Kategorie: Andy Ruhr

Don Winslow | The Final Score

Don Winslow | The Final Score

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Kurzgeschichten, aber wenn ein Ausnahmeautor wie Don Winslow seine schriftstellerische Rente unterbricht und eine Sammlung von 6 Kriminalnovellen vorlegt, bin ich dabei! Zwei Jahre nach seinem angekündigt letztem Buch „City in Ruins“, dem Abschlussband der „City-Trilogie“ und einige Zeit nach seiner ersten Novellensammlung „Broken“ zeigt Winslow seine ganze literarische Bandbreite und Vielseitigkeit. Jede der sechs Storys beleuchtet eine andere Facette des kriminellen Lebens. Die meisten sind so um die vierzig Seiten, die umfangreichste hat fast hundert Seiten.

„Die Sonntagsliste“ entführt uns in die frühen 1970er Jahre nach Rhode Island in ein vom Tourismus lebendes Fischerörtchen und glänzt mit viel Nostalgie. Sonntags darf kein Alkohol verkauft werden, aber es gibt eine geheime Liste mit den Namen durstiger Kunden, die das Wochenende ohne Alkohol nicht überstehen. Nick McKenna liefert für einen Spirituosenladen hier jeden Sonntag nicht ganz legal Hochprozentiges an höchst unterschiedliche Kunden aus. Der clevere Teenager will sich so das Geld für die Universität verdienen. Sein Traum von einer möglichen besseren  Zukunft fernab seiner Hippie-Eltern gerät durch das Zusammentreffen mit einigen Kunden ins Wanken.
Nachdem der Nichtsnutz Chrissy Pritchett betrunken einen Autounfall verursacht, bei dem eine junge Frau stirbt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein integrer, aufstrebender Streifenpolizist, versucht alles, um ihm ein schweres Schicksal zu ersparen. Damit sein labiler Cousin seine Strafe in Sicherheit absitzen kann, will er ihm einen Platz im Nordflügel des Gefängnisses verschaffen und erwägt sogar, sich dafür mit der Mafia einzulassen.

„True Story“ ist eine in reine Dialogform gegossene Erzählung, in dem zwei Männer sich in einem Diner unterhalten. Auch wenn die ständigen Namensverwechslungen mich teilweise amüsiert haben und die Szene an „Pulp Fiction“ erinnert hat, ist dieses dialoglastige Kammerspiel für mich die schwächste Geschichte.

Im charmanten „Lunch Break“ gibt es ein Wiedersehen mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“). Daniels und seine Surfer-Crew sollen eine verwöhnte Hollywood-Diva beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh, eine drogenkonsumierende Nervensäge macht ihnen das Leben schwer, wird auch noch von einem Stalker verfolgt.

„Kollisionen“ und das titelgebende „The Final Score“ sind die längsten Storys und noch am eindeutigsten als Kriminalgeschichten zu titulieren. In „The Final Score“ plant der Berufsverbrecher John Highland einen letzten großen Coup. Er ist auf Kaution frei,  bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Der geplante Raub eines Casinos, das Kartellgelder wäscht, ist eigentlich ein unmöglicher Coup. Highland stellt eine Crew zusammen und demonstriert  ihnen seinen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Plan, der so gewaltfrei wie möglich verlaufen soll. Die spannende Heist-Story bietet unerwartete Wendungen im besten „Ocean‘s Eleven“ Stil.

In „Kollisionen“ gerät der erfolgreiche Hotelmanager Brad McAllister in einen Streit, bei dem er einen anderen Mann schlägt. Als dieser unglücklich fällt und verstirbt, muss McAllister sich vor Gericht verantworten. Der glücklich verheiratete Mann und Vater eines kleinen Jungen wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis tut er alles, um zu überleben und zu seiner kleinen Familie zurückzukehren.

Jede dieser sechs Novellen ist fesselnd und besitzt ihren ganz eigenen Charme. Alle Geschichten werden im gewohnt schnörkellosen, unverwechselbaren Winslow-Stil erzählt, in dem kein Wort zu viel scheint und der sich oft in den scharfen Dialogen widerspiegelt. Auch auf den wenigen Seiten besitzen seine Charaktere Tiefe, machen Entwicklungen durch, wodurch man mit ihnen bangt. Don Winslow beherrscht aufgrund seines präzisen Schreibens auch diese literarische Form, seine Geschichten sind trotz der komprimierten Gestalt emotional und erreichen eine tiefe Intensität. In den sechs Geschichten dominieren Mobster-Themen, es geht um Verbrechen, Schuld, Erlösung und Loyalität, eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen politischen Klima in den USA wie noch in „Broken“ sucht man allerdings vergebens.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

The Final Score | Erschienen am 27.01.2026 bei HarperCollins
ISBN 978-3-3650-1337-3
336 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Final Score | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow auf Kaliber.17

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

Moa Berglöf & Joakim Zander | Die Stockholm Protokolle

„Warum glaubst du, dass Hoosh wollte, dass du mich in der Regierung hältst? Weil sie glauben, dass ich so ein unersetzbarer Wohnungsbauminister bin?“ Er lächelte und schüttelte den Kopf. „Nein, so funktionierte Politik nicht wirklich. Alles dreht sich um Kontakte und Beziehungen. Loyalität. Was man über wen weiß. Und wozu man mit diesem Wissen bereit ist.“ (Auszug Seite 253/254)

Die Politikjournalistin Julia versucht einen Skandal um den populären Ministerpräsidenten Schwedens Christian Bratt aufzudecken. Es geht um heimliche Treffen mit europäischen Populisten. Da ihr konkrete Beweise fehlen, wird sie von ihrem Chefredakteur zurückgepfiffen und erst mal aufs Abstellgleis geschoben. Bei ihrem Lebensgefährten Alfred hingegen bekommt die Karriere grade einen neuen Schub. Der Experte für Windkraft bekommt nach einem charismatischen TV-Auftritt den Job als Pressesprecher des Ministerpräsidenten angeboten. Julia und Alfred haben zwei Kinder, sie tauschen absprachegemäß die Rollen und Julia übernimmt die Hausarbeit und Betreuung der Kinder, für die Alfred längere Zeit verantwortlich war.

Da Julia vermutet, dass die Ernennung ihres politisch total unerfahrenen Mannes ein strategischer Schachzug ist, um ihre Recherchen zu sabotieren, ist sie sich jetzt sicher, etwas Brisantem auf der Spur zu sein. Sie vertraut ihrem Bauchgefühl und ermittelt heimlich weiter. Diese Geheimnistuerei belastet die Beziehung. Währenddessen gerät Alfred in die inneren Zirkeln der Macht und Intrigen, wo er sich nach einigen Anfangsschwierigkeiten zu wehren weiß. Doch auch er stößt auf Ungereimtheiten in den höchsten politischen Kreisen, als er den Ministerpräsidenten als Pressesprecher nach Brüssel begleitet.

Die Dynamik zwischen Julia als engagierte, investigative Journalistin und Alfred, dem netten, etwas naiven Pressesprecher birgt genügend Zündstoff. Besonders spannend fand ich den Interessenkonflikt zwischen den Beiden. Sie will aufdecken, er soll vertuschen. Aus dieser Ausgangssituation entwickelt sich ein Plot, der ohne blutrünstige und grausame Schilderungen auskommt. Das Potenzial, welches diese Geschichte gehabt hätte, wird meiner Meinung aber nicht richtig ausgeschöpft.

Abwechseln wird in kurzen Kapiteln aus Julias und Alfreds Perspektive erzählt. Am interessantesten sind dabei Alfreds Erfahrungen im Haifischbecken der Politik und wie er sich langsam entwickelt und durchsetzt. Da die eine Hälfte des Autor*innen-Teams Moa Berglöf als politische Expertin und ehemalige Redenschreiberin des schwedischen Ministerpräsidenten genug Erfahrungen aufweist und sich mit den alltäglichen Dynamiken hinter den Kulissen auskennt, wirken die Ränkespiele und Machtkämpfe glaubhaft und authentisch. Auch die Figuren auf dem politischen Parkett sind gut gestaltet und lebendig. Vielleicht auch weil einige lebendige Vorbilder haben, wie im Nachwort verraten wird.
Dabei hat mich der Thrill-Anteil, wofür wahrscheinlich Joakim Zander verantwortlich ist, enttäuscht.

Erst nach circa zwei Drittel des Romans kommt sowas wie Spannung auf. Die Geschichte ist von Anfang an weder inhaltlich noch sprachlich besonders anspruchsvoll, sondern eher simpel. Dabei stören mich besonders die Dialoge an einigen Stellen, die eigentlich nur der Erklärung für uns Lesenden dienen. Die Spuren bei Julias Recherchen führen dann in eine ganz unerwartete Richtung und die Enthüllungen haben mich dann auch enttäuscht. Es hat gar nichts mit Politik zu tun. Politisch sind nur die Schauplätze wie Brüssel und die dort auftretenden Charaktere. Ich hätte mir mehr Brisanz erhofft und der Plot hat leider einige Schwächen.

Das Ende des Buches bleibt insgesamt sehr offen und verzichtet auf eine klare Auflösung. Da macht es Sinn, dass die beiden Autoren schon an einem Nachfolgeband arbeiten.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Stockholm Protokolle – Gefährliche Beziehungen | Erschienen am 01.03.2026 bei Rowohlt Taschenbuch
ISBN 978-3-499-01883-1
448 Seiten | 18,00 €
Originaltitel: Staben | Übersetzung aus dem Schwedischen von Thomas Altefrohne
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Joakim Zander

Colin Walsh | Kala

Colin Walsh | Kala

Im Sommer 2003 genießen sechs Teenager, alle um die 15 Jahre alt, in der irischen Kleinstadt Kinlough einen endlosen Sommer, bis Katherine „Kala“ Lanann spurlos verschwindet und nicht mehr gefunden wird. Jetzt, 15 Jahre später, treffen sich drei der damaligen Clique in dem Küstenstädtchen wieder. Mush, der in der Kneipe seiner Mutter arbeitet und es nie aus Kinlough rausgeschafft hat, Helen eine Journalistin, die für eine Hochzeit eher widerwillig aus Kanada nach Irland zurückkehrt. Und Joe, in LA ein gefeierter Rockstar, der für einen Gig in das Örtchen an der irischen Küste zurückkehrt. Grade jetzt wird ein Skelett im Wald gefunden, bei dem es sich um die menschlichen Überreste der vermissten Kala handelt und fast zeitgleich verschwinden wieder zwei Jugendliche, die Schwestern Donna und Marie. Die drei werden von der Vergangenheit, die sie alle auf ihre eigene Weise verdrängt haben, eingeholt.

Alle haben sie ihre Theorie. Sogar ich. Irgendwo in einem dunklen Winkel meines Verstands hab ich sofort an Kala gedacht. Das wollte ich nicht denken, aber du kannst dich ein Leben lang daran abarbeiten, deinem Hirn vorzuschreiben, was es zu denken hat, kannst versuchen, deine Gedanken zu kontrollieren, als wärst du der scheiß Rain Man, ist alles für’n Arsch. (Auszug Pos. 152 von 5931)

Der Plot klingt im ersten Moment nach etwas, was man so schon öfter gelesen hat. Freunde treffen nach Jahren wieder an dem Ort aufeinander, wo sie vor Jahren auseinandergingen, ohne dass das traumatische Geschehen um die verschwundene Freundin geklärt worden wäre. Autor Colin Walsh erzählt in seinem Debüt in kurzen Kapiteln abwechselnd aus den Perspektiven unserer Protagonisten, die durch eigene Erzählstile gekennzeichnet sind. Bei Mush in einem einfachen Duktus mit vielen Slang-Ausdrücken, bei Joe mit vielen sich wiederholenden Inneneinsichten in der zweiten Person Singular. Diese sich wiederholenden, unnötig langen Reflexionen drehen sich im Kreis und behindern durchaus den Lesefluss. Die vielen Perspektiven erhöhen die Komplexität, es fühlt sich eher an, als müsse man sich den Plot erarbeiten und es dauert etwas, bis man aufgrund des Schreibstils in die Geschichte reingefunden hat.

Die Handlung spielt auf zwei Zeitebenen. Einerseits in der Vergangenheit zum Zeitpunkt von Kalas Verschwinden und in der Gegenwart. Die Rückblenden ins Jahr 2003 lassen den Sommer vor 15 Jahren lebendig werden und wenn der Roman hier das Leben für junge Menschen in einem kleinen Touristenstädtchen außerhalb der Saison als besonders öde und langweilig schildert, ist das natürlich ein Klischee, aber durchaus stimmig erzählt. Die pubertierenden Jugendlichen auf der Suche nach der eigenen Identität, die Sehnsucht nach Zugehörigkeit und Nähe zu beobachten war glaubhaft geschildert. Die charismatische Kala war der strahlende Mittelpunkt der Clique, wirkte nach außen hin cool, aber im Inneren war sie eine zutiefst verunsicherte Seele. Hier fand ich einige Aspekte, wie die Dynamik innerhalb der Clique, die Spannungen, Loyalitäten und Geheimnisse, insbesondere die Auswirkungen des traumatischen Ereignisses durchaus interessant geschildert.

Nach und nach werden die Geheimnisse des Dorfes aufgedeckt, in der die Clique reingeraten ist. Es geht um Seilschaften, krumme Geschäfte, um Tierquälerei, Geschäftemacherei, Geldwäsche und Korruption. Die fast mafiösen Strukturen in dem idyllischen Dörfchen haben mich verwundert, die Beschreibungen der brutalen Gewalt erschreckt. Nach einem zählen Mittelteil kommt auf den letzten 50 Seiten tatsächlich noch Spannung auf, auch wenn ich als erfahrene Thrillerleserin die Auflösung zumindest erahnt habe.

Bei Kala handelt es sich um eine Mischung aus Coming-of-Age-Geschichte, irischer Gesellschaftsstudie und düsterem Thriller, wobei der Thrill schon einiges auf sich warten lässt. Vielleicht ist das auch das Problem, denn in keinem des Genres hat der Roman mich restlos überzeugt. Dabei hatten mich das Setting einer irischen Kleinstadt sowie die Vergleiche im Klappentext mit Tana French und Donna Tart neugierig gemacht und angefixt. Vielleicht waren meine Erwartungen deshalb auch zu hoch, aber diesem Anspruch wird Colin Walsh, obwohl sehr ambitioniert und mit literarischem Anspruch, gar nicht gerecht.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kala | Erschienen am 26.02.2026 im Gutkind Verlag
ISBN 978-3-989-41130-2
512 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Kala | Übersetzung aus dem Englischen von Andrea O’Brien
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Jake Hinkson | Die Tochter des Predigers

Als er den Gürtelclip endlich entfernt hat, schiebt er die Pistole ins Holster und legt beides zurück in die geräumige Mittelkonsole. „Ich wusste nicht, dass Sie eine Waffe haben“, sagte Lily. „Ich bin ein schwuler Mann in Arkansas“, antwortete er. „Selbstverständlich habe ich eine gottverdammte Waffe.“ (Auszug E-Book Pos. 1901 von 3703)

Die 18-jährige Lily Stevens lebt mit ihrer Familie in Arkansas in einer kleinen Gemeinde. Sie sind nicht nur Mitglieder der Oneness-Kirche, sogenannte Pfingstkirchler, die einen strengen Glauben leben, ihr Vater David ist auch der Prediger der kleinen Gemeinde. Das macht die aktuelle Situation noch schwieriger, denn Lily ist im 5. Monat schwanger und ihr Verlobter und Vater des Kindes, Peter Cutchin ist seit einigen Tagen spurlos verschwunden. Während jeder in der Gemeinde vermutet,  der 19-Jährige hätte wegen der Verantwortung kalte Füße bekommen und wäre kurz vor der Hochzeit einfach abgehauen, will Lily das nicht glauben. Für die eingeschworene Gemeinde ist eine sitzengelassene und hochschwangere Braut eine Katastrophe und Lilys Vater David Stevens wird dafür verantwortlich gemacht, seine Tochter nicht hart genug im Zaum gehalten zu haben. Er droht seinen Posten zu verlieren. Das Verhältnis zu Peters Mutter Cynthia ist schwierig, sie sieht Lily als Schuldige in Bezug auf die Schwangerschaft und dass Peter abgehauen ist. Sie legt die Heilige Schrift besonders streng aus und Handys sind für sie beispielsweise das Tor zur Sünde.

Außer an den Herrn und Sagrotan glaubt sie nur an die Unantastbarkeit der Mutterschaft, aber sie ist bei diesem Thema genauso unflexibel wie bei den anderen. (Auszug E-Book Position 604 von 3703)

Nachdem auch der Sheriff die Sache nicht ernst nimmt, wendet sich Lily hilfesuchend an Allan Woodson, einem Arbeitskollegen von Peter. Beide arbeiten an der Rezeption des Hotels Corinthian Inn. Es stellt sich heraus, dass Allan auch noch ihr Onkel ist, das Ergebnis einer lang verschwiegenen Affäre von Lilys Opa, ebenfalls Pfingstprediger vor über 40 Jahren. Lily bekommt mit, dass die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck ebenfalls auf der Suche nach  Peter sind und zu gewalttägigen Methoden greifen. Allan versucht anfangs noch, Lily von den beiden fernzuhalten, erkennt aber, dass er sich nicht länger raushalten darf. Im Corinthian Inn geht es um Prostitution Minderjähriger und Menschenhandel. Er kann Lily nicht alleine ziehen lassen, die zum ersten Mal in ihrem Leben die behütete Gemeinde der Pfingstler, Richtung Little Rock verlässt. Eine Spur führt sie in das von Eli geführte Bordell. In der Hauptstadt Arkansas wird Lily mit ihr bislang unbekannter brutaler Gewalt und niederen Abscheulichkeiten konfrontiert.

Bei dem Roman handelt es sich mehr um ein Sozialdrama als um einen Thriller. Die im Präsens gehaltene Handlung mit wechselnden Erzählperspektiven schreitet gemächlich dahin, kommt mit gezügelter Action aus und weiß mit einigen Wendungen zu überraschen. Es kommt dann zu einer eskalierenden Gewaltszene, die aber nicht im Detail geschildert wird, die ich aber trotzdem zu heftig und übertrieben fand. Der Erzählstil ist leicht zugänglich, ich fand es von Anfang an sprachlich ohne jegliche Raffinesse.

Positiv zu bewerten sind die Protagonisten Lily und Allan. Den Weg, den die bisher gehorsame Predigertochter Lily, die sich weder schminken noch die Haare schneiden oder Hosen tragen darf, zur mutigen Frau, die sich von niemandem aufhalten lässt, geht, ist glaubhaft geschildert. Sie zweifelt zunehmend an Gott, den sie in ihrer verzweifelten Lage vermisst, gibt aber ihren Glauben nicht auf. Auch Allan, ihr hühnenhafter, schwuler Onkel ein absoluter Sympathieträger, der zu Hause seinen Stiefvater pflegt, ist kein Superheld, hält sich mit Sarkasmus im Hintergrund und guckt oft weg, kann aber im entscheidenden Moment über seinen Schatten springen. Die Dialoge zwischen Lily und Allan sind lebendig und unterhaltsam, unterbrechen das Düstere. Alle anderen Figuren waren mir zu blass gestaltet. Die Kriminellen Chance Berryman und Eli Buck stehen sinnbildlich für White Trash, agieren aber sehr hirnlos und dämlich.

Mit „Die Tochter des Predigers“, im Original „Find him“, hat der amerikanische Autor Jake Hinkson eine Geschichte in einem religiös geprägten Landstrich der USA angesiedelt. Man merkt, dass er weiß, wovon er spricht. 1975 in Arkansas geboren, wuchs er in einer frommen Familie auf. Sein Vater war Diakon einer evangelischen Kirche, mehrere Onkel Pastoren. Seit seinem 14. Lebensjahr lebte er in einer von seiner Familie geleiteten religiösen Gemeinschaft in einer abgelegenen Gegend, dem sogenannten Bibelgürtel der USA. In seinen Romanen behandelt er immer wieder die religiösen Strukturen im amerikanischen Bible Belt und kritisiert die heuchlerische und scheinheilige Gottesfurcht der Gemeinden.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Tochter des Predigers | Erschienen am 07. Oktober 2025 im Polar Verlag
ISBN 978-3-910-91832-0
352 Seiten | 17,- Euro
Originaltitel: Find him | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Andreas Pflüger | Kälter

Andreas Pflüger | Kälter

„Sie rechnen hier nicht mit jemandem wie mir. Und ich seh weiß Gott nicht zum Fürchten aus. Vielleicht hat es sogar noch etwas Gutes, dass ich schon lange nicht mehr auf meine Form geachtet habe.“ „Aber fünf.“ „Vor einer Ewigkeit hat mal jemand gesagt, ich würde nie etwas zu Ende bringen. Und er hatte recht. Aber diese Männer werden sich wünschen, sie hätten die Fähre gestern verpasst.“ (Auszug Seite 45)

Amrum, die kleine, nordfriesische Insel neben Föhr gelegen, wird wegen ihres feinsandigen, kilometerlangen Strandes und viel Natur auch die Perle der Nordsee genannt. Luzy Morgenroth versieht hier seit einigen Jahren ganz beschaulich ihren Dienst als Inselpolizistin zusammen mit ihrem Kollegen Jörgen, für mehr ist in der Amrumer Station zumindest in der Wintersaison nicht zu tun. Im Herbst 1989, Luzy feiert mit Freunden ihren 50. Geburtstag, als ein heftiger Sturm über Amrum aufzieht, wird die beschauliche Inselidylle jäh gestört. Mit der letzten Fähre landen fünf bis auf die Zähne bewaffnete Killer auf der Insel und es kommt zu einer Reihe von Morden. Luzy sieht sich gezwungen, in ihre Vergangenheit zurückzukehren. Denn was auf Amrum niemand ahnt, sie war einst eine top ausgebildete Mitarbeiterin des BKA und Personenschützerin, die sich nach einem desaströs verlaufenem Einsatz in Israel, zurückgezogen hatte. Der damalige Drahtzieher der Terroraktion, die ihr Leben zerstörte, war Hagen List, genannt Babel. Dieser ließ Luzy damals hochmütig am Leben. Mittlerweile gilt der gefährlichste Terrorist der Welt als tot.

„Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.“ (Auszug Seite 127)

Als Luzy einen Hinweis auf „Babel“ als Verantwortlichen des Killerkommandos bekommt, verlässt sie nach acht Jahren die Insel und macht sich auf den Weg, um den Totgeglaubten endlich zur Strecke zu bringen. Um es mit den Gegnern von damals aufzunehmen, reist Luzy nach Berlin, um sich von Yosef, ihrem früheren Krav-Maga-Trainer in die körperliche Form ihrer früheren Karriere bringen zu lassen. In Berlin bekommt sie hautnah den Mauerfall mit, als sich 1989 die Grenzen öffnen. Während die Ostdeutschen in den Westen strömen, kämpft sich Ex-Agentin Luzy ins Stasiarchiv. In alten Stasi-Akten findet sie den Beweis, dass Babel überlebt hat und für unzählige Anschläge verantwortlich ist. Mit den dort enthaltenen Informationen führt sie die Jagd quer durch Europa, von Berlin nach Wien, Israel und Südfrankreich.

„Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?“ (Auszug Seite 138)

Gemächlicher Anfang für einen Thriller von Andreas Pflüger, aber keine Sorge, nach ca. fünfzig Seiten bricht die  Hölle los und das Inselidyll wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entfaltet sich der furiose Agententhriller mit einer viele Haken schlagenden Handlung, aufgrund des persönlichen Rache-Plots wird es auch emotional mit Thematisierung seelischer Abgründe. Typisch für Pflüger steht wieder eine weibliche Heldin im Fokus, eine kaltblütige Killermaschine, die zwischen den Welten steht, sich aber nach Normalität, nach der „Welt der Anderen“ sehnt und der der Autor sogar eine Romanze gönnt. Ein Thriller und ein akribisch recherchiertes Stück Zeitgeschichte, der aufgrund der Verwicklungen und Doppelidentitäten der Geheimdienstler komplex ist, voller Tempo sowie brillant durch Pflügers unverwechselbare Sprache, die besonders in den wortwitzigen, knappen Dialogen aufblitzt. Kopfkino entsteht bei den mit hohem Bodycount virtuos choreografierten Actionszenen, die mit vielen augenzwinkernden Stellen wieder gebrochen werden. Alle Orte, wie die sturmumtoste Nordseeinsel, das Ausbildungscamp in der israelischen Negev-Wüste, das Riesenrad am Wiener Prater oder die Berliner Mauer werden lebendig und präzise beschrieben. Dazu sind die 80er Jahre stets greifbar, die Angst vor der RAF allgegenwärtig.

Es gibt auch ein Wiedersehen mit Figuren, die man bereits aus anderen Pflüger-Romanen kennt, etwa den BKA-Präsidenten Richard Wolf, aber auch Nina Winter und Rem Kukura spielen eine kleine Rolle. Selbst Jenny Aaron taucht als achtjähriges Kind in einem Cameo-Auftritt auf. Das Design des Romans ist im gleichen Stil wie „Wie Sterben geht“ designt und spricht mich sehr an. Andreas Pflüger hat mal wieder gezeigt, dass er in einer ganz eigenen Liga spielt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kälter | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7
495 Seiten | 25,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezensionen zu Kälter bei buch-haltung.com und beim Kaffeehaussitzer
Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Romanen von Andreas Pflüger bei Kaliber.17