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Michael Connelly | Dunkle Stunden

Michael Connelly | Dunkle Stunden

Es hieß, um Los Angeles kennenzulernen, musste man bloß „vom Anfang bis zum Strand“ den Sunset Boulevard runterfahren. Dann erfuhr man als Tourist alles über die Stadt: Man sah ihre Kultur und ihre Highlights genauso wie ihre unzähligen Verwerfungen und Missstände. Beginnend in Downtown … führte der Sunset Boulevard durch Chinatown, Echo Park, Silver Lake und Los Feliz, bevor er eine Rechtsbiegung machte und Hollywood, Beverly Hills, Brentwood und Pacific Palisades durchquerte und schließlich am Pazifik endete. Auf diesem langen Weg führten vier Fahrbahnen durch arme und reiche Viertel, vorbei an Obdachlosenlagern und Villen, am legendären Unterhaltungs- und Bildungseinrichtungen, hipper Kulinarisch und hippen Kulturen. Er war die Straße der hundert Städte und führte doch nur durch eine einzige. (Auszug Seite 217/217)

Bei einem Special über Los Angeles darf natürlich ein Autor wie Michael Connelly nicht fehlen. Grade seine Krimis und Thriller sind eng mit der Geografie und Kultur der Megacity verbunden. Connelly zog 1987 nach Kalifornien, um für die Los Angeles Times zu arbeiten, wo er sich auf Polizeireportagen spezialisierte. Seine Kenntnisse der Polizeiarbeit und des Justizapparates verleihen seinen Werken viel LA-Lokalkolorit. Indem er in seinen Werken realistische Fälle mit detailgenauer, schnörkelloser Ermittlerarbeit konstruiert, die oft soziale Unruhen oder die Resilienz der Stadt thematisieren, zeichnet er das Bild einer Weltstadt voller Widersprüche.

Detective Renée Ballard ist immer noch bei der Nachtschicht des LAPD. Sie hat Dienst, als in der Silvesternacht, in der traditionell von Hunderten Feiernden auf den Straßen in die Luft geschossen wird, der Besitzer einer kleinen Autowerkstatt erschossen wird. Obwohl für Mordermittlungen nicht zuständig, recherchiert Ballard und findet heraus, dass Javier Raffa in seiner Jugend Mitglied einer lokalen Gang war. Die Tatwaffe wurde vor Jahren schon einmal bei einem Mord eingesetzt, der nie geklärt wurde. Ballard kennt den damals zuständigen Beamten gut: Es ist der inzwischen pensionierte Harry Bosch, der sich aber privat weiterhin um die Aufklärung Cold Cases bemüht. Ballard schätzt die moralische Integrität des altgedienten Veteranen, hadert allerdings oft mit seiner lockeren Interpretation bestehender Gesetze.

Parallel zu diesem Fall muss sich Ballard um die Aufklärung einer Serie von Vergewaltigungen kümmern. Offensichtlich zwei Männer, in den Medien „Midnight Men“ genannt, schlagen immer nachts an Feiertagen zu und sorgen für einen enormen Aufklärungsdruck, der von Ballards Vorgesetzten weitergegeben wird. Als Leserin ist man mittendrin und erlebt, wie sich die Ermittler Schritt für Schritt an die Täter heranarbeiten.

Mehr als die vorherigen Bände beleuchtet der vierte Band um das Ermittlerduo Ballard und Bosch die schwierige Arbeit der Polizei in einer von Unruhen und sozialen Spannungen geprägten Stadt. Zum Zeitpunkt der Handlung hat die Corona-Pandemie in Los Angeles ihren Höhepunkt erreicht. Die Pandemie und die jüngsten Proteste haben die Polizeiarbeit verändert. Das LAPD hat aufgrund von Geschichten über Korruption, Rassismus und Gewalt im Dienst an Vertrauen eingebüßt. Selbst Renée gerät ob ihrer Tätigkeit ins Grübeln und fühlt sich durch viele Vorschriften und interne Machtkämpfe frustriert. Wegen Covid-19 sind die Strände gesperrt und sie kann nicht mehr in ihrem Zelt am Venice Beach schlafen. Auch fühlt sie sich aufgrund der gestiegenen Zahl von Obdachlosen dort nicht mehr so wohl wie früher. Am Ende bekommt sie ein interessantes Angebot von ihrem ehemaligen Mentor Bosch. Michael Connelly schildert glaubhaft, dass das LAPD, überarbeitet, unterbesetzt und schlecht bezahlt, unter großem Druck steht. Viele Kollegen der Hollywood Division sind desillusioniert, haben sich innerlich von ihrem Job verabschiedet und leisten nur noch Dienst nach Vorschrift.

Connelly spart auch nicht mit Kritik an der Stadtentwicklung, die die Bebauungsmöglichkeiten der Grundstücke bis zum Äußersten ausreizt. Es werden die überteuerten Häuser in den wohlhabenden Wohngegenden im Westen beschrieben, sowie das hartnäckige Problem der Obdachlosigkeit, das die Stadt nicht in den Griff bekommt, thematisiert. Die überfüllten Obdachlosenlager in Hollywood, ursprünglich nur aus wenigen Zelten bestehend, während der Pandemie zu einer riesigen Ansammlung von Unterständen und sonstigen primitiven Behausungen angewachsen, beherbergen inzwischen mindestens einhunderttausend Menschen. Dadurch entsteht ein stimmiges Bild des aktuellen Los Angeles, welches in Connellys Romanen wie eine eigene Hauptfigur behandelt wird. Und nicht zu vergessen Bosch tolles Haus mit dem atemberaubenden Blick von der Terrasse auf den Cahuenga Pass.

 

Fotos und Rezension von Andy Ruhr.

Dunkle Stunden | Erschienen am 28.08.2023 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12570-9
432 Seiten | 22,00 €
Originaltitel: Dark Hours | Übersetzung aus dem Englischen von Sepp Leeb
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Raymond Chandler | Die Tote im See

Raymond Chandler | Die Tote im See

„Noch habe ich Sie nicht engagiert“, sagte er, „aber wenn ich es tue, handelt es sich um einen vertraulichen Auftrag. Über den Sie auch nicht mit Ihren Freunden von der Polizei reden können. Ist das klar?“
„Worum handelt es sich denn, Mr. Kingsley?“
„Machen Sie sich unnötige Sorgen? Sie erledigen doch alle Detektivarbeiten, oder nicht?“
„Keineswegs alle. Nur einigermaßen anständige.“ (Auszug S.11)

So ist er, der Philip Marlowe. Der Auftrag, den er zu Beginn des Romans erhält, scheint aber relativ unspektakulär. Er erhält von Derace Kingsley, einem erfolgreichen Parfümerie-Unternehmer, den Auftrag, dessen verschwundene Frau Crystal zu finden. Kingsley macht keinen Hehl daraus, dass seine Ehe am Ende ist. Ein Hinweis auf ihren Aufenthaltsort könnte ein Telegramm geben, dass er vor einem Monat von ihr aus El Paso erhalten hat, in dem Crystal ankündigt, sich in Mexiko von ihm scheiden zu lassen und ihren Geliebten Chris Lavery zu heiraten. Danach hat Kingsley aber nichts mehr von ihr gehört und auch Lavery konnte halbwegs glaubhaft versichern, mit Crystal weder in El Paso noch in Mexiko gewesen zu sein. Das lässt sich auch Marlowe bei einem Besuch bei Lavery bestätigen, der sogar behauptet, sich von Crystal bereits getrennt zu haben. Dennoch ist der Besuch bei Lavery für Marlowe interessant. Als er sich noch etwas in seinem Wagen auf der Straße aufhält, bemerkt er Aktivität beim Nachbarhaus eines gewissen Dr. Almore. Wenig später taucht ein Polizeiauto auf und ein Lieutenant Demargo verscheucht Marlowe. Der wird dadurch eher hellhörig und erfährt, dass Dr. Almore zwischenzeitlich mal Crystal Kingsleys Arzt war und seine Frau vor einiger Zeit bei einem seltsamen Selbstmord ums Leben kam.

Mangels weiterer Ansatzpunkte begibt sich Marlowe zum letzten bekannten Aufenthaltsort von Crystal. Weit außerhalb von L.A. bei Puma Point am Little Fawn Lake besitzen die Kingsleys ein Wochenendhäuschen. Dort wird Marlowe von Bill Chess empfangen, der dort wohnt und auf das Haus der Kingsleys mit achtet. Der niedergeschlagene Chess erzählt Marlowe, dass Crystal Kingsley tatsächlich hier oben am See gewesen sei, aber eines Morgens sei sie weg gewesen, zeitgleich mit seiner Frau Muriel, die ihn in der gleichen Nacht verlassen habe. Seitdem habe er von beiden nichts gehört. Chess und Marlowe begeben sich auf einen Rundgang um den See und entdecken plötzlich an einem alten Steg einen Körper im Wasser – der verzweifelte Chess erkennt in der Wasserleiche seine tote Freundin Muriel. Er gerät auch schnell selbst in Verdacht, seine Frau ermordet zu haben, während Marlowe herausfindet, dass Muriel in Wirklichkeit Mildred Haviland hieß und offenbar vor kurzem von einem Polizisten aus L.A. gesucht wurde.

Die Geschichte ist somit – wie üblich bei Chandler – durchaus komplex, um nicht zu sagen kompliziert. Das ist sicherlich auch Chandlers Technik geschuldet, aus mehreren seiner früheren Kurzgeschichten einen Roman zu montieren. In diesem Falle waren dies die Short Stories „The Lady In The Lake“ von 1939, „Bay City Blues“ aus dem Jahr 1938 und „No Crime In The Mountains” von 1941. Sehr verworren kommt dieser Plot daher, falsche Namen und mysteriöse Todesfälle bestimmen das Bild und auch Marlowe hat Mühe, den Durchblick zu behalten. Der Leser sowieso.

Das tut dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch. Chandler ist ein Meister in Dialogen, Situationsbeschreibungen und Charakterisierungen. („Alles wirkte appetitlich wie ein frischer Apfelkuchen“ (S.48); „Das Auto schwebte den Block hinunter und tänzelte um die Ecke.“ (S.30); „Die Einmeterachtzig-Ausführung des Hausfriedensbrechers“ (S.13); „Die meisten meiner Klienten weinen am Anfang entweder mein Hemd nass oder schnauzen mich an, um zu zeigen, wer der Boss ist. Aber in der Regel werden sie am Ende alle ziemlich vernünftig – das heißt, wenn sie dann noch leben.“ (S.12))

Ein Meister der Sprache, dem man gewisse Ausschweifungen oder Verwirrungen im Plot problemlos verzeiht. Und da ist da noch dieser Marlowe, der als Ich-Erzähler durch das Geschehen führt. Er, der Prototyp des hardboiled detective, ein taffer, risikobereiter Typ, der aber seine moralische Integrität wahren und sich nicht korrumpieren lassen will. Der austeilen kann, aber auch einstecken muss, beides aber lieber vermeidet. Kurzum eine sicherlich herausragende Figur der Kriminalliteratur.

Niemand schrie oder stürzte aus der Tür. Keiner pfiff auf einer Polizistenpfeife. Alles war still, sonnig und friedlich. Offenbar gab es keinen Grund zur Aufregung. Da war auch nur Marlowe, der eine weitere Leiche gefunden hatte. Allmählich kann er das schon ganz gut. Pro-Tag-ein-Mord-Marlowe, so könnte man ihn nennen. Um am besten wär’s, man schickte ihm den Leichenwagen hinterher, wenn er seinen Beruf nachgeht.
Ein ganz netter Kerl, fast genial auf seine Art. (Auszug S.122)

Raymond Chandler wurde 1888 in Chicago geboren, lebte ab seinem achten Lebensjahr in England, arbeitete ab 1908 als Journalist in London. Erst 1912 kehrte er in die USA zurück und kam schließlich nach Kalifornien, arbeitete als Buchhalter, nahm zwischendurch als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg teil. Ab 1933 begann er sich vollständig auf die Schriftstellerei zu konzentrieren, zunächst mit Kurzgeschichten in den einschlägigen Krimimagazinen. Von Beginn an hat Los Angeles eine große Bedeutung in seinen Werken, wirkt wie ein eigenständiger Protagonist. Die Stadt erscheint als ambivalente Metropole, glitzernd und zugleich düster: Reichtum und Luxus stehen neben Verfall, Korruption und Kriminalität. Der Blick durch die Augen von Hauptfigur Philip Marlowe zeigt ein L.A. der 1930er und 1940er Jahre, das von Macht, Gewalt und moralischem Verfall geprägt ist. Melancholie und Bedrückung macht sich in den Szenen breit – damit prägte Chandler mit einigen anderen Autoren den Noir als eigenständiges Genre und Los Angeles stand dabei Pate.

Bei aller Präsenz der Stadt in seinen Werken verzichtet Chandler allerdings oftmals darauf, Klarnamen und konkrete Orts- und Straßennamen zu verwenden. In „Die Tote im See“ bewegt sich Philip Marlowe außerdem weit über sein übliches Revier in die Bergregion hinter San Bernardino hinaus. Der fiktive Puma Point bzw. Puma Lake bildet einen scheinbar idyllischen Kontrast zum Moloch L.A. und beschreibt die Gegend um den echten Big Bear Lake in den San Bernardino Mountains. Darüber hinaus begleitet der Leser Marlowe außerdem nach „Bay City“, Chandlers fiktiver Version von Santa Monica, nach Downtown ins „Treloar Building“ nahe der 6th Avenue oder in Kingsleys Villa am fiktiven „Carson Drive“ in Beverly Hills. Marlowes Büro im „Cahuengo Building“ ist eindeutig das Gebäude der Security Trust und Savings Bank, Ecke Hollywood Boulevard und Cahuengo Boulevard. Der Showdown findet schließlich in einer Wohnung im „Bryson Tower“ statt, dem Bryson Apartment Hotel am Wilshire Boulevard.

 

Rezension und Buchfoto von Gunnar Wolters | Fotos von L.A. von Andy Ruhr

Die Tote im See | Erstmals erschienen 1944
Die gelesene Ausgabe erschien 1976 im Diogenes Verlag
Originaltitel: The Lady In The Lake | Übersetzung aus dem Englischen von Hellmuth Karasek
Für die aktuelle Ausgabe „Die Lady im See“ (Neuübersetzung von Robin Detje):
ISBN 978-3-257-24652-0
336 Seiten | 14,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Don Winslow | The Final Score

Don Winslow | The Final Score

Eigentlich bin ich kein großer Fan von Kurzgeschichten, aber wenn ein Ausnahmeautor wie Don Winslow seine schriftstellerische Rente unterbricht und eine Sammlung von 6 Kriminalnovellen vorlegt, bin ich dabei! Zwei Jahre nach seinem angekündigt letztem Buch „City in Ruins“, dem Abschlussband der „City-Trilogie“ und einige Zeit nach seiner ersten Novellensammlung „Broken“ zeigt Winslow seine ganze literarische Bandbreite und Vielseitigkeit. Jede der sechs Storys beleuchtet eine andere Facette des kriminellen Lebens. Die meisten sind so um die vierzig Seiten, die umfangreichste hat fast hundert Seiten.

„Die Sonntagsliste“ entführt uns in die frühen 1970er Jahre nach Rhode Island in ein vom Tourismus lebendes Fischerörtchen und glänzt mit viel Nostalgie. Sonntags darf kein Alkohol verkauft werden, aber es gibt eine geheime Liste mit den Namen durstiger Kunden, die das Wochenende ohne Alkohol nicht überstehen. Nick McKenna liefert für einen Spirituosenladen hier jeden Sonntag nicht ganz legal Hochprozentiges an höchst unterschiedliche Kunden aus. Der clevere Teenager will sich so das Geld für die Universität verdienen. Sein Traum von einer möglichen besseren  Zukunft fernab seiner Hippie-Eltern gerät durch das Zusammentreffen mit einigen Kunden ins Wanken.
Nachdem der Nichtsnutz Chrissy Pritchett betrunken einen Autounfall verursacht, bei dem eine junge Frau stirbt, wird er zu einer zehnjährigen Haftstrafe verurteilt. Sein Cousin Doug, ein integrer, aufstrebender Streifenpolizist, versucht alles, um ihm ein schweres Schicksal zu ersparen. Damit sein labiler Cousin seine Strafe in Sicherheit absitzen kann, will er ihm einen Platz im Nordflügel des Gefängnisses verschaffen und erwägt sogar, sich dafür mit der Mafia einzulassen.

„True Story“ ist eine in reine Dialogform gegossene Erzählung, in dem zwei Männer sich in einem Diner unterhalten. Auch wenn die ständigen Namensverwechslungen mich teilweise amüsiert haben und die Szene an „Pulp Fiction“ erinnert hat, ist dieses dialoglastige Kammerspiel für mich die schwächste Geschichte.

Im charmanten „Lunch Break“ gibt es ein Wiedersehen mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels (bekannt aus „Pacific Private“ und „Pacific Paradise“). Daniels und seine Surfer-Crew sollen eine verwöhnte Hollywood-Diva beschützen und für den problemlosen Ablauf der Dreharbeiten garantieren. Brittany McVeigh, eine drogenkonsumierende Nervensäge macht ihnen das Leben schwer, wird auch noch von einem Stalker verfolgt.

„Kollisionen“ und das titelgebende „The Final Score“ sind die längsten Storys und noch am eindeutigsten als Kriminalgeschichten zu titulieren. In „The Final Score“ plant der Berufsverbrecher John Highland einen letzten großen Coup. Er ist auf Kaution frei,  bevor er eine lebenslange Haftstrafe absitzen muss. Der geplante Raub eines Casinos, das Kartellgelder wäscht, ist eigentlich ein unmöglicher Coup. Highland stellt eine Crew zusammen und demonstriert  ihnen seinen bis ins kleinste Detail ausgearbeiteten Plan, der so gewaltfrei wie möglich verlaufen soll. Die spannende Heist-Story bietet unerwartete Wendungen im besten „Ocean‘s Eleven“ Stil.

In „Kollisionen“ gerät der erfolgreiche Hotelmanager Brad McAllister in einen Streit, bei dem er einen anderen Mann schlägt. Als dieser unglücklich fällt und verstirbt, muss McAllister sich vor Gericht verantworten. Der glücklich verheiratete Mann und Vater eines kleinen Jungen wird zu einer elfjährigen Haftstrafe verurteilt. Im Gefängnis tut er alles, um zu überleben und zu seiner kleinen Familie zurückzukehren.

Jede dieser sechs Novellen ist fesselnd und besitzt ihren ganz eigenen Charme. Alle Geschichten werden im gewohnt schnörkellosen, unverwechselbaren Winslow-Stil erzählt, in dem kein Wort zu viel scheint und der sich oft in den scharfen Dialogen widerspiegelt. Auch auf den wenigen Seiten besitzen seine Charaktere Tiefe, machen Entwicklungen durch, wodurch man mit ihnen bangt. Don Winslow beherrscht aufgrund seines präzisen Schreibens auch diese literarische Form, seine Geschichten sind trotz der komprimierten Gestalt emotional und erreichen eine tiefe Intensität. In den sechs Geschichten dominieren Mobster-Themen, es geht um Verbrechen, Schuld, Erlösung und Loyalität, eine Auseinandersetzung mit dem aktuellen politischen Klima in den USA wie noch in „Broken“ sucht man allerdings vergebens.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

The Final Score | Erschienen am 27.01.2026 bei HarperCollins
ISBN 978-3-3650-1337-3
336 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Final Score | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow auf Kaliber.17

Andreas Pflüger | Kälter

Andreas Pflüger | Kälter

„Sie rechnen hier nicht mit jemandem wie mir. Und ich seh weiß Gott nicht zum Fürchten aus. Vielleicht hat es sogar noch etwas Gutes, dass ich schon lange nicht mehr auf meine Form geachtet habe.“ „Aber fünf.“ „Vor einer Ewigkeit hat mal jemand gesagt, ich würde nie etwas zu Ende bringen. Und er hatte recht. Aber diese Männer werden sich wünschen, sie hätten die Fähre gestern verpasst.“ (Auszug Seite 45)

Amrum, die kleine, nordfriesische Insel neben Föhr gelegen, wird wegen ihres feinsandigen, kilometerlangen Strandes und viel Natur auch die Perle der Nordsee genannt. Luzy Morgenroth versieht hier seit einigen Jahren ganz beschaulich ihren Dienst als Inselpolizistin zusammen mit ihrem Kollegen Jörgen, für mehr ist in der Amrumer Station zumindest in der Wintersaison nicht zu tun. Im Herbst 1989, Luzy feiert mit Freunden ihren 50. Geburtstag, als ein heftiger Sturm über Amrum aufzieht, wird die beschauliche Inselidylle jäh gestört. Mit der letzten Fähre landen fünf bis auf die Zähne bewaffnete Killer auf der Insel und es kommt zu einer Reihe von Morden. Luzy sieht sich gezwungen, in ihre Vergangenheit zurückzukehren. Denn was auf Amrum niemand ahnt, sie war einst eine top ausgebildete Mitarbeiterin des BKA und Personenschützerin, die sich nach einem desaströs verlaufenem Einsatz in Israel, zurückgezogen hatte. Der damalige Drahtzieher der Terroraktion, die ihr Leben zerstörte, war Hagen List, genannt Babel. Dieser ließ Luzy damals hochmütig am Leben. Mittlerweile gilt der gefährlichste Terrorist der Welt als tot.

„Wahre Macht über Leben und Tod hast du nur, wenn du dann und wann jemandem erlaubst, fürs Erste weiterzuatmen.“ (Auszug Seite 127)

Als Luzy einen Hinweis auf „Babel“ als Verantwortlichen des Killerkommandos bekommt, verlässt sie nach acht Jahren die Insel und macht sich auf den Weg, um den Totgeglaubten endlich zur Strecke zu bringen. Um es mit den Gegnern von damals aufzunehmen, reist Luzy nach Berlin, um sich von Yosef, ihrem früheren Krav-Maga-Trainer in die körperliche Form ihrer früheren Karriere bringen zu lassen. In Berlin bekommt sie hautnah den Mauerfall mit, als sich 1989 die Grenzen öffnen. Während die Ostdeutschen in den Westen strömen, kämpft sich Ex-Agentin Luzy ins Stasiarchiv. In alten Stasi-Akten findet sie den Beweis, dass Babel überlebt hat und für unzählige Anschläge verantwortlich ist. Mit den dort enthaltenen Informationen führt sie die Jagd quer durch Europa, von Berlin nach Wien, Israel und Südfrankreich.

„Vielleicht begegnen wir uns wieder und finden dann heraus, wer von uns beiden kälter ist. Was meinen Sie: Sind Sie kälter als ich?“ (Auszug Seite 138)

Gemächlicher Anfang für einen Thriller von Andreas Pflüger, aber keine Sorge, nach ca. fünfzig Seiten bricht die  Hölle los und das Inselidyll wird nach allen Regeln der Kunst zerlegt. Vor dem Hintergrund des Kalten Krieges entfaltet sich der furiose Agententhriller mit einer viele Haken schlagenden Handlung, aufgrund des persönlichen Rache-Plots wird es auch emotional mit Thematisierung seelischer Abgründe. Typisch für Pflüger steht wieder eine weibliche Heldin im Fokus, eine kaltblütige Killermaschine, die zwischen den Welten steht, sich aber nach Normalität, nach der „Welt der Anderen“ sehnt und der der Autor sogar eine Romanze gönnt. Ein Thriller und ein akribisch recherchiertes Stück Zeitgeschichte, der aufgrund der Verwicklungen und Doppelidentitäten der Geheimdienstler komplex ist, voller Tempo sowie brillant durch Pflügers unverwechselbare Sprache, die besonders in den wortwitzigen, knappen Dialogen aufblitzt. Kopfkino entsteht bei den mit hohem Bodycount virtuos choreografierten Actionszenen, die mit vielen augenzwinkernden Stellen wieder gebrochen werden. Alle Orte, wie die sturmumtoste Nordseeinsel, das Ausbildungscamp in der israelischen Negev-Wüste, das Riesenrad am Wiener Prater oder die Berliner Mauer werden lebendig und präzise beschrieben. Dazu sind die 80er Jahre stets greifbar, die Angst vor der RAF allgegenwärtig.

Es gibt auch ein Wiedersehen mit Figuren, die man bereits aus anderen Pflüger-Romanen kennt, etwa den BKA-Präsidenten Richard Wolf, aber auch Nina Winter und Rem Kukura spielen eine kleine Rolle. Selbst Jenny Aaron taucht als achtjähriges Kind in einem Cameo-Auftritt auf. Das Design des Romans ist im gleichen Stil wie „Wie Sterben geht“ designt und spricht mich sehr an. Andreas Pflüger hat mal wieder gezeigt, dass er in einer ganz eigenen Liga spielt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Kälter | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43258-7
495 Seiten | 25,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezensionen zu Kälter bei buch-haltung.com und beim Kaffeehaussitzer
Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Romanen von Andreas Pflüger bei Kaliber.17

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Er sah ihr in die Augen, suchte etwas, aber sie wusste nicht, was. „Du hast mehr verloren, als ich je hatte. Aber du glaubst immer noch daran.“
„Ich habe alles gegeben für dieses Land“, sagte Ruth. „Ich habe Opfer gebracht.“
„So wie Abraham Isaak opfern wollte“, sagte Almog schwülstig.
„Isaak hat aber überlebt“, sagte Ruth. (Auszug Seite 388)

Der Roman beginnt 2009 in Miami mit Hanna, deren Mutter Esther verstirbt und ihr eine alte Holzschachtel überlässt. Darin unter anderem ein altes Foto: Eine lange Tafel mit Speisen, am Kopfende eine Frau, die Beschriftung „Pessach Seder, 1965“. Hiervon ausgehend springt die Geschichte rückwärts, zunächst ins Jahr 1989, später ins Jahr 1946. Ruth ist eine ungarische Jüdin, die vor den Nazis nach Palästina geflohen ist. Nun ist sie Teil der Untergrundbewegung, die auch mit Gewalt einen israelischen Staat gründen will. Sie ist kurz darauf eine der Gründerinnen des Kibbuz Trashim im Norden Israels. Im Kampf um die Staatsgründung werden Terrorakte gegen die Briten verübt, arabische Dörfer zerstört, die Bewohner teilweise getötet, teilweise vertrieben.

Der Roman folgt nun der Geschichte von Ruth und ihrer Familie, dazu gehört ihre Schwester Shosh, die das Konzentrationslager überlebt, ihrer Kinder und ihrer Enkel. Die Story springt in der Zeit voran, verharrt lange Zeit Ende Ende der 1940er und in den 1950er, um die Anfangsjahre Israels am Beispiel dieser Kibbuzgemeinschaft zu beschreiben, springt dann in die 1960er und 1970er, zu den Kindern und Enkeln, zum Sechs-Tage-Krieg und Jom-Kippur-Krieg. Dabei muss sich Ruth und ihre Familie immer wieder starken Widrigkeiten entgegenstellen, Gewalt und Tod bleiben ein ständiger Begleiter.

Mit „Maror“ hat Autor Lavie Tidhar schon Maßstäbe gesetzt. Der Thriller beschreibt die Geschichte des Staates Israel als eine Geschichte von Gewalt, Korruption, Skandalen und dem bitteren Geschmack von Realpolitik. In „Maror“ nahm sich Tidhar die Zeit von Mitte der 1970er-Jahre bis in die 2000er vor. Nun springt er mit „Adama“ noch weiter zurück, beginnt mit der Zeit kurz nach dem 2.Weltkrieg und kurz vor der Staatsgründung Israels 1948. Sein Projekt ist als Trilogie angelegt, der letzte Band „Golgotha“ soll dann bis in die Zeit der Anfänge des Zionismus Ende des 19.Jahrhunderts zurückreichen.

„Adama“ setzt den Ton des Vorgängers eigentlich konsequent fort, mit neuem Personal – nur punktuell taucht nochmal eine Figur aus „Maror“ auf. Es entwickelt sich eine düstere Geschichte einer Kibbuz-Familie. Eine Geschichte von erlebter und begangener Gewalt: Die Verbrechen der Nazis, die Flucht nach Israel, der Kampf gegen die britischen Besatzer und gegen die einheimischen Araber, das harte Leben im Kibbuz, die Kriege zur Verteidigung Israels, die Gewalt auch im Inneren zu Erhalt der eigenen Position. In „Adama“ beschreibt Lavie Tidhar, selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, eine Familie in einem Selbstbehauptungskampf zwischen Liebe, Loyalität, Verrat und Tod. Im Zentrum steht dabei die Patriarchin Ruth, die gewillt ist, ihre Heimat, ihren Kibbuz, ihr Fleckchen Erde („Adama“ steht im Hebräischen für „Erde“) um buchstäblich jeden Preis zu verteidigen und dafür Grenzen zu überschreiten und schmerzhafte Opfer zu bringen.

Lavie Tidhars Romane aus dieser Trilogie erscheinen aktuell noch nicht in der hebräischen Übersetzung. Mit seinem Ansatz einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte des Staates Israel gilt der Wahl-Londoner in seiner Heimat sicherlich in einigen Kreisen als Nestbeschmutzer. Dennoch erscheint es nur konsequent, die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszuloten, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Jedenfalls bleibt Tidhar seinem eigenen Anspruch treu, auch bezüglich der historischen Darstellung der Ereignisse. Die Wucht und Spannung des Vorgängers wird für meinen Geschmack nicht ganz erreicht, erlangt aber durch die Verknüpfung mit einer erschütternden Familiengeschichte über die Jahrzehnte dennoch eine tragische Tiefe. „Adama“ ist jedenfalls ein würdiger Nachfolger von „Maror“ und bringt als historischer Roman über Israel eine ganz eigene Facette ein.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Adama | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47516-4
425 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Adama | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Teil 1 der Trilogie, „Maror“