Kategorie: Andy Ruhr

Chris Chibnall | Septembermord 

Chris Chibnall | Septembermord 

Er stieg aus, ging zögerlich auf den reglosen Umriss mitten auf der leeren A35 zu, merkte nicht mal, dass er die Tür offen gelassen hatte, hörte nicht das anhaltende Alarmsignal, das nach dem abwesenden Fahrer nörgelte. Ewan sah auch die Warnblinker nicht, die das nächtliche Dunkel in einem gleichmäßigen Takt orange färbten. Er sah nur die Gestalt vor sich auf der Straße. (Auszug Pos. 67 von 4.404)

Chris Chibnall, ein britischer Drehbuchautor, bekannt auch als Showrunner der erfolgreichen Serie „Broadchurch“ hat seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht. Mit seinem Debüt „Death at the White Hart“, so der Originaltitel, startet eine neue englische Krimi-Reihe, die im Südwesten Englands angesiedelt ist.

Es geht um einen bizarren Mordfall in dem fiktiven Dorf Fleetcombe in der englischen Grafschaft Dorset. Mitten in der Nacht wird auf einer Küstenstraße eine grotesk inszenierte männliche Leiche gefunden. Der halbnackte Körper des Toten wurde an der Lehne eines Holzstuhls festgebunden, die untere Körperhälfte steckt in einem Sack, auf dem Kopf ist ein riesiges Hirschgeweih drapiert. Schnell wird der Tote als der Gastwirt des ansässigen Pubs „White Hart“ identifiziert, Jim Tiernan, der in der Vergangenheit bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Mit dem Fall wird die erst wenige Wochen zuvor mit Ehemann und Sohn in ihre Heimat nach West Dorset zurückgekehrte DS Nicola Bridge betraut. Warum die erfahrene 38-jährige Polizistin, die in Liverpool eine angesehene Spezialistin für das organisierte Verbrechen war, in die Provinz zurückkehrt, erfährt man erst nach und nach. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward, einem jungen Quereinsteiger, der seine mangelnde Erfahrung mit großem Einsatzwillen ausgleichen möchte. Zur Einheit gehört auch noch ein mürrischer Schreibtischhengst, der aufgrund seiner exzellenten Arbeit bei der Recherche und Datenanalyse zunehmend die Anerkennung seiner Kollegen gewinnt.

An Verdächtigen mangelt es nicht, auch weil Jim Tiernan sich am Tag vor seiner Ermordung noch heftig mit diversen Gästen im Pub gestritten hatte. Tiernan hatte die Kneipe als Pächter übernommen und sie ganz traditionell als Wirtshaus alter Schule geführt, in die man gerne trinken geht. Ganz anders als seine Konkurrentin Ayesha Burton, die im Fox, dem einzig weiteren Pub in Fleetcombe auf gutes Essen sowie Getränke für Anwohner und Touristen setzt und damit auf gehobene Kundschaft. Allen ist klar, dass sich zwei Pubs in dem kleinen beschaulichen Örtchen, auch wenn Fleetcombe mit achthundert Einwohnern und malerisch an der Küste liegend dem perfekten englischen Landidyll entspricht, nicht auf Dauer halten können. Die ehrgeizige Bridge und der ambitionierte Jungspund Ward müssen in einer Gemeinschaft voller Geheimnisse und Intrigen ermitteln. Obwohl sich die Dörfler sehr bedeckt halten und Aussagen sich widersprechen, finden sie unter anderem heraus, dass es einen identischen Mordfall bereits vor 100 Jahren gab. Trotzdem dringen sie nur Stück für Stück zur Lösung des Falles vor. Erst die Beobachtungen eines kleinen Mädchens bringen die Polizeibeamten auf eine heiße Spur.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit oder Ermittlerkrimi, den man aufgrund des gefälligen Schreibstils gut lesen kann, der aber nach bewährtem Schema abläuft und nichts Neues bietet. Das Storytelling habe ich so schon in etlichen Krimis gelesen. Die Grundkonstellation ist ein altbekanntes, vertrautes Muster aus dem britischen Dorfkrimi und einer verschworenen Dorfgemeinschaft mit einem Sammelsurium seltsamer Typen, die fast alle etwas zu verbergen haben. Da gibt es den bulligen, misstrauischen Farmer Deakins, der immer im Clinch mit seinen Nachbarn liegt, Frankie, einen ängstlichen, schwulen Friseur und die kleine Shannon, die sich oft nicht nach Hause traut und aus ihrem Versteck das Ortsgeschehen genau beobachtet. Die Charaktere sind alle gut, aber auch ein wenig klischeehaft gezeichnet. Es ist auch nicht besonders innovativ, dass es ein Team gibt, das aus Kostengründen in ein leerstehendes Gebäude verfrachtet wird und sich erst noch zusammenraufen muss oder dass die Hauptermittlerin private Probleme hat und auf ein scheinbar unbedarftes Landei als Partner trifft. Dabei mochte ich das Geplänkel zwischen den beiden ganz gerne und die Dialoge haben mich gut unterhalten.

Die Schilderung des Dorflebens, die der Autor mit allen Eigenheiten zeichnet, ist anschaulich und stimmig. Die ländliche Atmosphäre mit ihrer trügerischen Idylle wird perfekt eingefangen. Szenen werden bildstark beschrieben und die Dialoge sitzen punktgenau. Auch das Ermittlerduo Bridge und Ward hat sofort eine gute Chemie, man merkt, dass hier eine Reihe angelegt wurde. In kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven erzählt Chibnall handwerklich souverän und routiniert. Mir fehlte es ein wenig an Dynamik, es plätschert so vor sich hin und die Auflösung hatte ich relativ früh erkannt. Solide Unterhaltung für Fans vom britischen Cozy-Crime. Vielleicht bin ich auch kein Fan von Cozy-Krimis, denn wenn sich zum Schluss alle wieder im Pub treffen, war es mir ein bisschen zu viel Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Septembermord | Erschienen am 31. Juli 2026 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06881-9
416 Seiten | 18,00 Euro
Originaltitel: Death at the White Hart | Übersetzung: Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Meine Schwester in ihrer aufgeräumten, pastellfarbenen Küche, einen Wischmop in der Hand. Ausgestelltes Kleid, eine Schürze um die Taille gebunden. Das Haar ist mit Haarspray fixiert und glänzt wie Porzellan. Ihr künstliches Lächeln in die Kamera. „Eine glückliche Familie beginnt mit einer glücklichen Frau – und die ist zu Hause“, verkündet der eingefrorene Untertitel. Es sieht aus, als hätten wir ein Werbeplakat der 50er-Jahre an die Wand des Konferenzraums geklebt. (Auszug E-Book Pos. 199 von 6013)

Das Thema Tradwives erhält aktuell viel Aufmerksamkeit. Eine Tradwife, also eine Frau, die sich bewusst für ein extrem konservatives und patriarchales Rollenbild in der Ehe entscheidet, kümmert sich ausschließlich um den Haushalt sowie die Kindererziehung und verzichtet auf eine eigene berufliche Karriere. Wobei das rückschrittliche Frauenbild und die finanzielle Abhängigkeit, da der Mann als alleiniger Versorger dient, von den Anhängerinnen als bewusste Entscheidung und persönliche Freiheit verstanden wird.

Auch Vera Bucks neuester Thriller widmet sich dem Thema, ihre Protagonistin Lea lebt dieses Modell nicht nur, sondern ist auch eine der erfolgreichsten und bekanntesten Influencerinnen. Regelmäßig präsentiert sie auf Social-Media ihren traditionellen Alltag in den USA mit Ehemann Matt und Tochter Emma und versorgt ihre über zweieinhalb Millionen Follower mit Trad-Wife-Content, das heißt mit Rezepten und Haushaltstipps. Dabei inszeniert sie sich aus der bewachten Luxussiedlung Sancta Familia in Florida immer perfekt gestylt im Stil der 1950er Jahre.

Ihre ältere Schwester Paula lebt in Frankfurt als Unternehmensberaterin mit ihren drei wilden Söhnen und Ehemann Niko ein ganz anderes etwas chaotisches Leben. Dadurch haben die beiden Schwestern sich voneinander entfernt. Trotzdem macht Paula sich sofort Sorgen, als längere Zeit kein Video mehr von Lea veröffentlich wird und sie diese auch telefonisch nicht erreichen kann. Paula lässt alles stehen und liegen und fliegt nach Florida. Hier stellt sie erst Mal überrascht fest, dass es gar nicht so einfach ist, in die abgeschottete Gated Community, die auch noch mit der christlichen Kirche verwoben ist, reinzukommen. Paula traut Leas Ehemann Matt nicht, der ihr ausweichend versichert, diese würde sich ohne Handyempfang in einem Retreat ausruhen. Da sich auch die kleine Emma eigenartig verhält, beschließt Paula, nach ihrer Schwester zu suchen.

Die Suche nach Lea gestaltet sich spannend und natürlich gibt es den einen oder anderen Twist. Abwechselnd begleiten wir Paula als Ich-Erzählerin und in Rückblenden der sprunghaften Lea auf ihren Weg, ihr Glück in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung wieder im Heim am Herd zu finden. Leas Wunsch nach Sicherheit und Struktur hat sie nach einigen traumatischen Erlebnissen anfällig für Manipulation gemacht. Sie ist bereit, sich voll und ganz von der Gemeinschaft kontrollieren zu lassen, deren Ideal ein fundamental christliches Rollenbild zugrunde liegt.

Ein als Haushaltsbuch getarntes Tagebuch eröffnet eine zusätzliche Perspektive, aus der man einiges über die Entwicklung innerhalb der Ehe erfährt. Wie sich die Beziehung zu Ehemann Matt verändert und wie stark die Community Einfluss auf das Leben der Einzelnen hat, ist durchaus beklemmend beschrieben. Wie daraus schleichend Unterdrückung, Manipulation und häusliche Gewalt entstehen, ist realistisch dargestellt. Die Autorin wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der vermeintlich sorglosen Sancta-Familie, in der sektenähnlich Frauen eingesperrt und kontrolliert werden. Unterbrochen werden diese Passagen von Social-Media Transkripten, wobei vor allem die Kommentare unter den Beiträgen sehr authentisch wirken.

Vera Buck gelingt es, von Beginn an eine bedrückende, beängstigende Atmosphäre voll unterschwelliger Spannung aufzubauen. Der flüssige Schreibstil zieht einen sofort in die Geschichte hinein. Ungefähr zur Hälfte gibt es für mich einige Längen, bevor der Plot zum Schluss mit einigen überraschenden Wendungen noch mal sehr spannend wird. Vera Buck hat einen unterhaltsamen Psychothriller geschrieben, der die Auswirkungen solcher rückschrittlicher Rollenbilder aufzeigt und Gewalt an Frauen, physisch wie psychisch thematisiert.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Keine Angst, Darling | Erschienen am 03. August 2026 bei Lübbe
ISBN 978-3-751-79813-6
448 Seiten | 17,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Helena Falke | Noch fünf Tage

Helena Falke | Noch fünf Tage

Wäre es nicht fairer, wäre es nicht Karma, wenn ich mein Leben behalte? Spontanheilungen gab es doch schon immer. Ich fühle mich gesund, so gesund, dass die Idee nicht abwegig scheint. Viel abwegiger ist es, dass jemand, der auf westfälische Pumpernickel Appetit hat, bald nicht mehr da sein soll. Das ist kein Essen für Kranke. Vielleicht kann ich mir meine Gesundheit zurückholen. Erarbeiten, so wie ich es immer tat. (Auszug Seite 152)

Als die Spitzenköchin Lis Castrop in den frühen Morgenstunden des 1. Januars in einem Rettungswagen zu Bewusstsein gelangt, bekommt sie von den Sanitätern unbemerkt mit, dass sie aufgrund einer Vergiftung sterben wird und maximal noch fünf Tage zu leben hat. Die Fünfundvierzigjährige wird in eine Klinik in den Davoser Bergen gebracht. Hier erfährt sie, dass man Polonium-210 in den Speisen des von ihr zubereiteten Silvesterdinners fand. Der Unternehmer und Milliardär John Harman, für den Lis seit Jahren arbeitet, überlebte den Giftanschlag eben so wenig wie seine Frau und die beiden Kinder. Die Köchin scheint eine kleinere Dosis Gift erwischt zu haben, dennoch bleiben ihr nur wenige Tage. Lis wird als wichtige Zeugin von der Schweizer Polizei befragt und obwohl sie gleichzeitig Opfer des rätselhaften Verbrechens ist, gilt sie als Hauptverdächtige der Tat.

Wir erleben wie Lis verzweifelt, mit ihrem Schicksal hadert und resigniert. Das Wichtigste in ihrem Leben ist aber ihre Tochter Cosima und deren Zukunft hat oberste Priorität. Lis bleiben nur fünf Tage, um die Zwölfjährige auf ihren Tod und auf ein Leben ohne Mutter vorzubereiten. Die Köchin beginnt, von ihrem Sterbebett zu ermitteln, auch um sich zu rehabilitieren. Unerwartete Unterstützung erhält sie dabei von ihrer Pflegerin Esme. Die todgeweihte Ich-Erzählerin erzählt der Palliativschwester alles über die Stationen ihrer Karriere und ihre Erlebnisse mit ihren ehemaligen Arbeitgebern. Sieben Jahre lang arbeitet Lis Castrop für die Industriellenfamilie, nachdem sie in einem angesagten Londoner Gourmettempel als Spitzenköchin tätig war.

Um für ihre Arbeitgeber jederzeit verfügbar zu sein, lebte Lis mit ihrer Tochter auch mit in der prunkvollen Villa in Davos. Dabei war sie nicht nur die kreative Köchin der Schweizer Familie, sondern auch Vertraute, intelligente Ratgeberin und loyale Freundin. Um den Mörder zu finden, durchleuchtet sie ihre Beziehungen zu den Opfern nach möglichen Hinweisen und reflektiert Ereignisse. Dabei sind ihre Mittel natürlich begrenzt und ihre Kräfte schwinden, aber verzweifelt sucht sie in ihren Erinnerungen nach Anhaltspunkten, die als Mordmotiv gelten könnten. Alle Familienmitglieder waren sehr ambitioniert und verfügten über großes Potenzial, haben Lis über die Jahre aber auch ausgenutzt und gedemütigt. Die Köchin kennt ihre Stärken und Schwächen, ihre Verflechtungen sowie das Umfeld und hatte sich im Lauf der Zeit einen gewissen Einfluss erarbeitet. Lis‘ verbleibende Lebenszeit wird zu Anfang jedes Kapitels mit Tages- und Uhrzeiten detailliert angegeben.

Esme hat den Ausflug in die glamouröse Welt der Harmans und Monmouths genossen, fand es nett, ein bisschen Detektivin zu spielen, aber jetzt ist es ihr zu viel. Jetzt bin ich ihr zu viel und sie will mich sedieren. Ihre Ermittlungen lenken sie nicht mehr von ihrem eigenen Leben ab, sondern erinnern sie daran, dass es an das Leben dieser Leute nie herankommen wird. Esme hat aufgegeben. Ich nicht. Ich habe keine Wahl. Und ich will kein Schlafmittel. (Auszug Seite 201/202)

Wir tauchen tief ein in die Welt der gehobenen Sterneküche. Die extravaganten Kochkünste und kulinarischen Vorlieben, besonders der verwöhnter Milliardäre nehmen viel Raum ein, was beim Lesen schon mal den Appetit anregt. Auch die Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen sorgen für interessante Facetten. Unterbrochen werden diese Überlegungen von den wenigen Besuchern im Krankenhaus, deren Charakterisierungen eher blass ausfallen. Helena Falke, übrigens das Pseudonym einer preisgekrönten, deutschsprachigen Autorin, die sich das erste Mal im Krimi-Genre versucht, hat einen fesselnden Roman mit einem etwas konstruierten Plot erschaffen, der feine Gesellschaftskritik an der Welt der Superreichen und Sterneköche bietet.

Die Idee, dass ein Opfer, das nur noch wenig Zeit zu leben hat, seinen eigenen Mörder sucht, ist nicht neu. Zuletzt las ich den Jugendthriller „Not Quite Dead Yet“ von Holly Jackson. Aber im Gegensatz zu der jungen britischen Autorin verzichtet Helena Falke in „Noch fünf Tage“ auf Effekthascherei und bietet etwas mehr Tiefgang. Neben der Tätersuche geht es auch um existentielle Fragen, wie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterbeprozess. Dazu tragen die Gespräche mit der Pflegerin und der Sterbebegleiterin, einer sogenannten Death Dula bei, auch wenn die Themen nur angerissen werden. Die Geschichte einer Mutter, die, mit dem Wissen, dass sie sterben wird, ein letztes Mal für ihre Tochter kämpft, berührt. Der Roman ist dialoglastig, bietet keinen atemlosen, actionreichen Thrill, dafür verdichtet der gnadenlos runterzählende Countdown die Spannung. Weniger Thriller als Whodunnit lässt er den Leser miträtseln, wer diesen perfiden Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Noch fünf Tage | Erschienen am 21. April 2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-78579-9
308 Seiten | 20,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

Es gab kein Zurück. Es gab keinen Weg, der irgendwohin führte, nur eine lange Straße in den Abgrund, so finster wie die erste Nacht in der Hölle und gepflastert mit schlechten Absichten. Sie konnten das, was sie suchten, Gerechtigkeit nennen, aber richtiger wurde es dadurch nicht. Es war unstillbare, unversöhnliche Rache. Und das Leben hatte ihn gelehrt, dass Rache immer Konsequenzen nach sich zog. (Auszug Seite 125)

Ein schwules Paar wird in Richmond, Virginia auf offener Straße mit mehreren Schüssen geradezu hingerichtet. Nachdem die Polizei schon nach wenigen Wochen die Ermittlungen einstellt, sind es die Väter der beiden, die sich von Trauer, Wut und schlechtem Gewissen zerfressen, gemeinsam auf die Suche nach den Tätern machen. Der schwarze Ike Randolph saß lange im Knast, hat sich aber inzwischen mit einem gutgehenden Gartenunternehmen eine neue Existenz aufgebaut. Die Homosexualität seines Sohnes Isiah hat er nie wirklich akzeptiert. Er blieb auch der Hochzeit vor wenigen Monaten fern, genauso wie der weiße Buddy Lee Jenkins, der Vater von Derek, der ebenfalls eine kriminelle Karriere hinter sich hat und sich jetzt in einem heruntergekommenen Trailerpark zu Tode säuft.

Nach dem Tod ihrer Söhne wollen sie jetzt das, in ihren Augen, Richtige tun und einen Teil ihrer Schuld begleichen. Es geht um Wiedergutmachung aber auch das eigene Versagen als Vater und die damit verbundenen Vorurteile zu korrigieren. Die beiden homophoben Väter, die außer ihrer kriminellen Vergangenheit und der Liebe zu ihren toten Söhnen wenig gemeinsam haben, verbünden sich in einem verzweifelten Rachefeldzug. Hier ist der Roman ein ganz klassisches buddy movie mit zwei unterschiedlichen, Charakteren, die mit ihren moralischen Verfehlungen und eigenen Vorurteilen gegenüber ihren Söhnen und einander konfrontiert werden. Ihre Streits sind sehr unterhaltsam und ihre Beziehung wandelt sich vorhersehbar im Laufe der Geschichte von einer widerwilligen Partnerschaft zu einer echten Freundschaft.

In einer LGBTQ-Bar treffen sie auf ehemalige gute Freunde ihrer Söhne. Diese wollen aus verständlichen Gründen nicht mit der Polizei reden. Auch Ike und Buddy Lee müssen erkennen, dass sie weder mit toxischer Männlichkeit noch mit Männlichkeitsdominanzgebaren weiter kommen. Eine Spur führt sie zu einem gewaltbereiten Motorradclub, der mit Waffen und der Herstellung und Verteilung von Meth sein Geld verdient. Die „Rare Breed“ übernehmen für Geld auch Mordaufträge und zeichnen sich durch einen abgrundtiefen Hass auf Schwarze und Homosexuelle aus. Ike und Buddy Lee tappen lange im Dunkeln, wer der mysteriöse Auftraggeber im Hintergrund ist. Bis sie dies herausfinden, haben sie bereits eine ordentliche Blutspur und Tote hinterlassen.

„Wirklich? Wo war denn diese Liebe, als er morgens, mittags und abends in der Schule drangsaliert wurde? Oh, genau, da hast du ja gesessen. Damals hat er deine Liebe gebraucht. Jetzt, wo er unter der Erde liegt, nicht mehr.“ (Auszug Seite 18)

„Die Rache der Väter“, übrigens auf der Sommerleseliste von Barack Obama, ist eine brutale, filmreife und actiongeladene Geschichte über den Rachefeldzug zweier fehlerhafter Antihelden, die von Beginn an rasant Fahrt aufnimmt und mit explizierten Gewaltdarstellungen nicht geizt. Cosby hat ein besonderes Talent für lebendige Bilder, die für Kopfkino sorgen und mich an einen Actionfilm aus den 90er Jahren erinnert. Viele gesellschaftlich aktuelle Themen wie systematischer Rassismus, Homophobie, Diskriminierung und familiäre Entfremdungen werden facettenreich und empathisch, wenn auch nicht besonders subtil mit harter Action verbunden.

Es war mir an einigen Stellen etwas übertrieben, beispielsweise der pathetische Sinneswandel der beiden Oldies, dass Schwule auch Menschenrechte besitzen. Ausführlich werden ihre Qualen und Reuegefühle geschildert und ihre Trauer um die Beziehung, die sie mit mehr Toleranz zu ihren Kindern hätten haben können, verständlich gemacht. Während Ike und Buddy Lee viel Raum erhalten, erfahren wir von ihren toten Söhnen fast nichts. Sie bleiben blass, dienen nur als Auslöser für die gewalttätigen Ausbrüche ihrer nach Erlösung suchenden Väter.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Rache der Väter | Erschienen am 31. Mai 2022 bei ars vivendi
ISBN 978-3-747-20349-1
344 Seiten | 24,00 Euro (inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich)
Originaltitel: Razorblade Tears | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von S.A. Cosby

Deon Meyer | Der Tag des Skorpions (Band 10)

Deon Meyer | Der Tag des Skorpions (Band 10)

Die nächste Polizeiwache war Kapstadt Zentral, unten in der Buitenkantstraat. Griessel wusste: Auch wenn er jetzt anrief, würden die Kollegen nicht rechtzeitig hier sein. Er musste etwas unternehmen. Äußerst vorsichtig, denn es waren zu viele Leute hier im Einkaufszentrum. Griessel schob die Hand unter seine Jacke zur Dienstpistole rechts in seinen Gürtel. Er verließ die Schlange und ging langsam auf den Mann zu. Stellte sich neben ihn. (Auszug Seite 20)

Im mittlerweile 10. Band um das Ermittlerduo Bennie Griessel und Vaughn Cupido sind die beiden Kollegen und Freunde endlich rehabilitiert. Sie dürfen wieder als Captains ihrer Arbeit nachgehen, allerdings weiter unter ihrem alten Chef in der Provinz Stellenbosch bei Kapstadt. Dabei beschäftigen sie sich mit zwei Fällen, die zunächst kaum greifbar erscheinen. Zuerst explodiert auf einem Weingut eine Schäferhütte und die Zeugenaussagen geben Rätsel auf. Sie berichten von eigenartigem Lichtschein kurz vor der Explosion. Cupido ist genervt, dass er sich jetzt auch noch um lapidare Brandstiftung kümmern soll. Doch dann kommt bei einer weiteren Explosion in einem Wohnwagen ein Mann ums Leben. Und wieder wollen mehrere Augenzeugen unbekannte Flugobjekte gesehen haben. Bei einem weiteren Fall wird es persönlich. Brendon Maarmann, ein ehemaliger Polizist und Freund Cupidos, der zuletzt als Privatdetektiv arbeitete, wird tot in seiner Garage aufgefunden. Zunächst als tragischer Unfall eingeschätzt, denn Maarmann, der in seiner Freizeit gerne alte Fahrzeuge aufgearbeitet und danach verkauft hatte, liegt erdrückt unter einem grade fertiggestellten PKW. Einige Hinweise lassen die Polizisten allerdings an der Unfall-These zweifeln. Der bei  Freunden und Kollegen beliebte Maarmann war dafür bekannt, dass Sicherheit immer an erster Stelle stand.

Erst ziemlich zum Schluss gibt es Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag und dass die Fälle irgendwie zusammenhängen. In Südafrika bereitet man grade eine internationale Sicherheitskonferenz vor.  Ein politisches Großereignis, bei dem sich Vertreter der BRICS-Staaten in Stellenbosch treffen. Meyer gelingt es, die Spannung kontinuierlich zu steigern.  In einem rasanten Finale versuchen Bennie und Vaughn, ein mögliches Attentat zu verhindern.

Dieser 10. Band setzt noch weniger auf spektakuläre Action-Szenen als die vorherigen Bände, dafür mehr auf beharrliche, mühsame Polizeiarbeit. Zeugen müssen aufgesucht und befragt sowie Spuren nachgegangen werden, die sich oftmals als Sackgassen erweisen. Dieser zähe, frustrierende Prozess des Ermittelns plus falsche Fährten macht den Roman glaubwürdig. Die Charaktere, allen voran unsere Helden sind lebendig, weil fehlerhaft und dadurch menschlich. Während Bennie sich um ein besseres Verhältnis zu seinen Kindern aus erster Ehe bemüht, schiebt Cupido den Heiratsantrag immer wieder vor sich her. Auch die anderen Figuren gewinnen an Tiefe, da ihre Motive nachvollziehbar beschrieben werden.

Wie in vielen seiner Thriller verbindet Meyer auch diesmal den Krimiplot sowie die privaten Freuden und Probleme seiner beiden Hauptfiguren eng mit der politischen und gesellschaftlichen Situation im gegenwärtigen Afrika. Seine Thriller sind auch immer eine ungeschminkte Kritik an den Zuständen in Südafrika. Es geht um ungezügelte Korruption, aber auch um moralische Themen wie Rache und Selbstjustiz. Dabei ist Meyer nie belehrend.

In die Geschichte eingestreut und kursiv hervorgehoben sind Teile eines Zeitungsinterviews mit Bennie Griessel. Eine Journalistin hatte ihn intensiv über seine 30 Berufsjahre befragt. Zugegeben haben mich diese Passagen immer wieder aus der Geschichte rausgebracht. Trotzdem ist „Der Tag des Skorpions“ ein großes Lesevergnügen, mit einem anspruchsvollen,  fesselnden Plot, bei dem am Ende wieder alle Handlungsstränge zusammengeführt werden. Und natürlich garantieren die trockenen Dialoge unserer beiden Helden immer wieder für Auflockerung in der Handlung.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Tag des Skorpions | Erschienen am 15. April 2026 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-01026-2
512 Seiten | 24,00 Euro
Originaltitel: Scorpio | Übersetzung aus dem Afrikaans von Stefanie Schäfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zur Bennie Griessel-Reihe bei Kaliber.17