Kategorie: Andy Ruhr

James Kestrel | Fünf Winter

James Kestrel | Fünf Winter

„Ich glaube, er hatte Hilfe.“ „Warum?“ „Nur so ein Gefühl.“ „Haben Sie auch ein Gefühl, was dieses Bett betrifft?“ McGrady warf einen Blick auf das Feldbett. Jetzt wurde es von beiden Taschenlampen angestrahlt. Schmutzige Decken und alte Kleidungsstücke stapelten sich darauf. „Was ist damit?“ „Es blutet.“ (Auszug Seite 36)

Ende November 1941 in einer Bar in Honolulu. Detective Jo McGrady ist eigentlich schon im Feierabend, als ihn der Anruf seines Vorgesetzten ereilt. Auf der anderen Seite der Insel Oahu wurde in einem Geräteschuppen in der Nähe einer Rinderfarm ein Leichenfund gemeldet. Personal ist knapp, es ist der Tag vor Thanksgiving, und so soll der Militärveteran McGrady hinfahren. Er ist kein Einheimischer und gilt immer noch als Außenseiter im Honolulu Police Department. Er sieht seine Chance, sich nach 5 Jahren auf Haiwaii mit seinem ersten Mordfall die nötige Anerkennung zu verdienen und macht sich auf in die Berge Honolulus. Am Tatort in die Nähe der Kahana Bay findet er einen weißen, jungen Mann, der kopfüber an einem Fleischerhaken hängt und brutal ausgeweidet wurde. Erst auf den zweiten Blick findet McGrady eine zweite Leiche, eine junge japanisch-stämmige Frau, die ebenfalls auf grausamste Weise gefoltert wurde. Es stellt sich heraus, dass beide mit einem Grabendolch aus dem ersten Weltkrieg ermordet wurden. Der Fall wird zum Politikum, da es sich bei dem ermordeten Jungen um den Neffen des Oberbefehlshabers der Pazifikflotte, Admiral Kimmel handelt, während die Identität seiner mutmaßlichen Freundin, der getöteten Asiatin erst mal ungelöst bleibt.

Zur falschen Zeit am falschen Ort
Relativ schnell zeichnet sich die Spur eines Tatverdächtigen mit dem offensichtlich falschen Namen John Smith ab, die nach Hongkong führt. Während sein Vorgesetzter, Captain Beamer ihn an der kurzen Leine halten will, setzt Kimmel alles dran, den Detective in geheimer Mission an Smiths Fersen zu heften und inoffiziell ermitteln zu lassen. Trotz der unruhigen Zeiten, die Welt befindet sich im Krieg, gelingt es McGrady über Manila nach Hongkong zu fliegen. Allerdings scheint der übermächtige Killer ihm immer einen Schritt voraus zu sein. In der britischen Kronkolonie Kowloon angekommen gerät McGrady alsbald in eine Falle und wird unter einem Vorwand verhaftet. Während er in der Zelle schmort, erreicht der Weltkrieg die Pazifikregion. Am 07. Dezember 1941 überfallen die Japaner Pearl Harbour und die USA tritt in den zweiten Weltkrieg ein. Als die Japaner auch Hongkong einnehmen, wird McGrady mit anderen westlichen Gefangenen per Schiff nach Tokio deportiert, wo er als angeblicher Spion auf seine wahrscheinliche Hinrichtung wartet.

Überraschend wird er von dem stellvertretenden Außenminister Takahashi Kansei befreit. Der Diplomat, der heimlich gegen die Kriegspolitik Japans arbeitet, ist ebenfalls an der Aufklärung des Mordfalls interessiert und versteckt Jo McGrady in seinem Haus in der Nähe Tokios. Tatsächlich kümmern sich Kansei und seine Tochter Sachi bis zum Kriegsende um den Detective und riskieren dabei ihre Leben. Dieser darf das Haus nicht verlassen, nutzt die Zeit um Japanisch und viel über die japanische Kultur zu lernen und überlebt den Feuersturm, den die amerikanischen Bomber in der japanischen Hauptstadt entfesseln. Dabei verzehrt er sich die ganze Zeit nach seiner Freundin Molly, von der er sich nach seiner überstürzten Abreise aus Hawaii nicht verabschieden konnte.

Er würde herausfinden, dass sich zu dem Zeitpunkt, an dem er die Badewanne verließ und sich fragte, wann Sachi zurückkommen würde, in zweitausend Kilometern Entfernung die Bomber von den Startbahnen drängten …. Es waren so viele Maschinen, dass es dreieinhalb Stunden dauerte, bis alle in der Luft waren und Richtung Norden schwenkten …. Zusammengenommen waren sie mit gut anderthalb Millionen Kilo Napalm beladen. Auszug Seite 284

Erst nach der Kapitulation Japans gelingt ihm die Rückkehr in die Heimat und hier beginnt wieder die alte Jagd nach dem Killer, auch weil er sich an sein Versprechen gegenüber Takahashi gebunden fühlt. Auf Hawaii hat sich nach fünf Jahren vieles verändert, an der Aufklärung der Mordfälle zeigt auch keiner mehr Interesse.

Meine Meinung
Der rasante Einstieg hat mich sofort in den Bann gezogen. Aufgrund der bildhaften Erzählweise war ich gleich mitten in der Geschichte, saß mit den Matrosen an der Bar, schmeckte den Whiskey und spürte die tropische Hitze. Die Atmosphäre ist düster und beklemmend, der Erzählton hart und militärisch kühl, die Dialoge lakonisch und trocken. Ein klassischer Noir eben!

Spätestens in Hongkong ändert sich die Tonalität der Geschichte und wird zu einem historischen Roman, wobei das Kriegsgeschehen im Pazifik den geschichtlichen Hintergrund bildet. Viele zeithistorische Aspekte werden in den Roman eingewoben, es entsteht jedoch keine trockene Geschichtsstunde, sondern ein intensives Bild jener Zeit. Die Gräueltaten des Krieges werden ohne Beschönigung geschildert, jedoch erzählt James Kestrel sein großartiges Drama mit nüchternen Worten, sachlich kühl und ohne große Sentimentalitäten, passend zu seinem Protagonisten.

Jo McGrady ist der typisch hartgesottene Held, zynisch und desillusioniert. Kein Freund großer Worte, leidensfähig, schlau und absolut verbissen, die einmal aufgenommene Fährte wird auch nach fünf Jahren nicht losgelassen. Dabei auch zu großen Gefühlen fähig, denn der Roman ist auch eine bittersüße, nie kitschig werdende Liebesgeschichte. Selten habe ich einen Roman gelesen, auf dem die Beschreibung „episch“ besser gepasst hätte. James Kestrel schlägt einen wirklich großen Bogen in seinen mehrfach ausgezeichneten Roman, aber das ist durchgehend fesselnd, süffig zu lesen und beeindruckend mit exotischen Schauplätzen und einem unbeirrbaren Helden in Szene gesetzt. Hut ab vor diesem Mix aus Thriller, historischem Kriminalroman, Kriegsdrama und Romanze.

James Kestrel ist das Pseudonym des amerikanischen Autors und Anwalt Jonathan Moore, der mit seiner Familie auf Hawaii lebt. Und erfreut stellte ich fest, dass ich seinen Roman „Poison Artist“ auch noch auf dem SuB habe.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Fünf Winter | Erschienen am 12. März 2023 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-51847-317-7
499 Seiten | 22,- Euro
Originaltitel: Five Decembers | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Stefan Lux
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Steve Cavanagh | Thirteen & Fifty-Fifty ♬

Steve Cavanagh | Thirteen & Fifty-Fifty ♬

Thirteen (Eddie-Flynn-Reihe Nr. 4)

Bobby Solomon, ein junger, attraktiver und aufgehender Kinostar in Hollywood ist dringend tatverdächtig, seine Ehefrau, die Schauspielerin Ariella Bloom und ihren Bodyguard und Liebhaber Carl Tozer ermordet zu haben. Solomon beteuert seine Unschuld, doch die Beweislast ist erdrückend. Eddie Flynn, ein kleiner New Yorker Strafverteidiger und ehemaliger Trickbetrüger kann sein Glück nicht fassen, als der bekannte Staranwalt Rudy Carps ihn um Hilfe bittet. Eddie soll das Team der Anwälte unterstützen und die Anklage entkräften. Eddie glaubt Bobby und tut alles in dem bevorstehenden Prozess, um die Jury von der Unschuld seines Mandanten zu überzeugen. Auch als er ziemlich schnell begreift, dass er eigentlich nur als Bauernopfer herhalten soll, falls der Verlauf des Prozesses für Solomon ungünstig verläuft.

Der Roman wird abwechselnd aus der Perspektive des Strafverteidigers Eddie Flynn sowie aus der Sicht des Serienmörders Joshua Kane erzählt. Schon im Prolog erfahren wir, wie der gerissene Killer alles daran setzt, Teil der 12-köpfigen Jury zu werden. Obwohl der Täter von Beginn bekannt ist, mangelt es dem intelligent geplotteten Justizthriller nicht an Spannung. Auch weil man jederzeit sehr nah an der Gedankenwelt des Protagonisten und des Antagonisten ist. Diese werden von den beiden Schauspielern Thomas M. Meinhardt und Götz Otto sehr gut in Szene gesetzt. Steve Cavanagh bedient sich zwar an einigen genretypischen Figuren, wie den cleveren, mit allen Wassern gewaschenen Flynn, der das Herz am rechten Fleck hat, den perfiden, soziopathischen Kane mit einer angeborenen Schmerzunempfindlichkeit, dem eiskalten Staatsanwalt oder einer taffen und coolen Ex-FBI-Agentin. Trotzdem hat mich der Thriller aufgrund von vielen innovativen Überraschungsmomenten extrem entertaint. Dazu gehört auch, dass man genau wie die Ermittler bis zum Schluss nicht weiß, wer der Killer in der Jury ist. Es machte mir Spaß, im amerikanischen Rechtssystem den Aufbau des Prozesses, die Strategie der Verteidigung oder den raffinierten Schlagabtausch, den sich Verteidigung und Anklage vor Gericht liefern, zu verfolgen. Die Szenen, in denen die Jurymitglieder eingeschätzt und danach speziell ausgewählt werden, wirkten auf mich authentisch, auch aufgrund der Tatsache, dass der nordirische Autor selbst Anwalt ist. Obwohl einige Wendungen tatsächlich sehr abstrus daherkommen, konnte ich dieses meisterhaft inszenierte Katz- und Mausspiel atemlos genießen.

Thirteen ist der erste Thriller um Strafverteidiger Eddie Flynn, der in deutscher Übersetzung erschienen ist. Tatsächlich handelt es sich aber bereits um den vierten Band der Reihe.

Fifty-Fifty  (Eddie-Flynn-Reihe Nr. 5)

Der ehemalige Bürgermeister von New York, Frank Avellino wird in seinem Schlafzimmer mit äußerster Brutalität erstochen. Anwesend sind seine Töchter Alexandra und Sofia, die auch fast zeitgleich entsprechende Notrufe absetzen, in denen sie sich gegenseitig der Tat beschuldigen. Der Staatsanwalt drängt auf einen gemeinsamen Prozess, um die Schuldfrage schnell zu klären. Ein mögliches Mordmotiv könnte die große Erbschaft in Millionenhöhe sein.

Eddie Flynn übernimmt die Verteidigung von Sofia Avellino und steht im Gericht der Anwältin Kate Brooks von der Societät Levy, Bernhard & Croff gegenüber, die Alexandra Avellino vertritt. Beide sind von der Unschuld ihrer Mandanten überzeugt. Die Indizien sind nicht eindeutig, im Verlauf des Verfahrens versuchen beide, die Glaubwürdigkeit der anderen Angeklagten in Zweifel zu ziehen. Eine große Herausforderung für die Geschworenen, auch da manche Zeugen auf mysteriöse Weise verschwinden.

Nachdem mich Thirteen so gut unterhalten hat, habe ich mir gleich ein weiteres Hörbuch aus der Anwaltsserie um Eddie Flynn vorgenommen. Thomas M. Meinhardt spricht wieder Eddie und Susanne Schroeder, Schauspielerin und Theatercouch die Anwältin Kate Brooks. Beide machen ihre Sache hervorragend und ich konnte mir die Charaktere gut vorstellen. Mit Kate Brooks wird ein neuer, vielversprechender Charakter eingeführt. Die junge Anwältin arbeitet erst seit kurzem bei einer renommierten Kanzlei, wird aber von ihrem Chef nicht für voll genommen. Nach sexuellen Belästigungen kündigt sie und übernimmt ganz alleine die Verteidigung der tatverdächtigen Alexandra.

Und dann ist da ja noch der sympathische Eddie Flynn, der für seinen Job lebt, auf Kosten seines Privatlebens. Vor Gericht läuft er regelmäßig zur Hochform auf und für seine Mandanten gibt er alles, zur Not auch mal nicht ganz vorschriftsmäßig. Er übernimmt nur Fälle, wenn er von der Unschuld seines Mandanten überzeugt ist, auch wenn er in der Vergangenheit einen Mandanten mal komplett falsch eingeschätzt hatte. Mit katastrophalen Folgen.

Auch Fifty-Fifty ist wieder durch ständige Perspektivwechsel raffiniert und packend konstruiert. Cavanaghs Schreibstil ist kurzweilig, flüssig und an den richtigen Stellen temporeich oder auch emotional. Nach und nach kommen Hintergründe zutage, bevor der irische Autor wieder die Spannungsschraube anzieht.

 

Foto & Rezensionen von Andy Ruhr.

Thirteen | Das Hörbuch erschien am 24. Dezember 2021 bei Der Hörverlag
ISBN: B09J1CZLX1
Vollständige Lesung | Sprecher: Thomas M. Meinhardt + Götz Otto
Laufzeit: 13 Stunden 35 Minuten | bei Audible | als Download (Hörprobe): 25,95 €
Originaltitel: Thirteen | Übersetzung aus dem Englischen von Jörn Ingwersen
Die aktuelle Printausgabe erschien bei Goldmann

Wertung: 4,0 von 5

Fifty-Fifty | Das Hörbuch erschien am 28. November 2022 bei Der Hörverlag
ISBN: B0BLTCBG34
Vollständige Lesung | Sprecher: Thomas M. Meinhardt + Susanne Schroeder
Laufzeit: 13 Stunden 39 Minuten | bei Audible | als Download (Hörprobe): 25,95 €
Originaltitel: Fifty-Fifty | Übersetzung aus dem Englischen von Jörn Ingwersen
Die aktuelle Printausgabe erschien bei Goldmann

Wertung: 3,5 von 5

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 2)

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 2)

Im Jahr 1998 haben uns auch einige Autor:innen für immer verlassen. So im April Francis Durbridge im Alter von 85 Jahren. Durbridge war für mich wie auch Edgar Wallace immer mit dem Begriff „Straßenfeger“ verbunden. Meine Eltern erzählten mir, dass die Straßen wie leer gefegt waren, wenn eine Krimiverfilmung von Durbridge in den 1960ern im Fernsehen lief. Was mich mit hochgezogenen Augenbrauen in den 1980ern oder 1990ern zurückgelassen hat, war man doch inzwischen anderes von Tempo und Inszenierung gewohnt. Ich muss allerdings gestehen, dass ich noch nie einen Roman von Durbridge gelesen habe.

Das ist beim zweiten Todesfall ganz anders. Am 22.10.1998 verstarb Eric Ambler 89-jährig, einer meiner Lieblingsautoren unter den Klassikern. Ambler gilt bis heute als einer der versiertesten Autoren von Politthrillern und durch seine lange Schaffensphase von Mitte der 1930er bis in die Mitte der 1980er als Chronist des 20.Jahrhunderts. In seiner ersten Phase in den 1930ern war er noch stark links unterwegs mit unverkennbaren Sympathien für den Kommunismus, dies änderte sich mit der zweiten Phase ab 1951 als er in seinen Thrillern allen Seiten ihr Fett weg bekommen. Sein bekanntestes Werk ist sicherlich „Die Maske des Dimitrios“. Mein bisheriger Favorit von ihm ist „Doktor Frigo“, ein feiner, zynischer Roman, wie eine Großmacht einen Putsch in einer Banenenrepublik organisiert.

Was gibt es sonst noch für bemerkenswerte Kriminalromane des Jahres 1998, die bisher nicht genannt wurden? „Komm, süßer Tod“, der dritte Brenner-Krimi von Wolf Haas, in dem der Brenner sich unter die Rettungssanitäter mischt. Der Roman gewann später den Deutschen Krimi Preis 1999. In den USA erscheinen „Die Trying“ („Ausgeliefert“), der zweite Thriller von Lee Child über den Veteranen und Einzelgänger Jack Reacher sowie „Gone Baby Gone“ von Dennis Lehane aus der sensationellen Kenzie/Gennaro-Reihe, in Großbritannien „On Beulah Height“ („Das Dorf der verschwundenen Kinder“) von Reginald Hill, einer der erfolgreichsten Dalziel/Pascoe-Romanen.

Daneben gibt es auch eine Reihe Debüts, zum einen generell von neuen Autor:innen, zum anderen von Reihen, die teilweise bis heute laufen. So etwa Jörg Juretzkas Ruhrpott-Privatdetektiv Kristof Kryszinski, dessen erster Fall „Prickel“ 1998 erschien. Genau wie Friedrich Anis „Die Erfindung des Abschieds“, der erste Roman mit Tabor Süden. Ebenfalls neu war Alfred Komareks melancholischer Inspektor Simon Polt mit „Polt muss weinen“.

International trat zum einen der Detroiter Autor Steve Hamilton mit „Ein kalter Tag im Paradies“ zum ersten Mal in Erscheinung, der ersten Roman einer Serie um den Privatdetektiv und Ex-Cop Alex McKnight. Der Roman gewann mehrere Preise als bestes Debüt. Ebenso ausgezeichnet wurde 1998 das Debüt einer schottischen Autorin. Denise Mina ist heute eine der renommiersten Krimiautor:innen ihrer Heimat, gewann in den letzten fünf Jahren dreimal den Deutschen Krimipreis. Im Jahr 1998 erschien ihr Erstling „Garnethill“.

Denise Mina | Garnethill (Deutscher Titel: Schrei lauter, Maureen)

Das Jahr 1998 war auch der Beginn der Karriere einer jungen schottischen Schriftstellerin. Denise Mina, Juristin mit einem Lehrauftrag für Kriminologie veröffentlichte mit Garnethill ihren ersten Kriminalroman und erhielt dafür direkt den „Dagger“ für den besten Debütroman. Mit ihrem ersten Roman der Garnethill-Trilogie knüpft sie auch an einen persönlichen Interessenschwerpunkt an: Der Umgang mit Frauen im Strafvollzug, Forensik und Psychiatrie.

Maureen O’Donnell lebt im Stadtteil Garnethill in Glasgow. Die junge Frau hat aufgrund eines sexuellen Missbrauchs durch ihren Vater psychische Probleme und ist in Behandlung. Sie lebt in einer undefinierten Beziehung mit Douglas, ein Therapeut (nicht ihr Therapeut) aus einer Klinik, in der sie war. Allerdings zweifelt Maureen an der Sinnhaftigkeit der Beziehung und erhält schließich Gewissheit, dass Douglas ihr verschwiegen hat, dass er verheiratet ist. Am selben Abend nach dieser Information lässt sich Maureen mit ihrer Freindin Leslie vollaufen, kommt irgendwann spät nach Hause und stürzt nur noch betrunken ins Bett. Am nächsten Morgen findet sie Douglas in ihrem Wohnzimmer – an einen Stuhl gefesselt und brutal ermordet. Relativ klar, wen die Polizei und die Presse als Hauptverdächtige einstuft.

Der Roman erhält seinen besonderen Reiz dadurch, dass über lange Zeit Maureen selbst bzw. ihr Bruder Liam als Verdächtige gelten. Maureen stellt daraufhin eigene Nachforschungen an und stösst auf einen Abgrund von sexuellem Missbrauch in einer psychiatrischen Einrichtung. Traumatisierte Frauen, voller Ängste, die in einer vermeintlich sicheren Umgebung erneut Gewalt und Missbrauch ausgesetzt sind. Schon in ihrem ersten Roman spielt Denise Mina ihre Fähigkeiten aus, die auch in der Folgezeit in ihren Romanen beeindrucken: Ausgefeilte Psychogramme, das Analysen von Beziehungen und Familienkonstellationen und lebensnahe, auch durchaus unbequeme Figuren. Ein empfehlenswertes Debüt.

 

Im internationalen Film gab es 1998 ein paar Krimis, Thriller oder Gangsterfilme, die im Gedächtnis geblieben sind. Allen voran sicherlich der nächste Coup der Coen-Brüder: „The Big Lebowski“, ein wunderbar skurilles Werk mit deutlichen Anleihen an Raymond Chandler mit Jeff Bridges in der Rolle seines Lebens als der Dude. Bei mir ebenfalls sehr hoch im Rennen ist „American History X“, ein verstörendes Drama über die amerikanische Neonaziszene mit Edward Norton in oscarreifer Form (er verlor allerdings gegen Roberto Benigni). Bis heute verstört mich diese Brutalität mit dem „Bordsteinbashing“.

1998 war ich noch sehr häufig im Kino und kann mich noch an einige Filme gut erinnern. „Cop Land“ etwa war für mich die beste schauspielerische Leistung von Sylvester Stallone bis heute, „Ronin“ mit Jean Reno, Natasha McElhone und Robert de Niro zeigte großartige Autoverfolgungsjagden durch Paris und „Out of Sight“, die Verfilmung eines Elmore Leonard-Romans mit George Clooney und Jennifer Lopez, war eine äußerst lässig-charmante Gangsterkomödie. Deutlich brutaler und schwarzhumoriger war hingegen das Kinodebüt des britischen Regisseurs Guy Ritchie: Im August kam in Großbritannien „Lock, Stock & Two Smoking Barrels“ in die Kinos.

Bube, Dame, König, grAS (Originaltitel: Lock, Stock & Two Smoking Barrels)

Die vier Kumpels Eddy, Tom, Soap und Bacon fristen ein überschaubares Dasein als Kleinganoven, hoffen jedoch auf einen großen Gewinn, in dem sie 100.000 Pfund zusammenbringen und der talentierter Pokerspieler Eddy sich damit bei einer illegalen Pokerrunde des lokalen Gangsterbosses und Pornokönig „Hackebeil“ Harry einkaufen kann. Doch es kommt natürlich anders, Eddy wird beim Spiel gelinkt und steht plötzlich mit einer halben Million bei Harry in der Kreide, der das Geld innerhalb einer Woche wiedersehen will. Durch einen Zufall hört Eddy durch die dünnen Wände ihrer Wohnung, wie ihr Nachbar, der Gangster Dog einen Raubüberfall auf ein paar Marihuana-Züchter mit einer Menge Gras und eine Menge Geld planen. Das könnte eine Chance sein, die Schulden zu begleichen. Währenddessen gibt „Hackebeil“ Harry den Raub von zwei antiken Flinten in Auftrag, die im Verlauf der Geschichte noch eine Rolle spielen werden.

Guy Ritchies Kinofilmdebüt ist eine rabenschwarze Gangsterkomödie, die den Regisseur und Drehbuchautor direkt zu einem der Hoffnungsträger des britischen und europäischen Films machte. Eine Rolle, die Ritchie bis heute nur teilweise erfüllen konnte. „Bube, Dame, König, grAS“ war allerdings als Independentfilm ein großer Erfolg, brachte Ritchie außerdem einen Edgar Award für das beste Drehbuch ein.

Der Film steht in der Tradition britischer Gangsterfilme und natürlich umweht auch so ein wenig Tarantino die Szenerie. Viele skurrile Figuren, parallele Handlungsstränge, (w)irre Wendungen, lässige Sprüche und schwarzer Humor machen den Film trotz der enormen Gewaltausbrüche äußerst sehenswert. Der katholische Filmdienst beschwerte sich zwar über das vermittelte „fatalistische Weltbild“ – aber so what? Vor allem hat der Film einen durchgängigen Style, der überzeugt. Sepiatöne, Slomo, Einfrieren des Bildes und so weiter sowie einen lässigen Erzähler (in der deutschen Synchronisation von Martin Semmelrogge gesprochen – eine exzellente Wahl): Guy Ritchie macht in Visualisierung und Gesamtkomposition sehr vieles richtig. Dazu ein abwechslungsreicher Soundtrack zwischen Soul, Funk und Britpop (Besonders begeistert war ich vom Sirtaki zur Szene, als beide Gangsterclans aufeinandertreffen). Außerdem ein hervorragender Cast (u.a. mit Sting!) mit dem Highlight Fußballer Vinnie „The Axe“ Jones als Geldeintreiber Big Chris. Auch nach 25 Jahren ist „Bube, Dame, König, grAS“ ist immer noch eine gute Wahl für einen kurzweiligen Gangsterfilm.

 

Fotos, Rezensionen und Begleittext von Andy Ruhr und Gunnar Wolters.

Schrei lauter, Maureen | Im Original erschienen 1998 bei Bantam Press
Die gelesene Ausgabe erschien 2001 im Knaur Verlag
ISBN 978-3-426-61926-1
427 Seiten | 8,90 €
Originaltitel: Garnethill | Übersetzung aus dem Englischen von Doris Styron

Bube, Dame, König, grAS | Kinostart (UK) am 28. August 1998
Die Blue-Ray erschien am 19. März 2011 | 10,99 €
Laufzeit 1 Std. 47 Min. | FSK 16

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 1)

Vor 25 Jahren: 1998 in Crime Fiction (Teil 1)

Wir öffnen wieder die Asservatenkammer und werfen einen Blick auf die Kriminalliteratur und den Kriminalfilm im Jahr 1998. Wo fängt man da am besten an? Vielleicht bei den Bestsellerlisten? Die Spiegel-Bestsellerliste bringt für das Jahr Erstaunliches zu Tage. Nur vier Bücher waren in diesem Jahr ganz oben auf der Verkaufsliste – und mit der Ausnahme von Marianne Fredriksson waren es nur Kriminalautor:innen. Alle bis heute sehr erfolgreich, wenngleich es für John Grisham (1998 mit „Der Partner“) und Ingrid Noll (mit „Röslein rot“) die vermutlich erfolgreichste Phase ihrer Karriere war. Für Donna Leon mit „Sanft entschlafen“, dem sechsten Fall von Commissario Brunetti, war es hingegen die erste Nummer Eins der Liste, der allerdings noch eine Menge folgen sollten.

Ein weiterer Trend im Genre, der ab Ende der 1990er langsam aufkam, ist der sogenannte „Nordic Noir“, früher salopp und unpräzise „Schwedenkrimi“ getauft. 1998 markiert dabei einen Meilenstein, denn erstmal erschien ein Roman Henning Mankells in einem großem Publikumsverlag („Die weiße Löwin“ bei dtv). Zuvor war Mankell beim kleinen Berliner Verlag edition q erschienen, einem Imprint des Quintessenz Verlags, der eigentlich auf Fachliteratur zur Zahnheilkunde spezialisiert ist. Damit stieg Mankell mit seinen Wallander-Krimis in den Folgejahren zum meistverkauften Krimiautor in Deutschland auf. Interessant zum Jahr 1998 ist außerdem des Erscheinen weiterer nordischer Krimis, etwa der Debütromane von Arne Dahl oder Liza Marklund sowie von „Kakerlaken“, des zweiten Harry-Hole-Romans von Jo Nesbø.

Kommen wir zu weiteren markanten Autoren, die die Kriminalliteratur 1990er mit ihren Werken dominierten (teils bis heute). Dazu zählt neben John Grisham, Tom Clancy (1998 mit „Rainbow Six“ Nr. 1 der NYT-Bestsellerliste), Stephen King (1998 erschien „Bag of Bones“, in deutscher Übersetzung später „Sara“ ) und James Lee Burke (gewann 1998 sowohl den Edgar als auch den Dagger mit zwei unterschiedlichen Büchern) auch Michael Connelly, der ab 1992 mit seiner Harry-Bosch-Serie große Erfolge feierte. Neben Bosch etablierte Connelly weitere Hauptfiguren, etwa den Journalisten Jack McEvoy ab 1996 und später den Anwalt Mickey Haller. In seinem Roman 1998 erschienenen 7. Roman „Blood Work“ ist der FBI-Profiler Terry McCaleb der Protagonist.

Michael Connelly | Blood Work (Deutscher Titel: Das zweite Herz)

Nach einer Herztransplantation lebt der einst ausgesprochen erfolgreiche FBI-Agent Terry McCaleb auf einem Boot im Hafen von Los Angeles. Als Graciela Rivers ihn bittet, den Mord an ihrer Schwester Gloria Torres zu untersuchen, die bei einem Raubüberfall erschossen wurde, lehnt er das rundweg ab. Erst als er erfährt, dass in seiner Brust das Herz der ermordeten Gloria schlägt, ändert er seine Meinung. Die ermittelnden Polizisten vom LAPD sind alles andere als begeistert, dass sich ein Privatschnüffler einmischt. Einzig Jaye Winston vom County-Sheriff-Büro ist Terry noch was schuldig und besorgt ihm alle Unterlagen sowie Videos des Falls. Durch mühselige Aktendurchsicht findet McCaleb tatsächlich Verbindungen zu ähnlich gelagerten Fällen und glaubt nicht an einen schlichten Raubüberfall. Seine Vermutung, dass ein Serienkiller am Werk ist, bringt wiederum das FBI auf den Plan und auch die wollen McCaleb nur ausbooten.

Den Thriller habe ich vor Jahren gelesen, konnte mich aber nicht mehr so richtig daran erinnern. Also habe ich mir noch mal das Hörbuch vorgenommen. Blood Work ist durchgehend spannend inszeniert, zu Beginn haben wir richtig emotionale Momente, wenn Terry den kleinen Sohn der ermordeten Gloria kennenlernt, ihn und Graciela auf sein Boot einlädt und ihm Angeln beibringt. Der Mittelteil verfängt sich ein bisschen in dem Dienstgerangel zwischen LAPD, Sheriff und FBI. Wir begleiten Terry bei der Spurensuche und Verfolgung der einzelnen Indizien. Terry, der durch die schwere Operation noch gehandicapt ist, lässt sich dabei von seinem Nachbarn und gutem Freund Buddy zu den einzelnen Zeugen fahren, um die Hinweise zusammen zu setzen. Die Auflösung ist dann wieder eine große Überraschung. Richtige Old-school-Vibes entstehen, wenn McCaleb in Telefonzellen telefoniert oder wichtige Anrufe verpasst, weil er vergisst, den Anrufbeantworter abzuhören. Überrascht wurde ich durch den Einsatz von Hypnose bei der Vernehmung, die ausführlich beschrieben wurde. Meiner Meinung nach schreibt Connelly inzwischen authentischer mit mehr Gewicht auf der glaubwürdigen Beschreibung des Polizeialltages, aber unterhaltsam war Blood Work allemal.

2002 wurde der Stoff unter der Regie von Clint Eastwood verfilmt, der auch die Hauptrolle übernahm, allerdings in wichtigen Teilen vom Roman abweicht.

Apropos Film, unser Rückblick soll sich ausdrücklich auch auf Crime Fiction auf der Leinwand erstrecken. Hier fällt auf, dass der Trend zu Krimi-/Actionkomödien gerade wohl auf dem Höhepunkt war. „Rush Hour“ und „Lethal Weapon 4“ zählten zu den meistgesehensten Filmen des Jahres. Einziger Genrefilm, der bei den Oscars 1998 etwas Zählbares mitnahm (mehr war gegen „Titanic“ nicht drin), war „L.A.Confidential“ aus dem Vorjahr (Kim Basinger als beste weibliche Nebenrolle und Curtis Hanson und Brian Helgeland für das beste adatierte Drehbuch nach dem Roman von James Ellroy).

Bemerkenswert bei den deutschen Filmen waren aus unserer Sicht vor allem zwei Werke. Zum einen Hans-Christian Schmids Film „23 – Nicht ist so wie es scheint“ um einen Gruppe westdeutscher Hacker, die irgendwann Spionage für den KGB betreiben. Herausragend das Spiel von August Diehl in der Figur des zunehmend paranioden Karl Koch. Zum anderen der wahrscheinlich auch internation bekannteste deutsche Film des Jahres: „Lola rennt“ von Tom Tykwer.

Lola rennt

In dem spannenden Film muss Lola drei Mal durch die Straßen von Berlin rennen, um ihrem Freund Manni aus der Patsche zu helfen. Der Kleinganove, gespielt von Moritz Bleibtreu sollte als Geldkurier für einen Autoschieber jobben, doch nach der Geldübergabe hatte er die Plastiktüte mit den 100.000 DM in der U-Bahn liegen gelassen. Verzweifelt ruft er aus einer Telefonzelle Lola an, denn sein Chef will in 20 Minuten das Geld abholen. Und mit Gangsterboss Ronny, gespielt von Heino Ferch, ist nicht zu spaßen. Zwecks Geldbeschaffung will der verzweifelte Manni einen Supermarkt überfallen. Lola hat 20 Minuten Zeit, das Geld anderweitig zu besorgen und das Leben ihres Geliebten zu retten. Ein Lauf gegen die Zeit um Leben und Tod.

Das Filmplakat mit der rennenden Franka Potente als rothaarige Lola habe ich immer noch vor Augen. Als der Thriller vor 25 Jahren in die Kinos kam, überraschte er durch seine Originalität sowie innovativen Ideen. Ähnlich einer Zeitschleife wird dreimal dieselbe Zeitspanne von 20 Minuten gezeigt, jedes Mal mit minimalen Unterschieden, die zu alternativen Abläufen führt. Schmetterlingseffekt sozusagen! Dabei ändert sich nicht nur Lolas eigene, sondern auch die Zukunft aller Personen, auf die sie während ihres Laufs trifft. Deren Zukunft wird in sekundenkurzen Sequenzen von Fotostrecken in den verschiedenen Varianten wiedergegeben.

Der kommerziell äußerst erfolgreiche Film wurde auch im Ausland extrem gefeiert und bedeutete für Regisseur und Produzent Tom Tykwer den großen Durchbruch. Der Film ist gespickt mit visuellen Spielereien, die man so zu dieser Zeit noch nicht gesehen hatte. Realfilmszenen wechseln sich mit kurzen Zeichentrickpassagen ab. Rasante Schnitte im Stakkato-Rhythmus und die dazu passende treibende Techno-Musik geben dem Film ein ungeheures Tempo. Und grade mit dieser Dynamik fängt der Film das Lebensgefühl der damaligen Zeit ein. Dazu die ausdruckstarke Franka Potente in der Titelrolle, die auch für sie der Durchbruch zum Star bedeutete.

Ein actiongeladener Thriller und eine Gangsterballade, in der es um die Macht des Schicksals und um die Liebe geht.

 

Fotos, Rezensionen und Begleittext von Andy Ruhr und Gunnar Wolters.

Das zweite Herz | Im Original erschienen 1998 bei Little, Brown and Company
Das Hörbuch erschien am 01. April 2008 im audio media verlag | Gekürzte Lesung von Engelbert von Nordhausen
ISBN 978-3-86804-471-3
6 Audio-CDs (Gesamtspielzeit: ca. 473 Minuten) | 7,98 €
Originaltitel: Blood Work | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Sepp Leeb

Lola rennt | Kinostart am 20. August 1998
Die Blue-Ray erschien am 27. Mai 2011
Laufzeit 1 Std. 19 Min. | FSK 12 | 6,22 €

Stephen King | Fairy Tale

Stephen King | Fairy Tale

Charlie Reade ist ein ganz normaler 17-jähriger Teenager, eine Sportskanone mit guten Noten in der High-School. Er lebt in der Nähe Chicagos allein mit seinem Vater, seit seine Mutter vor Jahren bei einem Autounfall auf der „verfluchten Brücke“, der Sycamore Street Bridge ums Leben kam. George Reade, ein Versicherungsangestellter hatte den Verlust nie verwunden und seinen Kummer in Alkohol ertränkt. Schon früh musste Charlie für sich und seinen Vater Verantwortung übernehmen und sich um das alltägliche Leben der beiden kümmern. Inzwischen hat George sich wieder gefangen, die Treffen bei den Anonymen Alkoholikern geben ihm Sicherheit und Charlie ist froh um dieses Wunder, für das er gebetet und versprochen hat, Gutes zu tun.

Diese Gelegenheit bietet sich, als er eines Tages klägliches Hundejaulen vom Grundstück am Ende der Straße vernimmt. Ausgerechnet vom als „Psychohaus“ verschriene Anwesen am Sycamore Hill von Howard Bowditch, einem grummeligen Eigenbrötler. Trotz seiner Angst vor der „Bestie“, einer deutschen Schäferhündin namens Radar eilt er zur Hilfe. Er rettet dem schwer verletzten Mr. Bowditch nicht nur das Leben, sondern kümmert sich auch, ganz der hilfsbereite Kerl, der er nun mal ist, während der langwierigen Rekonvaleszenz um den alten Mann und die betagte Hündin. Schnell werden Charlie und Radar unzertrennlich und auch mit dem alten Misanthropen freundet er sich langsam an. Dieser vertraut dem Jungen schließlich, lässt ihn verschiedene Arbeiten am Haus verrichten und verrät ihm sogar einige Geheimnisse. Nur was es mit dem alten Schuppen in seinem Garten auf sich hat, aus dem gruselig kratzende und schabende Geräusche dringen, will er nicht sprechen.

Dieser Erzählstrang in der realen Welt nimmt bereits ein Drittel des Buches ein, mit den für King typisch ausschweifenden und detaillierten Beschreibungen. Hier ist der Roman mehr eine Coming-of-Age-Geschichte, die sich um eine intensive Vater-Sohn-Beziehung dreht. Die Charaktere sind glaubhaft gelungen, allen voran natürlich Charlie und der liebenswerte Vierbeiner. Stephen King spielt hier seine Stärken aus und ich fand diesen Teil sehr berührend und unterhaltsam.

Das Abenteuer beginnt

Erst ab Seite 300 überschlagen sich die Ereignisse, die Geschichte bekommt märchenhafte Züge und das Abenteuer beginnt. In dem Schuppen öffnet sich ein Portal in eine andere Welt und Charlie bekommt Zugang zu einem Paralleluniversum. Diese magische Welt namens Empis ist in großer Gefahr, denn eine finstere Kreatur hat die Macht an sich gerissen und die geknechtete Bevölkerung mit einem Fluch belegt, bei der die Menschen langsam ihre Sinnesorgane einbüßen. Charlie begegnet Menschen mit ausradierten Gesichtern, mit Narben an Stellen, wo früher Augen, Mund und Ohren waren. Eine graue Welt, in der zwei Monde über dem Himmel ziehen, mit einer Königsfamilie, die verbannt wurde, eine magische Sonnenuhr, welche die Zeit zurückdrehen kann, sprechenden Pferden, schlauen Insekten und anderen überdimensionierten Tieren, Monstern und Riesen.

Hört sich nach überbordender Fantasie und umfangreichem Worldbuilding an? War es aber für mich nicht. Mir gelang es nicht, in diesen Teil der Geschichte richtig einzutauchen. Während ich die ersten 300 Seiten genossen habe und gerne so weitergelesen hätte, verlor ich beim Betreten der Märchen-Welt immer mehr das Interesse.  Ich wurde nicht verzaubert, es fehlte mir an Originalität, dafür bietet King hier nur ausgetretene Erzähl-Pfade. Der jugendliche Held bewegt sich in der Fantasy-Welt ohne große Plot-Twists von einer Aufgabe zur nächsten. Während er gegen das Grauen kämpft und die unterdrückte Bevölkerung von dem Bösen befreit, wächst er über sich hinaus.

Meerjungfrauen und die Tribute von Panem

Auf den noch fast 600 folgenden Seiten werden derart viele Referenzen an Märchenklassiker eingebaut, dass es mir irgendwann zu viel wurde. Das fängt schon mit der Mutter an, die mit einem roten Mantel auf der Brücke von einem Wolf äh LKW erwischt wird. Außerdem werden uns diese Vergleiche mit Werken aus Literatur und Film ständig von Charlie serviert, ohne dass wir sie selbst entdecken können. Alles schien mir schon mal dagewesen zu sein. Es gibt Prinzessinnen, Meerjungfrauen und Spiele, bei denen sich die Menschen in einer Arena auf Leben und Tod bekämpfen müssen. Das erinnert an Tribute von Panem und bin ich die Einzige, die bei dem Wort Empis immer an Mumpitz dachte? Ich konnte mit den Figuren in Empis nicht mitfiebern, sie waren mir leider egal und die finale Konfrontation mit dem Bösewicht konnte ich kaum erwarten, passierte dann aber relativ unspektakulär. Natürlich kann man in der Beschreibung des Märchenlandes Bezüge zu Kings Heimat und seine Befürchtungen für die Zukunft erkennen.

Ein unterhaltsamer, gut geschriebener Spannungsroman mit einem großartigen Anfang, der ganz ohne phantastische Elemente und märchenhafte Inhalte auskommt und einem zu aufgeblähtem Mittelteil mit einigen Schwachpunkten.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Fairy Tale | Erschienen am 14.09.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-45327-399-3
880 Seiten | 28,- €
Originaltitel: Fairy Tale | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Bernhard Kleinschmidt
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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