Kategorie: Thriller

Deon Meyer | Beute Bd. 7

Deon Meyer | Beute Bd. 7

„Kommen Sie“, sagte er zu ihr, bot ihr die rechte Hand an, um ihr aufzuhelfen und sah, dass das Blut in Strömen daraus floss. Er wechselte den Schläger in die andere Hand und reichte ihr die linke. Er war sich nicht sicher, ob sie sie annehmen würde, denn er war ein großer schwarzer Mann mit Blut an den Händen, Kopf und Kleidern, mitten in der Nacht im dunklen Park. (Auszug Seite 15)

Dies ist der 7. Band aus der Bennie-Griessel-Reihe und ich möchte gleich vorweg schicken, dass der Thriller mir sehr gut gefallen hat und mich der südafrikanische Autor Deon Meyer aus einer kleinen Leseflaute geholt hat. Worum geht es?

In Bordeaux lebt Daniel Darret zurückgezogen unter falschem Namen und arbeitet als Hilfsarbeiter bei einem französischen Möbelrestaurator. Niemand in seiner Umgebung ahnt, dass der bescheidene und zurückhaltende Schwarze einst ein ehemaliger Freiheitskämpfer in Südafrika war. Durch den Geheimdienst zum gefürchteten Killer ausgebildet, galt Tobela ‚Tiny‘ Mpayipheli einst als einer der besten Scharfschützen und als wichtige Figur im Struggle, dem Befreiungskampf. Inzwischen hat der in die Jahre gekommene Auftragskiller das alles hinter sich gelassen und er will sein einfaches Leben auf keinen Fall aufgeben.

Doch seine Vergangenheit holt ihn ein in Form von Lonny May, einem alten Kampfgenossen. Dieser bittet ihn im Auftrag einer neu gegründeten Organisation von alten Kämpfern des ANC, den amtierenden südafrikanischen Präsidenten zu töten. Der alte Weggefährte macht ihm klar, dass die Demokratie bedroht ist und nur er, Tobela, das Erbe Mandelas retten und der allgegenwärtigen Korruption und Kleptokratie ein Ende bereiten kann. Tobela weigert sich lange standhaft und erst als Lonny in Lebensgefahr gerät, willigt er in den brisanten Plan ein. Dieser sieht vor, den Präsidenten in Paris auszuschalten. Spannung entsteht, da das Zeitfenster sehr klein ist und Tobela nicht mehr der Jüngste.

Die geschlossene Fallakte

Ein weiterer Erzählstrang führt den Leser nach Kapstadt. Hier werden etwa zur gleichen Zeit die Captains Bennie Griessel und Vaughn Cupido von der Valke, einer Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei, mit einem mysteriösen Mordfall befasst, den die Sicherheitsbehörden schon als Selbstmord deklariert haben. Die Aufklärung wird noch dadurch erschwert, dass das Docket, die Fallakte, schon erkaltet ist und die ersten wichtigen Stunden nach der Tat längst vergangen.

Aus einem Luxuszug in Südafrika verschwand ein Mann, der nach einigen Tagen tot neben den Gleisen gefunden wird. Johnson Johnson, genannt J.J. ist ein ehemaliger Polizist, der zuletzt als Sicherheitsberater gearbeitet hat. Als Personenschützer hatte er eine ältere wohlhabende Niederländerin auf der Fahrt begleitet. Seine Ex-Frau glaubt nicht an Selbstmord, zu sehr hing J.J. an seinen beiden Töchtern und auch am Leben. Und obwohl Stichwunden im Nacken eindeutig auf Fremdverschulden hindeuten, wird von oberster Stelle die Einstellung der Untersuchung angeordnet. Offiziell schließen Griessel und Cupido den Fall ab, doch setzen sie gemeinsam mit ihrer Chefin Kolonel Mbali Kaleni die Ermittlung verdeckt fort.

Dann gibt es einen weiteren Todesfall. Der Vater einer guten Freundin von Kaleni wird erschossen aufgefunden. Menzi Dikela, früher eine Legende im Struggle, soll sich das Leben genommen haben. Seine Tochter ist sich sicher, dass es Mord war und bittet ihre Freundin um Hilfe. In beiden Fällen können die drei Ermittler der Falken nur verdeckt, außerhalb des Dienstes ermitteln und riskieren ihre Existenzen.

Die beiden Handlungsstränge laufen lange nebeneinander her und man hat keine Ahnung, wie sie zusammen hängen. Das hat mich nicht gestört, denn beide funktionieren für sich. Da ist die dramatische Geschichte um Tobela, die ich sehr spannend und fesselnd fand. Deon Meyer ist ganz nah dran an seinem Protagonisten und dem unlösbaren Konflikt, in dem Tobela sich befindet. Mit dem hünenhaften früheren Xosa-Kämpfer hat der Autor eine Figur aus seinem Kosmos ausgewählt, der bereits zwei Mal auftauchte. In Der Atem des Jägers, dem ersten Band der Bennie-Griessel-Reihe, und in Das Herz des Jägers. Letzterer ist tatsächlich der einzige Roman, den ich vorher kannte – und den ich gut fand, aber auch sehr düster.

In Beute kommt es jedoch immer wieder durch die humorvollen Dialoge der beiden Captains zu befreiender Komik in einem ansonsten ernsthaften Werk. Auch Bennies Dilemma, er will seiner Liebsten einen Heiratsantrag machen und hat Angst abgewiesen zu werden, verfolgt man eher amüsiert. Die Charaktere waren für mich stimmig, es sind fehlbare Menschen, kleine Eigenarten werden fast beiläufig eingestreut. Eine Geschichte über Menschen mit guten Absichten, aber falschen Methoden.

Wie bereits in seinen früheren Werken zeichnet Deon Meyer ein Bild von Südafrika mit seiner aktuellen politischen Lage, welches auch mehr als zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheid voller Machtmissbrauch und Korruption ist. In dem raffiniert konstruierten Thriller bewegen sich beide Handlungsfäden auf einen hochspannenden Showdown zu. Dazu passt das farblich sehr schön gestaltete Cover mit einem Zug, der in die weite Steppe Afrikas fährt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Beute | Erschienen am 10. März 2020 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00941-9
444 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Icarus und Die Amerikanerin von Deon Meyer.

David Lagercrantz | Vernichtung Bd. 6

David Lagercrantz | Vernichtung Bd. 6

Vernichtung ist der letzter Beitrag von David Lagercrantz zur Millennium-Reihe.

Man soll bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Diesen Moment hat Lagercrantz leider verpasst, der laut seiner Aussage definitiv letzte Roman um Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist aus seiner Feder ist nach meiner Meinung der schwächste der gesamten Reihe. Ich greife daher einmal vor und verrate schon hier, dass ich mit einigem Wohlwollen drei Sterne vergebe.

Hatte ich beim Vorgänger Verfolgung noch den Eindruck, dass Lagercrantz sich mittlerweile mit dem Personal Larssons angefreundet hat, kommt es mir bei deren letzem Auftritt vor, als habe der Autor das Interesse an den Figuren und dem großen Entwurf des Schöpfers der Reihe weitgehend verloren. Stattdessen schreibt er seine eigene Geschichte, indem er das Thema seines ersten literarischen Erfolgs wieder aufnimmt. 1998 erschien der Bestseller Allein auf den Mount Everest des schwedischen Abenteurers und Extrembergsteigers Göran Kropp – unter tätiger Mithilfe von David Lagercrantz. Kropp beschreibt in diesem Buch seine Erlebnisse am höchsten Berg der Welt im Mai 1996, als es zur „Katastrophe am Mount Everest“ kam, bei der acht Menschen starben, sowohl Bergführer als auch Teilnehmer mehrerer kommerzieller Expeditionen.

Der Stoff hat Lagercrantz offensichtlich so fasziniert, dass er ihn in den Mittelpunkt seiner dritten Millenium-Adaption stellt. Ob seine Leser ebenso interessiert sind an diesem speziellen Thema, ist fraglich, sie wollen vermutlich lieber Neues von Mikael Blomkvist und, mehr noch, von ihrer Heldin Lisbeth Salander erfahren. Das ist leider nicht allzu viel, obwohl der Titel Vernichtung doch erwarten ließ, dass die Fehde zwischen Lisbeth und ihrer Schwester Camilla den Plot bestimmen würden. Tatsächlich rückt dieser Kampf auf Leben und Tod weitgehend in den Hintergrund, die Auftritte Lisbeths in dieser letzten Folge sind rar und zeigen, dass aus dem wütenden, rasenden Mädchen eine zögernde, zaudernde Frau geworden ist. Lediglich in einer sehr kurzen Szene, eher eine Randnotiz, die nichts zur eigentlichen Story beiträgt, zeigt sie ihr altes Gesicht, wohl eine Reminiszens an ihre Anfänge . Ihre Beziehung zu Mikael wird nicht weiter thematisiert, es gibt auch so gut wie keinen Kontakt der beiden miteinander. Als er sich spontan aufmacht um Lisbeth aufzusuchen, muss Mikael feststellen, dass sie aus ihrer Wohnung ausgezogen ist. Eine neue Adresse gibt es nicht, Mails und SMS hatte sie schon in der Vergangenheit nur sehr sporadisch beantwortet. Lisbeth ist wie vom Erdboden verschwunden.

Tatsächlich hält sie sich in Moskau auf, um endgültig mit Camilla abzurechnen. Die ungleichen Schwestern hassen sich bis aufs Blut und trachten sich gegenseitig nach dem Leben. An der einen oder anderen Stelle des Romans erfährt der möglicherweise neue Leser, wie es dazu kam, für die meisten gibt es in dieser Hinsicht keine neuen Erkenntnisse. Als Lisbeth endlich am Ziel zu sein scheint und Camilla ihr wehrlos gegenübersteht, ist sie nicht in der Lage, die Pistole abzufeuern, die sie in der Hand hält. Während sie gerade noch glaubte, erbarmungs- und gnadenlos agieren zu können, ist sie plötzlich wie gelähmt und nun selbst ihrer Feindin schutzlos ausgeliefert. Mit knapper Not kann sie entkommen und sich nach Stockholm zurückzuschlagen. Hier versteckt sie sich vor den Nachstellungen Camillas und ihrer Helfer von der russischen Mafia Swesda Bratwa und den Rockern der Svafelsjö Motorrad-Gang.

Blomkvist hat seinen Biss verloren, er zeigt deutliche Anzeichen eines Burn-Outs. Der erfolgreichste investigative Journalist des Millenium kommt mit seiner Story um die Trollfabriken nicht weiter, er glaubt nicht an einen Erfolg, hat auch keine Lust, vor Ort zu recherchieren. Die aktuellen Nachrichten deprimieren ihn, all die traurigen Entwicklungen in dieser Welt. Der grassierende Hass in der Gesellschaft, das Erstarken der Populisten und Extremisten, all die Fake-News und Desorientierungskampagnen, die vielen Nachrichten aller möglichen Idioten auf seiner Mailbox und in seinem E-Mail-Postfach. Dann erhält er einen unerwarteten Anruf der Gerichtsmedizinerin Frederika Nyman. Sie hat einen toten Obdachlosen auf dem Tisch, der einen Zettel bei sich trug, auf dem Mikaels Telefonnummer steht. Das interessiert ihn noch nicht, aber als DNA-Untersuchungen erweisen, dass der Verstorbene über das so genannte Super-Gen verfügte, (Lagercrantz vereinfacht und verknappt hier die sachlich fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse über tatsächlich vorhandene genetische Besonderheiten bei Angehörigen des Volkes der Sherpa, die es ihnen ermöglicht, aufgenommenen Sauerstoff wesentlich effizienter zu verwerten, als es Bewohnern des Flachlands möglich ist) erwacht Mikaels Neugier. Bei der Suche nach Personen, die den Obdachlosen gekannt haben, stößt er auf die bekannte Fernseh-Kolumnistin und Kommentatorin Catrin Lindås.

Catrin ist konservativ, Mikael hält sie sogar für reaktionär, und sie ist auch nicht gut auf ihn zu sprechen, aber als er sie aufsucht, fallen die beiden nicht nur mit Worten übereinander her und landen auf dem Teppich. Immerhin erfährt Mikael, dass sie eine unangenehme Begegnung mit dem merkwürdigen Bettler hatte, bei der dieser Anschuldigungen gegen Johannes Forsell geäußert habe. Der ist Verteidigungsminister und wegen seiner unerbittlichen Haltung gegenüber Rechtsextremisten und Ausländerfeinden sowie deutlicher Kritik an der aggressiven russischen Politik Zielscheibe einer Verleumdungskampagne der Trolle. Im Jahr 2008 war er Teilnehmer an einer kommerziellen Everest-Expedition, bei der Klara Engelman, die glamouröse Frau des skrupellosen Immobilienhais Stan Engelman, tödlich verunglückt ist und mit ihr Viktor Grankin, einer der Bergführer. Klara hatte sich im Basislager in ihn verliebt und es hieß, sie wolle sich sogar scheiden lassen. Das hätte für ihren Ehemann und seine kriminellen Geschäfte gefährlich werden können.

Die Rechtsmedizinerin hat inzwischen herausgefunden, dass der rätselhafte Sherpa mit einer Überdosis von Schlaftabletten in seinem Schnaps umgebracht wurde. Von nun an stehen die Ereignisse während der unglücklich verlaufenden Expedition im Vordergrund, Mikael und Catrin haben jeder für sich größtes Interesse daran, die Wahrheit über die Vorgänge im Camp und beim Aufstieg zu erfahren. Das erweist sich als schwierig, offensichtlich wollen einige Beteiligte verhindern, dass die Fakten ans Licht kommen. Lagercrantz nimmt einen langen, langen Anlauf, um in vielen kleinen Bruchstücken das Rätsel nach und nach zu lösen, dabei versucht er vergeblich, zu viele unterschiedliche Themen auf zu wenigen Buchseiten abzuhandeln. Es entwickelt sich eine verwirrende Geschichte, die sich nach und nach als Spionagestory entpuppt, in der Geheimdienste und ihre Agenten und Doppelagenten, natürlich Gute und Böse, im Fokus stehen.

Aber wir lesen auch von Liebe, Lust und Leidenschaft, von Ehekrise und Ehebruch, und natürlich von Mord und Totschlag. Das klingt interessant und spannend, ist es aber nicht, weil Lagercrantz es nicht versteht, den Figuren Leben einzuhauchen, Tiefe zu verleihen, sie bleiben flach und sind nicht differenziert, sondern diffus und erschreckend unpräzise. Hier wird deutlich, dass die Bücher der zweiten Millennium-Trilogie nie die erregende, erschütternde Atmosphäre, die eindringliche Stimmung des Originals erreichen.

Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit dem finalen Kampf der Salander-Mädchen. Wird Camilla die verhasste Schwester aufspüren und umbringen? Oder gelingt es Lisbeth, sich endlich von ihr zu befreien? Das zentrale Thema des Romans, im schwedischen Original Hon som måste dö, Sie, die sterben muss, findet hier nur zu Beginn kurz einmal statt – und dann wieder im actionreichen Finale, dem Schluss- und Höhepunkt. Im letzten Viertel des Buches nimmt die Geschichte endlich Fahrt auf und gewinnt das Tempo, das zuvor immer wieder abgebremst wurde durch ermüdende Längen, unnötige Wiederholungen und ausgedehnte dröge Dialoge, die zuweilen unfreiwillig komisch sind. Sprachlich und stilistisch ist Lagercrantz hier wirklich nicht auf der Höhe, dass auch die Übersetzung von Susanne Dahmann etwas dazu tut, kann ich nur vermuten. Der Showdown, in dem eine nun wieder kaltblütige und absolut fokussierte Lisbeth sich ganz alleine den brutalen russischen Schergen Camillas sowie den nicht minder skrupellosen Rockern entgegenstellt, um Mikael zu retten, ist das Beste an Vernichtung, auch wenn man wie immer bei den Auftritten des Racheengels die Augen vor der Tatsache verschließen muss, dass die Handlung an dieser Stelle völlig unwahrscheinlich und unglaubwürdig ist.

Schließlich scheint Lagercrantz nur noch bemüht, die Geschichte so gut und so schnell es geht zu Ende zu bringen. Rasch wird zusammengefasst, was aus den wichtigsten Nebenfiguren wurde, die wenigen Neuen und die vielen Altbekannten, die hier alle noch einmal einen kurzen, unbedeutenden Auftritt haben oder wohl aus nostalgischen Gründen wenigstens erwähnt werden. Das Schicksal der Serienstars dagegen bleibt offen, Lisbeth gibt Mikael noch entscheidende Hinweise für seine Story über die Trollfabriken und behauptet im Übrigen, einen Schlussstrich gezogen zu haben, was immer das bedeuten mag. Mikael antwortet vage: „Schlussstrich? Es ist an der Zeit, neu anzufangen.“

Wie verlautet, verhandeln die Erben Stieg Larssons tatsächlich schon mit neuen Autoren über eine Fortsetzung. Bleibt abzuwarten, ob es tatsächlich eine Fortsetzung der beiden Trilogien geben wird.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Vernichtung | Erschienen am 26. August 2019 bei Heyne
ISBN 978-3-453-27100-5
432 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: Hon som måste dö (Millennium 6) [Sie, die sterben muss]
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Anmerkung: Die Taschenbuchausgabe erscheint am 9. November 2020 ebenfalls bei Heyne, ISBN 978-3-453-44107-1.

Auch bei uns: Rezensionen zu den beiden vorangestellten Romanen Verschwörung Bd. 4 und Verfolgung Bd. 5

Abgehakt | März 2020

Abgehakt | März 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Quartalsende 1/2020

 

Alan Parks | Tod im Februar Bd. 2

Detective Harry McCoy wird zu einem blutigen Tatort auf dem Dach eines Hochhaus-Rohbaus gerufen. Dort wurde ein junger Mann abgeschlachtet, zusätzlich eine Nachricht in seine Brust geritzt. Der Mann war Spieler bei Celtic Glasgow – und mit Elaine Scooby verlobt, Tochter eines lokalen Gangsterbosses. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden: Ein ehemaliger Mitarbeiter Scoobys und angeblich ein verschmähter Verehrer der Tochter. Doch als weitere Morde geschehen und ein Kampf in der Glasgower Unterwelt beginnt, dämmert es McCoy, dass noch einiges mehr dahintersteckt.

Tod im Februar ist der zweite Teil der Reihe um den Glasgower Polizisten Harry McCoy und spielt nur wenige Wochen später als Teil 1 Blutiger Januar im Februar 1973. Es gibt Wiedersehen mit Harrys Kollegen Wattie, seinem väterlichen Vorgesetzten Murray und Cooper, ebenfalls Gangsterboss und Harrys Freund aus Tagen im Kinderheim. Die Atmosphäre ist wiederum düster, das Setting in Glasgow in den 70ern ist rau und schmuddelig, voller Drogen und Alkohol. Während des Falles kommt zudem Harrys und Coopers traurige Vergangenheit wieder hoch, die sie nie ganz hinter sich lassen können und die auch ihre Handlungen in der Gegenwart beeinflussen. Harry ist ein waschechter hardboiled Cop, empathisch für die Gebeutelten, grimmig gegenüber den Bösen. Seine Beziehung zu Cooper ist als Cop natürlich hochproblematisch. Und diesmal wandelt Harry nicht nur auf der Grenze zwischen hell und dunkel, diesmal wird er sie auch überschreiten.

Insgesamt ein wirklich guter, souverän erzählter, hartgesottener Krimi mit einem sehr gelungenen Schauplatz. Hoffentlich hält die Qualität der Reihe an.

 

Tod im Februar, erschienen am 28. Oktober 2019 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27198-2
432 Seiten | 16.- Euro
Originaltitel: February’s Son
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/ Hardboiled
Wertung: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zum 1. Teil der Reihe Blutiger Januar

 

Oliver Buslau | Feuer im Elysium

Wien im April/Mai 1824: Die Stadt fiebert der Aufführung der neuesten, der neunten Sinfonie vom alten Meister Ludwig van Beethoven entgegen. Lange Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört, doch das neue Werk soll etwas ganz besonderes sein. Geradezu revolutionär. Ein Wort, dass man in Wien in diesen Tagen nicht gerne hört. Und so ist vielen Reaktionären in Adel und Beamtenschaft die Uraufführung ein Dorn im Auge. In diesen Tagen kommt der junge Sebastian Reiser in die Stadt. Er sollte die Schlossverwaltung des Edlen von Sonnberg übernehmen und später vielleicht die Tochter des Hauses heiraten. Doch nach dem Unfalltod des Edlen wurde er vom Erben des Schlosses verwiesen und muss in Wien neu anfangen. Dort trifft er auf seinen alten Musiklehrer, Teilnehmer des Premierenorchesters, und einen alten Studienfreund in Diensten der Staatsmacht, der ihn als Spitzel anheuert. Reiser soll sich in die Orchestergruppe der Uraufführung einschleusen und Umstürzler und Revolutionäre denunzieren. Doch Reiser wird von der Kraft von Beethovens Symphonie mitgerissen und befindet sich längst – zunächst ohne es zu ahnen – in der Mitte einer großen Verschwörung.

Ludwig van Beethovens Geburtsjahr jährt sich in diesem Jahr zum 250. Mal. Zeit für eine große kulturelle Vermarktung des Komponisten. Warum dann nicht auch ein Beethoven-Krimi/Thriller? Für Autor Oliver Buslau, Musikjournalist, Amateurmusiker und Krimiautor (mehrere im Umfeld klassischer Musik), lag das förmlich auf der Hand. Am überzeugendsten ist dieser historische Thriller, in dem Beethoven selbst zwar nicht so häufig, aber doch regelmäßig auftritt, wenn es um die klassische Musik und den Schauplatz und die historische Lage im Deutschen Bund und im Kaiserreich geht. Der Wiener Kongress hatte die Restauration der alten Verhältnisse zur Folge, liberales oder gar revolutionäres Gedankengut wurde verfolgt. Starker Mann war der österreichische Kanzler Metternich, der ein umfangreiches Spitzelsystem etablierte. Dagegen fallen manche Teile des Plots etwas ab. Die Hintergrundgeschichte des Sebastian Reiser überzeugt nicht so ganz, vor allem die Auflösung des Komplotts erscheint arg konstruiert. Dennoch war es insgesamt unterhaltend, weitgehend spannend und mit zahlreichen interessanten Fakten versehen.

 

Feuer im Elysium | Erschienen am 23. Januar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0616-3
496 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Historischer Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

James Lee Burke | Straße ins Nichts Bd. 11

Die junge Letty Labiche wartet auf ihre Hinrichtung. Sie hatte einen Mann ermordet, der auf sie und ihre Schwester in der Kindheit öfters aufgepasst hatte. Dave Robicheaux kannte die Beteiligten und verdächtigte den Mann des sexuellen Missbrauchs, ohne dass dies zu beweisen war. Er will Letty vor der Hinrichtung bewahren und recherchiert ihren Hintergrund. Dabei stößt er zufällig auf einen alteingesessenen Zuhälter, der behauptet zu wissen, dass Daves lange verschollene Mutter von Polizisten ermordet wurde. Daves Mutter hatte ihre Familie verlassen, dennoch hat ihm die Ungewissheit, was mit ihr geschehen ist, lange zugesetzt. So setzt er nun alles daran, diese Spur weiterzufolgen und macht sich dadurch natürlich einige Feinde. Dave steht irgendwann vor der Frage, ob die Verantwortlichen mit normalen Mitteln zu belangen sind oder ob er selbst für Gerechtigkeit sorgen muss.

Straße ins Nichts oder Purple Cane Road im Original erschien vor genau zwanzig Jahren als elfter Band der beliebten Reihe um Dave Robicheaux, der wie immer mit seinem besten Kumpel Clete Purcel in New Orleans und Louisiana für Gerechtigkeit sorgen will und dabei in der Wahl der Mittel ein ums andere Mal die Grenzen überschreitet, was ihn allerdings für den Leser umso interessanter macht. Dieses Mal ist der Fall sogar noch eine Spur persönlicher als sonst. Autor James Lee Burke erzählt dies wie immer kraftvoll, mit vielen interessanten Figuren, eingebettet in präzisen und bildlichen Beschreibungen der Natur und Landschaft Lousianas. Es gibt sicher noch stärkere Bände der Reihe, aber Burke ist dennoch eine sichere Bank, immer empfehlenswert.

 

Straße ins Nichts | Erstmals erschienen 2000
ISBN 978-3-86532-675-1
Die Neuauflage erschienen am 15. Januar 2020 im Pendragon Verlag
436 Seiten | 20.- Euro
Originaltitel: Purple Cane Road
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zu weiteren Titeln des Autors James Lee Burke

 

Oyinkan Braithwaite | Meine Schwester, die Serienmörderin

Korede ist Krankenschwester, stammt aus einer relativ wohlhabenden Familie aus Lagos in Nigeria. Korede hat auch noch eine jüngere Schwester, Ayoola. Diese ist eine absolute Schönheit und daher auch bei den Männern sehr beliebt. Im Gegensatz zu Korede. Es gibt aber ein Problem: Ayoola hat schon drei ihrer Verehrer umgebracht.
Korede ist dann die Cleanerin, sie reinigt den Tatort und lässt die Leiche verschwinden. Dass ihre Schwester in Notwehr gehandelt hat, wie sie behauptet, kauft Korede ihr schon längst nicht mehr ab, aber an die Polizei will sie sie auch nicht ausliefern. Da ergibt sich eine neue Situation: Korede ist schon länger in einen Arzt aus ihrem Krankenhaus verliebt, ohne dass es zu einem Date oder Weiterem gekommen wäre. Doch als Ayoola sie auf der Arbeit besucht, springt der Arzt direkt auf Ayoola an und beginnt, mit ihr auszugehen.

Zwei völlig unterschiedliche Schwestern, die eine die Unscheinbare, Vernünftige, die andere die Schöne, Unbekümmerte und Tödliche. Dennoch gilt die alte Regel vom Blut, das dicker als Wasser ist, was im Laufe der Geschichte aber sehr auf die Probe gestellt wird. Autorin Oyinkan Braithwaite erzählt diese Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Korede, was einerseits seinen Reiz hat, andererseits die Perspektive einschränkt und keinen vollen Blick auf die Dinge erlaubt. Immer wieder werden auch Rückblicke eingestreut, die teilweise einiges erhellen, so etwa das schwierige Verhältnis zum nicht liebevollen Vater, was die Schwestern zusammengeschweißt hat. Überhaupt ist dies eine ausgesprochen feminines Buch (feministisch sogar? Ich weiß nicht.), sind doch die Männer weitgehend nur Randfiguren.

Meine Schwester, die Serienmörderin war im englischsprachigen Raum bereits äußerst erfolgreich und war gar für den Man Booker Price nominiert. Die Geschichte ist durchaus reizvoll und unterhält gut. Den Hype halte ich dennoch nur bedingt für gerechtfertigt, denn ich hatte den Eindruck, dass überall noch ein paar Prozente herauszuholen gewesen wären. So schwankt die Autorin für meinen Geschmack zu sehr in der Frage, ob sie die Geschichte eher schwarzhumorig-pulpig oder mit ernsthafter Tiefe erzielen will. Dann wäre aber mehr Tiefe in der Figur der Ayoola wünschenswert gewesen. Dennoch ist dieser Roman absolut keine Enttäuschung, sondern gut geschrieben und mit originellem Plot.

Meine Schwester, die Serienmörderin | Erschienen am 10. März 2020 bei Blumenbar im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-05074-0 | ISBN 978-3-841-21898-8 (eBook)
240 Seiten | 20.- Euro, 14.99 Euro (eBook)
Originaltitel: My Sister, the Serial Killer
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Caroline Eriksson | Die Beobachterin

Elena ist Schriftstellerin und vorübergehend in ein Reihenhaus eingezogen. Während sie dort am Küchentisch sitzt und arbeitet, kann sie die Familie im gegenüberliegenden Haus beobachten und ihr fallen merkwürdige Szenen auf, die sie einerseits für ihr neues Buch nutzt, die sie andererseits aber auch immer fester davon überzeugen, dass dort bald etwas Schreckliches passiert, das sie verhindern muss.

Es handelt sich hier meiner Meinung nach um einen Thriller, der sich flüssig und auch spannend liest und der zum Ende hin einige Wendungen aufweisen kann, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber insgesamt fesselt er mich nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte.

 

Die Beobachterin | Erschienen am 12. November 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10043-0
336 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Hon som vakar
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Tom Hillenbrand | Qube

Tom Hillenbrand | Qube

„Um sein organisches Encephalon gegen ein digitales auszutauschen, bräuchten wir einen Quantencomputer, in dem sein Brainscan bereits eingespielt ist und der …“ „Bekommen Sie.“ „Sportsfreund, Ihr Mandant hat eine Kugel im Kopf. Er kann keine vierundzwanzig Stunden warten, bis der Rechner präpariert…“ „Doktor, der bootfähige Qube mit Doyles digitaler Gehirnkopie wird gerade angeliefert.“ (Auszug Seite 12)

In Tom Hillenbrands neuem Thriller Qube geht es gleich dramatisch los. Wir befinden uns im Jahr 2091. Der Reporter Calvary Doyle wird mitten in London durch einen Kopfschuss schwer verletzt. Der prominente Journalist hatte zum Thema KI recherchiert und anscheinend etwas Spektakuläres herausgefunden. Er weiß aber nicht mehr was, denn bei dem Mordanschlag kommt er zwar mit dem Leben davon, sein Gehirn ist aber derart beschädigt, dass es bei der Not-OP durch einen künstlichen Computer ersetzt wird. Das hatte Doyle selbst vor einiger Zeit so festgelegt und dafür in weiser Voraussicht schon einen Back-Up erstellt. Unglücklicherweise wurden dabei aber die letzten Rechercheergebnisse nicht abgespeichert. Als auch noch seine Wohnung in die Luft fliegt, wird die Polizeibehörde UNANPAI aufmerksam und die Agentin Fran Bittner auf den Fall angesetzt.

UNANPAI ist eine Organisation zur Bekämpfung Künstlicher Intelligenz. Zweimal konnte bereits verhindert werden, dass die KI die Herrschaft über die Menschheit übernimmt und diese Ereignisse wurden als Turing-Zwischenfälle bekannt. Die Gefahr, dass eine weitere KI in einem Quantencomputer, einem sogenannten Qube, existiert und sich selbstständig macht, muss unbedingt verhindert werden! Agentin Bittner liefert sich einen Wettlauf mit der Zeit, um eine Katastrophe zu verhindern.

Der Traum von der Unsterblichkeit

Mehrere isolierte Handlungsstränge führen parallel durch den spannenden intelligenten Plot. Die geschlechtswandelnde Agentin Francesca oder auch manchmal Francesco Bittner ist bereits aus Hologrammatica bekannt, wo sie vor drei Jahren maßgeblich an der Abwendung einer Krisensituation mit der KI Æther beteiligt war.
Bittner ist ein Quant und wechselt in weibliche wie in männliche Gefäße. Ein anderer Handlungsstrang begleitet den skrupellosen Milliardär Clifford Torus, der von der Unsterblichkeit träumt und dem jedes Mittel recht ist, dieses Ziel zu erreichen. Eine ganz andere Dimension haben Computerspiele erreicht. In einem weiteren Erzählstrang kämpft die Profi-Spielerin Persia Peach, in der Szene besser bekannt als Colonel Crimson, bei einem Fantasygame in einer durch Hologramme täuschend echt simulierten Kampfspiel-Arena, einem sogenannten Ludorama. Mit der Welt der Gamer bringt Hillenbrand einen interessanten Aspekt hinein, auch wenn die Passagen des Spieles, die einen fesselnden Höhepunkt der Story darstellen, mich nicht so richtig überzeugen konnten.

Chancen und Risiken künstlicher Intelligenz

Tom Hillenbrand spinnt hier die utopische Geschichte aus Hologrammatica mit gewohnt großem Einfallsreichtum und Phantasie weiter. Auch die großen philosophischen Themen der Menschheit werden wieder thematisiert. Es geht auch um den Zwiespalt zwischen Chancen und Risiken einer KI. Dank Hillenbrands großer Detailtiefe im Ausschmücken seiner Settings findet man sich in dieser total technisierten Zukunftsvision sehr gut zurecht. Ansonsten hilft auch noch ein Glossar am Ende des Thrillers mit den wichtigsten Begriffen. Klimakatastrophen haben der Erde arg zugesetzt und große Teile des Planeten sind unbewohnbar. Die Erdbevölkerung zieht sich in kühlere Regionen zurück und besiedelt sogar das All. Oder wie es in dem Thriller heißt: …all jene Städte in Südeuropa, Afrika oder Indien, in denen nur noch streunende Hunde lebten.‘

Das Holonet ist in der Lage, die unwirtlichen Landschaften und hässlichen Gebäude digital zu modifizieren. Menschen nutzen die Möglichkeit, auf diese Art ihr Aussehen zu verändern und wer genug Geld besitzt, kann kurzzeitig in optimierte Klonkörper wechseln. Spannung entsteht auch dadurch, dass man miträtselt, wie die unterschiedlichen Erzählebenen zusammengeführt werden und welche Figuren sich wie zusammentun.

Qube ist ein unterhaltsamer Science-Thriller der Extraklasse und ein würdiger Nachfolger, kommt aber für mein Empfinden nicht ganz an die Genialität von Hologrammatica ran, den ich noch tiefgründiger fand. Vielleicht fehlte mir auch der Protagonist Galahad Singh aus Teil 1. Den Reiz machte für mich unter anderem auch die Diskrepanz zwischen dem altmodischen Detektiv mit seinem trockenem Humor und der voll technisierten Welt aus. Und ich will nicht zu viel verraten, aber möglicherweise taucht er in einem weiteren Band wieder auf. Die neuen Charaktere wie Fran Bittner sind interessant aber nicht so vielschichtig angelegt. Jedenfalls schreit das Ende nach einer weiteren Fortsetzung.

Auch wenn beide Teile unabhängig voneinander funktionieren, würde ich empfehlen, den Vorgänger zuerst zu lesen. Es ist einfach für den Lesefluss und -genuss förderlich, wenn man die vom Autor erschaffene, sehr komplexe Welt schon kennt. Auch weil in Qube das Hologrammatica-Universum nicht mehr groß beschrieben, sondern als bekannt vorausgesetzt wird. Genug Potenzial für weitere Bände wäre auf jeden Fall vorhanden.

Das psychedelische Cover springt ins Auge und ich finde es sehr gelungen. Es ist dem Thema des Buches und auch dem Vorgängerband angepasst.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Qube | Erschienen am 13. Februar 2020 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05440-8
560 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zu Hologrammatica von Tom Hillenbrand.

Stephen King | Das Institut ♬

Stephen King | Das Institut ♬

Im aktuellen Thriller von Stephen King steht ein ganz normaler 12-jähriger Junge im Fokus, der von seinen Eltern wohlbehütet in einer ruhigen Vorortsiedlung von Minneapolis aufwächst. Allerdings ist der hochintelligente Luke Ellis mit einem fotografischen Gedächtnis ausgestattet und freut sich riesig, demnächst als jüngster Student an das MIT, das Massachusetts Institut of Technology, zu gehen. Daraus wird aber nichts, denn eines Nachts dringen maskierte Verbrecher lautlos in Lukes Elternhaus ein. Kaltblütig und ohne zu zögern werden seine Eltern ermordet und der betäubte Junge aus dem Bett entführt.

Telepathie und Telekinese

Luke wacht am nächsten Morgen in einem Zimmer auf, das seinem Kinderzimmer sehr ähnlich sieht, nur die Fenster fehlen. Später kristallisiert sich heraus, dass er sich in einem geheimen Lager für Jugendliche und Kinder mit übernatürlichen Kräften befindet. Die Anstalt liegt versteckt in den Wäldern des Bundesstaates Maine. Die mit ihm internierten Kids, die alle auf unterschiedliche Weise telepathisch oder telekinetisch begabt sind, werden rundum bewacht. Laufend kommen neue Kinder an, die sich dann im sogenannten „Vorderbau“ des Institutes befinden und es werden teils grausame Experimente an ihnen durchgeführt. Das war für mich teilweise schwer zu ertragen, denn die Jungen und Mädchen werden nicht nur gequält sondern, man kann es nicht anders sagen, regelrechten Folterungen ausgesetzt. Ich fand es erschütternd, mit welcher Selbstverständlichkeit und Gleichgültigkeit die Angestellten unter der Direktorin die Jugendlichen misshandeln und teilweise zu extrem brutalen Bestrafungen greifen. Dabei musste ich tatsächlich immer an die Konzentrationslager der Nazis denken und mir standen die Haare zu Berge. Man leidet und fiebert mit den Kids mit und die Hoffnung, dass sie irgendwann zurückschlagen und sich wehren, macht die Story sehr intensiv und aufwühlend.

Bisher verschwand jedes Kind nach einiger Zeit in den „Hinterbau“ und wurde nie wieder gesehen. Der verzweifelte Luke beschließt, zu fliehen, was angesichts Überwachungskameras und Chip im Ohr schier unmöglich scheint. Er wäre der Erste, dem dieses gelänge. Diese Passagen waren für mich an Dramatik und Spannung kaum zu überbieten. Ab diesem Punkt fesselte mich die Geschichte sehr, die jetzt an ein aufregendes sowie rasantes Jugendabenteuer erinnert und es fiel mir schwer mit dem Hören aufzuhören.

Der Nachtklopfer

In den Anfangskapiteln geht es nämlich erst mal King-typisch in einem ruhigen Erzählfluss los und wir lernen Tim Jamison kennen, einen Ex-Cop, den es in das kleine Städtchen Duprey verschlagen hat. Hier in der Provinz will er sich ein neues Leben aufbauen und verdient sein Geld als Nachtklopfer, das heißt, er läuft nachts im Auftrag des County Sheriffs durch die Gegend und kontrolliert bei den Bürgern, ob alles in Ordnung ist. Das bietet King die Möglichkeit, einige der skurrilen Bewohner des Kaffs auf seine unnachahmliche Art vorzustellen. Da dieser Teil aber wirklich sehr viel Raum einnimmt, fragt man sich schon, ob das so lang sein muss, denn der Autor nimmt sich viel Zeit die Geschichte aufzubauen und die Charaktere einzuführen. Ich möchte hier nicht von Längen sprechen. Denn im Hörbuch nimmt man das gar nicht so wahr.

Fan der Hörbücher

Ob mich die Printversion auf die gleiche Art eingenommen hätte, weiß ich gar nicht. Ich bin absolut ein Fan der Hörbuch-Formate, denn seit längerem spricht David Nathan fast alle King-Werke ungekürzt ein. Nathan, eine Klasse für sich, tut das mit einer unglaublichen Professionalität und Lebendigkeit. Ihm gelingt es glaubhaft, auch eher unspektakuläre Gegebenheiten so zu erzählen, dass man nie das Gefühl hat, etwas würde unnötig in die Länge gezogen. Und Kings bildhafte Erzählweise, mit der er den Hörer in seine Welt zieht, ist wie für dieses Medium gemacht. Dazu kommt, dass der Autor das macht, was er am besten kann: Er kreiert authentische Figuren, die einem am Herzen liegen. Das ist zum Beispiel Luke, der zwar ein Genie aber trotzdem, aus kleinen Verhältnissen stammend sehr bodenständig und emphatisch ist und schnell neue Freunde im Institut findet.

Mir hat die Geschichte um ein Menschen verachtendes System, das Kinder mit paranormalen Fähigkeiten für militärische Zwecke missbraucht, sehr gut gefallen. Am Ende kommt es zu einem spektakulären und actionreichen Showdown im Institut. Unnötig und schlecht gelöst fand ich, wenn schlussendlich noch der Oberschurke lang und breit seine Motivation darlegt und sich die wahren Dimensionen des Instituts offenbaren. Natürlich dürfen auch zahlreiche Spitzen gegen US-Präsident Trump nicht fehlen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Das Institut | Das Hörbuch erschien am 9. September 2019 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-38371-4700-1
3 mp3 CDs | 26.- Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 21 Stunden 2 Minuten
Original-Titel: The Institute (Scribner)
Sprecher: David Nathan
Bibliographische Angaben & Hörprobe

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