Kategorie: Ermittler

Rezensent

C.B. John | Red Star Down

C.B. John | Red Star Down

Anfang 2017: Die CIA-Agentin Jenna befindet sich in einem heiklen und riskanten Einsatz in Malaysia. Der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un wurde in eine Honigfalle gelockt und soll nun final rekrutiert werden. Doch das Treffen verläuft nicht zufriedenstellend und es kommt noch schlimmer: Auf dem Flughafen wird der Koreaner Opfer eines Giftanschlags und Jenna entkommt auf einer Landstraße nur knapp einer Drohnenattacke. Kurz darauf muss die CIA in Washington einen weiteren Rückschlag hinnehmen: Ein hochrangiger russischer Diplomat und eine äußerst wichtige Quelle der CIA stirbt in einem Hotelzimmer, mutmaßlich ermordet. Kurz zuvor hatte dessen Sohn Ljoscha Präsident Putin in einer Livesendung mit einer unbequemen Frage herausgefordert. Währenddessen hat sich im Weißen Haus ein erratischer, narzisstischer Präsident eingerichtet, der seine Berater ignoriert und wissentlich oder unabsichtlich auch Geheimdienstinterna ausplaudert. Auf einen neuen Berater für Ostasien, Eric Rahn, hält Trump allerdings große Stücke. Dieser ist allerdings nicht derjenige, der er zu sein vorgibt.

Der Roman spielt in den ersten beiden Jahren der ersten Amtszeit von Donald Trump und greift dabei tatsächliche Ereignisse auf, darunter die Ermordung von Kim Jong-nam am 13.02.2017 am Flughafen von Kuala Lumpur, das Treffen von Trump und Kim in Singapur im Juni 2018 und einen Monat später das amerikanisch-russische Gipfeltreffen in Helsinki, inklusive eines bis heute mysteriösen Vier-Augen-Gesprächs zwischen beiden Präsidenten. Um diese Ereignisse und um weitere Dinge wie russische Giftanschläge und das koreanische „Saat-Programm“ zur Agentenrekrutierung herum spinnt C.B. John eine höchst spekulative, aber auch sehr unterhaltsame Story um hochriskante Spionageoperationen von amerikanischer, russischer und nordkoreanischer Seite.

Jetzt dachte Ljoscha lange über diesen Streit nach und verspürte eine brennende Scham. Wenn er nicht verdammt selbstgerecht und vorschnell mit seinem Urteil gewesen wäre, hätte er vielleicht verstanden, was ihm sein Vater zu sagen versucht hatte. Es war fast so, als hätte er eine Maske abgenommen.
Ich muss das Spiel mitspielen, wenn ich mein eignes spielen will.
Jeder in Russland wusste, dass man sein Leben in verschiedene Bereiche aufteilen und abschotten musste, wenn man Konflikte überstehen wollte. Seine Mutter, sein Vater, seine Großeltern und auch er selbst waren mit Geheimnissen aufgewachsen, die niemals geteilt werden durften… Und was waren die Geheimnisse seines Vaters? (Auszug E-Book Pos. 4911)

Die Story wird in zahlreichen Perspektivwechseln erzählt, maßgeblich aus Sicht der drei Hauptfiguren. Zum einen Jenna Williams, Amerikanerin koreanischer Abstimmung, erfolgreiche CIA-Agentin mit einer Achillesferse: eine Zwillingsschwester, die einst von den Nordkoreanern von einem Strand in Südkorea gekidnappt und in ein Programm gesteckt wurde, um nordkoreanische Agenten zu „züchten“. Ljoscha Kusnezow, ein nicht übermäßig politischer Jurastudent in Moskau, der dennoch stark mit dem System Putin hadert und nichts von den Aktivitäten seines Vaters ahnt. Schließlich Eric Rahn, ein in einem aufwändigen Programm von den Nordkoreanern platzierter Spion, der es bis den Beraterstab von Trump geschafft hat und der gnadenlos sein Ziel verfolgt, mit mehr Angst vor der nordkoreanischen Diktatorenfamilie als vor der Enttarnung durch die Amerikaner. Durch die ausführliche Darstellung und Zeichnung dieser Figuren gelingt es dem Autor, die globale Erzählebene auch auf einen privaten Kontext hinunter zu brechen.

Autor D.B. John gilt als ausgewiesener Kenner der koreanischen Verhältnisse, ist als Romanautor bislang mit dem Thriller „Stern des Nordens“ aufgefallen, der gewissermaßen die Vorgeschichte zu diesem aktuellen Roman liefert. „Red Star Down“ erweist sich als Spionagethriller, die die aktuell volatile geopolitische Lage aufgreift, dabei kunstvoll tatsächliche Ereignisse spekulativ verdichtet und ein hohes erzählerisches Tempo vorlegt. Einziger Kritikpunkt meinerseits ist die ziemlich konsequente Schwarz-Weiß-Darstellung in Helden und Schurken, die eher an so manche alte Kalter-Krieg-Politthriller erinnert. Nichtsdestotrotz ist „Red Star Down“ ein echter Pageturner über die Destabilisierung bekannter Ordnungen, globale Machtspiele und Manipulation.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Red Star Down | Erschienen am 20.08.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47564-5
717 Seiten | 20,- €
Als E-Book: ISBN 987-3-518-78799-1 | 16,99 €
Originaltitel: Red Star Down | Übersetzung aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Chris Chibnall | Septembermord 

Chris Chibnall | Septembermord 

Er stieg aus, ging zögerlich auf den reglosen Umriss mitten auf der leeren A35 zu, merkte nicht mal, dass er die Tür offen gelassen hatte, hörte nicht das anhaltende Alarmsignal, das nach dem abwesenden Fahrer nörgelte. Ewan sah auch die Warnblinker nicht, die das nächtliche Dunkel in einem gleichmäßigen Takt orange färbten. Er sah nur die Gestalt vor sich auf der Straße. (Auszug Pos. 67 von 4.404)

Chris Chibnall, ein britischer Drehbuchautor, bekannt auch als Showrunner der erfolgreichen Serie „Broadchurch“ hat seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht. Mit seinem Debüt „Death at the White Hart“, so der Originaltitel, startet eine neue englische Krimi-Reihe, die im Südwesten Englands angesiedelt ist.

Es geht um einen bizarren Mordfall in dem fiktiven Dorf Fleetcombe in der englischen Grafschaft Dorset. Mitten in der Nacht wird auf einer Küstenstraße eine grotesk inszenierte männliche Leiche gefunden. Der halbnackte Körper des Toten wurde an der Lehne eines Holzstuhls festgebunden, die untere Körperhälfte steckt in einem Sack, auf dem Kopf ist ein riesiges Hirschgeweih drapiert. Schnell wird der Tote als der Gastwirt des ansässigen Pubs „White Hart“ identifiziert, Jim Tiernan, der in der Vergangenheit bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Mit dem Fall wird die erst wenige Wochen zuvor mit Ehemann und Sohn in ihre Heimat nach West Dorset zurückgekehrte DS Nicola Bridge betraut. Warum die erfahrene 38-jährige Polizistin, die in Liverpool eine angesehene Spezialistin für das organisierte Verbrechen war, in die Provinz zurückkehrt, erfährt man erst nach und nach. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward, einem jungen Quereinsteiger, der seine mangelnde Erfahrung mit großem Einsatzwillen ausgleichen möchte. Zur Einheit gehört auch noch ein mürrischer Schreibtischhengst, der aufgrund seiner exzellenten Arbeit bei der Recherche und Datenanalyse zunehmend die Anerkennung seiner Kollegen gewinnt.

An Verdächtigen mangelt es nicht, auch weil Jim Tiernan sich am Tag vor seiner Ermordung noch heftig mit diversen Gästen im Pub gestritten hatte. Tiernan hatte die Kneipe als Pächter übernommen und sie ganz traditionell als Wirtshaus alter Schule geführt, in die man gerne trinken geht. Ganz anders als seine Konkurrentin Ayesha Burton, die im Fox, dem einzig weiteren Pub in Fleetcombe auf gutes Essen sowie Getränke für Anwohner und Touristen setzt und damit auf gehobene Kundschaft. Allen ist klar, dass sich zwei Pubs in dem kleinen beschaulichen Örtchen, auch wenn Fleetcombe mit achthundert Einwohnern und malerisch an der Küste liegend dem perfekten englischen Landidyll entspricht, nicht auf Dauer halten können. Die ehrgeizige Bridge und der ambitionierte Jungspund Ward müssen in einer Gemeinschaft voller Geheimnisse und Intrigen ermitteln. Obwohl sich die Dörfler sehr bedeckt halten und Aussagen sich widersprechen, finden sie unter anderem heraus, dass es einen identischen Mordfall bereits vor 100 Jahren gab. Trotzdem dringen sie nur Stück für Stück zur Lösung des Falles vor. Erst die Beobachtungen eines kleinen Mädchens bringen die Polizeibeamten auf eine heiße Spur.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit oder Ermittlerkrimi, den man aufgrund des gefälligen Schreibstils gut lesen kann, der aber nach bewährtem Schema abläuft und nichts Neues bietet. Das Storytelling habe ich so schon in etlichen Krimis gelesen. Die Grundkonstellation ist ein altbekanntes, vertrautes Muster aus dem britischen Dorfkrimi und einer verschworenen Dorfgemeinschaft mit einem Sammelsurium seltsamer Typen, die fast alle etwas zu verbergen haben. Da gibt es den bulligen, misstrauischen Farmer Deakins, der immer im Clinch mit seinen Nachbarn liegt, Frankie, einen ängstlichen, schwulen Friseur und die kleine Shannon, die sich oft nicht nach Hause traut und aus ihrem Versteck das Ortsgeschehen genau beobachtet. Die Charaktere sind alle gut, aber auch ein wenig klischeehaft gezeichnet. Es ist auch nicht besonders innovativ, dass es ein Team gibt, das aus Kostengründen in ein leerstehendes Gebäude verfrachtet wird und sich erst noch zusammenraufen muss oder dass die Hauptermittlerin private Probleme hat und auf ein scheinbar unbedarftes Landei als Partner trifft. Dabei mochte ich das Geplänkel zwischen den beiden ganz gerne und die Dialoge haben mich gut unterhalten.

Die Schilderung des Dorflebens, die der Autor mit allen Eigenheiten zeichnet, ist anschaulich und stimmig. Die ländliche Atmosphäre mit ihrer trügerischen Idylle wird perfekt eingefangen. Szenen werden bildstark beschrieben und die Dialoge sitzen punktgenau. Auch das Ermittlerduo Bridge und Ward hat sofort eine gute Chemie, man merkt, dass hier eine Reihe angelegt wurde. In kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven erzählt Chibnall handwerklich souverän und routiniert. Mir fehlte es ein wenig an Dynamik, es plätschert so vor sich hin und die Auflösung hatte ich relativ früh erkannt. Solide Unterhaltung für Fans vom britischen Cozy-Crime. Vielleicht bin ich auch kein Fan von Cozy-Krimis, denn wenn sich zum Schluss alle wieder im Pub treffen, war es mir ein bisschen zu viel Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Septembermord | Erschienen am 31. Juli 2026 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06881-9
416 Seiten | 18,00 Euro
Originaltitel: Death at the White Hart | Übersetzung: Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Chris Pavone | Der Portier

Chris Pavone | Der Portier

Das „Bohemian“ ist ein (fiktives) Appartementhaus am Central West Park in der Nähe der „Strawberry Fields“ (Ähnlichkeiten zum „Dakota Building“ sind sicherlich gewollt). Das Gebäude aus dem 19.Jahrhundert ist eine Institution in New York und immer noch eine der ersten Adressen der Stadt mit den teuersten Wohnungen. Zwölf Geschosse, exklusive Apartments unterschiedlicher Größe, von einem kleinen „Burggraben“ umgeben, mit schmiedeeisernem Zaun. Eine strenge Eigentümergesellschaft (weiß, überwiegend älteren Semesters) wacht über die hier und da durchaus fragwürdigen Traditionen des Hauses. Der Hausverwalter Olek (ein undurchsichtiger Ukrainer) wacht über die zahlreichen Angestellten des Hauses, ausnahmslos Latinos oder Schwarze. Unter ihnen ist auch Chicky Diaz.

Chicky vergisst niemals den Namen eines Bewohners oder eines Enkels, der zu Besuch ist, oder eines engen Freundes oder einer „Freundin“. Nie meldet er sich krank, macht früher Feierabend oder kommt zu spät. Außerdem beschwert er sich nicht und verdreht auch nicht die Augen, wenn man einen unsinnigen Wunsch an ihn richtet, was häufig vorkommt. Er ist stets geduldig und immer freundlich. Und verbreitet gnadenlos gute Laune.
Zumindest bis jetzt. (Auszug S.14)

Chicky ist einer der drei Hauptpersonen, aus deren Perspektiven der Roman erzählt werden. Er ist Puertoricaner, 50, Witwer mit erwachsenen Kindern. Der frühe Krebstod seiner Frau und die Ausbildung seiner Kinder ist auch der Grund, warum Chicky inzwischen hochverschuldet ist. Er arbeitet schon lange als Portier im Bohemian, ist ein äußerst zuverlässiger und diskreter Mitarbeiter. Doch seine Schulden zwingen ihn, Nebenjobs anzunehmen, die in nicht ganz so exklusiven Kreisen stattfinden.
Julian Sonnenberg ist einer der Eigentümer. Er bewohnt Apartment 2A – eine im Vergleich zum Rest des Hauses eher bescheidene Wohnung – mit Frau und fast erwachsenen Kindern, ist Mitte 40 und Jude.

Julian ist Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft, muss sich vielen konservativen Ansichten der Miteigentümer teilweise beugen. Er ist Teil der New Yorker Kunstszene, Mitinhaber einer früher erfolgreichen Galerie, jetzt plagen ihn ein paar Geldsorgen. Allerdings plagt ihn noch etwas anderes, eine Art Midlife Crisis und zudem offenbar auch eine Diagnose seines Arztes. Zum Miteigentümer und Inhaber eines Rüstungsunternehmens Whitaker Longworth verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Dessen Ehefrau Emily (geborene Merriweather) ist sowas wie die „gute Seele“ des Hauses, freundlich und zugewandt zu jedermann. Mitte 30, Mutter kleiner Kinder, Kunstberaterin und linksliberal – und damit ein krasser Gegensatz zu ihrem Mann Whit, der sich in äußerst konservativen Kreisen aufhält und vor rassistischen und homophoben Beleidigungen nicht zurückschreckt. Aber er war halt eine äußerst gute Partie, was Emily inzwischen allerdings durchaus bereut, doch ihren Lebensstil mag sie dann doch. Sie hat aber ein intaktes soziales Gewissen und engagiert sich in einer Tafel in Harlem, wobei sie allerdings merkt, dass Klassengrenzen sich nur schwer überwinden lassen.

Alle Männer der Familie Merriweather waren davon überzeugt, dass sie sich ihr Glück im Leben selbst erarbeitet hatten. Nie hielten sie inne, um sich die eine Frage zu stellen: War es wirklich Erfolg, wenn jeder, den man kannte, genauso erfolgreich war wie man selbst? War es wirklich eine persönliche Leistung?
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das war ein beliebter Ausspruch von Menschen, die Glück gehabt hatten. (Auszug S.432)

Soweit die Figurenkonstellation. Das Spannungselement wird im Prolog eingeführt: Es gab einen toten Schwarzen bei einem Polizeieinsatz. Nun sind Demonstrationen angekündigt, die Stimmung in New York ist angeheizt, mit Ausschreitungen ist zu rechnen. Auch das Bohemian wappnet sich, die Portiers sind besonders aufmerksam und ausnahmsweise bewaffnet. Auch Chicky, der abends die Position vor der Tür eingenommen hat und misstrauisch über die Lage grübelt. Und plötzlich kommt ein verdächtiger Pick-Up die Straße hochgefahren…

Das klingt nach einem waschechten Thriller, allerdings dauert es sehr lange, bis die Situation am Abend wieder aufgegriffen wird und der Roman tatsächlich zu einem Pageturner wird. Dazwischen begleitet ein allwissender Erzähler die Protagonisten durch den Tag, wirft immer wieder lange Blicke in ihre Vergangenheit und macht gerne Andeutungen über das, was im weiteren Verlauf noch passieren wird. Dabei wirft er einen intensiven und dichten Blick auf die New Yorker Gesellschaft. Die Figurenkonstellation kostet der Autor hinlänglich aus und gibt sowohl Latino-Gangstern und MAGA-nahen Milliardären als auch woken Liberalen einen mit. Das ist zumeist ziemlich unterhaltsam, macht aber die Einordnung ins Krimigenre schwierig, die eigentlich erst das letzte Fünftel des Romans erfüllen kann.

„Der Portier“ ist ein Roman, bei dem ich etwas andere Erwartungen hatte – mehr Thriller, mehr Pageturner. Letztlich waren es 4/5 Nabelschau auf (einen Ausschnitt der) New Yorker Gesellschaft und der Rest klassischer Thriller. Dennoch war ich mit dem Gelesenen ziemlich zufrieden und fühlte mich gut unterhalten. Der Roman bietet partiellen Thrill und zudem einen scharfsinnigen, manchmal zynischen und teilweise auch amüsanten Blick auf NYC.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Portier | Erschienen am 20.08.2026 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12137-4
555 Seiten | 22,90 €
Originaltitel: The Doorman | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Meine Schwester in ihrer aufgeräumten, pastellfarbenen Küche, einen Wischmop in der Hand. Ausgestelltes Kleid, eine Schürze um die Taille gebunden. Das Haar ist mit Haarspray fixiert und glänzt wie Porzellan. Ihr künstliches Lächeln in die Kamera. „Eine glückliche Familie beginnt mit einer glücklichen Frau – und die ist zu Hause“, verkündet der eingefrorene Untertitel. Es sieht aus, als hätten wir ein Werbeplakat der 50er-Jahre an die Wand des Konferenzraums geklebt. (Auszug E-Book Pos. 199 von 6013)

Das Thema Tradwives erhält aktuell viel Aufmerksamkeit. Eine Tradwife, also eine Frau, die sich bewusst für ein extrem konservatives und patriarchales Rollenbild in der Ehe entscheidet, kümmert sich ausschließlich um den Haushalt sowie die Kindererziehung und verzichtet auf eine eigene berufliche Karriere. Wobei das rückschrittliche Frauenbild und die finanzielle Abhängigkeit, da der Mann als alleiniger Versorger dient, von den Anhängerinnen als bewusste Entscheidung und persönliche Freiheit verstanden wird.

Auch Vera Bucks neuester Thriller widmet sich dem Thema, ihre Protagonistin Lea lebt dieses Modell nicht nur, sondern ist auch eine der erfolgreichsten und bekanntesten Influencerinnen. Regelmäßig präsentiert sie auf Social-Media ihren traditionellen Alltag in den USA mit Ehemann Matt und Tochter Emma und versorgt ihre über zweieinhalb Millionen Follower mit Trad-Wife-Content, das heißt mit Rezepten und Haushaltstipps. Dabei inszeniert sie sich aus der bewachten Luxussiedlung Sancta Familia in Florida immer perfekt gestylt im Stil der 1950er Jahre.

Ihre ältere Schwester Paula lebt in Frankfurt als Unternehmensberaterin mit ihren drei wilden Söhnen und Ehemann Niko ein ganz anderes etwas chaotisches Leben. Dadurch haben die beiden Schwestern sich voneinander entfernt. Trotzdem macht Paula sich sofort Sorgen, als längere Zeit kein Video mehr von Lea veröffentlich wird und sie diese auch telefonisch nicht erreichen kann. Paula lässt alles stehen und liegen und fliegt nach Florida. Hier stellt sie erst Mal überrascht fest, dass es gar nicht so einfach ist, in die abgeschottete Gated Community, die auch noch mit der christlichen Kirche verwoben ist, reinzukommen. Paula traut Leas Ehemann Matt nicht, der ihr ausweichend versichert, diese würde sich ohne Handyempfang in einem Retreat ausruhen. Da sich auch die kleine Emma eigenartig verhält, beschließt Paula, nach ihrer Schwester zu suchen.

Die Suche nach Lea gestaltet sich spannend und natürlich gibt es den einen oder anderen Twist. Abwechselnd begleiten wir Paula als Ich-Erzählerin und in Rückblenden der sprunghaften Lea auf ihren Weg, ihr Glück in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung wieder im Heim am Herd zu finden. Leas Wunsch nach Sicherheit und Struktur hat sie nach einigen traumatischen Erlebnissen anfällig für Manipulation gemacht. Sie ist bereit, sich voll und ganz von der Gemeinschaft kontrollieren zu lassen, deren Ideal ein fundamental christliches Rollenbild zugrunde liegt.

Ein als Haushaltsbuch getarntes Tagebuch eröffnet eine zusätzliche Perspektive, aus der man einiges über die Entwicklung innerhalb der Ehe erfährt. Wie sich die Beziehung zu Ehemann Matt verändert und wie stark die Community Einfluss auf das Leben der Einzelnen hat, ist durchaus beklemmend beschrieben. Wie daraus schleichend Unterdrückung, Manipulation und häusliche Gewalt entstehen, ist realistisch dargestellt. Die Autorin wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der vermeintlich sorglosen Sancta-Familie, in der sektenähnlich Frauen eingesperrt und kontrolliert werden. Unterbrochen werden diese Passagen von Social-Media Transkripten, wobei vor allem die Kommentare unter den Beiträgen sehr authentisch wirken.

Vera Buck gelingt es, von Beginn an eine bedrückende, beängstigende Atmosphäre voll unterschwelliger Spannung aufzubauen. Der flüssige Schreibstil zieht einen sofort in die Geschichte hinein. Ungefähr zur Hälfte gibt es für mich einige Längen, bevor der Plot zum Schluss mit einigen überraschenden Wendungen noch mal sehr spannend wird. Vera Buck hat einen unterhaltsamen Psychothriller geschrieben, der die Auswirkungen solcher rückschrittlicher Rollenbilder aufzeigt und Gewalt an Frauen, physisch wie psychisch thematisiert.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Keine Angst, Darling | Erschienen am 03. August 2026 bei Lübbe
ISBN 978-3-751-79813-6
448 Seiten | 17,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Helena Falke | Noch fünf Tage

Helena Falke | Noch fünf Tage

Wäre es nicht fairer, wäre es nicht Karma, wenn ich mein Leben behalte? Spontanheilungen gab es doch schon immer. Ich fühle mich gesund, so gesund, dass die Idee nicht abwegig scheint. Viel abwegiger ist es, dass jemand, der auf westfälische Pumpernickel Appetit hat, bald nicht mehr da sein soll. Das ist kein Essen für Kranke. Vielleicht kann ich mir meine Gesundheit zurückholen. Erarbeiten, so wie ich es immer tat. (Auszug Seite 152)

Als die Spitzenköchin Lis Castrop in den frühen Morgenstunden des 1. Januars in einem Rettungswagen zu Bewusstsein gelangt, bekommt sie von den Sanitätern unbemerkt mit, dass sie aufgrund einer Vergiftung sterben wird und maximal noch fünf Tage zu leben hat. Die Fünfundvierzigjährige wird in eine Klinik in den Davoser Bergen gebracht. Hier erfährt sie, dass man Polonium-210 in den Speisen des von ihr zubereiteten Silvesterdinners fand. Der Unternehmer und Milliardär John Harman, für den Lis seit Jahren arbeitet, überlebte den Giftanschlag eben so wenig wie seine Frau und die beiden Kinder. Die Köchin scheint eine kleinere Dosis Gift erwischt zu haben, dennoch bleiben ihr nur wenige Tage. Lis wird als wichtige Zeugin von der Schweizer Polizei befragt und obwohl sie gleichzeitig Opfer des rätselhaften Verbrechens ist, gilt sie als Hauptverdächtige der Tat.

Wir erleben wie Lis verzweifelt, mit ihrem Schicksal hadert und resigniert. Das Wichtigste in ihrem Leben ist aber ihre Tochter Cosima und deren Zukunft hat oberste Priorität. Lis bleiben nur fünf Tage, um die Zwölfjährige auf ihren Tod und auf ein Leben ohne Mutter vorzubereiten. Die Köchin beginnt, von ihrem Sterbebett zu ermitteln, auch um sich zu rehabilitieren. Unerwartete Unterstützung erhält sie dabei von ihrer Pflegerin Esme. Die todgeweihte Ich-Erzählerin erzählt der Palliativschwester alles über die Stationen ihrer Karriere und ihre Erlebnisse mit ihren ehemaligen Arbeitgebern. Sieben Jahre lang arbeitet Lis Castrop für die Industriellenfamilie, nachdem sie in einem angesagten Londoner Gourmettempel als Spitzenköchin tätig war.

Um für ihre Arbeitgeber jederzeit verfügbar zu sein, lebte Lis mit ihrer Tochter auch mit in der prunkvollen Villa in Davos. Dabei war sie nicht nur die kreative Köchin der Schweizer Familie, sondern auch Vertraute, intelligente Ratgeberin und loyale Freundin. Um den Mörder zu finden, durchleuchtet sie ihre Beziehungen zu den Opfern nach möglichen Hinweisen und reflektiert Ereignisse. Dabei sind ihre Mittel natürlich begrenzt und ihre Kräfte schwinden, aber verzweifelt sucht sie in ihren Erinnerungen nach Anhaltspunkten, die als Mordmotiv gelten könnten. Alle Familienmitglieder waren sehr ambitioniert und verfügten über großes Potenzial, haben Lis über die Jahre aber auch ausgenutzt und gedemütigt. Die Köchin kennt ihre Stärken und Schwächen, ihre Verflechtungen sowie das Umfeld und hatte sich im Lauf der Zeit einen gewissen Einfluss erarbeitet. Lis‘ verbleibende Lebenszeit wird zu Anfang jedes Kapitels mit Tages- und Uhrzeiten detailliert angegeben.

Esme hat den Ausflug in die glamouröse Welt der Harmans und Monmouths genossen, fand es nett, ein bisschen Detektivin zu spielen, aber jetzt ist es ihr zu viel. Jetzt bin ich ihr zu viel und sie will mich sedieren. Ihre Ermittlungen lenken sie nicht mehr von ihrem eigenen Leben ab, sondern erinnern sie daran, dass es an das Leben dieser Leute nie herankommen wird. Esme hat aufgegeben. Ich nicht. Ich habe keine Wahl. Und ich will kein Schlafmittel. (Auszug Seite 201/202)

Wir tauchen tief ein in die Welt der gehobenen Sterneküche. Die extravaganten Kochkünste und kulinarischen Vorlieben, besonders der verwöhnter Milliardäre nehmen viel Raum ein, was beim Lesen schon mal den Appetit anregt. Auch die Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen sorgen für interessante Facetten. Unterbrochen werden diese Überlegungen von den wenigen Besuchern im Krankenhaus, deren Charakterisierungen eher blass ausfallen. Helena Falke, übrigens das Pseudonym einer preisgekrönten, deutschsprachigen Autorin, die sich das erste Mal im Krimi-Genre versucht, hat einen fesselnden Roman mit einem etwas konstruierten Plot erschaffen, der feine Gesellschaftskritik an der Welt der Superreichen und Sterneköche bietet.

Die Idee, dass ein Opfer, das nur noch wenig Zeit zu leben hat, seinen eigenen Mörder sucht, ist nicht neu. Zuletzt las ich den Jugendthriller „Not Quite Dead Yet“ von Holly Jackson. Aber im Gegensatz zu der jungen britischen Autorin verzichtet Helena Falke in „Noch fünf Tage“ auf Effekthascherei und bietet etwas mehr Tiefgang. Neben der Tätersuche geht es auch um existentielle Fragen, wie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterbeprozess. Dazu tragen die Gespräche mit der Pflegerin und der Sterbebegleiterin, einer sogenannten Death Dula bei, auch wenn die Themen nur angerissen werden. Die Geschichte einer Mutter, die, mit dem Wissen, dass sie sterben wird, ein letztes Mal für ihre Tochter kämpft, berührt. Der Roman ist dialoglastig, bietet keinen atemlosen, actionreichen Thrill, dafür verdichtet der gnadenlos runterzählende Countdown die Spannung. Weniger Thriller als Whodunnit lässt er den Leser miträtseln, wer diesen perfiden Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Noch fünf Tage | Erschienen am 21. April 2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-78579-9
308 Seiten | 20,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe