Kategorie: Thriller

Don Winslow | The Final Score

Don Winslow | The Final Score

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Kurzgeschichten, aber wenn ein Ausnahmeautor wie Don Winslow seine schriftstellerische Rente unterbricht und eine Sammlung von 6 Kriminalnovellen vorlegt, bin ich dabei! Zwei Jahre nach seinem angekündigt letztem Buch „City in Ruins“, dem Abschlussband der „City-Trilogie“ und einige Zeit nach seiner ersten Novellensammlung „Broken“ zeigt Winslow seine ganze literarische Bandbreite und Vielseitigkeit. Jede der sechs Storys beleuchtet eine andere Facette des kriminellen Lebens. Die meisten sind so um die vierzig Seiten, die umfangreichste hat fast hundert Seiten.

„Die Sonntagsliste“ entführt uns in die frühen 1970er Jahre nach Rhode Island in ein vom Tourismus lebendes Fischerörtchen und glänzt mit viel Nostalgie. Sonntags darf kein Alkohol verkauft werden, aber es gibt eine geheime Liste mit den Namen durstiger Kunden, die das Wochenende ohne Alkohol nicht überstehen. Nick McKenna liefert für einen Spirituosenladen hier jeden Sonntag nicht ganz legal Hochprozentiges an höchst unterschiedliche Kunden aus. Der clevere Teenager will sich so das Geld für die Universität verdienen. Sein Traum von einer möglichen besseren  Zukunft fernab seiner Hippie-Eltern gerät durch das Zusammentreffen mit einigen Kunden ins Wanken.
Nachdem der Nichtsnutz Chrissy Pritchett betrunken einen Autounfall verursacht, bei dem eine junge Frau stirbt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein integrer, aufstrebender Streifenpolizist, versucht alles, um ihm ein schweres Schicksal zu ersparen. Damit sein labiler Cousin seine Strafe in Sicherheit absitzen kann, will er ihm einen Platz im Nordflügel des Gefängnisses verschaffen und erwägt sogar, sich dafür mit der Mafia einzulassen.

„True Story“ ist eine in reine Dialogform gegossene Erzählung, in dem zwei Männer sich in einem Diner unterhalten. Auch wenn die ständigen Namensverwechslungen mich teilweise amüsiert haben und die Szene an „Pulp Fiction“ erinnert hat, ist dieses dialoglastige Kammerspiel für mich die schwächste Geschichte.

Im charmanten „Lunch Break“ gibt es ein Wiedersehen mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“). Daniels und seine Surfer-Crew sollen eine verwöhnte Hollywood-Diva beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh, eine drogenkonsumierende Nervensäge macht ihnen das Leben schwer, wird auch noch von einem Stalker verfolgt.

„Kollisionen“ und das titelgebende „The Final Score“ sind die längsten Storys und noch am eindeutigsten als Kriminalgeschichten zu titulieren. In „The Final Score“ plant der Berufsverbrecher John Highland einen letzten großen Coup. Er ist auf Kaution frei,  bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Der geplante Raub eines Casinos, das Kartellgelder wäscht, ist eigentlich ein unmöglicher Coup. Highland stellt eine Crew zusammen und demonstriert  ihnen seinen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Plan, der so gewaltfrei wie möglich verlaufen soll. Die spannende Heist-Story bietet unerwartete Wendungen im besten „Ocean‘s Eleven“ Stil.

In „Kollisionen“ gerät der erfolgreiche Hotelmanager Brad McAllister in einen Streit, bei dem er einen anderen Mann schlägt. Als dieser unglücklich fällt und verstirbt, muss McAllister sich vor Gericht verantworten. Der glücklich verheiratete Mann und Vater eines kleinen Jungen wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis tut er alles, um zu überleben und zu seiner kleinen Familie zurückzukehren.

Jede dieser sechs Novellen ist fesselnd und besitzt ihren ganz eigenen Charme. Alle Geschichten werden im gewohnt schnörkellosen, unverwechselbaren Winslow-Stil erzählt, in dem kein Wort zu viel scheint und der sich oft in den scharfen Dialogen widerspiegelt. Auch auf den wenigen Seiten besitzen seine Charaktere Tiefe, machen Entwicklungen durch, wodurch man mit ihnen bangt. Don Winslow beherrscht aufgrund seines präzisen Schreibens auch diese literarische Form, seine Geschichten sind trotz der komprimierten Gestalt emotional und erreichen eine tiefe Intensität. In den sechs Geschichten dominieren Mobster-Themen, es geht um Verbrechen, Schuld, Erlösung und Loyalität, eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen politischen Klima in den USA wie noch in „Broken“ sucht man allerdings vergebens.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

The Final Score | Erschienen am 27.01.2026 bei HarperCollins
ISBN 978-3-3650-1337-3
336 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Final Score | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow auf Kaliber.17

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Im März 2026 stand auf einmal ein Roman an der Spitze der Krimibestenliste, der frischen Wand in der deutschen Krimilandschaft versprach: „Heaven’s Gate“ von Daniel Faßbender spielt auf den Philippinen in der Surferszene. Es gab ein paar sehr wohlwollende Besprechungen und mit „Surf Noir“ hatte man direkt ein Subgenre parat.

Bei „Surf Noir“ habe ich dann aufgemerkt und gedacht, da gibt es doch schon was. Erwähnt sei hier zum einen der legendäre Thriller „Gefährliche Brandung“ („Point Break“ im Original) von Kathryn Bigelow mit Keanu Reeves und Patrick Swayze in den Hauptrollen. Vorlage für den Film war übrigens der Roman „Tapping The Source“ (dt. „Wellenjagd“) von Kem Nunn aus dem Jahr 1984, sowas wie der Ursprung des Surf Noir. Und dann ist mir aufgefallen, dass ich auch noch auf meinem SuB-Stapel etwas dazu habe: „Pacific Private“ von Don Winslow, der erste Roman mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels in San Diego. Und damit ergab sich doch direkt die Gelegenheit für eine Doppelrezension.

Don Winslow | Pacific Private

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, der aufgrund eines alten Falles um ein nie gefundenes Kind, das vermutlich in den Fängen eines Kinderschänders war und dessen Schicksal ihm immer noch nachhängt, den Dienst quittierte. Stattdessen schlägt er sich als Privatdetektiv und als Besitzer eines Surfshops durch, vor allem aber surft er jeden Tag morgens mit seinen Freunden, einer eingefleischten Surfgang – der Dawn Patrol.

Eines Tages sucht ihn die Anwältin Petra Hall auf, damit Boone eine Zeugin für einen Versicherungsbetrug findet. Das kommt Boone allerdings ziemlich ungelegen, macht sich die ganze Surfszene doch für die vermeintlich besten Wellen aller Zeiten in den kommenden Tagen bereit. Doch er kann die attraktive wie durchsetzungsstarke Petra nicht abwimmeln und ein bisschen leichte Kohle verdienen ist auch nicht verkehrt. Doch als Boone auf der Suche nach der Stripperin Tammy Roddick einen Hinweis auf ein Motel findet und beim Eintreffen dort feststellt, dass eine Kollegin von Tammy dort vom Balkon in den Tod gestürzt wurde, dämmert ihm, dass der Auftrag deutlich komplizierter und gefährlicher wird.

„Wissen Sie, wann Mr. Daniels hier sein wird?“
„Nein. Sie?“
Petra schüttelt den Kopf. „Deshalb frage ich Sie.“
Cheerful blickt von seiner Abrechnung auf. Das Mädchen lässt sich keinen Scheiß bieten. Cheerful gefällt das, deshalb sagt er: „Ich will Ihnen was erklären, Boone hat keine Armbanduhr, er richtet sich nach dem Sonnenstand.“
„Darf ich daraus schließen, dass Mr. Daniels zu den eher entspannten Zeitgenossen gehört?“
„Wäre Boone noch entspannter“, sagt Cheerful, „könnte er nicht mehr aufrecht stehen.“ (Auszug S. 26-27)

„Pacific Private“ („The Dawn Patrol“ im Original) ist der erste von zwei Romanen mit Boone Daniels als Hauptfigur. Wie häufig schreibt Winslow schnell, in kurzen Sätzen, kurzen Kapiteln, im Präsens, mit vielen Perspektivwechseln und einer allwissenden Erzählstimme, die uns direkt in die Figuren eintauchen lässt. Die Schauplätze sind neben dem Pazifischen Ozean zahlreiche Orte im San Diego County, zumeist in Strandnähe entlang des Highway 101. Neben des eigentlichen Kriminalfalls spielt bis zum Schluss die große Wellenfront und die freundschaftlichen Beziehungen innerhalb der Dawn Patrol eine große Rolle im Roman.

Boone Daniels‘ Auftrag führt ihn letztlich nicht nur zu einem schnöden Versicherungsbetrug, sondern wird deutlich düsterer und gewalttätiger, als man es vielleicht von der Surferszene erwartet. Autor Don Winslow gelingt es auch in diesem Roman, seinem Thriller einen enormen Sog zu verleiten. Und damit ist nicht nur die Strömung im Ozean gemeint, der Einzig kritisch möchte ich anmerken, dass der Autor es manchmal etwas übertreibt und durch den plaudernden Erzähler fast jeder Figur und einigen Schauplätzen ein paar Seiten Hintergrundinfos und eine Anekdote gönnt. Auch sind einige der Figuren mit ziemlich skurrilen Biografien ausgestattet. Dennoch wird der Lesefluss für mich nicht nachhaltig gestört, sondern die durchgehende Spannung wird kurz danach wieder aufgegriffen. Insgesamt verkörpert der Roman eine sehr gelungene Mischung aus Coolness, Humor, Ernsthaftigkeit und Gewalt.

Daniel Faßbender | Heaven’s Gate

Der frühere deutsche Profisurfer Caruso lebt inzwischen auf Surogao, eine Insel der Philippinen. Dort stürzt er sich regelmäßig in die Wellen dieses Surfspots und verdingt sich mehr schlecht als recht als Gelegenheitsprivatdetektiv, fristet allerdings ein Leben von der Hand in den Mund. Die attraktive und reiche Spanierin Ángel will allerdings ausgerechnet ihn verpflichten, ihren vermissten Sohn Juan zu finden, da die korrupte Polizei keine Hilfe zu sein scheint. Caruso nimmt die Aufgabe an, ermittelt zunächst im Surfermilieu, in dem sich Juan wohl auch bewegte. Allerdings ist die Insel Surogao nicht nur bei Surfern ein Hot Spot, sondern auch zunehmend im internationalen Drogenhandel. Und so gerät Caruso schnell in eine äußerst gefährliche Situation.

Währenddessen ist in Deutschland Dietmar „Diego“ Miehle, ehemaliger Zuhälter und Kokskönig auf St. Pauli nach langer Haft wieder auf freiem Fuß. Der alternde Ex-Gangster glaubt nun, mit einer (Auto-)Biographie ein gutes Auskommen erreichen zu können, muss allerdings feststellen, dass ein Verlag abspringt und auch sonst kaum jemand auf ihn gewartet zu haben scheint. Da meldet sich Caruso bei ihm, denn er ist einer der letzten Kontakte auf Juans Handy. Juan ist Diegos Sohn, er hatte allerdings bis vor einigen Wochen keinen Kontakt. Diego hat eine Ahnung, was sein Sohn auf Surogao vorhatte und kann Caruso einige Insidertipps geben.

Ich schlief bis in den Nachmittag und träumte von Hawaii, dem Gecko im Wasserspender und Fuerteventura. Ein wirrer Alptraum, vielleicht auch mehrere, die flirrend ineinander übergingen. Die Angst, alles zu verlieren, was wir etwas bedeutete, ließ mich mit rasendem Herzen aufwachen. Als mir einfiel, dass ich bereits alles verloren hatte, beruhigte es sich wieder. (Auszug S. 120)

„Heaven’s Gate“ ist Daniel Faßbenders erster Krimi. Der Autor debütierte 2018 mit seinem Roman „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ und möchte nun im Krimigenre reüssieren. Das könnte auch durchaus aufgehen, denn dieser Surfer-Krimi bringt frischen Wind in die deutsche Krimiszene, die sich bei den Schauplätzen in der Regel nicht so weit von der Heimat entfernt. Die (fiktive) philippinische Insel und vor allem die Surfspots sind reizvoll beschrieben. Auch die Themen Gewalt, Korruption, Drogenhandel werden angemessen und spannend behandelt.

Nicht ganz optimal fand ich allerdings die Figuren des Romans. Schon Caruso als Hauptfigur gefiel mir eigentlich auf dem Surfbrett am besten, an Land hatte der Privatdetektiv für meinen Geschmack Mühe, sich aus den Reminiszenzen an andere hardboiled detectives (finanziell klammer Einzelgänger, dem Alkohol sehr zugeneigt, begibt sich voller Naivität in den Fall (obwohl er es besser wissen müsste), schläft mit der schönen Auftraggeberin usw.) zu befreien. Zudem gibt es aus meiner Sicht nicht allzu sehr ausgereifte Nebenfiguren, die nur kaum aus der Eindimensionalität hervortreten wie der russische Oligarchensohn, die korrupte Politik und Polizei, die schöne, reiche Mutter des Vermissten und andere. Auch Diego kommt mir oftmals eher als „Comic relief“ vor, denn als ernsthafte Figur.

„Heaven’s“ Gate lässt mich etwas hin- und hergerissen zurück. Einerseits sicherlich ein ordentliches Krimidebüt. Lässig-flüssiger Stil, liest sich locker weg. Kann mit glaubwürdiger Surfer Attitude punkten. Bringt ein unverbrauchtes, tropisches Setting, aber verschweigt nicht die Schattenseiten und das zu bestimmten Jahreszeiten miese Wetter. Andererseits werden hier an einigen Stellen die Klischees bemüht, die Figuren bleiben manchmal flach und im Plot wird zum actionhaften Schluss für meinen Geschmack manches zu hopplidahopp und nicht mehr ganz glaubhaft forciert.

Der Roman stand – wie gesagt – im März an der Spitze der auch von mir gern als Hinweis genutzten Krimibestenliste. Winslows Surfer-Cop Boone Daniels wurde in der Kritik als Referenz genannt. Faßbender selbst verweist in einem Verlagsinterview auf Hammett und Fauser als Vorbilder. Nun, der Roman war wirklich ganz gut, sicherlich über dem Krimi-Einheitsbrei. Aber auf der „Hardboiled & Noir Road“ zu diesen Vorbildern sind noch einige Schritte zu laufen.

 

Fotos & Rezensionen von Gunnar Wolters.

Pacific Private | Erschienen 2009 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46096-2
396 Seiten | 9,99 € (aktuell nur antiquarisch lieferbar)
Originaltitel: The Dawn Patrol | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Wertung: 4,5 von 5

Heaven’s Gate | Erschienen am 17.02.2026 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

„Warum glaubst du, dass Hoosh wollte, dass du mich in der Regierung hältst? Weil sie glauben, dass ich so ein unersetzbarer Wohnungsbauminister bin?“ Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, so funktionierte Politik nicht wirklich. Alles dreht sich um Kontakte und Beziehungen. Loyalität. Was man über wen weiß. Und wozu man mit diesem Wissen bereit ist.“ (Auszug Seite 253/254)

Die Politikjournalistin Julia versucht einen Skandal um den populären Ministerpräsidenten Schwedens Christian Bratt aufzudecken. Es geht um heimliche Treffen mit europäischen Populisten. Da ihr konkrete Beweise fehlen, wird sie von ihrem Chefredakteur zurückgepfiffen und erst mal aufs Abstellgleis geschoben. Bei ihrem Lebensgefährten Alfred hingegen bekommt die Karriere grade einen neuen Schub. Der Experte für Windkraft bekommt nach einem charismatischen TV-Auftritt den Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten angeboten. Julia und Alfred haben zwei Kinder, sie tauschen absprachegemäß die Rollen und Julia übernimmt die Hausarbeit und Betreuung der Kinder, für die Alfred längere Zeit verantwortlich war.

Da Julia vermutet, dass die Ernennung ihres politisch total unerfahrenen Mannes ein strategischer Schachzug ist, um ihre Recherchen zu sabotieren, ist sie sich jetzt sicher, etwas Brisantem auf der Spur zu sein. Sie vertraut ihrem Bauchgefühl und ermittelt heimlich weiter. Diese Geheimnistuerei belastet die Beziehung. Währenddessen gerät Alfred in die inneren Zirkeln der Macht und Intrigen, wo er sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu wehren weiß. Doch auch er stößt auf Ungereimtheiten in den höchsten politischen Kreisen, als er den Ministerpräsidenten als Pressesprecher nach Brüssel begleitet.

Die Dynamik zwischen Julia als engagierte, investigative Journalistin und Alfred, dem netten, etwas naiven Pressesprecher birgt genügend Zündstoff. Besonders spannend fand ich den Interessenkonflikt zwischen den Beiden. Sie will aufdecken, er soll vertuschen. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein Plot, der ohne blutrünstige und grausame Schilderungen auskommt. Das Potenzial, welches diese Geschichte gehabt hätte, wird meiner Meinung aber nicht richtig ausgeschöpft.

Abwechseln wird in kurzen Kapiteln aus Julias und Alfreds Perspektive erzählt. Am interessantesten sind dabei Alfreds Erfahrungen im Haifischbecken der Politik und wie er sich langsam entwickelt und durchsetzt. Da die eine Hälfte des Autor*innen-Teams Moa Berglöf als politische Expertin und ehemalige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten genug Erfahrungen aufweist und sich mit den alltäglichen Dynamiken hinter den Kulissen auskennt, wirken die Ränkespiele und Machtkämpfe glaubhaft und authentisch. Auch die Figuren auf dem politischen Parkett sind gut gestaltet und lebendig. Vielleicht auch weil einige lebendige Vorbilder haben, wie im Nachwort verraten wird.
Dabei hat mich der Thrill-Anteil, wofür wahrscheinlich Joakim Zander verantwortlich ist, enttäuscht.

Erst nach circa zwei Drittel des Romans kommt sowas wie Spannung auf. Die Geschichte ist von Anfang an weder inhaltlich noch sprachlich besonders anspruchsvoll, sondern eher simpel. Dabei stören mich besonders die Dialoge an einigen Stellen, die eigentlich nur der Erklärung für uns Lesenden dienen. Die Spuren bei Julias Recherchen führen dann in eine ganz unerwartete Richtung und die Enthüllungen haben mich dann auch enttäuscht. Es hat gar nichts mit Politik zu tun. Politisch sind nur die Schauplätze wie Brüssel und die dort auftretenden Charaktere. Ich hätte mir mehr Brisanz erhofft und der Plot hat leider einige Schwächen.

Das Ende des Buches bleibt insgesamt sehr offen und verzichtet auf eine klare Auflösung. Da macht es Sinn, dass die beiden Autoren schon an einem Nachfolgeband arbeiten.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Stockholm Protokolle – Gefährliche Beziehungen | Erschienen am 01.03.2026 bei Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-01883-1
448 Seiten | 18,00 €
Originaltitel: Staben | Übersetzung aus dem Schwedischen von Thomas Altefrohne
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Joakim Zander

Colin Walsh | Kala

Colin Walsh | Kala

Im Sommer 2003 genießen sechs Teenager, alle um die 15 Jahre alt, in der irischen Kleinstadt Kinlough einen endlosen Sommer, bis Katherine „Kala“ Lanann spurlos verschwindet und nicht mehr gefunden wird. Jetzt, 15 Jahre später, treffen sich drei der damaligen Clique in dem Küstenstädtchen wieder. Mush, der in der Kneipe seiner Mutter arbeitet und es nie aus Kinlough rausgeschafft hat, Helen eine Journalistin, die für eine Hochzeit eher widerwillig aus Kanada nach Irland zurückkehrt. Und Joe, in LA ein gefeierter Rockstar, der für einen Gig in das Örtchen an der irischen Küste zurückkehrt. Grade jetzt wird ein Skelett im Wald gefunden, bei dem es sich um die menschlichen Überreste der vermissten Kala handelt und fast zeitgleich verschwinden wieder zwei Jugendliche, die Schwestern Donna und Marie. Die drei werden von der Vergangenheit, die sie alle auf ihre eigene Weise verdrängt haben, eingeholt.

Alle haben sie ihre Theorie. Sogar ich. Irgendwo in einem dunklen Winkel meines Verstands hab ich sofort an Kala gedacht. Das wollte ich nicht denken, aber du kannst dich ein Leben lang daran abarbeiten, deinem Hirn vorzuschreiben, was es zu denken hat, kannst versuchen, deine Gedanken zu kontrollieren, als wärst du der scheiß Rain Man, ist alles für’n Arsch. (Auszug Pos. 152 von 5931)

Der Plot klingt im ersten Moment nach etwas, was man so schon öfter gelesen hat. Freunde treffen nach Jahren wieder an dem Ort aufeinander, wo sie vor Jahren auseinandergingen, ohne dass das traumatische Geschehen um die verschwundene Freundin geklärt worden wäre. Autor Colin Walsh erzählt in seinem Debüt in kurzen Kapiteln abwechselnd aus den Perspektiven unserer Protagonisten, die durch eigene Erzählstile gekennzeichnet sind. Bei Mush in einem einfachen Duktus mit vielen Slang-Ausdrücken, bei Joe mit vielen sich wiederholenden Inneneinsichten in der zweiten Person Singular. Diese sich wiederholenden, unnötig langen Reflexionen drehen sich im Kreis und behindern durchaus den Lesefluss. Die vielen Perspektiven erhöhen die Komplexität, es fühlt sich eher an, als müsse man sich den Plot erarbeiten und es dauert etwas, bis man aufgrund des Schreibstils in die Geschichte reingefunden hat.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Einerseits in der Vergangenheit zum Zeitpunkt von Kalas Verschwinden und in der Gegenwart. Die Rückblenden ins Jahr 2003 lassen den Sommer vor 15 Jahren lebendig werden und wenn der Roman hier das Leben für junge Menschen in einem kleinen Touristenstädtchen außerhalb der Saison als besonders öde und langweilig schildert, ist das natürlich ein Klischee, aber durchaus stimmig erzählt. Die pubertierenden Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe zu beobachten war glaubhaft geschildert. Die charismatische Kala war der strahlende Mittelpunkt der Clique, wirkte nach außen hin cool, aber im Inneren war sie eine zutiefst verunsicherte Seele. Hier fand ich einige Aspekte, wie die Dynamik innerhalb der Clique, die Spannungen, Loyalitäten und Geheimnisse, insbesondere die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses durchaus interessant geschildert.

Nach und nach werden die Geheimnisse des Dorfes aufgedeckt, in der die Clique reingeraten ist. Es geht um Seilschaften, krumme Geschäfte, um Tierquälerei, Geschäftemacherei, Geldwäsche und Korruption. Die fast mafiösen Strukturen in dem idyllischen Dörfchen haben mich verwundert, die Beschreibungen der brutalen Gewalt erschreckt. Nach einem zählen Mittelteil kommt auf den letzten 50 Seiten tatsächlich noch Spannung auf, auch wenn ich als erfahrene Thrillerleserin die Auflösung zumindest erahnt habe.

Bei Kala handelt es sich um eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, irischer Gesellschaftsstudie und düsterem Thriller, wobei der Thrill schon einiges auf sich warten lässt. Vielleicht ist das auch das Problem, denn in keinem des Genres hat der Roman mich restlos überzeugt. Dabei hatten mich das Setting einer irischen Kleinstadt sowie die Vergleiche im Klappentext mit Tana French und Donna Tart neugierig gemacht und angefixt. Vielleicht waren meine Erwartungen deshalb auch zu hoch, aber diesem Anspruch wird Colin Walsh, obwohl sehr ambitioniert und mit literarischem Anspruch, gar nicht gerecht.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kala | Erschienen am 26.02.2026 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-989-41130-2
512 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Kala | Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Als er den Gürtelclip endlich entfernt hat, schiebt er die Pistole ins Holster und legt beides zurück in die geräumige Mittelkonsole. „Ich wusste nicht, dass Sie eine Waffe haben“, sagte Lily. „Ich bin ein schwuler Mann in Arkansas“, antwortete er. „Selbstverständlich habe ich eine gottverdammte Waffe.“ (Auszug E-Book Pos. 1901 von 3703)

Die 18-jährige Lily Stevens lebt mit ihrer Familie in Arkansas in einer kleinen Gemeinde. Sie sind nicht nur Mitglieder der Oneness-Kirche, sogenannte Pfingstkirchler, die einen strengen Glauben leben, ihr Vater David ist auch der Prediger der kleinen Gemeinde. Das macht die aktuelle Situation noch schwieriger, denn Lily ist im 5. Monat schwanger und ihr Verlobter und Vater des Kindes, Peter Cutchin ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Während jeder in der Gemeinde vermutet,  der 19-Jährige hätte wegen der Verantwortung kalte Füße bekommen und wäre kurz vor der Hochzeit einfach abgehauen, will Lily das nicht glauben. Für die eingeschworene Gemeinde ist eine sitzengelassene und hochschwangere Braut eine Katastrophe und Lilys Vater David Stevens wird dafür verantwortlich gemacht, seine Tochter nicht hart genug im Zaum gehalten zu haben. Er droht seinen Posten zu verlieren. Das Verhältnis zu Peters Mutter Cynthia ist schwierig, sie sieht Lily als Schuldige in Bezug auf die Schwangerschaft und dass Peter abgehauen ist. Sie legt die Heilige Schrift besonders streng aus und Handys sind für sie beispielsweise das Tor zur Sünde.

Außer an den Herrn und Sagrotan glaubt sie nur an die Unantastbarkeit der Mutterschaft, aber sie ist bei diesem Thema genauso unflexibel wie bei den anderen. (Auszug E-Book Position 604 von 3703)

Nachdem auch der Sheriff die Sache nicht ernst nimmt, wendet sich Lily hilfesuchend an Allan Woodson, einem Arbeitskollegen von Peter. Beide arbeiten an der Rezeption des Hotels Corinthian Inn. Es stellt sich heraus, dass Allan auch noch ihr Onkel ist, das Ergebnis einer lang verschwiegenen Affäre von Lilys Opa, ebenfalls Pfingstprediger vor über 40 Jahren. Lily bekommt mit, dass die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck ebenfalls auf der Suche nach  Peter sind und zu gewalttägigen Methoden greifen. Allan versucht anfangs noch, Lily von den beiden fernzuhalten, erkennt aber, dass er sich nicht länger raushalten darf. Im Corinthian Inn geht es um Prostitution Minderjähriger und Menschenhandel. Er kann Lily nicht alleine ziehen lassen, die zum ersten Mal in ihrem Leben die behütete Gemeinde der Pfingstler, Richtung Little Rock verlässt. Eine Spur führt sie in das von Eli geführte Bordell. In der Hauptstadt Arkansas wird Lily mit ihr bislang unbekannter brutaler Gewalt und niederen Abscheulichkeiten konfrontiert.

Bei dem Roman handelt es sich mehr um ein Sozialdrama als um einen Thriller. Die im Präsens gehaltene Handlung mit wechselnden Erzählperspektiven schreitet gemächlich dahin, kommt mit gezügelter Action aus und weiß mit einigen Wendungen zu überraschen. Es kommt dann zu einer eskalierenden Gewaltszene, die aber nicht im Detail geschildert wird, die ich aber trotzdem zu heftig und übertrieben fand. Der Erzählstil ist leicht zugänglich, ich fand es von Anfang an sprachlich ohne jegliche Raffinesse.

Positiv zu bewerten sind die Protagonisten Lily und Allan. Den Weg, den die bisher gehorsame Predigertochter Lily, die sich weder schminken noch die Haare schneiden oder Hosen tragen darf, zur mutigen Frau, die sich von niemandem aufhalten lässt, geht, ist glaubhaft geschildert. Sie zweifelt zunehmend an Gott, den sie in ihrer verzweifelten Lage vermisst, gibt aber ihren Glauben nicht auf. Auch Allan, ihr hühnenhafter, schwuler Onkel ein absoluter Sympathieträger, der zu Hause seinen Stiefvater pflegt, ist kein Superheld, hält sich mit Sarkasmus im Hintergrund und guckt oft weg, kann aber im entscheidenden Moment über seinen Schatten springen. Die Dialoge zwischen Lily und Allan sind lebendig und unterhaltsam, unterbrechen das Düstere. Alle anderen Figuren waren mir zu blass gestaltet. Die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck stehen sinnbildlich für White Trash, agieren aber sehr hirnlos und dämlich.

Mit „Die Tochter des Predigers“, im Original „Find him“, hat der amerikanische Autor Jake Hinkson eine Geschichte in einem religiös geprägten Landstrich der USA angesiedelt. Man merkt, dass er weiß, wovon er spricht. 1975 in Arkansas geboren, wuchs er in einer frommen Familie auf. Sein Vater war Diakon einer evangelischen Kirche, mehrere Onkel Pastoren. Seit seinem 14. Lebensjahr lebte er in einer von seiner Familie geleiteten religiösen Gemeinschaft in einer abgelegenen Gegend, dem sogenannten Bibelgürtel der USA. In seinen Romanen behandelt er immer wieder die religiösen Strukturen im amerikanischen Bible Belt und kritisiert die heuchlerische und scheinheilige Gottesfurcht der Gemeinden.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Tochter des Predigers | Erschienen am 07. Oktober 2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910-91832-0
352 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Find him | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe