
Don Winslow | The Final Score
Eigentlich bin ich kein großer Fan von Kurzgeschichten, aber wenn ein Ausnahmeautor wie Don Winslow seine schriftstellerische Rente unterbricht und eine Sammlung von 6 Kriminalnovellen vorlegt, bin ich dabei! Zwei Jahre nach seinem angekündigt letztem Buch „City in Ruins“, dem Abschlussband der „City-Trilogie“ und einige Zeit nach seiner ersten Novellensammlung „Broken“ zeigt Winslow seine ganze literarische Bandbreite und Vielseitigkeit. Jede der sechs Storys beleuchtet eine andere Facette des kriminellen Lebens. Die meisten sind so um die vierzig Seiten, die umfangreichste hat fast hundert Seiten.
„Die Sonntagsliste“ entführt uns in die frühen 1970er Jahre nach Rhode Island in ein vom Tourismus lebendes Fischerörtchen und glänzt mit viel Nostalgie. Sonntags darf kein Alkohol verkauft werden, aber es gibt eine geheime Liste mit den Namen durstiger Kunden, die das Wochenende ohne Alkohol nicht überstehen. Nick McKenna liefert für einen Spirituosenladen hier jeden Sonntag nicht ganz legal Hochprozentiges an höchst unterschiedliche Kunden aus. Der clevere Teenager will sich so das Geld für die Universität verdienen. Sein Traum von einer möglichen besseren Zukunft fernab seiner Hippie-Eltern gerät durch das Zusammentreffen mit einigen Kunden ins Wanken.
Nachdem der Nichtsnutz Chrissy Pritchett betrunken einen Autounfall verursacht, bei dem eine junge Frau stirbt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein integrer, aufstrebender Streifenpolizist, versucht alles, um ihm ein schweres Schicksal zu ersparen. Damit sein labiler Cousin seine Strafe in Sicherheit absitzen kann, will er ihm einen Platz im Nordflügel des Gefängnisses verschaffen und erwägt sogar, sich dafür mit der Mafia einzulassen.
„True Story“ ist eine in reine Dialogform gegossene Erzählung, in dem zwei Männer sich in einem Diner unterhalten. Auch wenn die ständigen Namensverwechslungen mich teilweise amüsiert haben und die Szene an „Pulp Fiction“ erinnert hat, ist dieses dialoglastige Kammerspiel für mich die schwächste Geschichte.
Im charmanten „Lunch Break“ gibt es ein Wiedersehen mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“). Daniels und seine Surfer-Crew sollen eine verwöhnte Hollywood-Diva beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh, eine drogenkonsumierende Nervensäge macht ihnen das Leben schwer, wird auch noch von einem Stalker verfolgt.
„Kollisionen“ und das titelgebende „The Final Score“ sind die längsten Storys und noch am eindeutigsten als Kriminalgeschichten zu titulieren. In „The Final Score“ plant der Berufsverbrecher John Highland einen letzten großen Coup. Er ist auf Kaution frei, bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Der geplante Raub eines Casinos, das Kartellgelder wäscht, ist eigentlich ein unmöglicher Coup. Highland stellt eine Crew zusammen und demonstriert ihnen seinen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Plan, der so gewaltfrei wie möglich verlaufen soll. Die spannende Heist-Story bietet unerwartete Wendungen im besten „Ocean‘s Eleven“ Stil.
In „Kollisionen“ gerät der erfolgreiche Hotelmanager Brad McAllister in einen Streit, bei dem er einen anderen Mann schlägt. Als dieser unglücklich fällt und verstirbt, muss McAllister sich vor Gericht verantworten. Der glücklich verheiratete Mann und Vater eines kleinen Jungen wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis tut er alles, um zu überleben und zu seiner kleinen Familie zurückzukehren.
Jede dieser sechs Novellen ist fesselnd und besitzt ihren ganz eigenen Charme. Alle Geschichten werden im gewohnt schnörkellosen, unverwechselbaren Winslow-Stil erzählt, in dem kein Wort zu viel scheint und der sich oft in den scharfen Dialogen widerspiegelt. Auch auf den wenigen Seiten besitzen seine Charaktere Tiefe, machen Entwicklungen durch, wodurch man mit ihnen bangt. Don Winslow beherrscht aufgrund seines präzisen Schreibens auch diese literarische Form, seine Geschichten sind trotz der komprimierten Gestalt emotional und erreichen eine tiefe Intensität. In den sechs Geschichten dominieren Mobster-Themen, es geht um Verbrechen, Schuld, Erlösung und Loyalität, eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen politischen Klima in den USA wie noch in „Broken“ sucht man allerdings vergebens.
Foto und Rezension von Andy Ruhr.
The Final Score | Erschienen am 27.01.2026 bei HarperCollins
ISBN 978-3-3650-1337-3
336 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Final Score | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe
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