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Joseph Incardona | Asphaltdschungel

Joseph Incardona | Asphaltdschungel

Frankreich, August, Sommer, eine Autobahn Richtung Süden. Flirrende Hitze, Stau, Schweiß, Stress, Ungeduld, Aggressivität. Kennt vermutlich jeder von uns. In diese Atmosphäre versetzt Autor Joseph Incardona nun einen perfiden, kaltblütigen Serienmörder. Einer, der junge Mädchen verschleppt, die danach nie wieder auftauchen. Doch der Reihe nach: Eine Familie auf dem Weg in den Urlaub. Die Eltern Marc und Silvie haben sich nicht viel zu sagen, Marcs Untreue lastet auf der Ehe. Ihre zwölfjährige Tochter Marie, weißes Spaghetti-Top, Hot Pants, Flipflops, sitzt ernüchtert auf der Rückbank. Essenspause an einer Raststelle, Marie darf nach draußen – „unter der Bedingung, dass du nicht zu weit weg gehst“. Dort streift sie über den Parkplatz und bleibt zufällig neben einem VW-Van stehen, weil sie eine Nachricht auf dem Smartphone erhält. Im Van sitzt Pascal, Koch des Autobahnrestaurants, der Marie eben bedient hat und auf so eine Gelegenheit nur gewartet hat.

Inzwischen arbeitet er in einer anderen Liga. Er arbeitet jetzt am Menschen.
Unsichtbar in der Masse aufgehen, immer da sein, ohne aufzufallen.
Dazu braucht es schon etwas.
Aufopferung. Verzicht. Demut. […]
Warten.
Die Ampulle mit dem Chloroform liegt auf der Platte des Ausziehtisches. (Auszug Seiten 58-59)

Dieser Pascal ist ein unscheinbarer Typ. Einer, der sich kleiner macht, sich schwächer gibt, als er tatsächlich ist. Einer, der nicht groß auffällt. Er arbeitet nun schon seit längerem an mehreren Autobahnraststätten eines Pächters. Einer der wenigen Konstanten bei viel Fluktuation unter den Mitarbeitern. Flexibel, zuverlässig, keine Gewerkschaft, so was mag der Chef. Er ist in einem Heim aufgewachsen, hatte schon damals Aggressionen, die er aber kontrollierte. Seit einem Motorradunfall mit anschließender schwieriger Operation am Gehirn ist das nicht mehr so. Er behielt zwar sein Leben, verlor aber sein Gehör, seinen Geschmacks- und Geruchssinn. Und noch etwas anderes:

„Man hatte ihn aufgeschnitten, um ihm das Böse einzupflanzen“ (Seite 16).

Zwei Mädchen hat er bereits entführt und ermordet. Marie wird die dritte sein. Doch die Leichen werden von ihm in Säure aufgelöst, die Mädchen sind offiziell verschwunden. Die Polizei hat die Zusammenhänge noch nicht erkannt. Doch diesmal wird Maries Verschwinden sehr schnell gemeldet, der Polizeiapparat hat sich für Entführungsfälle neu aufgestellt, die Maschinerie läuft schnell an. Und diesmal erkennt die leitende Kommissarin Julie Martinez die Verbindung. Diesmal wird es eng für Pascal.

Das alles könnte man zu einem Thriller zusammenrühren, doch Joseph Incardona macht es anders, macht es noir. Der Schweizer ist Autor verschiedenster Gattungen, Romane, Drehbücher,Theaterstücke, Comics. Und wie in einem Theaterstück lässt er hier die verschiedensten Personen auftreten, wechselt permanent die Perspektive. Schreibt in knappen kurzen Sätzen, stakkatohaft. Flirrend, hektisch, wie diese Atmosphäre im Roman. Die Figuren im Roman sind alle in irgendeiner Form mit den Geschehnissen verbunden, bilden ihren eigene Mikrokosmos, treffen in schicksalhaften Begegnungen zusammen.

Pierre, ein Vater eines der früheren Opfer, der seinen Glauben an die Behörden verloren und nun selbst auf die Jagd nach dem Mörder seiner Tochter Lucie geht. Seine Frau Ingrid, die sich völlig aufgegeben hat und den Schmerz in Alkohol und ungezügelter Sexualität ertränkt. Maries Eltern Marc und Sylvie, die das Verschwinden ihrer Tochter noch weiter auseinandertreibt. Pascals feister Chef Gérard, dem das Polizeiaufgebot aufgrund eigener Illegalitäten gar nicht schmeckt. Tía Sonora, eine Mexikanerin, frühere Prostituierte, die nun als Wahrsagerin an der Autobahn arbeitet und ein wenig auf die junge Lola achtet, die sich als Frau fühlt, obwohl als Mann geboren und noch ausgestattet, und sich auf den Rastplätzen prostitiuert. Julie und Thierry, die leitenden Beamten, die unter enormem Druck stehen. Und weitere, die nur kurz auftauchen. Doch alle sind vereint in einer tiefen Einsamkeit, Trauer, Niedergeschlagenheit, Ziellosigkeit. Hoffnungsvolle Momente verblassen schnell, Perspektivlosigkeit, Frust und eine unkontrollierte, schmerzhafte Sexualität schwingt in den Figuren mit.

Wir sind allein.
Als beschissene Kosmonauten treiben wir durchs Weltall.
Im Weltall hört dich niemand schreien, stand auf dem Filmplakat.
Genau das ist es. (Seite 224).

Asphaltdschungel ist einer dieser Romane, die man zunächst gar nicht so auf dem Schirm hat, die auch beim Lesen nicht ganz so bequem sind, die aber dafür umso mehr nachhallen. Der Autor kombiniert eine episodenhafte Struktur mit vielen Figuren und Perspektiven mit einem durchgehenden Handlungsstrang, der Suche nach dem Mörder Pascal. Dabei wird der Leser tief in die Düsternis der Figuren getragen. Der Roman gewann 2015 den renommierten französischen Krimipreis „Grand Prix de littérature policière“. Auf der Rückseite des Buches steht ein Zitat der französischen Zeitung Libèration: „Ein schöner Roman noir von einem besonders schwarzen Schwarz“. Dem ist nicht viel hinzuzufügen, für mich ist Asphaltdschungel einer der besten Romane des Jahres!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Asphaltdschungel | Erschienen am 14. März 2019 im Lenos Verlag
ISBN 987-3-85787-494-9
340 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: Derrière les panneaux, il y a des hommes
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Corinna Kastner | Bodden-Nebel Bd. 2

Corinna Kastner | Bodden-Nebel Bd. 2

„Schließlich gab ich auf und trat an das geschwungene Gaubenfenster, aus dem ich tagsüber einen wunderbaren Blick in den Garten und auf den Bodden hatte, bis hinüber zum anderen Ufer. Bei besonders klarer Sicht konnte ich sogar die Kirchturmspitze von Ribnitz erkennen, in den letzten Tagen allerdings nicht. Nebelschwaden hüllten das Fischland ein, mal mehr, mal weniger. Sogar jetzt im Dunkeln konnte ich sie ausmachen, es war, als ob sich die Nacht bewegte, schön und etwas unheimlich gleichermaßen.“ (Auszug Seite 9)

Greta Röwers recherchiert für eine Biografie über eine Dichterin, als sie von ihrem Auftraggeber Daniel von dem Tod seiner Tante Gertrud erfährt, die die Schwester der Dichterin war und die Greta ebenfalls für ihr Buch befragt hat. Daniel ist allerdings skeptisch, dass seine Tante auf natürlichem Wege gestorben ist und geht von Fremdverschulden aus, denn er hat in ihren Habseligkeiten eine Kette mit einem eingravierten „T“ und einige Briefe gefunden, die sie vor ihrem Tod noch nicht besaß. In einem Brief geht es darum, dass 1943 in Wustrow vier Royal-Air-Force-Soldaten abgestürzt sind, in allgemeinen Überlieferungen ist aber immer nur von drei Soldaten die Rede. Was ist also mit dem vierten geschehen? Greta und ihr Mann Matthias beginnen zu recherchieren und werden tief auch in die eigene Vergangenheit gezogen.

Die Bodden-Reihe geht in die zweite Runde

Bodden-Nebel von Corinna Kastner ist der zweite Krimi um die Schriftstellerin Greta. In dem ersten Buch schreibt sie für ihren jetzigen Mann Matthias eine Biografie über dessen Großvater. Es ist sinnvoll, Bodden-Tod vorab zu lesen, da so die Zusammenhänge in dieser Geschichte leichter zu erfassen sind, es ist aber nicht zwingend notwendig. Ich habe mich trotz der Vorkenntnisse des vorherigen Krimis zu Beginn dieser Handlung etwas schwer getan mit den ganzen Namen und wer zu wem in welcher Beziehung steht. Ab dem zweiten Drittel wurde es dann für mich aber durchsichtiger.

Tolle Protagonistin

Greta Röwers und ihr Mann Matthias sind die beiden Protagonisten, wobei mir vor allem Greta unheimlich sympathisch ist. Früher hat sie ihr Geld mit Groschenromanen verdient, bis sie mit den Biografien begonnen hat. Ich kann mich sehr gut in Greta hineinversetzen, auch weil die Geschichte in Ich-Form geschrieben wird. Sehr gut vorstellen konnte ich mir beispielsweise, wie sie an ihrem Schreibtisch vor dem Laptop sitzt und über den nebelverhangenen Bodden schaut. Die Stimmung im Buch wird besonders gut erfasst, dadurch dass ununterbrochen dicker Nebel über das Fischland wabert.

Viel Zufall

Insgesamt fand ich die Recherche um den vierten Soldaten mit etwas zu viel Zufall gespickt. Alle beschriebenen Begegnungen und Erinnerungen innerhalb von zwei Wochen haben unweigerlich mit der Ermittlung zu tun und bringen diese natürlich auch weiter. Das Ende der Geschichte und die komplette Auflösung werden mit einem Spannungsbogen gekrönt, der allerdings nicht überladen ist, was mir sehr gefällt.

Fazit: Spannender Krimi mit Blick in die Vergangenheit bei nebelverhangener Bodden-Kulisse und etwas Romantik. Klare Empfehlung!

Corinna Kastner wurde 1965 in Hameln geboren. Sie arbeitet am Institut für Journalistik und Kommunikationsforschung in Hannover und fühlt sich an der Ostsee am wohlsten. Besonders das Fischland inspiriert sie sowohl schriftstellerisch als auch fotografisch. Seit 2005 veröffentlicht sie Schauplatz orientierte Spannungsromane und seit sieben Jahren ihre Küstenkrimis, die auf dem Fischland spielen.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Bodden-Nebel | Erschienen am 25. Juli 2019 im Emons Verlag
ISBN 978-3-74080-644-3
416 Seiten | 12.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zu Bodden-Tod, dem ersten Band der Serie, sowie zu den Romanen Fischland-Verrat und Fischland-Angst der Autorin Corinna Kastner.

Simone St. James | Die schwarze Frau

Simone St. James | Die schwarze Frau

„Fiona blieb wie angewurzelt stehen, als sie die Gestalt sah. Es war eine Frau, klein und schmal – wahrscheinlich ein junges Mädchen. Sie trug ein schwarzes Kleid, das lang und schwer war, eine Kluft aus längst vergangener Zeit. Sie hielt das Gesicht abgewandt, blickte irgendwo auf das Feld hinaus, völlig unbewegt.“ (Auszug Seite 179)

Fiona ist Journalistin bei einer Zeitung und hat vor zwanzig Jahren ihre Schwester Deb verloren. Deb wurde von ihrem damaligen Freund umgebracht und ihre Leiche auf dem Gelände des ehemaligen Mädcheninternats Idlewild Hall gefunden. Obwohl Debs Mörder verurteilt ist und immer noch hinter Gittern sitzt, hat Fiona den Verlust nie überwunden. Nun soll Idlewild restauriert werden und Fiona möchte einen Artikel darüber schreiben. Bei den Arbeiten auf dem Grundstück wird eine weitere Leiche gefunden. Fiona beginnt nach der Identität zu recherchieren und deckt dabei mehrere Schicksale und Geheimnisse der ehemaligen Internatsschülerinnen auf, aber auch der Mord an ihrer Schwester wird erneut aufgerollt und was Fiona zu Tage fördert, ist schockierend.

Überraschend und fesselnd

Die schwarze Frau von Simone St. James hat mich außerordentlich überrascht und extrem gefesselt. Den Klappentext fand ich interessant: Die Erlebnisse um 1950 von Mädchen in einem Internat, die sich Schauergeschichten erzählen, dann eine weitere Leiche und eine Journalistin, die darüber berichtet und recherchiert. Ich habe das Buch ohne Erwartungen aufgeschlagen und konnte es nicht mehr schließen, bis ich die letzte Seite gelesen hatte. So müssen Romane sein und ich bin wirklich begeistert!

Recherchen bis in den zweiten Weltkrieg

Fiona ist 37 Jahre alt und seit einem Jahr mit dem acht Jahre jüngeren Polizisten Jamie liiert. Sie schreibt als freie Journalistin eher über typische Lifestyle-Themen, bis es zu dem Artikel über Idlewild Hall kommt. Als die Leiche gefunden wird, ist Fiona ganz besessen davon, ihre Identität herauszufinden, denn es handelt sich um eine Schülerin und ihr toter Körper liegt seit über sechzig Jahren auf dem Grundstück. Bei der Suche findet sie schnell Personen, die ihr helfen können und über Informationen verfügen; ihre Recherchen gehen bis in den zweiten Weltkrieg hinein.

Grusel von 1950 bis heute

Die Geschichte wird in kurzen Kapiteln in zwei Zeitebenen geschildert: Heute aus Sicht von Fiona und 1950 abwechselnd von vier Schülerinnen. Ich fand beide Ebenen sehr interessant zu lesen und nach dem ersten Drittel haben mich die ganzen Geheimnisse, die es aufzudecken galt, so gefesselt, dass ich das Buch nicht mehr weglegen konnte! Besonders spannend fand ich den Schulalltag damals und die Verbindung der zweiten Leiche zum Krieg. Die Schauergeschichten der Internatsbewohnerinnen um die schwarze Frau fand ich aus deren Sicht nett zu lesen, aus der Perspektive von Fiona eher unrealistisch. Gerade zum Ende hin hat das meiner Faszination für das Buch einen kleinen Abbruch getan. Allerdings wird die Geschichte dadurch auch etwas schaurig und gruselig, was mal etwas anderes ist und das man mögen muss.

Fazit: Große Empfehlung, aber bitte genug freie Zeit zum Lesen einplanen!

Simone St. James schrieb schon in der Highschool ihre erste Geistergeschichte. Später war sie 20 Jahre in der Filmbranche tätig, bevor sie sich ganz dem Schreiben von Spannungsromanen widmete. Mit ihrem Mann und ihrer verwöhnten Katze lebt sie in der Nähe von Toronto, Kanada.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Die schwarze Frau | Erschienen am 18. Februar 2018 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3442488223
448 Seiten | 10.- Euro
Originaltitel: The Broken Girls
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Christof Weigold | Der blutrote Teppich Bd. 2

Christof Weigold | Der blutrote Teppich Bd. 2

Hollywood 1922: Hardy Engels zweiter Fall

Noch heute, zwanzig Jahre später, erinnere ich mich ganz deutlich an das erste Erbeben, das ich in Los Angeles miterlebt habe. Vielleicht liegt es daran, dass es sich ereignete, während ich gerade zwei Mörder verfolgte. (Auszug Seite 7)

1922 gibt es den berühmten Hollywood-Schriftzug in den Hollywood-Hills noch nicht, aber bereits gefühlt mehr Studiokulissen als Wohnhäuser und viele Deutschstämmige. Einer davon, der ehemalige Polizist Hardy Engel hat den Traum von der Schauspielerei bereits wieder aufgegeben, auch von der Detektivarbeit hat er nach den dramatischen Ereignissen seines ersten Falles und dem Verlust eines Auges die Nase voll.

Frustriert und knapp bei Kasse verbringt er die meiste Zeit bei Kumpel Buck in dessen Flüsterkneipe, denn trotz Prohibition floss der Alkohol in Strömen. Froh nimmt Engel den dringend benötigten Auftrag des Starregisseurs William Desmond Taylor an. Er soll den beliebten Filmstar Mabel Normand observieren, die sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte. Als Engel am anderen Morgen Bericht erstatten will, findet er Taylor erschossen auf dem Teppich im Salon seines Bungalow vor. Selbst als Täter in Verdacht stehend, beschließt Engel den rätselhaften Tod des Regisseurs zu untersuchen. Ihm zur Seite steht die kesse Regisseurin Polly Brandeis, die von Taylors Studio beauftragt wird, Nachforschungen anzustellen.

Liebesbriefe und Spitzenhöschen

Viele Liebesbriefe, unter anderem auch von der kokainsüchtigen Mabel Normand und der blutjungen Schauspielerin Mary Miles Minter, sowie eine Sammlung von Spitzenhöschen mit Namensschildern versehen, werden bei Taylor gefunden und diese Trophäen-Sammlung geben Anlass für wilde Spekulationen. Andere Spuren führen zu einem Drogenbaron, der die gesamte Filmbranche mit Kokain versorgt und zu einem ehemaligen Butler von Taylor, der ihn erst kürzlich in einem Brief erpresste. Des weiteren war der schwarze Hausboy Henry Peavey verhaftet worden, weil er im Park junge Männer angesprochen hatte.

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft reist der Privatdetektiv von der sonnigen Westküste ins kalte New York und entdeckt eine ganz andere Spur. Der charmante Top-Regisseur Taylor hatte Jahre vor seiner Hollywood-Karriere unter anderem Namen als Antiquitätenhändler gearbeitet, bevor er Frau und Tochter ohne Erklärung klammheimlich verließ und ein neues Leben anfing.

Skandalpanik

Hardy Engel sieht bei seinen Nachforschungen in die skandalträchtigen Abgründe Hollywoods, denn sowohl die Filmbranche als auch die Polizei machen es ihm schwer und scheinen an einer Aufklärung des Mordes nicht wirklich interessiert zu sein. Beweise werden manipuliert, Zeugen ermordet oder verschwinden einfach. Die großen Studiobosse fürchten sich vor weiteren Skandalen und setzen hysterisch alles daran, die Verfehlungen ihrer Stars zu vertuschen und den glamourösen Schein zu wahren. Eilig wird das Hays Office gegründet um Hollywoods Sauberkeit zu überwachen und in deren Folge eine schwarze Liste von über 100 Filmleuten erstellt wird, die als Sittlichkeitsrisiko in der Versenkung verschwinden.

Legendärer Mordfall

Wie schon im ersten Band – Der Mann, der nicht mitspielt – liegt hier ein wahrer Kriminalfall zugrunde und dieser wird mit der gerade erwachenden Filmindustrie verknüpft. Die ausführlichen Beschreibungen jeder Szene betten dabei den Krimiplot in eine stimmige Atmosphäre und zündeten bei mir ein richtiges Kopfkino. Der Drehbuchautor Christof Weigold benutzt eine bildhafte Sprache, die es mir ermöglichte, völlig in die Geschichte einzutauchen. Beeindruckend wie der Autor historisch belegte Fakten in den Krimiplot einarbeitet, wie zum Beispiel den berühmten literarischen Zirkel, den Dorothy Parker mit Freunden im Algonquin Hotel in New York bildete und wo sie durch ihre scharfzüngige Schlagfertigkeit zur Legende wurde. Als Leser ist man live bei dem riesigen Spektakel von Taylors Beerdigung dabei, fährt 5 ½ Tage mit Hardy im Zug von Los Angeles bis New York oder erlebt den ersten Einsatz eines roten Teppichs bei einer Filmpremiere.

Die Farbe, die er für diesen Teppich gewählt hatte, war ein leuchtendes Rot, das mich unwillkürliches an frisches Blut denken ließ, als wäre es damit getränkt worden. Und auf gewisse Weise, dachte ich, war es auch so. (Seite 608)

Das macht das Buch für mich faszinierend und voller Informationen, die ich mit Hilfe des Internets noch vertieft habe. Das sollte man aber besser im Nachhinein machen, denn man bringt sich sonst um viele Überraschungen.
Nach vielen Wendungen löst der Ich-Erzähler Hardy Engel den Fall und es wird eine schlüssige aber natürlich unbewiesene Auflösung geboten. Die Detailverliebtheit und Begeisterung des Autors für diese Zeit ist auf jeder Seite spürbar. Und es sind viele Seiten und ja, einige Filmgrößen, die Weigold durch den Handlungsverlauf flanieren lässt, Charlie Chaplin, Cecil B. DeMille oder Douglas Fairbanks, um nur einige zu nennen, bringen die Geschichte nicht unbedingt nach vorne. Für mich hat das aber gerade den besonderen Reiz ausgemacht und ich wäre bei einem dritten Teil mit dem trinkfesten Privatdetektiv und seinem Glasauge wieder dabei.

Fakt am Rande: Der mysteriöse Todesfall ist bis heute nicht aufgeklärt und hielt die Fantasie der Menschen jahrzehntelang gefangen. Mehrere Bücher gibt es inzwischen über den legendären Mordfall und 1985 wurde sogar eine eigene Zeitschrift gegründet: Taylorology.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der blutrote Teppich | Erschienen am 11. April 2019 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4
640 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum ersten Hardy Engel-Fall Der Mann, der nicht mitspielt.

Christof Weigold | Der Mann, der nicht mitspielt Bd. 1

Christof Weigold | Der Mann, der nicht mitspielt Bd. 1

Hollywood 1921: Hardy Engels erster Fall

Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen. (Auszug Seite 11, Anfang)

In den 1920er Jahren war Hollywood ein richtiges Sündenbabel. Trotz Prohibition gab es nicht nur bei ausschweifenden Partys ungehemmten Drogen- und Alkoholkonsum. In diese Zeit hat Christof Weigold seine Serie angelegt ganz im Stil des klassischen Hardboiled-Krimis mit einem Helden ähnlich Hammetts Sam Spade.

Vergewaltigung mit Todesfolge

Nachdem der deutschstämmige Hardy Engel als Schauspieler scheiterte, versucht er sich als Privatdetektiv über Wasser zu halten. Er wird von der bildhübschen, rothaarigen Pepper Murphy beauftragt, das verschwundene Starlet Virginia Rappe aufzuspüren. Er findet sie in San Francisco auf einer Party des beliebten Komikers Roscoe „Fatty“ Arbuckle, als sie nackt und in sehr schlechter Verfassung aus dessen Suite heraustaumelt. Kurz darauf ist sie tot und für Polizei und Medien steht Arbuckle als Schuldiger fest. Der bestbezahlteste Filmstar seiner Zeit wird der Vergewaltigung mit Todesfolge angeklagt und sorgt für ein riesiges Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Der hartgesottene Engel hat daran Zweifel und da er ein Mann mit Prinzipien und ihm die Wahrheit sehr wichtig ist, setzt er alles dran, um den Fall aufzuklären. Er lässt sich als Sicherheitschef bei den Universal Studios anstellen und wird bei seinen Ermittlungen ständig unter Druck und auf falsche Fährten gesetzt. Denn der riesige Skandal, verstärkt noch durch die Boulevard-Presse, könnte das Aus für die im Aufstieg begriffene Filmindustrie sein. Engel entlarvt die Traumfabrik als einen korrupten von Drogen, Alkohol, Sex und Erpressung beherrschten Sumpf. Er gerät zwischen die rivalisierenden Filmstudios und ist auch privat involviert, da er sich in die geheimnisvolle Pepper verliebt hat.

Erste große Skandal der Filmindustrie

Der Autor hat für seinen Serienstart mit Hardy Engel detailreich recherchiert, denn die Geschichte beruht auf einem wahren sowie spektakulären Fall. Der erste große Skandal der amerikanischen Filmindustrie wurde nie richtig aufgeklärt. Christof Weigold bettet die Handlung mit real existierenden Figuren in eine stimmige Atmosphäre. Man trifft auf viele bekannte Namen und dann fährt mal eben Buster Keaton im Automobil vorbei. Die auftauchenden Figuren werden sehr gut skizziert, wie zum Beispiel der jüdische Filmmogul Carl Laemmle aus dem Schwabenland, Boss der Universal Pictures und einer der Gründungsväter Hollywoods. Die große Stärke des Kriminalromans ist die bildhafte Darstellung des Hollywoods der 1920er Jahre mit all ihren Facetten. Die Geschichte hat mich von Anfang an gepackt, auch der lakonische Schreibstil haben mich begeistert. Dabei war besonders der Blick hinter die Kulissen der Filmindustrie interessant.

Der Autor

Christof Weigold wurde 1966 in Mannheim geboren und lebt aktuell in München. Seit 2000 arbeitet er als freier Dehbuchautor für Film und Fernsehen. 2019 wurde Der Mann, der nicht mitspielt für den Friedrich-Glauser-Preis in der Kategorie „Debütroman“ nominiert. Für seine Recherchen besorgte Weigold sich unter anderem antiquarisch das Polizei-Handbuch, mit dem auch Raymond Chandler recherchierte.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Mann, der nicht mitspielt | Die Taschenbuchausgabe erschien am 11. April 2019 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05290-9
640 Seiten | 10.- Euro
Die gebundene Fassung erschien am 15. Februar 2018 für 22.- Euro im selben Verlag
Bibliografische Angaben & Leseprobe