert.

Der Roman stand – wie gesagt – im März an der Spitze der auch von mir gern als Hinweis genutzten Krimibestenliste. Winslows Surfer-Cop Boone Daniels wurde in der Kritik als Referenz genannt. Faßbender selbst verweist in einem Verlagsinterview auf Hammett und Fauser als Vorbilder. Nun, der Roman war wirklich ganz gut, sicherlich über dem Krimi-Einheitsbrei. Aber auf der „Hardboiled & Noir Road“ zu diesen Vorbildern sind noch einige Schritte zu laufen.

 

Fotos & Rezensionen von Gunnar Wolters.

Pacific Private | Erschienen 2009 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46096-2
396 Seiten | 9,99 € (aktuell nur antiquarisch lieferbar)
Originaltitel: The Dawn Patrol | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Wertung: 4,5 von 5

Heaven’s Gate | Erschienen am 17.02.2026 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

„Warum glaubst du, dass Hoosh wollte, dass du mich in der Regierung hältst? Weil sie glauben, dass ich so ein unersetzbarer Wohnungsbauminister bin?“ Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, so funktionierte Politik nicht wirklich. Alles dreht sich um Kontakte und Beziehungen. Loyalität. Was man über wen weiß. Und wozu man mit diesem Wissen bereit ist.“ (Auszug Seite 253/254)

Die Politikjournalistin Julia versucht einen Skandal um den populären Ministerpräsidenten Schwedens Christian Bratt aufzudecken. Es geht um heimliche Treffen mit europäischen Populisten. Da ihr konkrete Beweise fehlen, wird sie von ihrem Chefredakteur zurückgepfiffen und erst mal aufs Abstellgleis geschoben. Bei ihrem Lebensgefährten Alfred hingegen bekommt die Karriere grade einen neuen Schub. Der Experte für Windkraft bekommt nach einem charismatischen TV-Auftritt den Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten angeboten. Julia und Alfred haben zwei Kinder, sie tauschen absprachegemäß die Rollen und Julia übernimmt die Hausarbeit und Betreuung der Kinder, für die Alfred längere Zeit verantwortlich war.

Da Julia vermutet, dass die Ernennung ihres politisch total unerfahrenen Mannes ein strategischer Schachzug ist, um ihre Recherchen zu sabotieren, ist sie sich jetzt sicher, etwas Brisantem auf der Spur zu sein. Sie vertraut ihrem Bauchgefühl und ermittelt heimlich weiter. Diese Geheimnistuerei belastet die Beziehung. Währenddessen gerät Alfred in die inneren Zirkeln der Macht und Intrigen, wo er sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu wehren weiß. Doch auch er stößt auf Ungereimtheiten in den höchsten politischen Kreisen, als er den Ministerpräsidenten als Pressesprecher nach Brüssel begleitet.

Die Dynamik zwischen Julia als engagierte, investigative Journalistin und Alfred, dem netten, etwas naiven Pressesprecher birgt genügend Zündstoff. Besonders spannend fand ich den Interessenkonflikt zwischen den Beiden. Sie will aufdecken, er soll vertuschen. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein Plot, der ohne blutrünstige und grausame Schilderungen auskommt. Das Potenzial, welches diese Geschichte gehabt hätte, wird meiner Meinung aber nicht richtig ausgeschöpft.

Abwechseln wird in kurzen Kapiteln aus Julias und Alfreds Perspektive erzählt. Am interessantesten sind dabei Alfreds Erfahrungen im Haifischbecken der Politik und wie er sich langsam entwickelt und durchsetzt. Da die eine Hälfte des Autor*innen-Teams Moa Berglöf als politische Expertin und ehemalige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten genug Erfahrungen aufweist und sich mit den alltäglichen Dynamiken hinter den Kulissen auskennt, wirken die Ränkespiele und Machtkämpfe glaubhaft und authentisch. Auch die Figuren auf dem politischen Parkett sind gut gestaltet und lebendig. Vielleicht auch weil einige lebendige Vorbilder haben, wie im Nachwort verraten wird.
Dabei hat mich der Thrill-Anteil, wofür wahrscheinlich Joakim Zander verantwortlich ist, enttäuscht.

Erst nach circa zwei Drittel des Romans kommt sowas wie Spannung auf. Die Geschichte ist von Anfang an weder inhaltlich noch sprachlich besonders anspruchsvoll, sondern eher simpel. Dabei stören mich besonders die Dialoge an einigen Stellen, die eigentlich nur der Erklärung für uns Lesenden dienen. Die Spuren bei Julias Recherchen führen dann in eine ganz unerwartete Richtung und die Enthüllungen haben mich dann auch enttäuscht. Es hat gar nichts mit Politik zu tun. Politisch sind nur die Schauplätze wie Brüssel und die dort auftretenden Charaktere. Ich hätte mir mehr Brisanz erhofft und der Plot hat leider einige Schwächen.

Das Ende des Buches bleibt insgesamt sehr offen und verzichtet auf eine klare Auflösung. Da macht es Sinn, dass die beiden Autoren schon an einem Nachfolgeband arbeiten.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Stockholm Protokolle – Gefährliche Beziehungen | Erschienen am 01.03.2026 bei Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-01883-1
448 Seiten | 18,00 €
Originaltitel: Staben | Übersetzung aus dem Schwedischen von Thomas Altefrohne
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Joakim Zander