Kategorie: Thriller

Garry Disher | Zuflucht

Garry Disher | Zuflucht

Fünfzehn Minuten. Zu lange – es war an der Zeit zu verschwinden. Dann blieb ihre Aufmerksamkeit auf dem Drucker neben Brittons Schreibtisch hängen, einem klobigen Laserdrucker/Scanner/Kopierer. Im schmalen Strahl ihrer Taschenlampe wirkte er verstaubt. Sie klappte den Deckel auf. Auf dem Glas lag nichts. Aber in der Schublade lag ein Stapel Druckerpapier. Sie blätterte ihn durch; heraus fiel ein beschrifteter Umschlag. Passwörter, Telefonnummern und Mailadressen. Und der Code für den Safe.  (Auszug S. 160)

Garry Disher ist den Krimikennern natürlich schon länger ein Begriff, sowohl als Autor von langjährigen Krimireihen als auch von einzelnen eigenständigen Romanen. Eine seiner herausragenden Figuren ist sicherlich Wyatt. Ein Mann ohne Vornamen, ein einsamer, intelligenter Gangster, nicht gierig, sondern akribisch, soziale Kontakte um jeden Preis vermeidend. Nun erschafft Disher in „Zuflucht“ ein weibliches Pendant. Grace ist eine Meisterdiebin, nach einigen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit solo unterwegs, immer auf der Hut und in Bewegung. Doch eigentlich ist sie sehr einsam und sehnt sich nach einem Platz, an dem sie sich ohne Sorgen zurückziehen kann – einem Zufluchtsort.

Zu Beginn des Romans befindet sich Grace auf der Suche nach einer Gelegenheit bei einer Briefmarkenausstellung in Brisbane, als sie auf Adam aufmerksam wird, der sich ebenfalls unter den Teilnehmern befindet. Adam ist eigentlich ein alter Freund, sie waren gemeinsam bei Pflegeeltern untergebracht, wurden gemeinsam zu Dieben, eher sie auseinandergebracht wurden und nicht im Guten auseinandergegangen sind. Nun gerät Grace in Hektik, will nicht auf Adam treffen und flüchtet aus Brisbane. Sie beginnt eine längere Tour durch Australiens Südosten und landet schließlich im beschaulichen Kleinstädtchen Battenburg nördlich von Adelaide.

Ein beschaulicher Ort, in dem man es aushalten kann. Durch Zufall gelangt Grace in den Antiquitätenladen von Erin Mandel, die zufällig eine Aushilfe sucht. Grace lässt sich darauf ein, zieht sogar in einer Einliegerwohnung von Erin. Zu ihrer Chefin, die selbst etwas verbirgt, sich zurückhaltend und fast ängstlich verhält, entwickelt sie dennoch rasch ein freundschaftliches Verhältnis. Doch sie bleibt vorsichtig, öffnet sich nicht gegenüber Erin, will sich weitere Mittel verschaffen, plant einen weiteren Coup. Währenddessen verschafft Disher dem Leser weitere Perspektiven: Wir begleiten Adam Garrett bei seinen aktuellen zwielichtigen Geschäften und wie er insgeheim sein Netzwerk aktiviert, um Grace aufzuspüren. Zudem begegnet uns Brodie Hendren, ein äußerst unangenehmes Exemplar toxischer Männlichkeit, der Nazi- und Serienmörderdevotionalien unklarer Herkunft im Netz vertickert und nebenbei voller Rachegelüste seine Ex-Frau aufspüren will. Schließlich Desmond Liddington, Polizist kurz vor der Pensionierung, der gerne noch zum Abschluss einem einflussreichen Unternehmer mit nicht ganz sauberen Methoden das Handwerk legen würde.

Ohne viel zu spoilern, ahnt der geneigte Leser schon, dass sich die Wege dieser Personen in der pittoresken Weinbauregion nördlich von Adelaide begegnen werden. Wie oft bei Disher spinnt der Autor ein feines Netz von Haupt- und Nebensträngen des Plots, die sich am Ende wie von Zauberhand zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Disher entwirft hier spannende Figuren, deren Leben und Vergangenheit nach und nach offenbart werden, und die in einem spannenden Showdown von ebendieser Vergangenheit eingeholt werden und hart aufeinanderprallen werden. Disher hält sich diesmal in Sachen australischer Gesellschaftsstudie zurück, sondern präsentiert einen handwerklich exzellenten Thriller bzw. einen modernen Gangsterroman. Immer wieder faszinierend, wie stilsicher und mit gleichbleibender Qualität der inzwischen 77jährige Australier regelmäßig sein Gesamtwerk erweitert. Möge das noch viele Jahre so weitergehen.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Zuflucht | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-293-00624-9
329 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Sanctuary | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Ganz viele Rezensionen zu exzellenten Romanen von Garry Disher

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Wenn sie richtig gerechnet hatte, waren inzwischen fünf Tage vergangen. Das Säuseln der Lüftungsrohrs half ihr beim Zählen. Mal war es stärker, mal schwächer, wie der entfernte Ton eines Blasinstruments. Gegen Abend flaute der Wind immer ab, dadurch behielt sie den Überblick.
Es ging ihr so schlecht, dass sie es nicht mehr schaffte, von der Matratze aufzustehen. Zum ersten Mal im Leben merkte sie, was Schwerkraft eigentlich bedeutete – es war die brutale Macht, die sie zu Boden drückte.  (Auszug E-Book Pos. 1947)

Im Mai 1993 findet ein geistig behinderter Mann eine nackte Frauenleiche in einem Bachbett im schwedischen Halland nahe Falkenberg. Der zuständige Kommissar Björlind muss sich in einem sehr schwierigen Fall zurechtfinden: Die junge Frau bleibt unidentifiziert. Sie wurde erwürgt und ist sehr abgemagert. Offenbar wurde sie vorher lange Zeit festgehalten und erhielt zu wenig zu essen. Von der Zentrale in Stockholm erhält Björlind Unterstützung durch die junge Beamtin Johanna, doch der Fall erweist sich als äußerst zäh. Kurze Zeit später plant Malin, Björlinds 17jährige Tochter, ein Wochenende in der Wildnis mit ihrem Freund Mattias. Sie leihen sich ein Kanu aus und zelten in der Natur. Malins Vater glaubt, sie verbringt das Wochenende bei einer Freundin. Als sie sonntags nicht nach Hause kommt und die Freundin zugibt, nur als Alibi gedient zu haben, ist es schon zu spät. Malin und Mattias sind verschwunden.

Carl-Johan Vallgren ist ein erfahrener schwedischer Autor, der vor etwa zehn Jahren ins Krimigenre wechselte und mit „Deine Zeit wird kommen“ vor zwei Jahren den schwedischen Krimipreis gewann. Sein Roman bewegt sich an der Grenze zwischen Polizeiroman und Thriller. Es wird einerseits die Polizeiarbeit begleitet, anderseits erhält der Roman durch die zeitkritische Suche nach der Vermissten und Szenen mit dem Täter deutliche Thrillerelemente. Regelmäßig wechselt die Perspektive zwischen Björlind, Johanna, Malin und weiteren Personen. Lange Zeit bleibt offen, wer der Täter ist, allerdings fällt dem geübten Leser schnell auf, dass bestimmte Personen nur als Finte in den Blickpunkt geraten.

Der Autor greift unverkennbar auf klassische Elemente der nordischen Krimitradition zurück: Einbetten in einen reizvollen, provinziellen Schauplatz mit dafür untypischen brutalen Verbrechen und persönlich involvierte bzw. mental angeschlagene Ermittler. In diesem Fall wird schnell klar, dass Björlind durch den Krebstod seiner Frau psychisch extrem angeschlagen ist, er sieht sie sogar und spricht mit ihr. Das Verschwinden seiner einzigen Tochter verschärft seinen Zustand noch maximal. Auch Johanna hat ihr Päckchen zu tragen, kommt sie offenbar mit sehr gemischten Gefühlen zurück nach Falkenberg, von wo sie nach ihrem Abschluss schnell fortgegangen ist. Ihre Probleme werden im Gegensatz zu Björlinds erst nach und nach enthüllt.

„Deine Zeit wird kommen“ ist ein Thriller, der vor allem durch den südschwedischen Schauplatz und auf psychologischer Ebene mit der Trauerbewältigung des Kommissars überzeugt. Der Plot ist eher konventionell und manchmal vielleicht eine Spur zu routiniert. Insgesamt ein gelungener, klassischer von viel Schwermut getragener, schwedischer Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Deine Zeit wird kommen | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47551-5
352 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-518-78667-3 | 15,99 €
Originaltitel: Din tid kommer | Übersetzung aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Deon Meyer | Der Tag des Skorpions (Band 10)

Deon Meyer | Der Tag des Skorpions (Band 10)

Die nächste Polizeiwache war Kapstadt Zentral, unten in der Buitenkantstraat. Griessel wusste: Auch wenn er jetzt anrief, würden die Kollegen nicht rechtzeitig hier sein. Er musste etwas unternehmen. Äußerst vorsichtig, denn es waren zu viele Leute hier im Einkaufszentrum. Griessel schob die Hand unter seine Jacke zur Dienstpistole rechts in seinen Gürtel. Er verließ die Schlange und ging langsam auf den Mann zu. Stellte sich neben ihn. (Auszug Seite 20)

Im mittlerweile 10. Band um das Ermittlerduo Bennie Griessel und Vaughn Cupido sind die beiden Kollegen und Freunde endlich rehabilitiert. Sie dürfen wieder als Captains ihrer Arbeit nachgehen, allerdings weiter unter ihrem alten Chef in der Provinz Stellenbosch bei Kapstadt. Dabei beschäftigen sie sich mit zwei Fällen, die zunächst kaum greifbar erscheinen. Zuerst explodiert auf einem Weingut eine Schäferhütte und die Zeugenaussagen geben Rätsel auf. Sie berichten von eigenartigem Lichtschein kurz vor der Explosion. Cupido ist genervt, dass er sich jetzt auch noch um lapidare Brandstiftung kümmern soll. Doch dann kommt bei einer weiteren Explosion in einem Wohnwagen ein Mann ums Leben. Und wieder wollen mehrere Augenzeugen unbekannte Flugobjekte gesehen haben. Bei einem weiteren Fall wird es persönlich. Brendon Maarmann, ein ehemaliger Polizist und Freund Cupidos, der zuletzt als Privatdetektiv arbeitete, wird tot in seiner Garage aufgefunden. Zunächst als tragischer Unfall eingeschätzt, denn Maarmann, der in seiner Freizeit gerne alte Fahrzeuge aufgearbeitet und danach verkauft hatte, liegt erdrückt unter einem grade fertiggestellten PKW. Einige Hinweise lassen die Polizisten allerdings an der Unfall-These zweifeln. Der bei  Freunden und Kollegen beliebte Maarmann war dafür bekannt, dass Sicherheit immer an erster Stelle stand.

Erst ziemlich zum Schluss gibt es Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag und dass die Fälle irgendwie zusammenhängen. In Südafrika bereitet man grade eine internationale Sicherheitskonferenz vor.  Ein politisches Großereignis, bei dem sich Vertreter der BRICS-Staaten in Stellenbosch treffen. Meyer gelingt es, die Spannung kontinuierlich zu steigern.  In einem rasanten Finale versuchen Bennie und Vaughn, ein mögliches Attentat zu verhindern.

Dieser 10. Band setzt noch weniger auf spektakuläre Action-Szenen als die vorherigen Bände, dafür mehr auf beharrliche, mühsame Polizeiarbeit. Zeugen müssen aufgesucht und befragt sowie Spuren nachgegangen werden, die sich oftmals als Sackgassen erweisen. Dieser zähe, frustrierende Prozess des Ermittelns plus falsche Fährten macht den Roman glaubwürdig. Die Charaktere, allen voran unsere Helden sind lebendig, weil fehlerhaft und dadurch menschlich. Während Bennie sich um ein besseres Verhältnis zu seinen Kindern aus erster Ehe bemüht, schiebt Cupido den Heiratsantrag immer wieder vor sich her. Auch die anderen Figuren gewinnen an Tiefe, da ihre Motive nachvollziehbar beschrieben werden.

Wie in vielen seiner Thriller verbindet Meyer auch diesmal den Krimiplot sowie die privaten Freuden und Probleme seiner beiden Hauptfiguren eng mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im gegenwärtigen Afrika. Seine Thriller sind auch immer eine ungeschminkte Kritik an den Zuständen in Südafrika. Es geht um ungezügelte Korruption, aber auch um moralische Themen wie Rache und Selbstjustiz. Dabei ist Meyer nie belehrend.

In die Geschichte eingestreut und kursiv hervorgehoben sind Teile eines Zeitungsinterviews mit Bennie Griessel. Eine Journalistin hatte ihn intensiv über seine 30 Berufsjahre befragt. Zugegeben haben mich diese Passagen immer wieder aus der Geschichte rausgebracht. Trotzdem ist „Der Tag des Skorpions“ ein großes Lesevergnügen, mit einem anspruchsvollen,  fesselnden Plot, bei dem am Ende wieder alle Handlungsstränge zusammengeführt werden. Und natürlich garantieren die trockenen Dialoge unserer beiden Helden immer wieder für Auflockerung in der Handlung.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Tag des Skorpions | Erschienen am 15. April 2026 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-01026-2
512 Seiten | 24,00 Euro
Originaltitel: Scorpio | Übersetzung aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zur Bennie Griessel-Reihe bei Kaliber.17

Megan Abbott | El Dorado Drive

Megan Abbott | El Dorado Drive

Das standen sie nun unbehaglich im Raum, diese Worte. Fingen nicht alle beunruhigenden Unterhaltungen so an? Eine neue Diät, eine neue Religion, ein neuer Mann (Der hat mich wirklich umgehauen!). All diese Dinge, die Frauen ihren Freundinnen mit dem Eifer einer Bekehrten erzählten. Und die immer nur Ärger machten.
„Ich weiß, wie sich das anhört“, sagte Pam und las ihre Gedanken. „Aber hör mir mal zu.“  (Auszug S. 66)

Die drei Bishop-Schwestern Debra, Pam und Harper sind in Grosse Point, einem Vorort von Detroit, wohlbehütet in einem wohlhabenden Elternhaus aufgewachsen. Doch der Niedergang der amerikanischen Automobilindustrie hat auch ihre Familie hart getroffen, der Reichtum schwand rasch, plötzlich muss man sich Sorgen um Geld und die Zukunft machen. Mittlerweile (Ende der Nullerjahre) sind die Schwestern in den Vierzigern und leben einen fragilen, abgespeckten Rest-Wohlstand auf Pump. Debras Mann ist schwer krank, Pam streitet erbittert mit ihrem Ex-Mann Doug um Geld für die beiden gemeinsamen, fast erwachsenen Kinder und Harper ist nach einer gescheiterten heimlichen Beziehung mit einer Frau einsam und desillusioniert.

Harper ist Reitlehrerin und verbringt den Sommer auf einem Hof, weit entfernt von Detroit. Als sie zurückkehrt und bei ihrer Schwester Pam einzieht, hat sich etwas verändert. Ihre Schwestern sind aufgekratzt, optimistischer, plötzlich scheint Geld da zu sein. Pam weiht sie schließlich ein: Sie sind einem neuen Frauenclub beigetreten – „Das Rad“. Ziel des Clubs: Gemeinsame Treffen und Partys, Empowerment und die Möglichkeit, viel Geld zu verdienen. Sie muss lediglich 5.000 Dollar Eintrittsgebühr aufbringen, die sie aber später vervielfacht zurückerhält. Harper ist skeptisch, lässt sich aber dann doch mitreißen. Doch ihr bleibt natürlich nicht verborgen, was dieser Club tatsächlich ist: Ein simples Schneeballsystem, das davon lebt, das ständig von unten neue Frauen hinzukommen. Und irgendwann wird Pam in ihrem Haus ermordet aufgefunden.

Wenn sie an bröckelnden Pilastern und rußigen Wasserspeiern vorbeifuhr, machte das Harper jedesmal traurig und fassungslos. Die Stadt wird wieder auferstehen, pflegte ihr Vater bei einem Gin Tonic im Club immer zu verkünden, als hätten er und seinesgleichen bei deren Schicksal keine Rolle gespielt. In der Familie wurde nicht über Politik gesprochen, schon gar nicht über Rassismus, aber man konnte dort, wo sie aufwuchsen, nicht groß werden, ohne eine Sensibilität für die Geschichte von Ausplünderung und Vernachlässigung, von Ausbeutung und Verlassenheit zu entwickeln. (Auszug S. 355)

Die amerikanische Noir-Autorin Megan Abbott hat inzwischen in Deutschland beim bislang eher maskulin geprägten Verlag Pulp Master eine feste Heimat gefunden. „El Dorado Drive“ ist bereits der vierte Roman der Autorin beim Verlag. Sie passt auch deshalb so gut ins Programm, weil der Verlag schon immer zielsicher hervorragende Romane über die dunkle Seiten Amerikas herausgebracht hat. In ihrem aktuellen Roman kann Abbott aus eigener Erfahrung schöpfen, ist die Autorin doch in Detroit geboren und studierte später an der University of Michigan. Detroit und Umgebung, früher das Herz der amerikanischen Industrieproduktion, dann extrem stark vom Produktionsrückgang betroffen, hervorgerufen durch große industriepolitische und unternehmerische Fehlentscheidungen. Die Stadt hat seit den 1960ern war als die Hälfte ihrer Einwohner verloren, Verfall, Leerstand oder Brachen prägen inzwischen ganze Stadtteile in unmittelbarer Nähe zur Innenstadt. Immer wieder gibt es Versuche zu Renaissance, doch dies gelingt, wenn überhaupt, nur punktuell. Detroit bildet insofern den perfekten Background für diesen seltsamen Frauenclub. Über „Das Rad“, ein mehrdeutiger Begriff, wollen die Frauen endlich wieder am Glücksrad drehen oder die Zeit zu besseren Verhältnissen zurückdrehen. Was nach Empowerment, Selbstbestimmtheit und netten Partys unter Frauen aussehen soll, ist aber in Wahrheit ein abgekartetes System, bei dem sich einige wenige auf Kosten vieler bereichern wollen.

Megan Abbott erzählt dies alles aus der Perspektive der jüngsten Schwester Harper, die einzige Alleinstehende der drei Schwestern. Sie steht als lesbische Frau ein wenig außen vor, doch auch sie drücken Schulden, ausgerechnet bei ihrem Ex-Schwager Doug, weshalb auch sie dem Club beitritt. Die Autorin versteht es hervorragend die Dynamiken zwischen den Frauen zu erfassen, sowohl zwischen den Mitgliedern des Clubs als auch innerhalb der Familie Bishop. Am „El Dorado Drive“ (Pams Adresse) werden verzweifelt Träume nach längst vergangenen, goldenen Zeiten gehegt. Die Frauen verkörpern den bröckelnden amerikanischen Traum, der Wohlstand schwindet zusehends oder ist auf Schuldenbergen gebaut. Man schwankt zwischen Verzweiflung, Desillusionierung, familiärer Loyalität, Hoffnung und Gier. Für die Leser ist zudem interessant, dass sie dabei nicht auf einen Whodunnit verzichten müssen. Es bieten sich bis zum Schluss mehrere Täter:innen an, auf den letzten Seiten vollzieht die Geschichte noch einige Wendungen. Insgesamt überzeugt Megan Abbott erneut mit einem intensiven Einblick in die Problemzonen der amerikanischen Gesellschaft und hinterfragt die Grenzen von Schwesterlichkeit in Zeiten finanzieller Not.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

El Dorado Drive | Erschienen am 11.05.2026 bei Pulp Fiction
ISBN 978-3-946-58229-8
427 Seiten | 18,- €
Originaltitel: El Dorado Drive | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Peter Hammans
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Megan Abbotts „Wage es nur!“

Don Winslow | The Final Score

Don Winslow | The Final Score

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Kurzgeschichten, aber wenn ein Ausnahmeautor wie Don Winslow seine schriftstellerische Rente unterbricht und eine Sammlung von 6 Kriminalnovellen vorlegt, bin ich dabei! Zwei Jahre nach seinem angekündigt letztem Buch „City in Ruins“, dem Abschlussband der „City-Trilogie“ und einige Zeit nach seiner ersten Novellensammlung „Broken“ zeigt Winslow seine ganze literarische Bandbreite und Vielseitigkeit. Jede der sechs Storys beleuchtet eine andere Facette des kriminellen Lebens. Die meisten sind so um die vierzig Seiten, die umfangreichste hat fast hundert Seiten.

„Die Sonntagsliste“ entführt uns in die frühen 1970er Jahre nach Rhode Island in ein vom Tourismus lebendes Fischerörtchen und glänzt mit viel Nostalgie. Sonntags darf kein Alkohol verkauft werden, aber es gibt eine geheime Liste mit den Namen durstiger Kunden, die das Wochenende ohne Alkohol nicht überstehen. Nick McKenna liefert für einen Spirituosenladen hier jeden Sonntag nicht ganz legal Hochprozentiges an höchst unterschiedliche Kunden aus. Der clevere Teenager will sich so das Geld für die Universität verdienen. Sein Traum von einer möglichen besseren  Zukunft fernab seiner Hippie-Eltern gerät durch das Zusammentreffen mit einigen Kunden ins Wanken.
Nachdem der Nichtsnutz Chrissy Pritchett betrunken einen Autounfall verursacht, bei dem eine junge Frau stirbt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein integrer, aufstrebender Streifenpolizist, versucht alles, um ihm ein schweres Schicksal zu ersparen. Damit sein labiler Cousin seine Strafe in Sicherheit absitzen kann, will er ihm einen Platz im Nordflügel des Gefängnisses verschaffen und erwägt sogar, sich dafür mit der Mafia einzulassen.

„True Story“ ist eine in reine Dialogform gegossene Erzählung, in dem zwei Männer sich in einem Diner unterhalten. Auch wenn die ständigen Namensverwechslungen mich teilweise amüsiert haben und die Szene an „Pulp Fiction“ erinnert hat, ist dieses dialoglastige Kammerspiel für mich die schwächste Geschichte.

Im charmanten „Lunch Break“ gibt es ein Wiedersehen mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“). Daniels und seine Surfer-Crew sollen eine verwöhnte Hollywood-Diva beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh, eine drogenkonsumierende Nervensäge macht ihnen das Leben schwer, wird auch noch von einem Stalker verfolgt.

„Kollisionen“ und das titelgebende „The Final Score“ sind die längsten Storys und noch am eindeutigsten als Kriminalgeschichten zu titulieren. In „The Final Score“ plant der Berufsverbrecher John Highland einen letzten großen Coup. Er ist auf Kaution frei,  bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Der geplante Raub eines Casinos, das Kartellgelder wäscht, ist eigentlich ein unmöglicher Coup. Highland stellt eine Crew zusammen und demonstriert  ihnen seinen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Plan, der so gewaltfrei wie möglich verlaufen soll. Die spannende Heist-Story bietet unerwartete Wendungen im besten „Ocean‘s Eleven“ Stil.

In „Kollisionen“ gerät der erfolgreiche Hotelmanager Brad McAllister in einen Streit, bei dem er einen anderen Mann schlägt. Als dieser unglücklich fällt und verstirbt, muss McAllister sich vor Gericht verantworten. Der glücklich verheiratete Mann und Vater eines kleinen Jungen wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis tut er alles, um zu überleben und zu seiner kleinen Familie zurückzukehren.

Jede dieser sechs Novellen ist fesselnd und besitzt ihren ganz eigenen Charme. Alle Geschichten werden im gewohnt schnörkellosen, unverwechselbaren Winslow-Stil erzählt, in dem kein Wort zu viel scheint und der sich oft in den scharfen Dialogen widerspiegelt. Auch auf den wenigen Seiten besitzen seine Charaktere Tiefe, machen Entwicklungen durch, wodurch man mit ihnen bangt. Don Winslow beherrscht aufgrund seines präzisen Schreibens auch diese literarische Form, seine Geschichten sind trotz der komprimierten Gestalt emotional und erreichen eine tiefe Intensität. In den sechs Geschichten dominieren Mobster-Themen, es geht um Verbrechen, Schuld, Erlösung und Loyalität, eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen politischen Klima in den USA wie noch in „Broken“ sucht man allerdings vergebens.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

The Final Score | Erschienen am 27.01.2026 bei HarperCollins
ISBN 978-3-3650-1337-3
336 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Final Score | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow auf Kaliber.17