Kategorie: Thriller

Chris Pavone | Der Portier

Chris Pavone | Der Portier

Das „Bohemian“ ist ein (fiktives) Appartementhaus am Central West Park in der Nähe der „Strawberry Fields“ (Ähnlichkeiten zum „Dakota Building“ sind sicherlich gewollt). Das Gebäude aus dem 19.Jahrhundert ist eine Institution in New York und immer noch eine der ersten Adressen der Stadt mit den teuersten Wohnungen. Zwölf Geschosse, exklusive Apartments unterschiedlicher Größe, von einem kleinen „Burggraben“ umgeben, mit schmiedeeisernem Zaun. Eine strenge Eigentümergesellschaft (weiß, überwiegend älteren Semesters) wacht über die hier und da durchaus fragwürdigen Traditionen des Hauses. Der Hausverwalter Olek (ein undurchsichtiger Ukrainer) wacht über die zahlreichen Angestellten des Hauses, ausnahmslos Latinos oder Schwarze. Unter ihnen ist auch Chicky Diaz.

Chicky vergisst niemals den Namen eines Bewohners oder eines Enkels, der zu Besuch ist, oder eines engen Freundes oder einer „Freundin“. Nie meldet er sich krank, macht früher Feierabend oder kommt zu spät. Außerdem beschwert er sich nicht und verdreht auch nicht die Augen, wenn man einen unsinnigen Wunsch an ihn richtet, was häufig vorkommt. Er ist stets geduldig und immer freundlich. Und verbreitet gnadenlos gute Laune.
Zumindest bis jetzt. (Auszug S.14)

Chicky ist einer der drei Hauptpersonen, aus deren Perspektiven der Roman erzählt werden. Er ist Puertoricaner, 50, Witwer mit erwachsenen Kindern. Der frühe Krebstod seiner Frau und die Ausbildung seiner Kinder ist auch der Grund, warum Chicky inzwischen hochverschuldet ist. Er arbeitet schon lange als Portier im Bohemian, ist ein äußerst zuverlässiger und diskreter Mitarbeiter. Doch seine Schulden zwingen ihn, Nebenjobs anzunehmen, die in nicht ganz so exklusiven Kreisen stattfinden.
Julian Sonnenberg ist einer der Eigentümer. Er bewohnt Apartment 2A – eine im Vergleich zum Rest des Hauses eher bescheidene Wohnung – mit Frau und fast erwachsenen Kindern, ist Mitte 40 und Jude.

Julian ist Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft, muss sich vielen konservativen Ansichten der Miteigentümer teilweise beugen. Er ist Teil der New Yorker Kunstszene, Mitinhaber einer früher erfolgreichen Galerie, jetzt plagen ihn ein paar Geldsorgen. Allerdings plagt ihn noch etwas anderes, eine Art Midlife Crisis und zudem offenbar auch eine Diagnose seines Arztes. Zum Miteigentümer und Inhaber eines Rüstungsunternehmens Whitaker Longworth verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Dessen Ehefrau Emily (geborene Merriweather) ist sowas wie die „gute Seele“ des Hauses, freundlich und zugewandt zu jedermann. Mitte 30, Mutter kleiner Kinder, Kunstberaterin und linksliberal – und damit ein krasser Gegensatz zu ihrem Mann Whit, der sich in äußerst konservativen Kreisen aufhält und vor rassistischen und homophoben Beleidigungen nicht zurückschreckt. Aber er war halt eine äußerst gute Partie, was Emily inzwischen allerdings durchaus bereut, doch ihren Lebensstil mag sie dann doch. Sie hat aber ein intaktes soziales Gewissen und engagiert sich in einer Tafel in Harlem, wobei sie allerdings merkt, dass Klassengrenzen sich nur schwer überwinden lassen.

Alle Männer der Familie Merriweather waren davon überzeugt, dass sie sich ihr Glück im Leben selbst erarbeitet hatten. Nie hielten sie inne, um sich die eine Frage zu stellen: War es wirklich Erfolg, wenn jeder, den man kannte, genauso erfolgreich war wie man selbst? War es wirklich eine persönliche Leistung?
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das war ein beliebter Ausspruch von Menschen, die Glück gehabt hatten. (Auszug S.432)

Soweit die Figurenkonstellation. Das Spannungselement wird im Prolog eingeführt: Es gab einen toten Schwarzen bei einem Polizeieinsatz. Nun sind Demonstrationen angekündigt, die Stimmung in New York ist angeheizt, mit Ausschreitungen ist zu rechnen. Auch das Bohemian wappnet sich, die Portiers sind besonders aufmerksam und ausnahmsweise bewaffnet. Auch Chicky, der abends die Position vor der Tür eingenommen hat und misstrauisch über die Lage grübelt. Und plötzlich kommt ein verdächtiger Pick-Up die Straße hochgefahren…

Das klingt nach einem waschechten Thriller, allerdings dauert es sehr lange, bis die Situation am Abend wieder aufgegriffen wird und der Roman tatsächlich zu einem Pageturner wird. Dazwischen begleitet ein allwissender Erzähler die Protagonisten durch den Tag, wirft immer wieder lange Blicke in ihre Vergangenheit und macht gerne Andeutungen über das, was im weiteren Verlauf noch passieren wird. Dabei wirft er einen intensiven und dichten Blick auf die New Yorker Gesellschaft. Die Figurenkonstellation kostet der Autor hinlänglich aus und gibt sowohl Latino-Gangstern und MAGA-nahen Milliardären als auch woken Liberalen einen mit. Das ist zumeist ziemlich unterhaltsam, macht aber die Einordnung ins Krimigenre schwierig, die eigentlich erst das letzte Fünftel des Romans erfüllen kann.

„Der Portier“ ist ein Roman, bei dem ich etwas andere Erwartungen hatte – mehr Thriller, mehr Pageturner. Letztlich waren es 4/5 Nabelschau auf (einen Ausschnitt der) New Yorker Gesellschaft und der Rest klassischer Thriller. Dennoch war ich mit dem Gelesenen ziemlich zufrieden und fühlte mich gut unterhalten. Der Roman bietet partiellen Thrill und zudem einen scharfsinnigen, manchmal zynischen und teilweise auch amüsanten Blick auf NYC.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Portier | Erschienen am 20.08.2026 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12137-4
555 Seiten | 22,90 €
Originaltitel: The Doorman | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Meine Schwester in ihrer aufgeräumten, pastellfarbenen Küche, einen Wischmop in der Hand. Ausgestelltes Kleid, eine Schürze um die Taille gebunden. Das Haar ist mit Haarspray fixiert und glänzt wie Porzellan. Ihr künstliches Lächeln in die Kamera. „Eine glückliche Familie beginnt mit einer glücklichen Frau – und die ist zu Hause“, verkündet der eingefrorene Untertitel. Es sieht aus, als hätten wir ein Werbeplakat der 50er-Jahre an die Wand des Konferenzraums geklebt. (Auszug E-Book Pos. 199 von 6013)

Das Thema Tradwives erhält aktuell viel Aufmerksamkeit. Eine Tradwife, also eine Frau, die sich bewusst für ein extrem konservatives und patriarchales Rollenbild in der Ehe entscheidet, kümmert sich ausschließlich um den Haushalt sowie die Kindererziehung und verzichtet auf eine eigene berufliche Karriere. Wobei das rückschrittliche Frauenbild und die finanzielle Abhängigkeit, da der Mann als alleiniger Versorger dient, von den Anhängerinnen als bewusste Entscheidung und persönliche Freiheit verstanden wird.

Auch Vera Bucks neuester Thriller widmet sich dem Thema, ihre Protagonistin Lea lebt dieses Modell nicht nur, sondern ist auch eine der erfolgreichsten und bekanntesten Influencerinnen. Regelmäßig präsentiert sie auf Social-Media ihren traditionellen Alltag in den USA mit Ehemann Matt und Tochter Emma und versorgt ihre über zweieinhalb Millionen Follower mit Trad-Wife-Content, das heißt mit Rezepten und Haushaltstipps. Dabei inszeniert sie sich aus der bewachten Luxussiedlung Sancta Familia in Florida immer perfekt gestylt im Stil der 1950er Jahre.

Ihre ältere Schwester Paula lebt in Frankfurt als Unternehmensberaterin mit ihren drei wilden Söhnen und Ehemann Niko ein ganz anderes etwas chaotisches Leben. Dadurch haben die beiden Schwestern sich voneinander entfernt. Trotzdem macht Paula sich sofort Sorgen, als längere Zeit kein Video mehr von Lea veröffentlich wird und sie diese auch telefonisch nicht erreichen kann. Paula lässt alles stehen und liegen und fliegt nach Florida. Hier stellt sie erst Mal überrascht fest, dass es gar nicht so einfach ist, in die abgeschottete Gated Community, die auch noch mit der christlichen Kirche verwoben ist, reinzukommen. Paula traut Leas Ehemann Matt nicht, der ihr ausweichend versichert, diese würde sich ohne Handyempfang in einem Retreat ausruhen. Da sich auch die kleine Emma eigenartig verhält, beschließt Paula, nach ihrer Schwester zu suchen.

Die Suche nach Lea gestaltet sich spannend und natürlich gibt es den einen oder anderen Twist. Abwechselnd begleiten wir Paula als Ich-Erzählerin und in Rückblenden der sprunghaften Lea auf ihren Weg, ihr Glück in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung wieder im Heim am Herd zu finden. Leas Wunsch nach Sicherheit und Struktur hat sie nach einigen traumatischen Erlebnissen anfällig für Manipulation gemacht. Sie ist bereit, sich voll und ganz von der Gemeinschaft kontrollieren zu lassen, deren Ideal ein fundamental christliches Rollenbild zugrunde liegt.

Ein als Haushaltsbuch getarntes Tagebuch eröffnet eine zusätzliche Perspektive, aus der man einiges über die Entwicklung innerhalb der Ehe erfährt. Wie sich die Beziehung zu Ehemann Matt verändert und wie stark die Community Einfluss auf das Leben der Einzelnen hat, ist durchaus beklemmend beschrieben. Wie daraus schleichend Unterdrückung, Manipulation und häusliche Gewalt entstehen, ist realistisch dargestellt. Die Autorin wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der vermeintlich sorglosen Sancta-Familie, in der sektenähnlich Frauen eingesperrt und kontrolliert werden. Unterbrochen werden diese Passagen von Social-Media Transkripten, wobei vor allem die Kommentare unter den Beiträgen sehr authentisch wirken.

Vera Buck gelingt es, von Beginn an eine bedrückende, beängstigende Atmosphäre voll unterschwelliger Spannung aufzubauen. Der flüssige Schreibstil zieht einen sofort in die Geschichte hinein. Ungefähr zur Hälfte gibt es für mich einige Längen, bevor der Plot zum Schluss mit einigen überraschenden Wendungen noch mal sehr spannend wird. Vera Buck hat einen unterhaltsamen Psychothriller geschrieben, der die Auswirkungen solcher rückschrittlicher Rollenbilder aufzeigt und Gewalt an Frauen, physisch wie psychisch thematisiert.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Keine Angst, Darling | Erschienen am 03. August 2026 bei Lübbe
ISBN 978-3-751-79813-6
448 Seiten | 17,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Helena Falke | Noch fünf Tage

Helena Falke | Noch fünf Tage

Wäre es nicht fairer, wäre es nicht Karma, wenn ich mein Leben behalte? Spontanheilungen gab es doch schon immer. Ich fühle mich gesund, so gesund, dass die Idee nicht abwegig scheint. Viel abwegiger ist es, dass jemand, der auf westfälische Pumpernickel Appetit hat, bald nicht mehr da sein soll. Das ist kein Essen für Kranke. Vielleicht kann ich mir meine Gesundheit zurückholen. Erarbeiten, so wie ich es immer tat. (Auszug Seite 152)

Als die Spitzenköchin Lis Castrop in den frühen Morgenstunden des 1. Januars in einem Rettungswagen zu Bewusstsein gelangt, bekommt sie von den Sanitätern unbemerkt mit, dass sie aufgrund einer Vergiftung sterben wird und maximal noch fünf Tage zu leben hat. Die Fünfundvierzigjährige wird in eine Klinik in den Davoser Bergen gebracht. Hier erfährt sie, dass man Polonium-210 in den Speisen des von ihr zubereiteten Silvesterdinners fand. Der Unternehmer und Milliardär John Harman, für den Lis seit Jahren arbeitet, überlebte den Giftanschlag eben so wenig wie seine Frau und die beiden Kinder. Die Köchin scheint eine kleinere Dosis Gift erwischt zu haben, dennoch bleiben ihr nur wenige Tage. Lis wird als wichtige Zeugin von der Schweizer Polizei befragt und obwohl sie gleichzeitig Opfer des rätselhaften Verbrechens ist, gilt sie als Hauptverdächtige der Tat.

Wir erleben wie Lis verzweifelt, mit ihrem Schicksal hadert und resigniert. Das Wichtigste in ihrem Leben ist aber ihre Tochter Cosima und deren Zukunft hat oberste Priorität. Lis bleiben nur fünf Tage, um die Zwölfjährige auf ihren Tod und auf ein Leben ohne Mutter vorzubereiten. Die Köchin beginnt, von ihrem Sterbebett zu ermitteln, auch um sich zu rehabilitieren. Unerwartete Unterstützung erhält sie dabei von ihrer Pflegerin Esme. Die todgeweihte Ich-Erzählerin erzählt der Palliativschwester alles über die Stationen ihrer Karriere und ihre Erlebnisse mit ihren ehemaligen Arbeitgebern. Sieben Jahre lang arbeitet Lis Castrop für die Industriellenfamilie, nachdem sie in einem angesagten Londoner Gourmettempel als Spitzenköchin tätig war.

Um für ihre Arbeitgeber jederzeit verfügbar zu sein, lebte Lis mit ihrer Tochter auch mit in der prunkvollen Villa in Davos. Dabei war sie nicht nur die kreative Köchin der Schweizer Familie, sondern auch Vertraute, intelligente Ratgeberin und loyale Freundin. Um den Mörder zu finden, durchleuchtet sie ihre Beziehungen zu den Opfern nach möglichen Hinweisen und reflektiert Ereignisse. Dabei sind ihre Mittel natürlich begrenzt und ihre Kräfte schwinden, aber verzweifelt sucht sie in ihren Erinnerungen nach Anhaltspunkten, die als Mordmotiv gelten könnten. Alle Familienmitglieder waren sehr ambitioniert und verfügten über großes Potenzial, haben Lis über die Jahre aber auch ausgenutzt und gedemütigt. Die Köchin kennt ihre Stärken und Schwächen, ihre Verflechtungen sowie das Umfeld und hatte sich im Lauf der Zeit einen gewissen Einfluss erarbeitet. Lis‘ verbleibende Lebenszeit wird zu Anfang jedes Kapitels mit Tages- und Uhrzeiten detailliert angegeben.

Esme hat den Ausflug in die glamouröse Welt der Harmans und Monmouths genossen, fand es nett, ein bisschen Detektivin zu spielen, aber jetzt ist es ihr zu viel. Jetzt bin ich ihr zu viel und sie will mich sedieren. Ihre Ermittlungen lenken sie nicht mehr von ihrem eigenen Leben ab, sondern erinnern sie daran, dass es an das Leben dieser Leute nie herankommen wird. Esme hat aufgegeben. Ich nicht. Ich habe keine Wahl. Und ich will kein Schlafmittel. (Auszug Seite 201/202)

Wir tauchen tief ein in die Welt der gehobenen Sterneküche. Die extravaganten Kochkünste und kulinarischen Vorlieben, besonders der verwöhnter Milliardäre nehmen viel Raum ein, was beim Lesen schon mal den Appetit anregt. Auch die Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen sorgen für interessante Facetten. Unterbrochen werden diese Überlegungen von den wenigen Besuchern im Krankenhaus, deren Charakterisierungen eher blass ausfallen. Helena Falke, übrigens das Pseudonym einer preisgekrönten, deutschsprachigen Autorin, die sich das erste Mal im Krimi-Genre versucht, hat einen fesselnden Roman mit einem etwas konstruierten Plot erschaffen, der feine Gesellschaftskritik an der Welt der Superreichen und Sterneköche bietet.

Die Idee, dass ein Opfer, das nur noch wenig Zeit zu leben hat, seinen eigenen Mörder sucht, ist nicht neu. Zuletzt las ich den Jugendthriller „Not Quite Dead Yet“ von Holly Jackson. Aber im Gegensatz zu der jungen britischen Autorin verzichtet Helena Falke in „Noch fünf Tage“ auf Effekthascherei und bietet etwas mehr Tiefgang. Neben der Tätersuche geht es auch um existentielle Fragen, wie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterbeprozess. Dazu tragen die Gespräche mit der Pflegerin und der Sterbebegleiterin, einer sogenannten Death Dula bei, auch wenn die Themen nur angerissen werden. Die Geschichte einer Mutter, die, mit dem Wissen, dass sie sterben wird, ein letztes Mal für ihre Tochter kämpft, berührt. Der Roman ist dialoglastig, bietet keinen atemlosen, actionreichen Thrill, dafür verdichtet der gnadenlos runterzählende Countdown die Spannung. Weniger Thriller als Whodunnit lässt er den Leser miträtseln, wer diesen perfiden Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Noch fünf Tage | Erschienen am 21. April 2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-78579-9
308 Seiten | 20,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

Garry Disher | Zuflucht

Garry Disher | Zuflucht

Fünfzehn Minuten. Zu lange – es war an der Zeit zu verschwinden. Dann blieb ihre Aufmerksamkeit auf dem Drucker neben Brittons Schreibtisch hängen, einem klobigen Laserdrucker/Scanner/Kopierer. Im schmalen Strahl ihrer Taschenlampe wirkte er verstaubt. Sie klappte den Deckel auf. Auf dem Glas lag nichts. Aber in der Schublade lag ein Stapel Druckerpapier. Sie blätterte ihn durch; heraus fiel ein beschrifteter Umschlag. Passwörter, Telefonnummern und Mailadressen. Und der Code für den Safe.  (Auszug S. 160)

Garry Disher ist den Krimikennern natürlich schon länger ein Begriff, sowohl als Autor von langjährigen Krimireihen als auch von einzelnen eigenständigen Romanen. Eine seiner herausragenden Figuren ist sicherlich Wyatt. Ein Mann ohne Vornamen, ein einsamer, intelligenter Gangster, nicht gierig, sondern akribisch, soziale Kontakte um jeden Preis vermeidend. Nun erschafft Disher in „Zuflucht“ ein weibliches Pendant. Grace ist eine Meisterdiebin, nach einigen schlechten Erfahrungen in der Vergangenheit solo unterwegs, immer auf der Hut und in Bewegung. Doch eigentlich ist sie sehr einsam und sehnt sich nach einem Platz, an dem sie sich ohne Sorgen zurückziehen kann – einem Zufluchtsort.

Zu Beginn des Romans befindet sich Grace auf der Suche nach einer Gelegenheit bei einer Briefmarkenausstellung in Brisbane, als sie auf Adam aufmerksam wird, der sich ebenfalls unter den Teilnehmern befindet. Adam ist eigentlich ein alter Freund, sie waren gemeinsam bei Pflegeeltern untergebracht, wurden gemeinsam zu Dieben, eher sie auseinandergebracht wurden und nicht im Guten auseinandergegangen sind. Nun gerät Grace in Hektik, will nicht auf Adam treffen und flüchtet aus Brisbane. Sie beginnt eine längere Tour durch Australiens Südosten und landet schließlich im beschaulichen Kleinstädtchen Battenburg nördlich von Adelaide.

Ein beschaulicher Ort, in dem man es aushalten kann. Durch Zufall gelangt Grace in den Antiquitätenladen von Erin Mandel, die zufällig eine Aushilfe sucht. Grace lässt sich darauf ein, zieht sogar in einer Einliegerwohnung von Erin. Zu ihrer Chefin, die selbst etwas verbirgt, sich zurückhaltend und fast ängstlich verhält, entwickelt sie dennoch rasch ein freundschaftliches Verhältnis. Doch sie bleibt vorsichtig, öffnet sich nicht gegenüber Erin, will sich weitere Mittel verschaffen, plant einen weiteren Coup. Währenddessen verschafft Disher dem Leser weitere Perspektiven: Wir begleiten Adam Garrett bei seinen aktuellen zwielichtigen Geschäften und wie er insgeheim sein Netzwerk aktiviert, um Grace aufzuspüren. Zudem begegnet uns Brodie Hendren, ein äußerst unangenehmes Exemplar toxischer Männlichkeit, der Nazi- und Serienmörderdevotionalien unklarer Herkunft im Netz vertickert und nebenbei voller Rachegelüste seine Ex-Frau aufspüren will. Schließlich Desmond Liddington, Polizist kurz vor der Pensionierung, der gerne noch zum Abschluss einem einflussreichen Unternehmer mit nicht ganz sauberen Methoden das Handwerk legen würde.

Ohne viel zu spoilern, ahnt der geneigte Leser schon, dass sich die Wege dieser Personen in der pittoresken Weinbauregion nördlich von Adelaide begegnen werden. Wie oft bei Disher spinnt der Autor ein feines Netz von Haupt- und Nebensträngen des Plots, die sich am Ende wie von Zauberhand zu einem stimmigen Ganzen vereinen. Disher entwirft hier spannende Figuren, deren Leben und Vergangenheit nach und nach offenbart werden, und die in einem spannenden Showdown von ebendieser Vergangenheit eingeholt werden und hart aufeinanderprallen werden. Disher hält sich diesmal in Sachen australischer Gesellschaftsstudie zurück, sondern präsentiert einen handwerklich exzellenten Thriller bzw. einen modernen Gangsterroman. Immer wieder faszinierend, wie stilsicher und mit gleichbleibender Qualität der inzwischen 77jährige Australier regelmäßig sein Gesamtwerk erweitert. Möge das noch viele Jahre so weitergehen.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Zuflucht | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-293-00624-9
329 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Sanctuary | Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Ganz viele Rezensionen zu exzellenten Romanen von Garry Disher

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Wenn sie richtig gerechnet hatte, waren inzwischen fünf Tage vergangen. Das Säuseln der Lüftungsrohrs half ihr beim Zählen. Mal war es stärker, mal schwächer, wie der entfernte Ton eines Blasinstruments. Gegen Abend flaute der Wind immer ab, dadurch behielt sie den Überblick.
Es ging ihr so schlecht, dass sie es nicht mehr schaffte, von der Matratze aufzustehen. Zum ersten Mal im Leben merkte sie, was Schwerkraft eigentlich bedeutete – es war die brutale Macht, die sie zu Boden drückte.  (Auszug E-Book Pos. 1947)

Im Mai 1993 findet ein geistig behinderter Mann eine nackte Frauenleiche in einem Bachbett im schwedischen Halland nahe Falkenberg. Der zuständige Kommissar Björlind muss sich in einem sehr schwierigen Fall zurechtfinden: Die junge Frau bleibt unidentifiziert. Sie wurde erwürgt und ist sehr abgemagert. Offenbar wurde sie vorher lange Zeit festgehalten und erhielt zu wenig zu essen. Von der Zentrale in Stockholm erhält Björlind Unterstützung durch die junge Beamtin Johanna, doch der Fall erweist sich als äußerst zäh. Kurze Zeit später plant Malin, Björlinds 17jährige Tochter, ein Wochenende in der Wildnis mit ihrem Freund Mattias. Sie leihen sich ein Kanu aus und zelten in der Natur. Malins Vater glaubt, sie verbringt das Wochenende bei einer Freundin. Als sie sonntags nicht nach Hause kommt und die Freundin zugibt, nur als Alibi gedient zu haben, ist es schon zu spät. Malin und Mattias sind verschwunden.

Carl-Johan Vallgren ist ein erfahrener schwedischer Autor, der vor etwa zehn Jahren ins Krimigenre wechselte und mit „Deine Zeit wird kommen“ vor zwei Jahren den schwedischen Krimipreis gewann. Sein Roman bewegt sich an der Grenze zwischen Polizeiroman und Thriller. Es wird einerseits die Polizeiarbeit begleitet, anderseits erhält der Roman durch die zeitkritische Suche nach der Vermissten und Szenen mit dem Täter deutliche Thrillerelemente. Regelmäßig wechselt die Perspektive zwischen Björlind, Johanna, Malin und weiteren Personen. Lange Zeit bleibt offen, wer der Täter ist, allerdings fällt dem geübten Leser schnell auf, dass bestimmte Personen nur als Finte in den Blickpunkt geraten.

Der Autor greift unverkennbar auf klassische Elemente der nordischen Krimitradition zurück: Einbetten in einen reizvollen, provinziellen Schauplatz mit dafür untypischen brutalen Verbrechen und persönlich involvierte bzw. mental angeschlagene Ermittler. In diesem Fall wird schnell klar, dass Björlind durch den Krebstod seiner Frau psychisch extrem angeschlagen ist, er sieht sie sogar und spricht mit ihr. Das Verschwinden seiner einzigen Tochter verschärft seinen Zustand noch maximal. Auch Johanna hat ihr Päckchen zu tragen, kommt sie offenbar mit sehr gemischten Gefühlen zurück nach Falkenberg, von wo sie nach ihrem Abschluss schnell fortgegangen ist. Ihre Probleme werden im Gegensatz zu Björlinds erst nach und nach enthüllt.

„Deine Zeit wird kommen“ ist ein Thriller, der vor allem durch den südschwedischen Schauplatz und auf psychologischer Ebene mit der Trauerbewältigung des Kommissars überzeugt. Der Plot ist eher konventionell und manchmal vielleicht eine Spur zu routiniert. Insgesamt ein gelungener, klassischer von viel Schwermut getragener, schwedischer Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Deine Zeit wird kommen | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47551-5
352 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-518-78667-3 | 15,99 €
Originaltitel: Din tid kommer | Übersetzung aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Bibliografische Angaben & Leseprobe