Kategorie: Thriller

Joe Thomas | Brazilian Psycho

Joe Thomas | Brazilian Psycho

„Wenn die Armen die Rechten wählen“, sagt Franginho, „dann geht alles den Bach runter.“ (Auszug S. 599)

Diese pointierte politische Analyse legt Autor Joe Thomas einem kleinen Favela-Gangster in den Mund und fasst damit die Situation Brasiliens zu Beginn der Präsidentschaft Jair Bolsonaros treffend zusammen, bringt aber auch eine allgemeine Aussage, die auch auf andere Länder durchaus zutreffend ist. Doch zurück zu Brasilien. Ein wirtschaftlich aufstrebendes Land und Teil der BRICS-Staaten, die inzwischen ein ernstzunehmendes Gegengewicht zu den etablierten G7-Staaten bilden. Allerdings auch ein Land mit großem Wohlstandsgefälle, in dem nur langsam Erfolge gegen die immer noch krasse Armut gefeiert werden und diese Erfolge von erheblicher Korruption, Bereicherung und Kriminalität überschattet werden.

Hiervon erzählt der britische Autor Joe Thomas am Beispiel der südbrasilianischen Metropole São Paulo, in der er zehn Jahre gelebt hat. „Brazilian Psycho“ ist dabei nur der vierte Teil eines São Paulo-Quartetts, von denen die anderen Teile noch nicht in deutscher Übersetzung erschienen sind. Er überspannt mit seinem Roman dabei einen Zeitraum von 16 Jahren, beginnend mit der 1. Amtszeit Lula da Silvas Anfang 2003 und der Amtszeit Dilma Rousseffs ab 2011 (beide aus der Arbeiterpartei) bis hin zur Amtsübernahme der ultrarechten Jair Bolsonaro im Januar 2018.

Joe Thomas wählt eine multiperspektivische Erzählweise und begleitet verschiedene Personen durch die Zeit. Es beginnt mit einem Mordfall, der in gewisser Weise die Klammer der Geschichte bildet. Der englische Direktor einer Privatschule wird ermordet in seinem Haus aufgefunden. Die Kommissare Mario Leme und Ricardo Lisboa übernehmen den Fall und werden von ihrem Chef direkt unter Druck gesetzt, schnell einen Täter zu präsentieren. Mehr oder weniger gegen den Willen der Kommissare wird über die Hausangestellte eine Verbindung zum Favela Paraisópolis gezogen und ein Täter festgenommen, der die Tat auf sich nimmt und verurteilt wird. Dieser Mann ist der Vater von Rafa, eines jungen Heranwachsenden, der für die kriminellen Bosse in der Favela erste Aufträge übernimmt und über die Jahre in der Organisation aufsteigt, sich allerdings mehr um die mehr oder weniger legalen Geschäftszweige kümmert. Ebenfalls im Personenregister: Renata, eine Anwältin, die in der Favela ein Rechtshilfebüro eröffnet oder Carlos, ein Militärpolizist mit Verbindungen in die Favela oder Ray Marx, Berater und politischer Drahtzieher einer einflussreichen Finanzfirma und viele mehr.

Paulo Maluf: ein ehemaliger Bürgermeister São Paulos. Sie haben einen Ausdruck für den alten Maluf geprägt: Roba mais faz.
Er wirtschaftet in die eigene Tasche, aber er bringt Dinge voran.
Leute dieses Schlags hat São Paulo schon immer gewählt.
Es ist viel wichtiger, dass die Stadt funktioniert – der Müll abgeholt wird, die U-Bahn fährt, die Straßen repariert werden -, als sich über Schmiergeldzahlungen und Erpressungen im Rathaus aufzuregen. (Auszug S.34-35)

So gibt es ein umfangreiches Personal und viele Perspektivwechsel und auch Zeitsprünge, doch es geht im Grunde um einen Fokus auf das (Nicht-)Funktionieren des brasilianischen Staates und der Gesellschaft. Der wirtschaftliche Aufschwung lässt in der Bevölkerung Hoffnung keimen und tatsächlich lässt sich ein wenig Aufbruchsstimmung nicht leugnen. Doch letztlich wollen viele profitieren, neben der politischen und unternehmerischen Oberschicht auch die kriminellen Banden der Favelas. So gibt es unheilvolle Absprachen zwischen Politik, Polizei und organisierter Kriminalität, Korruption, Veruntreuung von staatlichen Mitteln, Abschöpfung von Mitteln aus Sozial- und Wohnungsbauprogrammen – und das alles während der Amtszeiten der linken Regierungen von Lula und Dilma Rousseff. Und zum Ende hin tauchen dann plötzlich die ganz dunklen Mächte um einen Jair Bolsonaro auf, der das Ganze noch mit einer Politik des Hasses, des Rassismus und der Gewalt krönt, vor allem im Hinblick auf Frauen und die queere Community.

Autor Joe Thomas hat sich einiges vorgenommen mit diesem Roman und er kann für mich auch einiges einlösen. Das Panorama als lokale Perspektive São Paulos ist interessant gewählt, die Personen sind nicht zu plakativ schwarz und weiß. Es wird nicht zu viel doziert, sondern der Leser muss sich in den Feinheiten brasilianischer Politik und Korruption auch etwas selbst zurechtfinden, was teilweise auch etwas mühsam ist. Auch eine gewisse Redundanz der Ereignisse zum Ende hin gab es für meinen Geschmack, sodass es sich doch etwas zog. So erreicht Joe Thomas letztlich nicht ganz das Niveau seiner auf dem Buchumschlag erwähnten berühmten Kollegen Ellroy und Winslow, die der Autor ganz sicher gut gelesen hat. Dennoch legt Thomas einen über weite Strecken fesselnden und spannenden Wälzer vor, der einen besonderen Fokus auf die brasilianische Politik und Geselllschaft der letzten zwanzig Jahre legt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Brazilian Psycho | Erschienen am 14.02.2024 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-77386-2
638 Seiten | 18,- €
Originaltitel: Brazilian Psycho | Übersetzung aus dem Englischen von Alexander Wagner
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Anthony McCarten | Going Zero

Anthony McCarten | Going Zero

Aber eine Bibliothekarin? So was sollte repräsentativ sein? Echt jetzt? Eine Person, die mit Büchern zu tun hatte? Der Rest der Welt war schon eine Generation zuvor auf Digital umgestiegen, und da sucht irgendein Blödmann einen Bücherwurm aus, eine, die mit Antiquitäten zu tun hat, als Herausforderung für Fusion? (Auszug Seite 43)

In den Vereinigten Staaten warten zehn Freiwillige auf das Signal „Going Zero“. Dann müssen sie für dreißig Tage untertauchen, bekommen einen Zeitvorsprung von zwei Stunden, bevor die Suche nach ihnen beginnt. Dem Gewinner winkt ein Preisgeld von drei Millionen Dollar. Initiator des Programms ist der Silicon-Valley-Milliardär Cy Baxter. Als Betreiber des mächtigen Tech-Konzerns WorldShare verfügt er über unzählige digitale Spuren und private Daten seiner Nutzer, die man miteinander verknüpfen kann. Das so entwickelte Programm, das auf den Namen Fusion hört, soll nun in einem Betatest auf Herz und Nieren geprüft werden. In der Vergangenheit waren Cy Baxter und seine Partnerin Erika Coogan mal zu dritt. Doch Erikas Bruder wurde von einem Amokläufer getötet. Vor diesem Hintergrund hoffen beide, dass das Programm zur Aufklärung von Verbrechen genutzt werden kann und der Social-Media-Mogul würde es gerne bei Erfolg dem CIA zu lukrativen Konditionen verkaufen. Die besten Programmierer, Analysten und Hacker stehen dabei an Baxters Seite, der dem US-Geheimdienst beweisen muss, dass sein Vorhaben gelingt. In der Fusion-Firmenzentrale in Washington werden sämtliche Überwachungstechnologien eingesetzt, um alle Going-Zero-Programmteilnehmer schon vor Ablauf der dreißig Tage festzusetzen.

Ein Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung
Von den zehn ausgewählten Teilnehmenden sind fünf aus dem professionellen Security-Milieu, für die das Aufspüren und Untertauchen zum Geschäft gehört. Die anderen fünf hingegen sind ganz normale Bürger. Laien, die mit Überwachungstechnologien eigentlich nichts am Hut haben, darunter auch die Bibliothekarin Kaitlyn Day, die in ihrem Rucksack natürlich auch ein Exemplar von „Anna Karenina“ dabei haben muss.

Das Tempo ist von Anfang an sehr hoch. Ohne groß zu erklären oder die Figuren zu charakterisieren stürzen wir uns in die rasante Jagd und verfolgen, wie Überwachungsteams mit hochmoderner VR-Technik, Drohnen und Kameras ausgerüstet einen Zero nach dem anderen ausfindig machen. Dabei hat mich sehr gefesselt, mit welchen Methoden die Probanden und Probandinnen versuchen, unter dem Radar zu verschwinden und automatisch ergeben sich Gedankenspiele, wie man selbst agieren würde.

David gegen Goliath
Überraschend erweist sich grade Außenseiterin Kaitlyn Day als schwieriger Fall. Auf clevere und findige Art und Weise gelingt es ihr, sich, teilweise sehr knapp, den Jägern zu entziehen und der Gesichtserkennungssoftware oder der Ortung mittels Handy ein Schnippchen zu schlagen. Entsetzt verfolgt man, wie ein immer nervöser werdender Baxter die Verhältnismäßigkeit der Mittel völlig aus dem Blick verliert, wenn er in kanadisches Hoheitsgebiet vordringt oder Kampfdrohnen in Stellung bringen lässt. Doch ohne zu viel zu spoilern hat auch Kaitlyn Day eine ganz andere Mission, die sie verfolgt. Der Plot-Twist ungefähr nach der Hälfte der Geschichte weiß zu überraschen, ist aber auch etwas unglaubwürdig.

Hocherfreut über die unerwarteten Fähigkeiten der Bibliothekarin, die sich nun doch als Herausforderung entpuppt, haut Cy mit den Handflächen auf die Tischplatte. Wie cool ist das denn! Dank den Bodycams seiner Leute, die (natürlich unbewaffnet) die Verfolgung aufnehmen, ist es, als liefe er selbst dort; sie stürmen die Treppe hinunter, schubsen die jungen Leute beiseite. (Auszug Seite 50)

Es ist durchaus unterhaltsam, wenn die Häscher den Kandidaten mit der ganzen Fülle an Überwachungstechnologien zu Leibe rücken, bei der Gesichter, Körper, Kleidung, Stimmen selbst der Gang und die persönlichen Vorlieben ausgewertet werden. Erschütternd sind die unzähligen Möglichkeiten des Abgleichs von Datenbanken durch die vielen digitalen Spuren, die jeder von uns tagtäglich im Netz hinterlässt. Wenn die neun anderen Spielfiguren auf dem Feld mit mehr Gewicht ausgestattet wären, wäre die Jagd sicherlich noch spannender geworden. Dieses Potential wurde leider verschenkt. Auch Cy Baxter ist arg holzschnittartig wie die schablonenhafte Figur eines erfolgsverwöhnten, machthungrigen und größenwahnsinnigen Silicon-Valley-Milliardärs gestaltet. Wenn man darüber hinwegsehen kann, ist „Going Zero“ ein Pageturner, ein unterhaltsames Katz-und Mausspiel mit der bekannten Dramaturgie „David gegen Goliath“.

Dabei spielt der in Neuseeland geborene Autor mit ethischen Fragen. Welche Daten gibt jeder Mensch im Netz freiwillig von sich preis? Wie weit darf man gehen und wie tief in die Privatsphäre der Menschen eindringen, um Verbrechen zu bekämpfen? Wo sind die Grenzen zwischen Nutzen und Missbrauch? Anthony McCarten ist ein bekannter Drehbuchautor sowie mehrfach ausgezeichneter Filmproduzent, der gründlich über das Thema Überwachung recherchiert hat. Sein bildhafter Erzählstil ist actionlastig mit stakkatohaften Sätzen. Der Thriller lebt von schnellen Perspektivwechseln in kurzen Kapiteln und einer Menge Drive.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Going Zero | Erschienen am 26. April 2023 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07192-4
464 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: Going Zero | Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Robert Harris | Vaterland

Robert Harris | Vaterland

Im Fokus der Handlung steht Xaver March, Mordermittler der Berliner Kriminalpolizei. Er wird 1964 zu einem Mordfall gerufen. Die in der Havel in der Nähe des Grunewalds aufgefundene Leiche eines alten Mannes wird später als Josef Bühler identifiziert, ein ehemaliger Staatssekretär des Innenministeriums.

In Robert Harris‘ Alternativweltroman hat Deutschland den Krieg gewonnen. Das Großdeutsche Reich existiert weiterhin und reicht vom Rhein bis zum Ural. Polen und große Teile der Sowjetunion existieren nicht mehr, doch an den ostdeutschen Landesgrenzen toben Partisanenkriege. Die Russen führen mit Hilfe der USA einen erbitterten Zermürbungskrieg gegen die Deutschen, den das Deutsche Reich nicht gewinnen kann. Wir schreiben das Jahr 1964 und stehen kurz vor dem 75. Geburtstag des Führers. Nur zu gerne möchte Hitler den Kalten Krieg mit den USA beenden. Mit Präsident Joseph P. Kennedy wird erstmals ein amerikanischer Regierungschef zum Staatsbesuch erwartet. Vor diesem Hintergrund kommt das gewaltsame Ableben eines ehemaligen hochrangigen Parteifunktionärs höchst ungelegen und bedarf sofortiger Aufklärung.

Pralinen aus Zürich
SS-Obersturmbannführer March hat grade erst mit den kriminaltechnischen Untersuchungen zum Tode Bühlers angefangen, als er durch die Gestapo unter der Leitung von Odilo Globocnik, genannt Globus, von dem Fall abgezogen wird. Xaver March ist ein aufrichtiger, nahe am Genreklischee gebauter ganz klassischer Polizist. Als Kriminaler ist er ein brillanter Detektiv, aber auch ein gebrochener Charakter. Er ist geschieden und leidet als Kriegsveteran unter den Kriegstraumata als U-Bootfahrer. Sein im Nationalsozialismus bei der Ex-Frau aufgewachsener Sohn verachtet ihn immer mehr, da er den Hitlergruß verweigert und auch bisher nicht in die Partei eintreten will, wobei er sich jeden beruflichen Aufstieg verbaut. Als er feststellt, dass die Gestapo die Zuständigkeit an dem Mordfall an sich reißt, um irgendetwas zu vertuschen, ermittelt er heimlich und unter Lebensgefahr weiter. Neben der ehemaligen Politgröße Bühler kommen in einer Folge von Unfällen und Morden nacheinander weitere Ex-Parteibonzen ums Leben. Allen Opfern waren Pralinenschachteln aus Zürich zugestellt worden. March erhält überraschend Unterstützung durch Arthur Nebe, dem Chef der Kriminalpolizei, der ihn beauftragt, den Morden unter dem Radar nachzugehen.

„Menschenrechte?“ „Die Tausenden von Andersdenkenden, die ihr in Lager gesperrt habt. Die Millionen Juden, die im Krieg verschwunden sind. Die Folter. Das Morden. Tut mir leid, davon zu sprechen, aber wir haben die spießige Vorstellung, dass menschliche Wesen Rechte haben. Wo haben Sie denn die letzten zwanzig Jahre verbracht?“ (Auszug Seite 137/138)

Mithilfe der deutsch-amerikanischen Journalistin Charlotte „Charlie“ Maguire, die als Berliner Vertreterin für eine amerikanischen Nachrichtenagentur arbeitet, stößt March auf ein in den Kriegsjahren eröffnetes Schließfach in einer Züricher Bank. Zusammen mit Charlie macht er sich auf nach Zürich. Hier entdecken sie jedoch nur ein im Krieg verschollenes Gemälde, „Dame mit dem Hermelin“ von Leonardo da Vinci. Waren die NSDAP-Veteranen in ein großes Netzwerk von Kunsträubern verwickelt? March entdeckt, dass die Morde mit einem viel weitreichenderen Geheimnis zusammenhängen, das zwei Jahrzehnte zurückliegt und bis in die höchsten Kreise der nationalsozialistischen Führung hineinreicht.  Alle Opfer waren Teilnehmer der Wannseekonferenz, wo 1942 die „Endlösung“ operativ geplant wurde. March lässt nicht locker und ist dazu bereit, sich selbst zu opfern, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Berlin der Gigantomanie
Der englische Autor beeindruckt in seinem Debüt von 1992 mit einem überzeugendem Bild eines authentisch anmutenden, düsteren Nachkriegsdeutschlands, in dem der architektonische Wahnsinn realistisch beschrieben wird. Durch eine Stadtrundfahrt am Anfang der Handlung erscheint das fiktive Berlin dieser Zeit sehr plastisch vor dem inneren Auge. Es ist eine 10-Millionen-Metropole, in der die von Albert Speer geplanten monströsen Monumentalbauten im Stile der Welthauptstadt Germania tatsächlich verwirklicht worden sind, u.a. die alles dominierende Große Halle, die als größtes Gebäude der Welt gilt, der riesige Triumphbogen, um ein Vielfaches größer als der Pariser, während der Champs Élysée gegen die Siegesstraße eher wie eine Passage wirkt. Das Regime herrscht im Deutschen Reich mit eiserner Hand, sämtliche Lebensbereiche sind dem Nationalsozialismus untergeordnet und Andersdenkende werden nicht geduldet. Eine gleichgeschaltete Gesellschaft ohne Individualismus.

In Form eines Polizeiromans bedient Harris sich einer rasanten und ausdrucksstarken Erzählweise. Ein beklemmendes Gedankenspiel, welches durchgehend spannend ist, mit bis zum Ende hin zahlreichen Wendungen, die durchaus überraschen. Ein Großteil der im Roman vorkommenden Dokumente sind authentisch und schwer zu ertragen. Die Gegenspieler wie der menschenverachtende SS-Obergruppenführer Odilo Globocnik, der schwer durchschaubare Arthur Nebe oder Josef Bühler haben im Gegensatz zu March einen realen Hintergrund, die biografischen Angaben sind bis 1942 zutreffend. Eine düstere Vision, in der tatsächliche Geschichte und Fiktion geschickt zusammengefügt wurden, die mich von der ersten Seite gefesselt und bis zum bitteren Schluss sehr beeindruckt hat.

Im Nachwort berichtet Harris, dass der Roman zunächst nicht auf Deutsch veröffentlicht werden konnte, weil kein Verlag es wollte.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 13.03.2017 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-4534-2171-4
448 Seiten | 12,00 €
Originaltitel: Fatherland | Übersetzung aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Genrespezials Alternativweltgeschichten.

Len Deighton | SS-GB

Len Deighton | SS-GB

Eine sehr hohe Zahl von Alternativweltgeschichten kreist um die Nationalsozialisten. Insbesondere ist bei vielen Autoren die Ausgangsposition beliebt, dass die Nazis den 2. Weltkrieg gewonnen haben. Der britische Autor Len Deighton lässt seinen 1978 erschienenen Roman „SS-GB“ Ende 1941 spielen. Seine Prämisse: Nazi-Deutschland hat Großbritannien besiegt und den Südteil besetzt, mit der Sowjetunion herrscht Frieden. Winston Churchill wurde exekutiert, der König ist im Tower interniert. Es existiert eine Exilregierung in den USA, die jedoch von den Amerikanern nicht anerkannt wird.

Auch Scotland Yard wird nun von einem Deutschen geführt, SS-Gruppenführer Kellermann. Dieser hat die alten Strukturen der Behörde aber weitgehend beibehalten. Douglas Archer ist Detective Superintendent und damit ranghöchster Kriminalbeamter. Archer ist trotz seines mittleren Alters schon eine Legende aufgrund der Aufklärung einiger spektakulärer Mordfälle in den vergangenen Jahren. Auch Kellermann hält große Stücke auf Archer, der sich um die unpolitischen Kriminalfälle und die Fälle, in denen keine Deutschen involviert sind, kümmert. Zusammen mit seinem Kollegen und väterlichem Freund Harry Woods wird Archer zu einem Mordfall an einem Antiquitätenhändler gerufen. Ein Mord im Schwarzmarktmilieu ist nicht ungewöhnlich, doch die Begleitumstände machen Archer stutzig. Eine seltsame Zugfahrkarte, ungewöhnliche Brandwunden am Opfer, eine amerikanische Journalistin, die plötzlich mitten bei den Mordermittlungen als angebliche Kundin auftaucht. Zur Bestätigung, dass es sich um etwas Großes handelt, kommt am nächsten Tag dann auch SS-Standartenführer Huth aus Berlin auf, der direkt Himmler unterstellt ist und den Fall übernimmt, aber Archer als Ermittler behält. Nach und nach wird klar, mit was der vermeintliche Antiquitätenhändler zu tun hatte und das bringt Archer in eine gefährliche Lage zwischen SS, Wehrmacht und Widerstand.

Autor Len Deighton wurde 1929 als Sohn eines Chauffeurs und eine Köchin geboren, arbeitete nach dem zweiten Weltkrieg für die Royal Air Force und konnte nach seiner Dienstzeit mit einem Stipendium studieren. Er arbeitete u.a. als Fotograf und Illustrator, bis er 1962 seinen Durchbruch mit „The Ipcress File“ hatte. Neben Spionageromanen, Thrillern und kriegshistorischen Romanen veröffentlichte er auch Kochbücher. „SS-GB“ verbindet mehrere seiner bevorzugten Sujets mit einem alternativen Geschichtsverlauf und wurde 1978 veröffentlicht. 2017 zeigte die BBC eine Miniserie nach dem Roman mit Sam Riley, Kate Bosworth und Lars Eidinger in den Hauptrollen.

Huth wirbelte mit seinem Stock durch die Luft, „Jede Zuwiderhandlung gegen diesen Befehl“, sagte er, „ist nicht nur ein Kapitelverbrechen gemäß § 134 der Militärgesetze des Oberkommandos Großbritannien, das vor dem Erschießungskommando endet, sondern auch ein Kapitalverbrechen gemäß § 11 Ihrer eigenen Gesetze, im Einvernehmen mit der deutschen Besatzung erlassen 1941, das mit dem Galgen im Wandsworth-Gefängnis bestraft wird.“
„Kommt das Erschießen zuerst oder das Erhängen?“, fragte Douglas.
„Wir müssen der Justiz ja schließlich auch noch eine Entscheidung überlassen“, entgegnete Huth. (Auszug S.79)

Solche spitzfindig-zynischen Dialoge finden sich zwar ein paar im Roman, für meinen Geschmack aber noch zu wenige. Len Deighton verliert sich regelmäßig in langen ausführlichen Beschreibungen von Nebensächlichkeiten, ohne auf den Punkt zu kommen. Die Grundidee des Plots ist auf jeden Fall spannend. Die schwierige Entscheidung zwischen Dienst nach Vorschrift (Kollaboration) und Widerstand, Täuschung und Verrat spielen eine wichtige Rolle im Roman. Auch interessant ist das sehr schwierige Verhältnis zwischen Wehrmacht und SS bei den Deutschen.

Das gehört zu den Stärken des Romans, der mich dennoch nicht ganz überzeugt hat. Und dies liegt vor allen an den Hauptfiguren, die (ausgenommen die Deutschen) ziemlich blass bleiben. Douglas Archer wirkt wie ein Mann ohne Eigenschaften. Witwer mit einem jungen Sohn, erfolgreicher, angesehener Polizist. Aber wofür er steht, was bewegt ihn, seine Konflikte zwischen Kollaboration und Widerstand – das gelingt dem Autor nicht aus der Figur herauszubringen. Auch sein „Love Interest“, die Journalistin Barbara Braga, bleibt für den Leser undurchsichtig und in ihrem Beitrag für die Handlung überschaubar. So bleibt „SS-GB“ für mich eine gute Idee mit einem interessanten Plotrahmen, dem es jedoch an einigen Details für einen richtig guten Roman mangelt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

SS-GB | Erstmals erschienen 1978
Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien 2017 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43931-3
446 Seiten | 9,99 €
Originaltitel: SS-GB | Übersetzung aus dem Engischen von Kurt Wagenseil und Ursula Pommer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Genrespezials Alternativweltgeschichten.

Andreas Eschbach | NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach | NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach spielt in seinem Thriller “NSA – Nationales Sicherheits-Amt” mit der Idee, dass es in der Zeit des Dritten Reichs bereits die perfekte Überwachungstechnik gegeben hat. Im 19. Jahrhundert hat sich in Großbritannien eine mechanische Computertechnik entwickelt, die zu Beginn des 20. Jahrhundert elektrisch wurde. Unter der Prämisse, Charles Babbage hätte seine analytische Maschine tatsächlich gebaut, entstand ein dem Internet vergleichbares Netzwerk, das in groben Zügen nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie das uns bekannte Internet und das die gleichen Konsequenzen nach sich zog. In Eschbachs Alternativwelt ist die Entwicklung von Smartphones, bargeldlosem Zahlen per Handy, Handyortung bereits vor der Machtergreifung Hitlers vorhanden. Dabei verknüpft der Autor historische Fakten der deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 mit der Technologie des Internets und Mobiltelefone unserer Zeit. Aufgrund der totalen Überwachung können alle Geldströme lückenlos nachverfolgt werden. Niemand kann sich mehr verstecken und dem Zugriff von SS und Wehrmacht entziehen.

Programmieren ist Frauensache!
Die Aufgabe, die eigene Bevölkerung flächendeckend zu überwachen ist die Aufgabe des NSA, des Nationalen Sicherheitsamtes, in dem die junge Helene Bodenkamp als Programmstrickerin arbeitet. Programme werden gestrickt, denn Programmieren ist Frauensache. Hier geht sie 1942 in Weimar ihrer Arbeit nach, ohne viel über die Konsequenzen nachzudenken. Das Buch startet sehr verstörend mit einem Szenario, in dem der Autor gleich historisch bekannte Ereignisse mit einbaut. Ein von Helene entwickeltes Programm wird getestet. Mit Hilfe von Datenabgleichen werden mittels Kontobewegungen und Kalorienverbrauchstabellen eventuelle Verstecke von untergetauchten Personen ausfindig gemacht. Das Programm wird Heinrich Himmler vorgestellt und als zu demonstrierende Stadt zufällig Amsterdam ausgewählt. Als dadurch jüdische Familien wie die von Anne Frank aufgespürt und deportiert werden, merkt Helene bestürzt zum ersten Mal, was sie mit ihren herausragenden Programmierkünsten anrichtet. Ihr Vorgesetzter, der Analyst Eugen Lettke verfolgt mit den Kenntnissen, die er aus den Datenabfragen ziehen kann, seine persönlichen Interessen.

Misogynie und Fahnenflucht
Danach wird erstmal das Tempo rausgenommen und in einem Rückblick die historische Entwicklung bis etwa 1938 dargestellt. In über 200 Seiten werden auch unsere Hauptfiguren Helene und Eugen ausufernd vorgestellt und wir erfahren alles über ihre Kindheiten und wie sie zum NSA gekommen sind. Für meinen Geschmack war dieser Erzählstrang viel zu lang. Helene Bodenkamp, Tochter eines Arztes ist gezeichnet als das klassische Klischee der grauen Maus. Bescheiden, naiv, mit analytischem Verstand besitzt sie ein großes Talent zum Programmieren. Eugen Lettke ist der Antagonist, er ist durchtrieben, menschenverachtend und ein brutaler Sadist mit Mutterkomplex. Seit er in seiner Jugend von einer Gruppe junger Mädchen gedemütigt wurde, ist er auf Rache aus. Sein Job bei der Behörde ermöglicht es ihm, diese Frauen aufzuspüren, kompromittierende Geheimnisse herauszufinden, sie damit zu erpressen und zum Sex zu zwingen. Dabei wird oft erwähnt, dass der Opportunist kein ideologisch überzeugter Nazi ist, ihm geht es nur um seine zutiefst misogyne Rache an den Frauen. Die vielen Vergewaltigungsszenen waren für mich schwer zu ertragen und dienten nach meinem Empfinden lediglich dem Schockeffekt. Eschbach, der die Handlung in der dritten Person abwechselnd von Helene und Eugen berichtet, wählt in den Fällen sexueller Gewalt grundsätzlich die Täterperspektive. Dabei fand ich Formulierungen wie „es jemanden besorgen“ oder „jemand hart ran nehmen“ problematisch.

Die schüchterne, unpolitische Helene, die sich bisher fraglos in das vorgeschriebene Rollenmuster eingefügt hat, lernt einen Mann kennen und verliebt sich. Als dieser Arthur Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, regen sich bei ihr Zweifel am System und sie hilft ihm. Da es für das NSA ein leichtes wäre, ihn ausfindig zu machen, braucht Helene ihren ganzen Mut und ihre Intelligenz, um das zu verhindern. Ihre dem Nationalsozialismus ergebenen Eltern setzen allerdings alles daran, sie mit einem SS-Offizier zu verkuppeln. Dieser Ludolf von Argensleben, ein überzeugter Antisemit wird derart ekelerregend mit körperlichen Deformationen beschrieben, dass ich nur mit dem Kopf schütteln konnte. Als sich Eugen Lettke die Gelegenheit bietet, verwickelt er Helene in seine Machenschaften und sie wird zu Geheimprojekten höchster Priorität hinzugezogen. Diese hat keine andere Wahl, wenn sie verhindern will, dass ihr Geliebter auffliegt und exekutiert wird.

Fazit
Andreas Eschbach, der vor allem durch seinen Thriller „Das Jesus-Video“ und der Fortsetzung „Der Jesus-Deal“ bekannt wurde, behandelt in seinem kontrafaktischen Roman ein erschreckendes Gedankenexperiment, was passiert wäre, wenn die Welt ebenso vernetzt gewesen wäre, wie sie es heute ist, mit all den Konsequenzen für Kommunikation, Überwachung, Konsum und Politik. Das macht „NSA“ phasenweise zu einer durchaus beklemmenden Lektüre, die für mich jedoch mit fast 800 Seiten einige Längen aufwies. Dabei fand ich seine deutschen Entsprechungen für uns bekannte Worte im Zusammenhang mit digitaler Technik durchaus passend. Das Internet ist das Weltnetz, Computer heißen Komputer und Server Datensilos. Es gibt schnurlose Telefone, genannt Volkstelefone oder kurz VoTels und E-Mails sind Elektrobriefe. Dabei sind Sprache und Erzählstil eher schlicht und wenn es um die Liebesgeschichte geht, zum Fremdschämen. Die Charaktere waren mir zu stereotypisch gestaltet, die Handlung stellenweise zu rührselig oder platt und dadurch wurde das Potential der Grundidee nicht ausgenutzt. Das größte Problem war für mich, dass die Grausamkeiten der Nationalsozialisten leider nur dem vordergründigen Thrill dienten sowie die größten Verbrechen unserer Geschichte perfide ausgeschlachtet wurden und ich das Gefühl nicht los wurde, dass sich an dem Leid der Opfer bedient wurde.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

NSA Nationales Sicherheits-Amt | Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 28.02.2020 im Lübbe Verlag
ISBN 978-3-4041-7900-8
800 Seiten | 14,90 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Genrespezials Alternativweltgeschichten.