Kategorie: Andy Ruhr

Simon Beckett | Die Verlorenen (Band 1)

Simon Beckett | Die Verlorenen (Band 1)

Als Jonah das Blut roch, war ihm klar, dass er in Schwierigkeiten steckte. (Auszug Anfang)

Jonah Colley ist Mitglied einer bewaffneten Eliteeinheit der Londoner Polizei. In einem Pub trinkt er noch ein Bier mit seinen Kollegen, als er überraschend einen Anruf von seinem ehemals besten Freund und Kollegen Gavin erhält, von dem er zehn Jahre nichts gehört hat. Gavin bittet ihn um ein Treffen in einem leerstehenden Lagerhaus am Kai, sieht Jonah als den Einzigen, dem er noch trauen kann. Als Jonah am vereinbarten Treffpunkt am Slaughter Quai ankommt, findet er nur noch Gavins Leiche sowie drei weitere Tote in Plastikfolien verschnürt vor. Eines der Opfer lebt noch, doch bevor Jonah die Frau befreien kann, wird er niedergeschlagen. Schwer verletzt mit einem zertrümmerten Knie wacht er im Krankenhaus auf, von Gavins Leiche keine Spur und so gerät er selbst ins Visier der ermittelnden Beamten.

Colley kämpft seit zehn Jahren mit seinen inneren Dämonen, denn da verschwand sein vierjähriger Sohn Theo spurlos von einem Spielplatz. Er leidet schwer an seiner Mitschuld, seine Ehe zerbrach daran, auch die Freundschaft mit Gavin endete. Damals wurde kurzzeitig ein Obdachloser namens Owen Stokes verdächtig, aber wieder auf freien Fuß gesetzt. Als jetzt in den aktuellen Ermittlungen wieder der Name Stokes auftaucht und Hinweise auftauchen, die einen Bezug zu dem Verschwinden seines Sohnes haben, stellt er auf eigene Faust Nachforschungen an. Jonah Colley setzt alles daran, das Verschwinden Theos im Alleingang aufzuklären.

Der englische Bestseller-Autor kommt mit dem Auftakt einer neuen Krimi-Serie. Ich war sehr gespannt, fand ich seine gerade in Deutschland sehr erfolgreiche Serie um den forensischen Anthropologen David Hunter doch mittlerweile ein wenig ermüdend und ausgelaugt. Das düstere Schwarz-Weiß-Cover und der Titel lassen auf eine bedrohliche und beklemmende Geschichte schließen. Und gleich mit den ersten Sätzen gelingt es dem Autor im gewohnt flüssigen Schreibstil und zügigem Tempo den Leser in den Bann zu ziehen. Mit allem was bei einem Simon Beckett-Thriller dazugehört und alptraumhafte Bilder im Kopf entstehen lässt: Ein stockfinsteres Schlachter-Kai mitten in der Nacht am Hafen, der Geruch nach Blut, grauenhafte Todesfälle und einem sympathischen aber schwer traumatisierten Helden. Neben dem atmosphärischen Setting ist auch wieder der Schreibstil gewohnt einfach gehalten und flüssig zu lesen. Spannung oder zumindest Neugierde entsteht auch, weil man erst nach und nach über die traurigen Umstände von Theos Verschwinden informiert wird.

Leider erfüllen Becketts Charaktere gängige Stereotypen, besonders die zentrale Figur des Polizisten Jonah Colley entspricht dem Klischee des schwer gebeutelten, alleine kämpfenden Wolfes. Dass die Hauptfigur einen persönlichen Verlust erlitten hat, an dem er aufgrund seiner Schuldgefühle fast zerbricht, habe ich jetzt auch schon zu oft gelesen. Beckett gönnt ihm, ähnlich David Hunter auch keine Verschnaufspausen, lässt den Schwerverletzten auf Krücken in viele physisch gefährliche sowie emotionale Extremsituationen geraten. Was mich jedoch am meisten enttäuscht hat, ist die Tatsache, dass Colley ja laut Klappentext einer bewaffneten Spezialeinheit angehört. Das hatte mich sehr angefixt, kommt aber gar nicht zum Tragen. Er hätte jeden beliebigen Beruf angehören können! Außer im Pub am Anfang des Thrillers tauchen seine Kollegen nie wieder auf. Auch benimmt Colley sich oft sehr unprofessionell, agiert naiv, vernichtet Spuren, bemerkt nicht, dass er verfolgt wird, bringt sich ständig in offensichtlich gefährliche Situationen, in dem er nachts alleine in verlassenen, schangeligen Gegenden herumirrt. Alleine, aber auf Krücken!

Auch die diversen Nebenfiguren – eher Knallchargen – agieren voreingenommen und wenig nachvollziehbar. Die angedeutete Romanze mit der charmanten Journalistin ist unnötig und lächerlich.

Zum Schluss kommt es zu einem actiongeladenen Showdown, in dem alle Fäden zusammen geführt werden. Die Motivation hinter den Taten wirkt dabei ziemlich abstrus und wenig glaubhaft, um nicht hanebüchen zu sagen. Nach einem wirklich fesselnden Beginn glänzt Becket mit vielen überraschenden Wendungen, manches wirkt doch sehr konstruiert. Einiges bleibt auch für weitere Fortsetzungen offen. Ich könnte mir gut vorstellen, dass sich das Trauma des verschwunden Kindes durch die noch folgenden Bände zieht. Auch alles schon mal dagewesen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die Verlorenen | Erschienen am 08. Juli 2021 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0052-3
416 Seiten | 24,00 Euro
Originaltitel: The Lost (Übersetzung aus dem Englischen von Karen Witthuhn und Sabine Längsfeld)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von David Beckett

Inga Vesper | In Aufruhr

Inga Vesper | In Aufruhr

„Ich meine“, fährt der Detective fort, „wir haben keine Leiche gefunden, und so viel Blut war da nicht. Sie könnte noch am Leben sein. Es könnte eine Entführung oder ein Raubüberfall sein, aber ansonsten war das Haus ja unangetastet. Vielleicht war es ein Irrer, aber selbst Irre sind normalerweise nicht so dumm. Wer würde eine Hausfrau am helllichten Tag entführen?“ Komm du mal nach South Central, dann weißt du, wer so etwas tun würde. (Auszug E-Book Pos. 522)

Inga Vesper führt uns in ihrem Krimidebüt ins sonnige Kalifornien Ende der 50er Jahre. In einen fiktiven Vorort von Los Angeles namens Sunnylakes wohnen weiße, gutsituierte Mittelstandsfamilien in makellosen, fast identisch aussehenden Einfamilienhäusern mit adretten Gärten samt Pool und perfekt getrimmten Gärten.

Die junge Ruby Wright fährt täglich mit dem Bus von South Central nach Sunnylakes, um sich ein paar Dollar als Haushaltshilfe zu verdienen. Als sie an einem sehr heißen Augusttag bei den Haneys ihren Putzjob antritt, stolpert sie fast in den blutigen Schauplatz eines Verbrechens. Neben einer Blutlache in der Küche findet sie nur die beiden kleinen Kinder weinend und total verstört vor, von der Hausherrin Joyce Haney keine Spur. Die herbeigerufene Polizei nimmt Ruby vorübergehend fest. Denn diese ist als Schwarze zunächst einmal verdächtig. Zwar gilt seit Mitte der 1950er Jahre die politische und soziale Gleichberechtigung der schwarzen Bevölkerung, doch in den Köpfen der Amerikaner ist das noch nicht so richtig angekommen und in der Praxis werden Schwarze weiter systematisch benachteiligt. Gewöhnlicher Rassismus, Polizeigewalt und Misogynie sind an der Tagesordnung. Alles Themen, die bis heute nichts an Aktualität verloren haben.

Schwarze Putzfrau und weißer Cop
Nach einer Nacht im Gefängnis wird die verängstigte Ruby vom ermittelnden Detective Mick Blanke vom Santa Monica Police Department aus der Zelle geholt. Blanke wurde erst vor kurzem aus Brooklyn an die Westküste strafversetzt. Er kämpft mit dem ungewohnten Klima und gilt im Dezernat auch aufgrund seiner ungewöhnlichen Ermittlungsmethoden als Außenseiter. Erste Recherchen führen ihn in die Nachbarschaft, aber bei den Frauen stößt er auf eine Mauer des Schweigens. Nach einem weiteren Mord bittet der Cop Ruby um Unterstützung, denn er erkennt ihr Potential. Als Putzhilfe hat sie auch Zugang zu den anderen Häusern und da sie praktisch unsichtbar für die weiße Mittelschicht ist, erhofft er sich wertvolle Informationen. Nach einigem Zögern sagt sie zu. Dabei lockt sie auch die ausgesetzte Belohnung. Denn Ruby möchte aufs College gehen und spart darauf jeden Cent. Trotz der Warnungen ihrer Familie kann sie unbemerkt einige Geheimnisse im gar nicht so idyllischen Sunnylakes aufdecken und begibt sich dabei in große Gefahr.

Die Menschen in Sunnylakes kreisen nur um sich selbst, sie haben keine Ahnung von dem Leben in dem nur wenige Kilometer entfernten South Central, in dem die schwarze Community in heruntergekommenen Wohnblöcken lebt. Die Atmosphäre wird durch die täglichen Ungerechtigkeiten, Diskriminierungen, Armut und Polizeigewalt aufgeheizt und es formieren sich Widerstände gegen die weiße Oberschicht.

Es gibt drei Erzählperspektiven, neben Mick und Ruby gibt es auch Passagen aus der Vergangenheit Joyce.

„Und deshalb müssen wir weiterkämpfen. Die Sklaverei ist abgeschafft, sagen sie, die Rassentrennung auch. Aber bekommst du einen Krankenwagen für deine Mutter? Gibt es hier gemischte Schulen? Siehst du schwarze Männer mit Krawatten und Karrieren ins Büro gehen? Hä? Siehst du das?“ (Auszug E-Book Pos. 724)

Inga Vesper ist es wirklich gut gelungen, die Zeit Ender der 50er Jahre in den USA einzufangen und ich habe es wirklich sehr gerne gelesen. Dabei stört es wenig, dass die deutsche Autorin sich Stereotypen bedient, denn sie beschreibt sie mit großer Empathie. Die unterdrückte schwarze Frau und ihr persönlicher Kampf um höhere Bildung und Freiheit. Der altmodisch wirkende Cop, der zwischen allen Stühlen sitzt, das Herz aber am rechten Fleck hat. In ihrem Bestreben, die Zeit, in der schwarze Frauen doppelte Diskriminierung erfahren und die Rassenunruhen und Konflikte, die in dieser Zeit zum Alltag gehörten sowie die verlogene Vorstadtidylle, in der die Ehefrauen nur schmückendes Beiwerk ihrer Ehemänner sind, uns nahezubringen, hat sie nicht so viel Sorgfalt beim Krimiplot angewandt. Er scheint ihr in erster Linie nur dazu zu dienen, ein Gesellschafts- und Zeitporträt Kaliforniens in den fünfziger Jahren zu zeigen. Aber das macht sie hervorragend in einer lebendigen, bildreichen Sprache mit einigen fast lyrischen Beschreibungen und erfrischenden Dialogen.

Die Journalistin Inga Vesper arbeitete in Syrien und Tansania, kehrte aber immer wieder nach London zurück, weil es für sie keinen besseren Ort als das Oberdeck eines Omnibusses gibt, um gute Geschichten zu erfinden. Und ich kann mir richtig gut vorstellen, wie sie hier einige Ideen für ihren ersten Roman entwickelt hat. Denn nirgendwo wurde die Rassentrennung und Diskriminierung so deutlich sichtbar wie in den Bussen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

In Aufruhr | Erschienen am 21. April 2021 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-463-00022-0
384 Seiten | 22,-€
Originaltitel: The long, long afternoon (Übersetzung aus dem Englischen von Katharina Naumann und Silke Jellinghaus)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Frauke Buchholz | Frostmond

Frauke Buchholz | Frostmond

Das offene, liberale Kanada mit seiner unberührten Natur, zahlreichen Seen und Bergen ist auch aufgrund hoher Lebensqualität und geringer Arbeitslosenquote für viele ein Sehnsuchtsland, hat aber auch eine andere, dunkle Seite. Alltagsrassismus ist die Regel und der Genozid an den kanadischen Ureinwohnern wird totgeschwiegen. Seit Jahrzehnten verschwinden junge Frauen indigener Herkunft spurlos oder werden Opfer eines Verbrechens und die Aufklärung steht bei der kanadischen Staatspolizei nicht an erster Stelle.

Straße der Tränen
Besonders häufig verschwinden Frauen in der kanadischen Provinz British-Columbia am berüchtigten Highway 16. Dieser über 700 km lange Abschnitt des Transcanada-Highways wird „Highway of Tears“ genannt und unverhältnismäßig viele der Opfer gehören den „First Nations“ an, den Ureinwohnern Kanadas. Frauke Buchholz hat sich in ihrem Debütroman genau mit diesem Thema auseinandergesetzt. Gleich zu Beginn wird am Ufer des St. Lawrence Rivers in Montreal mit der Leiche eines jungen, grausam zugerichteten Mädchens ein weiteres Opfer indigener Herkunft angespült. Da die Cree-Indianerin Jeanette Maskisin erst 15 Jahre alt und im 4. Monat schwanger war, ist das Medieninteresse hoch und das sorgt endlich zu verschärften Ermittlungen bei der Polizei.

Dem ermittelnden Sergeanten Jean-Baptiste LeRoux wird zur Unterstützung ein Profiler der Royal Canadian Mounted Police aus dem tausend Kilometer entfernten Regina zur Seite gestellt. Die beiden Ermittler könnten unterschiedlicher nicht sein. Der Frankokanadier JB LeRoux, ein Weiberheld, alkoholsüchtig und im Job ausgebrannt, quält sich die ganze Geschichte lustlos und desillusioniert durch die Ermittlungen. Deutlich motivierter ist da der gebildete Anzugträger Ted Garner, ein arroganter Analytiker und Pendant. Aufgrund seiner rudimentären Französischkenntnisse hat er keinen leichten Stand in der  Sûreté du Québec. Füreinander empfinden sie nur Verachtung, nennen sich Froschfresser und Hinterwäldler. Geeint sind sie nur in ihren Vorurteilen gegenüber der indigenen Bevölkerung.

„19 Morde in fünf Jahren auf einer Strecke von über 4500 Kilometern. Es gibt keinerlei logische Verknüpfung.“ „Außer, dass 18 Frauen Indianerinnen waren, fast alle getrampt sind, vergewaltigt und brutal ermordet wurden und kein einziger Fall aufgeklärt ist“, sagte LeRoux. (Auszug Seite 30)

Das hätte interessant sein können, wird für meinen Geschmack aber zu oberflächlich beleuchtet. Die beiden Protagonisten werden als derart gegensätzliche Typen konzipiert, dass es nur so vor Klischees strotzt. Alle Figuren sind sehr plakativ und mit dickem Pinsel gestaltet, wobei auch der profilierungssüchtige, nur um eine gute Presse besorgte Leiter der Sureté nicht fehlen darf. Handlungen und Motivation konnte ich oft nicht nachvollziehen und hätten mehr Raum gebraucht. Dass beispielhaft der Vernunftsmensch Ted Garner sich unvermittelt in JB’s selbstverständlich wunderschöne Frau Sophie verguckt, war überhaupt nicht glaubwürdig. Diese Romanze war nicht schlüssig, sondern wirkte aufgesetzt und genauso redundant wie Garners ständiges, seine Belesenheit dokumentierendes Rezitieren von Schopenhauer. Genauso unverständlich fand ich LeRouxs Gebaren in einem Stripclub, in dem er sich erst mal vergnügt, anstatt zu ermitteln.

Parallelleben im Reservat
In klirrender Kälte führen die Ermittlungen das widerwillige Gespann in ein abgelegenes Cree-Reservat nach Niskawini, dessen Kultur Ihnen gänzlich unzugänglich ist. Hier ist Jeanette aufgewachsen und gilt seit einem Jahr als verschwunden, ohne dass eine Vermisstenanzeige aufgegeben wurde, denn die Menschen bringen der Polizei, als Teil des Systems kein Vertrauen entgegen. Hier fand ich den Roman ganz stimmig, vielleicht weil die Autorin, die einige Jahre in einem Reservat im Norden Kanadas gelebt hat, aus eigenen Erfahrungen berichten kann. Das Leben im Reservat ist geprägt von Armut, Alkohol- und Drogenmissbrauch sowie häuslicher Gewalt. Gekonnt wird die Ausgrenzung und die Benachteiligung beleuchtet und wie Menschen an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Die beiden Ermittler treffen hier auf Leon, den Cousin der ermordeten Jeanette und der letzte, der mit ihr Kontakt hatte. Leon lebt noch ganz traditionell nach den Methoden seiner Vorväter. Auch er misstraut den beiden Polizisten und verrät nicht, dass Jeanette sich ihm anvertraut hatte und aufgrund großer Perspektivlosigkeit und Sehnsucht nach einem besseren Leben das Reservat Richtung Montreal verlassen wollte. Er macht sich auf den Weg nach Montreal um alleine den Mörder zu finden und zu töten. Auch dieser Abschnitt konnte mich nicht wirklich fesseln und ich habe nur noch quer gelesen.

Die Geschichte wird abwechselnd aus drei Perspektiven erzählt. Neben JB LeRoux und Ted Garner ist es die Perspektive Leon Maskisins, die uns einen Blick auf die indigene Gesellschaft bietet. Der Sprachstil ist äußerst gefällig, Im letzten Drittel nimmt der Kriminalfall noch Fahrt auf. Aber es kommt hier noch zu einigen seltsamen Zufällen sowie unrealistischen Wendungen, die mich genauso wie das undurchsichtige Ende nicht richtig überzeugen konnten. Es blieben auch noch einige Fragen offen.

Die gegensätzlichen Ermittler und das Thema des alltäglichen Rassismus gegenüber der First-Nation-Bevölkerung versprachen eine spannende Lektüre, die meine hohen Erwartungen leider nicht gerecht werden konnte. Ich fand es handwerklich einfach nicht gut gemacht.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Frostmond | Erschienen am 24. Februar 2021 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-8653-2723-9
288 Seiten | 18,- Euro
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Chan Ho-Kei | Die zweite Schwester

Chan Ho-Kei | Die zweite Schwester

Das hier war das richtige Leben, kein Roman, kein hinterhältiger, als Suizid verkleideter Mord. So was passierte im richtigen Leben nicht, und wenn doch, dann nicht in dem eines ganz normalen, fünfzehn Jahre alten Mädchens. (Auszug Seite 45)

Mit einem dramatischen Auftakt zieht Chan Ho-Kei den Leser schon auf den ersten Seiten in die Geschichte hinein. Die junge Nga-Yee Au kommt von der Arbeit nach Hause und trifft in ihrem Hongkonger Wohngebiet auf eine Menschenansammlung und ein Polizeiaufgebot. Nach dem frühen Tod der Eltern lebt sie hier mit ihrer kleinen Schwester in einer Wohnung in einem riesigen Hochhaus. Und es ist tragischerweise tatsächlich die 15-jährige Siu-Man, die sich aus dem zwanzigsten Stockwerk in den Tod gestürzt hat.

Es stellt sich heraus, dass das Schulmädchen Opfer von Cybermobbing geworden war. Einige Monate zuvor war sie in der U-Bahn sexuell belästigt worden. Als sie das zur Anzeige brachte, wurde der Täter verhaftet, ein Familienvater, der die Tat bis zum Schluss bestritt. Daraufhin begann in den Sozialen Medien eine beispiellose Hetz- und Verleumdungskampagne.

„Ehrlich gesagt, Leute vermöbeln ist inzwischen ziemlich aus der Mode geraten. Kein Kind wäre heutzutage noch so blöd, etwas zu tun, das Spuren hinterlässt. Mobbing ist viel einfacher: verhöhnen, Gerüchte streuen, herabsetzen. …“ (Auszug Seite 484)

Nach dem Verlust ihres letzten Familienmitgliedes sucht die verzweifelte Nga-Yee Trost in der Aufklärung des vermeintlichen Selbstmordes und nimmt Kontakt zu einem geheimnisvollen Hacker namens N auf, um herauszufinden, wer ihre Schwester in den Tod getrieben hat. N ist ein mürrischer, aber hochintelligenter IT-Spezialist, der sich nur zögernd und nach Bezahlung Nga-Yees sämtlicher Ersparnisse an die Arbeit macht. Mit seiner schroffen Art ist der Einzelgänger die typische Figur des Antihelden, den man erst mal als Scheusal wahrnimmt, der sich aber zum Ende hin als Sympathieträger entwickelt. Mit genialen Hackertricks fördert der Exzentriker Dinge zutage, mit denen Nga-Yee nie gerechnet hätte, denn sie hatte von den Seelennöten ihrer Schwester nur bedingt Ahnung. Auf ein Studium hatte die Bibliotheksangestellte schweren Herzens verzichtet und immer hart gearbeitet, um für sich und Siu-Man zu sorgen. Von der digitalen Welt hat sie wenig Ahnung, so dass N ihr praktisch alle nötigen IT-Kenntnisse verständlich vermitteln muss. Ein guter Trick, um auch den nicht so computeraffinen Teil der Leserschaft mitzunehmen.

Rachethriller und Gesellschaftsroman

Ungefähr ab der Mitte des Buches wird klar, wer der Schuldige ist. Ab da entfaltet sich der Kriminalroman zu einem Rachethriller, in dem sich Nga-Yee entscheiden muss, ob sie Vergeltung mit den gleichen grausamen Mitteln will und das ist leider nicht so meins. Trotzdem muss man sagen, dass das der Spannung gar keinen Abbruch tat, es kommt immer wieder zu überraschenden Volten und auch die Motive liegen weiter im Dunkeln. Der Autor legt gekonnt einige falsche Fährten, spielt mit den Vermutungen der Leser und führt uns geschickt hinters Licht.

Der Schreibstil ist flüssig, aber sehr einfach gehalten und ich hatte zwischendurch schon den Eindruck, ich lese ein Jugendbuch. Auch einige Dialoge wirkten auf mich sehr konstruiert, nur dafür da, den Leser über wichtige Zusammenhänge zu informieren. Die Konzentration auf den wendungsreichen Plot lässt wenig Raum für die Psychologisierung der Charaktere, die ich alle als eher blass empfunden habe.

„Die zweite Schwester“ ist aber auch ein Gesellschaftsroman. Indem der Autor interessante Einblicke in die Lebensverhältnisse des hochmodernen Hongkongs offenbart, entwirft er ein entlarvendes Panorama der Wirtschaftsmetropole und ehemaligen britischen Kolonie. Nga-Yee stammt aus einfachen Verhältnissen und ihr Leben ist geprägt durch Arbeit und Sparsamkeit, um irgendwie über die Runden zu kommen. So muss sie zum Beispiel nach dem Tod ihrer Schwester ihre Wohnung verlassen, da Alleinstehenden nur zwanzig Quadratkilometer Wohnraum zustehen. Wenn Ho-Kei sich mit dem Zustand der Gesellschaft beschäftig, blitzt auch immer leise Kritik zwischen den Zeilen auf.

Der Autor

Chan Ho-Kei wurde 1975 in Hongkong geboren und lebt heute in Taiwan. Er arbeitete unter anderem als Programmierer, Computerspiele-Entwickler und Manga-Lektor. Mit seinem Debüt „Das Auge von Hongkong“ gelang ihm 2018 der internationale Durchbruch und er gewann zahlreiche Preise.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die zweite Schwester | Erschienen am 18. März 2021 im Atrium Verlag
ISBN 978-3-85535-111-4
592 Seiten | 25.- Euro
Originaltitel: 網內人 | Second Sister (Übersetzung aus der englischen Übersetzung von Sabine Längsfeld)
Bibliografische Angaben

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2021

 

Stephen Mack Jones | Der gekaufte Tod

Nach einer Art Sabbatical kehrt August Snow zurück in seine Heimatstadt Detroit. Dort war er von seinem Arbeitgeber, dem Detroit Police Department, gekündigt worden, als er Korruption vom Bürgermeister und hohen Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung öffentlich machte. In einer Zivilklage konnte August allerdings eine Millionensumme erstreiten, die ihn nun finanziell unabhängig macht. Kaum ist er wieder im Land, will die exzentrische Milllionärin Eleanor Paget August engagieren, um Unregelmäßigkeiten in ihre Bankhaus aufzuklären. Doch August lehnt den Job ab. Wenig später ist Eleanor Paget tot, der vermeinliche Selbstmord entpuppt sich schließlich als Mord. Augusts schlechtes Gewissen meldet sich, sodass er nun doch den Hintergründen auf die Spur geht. Dabei sticht in erneut in ein Wespennest aus Korruption und organisiertem Verbrechen.

„Der gekaufte Tod“ ist der erste Teil einer Reihe um August Snow. Autor Stephen Mack Jones gewann hiermit direkt den renommierten Hammett Prize. Großer Pluspunkt des Thrillers sind die beiden Hauptfiguren – Augst Snow und Detroit. Snow ist Halb-Afroamerikaner, Halb-Mexikaner, ein sympathischer Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich spielend in den verschiedenen Szenen Detroits bewegt und nach einer Perspektive für diese Stadt sucht, die arg gebeutelt wurde, aber bei der es bescheiden aufwärts geht. Der Plot ist eher solide, eine Art Jack-Reacher-Variation, bei der Snows Gegner aus dem kriminell-militärisch-(finanz)industriellem Komplex eher diffus bleiben. Auch die Kulinarik wird für meinen Geschmack etwas überbetont. Nichtsdestotrotz überzeugte mich der Roman vor allem bei Setting, Figuren und Tempo. Daher sicherlich lesenswert.

Der gekaufte Tod | Erschienen am 20.03.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50477-4
338 Seiten | 17,- €
Als e-Book: ISBN 978-3-608-12079-0 | 13,99 €
Originaltitel: August Snow (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tom Franklin | Wilderer

Tom Franklin hat sich inzwischen auch im deutschsprachigem Raum als wichtiger Vertreter des Southern Gothic, der düsteren Country Noir-Variante der amerikanischen Südstaaten, etabliert – spätestens mit dem Roman „Krumme Type, krumme Type“, mit dem er 2019 den Deutschen Krimipreis gewann.

Der vorliegende Kurzgeschichtenband „Wilderer“ („Poachers“ im Original) erschien 1999 und waren das Debüt des Autors aus dem US-Staat Alabama, wo auch die Kurzgeschichten angesiedelt sind. Der Band beginnt mit der autobiografisch gefärbten Story „Jagdzeit“. Die Protagonisten der Geschichten sind allesamt Abgehängte , die zumeist den Glauben an einen guten Ausgang ihrer Lebensgeschichte schon aufgegeben haben oder sich den Gegebenheiten der ländlichen Provinz mit Wilderei, Alkohol und Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben angepasst haben. So etwa der Besitzer einer Tankstelle im Hinterland, an die sich kaum jemand mehr verirrt, an der aber immer noch das ausgestopfte Nashorn steht, das irgendwann einmal Kunden angelockt hat. Oder der Typ, der davon abhängt, von seinem Bruder unliebsame Jobs zu bekommen, zum Beispiel einen Wurf Katzen zu entsorgen.

Herausragend ist die längste, die Titelgeschichte „Wilderer“, in dem drei junge Männer, archaisch sozialisiert und schon als Wilderer aufgewachsen, einen Wildhüter ermorden. Die örtliche Gemeinschaft ist zurückhaltend, hat den Männern bereits viel durchgehen lassen. Doch irgendjemand scheint Rache nehmen zu wollen. Insgesamt wieder eine überzeugende Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Verlags Pulp Master. Manche Geschichte war für mich etwas kurz, um die volle Wirkung zu entfalten. Aber viele sind starke, düstere Porträts eines rohen US-Hinterlands.

Wilderer | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946-58207-6
250 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Poachers (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Sebastian Fitzek | Der Heimweg

Von Sebastian Fitzeks Bücher hatte ich mich nach einmaliger Lektüre eines Werkes ja schon eigentlich verabschiedet. Einfach nicht mein Ding, total überkonstruiert. Nun hatte ich ein aktuelles Werk geschenkt bekommen und dachte, na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. War im Endeffekt Quatsch.

Ich hätte schon von Beginn an skeptisch sein sollen. Fitzek setzt vorweg zwei Zitate und eine Anmerkungen über die Gewalt an Frauen durch ihre Partner. Ein wirklich gutes Anliegen, dieses Problem literarisch zu verarbeiten. Doch dass Fitzek ein Zitat der BILD-Zeitung entnommen hat, macht dann doch skeptisch, ob er wirklich tief zu dem Thema recherchiert hat. Und der weitere Verlauf des Romans lässt die Skepsis dann relativ schnell in Gewissheit umschlagen. Eine Inhaltsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle, der Plot ist einfach völlig abstrus und albern. Dabei hätte ein Autor mit einer derartigen Auflage tatsächlich auch mal eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Thema „häusliche Gewalt“ bieten können. Aber darauf kommt es Fitzek nicht an, das Buch ist blosse Effekthascherei und Individualisierung des Bösen. Hätte ich mir aber auch fast vorher denken können. So war es vertane Lesezeit.

Der Heimweg | Erschienen am 21.10.2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28155-0
424 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1 von 5;
Genre: Psychothriller

 

Daniel Wehnhardt | Zorn der Lämmer

1942 haben die Nazis auch im litauischen Wilna ihr Schreckensregime etabliert. Ein jüdisches Getto ist eingerichtet, erste Deportationen finden statt. Doch ein Teil der Juden ist nicht länger bereit, sich in der Opferrolle einzurichten. Der charismatische Abba Kovner gründet unter anderem mit seinen Freunden Vitka, Ruzka und Leipke eine Partisanengruppe. Sie ziehen in die Wälder, kooperieren mit anderen Partisanen und der roten Armee. Im Sommer 1944 gehören sie zu den Befreiern Wilnas. Doch damit sehen Abba und seine Freunde ihre Aufgabe nicht als erledigt an: Auge und Auge, Zahn um Zahn. Sie wollen weiter die Nazis, ja alle Deutschen zur Rechenschaft ziehen und sind bereit, sehr weit dafür zu gehen.

Zunächst mal bin ich sehr dankbar für diese Geschichtsstunde, denn die Details von Organisationen wie der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der jüdischen Brigade und der Nakam war mir so noch nicht richtig bekannt. Mir war auch nicht bekannt, dass die Nakam einen Giftanschlag mit vergiftetem Brot auf ein Gefangenenlager mit SS-Angehörigen in Nürnberg nach Kriegsende verübt hatte (bei dem wohl niemand ums Leben kam). Für die Darstellung der historischen Fakten gebührt dem Autor auf jeden Fall Respekt. Der Roman selbst leidet für meinen Geschmack ein klein wenig an der Faktentreue, denn es wird viel nebenbei erläutert und an einigen Stellen kappt der Autor die Story an spannenden Stellen, um den weiteren Fortgang dann später in knappen Rückblenden zu erklären. Auch die Figuren kreisen fast fortwährend um Rache und Vergeltung und hätten noch mehr Tiefe vertragen können. Dennoch ein interessanter Blick in einen nicht so bekannten Abschnitt der Geschichte der Juden und des Holocaust.

Zorn der Lämmer | Erschienen am 07.04.2021 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-6817-0
352 Seiten | 14,- € (E-Book 10,99 €)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Historischer Thriller

Fotos und Rezensionen 1-4 von Gunnar Wolters.

 

Stephen King | Später ♬

Auf ungewohnt wenigen Seiten oder als Hörbuch in ca. 7 ½ Stunden erzählt Stephen King von einem kleinen Jungen mit einer besonderen Gabe. Jamie Conklin kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Zumindest für eine kurze Zeit nach deren Ableben, bis sie verblassen. Und die Verstorbenen müssen immer die Wahrheit sagen. Ich dachte sofort an „The Sixth Sense“, aber mit dem Psychothriller hat „Später“ nur die Grundidee gemeinsam. Der Neunjährige lebt mal nicht Kingtypisch in einer ländlichen Kleinstadt sondern in New York City bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia, einer Literaturagentin und die beiden verbindet ein inniges Verhältnis. Sie ist auch die einzige, die von seinen übernatürlichen Fähigkeiten weiß und dieses Geheimnis gut hütet. Durch die Finanzkrise gerät Tia in eine wirtschaftliche Notlage und dann verstirbt auch noch ihr profitabelster Klient überraschend vor Vollendung seiner heiß erwarteten Bestseller-Reihe. Tia beschließt, sich Jamies Begabung zu Nutze zu machen. Das ist aber nur der Aufhänger, denn als später Tias Lebensgefährtin Liz, eine Polizistin Jamies Gabe mehrfach für ihre Karriere missbraucht, bringt sie ihn in tödliche Gefahr.

Jamie schildert aus der Ich-Perspektive rückblickend die Geschehnisse. So erleben wir aus den Augen eines Kindes die Geschichte und fiebern mit ihm mit, erleben seine Ängste und Sorgen, begleiten ihn beim Erwachsenwerden. Das funktioniert bei King immer wieder und der sympathische Junge ist aufgrund seiner saloppen Jugendsprache und seinem Auftreten absolut authentisch.

Ich mag grade den von anderen manchmal kritisierten, ausschweifenden Stil von King, der seinen Romanen oft Intensität und Tiefe gibt. Deshalb hätte das Werk von mir aus gerne noch mehr Umfang haben können, machte auf mich aufgrund des episodenhaften Erzählstils fast den Eindruck einer etwas längeren Kurzgeschichte, die der Autor mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hat. Andererseits fehlt nichts, nicht mal die eine oder andere Anspielung auf andere Werke. King weiß auch hier auf seine unnachahmliche Art zu fesseln und der solide Mix aus Horrorstory, Crime und Coming-of-Age-Geschichte ist unterhaltsam, wenn auch nicht von atemberaubender und nervenzerfetzender Spannung. Vermutlich ist für mich das von David Nathan mal wieder hervorragend interpretierte Hörbuch die bessere Wahl als das Printexemplar. Nathan kann einfach perfekt die Stimmung, die Emotionalität und den subtilen Horror, der hier bei den grausigen Beschreibungen der gewaltsam zu Tode gekommenen entsteht, transportieren.
Ich könnte mir auch eine Fortsetzung vorstellen, eventuell spielt der Titel ja darauf an.

Später | Erschienen am 15.03.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-5537-2
1 MP3-CD | 22,- Euro
Originaltitel: Later (ungekürzte Lesung von David Nathan der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezension 5 von Andy Ruhr.