Kategorie: Ermittler

Rezensent

Jürgen Heimbach | Straßenköter

Jürgen Heimbach | Straßenköter

Traugott, genannt Marlon, ist ein kleiner Fisch in Hamburg im Jahr 1975. Aber er ist ein Drifter, kann gut mit Autos und er bekommt den Job des Fahrers bei einem Banküberfall angeboten. Der Überfall gelingt zwar, doch danach bricht die Hölle über Marlon ein. Die Polizei ist ihnen verdammt schnell auf den Fersen, der Chef der Räuber behält entgegen anderer Absprachen erstmal das Geld und plötzlich tauchen noch andere Gestalten bei Bekannten von Marlon auf und suchen nach ihm. Marlon beschleicht das Gefühl, dass er gelinkt werden soll. Doch als in allen Zeitungen und auf Plakaten nach ihm gefahndet wird, wird es Marlon zu heiß und er flieht aus der Stadt.

Marlon wollte ihr folgen, doch in der Drehung stieß er gegen einen der Zeitungsverkäufer, die ihre Blätter abends in den Kneipen anboten. Vor Schreck hatte der die Zeitung, dier in der Hand hielt, hochgerissen, und Marlon starrte in vier abgedruckte Gesichter. Darunter auch seines. Mit großen Buchstaben waren sie untertitelt: Gesucht. Bankräuber.
Silvia hatte das Bild im selben Moment erkannt, doch bevor sie etwas sagen konnte, war Marlon an der nächsten Straßenecke. (Auszug S.24-25)

Marlon ist in einem Heim voller Gewalt und Missbrauch aufgewachsen. Seine Mutter hat ihn abgegeben, ist mit einem anderen Mann ausgewandert. Seinen leiblichen Vater hat er seit Kindheitstagen nicht mehr gesehen oder von ihm gehört. Marlon hat sich gegen die Zustände im Heim aufgelehnt, allerdings keinerlei Unterstützung erhalten, im Gegenteil. Inzwischen ist er ein unsteter, traumatisierter junger Mann, hält sich mit Gelegenheitsjobs und Kleinkriminalität über Wasser, ist unpolitisch, hat keine länger dauernden Beziehungen. Auf der Flucht erhält er überraschend Unterstützung von einigen Fremden. Durch Zufall erhält er einen Hinweis, dass sich sein Vater, ein Künstler und Fälscher, möglicherweise im Wendland aufhalten könnte. Doch kaum ist Marlon dort angekommen, kommt er bei seinem Versuch, sich zu verstecken, der RAF in die Quere, für die das dünnbesiedelte Wendland ebenfalls als Rückzugsort dient.

Eine Zeitlang, vor allem nach der Entlassung aus dem Heim, war er ein wildes, entlaufenes Tier gewesen, endlich seine Fesseln losgeworden, aber mit der Zeit hatte sich das gelegt. Sie hatten ihn einen Straßenköter genannt, einen, dessen erster Blick immer dem Überleben galt, der zweite dem Fressen. (Auszug S.92)

Autor Jürgen Heimbach ist ein Fachmann für historische Kriminalromane mit Setting in Westdeutschland in den Nachkriegsjahren und zur Zeit des kalten Krieges. 2020 gewann er den Glauser für „Die rote Hand“ über Aktivitäten ausländischer Kräfte in Deutschland im Zusammenhang mit dem algerischen Unabhängigkeitskampf Anfang der 1960er. Zuletzt erschien von ihm „Waldeck“ mit dem bekannten Liedermacherfestival als Setting. Nun begibt sich Heimbach mit „Straßenköter“ ins Jahr 1975. Er fügt damalige Ereignisse in die Story ein, z.B. einen Filmdreh von Wim Wenders im Wendland, zitiert Songs u.a. von Udo Lindenberg oder Yves Montand, und schafft ein interessantes und authentisch wirkendes Bild der Kleinkriminellenszene oder die linke Szene bis hin zu Sympathisanten und Unterstützern der Roten Armee Fraktion.

Der Roman ist ein Thriller, die der Erzähler komplett aus Marlons Perspektive erzählt. Die unstete, etwas naive, aber durchaus widerstandsfähige Hauptperson spiegelt sich auch im Plot und Charakter des Romans wider. Ein Mann, der auf der Flucht durch die bundesdeutschen Gegebenheiten der Siebziger hetzt.  Ich muss gestehen, dass mir die Teile des Romans, die in Hamburg spielen, besser gefallen haben. Die Schilderungen vom Milieu in der Hansestadt kamen mir ein wenig organischer vor als die Passagen, in denen Marlon plötzlich auf Terroristen trifft. Nichtsdestotrotz gelingt Jürgen Heimbach wiederum ein empfehlenswerter historischer Krimi, der den westdeutschen Zeitgeist gelungen einfängt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Straßenköter | Erschienen am 15.07.2026 im ars vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0811-3
272 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Die rote Hand“ von Jürgen Heimbach

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

Es gab kein Zurück. Es gab keinen Weg, der irgendwohin führte, nur eine lange Straße in den Abgrund, so finster wie die erste Nacht in der Hölle und gepflastert mit schlechten Absichten. Sie konnten das, was sie suchten, Gerechtigkeit nennen, aber richtiger wurde es dadurch nicht. Es war unstillbare, unversöhnliche Rache. Und das Leben hatte ihn gelehrt, dass Rache immer Konsequenzen nach sich zog. (Auszug Seite 125)

Ein schwules Paar wird in Richmond, Virginia auf offener Straße mit mehreren Schüssen geradezu hingerichtet. Nachdem die Polizei schon nach wenigen Wochen die Ermittlungen einstellt, sind es die Väter der beiden, die sich von Trauer, Wut und schlechtem Gewissen zerfressen, gemeinsam auf die Suche nach den Tätern machen. Der schwarze Ike Randolph saß lange im Knast, hat sich aber inzwischen mit einem gutgehenden Gartenunternehmen eine neue Existenz aufgebaut. Die Homosexualität seines Sohnes Isiah hat er nie wirklich akzeptiert. Er blieb auch der Hochzeit vor wenigen Monaten fern, genauso wie der weiße Buddy Lee Jenkins, der Vater von Derek, der ebenfalls eine kriminelle Karriere hinter sich hat und sich jetzt in einem heruntergekommenen Trailerpark zu Tode säuft.

Nach dem Tod ihrer Söhne wollen sie jetzt das, in ihren Augen, Richtige tun und einen Teil ihrer Schuld begleichen. Es geht um Wiedergutmachung aber auch das eigene Versagen als Vater und die damit verbundenen Vorurteile zu korrigieren. Die beiden homophoben Väter, die außer ihrer kriminellen Vergangenheit und der Liebe zu ihren toten Söhnen wenig gemeinsam haben, verbünden sich in einem verzweifelten Rachefeldzug. Hier ist der Roman ein ganz klassisches buddy movie mit zwei unterschiedlichen, Charakteren, die mit ihren moralischen Verfehlungen und eigenen Vorurteilen gegenüber ihren Söhnen und einander konfrontiert werden. Ihre Streits sind sehr unterhaltsam und ihre Beziehung wandelt sich vorhersehbar im Laufe der Geschichte von einer widerwilligen Partnerschaft zu einer echten Freundschaft.

In einer LGBTQ-Bar treffen sie auf ehemalige gute Freunde ihrer Söhne. Diese wollen aus verständlichen Gründen nicht mit der Polizei reden. Auch Ike und Buddy Lee müssen erkennen, dass sie weder mit toxischer Männlichkeit noch mit Männlichkeitsdominanzgebaren weiter kommen. Eine Spur führt sie zu einem gewaltbereiten Motorradclub, der mit Waffen und der Herstellung und Verteilung von Meth sein Geld verdient. Die „Rare Breed“ übernehmen für Geld auch Mordaufträge und zeichnen sich durch einen abgrundtiefen Hass auf Schwarze und Homosexuelle aus. Ike und Buddy Lee tappen lange im Dunkeln, wer der mysteriöse Auftraggeber im Hintergrund ist. Bis sie dies herausfinden, haben sie bereits eine ordentliche Blutspur und Tote hinterlassen.

„Wirklich? Wo war denn diese Liebe, als er morgens, mittags und abends in der Schule drangsaliert wurde? Oh, genau, da hast du ja gesessen. Damals hat er deine Liebe gebraucht. Jetzt, wo er unter der Erde liegt, nicht mehr.“ (Auszug Seite 18)

„Die Rache der Väter“, übrigens auf der Sommerleseliste von Barack Obama, ist eine brutale, filmreife und actiongeladene Geschichte über den Rachefeldzug zweier fehlerhafter Antihelden, die von Beginn an rasant Fahrt aufnimmt und mit explizierten Gewaltdarstellungen nicht geizt. Cosby hat ein besonderes Talent für lebendige Bilder, die für Kopfkino sorgen und mich an einen Actionfilm aus den 90er Jahren erinnert. Viele gesellschaftlich aktuelle Themen wie systematischer Rassismus, Homophobie, Diskriminierung und familiäre Entfremdungen werden facettenreich und empathisch, wenn auch nicht besonders subtil mit harter Action verbunden.

Es war mir an einigen Stellen etwas übertrieben, beispielsweise der pathetische Sinneswandel der beiden Oldies, dass Schwule auch Menschenrechte besitzen. Ausführlich werden ihre Qualen und Reuegefühle geschildert und ihre Trauer um die Beziehung, die sie mit mehr Toleranz zu ihren Kindern hätten haben können, verständlich gemacht. Während Ike und Buddy Lee viel Raum erhalten, erfahren wir von ihren toten Söhnen fast nichts. Sie bleiben blass, dienen nur als Auslöser für die gewalttätigen Ausbrüche ihrer nach Erlösung suchenden Väter.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Rache der Väter | Erschienen am 31. Mai 2022 bei ars vivendi
ISBN 978-3-747-20349-1
344 Seiten | 24,00 Euro (inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich)
Originaltitel: Razorblade Tears | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von S.A. Cosby

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Rübezahl ist den meisten grob ein Begriff, als Berggeist des Riesengebirges und der nahegelegenen Gebirgszüge. Ich muss gestehen, dass die Sagen mit Rübezahl mir kein Begriff mehr sind. Tatsächlich ist Rübezahl ein äußerst ambivalenter Charakter von launischem Gemüt, der den Menschen in verschiedener Gestalt erscheint. Seinen Namen mag er übrigens überhaupt nicht, sondern möchte als „Herr der Berge“ angeredet werden.

Im Februar des Jahres 1923 ist die Grafschaft Glatz tief verschneit und vereist, natürlich auch der Glatzer Schneeberg als eine der höchsten Erhebungen im Umkreis. Oben auf dem Gipfel steht der Kaiser-Wilhelm-Turm. Als ein Bergführer den Pfad zum Gipfel vorbereitet, entdeckt er eine Leiche vom Turm herabhängend, im Gesicht markant verstümmelt. Die herbeigerufene Glatzer Kriminalpolizei um Oberwachtmeister Franz Koschella findet neben Spuren eines zweiten Mannes, der den Täter offenbar verfolgt hat, auch eine Botschaft des Täters an sein Opfer, in der er sich selbst „Rübezahl“ nennt.

Die Polizei findet bald heraus, dass das Opfer Militärangehöriger war, und versucht, darüber zu Anhaltspunkten zu gelangen. Daher sucht Koschella den Kontakt zu seinem alten Bekannten Wilhelm Klein, bei dem allerdings schnell klar, dass er irgendwie in diesen Fall involviert ist und dass der Schlüssel in dessen Militärvergangenheit zu suchen ist. Noch während die Polizei bei den Ermittlungen nur schwer vorankommt, geschieht ein zweiter Mord an dem renommierten Rechtsmediziner Professor Baumann im Zug von Breslau nach Glatz. Rübezahl hat wieder zugeschlagen.

Plötzlich überlief Koschella ein Schauer. Ein lange nicht mehr wahrgenommenes Gefühl überkam ihn. Er hatte es mit einem intelligenten Gegner zu tun. Einem Strategen. Er konnte es kaum erwarten, den Gipfel zu erreichen, und wollte schnellstmöglich mit der Jagd beginnen. (Auszug S.61)

„Glatz. Rübezahl“ ist der inzwischen dritte Band der historischen Krimiserie mit Schauplatz in der bürgerlichen Kleinstadt an der Neiße, Hauptort der gleichnamigen Grafschaft. Damals schlesisch und damit Teil des Deutschen Reiches, heute ist Glatz polnisch und heißt Kłodzko. Autor Tomasz Duszyński feiert mit der Reihe in Polen große Erfolge und ist inzwischen Ehrenbürger von Kłodzko geworden. Tatsächlich ist vor allem der unverbrauchte Schauplatz in der Provinz in einem Talkessel des Gebirgszugs der Sudeten nahe der tschechischen Grenze äußerst reizvoll. Ähnlich wie bei anderen historischen Krimireihen bewegt man sich von Band zu Band chronologisch weiter. Dieses Mal ist man im Krisenjahr 1923 angekommen und auch wenn man in Glatz weg ab vom Schuss ist – die Probleme der Republik kommen auch hier an.

„Du bist wie ich, ich bin wie du, und da sind mehr von uns…“
Er reagierte nicht. Doch sein Atem beruhigte sich unter dem Einfluss dieser immer wiederkehrenden Worte. Er versuchte, sie aus dem Kopf zu verbannen, und wandte den Blick vom Eindringling ab. Vergeblich. Er konnte sich nicht bewegen.
„Das Leiden wird vergehen, wird dich und mich verwandeln. Dann helfen wir den anderen, auch sie reinigen wir durch Schmerz. Hörst du mich, Klein? Das wird niemals enden.“ (Auszug S.114)

Natürlich steckt nicht der alte Berggeist hinter den Morden, von denen es noch weitere geben wird. Vielmehr gibt es politische und militärische Verwicklungen und der neue militärische Geheimdienst, den es laut Versailler Verträgen eigentlich nicht geben darf, tritt auf den Plan. Vor allem die Vergangenheit von Wilhelm Klein als versehrter Veteran spielt eine entscheidende Rolle, er bleibt eine äußerst interessante, ambivalente Figur.  Duszyński gönnt weiteren Personen Platz im Roman, neben den beiden Assistenten Koschellas, Schulz und Csozek, auch dem oder den Tätern – das bleibt lange offen – , die abwechselnd in kurzen Kapiteln begleitet werden. Der Plot ist mir persönlich etwas zu groß angelegt geraten, aber das mag Ansichtssache sein. Letztlich ist „Glatz. Rübezahl“ ein spannender und vor allem durch das weiterhin sehr gelungene Setting ein lesenswerter Kriminalroman in einer wirklich zu empfehlenden Reihe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Glatz. Rübezahl | Erschienen am 15.06.2026 im Polente Verlag
ISBN 978-3-9505744-3-6
428 Seiten | 19,50 €
Originaltitel: Glatz. Zamiec | Übersetzung aus dem Polnischen von Markus Schnabel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Band 1 „Glatz“

Garry Disher | Zuflucht

Garry Disher | Zuflucht

Fünfzehn Minuten. Zu lange – es war an der Zeit zu verschwinden. Dann blieb ihre Aufmerksamkeit auf dem Drucker neben Brittons Schreibtisch hängen, einem klobigen Laserdrucker/Scanner/Kopierer. Im schmalen Strahl ihrer Taschenlampe wirkte er verstaubt. Sie klappte den Deckel auf. Auf dem Glas lag nichts. Aber in der Schublade lag ein Stapel Druckerpapier. Sie blätterte ihn durch; heraus fiel ein beschrifteter Umschlag. Passwörter, Telefonnummern und Mailadressen. Und der Code für den Safe.  (Auszug S. 160)

Garry Disher ist den Krimikennern natürlich schon länger ein Begriff, sowohl als Autor von langjährigen Krimireihen als auch von einzelnen eigenständigen Romanen. Eine seiner herausragenden Figuren ist sicherlich Wyatt. Ein Mann ohne Vornamen, ein einsamer, intelligenter Gangster, nicht gierig, sondern akribisch, soziale Kontakte um jeden Preis vermeidend. Nun erschafft Disher in „Zuflucht“ ein weibliches Pendant. Grace ist eine Meisterdiebin, nach einigen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit solo unterwegs, immer auf der Hut und in Bewegung. Doch eigentlich ist sie sehr einsam und sehnt sich nach einem Platz, an dem sie sich ohne Sorgen zurückziehen kann – einem Zufluchtsort.

Zu Beginn des Romans befindet sich Grace auf der Suche nach einer Gelegenheit bei einer Briefmarkenausstellung in Brisbane, als sie auf Adam aufmerksam wird, der sich ebenfalls unter den Teilnehmern befindet. Adam ist eigentlich ein alter Freund, sie waren gemeinsam bei Pflegeeltern untergebracht, wurden gemeinsam zu Dieben, eher sie auseinandergebracht wurden und nicht im Guten auseinandergegangen sind. Nun gerät Grace in Hektik, will nicht auf Adam treffen und flüchtet aus Brisbane. Sie beginnt eine längere Tour durch Australiens Südosten und landet schließlich im beschaulichen Kleinstädtchen Battenburg nördlich von Adelaide.

Ein beschaulicher Ort, in dem man es aushalten kann. Durch Zufall gelangt Grace in den Antiquitätenladen von Erin Mandel, die zufällig eine Aushilfe sucht. Grace lässt sich darauf ein, zieht sogar in einer Einliegerwohnung von Erin. Zu ihrer Chefin, die selbst etwas verbirgt, sich zurückhaltend und fast ängstlich verhält, entwickelt sie dennoch rasch ein freundschaftliches Verhältnis. Doch sie bleibt vorsichtig, öffnet sich nicht gegenüber Erin, will sich weitere Mittel verschaffen, plant einen weiteren Coup. Währenddessen verschafft Disher dem Leser weitere Perspektiven: Wir begleiten Adam Garrett bei seinen aktuellen zwielichtigen Geschäften und wie er insgeheim sein Netzwerk aktiviert, um Grace aufzuspüren. Zudem begegnet uns Brodie Hendren, ein äußerst unangenehmes Exemplar toxischer Männlichkeit, der Nazi- und Serienmörderdevotionalien unklarer Herkunft im Netz vertickert und nebenbei voller Rachegelüste seine Ex-Frau aufspüren will. Schließlich Desmond Liddington, Polizist kurz vor der Pensionierung, der gerne noch zum Abschluss einem einflussreichen Unternehmer mit nicht ganz sauberen Methoden das Handwerk legen würde.

Ohne viel zu spoilern, ahnt der geneigte Leser schon, dass sich die Wege dieser Personen in der pittoresken Weinbauregion nördlich von Adelaide begegnen werden. Wie oft bei Disher spinnt der Autor ein feines Netz von Haupt- und Nebensträngen des Plots, die sich am Ende wie von Zauberhand zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Disher entwirft hier spannende Figuren, deren Leben und Vergangenheit nach und nach offenbart werden, und die in einem spannenden Showdown von ebendieser Vergangenheit eingeholt werden und hart aufeinanderprallen werden. Disher hält sich diesmal in Sachen australischer Gesellschaftsstudie zurück, sondern präsentiert einen handwerklich exzellenten Thriller bzw. einen modernen Gangsterroman. Immer wieder faszinierend, wie stilsicher und mit gleichbleibender Qualität der inzwischen 77jährige Australier regelmäßig sein Gesamtwerk erweitert. Möge das noch viele Jahre so weitergehen.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Zuflucht | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-293-00624-9
329 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Sanctuary | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Ganz viele Rezensionen zu exzellenten Romanen von Garry Disher

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Wenn sie richtig gerechnet hatte, waren inzwischen fünf Tage vergangen. Das Säuseln der Lüftungsrohrs half ihr beim Zählen. Mal war es stärker, mal schwächer, wie der entfernte Ton eines Blasinstruments. Gegen Abend flaute der Wind immer ab, dadurch behielt sie den Überblick.
Es ging ihr so schlecht, dass sie es nicht mehr schaffte, von der Matratze aufzustehen. Zum ersten Mal im Leben merkte sie, was Schwerkraft eigentlich bedeutete – es war die brutale Macht, die sie zu Boden drückte.  (Auszug E-Book Pos. 1947)

Im Mai 1993 findet ein geistig behinderter Mann eine nackte Frauenleiche in einem Bachbett im schwedischen Halland nahe Falkenberg. Der zuständige Kommissar Björlind muss sich in einem sehr schwierigen Fall zurechtfinden: Die junge Frau bleibt unidentifiziert. Sie wurde erwürgt und ist sehr abgemagert. Offenbar wurde sie vorher lange Zeit festgehalten und erhielt zu wenig zu essen. Von der Zentrale in Stockholm erhält Björlind Unterstützung durch die junge Beamtin Johanna, doch der Fall erweist sich als äußerst zäh. Kurze Zeit später plant Malin, Björlinds 17jährige Tochter, ein Wochenende in der Wildnis mit ihrem Freund Mattias. Sie leihen sich ein Kanu aus und zelten in der Natur. Malins Vater glaubt, sie verbringt das Wochenende bei einer Freundin. Als sie sonntags nicht nach Hause kommt und die Freundin zugibt, nur als Alibi gedient zu haben, ist es schon zu spät. Malin und Mattias sind verschwunden.

Carl-Johan Vallgren ist ein erfahrener schwedischer Autor, der vor etwa zehn Jahren ins Krimigenre wechselte und mit „Deine Zeit wird kommen“ vor zwei Jahren den schwedischen Krimipreis gewann. Sein Roman bewegt sich an der Grenze zwischen Polizeiroman und Thriller. Es wird einerseits die Polizeiarbeit begleitet, anderseits erhält der Roman durch die zeitkritische Suche nach der Vermissten und Szenen mit dem Täter deutliche Thrillerelemente. Regelmäßig wechselt die Perspektive zwischen Björlind, Johanna, Malin und weiteren Personen. Lange Zeit bleibt offen, wer der Täter ist, allerdings fällt dem geübten Leser schnell auf, dass bestimmte Personen nur als Finte in den Blickpunkt geraten.

Der Autor greift unverkennbar auf klassische Elemente der nordischen Krimitradition zurück: Einbetten in einen reizvollen, provinziellen Schauplatz mit dafür untypischen brutalen Verbrechen und persönlich involvierte bzw. mental angeschlagene Ermittler. In diesem Fall wird schnell klar, dass Björlind durch den Krebstod seiner Frau psychisch extrem angeschlagen ist, er sieht sie sogar und spricht mit ihr. Das Verschwinden seiner einzigen Tochter verschärft seinen Zustand noch maximal. Auch Johanna hat ihr Päckchen zu tragen, kommt sie offenbar mit sehr gemischten Gefühlen zurück nach Falkenberg, von wo sie nach ihrem Abschluss schnell fortgegangen ist. Ihre Probleme werden im Gegensatz zu Björlinds erst nach und nach enthüllt.

„Deine Zeit wird kommen“ ist ein Thriller, der vor allem durch den südschwedischen Schauplatz und auf psychologischer Ebene mit der Trauerbewältigung des Kommissars überzeugt. Der Plot ist eher konventionell und manchmal vielleicht eine Spur zu routiniert. Insgesamt ein gelungener, klassischer von viel Schwermut getragener, schwedischer Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Deine Zeit wird kommen | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47551-5
352 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-518-78667-3 | 15,99 €
Originaltitel: Din tid kommer | Übersetzung aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Bibliografische Angaben & Leseprobe