Kategorie: Andy Ruhr

Simon Beckett | Die ewigen Toten Bd. 6

Simon Beckett | Die ewigen Toten Bd. 6

Die Fledermaus war sofort wieder verschwunden, doch sie hatte den Rechtsmediziner so erschreckt, dass er nach hinten stolperte und mit den Armen ruderte, als sein Fuß von den Trittplatten abrutschte… Whelan schaffte es, Conrads Handgelenk zu packen, und eine Sekunde lang glaubte ich, er hätte ihn. Dann gab, begleitet von einem lauten Krachen von Holz und Gips, ein Stück des Bodens nach, und Conrad verschwand.( Auszug Seite 36)

Es ist ein wirklich schauriger Ort, den Simon Beckett sich als Setting für seinen sechsten Band ausgesucht hat. Das alte, schon seit Jahren leerstehende stillgelegte Krankenhaus in einem heruntergekommenen Viertel im Norden Londons beherbergt mittlerweile nur noch Fledermäuse und manchmal Obdachlose oder Junkies. Gegen die Proteste von Tierschützern soll das verfallene St. Jude demnächst abgerissen werden, aber bevor die Abbrucharbeiten tatsächlich beginnen, wird eine Leiche auf dem Dachboden gefunden. Die Tote ist in Plastikfolie eingewickelt und aufgrund des vorherrschenden trockenen Klimas ist der Körper zu großen Teilen mumifiziert.

Auftritt David Hunter

Der forensische Anthropologe David Hunter wird als Sachverständiger hinzugezogen. Er entdeckt sofort, dass die Tote schwanger war. Die Bergung in dem baufälligen Gebäude gestaltet sich schwierig. Und so passiert es, dass der Rechtsmediziner Dr. Conrad bei der Begutachtung der Leiche durch die Decke in einen anderen Raum stürzt. Bei der Rettung des Kollegen treten große Probleme auf, denn dieser Raum ist nicht nur auf keiner Karte eingezeichnet, sondern verfügt auch über keine Fenster, Türen oder irgendeinen Durchgang. Als es der Rettungsmannschaft endlich gelingt, in die komplett zugemauerte Kammer einzudringen, treffen sie auf einen weiteren grausigen Fund. Eine männliche sowie eine weibliche Leiche liegen komplett bekleidet und gefesselt in den Krankenhausbetten und zeigen deutliche Anzeichen von Folterungen.

Ein Lost Place

Der Autor zieht alle Register um die unheimliche, bedrückende Atmosphäre des Lost Place darzustellen. Wir begleiten den Ich-Erzähler David Hunter durch die dunklen, schmutzigen, teilweise noch nicht leergeräumten Gänge in dem baufälligen Kasten bis zum Dachboden, in dem sich die Hitze wie in einer Sauna staut. Durch die düsteren, detailreichen Beschreibungen des Labyrinths entstehen beim Leser Bilder im Kopf und man riecht förmlich den feuchten Dreck und Staub, spürt die Spinnweben und man kann die grauenvollen Ereignisse der Vergangenheit fast spüren.

Mit Hilfe eines Leichenspürhundes wird das alte Hospital nach weiteren Opfern durchsucht. Das zieht sich über viele Seiten und generiert eine morbide Spannung. Hinter jeder Ecke könnten weitere Tote oder andere schreckliche Überraschungen lauern. Während sich die Medien auf den Fall stürzen, beginnt Dr. Hunter mit seiner akribischen Arbeit, die daraus besteht, dass er Schicht für Schicht die Geheimnisse der Leichen freilegt und aus den Knochen die Todesart und den Todeszeitpunkt herauslesen kann. Typisch für Simon Beckett werden die Untersuchungen der sterblichen Überreste detailliert beschrieben und dadurch schleppt sich der Plot im bedächtigen Erzähltempo mit wenigen Actionszenen voran. Das mag für den ein oder anderen eklig sein oder auch ermüdend. Man kennt es bereits aus den vorherigen Bänden und man muss es mögen. Jedenfalls wird hier der Thriller gehörig ausgebremst.

Der Gutmensch

Sehr viel Raum wird auch wieder David Hunter und seinen Befindlichkeiten gewidmet. Ein privates Forensik-Team wird ihm vor die Nase gesetzt und er muss sich mit einem jungen, sehr selbstbewussten Kollegen rumschlagen. Daniel Mears ist auch kein stinknormaler forensischer Anthropologe, sondern bezeichnet sich als forensischer Taphonom und was ihm an Erfahrung fehlt, macht er durch Arroganz wieder wett. Hunter hat endlich in Rachel eine neue Lebensgefährtin gefunden, die aber beruflich unterwegs ist und alleine leidet er immer wieder unter Panikanfällen und Albträumen, aufgrund eines Attentats auf ihn in einem früheren Band. Ich meine mich zu erinnern, dass das im zweiten Band Kalte Asche passierte und ich finde dieser Erzählfaden wird schon zu lange gesponnen.

Etwas anstrengend fand ich die Bemühungen des gutherzigen David um eine ältere Dame, die in einem Waldgebiet in der Nähe des Krankenhauses umherirrt. Die total verbitterte Lola Lennox, die mit der Pflege ihres schwerkranken, bettlägerigen Sohnes überfordert scheint, lehnt seine Hilfe aber ab und hier fand ich Davids Verhalten fast übergriffig. Natürlich begibt er sich durch seine Alleingänge auch wieder in Gefahr und muss zum Schluss noch einiges einstecken. Diese Szenen waren für mich am Rande des Erträglichen und ich wünschte, der Autor hätte endlich mal Mitleid mit seinem Protagonisten.

Ich habe diesen Mainstream-Thriller gerne gelesen, denn Simon Beckett erfindet hier nicht das Rad neu, aber er versteht sein Handwerk und führt routiniert durch die Story. Bis zum Ende gibt es noch einige Twists, die ich zwar nicht besonders glaubwürdig fand, die mich aber doch sehr überrascht und unterhalten haben.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die ewigen Toten | Erschienen am 12. Februar 2019 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-5002-3
480 Seiten | 22.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Simon Beckett-Titeln Der HofVoyeur und Totenfang.

Tawni O’Dell | Wenn Engel brennen

Tawni O’Dell | Wenn Engel brennen

„Da draußen ist ein Typ, der Sie unbedingt sprechen will.“ „Hat das mit unserem Mädchen zu tun?“ „Nein. Er will seinen Namen nicht nennen, aber er sagt, er hat ihre Mutter getötet.“ Er lässt die Schwere dieser Aussage wirken. Bestimmt erwartet er eine Reaktion von mir, aber von mir kommt nichts. „Alles in Ordnung, Chief? Glauben Sie, der Witzbold meint das ernst? Sollen wir mal nach ihrer Mutter sehen?“ „Meine Mutter wurde ermordet, als ich fünfzehn war.“ (Auszug Seite 26)

Wenn Engel brennen liegt jetzt schon etwas länger auf meinem SuB, irgendwie konnten mich der reißerische Titel und das Cover nicht so richtig überzeugen. Ein Fehler, denn der Kriminalroman hat mich restlos begeistert und zählt zu meinen absoluten Highlights. Es ist der sechste Roman der amerikanischen Schriftstellerin und ihr erster eindeutiger Kriminalroman. Tawni O’Dell stammt aus dem ländlichen Pennsylvania und hier in einer ehemaligen Bergbauregion ist auch die Geschichte verortet.

In dem fiktiven Städtchen Buchanan ist die 50-jährige Dove Carnahan Polizeichefin. Seit 27 Jahren ist sie in dem ländlichen Ort ihrer Kindheit tätig und meistens für Bagatellfälle zuständig. Das tote Mädchen, das in Campbell’s Run gefunden wird, ist nicht nur für sie das Schlimmste, was sie je gesehen hat. Die Geisterstadt ist eine von denen, in der früher der Bergbau und damit die Industrie florierten und vielen Menschen Arbeit gab. Schon seit langem verrotten hier die Maschinen, die Einwohner wurden umgesiedelt und ganze Siedlungen verfielen. Unter der Erde brennen seit Jahrzehnten noch etliche Kohleflöze, die nicht gelöscht werden können und dadurch wurden ganze Regionen unbewohnbar gemacht. An einigen Stellen bilden sich an der Außenseite Risse, schwelende Brände und giftige Rauchschwaden dringen an die Oberfläche.

In dieser verwüsteten Landschaft wird der Teenager mit eingeschlagenem Schädel und in eine Decke gehüllt in einer Erdspalte gefunden. Vorher wurde sie mit Benzin übergossen und angezündet. Dieser grausame Mordfall ist kein Fall für die kleine Polizeieinheit des Countys und der übergeordnete State Trooper Nolan Greely übernimmt.

Er wirkt wie der große, stämmige, humorlose Trooper, bei dem einem Autofahrer mulmig wird, wenn er ihn in seinem Außenspiegel sieht. Tatsächlich ist der Detective bei der Kriminalpolizei und trägt keine Uniform mehr, aber die braucht er auch gar nicht. Vom stahlgrauen Bürstenhaarschnitt bis zum gemessenen, zielstrebigen Gang ist er durch und durch Cop, da gibt es kein Vertun. Er bleibt vor mir stehen und mustert mich mit regloser Miene durch eine verspiegelte Sonnenbrille. (Auszug Seite 9)

Aber Chief Carnahan kennt das Milieu und die Menschen ihrer Gegend besser und sie findet schnell heraus, dass es sich bei dem Opfer um die junge Camino Truly handelt, Mitglied einer in der Gegend Polizei bekannten Familie der weißen Unterschicht. Die Lebensumstände dieser für den Landstrich typischen White-Trash-Familie werden durch Alkoholismus, Arbeitslosigkeit, Drogen und Gewalt dominiert. Dabei schlug die hübsche und intelligente Camio aus der Art. Trotz der desolaten Familienumstände war sie ehrgeizig, wollte aufs College gehen und studieren. Sie hatte einen Job und einen gutaussehenden Freund aus der Mittelschicht. Diesen machen die Trulys sofort als Täter aus und wählen Selbstjustiz als geeignetes Mittel, während sich Camios Mutter Shawna in eine destruktive Gleichgültigkeit flüchtet. Die Trulys misstrauen der Polizei und verweigern trotzig die Zusammenarbeit. So treten die Ermittlungen lange auf der Stelle und Chief Carnahan beißt sich die Zähne aus.

Von diesen Kindern erreichten sechs das Erwachsenenalter, fünf kamen nicht ins Gefängnis, vier hielten sich vom Crack fern, drei arbeiteten zeitweise, zwei tranken nicht, und einer fand zu Jesus. Alle pflanzten sich eifrig fort. (Auszug Seite 47)

Der Fall weckt bei der Ich-Erzählerin Dove Carnahan lang verdrängte Erinnerungen, denn auch sie stammt aus schwierigen Verhältnissen. Ihre promiskuitive Mutter hatte sich mehr für sich und ihre Schönheit interessiert und Dove und die jüngeren Geschwister Neely und Champ stark vernachlässigt. Als Dove 15 Jahre alt war, wurde ihre Mutter von einem ehemaligen Liebhaber erschlagen. Dieser hatte immer seine Unschuld beteuert und kommt jetzt nach 35 Jahren aus dem Gefängnis frei. Er taucht sofort in Buchanan bei Chief Carnahan auf und will wissen, warum Dove und Neely ihn damals durch ihre Lügen ins Gefängnis gebracht haben.

Wenn die 50-jährige Polizeichefin zusammen mit Nolan Greely in diesem Konglomerat aus Familienstreitereien, Gewalt und Inzest herausfindet, wer für die Tat verantwortlich ist, werden die Schicksale beider Familien, die Trulys und die Carnahans, nach und nach enthüllt. Dabei wird deutlich, dass die meisten Tragödien in der Familie als eingeschworene Gemeinschaft passieren.

Tawni O’Dell ist hier nicht nur ein wendungsreicher, spannender Kriminalroman und ein lupenreiner Whodunnit gelungen, sondern auch eine Sozial- und Milieustudie. Sie erzählt pointiert und empathisch von einem heruntergewirtschafteten Landstrich, dem sogenannten „Rust Belt“ und dessen Einwohnern, die keine Hoffnung auf eine Zukunft mehr haben, die sich abgehängt und von der Politik verraten fühlen.

Ihr Kriminalroman lebt dabei von seinen Kleinstadtfiguren, die Tawni O’Dell mit viel Menschenkenntnis, Einfühlungsvermögen sowie einem messerscharfem Blick porträtiert. Sie punktet besonders mit der unkonventionellen, taffen Single-Frau Dove Carnahan. Die Protagonistin hat sich durch ihr tragisches Schicksal nicht unterkriegen lassen und, obwohl sie teilweise abgebrüht und zynisch wirkt, Mitgefühl und Selbstironie beibehalten.

Fast lässig und mit einem intensiven, literarischen Erzählstil schiebt die 55-jährige Autorin diese Geschichten ineinander und macht daraus einen intelligent geplotteten Country Noir. Eine grandiose Hauptfigur hat Tawni O’Dell hier geschaffen, die das Zeug zur Serienfigur hat und folgerichtig schreibt sie schon an einer Fortsetzung.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wenn Engel brennen | Erschienen am 15. Juli 2019 bei Ariadne im Argument Verlag
ISBN 978-3-8675-4239-5
352 Seiten | 21.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Stephen Chbosky | Der unsichtbare Freund ♬

Stephen Chbosky | Der unsichtbare Freund ♬

Die Meinungen über den umfangreichen Thriller Der unsichtbare Freund gehen ja ziemlich auseinander und ich war wirklich sehr neugierig, wie mir die Mischung aus Thriller, Horror, Mystery und Fantasy gefallen würde. Der Einstieg gestaltete sich jedenfalls sehr vielversprechend, mysteriös und düster.

Die alleinerziehende Kate zieht mit ihrem 7-jährigen Sohn Christoper in das kleine Städtchen Mill Grove in Pennsylvania. Auf der Flucht vor Kates gewalttätigem Freund scheint das abgeschiedene Örtchen umgeben von einem dichten Wald der richtige Zufluchtsort zu sein, um neu anzufangen. Von Anfang an übt der geheimnisvolle, sogenannte Missionswald eine schwer erklärbare Faszination auf Christopher aus. Als er eines Tages einer lächelnden Wolke in den Wald folgt, bleibt er für ganze sechs Tage verschollen. Als er wieder auftaucht, hat er keine Erinnerung an die Tage im Wald. Er weiß nur noch, dass ihm „der nette Mann“ geholfen hat und obwohl er unversehrt scheint, ist von nun an alles anders: Christopher, der unter Lernschwierigkeiten litt, schreibt plötzlich Bestnoten. Dank seiner Vorhersagen gewinnt seine Mutter im Lotto und sie können sich endlich ein eigenes kleines Heim leisten. Auch in der Schule tritt der schüchterne Christopher jetzt selbstbewusster auf und findet sogar Freunde.

Projekt Baumhaus

Die braucht er auch, denn er hat einen Auftrag: Er soll im Missionswald ein Baumhaus bauen und zwar bis Weihnachten. Denn nur dann könne er sich und die Bewohner von Mill Grove und eigentlich die ganze Welt retten. Christopher ist richtig besessen von der Idee und als Leser fragt man sich, wie das alles mit dem kleinen David Olson zusammenhängt, der vor mehr als 50 Jahren im Wald verschwand und nie wieder gesehen wurde. Der Einstieg mit einem Prolog in die Vergangenheit zog mich gleich in den Bann. Der Autor schafft mit unheimlichen Ereignissen und bedrohlichen Elementen wie zum Beispiel den immer wieder rätselhaft auftauchenden Hirschen eine beklemmende Grundstimmung.

Stephen Chbosky nimmt sich viel Zeit, um seine Geschichte aufzubauen. Viele Figuren aus der Kleinstadt werden eingeführt und der Autor versteht es sehr gut, ihre menschlichen Beziehungen näher zu bringen. Fast alle Charaktere haben ihr Päckchen zu tragen. Nicht nur Christopher, der um seinen verstorbenen Vater trauert, wurde vom Schicksal schon arg gebeutelt. Kate und Christopher haben eine sehr enge Beziehung zueinander und der kleine Junge, der sich selbst für dumm hält, wächst einem schon ans Herz. Genau wie die kleine Truppe von Außenseitern, die er um sich schart, um sein Projekt zum Erfolg zu bringen. Man fiebert mit ihnen mit bei ihrem Kampf Gut gegen Böse. Erzählerisches Talent kann man Stephen Chbosky nicht abstreiten und die dichte Erzählweise mit detailreichen Ausführungen erinnert tatsächlich an Stephen King; Chbosky als großer King-Fan streitet das auch gar nicht ab.

Gut gegen Böse

In der zweiten Hälfte wechseln sich Szenen der realen und der Fantasiewelt ab, die Übergänge sind fließend. Es werden auch viele religiöse Elemente eingebaut und man spürt hinter jedem Satz das Herzblut, mit dem Stephen Chbosky diese gewaltige Geschichte erdacht hat.

Leider wird es im letzten Drittel wirklich sehr abstrus und die Geschichte konnte mich nicht mehr durchgehend fesseln. Man spürt Chboskys offensichtliche Begeisterung für seine erdachte Welt und ich feiere viele seiner faszinierenden Ideen. Aber mir fehlt der rote Faden in der Storyline, dem Plot fehlt es jetzt an Struktur, denn er hetzt einfach nur noch von Szene zu Szene. Die Spannung kann bei dem Gewirr von Handlungssträngen nicht dauerhaft gehalten werden. Dadurch, dass sich die Horrorszenen eigentlich immer nur wiederholen, bringt das die Handlung nicht wirklich voran und man hat das Gefühl, sie dreht sich im Kreis. Gefühlt liefen die Helden nur noch hin und her zwischen Wald, Stadt und Krankenhaus. Ich glaube, das wäre King nicht passiert, denn mir wurden die Protagonisten irgendwann egal und ich sehnte das Ende der Geschichte herbei. Auch die Freunde um Christopher spielen keine große Rolle mehr. Als Stilelement versucht der Autor durch Wiederholung und immer wiederkehrende Worte das Gehörte noch eindringlicher zu machen. Das ist auf Dauer sehr ermüdend. Irgendwann nerven selbst die Hirsche.

Der amerikanische Schriftsteller und Drehbuchautor Stephen Chbosky schreibt sehr bildgewaltig, so dass bei mir sofort das Kopfkino ansprang und ich Figuren und Ereignisse förmlich vor mir sah. Als Film könnte ich mir diese Story sehr gut vorstellen und Chbosky soll schon am Drehbuch schreiben. Und David Nathan kann als Sprecher natürlich auch überzeugen und ist mit ein Grund, warum ich bis zum Ende durchhielt. Er sorgte mit seinem perfekten Vortag für jede Menge Gänsehautmomente.

Stephen Chbosky schrieb über einen Zeitraum von 10 Jahren an seinem Roman Der unsichtbare Freund und rausgekommen ist ein atmosphärischer, mystischer Horror-Thriller, der teilweise zu überfrachtet und zum Ende zu weitschweifig geraten ist.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der unsichtbare Freund | Das Hörbuch erschien am 4. November 2019 bei RandomHouse Audio
ISBN 978-38371-4963-0
3 mp3 CDs | 29,95 Euro UVP | ab 17.80 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: 22 Stunden 49 Minuten
Sprecher: David Nathan
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Deon Meyer | Beute Bd. 7

Deon Meyer | Beute Bd. 7

„Kommen Sie“, sagte er zu ihr, bot ihr die rechte Hand an, um ihr aufzuhelfen und sah, dass das Blut in Strömen daraus floss. Er wechselte den Schläger in die andere Hand und reichte ihr die linke. Er war sich nicht sicher, ob sie sie annehmen würde, denn er war ein großer schwarzer Mann mit Blut an den Händen, Kopf und Kleidern, mitten in der Nacht im dunklen Park. (Auszug Seite 15)

Dies ist der 7. Band aus der Bennie-Griessel-Reihe und ich möchte gleich vorweg schicken, dass der Thriller mir sehr gut gefallen hat und mich der südafrikanische Autor Deon Meyer aus einer kleinen Leseflaute geholt hat. Worum geht es?

In Bordeaux lebt Daniel Darret zurückgezogen unter falschem Namen und arbeitet als Hilfsarbeiter bei einem französischen Möbelrestaurator. Niemand in seiner Umgebung ahnt, dass der bescheidene und zurückhaltende Schwarze einst ein ehemaliger Freiheitskämpfer in Südafrika war. Durch den Geheimdienst zum gefürchteten Killer ausgebildet, galt Tobela ‚Tiny‘ Mpayipheli einst als einer der besten Scharfschützen und als wichtige Figur im Struggle, dem Befreiungskampf. Inzwischen hat der in die Jahre gekommene Auftragskiller das alles hinter sich gelassen und er will sein einfaches Leben auf keinen Fall aufgeben.

Doch seine Vergangenheit holt ihn ein in Form von Lonny May, einem alten Kampfgenossen. Dieser bittet ihn im Auftrag einer neu gegründeten Organisation von alten Kämpfern des ANC, den amtierenden südafrikanischen Präsidenten zu töten. Der alte Weggefährte macht ihm klar, dass die Demokratie bedroht ist und nur er, Tobela, das Erbe Mandelas retten und der allgegenwärtigen Korruption und Kleptokratie ein Ende bereiten kann. Tobela weigert sich lange standhaft und erst als Lonny in Lebensgefahr gerät, willigt er in den brisanten Plan ein. Dieser sieht vor, den Präsidenten in Paris auszuschalten. Spannung entsteht, da das Zeitfenster sehr klein ist und Tobela nicht mehr der Jüngste.

Die geschlossene Fallakte

Ein weiterer Erzählstrang führt den Leser nach Kapstadt. Hier werden etwa zur gleichen Zeit die Captains Bennie Griessel und Vaughn Cupido von der Valke, einer Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei, mit einem mysteriösen Mordfall befasst, den die Sicherheitsbehörden schon als Selbstmord deklariert haben. Die Aufklärung wird noch dadurch erschwert, dass das Docket, die Fallakte, schon erkaltet ist und die ersten wichtigen Stunden nach der Tat längst vergangen.

Aus einem Luxuszug in Südafrika verschwand ein Mann, der nach einigen Tagen tot neben den Gleisen gefunden wird. Johnson Johnson, genannt J.J. ist ein ehemaliger Polizist, der zuletzt als Sicherheitsberater gearbeitet hat. Als Personenschützer hatte er eine ältere wohlhabende Niederländerin auf der Fahrt begleitet. Seine Ex-Frau glaubt nicht an Selbstmord, zu sehr hing J.J. an seinen beiden Töchtern und auch am Leben. Und obwohl Stichwunden im Nacken eindeutig auf Fremdverschulden hindeuten, wird von oberster Stelle die Einstellung der Untersuchung angeordnet. Offiziell schließen Griessel und Cupido den Fall ab, doch setzen sie gemeinsam mit ihrer Chefin Kolonel Mbali Kaleni die Ermittlung verdeckt fort.

Dann gibt es einen weiteren Todesfall. Der Vater einer guten Freundin von Kaleni wird erschossen aufgefunden. Menzi Dikela, früher eine Legende im Struggle, soll sich das Leben genommen haben. Seine Tochter ist sich sicher, dass es Mord war und bittet ihre Freundin um Hilfe. In beiden Fällen können die drei Ermittler der Falken nur verdeckt, außerhalb des Dienstes ermitteln und riskieren ihre Existenzen.

Die beiden Handlungsstränge laufen lange nebeneinander her und man hat keine Ahnung, wie sie zusammen hängen. Das hat mich nicht gestört, denn beide funktionieren für sich. Da ist die dramatische Geschichte um Tobela, die ich sehr spannend und fesselnd fand. Deon Meyer ist ganz nah dran an seinem Protagonisten und dem unlösbaren Konflikt, in dem Tobela sich befindet. Mit dem hünenhaften früheren Xosa-Kämpfer hat der Autor eine Figur aus seinem Kosmos ausgewählt, der bereits zwei Mal auftauchte. In Der Atem des Jägers, dem ersten Band der Bennie-Griessel-Reihe, und in Das Herz des Jägers. Letzterer ist tatsächlich der einzige Roman, den ich vorher kannte – und den ich gut fand, aber auch sehr düster.

In Beute kommt es jedoch immer wieder durch die humorvollen Dialoge der beiden Captains zu befreiender Komik in einem ansonsten ernsthaften Werk. Auch Bennies Dilemma, er will seiner Liebsten einen Heiratsantrag machen und hat Angst abgewiesen zu werden, verfolgt man eher amüsiert. Die Charaktere waren für mich stimmig, es sind fehlbare Menschen, kleine Eigenarten werden fast beiläufig eingestreut. Eine Geschichte über Menschen mit guten Absichten, aber falschen Methoden.

Wie bereits in seinen früheren Werken zeichnet Deon Meyer ein Bild von Südafrika mit seiner aktuellen politischen Lage, welches auch mehr als zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheid voller Machtmissbrauch und Korruption ist. In dem raffiniert konstruierten Thriller bewegen sich beide Handlungsfäden auf einen hochspannenden Showdown zu. Dazu passt das farblich sehr schön gestaltete Cover mit einem Zug, der in die weite Steppe Afrikas fährt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Beute | Erschienen am 10. März 2020 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00941-9
444 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Icarus und Die Amerikanerin von Deon Meyer.

Dror Mishani | Die schwere Hand Bd. 3

Dror Mishani | Die schwere Hand Bd. 3

Das war eine Vereinbarung, die Coby nicht brechen durfte: Egal, was zwischen ihnen passierte, er würde sie nie wieder allein schlafen lassen. Sie lag im Bett und versuchte, an das Gespräch mit Daniela zu denken und an die Schwangerschaft, von der sie noch niemandem erzählt hatte, und nicht an die schwere Hand, denn daran durfte sie nicht erinnert werden, nicht, wenn Coby nicht bei ihr war. (Auszug Seite 87)

Das Opfer

Die 60-Jährige Lea Jäger wird tot im Wohnzimmer ihrer Wohnung gefunden. Sie wurde brutal gewürgt und erschlagen. Als Oberinspektor Avi Avraham am Tatort eintrifft, ist er wie vor den Kopf gestoßen, als er feststellt, dass er die Tote kennt. Vor einigen Jahren wurde sie Opfer einer Vergewaltigung, die Avi bearbeitet hatte. Der aufgrund ihrer Aussage verurteilte Täter sitzt im Gefängnis. Er bestreitet allerdings bis heute die Tat. Da seine Familie in der Vergangenheit mehrfach Lea Jäger Rache geschworen hat, rücken die Familienmitglieder auf der Liste der Verdächtigen ganz weit nach vorne.

Auch Lea Jägers Sohn rückt in den Fokus der Ermittlungen, da er sich in Widersprüche verwickelt und mit irgendwas hinterm Berg hält. Eine weitere Spur führt direkt ins Polizeipräsidium, denn ein älterer Nachbar will im Treppenhaus einen Polizisten gesehen haben, der das Haus verlassen hat. Aber keine Dienststelle weiß etwas davon und der Polizist bleibt unauffindbar. Avraham geht auch gegen den Widerstand seines Vorgesetzten einer Spur nach und sucht nach Frauen, die nach einer Vergewaltigung erneut von einem Polizeibeamten verhört werden.

Der Täter

Parallel dazu wird in einem weiteren Handlungsstrang die Geschichte von Mali Bengtson erzählt. Auch die Bankangestellte wurde vor einigen Jahren auf einem Betriebsausflug in einem Hotel im Seebad Eilat Opfer einer Gewalttat. Der vermummte Täter konnte nie gefasst werden und Mali litt auch darunter, dass man ihre Geschichte anzweifelte. Ihr Ehemann Coby Bengtson, ein Einwanderer aus Australien stand der Mutter von zwei Mädchen in dieser schweren Zeit stets zur Seite. Aber in der letzten Zeit verhält er sich immer rätselhafter. Erst vermutet Mali, dass der labile Coby unter Depressionen leidet, weil er zum wiederholten Mal seinen Job verlor. Doch sie kommt nicht mehr an ihn ran und es wird klar, dass mehr dahinter stecken muss. Sie hat ihm noch nicht mal erzählt, dass sie ein weiteres Kind erwartet.

Als Leser ist man dem Ermittler-Team immer um einiges voraus, man ahnt die Zusammenhänge, kann sich aber kein Motiv vorstellen. Langsam laufen beide Parallelgeschichten aufeinander zu und münden in einer dramatischen Situation, die sehr tragisch endet. Den Täter erahnt man früh, auch der Klappentext verrät schon viel, trotzdem entwickelt die Geschichte einen Sog, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Der Roman kommt eher gemächlich und unaufgeregt daher, die Spannung entwickelt sich subtil. Die genannten Gewalttaten und deren Aufklärung stehen nicht so im Mittelpunkt, der Fokus liegt eher auf dem Innenleben der Charaktere. Dabei versteht es der israelische Autor Dror Mishani wie kein anderer, seine Figuren in ganz alltäglichen Situationen zu schildern. Als Leser verfolgt man gebannt, wie ganz normale Menschen an ihre Grenzen kommen, in Abgründe blicken und ihre Welt ins Wanken gerät.

Der Ermittler

Auch Avi Avraham ist ein Ermittler mit Fehlern und Schwächen und wirkt dadurch sehr authentisch. Der 39-jährige begeisterte Krimileser ist just zum Leiter des Ermittlungsdezernats von Cholon-Ayalon, einer grauen Industriestadt südlich der israelischen Metropole Tel Aviv, ernannt worden. In dieser Funktion ist es sein erster Mordfall und er fühlt sich der Verantwortung noch nicht so richtig gewachsen. Er grübelt viel und zweifelt, auch an sich selbst. Dabei vermisst er seine frühere Vorgesetzte, mit der er sich immer besprochen hat, die aber wegen einer Krebserkrankung länger ausfällt. Trotzdem geht er eigene Wege und entscheidet oft aus dem Bauch heraus.

Auch privat gibt es einige Baustellen, die ihn belasten. Der Kettenraucher hat seiner Freundin zuliebe, die er in Belgien kennengelernt hat, mit dem Rauchen aufgehört. Marianka ist mittlerweile zu ihm gezogen. Als ihre Eltern zu Besuch kommen, wollen sie Marianka sehr zum Leidwesen von Avi davon überzeugen, wieder nach Belgien zurückzukommen, da sie auch wegen mangelnder Hebräisch-Kenntnisse in Israel noch nicht richtig Fuß fassen konnte. Nichts Weltbewegendes, sondern alles wie im richtigen Leben.

Das Fazit

Die schwere Hand ist der 3. Kriminalroman um Avi Avraham und durch das ganze Buch ziehen sich Melancholie, Tristesse und Schwermut, wie man es selbst in skandinavischen Kriminalromanen selten findet. Der literarische Krimi ist eher ein Psychogramm, in dem Mishani menschliche Tragödien beschreibt und ein feines, psychologisches Bild seiner Figuren zeichnet. Für mich plätscherte es zu sehr dahin, der zögerliche Avi ist ein ganz normaler und dadurch sympathischer Typ, aber mir fehlte der Reiz, noch mehr von ihm zu erfahren. Zum Ende hatte ich mir noch einige Überraschungen erhofft, die ausblieben und im Ganzen blieb mir zu viel offen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die schwere Hand | Erschienen am 29. Januar 2018 bei Hanser im Paul Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-55205-884-2 | Taschenbuch ISBN 978-3-423-21821-4 (dtv 10.95 Euro)
288 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zu Dror Mishanis Roman Drei

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Syrien und Israel.