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Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich bereits eine Doppelrezension mit zwei Romanen aus Mexiko gemacht: Fernando Melchor „Saison der Wirbelstürme“ und Antonio Ortuño „Die Verschwundenen“. Tenor damals wie heute: Mexiko als ein gescheiterter Staat, geprägt von Korruption und Kartellen und eine Atmosphäre der Gewalt bis in alle Gesellschaftsschichten. Das Thema interessiert mich weiterhin, so dass ich immer nach Romanen aus bzw. über Mexiko Ausschau halte. Zwei davon habe ich wieder zu einer Doppelrezension zusammengefasst. Zum einen ein viel diskutierter Roman. „American Dirt“, umstrittener Roman der US-amerikanischen Autorin Jeanine Cummins – vor allem auch umstritten, weil hier eine Außenstehende sich des Themas Gewalt in Mexiko annimmt. Zum einen ein Buch eines Insiders: Jorge Zepeda Pattersson, Journalist, politischer Analyst, hat seine Erfahrungen im Roman „Die Korrupten“ niedergeschrieben. Zeit für eine Doppelrezension.

Jeanine Cummins | American Dirt

Eine Geburtstagsfeier in Acapulco. Die Buchhändlerin Lydia, ihr Mann Sebastián und ihr achtjähriger Sohn Luca feiern quinceañera, den 15.Geburtstag ihrer Nichte, mit einer Grillparty im Kreise der ganzen Familie. Da betreten Sicarios das Grundstück und erschießen die ganze Familie. Nur Lydia und Luca konnten sich im Badezimmer des Hauses verstecken. Lydia weiß sofort, warum dieses Massaker geschehen ist: Ihr Mann, Zeitungsjournalist, ist dem Boss des neuen vorherrschenden Kartells Los Jardineros zu nahe gekommen. Und auch sie selbst verbindet etwas mit „La Lechuza“ – Die Eule.

Ihre Schatten bewegen sich wie ein klobiges Tier den Bürgersteig entlang. Unter dem Scheibenwischer ihres Autos, einem orangefarbenen VW Käfer, den man sofort überall wiedererkennt, steckt ein winziger Zettel, so klein, dass er niccht einmal in der heißen Brise flattert, die durch die Straße weht. […]
Sie […] zieht den Zettel unter dem Scheibenwischer hervor. Ein Wort, geschrieben mit grünen Textmarker: Buh! Der hastige Atemzug, den sie tut, fühlt sich an wie ein Stich durchs Innerste ihres Körpers. Sie schaut zu Luca hinüber, zerknüllt den Zettel in ihrer Faust und stopft ihn in ihre Tasche.
Sie müssen verschwinden. Sie müssen fort aus Acapulco, so weit fort, dass Javier Crespo Fuentes sie niemals finden kann. Sie können nicht mit diesem Auto fahren. (S.28-29)

Lydia entscheidet sich schnell zur Flucht nach „el norte“, in die Vereinigten Staaten. Doch sie weiß, dass sie nun eine der meist gesuchten Frauen in Mexiko ist – und die Kartelle sind erheblich effizienter als die Polizei. Mit ihren offiziellen Papieren kann sie sich nicht mehr fortbewegen. Lydia sieht keinen Ausweg, als sich mit Luca in den stetigen Strom der Illegalen einzureihen. Und diese haben ein bevorzugtes Fortbewegungsmittel: „La bestia“, die Güterzüge Richtung Norden. Für Lydia und Luca beginnt eine atemlose Flucht.
„American Dirt“ war vor einem Jahr einer der meist diskutierten Romane in den USA. Das lag aber nur am Anfang am Inhalt des Buches. Diese Fluchtstory und Geschichte einer bedingungslosen Mutterliebe ist handwerklich gut gemacht. Die Flucht von Lydia und Luca ist immer wieder durchsetzt von Spannungshöhepunkten, in Rückblicken wird die Hintergrundgeschichte erläutert. Als Thriller funktioniert der Roman wirklich gut – ob er die Gegebenheiten realistisch wiedergibt, wird von einigen angezweifelt. In der Tat beherbergt der Roman schon ein paar typische Stereotypen und Cummins schwelgt bei „Übermutter“ Lydia schon etwas im Pathos, aber dennoch war es ein guter, unterhaltender und spannender Thriller.

Die Diskussionen rund um das Buch lassen aber schon etwas aufhorchen, denn die Autorin hat sich dabei auch aus meiner Sicht nicht unbedingt klug verhalten. Etwas merkwürdig fand ich nämlich das Nachwort, in dem Cummins zwar eindeutig Empathie für die Situation der Menschen in Mexiko erkennen lässt. Sie stellt sich außerdem die Frage, ob sie als Außenstehende solch ein Buch schreiben dürfe, bejaht sie letztlich, meint aber: „Ich wünschte mir, dass es jemand schreiben würde, der etwas brauer ist als ich“. So schwingt an dieser und an anderen Stellen durchaus eine gewisse Überheblichkeit in ihrem Nachwort mit, die mir auch etwas aufstößt. Die Debatte entzündete sich dann auch an der Frage der „kulturellen Aneignung“, wobei dieses Buch und seine Autorin dabei auch aufgrund des Marketings so stark in den Mittelpunkt geriet.

Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Eine ganz andere Art von Roman, wenngleich auch mit dem Unterthema Journalismus in Mexiko hat der Autor Jorge Zepeda Pattersson geschrieben. „Die Korrupten“ erzählt die Geschichte der „Blauen“: Eine verschworene Jugendclique, drei Jungs und ein Mädchen (die Anführerin), aus gutbürgerlichem bis wohlhabenden Hause, die dreißig Jahre später immer noch Kontakt hält. Tomás ist inzwischen Journalist und Kolumnist einer großen Tageszeitung, Jaime ehemaliger Geheimdienstchef und aktuell Sicherheitsberater, Mario Hochschuldozent und Amelia Vorsitzende der linken Oppositionspartei.

Tomás journalistische Karriere befindet sich ein wenig auf dem absteigenden Ast, seine regelmäßige Kolumne hat an früherem Biss verloren. Da erhält er von einem Informanten einen Hinweis zum Mord an der bekannten Schauspielerin Pamela Dosantos. In seiner Kolumne bringt er den gefürchteten mexikanischen Innenminister Salazar vage in Verbindung mit dem Mord, löst damit einen politischen Skandal aus und gerät buchstäblich in die Schußlinie. Eine Entführung von Tomás misslingt nur knapp. Verschiedene politische, aber auch kriminelle Kräfte (wobei dies in Mexiko üblicherweise schwierig auseinanderzuhalten ist) wollen weitere Enthüllungen zum Mordfall Pamela verhindern. Doch die „Blauen“ halten zusammen, schmieden Pläne und blasen zum Gegenangriff, wobei ihnen zugutekommt, dass Pamela über ihre Liebschaften mit Prominenten und Politikern brisantes Material zusammengetragen hat. Die „Blauen“ sind durchaus auch mit allen Wassern gewaschen und sie beginnen zu ahnen, dass es zu einem politischen Beben kommen kann, zu Ungunsten der wieder aufkommenden autokratischen Kräfte Mexikos. Doch die Recherchen bleiben lebensgefährlich.

„Moment mal! Was ist, wenn Salazar gar nichts mit ihrem Tod zu tun hat? Wir können ihn doch nicht einfach lynchen?“, wandte Mario ein.
Die drei blickten ihn verwundert an. Jaime brach als Erster in Gelächter aus, Amelia umarmte Mario liebevoll.
„Mein Lieber, es geht hier doch gar nicht um Salazars Schuld oder Unschuld“, versicherte sie. „Es geht um die unmittelbare Zukunft des Landes.“ (E-Book, Pos.1643)

Kennt noch jemand „Borgen“, diese Fernsehserie um den intriganten Politbetrieb im Staate Dänemark? Eine wirklich starke Serie, was Dialoge, Story und Figurendarstellung betrifft und ein Musterbeispiel, wie man öde Politik spannend auch einem größeren Publikum nahebringen kann. Während der Lektüre von „Die Korrupten“ drängte sich mir irgendwann der Vergleich zu „Borgen“ förmlich auf, wenngleich die Dänen sich doch deutlich mehr in den Parlamentsfluren aufhalten. Dennoch hat Autor und Journalist Jorge Zepeda Pattersson einen Thriller über Korruption, Politik und politischen Journalismus geschrieben, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. Viele Szenen- und Perspektivwechsel, ein konstanter Spannungsbogen mit einzelnen Höhepunkten, überzeugenden Dialogen und einer Vielzahl von interessanten Figuren, die auch zumeist vielschichtig betrachtet werden und nicht nur eindimensional rüberkommen. Im Vergleich zu „Borgen“ wird das Ganze aber natürlich um einiges mexikanischer serviert: Mehr Blei, mehr Blut, mehr Sex, mehr Theatralik. Aber genau wie in Dänemark Brigitte Nyborg sind inmitten des politischen Maschismo die Frauen die entscheidenden Personen der Geschichte: In diesem Fall die clevere und schöne Amelia und die tote, aber zu Lebzeiten arg unterschätzte Pamela.

„Die Korrupten“ war Zepeda Patterssons Debütroman, erschien im Original bereits 2013 und ist der Auftakt einer Trilogie um „Die Blauen“. Auf Deutsch sind bislang zwei Titel im schweizer Elster Verlag erschienen. Der Autor gibt in einem Interview mit dem „Spiegel“ einen Einblick in seine Motivation. Er stellt fest, „dass journalistische Texte nicht das ganze Bild der Korruption in Mexiko wiedergeben können“, da viele Betroffene aus Angst um ihr Leben nicht aussagen. „Fiktion lässt sich leichter verdauen als der Bericht eines Journalisten. Die Leute mögen es nicht, ihren Namen in einem Text zu lesen.“ Und er erläutert eine bekannte Redewendung in der mexikanischen Politik: „Ein armer Politiker ist ein armseliger Politiker.“ Insgesamt bietet „Die Korrupten“ einen sehr anregenden Einblick in die politischen Gegebenheiten Mexikos und ist dabei sehr leichtgängig geschrieben. Für diesen Roman gebe ich eine ausdrückliche Leseempfehlung.

 

Rezension und Foto von Gunnar.

American Dirt | Erschienen am 21.04.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-499-27682-8
560 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Die Korrupten | Im Original erschienen 2013,
die deutsche Ausgabe erschien am 17.02.2020 im Elster Verlag
ISBN: 978-3-906-90315-6
520 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN: 978-3-906-90315-6 | 14,99 €
Originaltitel: Los corruptores
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Politthriller
Wertung: 4.5 von 5.0

Anne Nørdby | Kalte Nacht

Anne Nørdby | Kalte Nacht

„Das Haus der Nowaks liegt verlassen auf einer Lichtung, mit all seiner Schäbigkeit, das im gleißenden Licht deutlich zutage tritt: abgeplatzte Farbe, das marode Holz, das moosige Dach, der verlotterte Garten. Und doch war es der wahr gewordene Traum einer Familie, die es kaufte, um in Schweden eine schöne Zeit zu verbringen. Nun sieht es aus, als trauere das Haus um seine kurzzeitigen Bewohner und deren verlorenen Traum.“ (Seite 260)

In einem Dorf in Südschweden gerät eine deutsche Urlauberfamilie in einen Autounfall. Die Teenager-Tochter und der Vater sind tot, die kleinere Tochter schwebt in Lebensgefahr, doch von der Mutter fehlt jede Spur. Die Familie hat sich gerade erst ein Ferienhaus in dem Ort gekauft und dann endet ihr Lebenstraum so dramatisch. Die schwedische Polizei beginnt mit den Ermittlungen und zieht die Sondereinheit Skanpol aus Hamburg dazu, da es sich um deutsche Opfer handelt. Tom Skagen fährt zur Unterstützung nach Schweden und trifft dort auf seine Vergangenheit…

Zweiter Fall von Tom Skagen

„Kalte Nacht“ von Anne Nørdby ist der zweite Fall um Tom Skagen von Skanpol. Man kann diese Geschichte sehr gut ohne Vorkenntnisse des ersten Falles lesen, denn der wird in keinster Weise erwähnt, was ich gut finde. Der Protagonist ist mir sympathisch, er ist eher zurückhaltend und nicht so von sich eingenommen, sondern ermittelt mit Bedacht. Tom reist eher auf eigene Faust nach Schweden, als dass er offiziell entsandt wurde und das verheimlicht er den örtlichen Ermittlern, hadert aber trotzdem ständig deshalb mit sich. Diesen Umstand fand ich etwas nervig, aber am Ende passt es, dass er sich zurückgehalten hat.

Ermittlungen bleiben im Mittelpunkt

Als die Vergangenheit von Skagen das erste Mal Thema wurde, habe ich befürchtet, dass diese jetzt den gesamten Fall überschattet, was aber glücklicherweise nicht der Fall ist. Relativ schnell wird auch geschildert, was genau passiert ist, der Leser wird also nicht so lange „hingehalten“ und danach kommt es nur ab und zu zu Erwähnungen. Das hat mich sehr erleichtert. Der Fall bleibt absolut im Fokus, das gesamte Buch über. Auch Toms Privatleben findet nur am Rande statt.

Spannung von Anfang an

Der Spannungsbogen beginnt sofort und flacht auch im Laufe der Geschichte kaum ab. Die Ermittlungen erweisen sich als verstrickt, viele haben ein Motiv, doch so richtig ergeben sich keine handfesten Beweise. Immer wieder werden Kapitel eingeschoben von der deutschen Familie aus der Woche vor dem Unfall, was dem Leser einen kleinen Vorsprung gegenüber der Polizei verschafft und zusätzlich für Spannung sorgt.

Nichts ist so, wie es scheint

Das Ende konnte mich dann nochmal überraschen, in Hinsicht auf den Täter, aber auch auf die Urlauberfamilie. Denn nichts ist so, wie es scheint. Hier wird etwas thematisiert, was ich noch in keinem anderen Roman gelesen habe und das oft im Verschwiegenen bleibt. Meiner Meinung nach sehr interessant. Es handelt sich hier um einen Thriller, der zwar nicht ausgesprochen blutig ist, aber auch nichts für Zartbesaitete.

Hinter dem Pseudonym Anne Nordby verbirgt sich Anette Strohmeyer. Die 1975 in Göttingen geborene Autorin lebt und arbeitet in Kopenhagen. Sie schreibt Krimis, Thriller und Hörspiele. Viele Jahre verbrachte sie in Skandinavien, Neuseeland und den USA. Ihre Erfahrungen verarbeitet sie in den internationalen Settings ihrer Romane. (Verlagsinfo)

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Kalte Nacht | Erschienen am 11. März 2020 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8922-642-2
544 Seiten | 16.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Ellen Sandberg | Das Erbe

Ellen Sandberg | Das Erbe

„Mona folgte seinem Blick. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite entdeckte sie ein wunderschönes Jugendstilhaus. Über mehrere Etagen Stuck, geschwungene Formen, florale Elemente, vergoldete Verzierungen und in der Rosette am Giebel ein Schwanenpaar, das die Köpfe Höcker an Höcker legte. Ein beeindruckendes und liebevoll instand gehaltenes Gebäude.
„Ihre Tante hat beinahe ihr ganzes Leben im Schwanenhaus gelebt“, sagte Sander.“ (Auszug Seite 23)

Mona Lang erfährt durch einen Brief, dass sie die Alleinerbin von Klara Hacker ist, der Großcousine ihrer Mutter. Mona hat Klara das letzte Mal vor einigen Jahren bei dem siebzigsten Geburtstag ihres Vaters gesehen und wusste nicht mal, dass sie verstorben ist. Klara geht davon aus, dass sie ein sehr wertvolles Gemälde geerbt hat und ist dann völlig überrascht, als sie beim Treffen mit Klaras Steuerberater erfährt, dass sie jetzt das Schwanenhaus in München besitzt. Das Haus ist 12 Millionen Euro wert und somit ist Mona reich. Sie hat sich noch gar nicht ganz an ihr neues Leben gewöhnt, da lässt Monas Mutter eine Bemerkung fallen, die Mona nicht nur ins Grübeln bringt, sondern die sie auch über Moral nachdenken lässt und sie weit in die Vergangenheit zieht. Welche Geheimnisse verbirgt dieses Haus?

Die Spannung nimmt stetig zu

Das Erbe von Ellen Sandberg ist der dritte Spannungsroman der Autorin Inge Löhnig unter diesem Pseudonym. Die ersten beiden Bücher (Die Vergessenen und Der Verrat) haben mir bereits sehr gut gefallen und auch dieses hat mich nicht enttäuscht. Bereits nach den ersten Seiten war ich mitten in der Geschichte, die sich leicht und flüssig liest und mit dem Kommentar von Monas Mutter stetig an Spannung zunimmt. Bei den knapp fünfhundert Seiten ist keine zu viel, beim Lesen gab es für mich keine Längen.

Blick in die Vergangenheit

Die Geschichte ist in drei Stränge unterteilt: Das Leben von Mona, Sabine und Klara, wobei von Klara in der Vergangenheit berichtet wird, angefangen 1938 bei ihrer Kindheit im Schwanenhaus, denn dort wohnte sie ihr gesamtes Leben. Es werden ziemlich viele Namen erwähnt und in der Mitte des Buches war es für mich nicht mehr ganz so einfach alle richtig zuzuordnen, da musste ich mich etwas mehr konzentrieren.

Protagonistin mit moralischem Kompass

Mona ist mir sehr sympathisch. Quasi mit dem Erbe hat sich ihr langjähriger Freund getrennt und so zieht sie von Berlin nach München ins Schwanenhaus. Dort gönnt sie sich von ihrem Reichtum dann auch etwas, aber ohne zu großspurig zu werden. Da sie einen „moralischen Kompass“ hat, hat Klara sie als Alleinerbin eingesetzt, doch dieser Kompass bringt Mona immer weiter an ihre Grenzen und eine Entscheidung fällt ihr, in Bezug auf das Haus und die Ergebnisse ihrer Recherchen dazu, sehr schwer. Beim Lesen habe ich mich auch immer wieder gefragt, wie ich in dieser Situation reagiert hätte.

Hartz IV-Klischees

Bei Sabine werden ziemlich viele Klischees bedient: Sie wohnt in Hamburg-Harburg in einer Sozialwohnung mit ihren beiden Kindern, sie ist von ihrem Mann getrennt, lebt von Hartz IV, nimmt ab und zu einen Job an, um sich dann aber gleich wieder in der Probezeit kündigen zu lassen, fühlt sich grundsätzlich von allen und jedem benachteiligt und verbringt ihre Tage zu Hause mit Dosenbier und Zigaretten. Trotzdem empfinde ich die Darstellung von Sabine als nicht überzogen.

Fazit: Klare Empfehlung! Eine Reise in die Vergangenheit des zweiten Weltkrieges und seine Folgen und eine spannende Frage der Moral.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Erbe | Erschienen am 28. Oktober 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10402-5
512 Seiten | 15.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Die Vergessenen und Der Verrat von Ellen Sandberg.

Deon Meyer | Beute Bd. 7

Deon Meyer | Beute Bd. 7

„Kommen Sie“, sagte er zu ihr, bot ihr die rechte Hand an, um ihr aufzuhelfen und sah, dass das Blut in Strömen daraus floss. Er wechselte den Schläger in die andere Hand und reichte ihr die linke. Er war sich nicht sicher, ob sie sie annehmen würde, denn er war ein großer schwarzer Mann mit Blut an den Händen, Kopf und Kleidern, mitten in der Nacht im dunklen Park. (Auszug Seite 15)

Dies ist der 7. Band aus der Bennie-Griessel-Reihe und ich möchte gleich vorweg schicken, dass der Thriller mir sehr gut gefallen hat und mich der südafrikanische Autor Deon Meyer aus einer kleinen Leseflaute geholt hat. Worum geht es?

In Bordeaux lebt Daniel Darret zurückgezogen unter falschem Namen und arbeitet als Hilfsarbeiter bei einem französischen Möbelrestaurator. Niemand in seiner Umgebung ahnt, dass der bescheidene und zurückhaltende Schwarze einst ein ehemaliger Freiheitskämpfer in Südafrika war. Durch den Geheimdienst zum gefürchteten Killer ausgebildet, galt Tobela ‚Tiny‘ Mpayipheli einst als einer der besten Scharfschützen und als wichtige Figur im Struggle, dem Befreiungskampf. Inzwischen hat der in die Jahre gekommene Auftragskiller das alles hinter sich gelassen und er will sein einfaches Leben auf keinen Fall aufgeben.

Doch seine Vergangenheit holt ihn ein in Form von Lonny May, einem alten Kampfgenossen. Dieser bittet ihn im Auftrag einer neu gegründeten Organisation von alten Kämpfern des ANC, den amtierenden südafrikanischen Präsidenten zu töten. Der alte Weggefährte macht ihm klar, dass die Demokratie bedroht ist und nur er, Tobela, das Erbe Mandelas retten und der allgegenwärtigen Korruption und Kleptokratie ein Ende bereiten kann. Tobela weigert sich lange standhaft und erst als Lonny in Lebensgefahr gerät, willigt er in den brisanten Plan ein. Dieser sieht vor, den Präsidenten in Paris auszuschalten. Spannung entsteht, da das Zeitfenster sehr klein ist und Tobela nicht mehr der Jüngste.

Die geschlossene Fallakte

Ein weiterer Erzählstrang führt den Leser nach Kapstadt. Hier werden etwa zur gleichen Zeit die Captains Bennie Griessel und Vaughn Cupido von der Valke, einer Spezialeinheit der südafrikanischen Polizei, mit einem mysteriösen Mordfall befasst, den die Sicherheitsbehörden schon als Selbstmord deklariert haben. Die Aufklärung wird noch dadurch erschwert, dass das Docket, die Fallakte, schon erkaltet ist und die ersten wichtigen Stunden nach der Tat längst vergangen.

Aus einem Luxuszug in Südafrika verschwand ein Mann, der nach einigen Tagen tot neben den Gleisen gefunden wird. Johnson Johnson, genannt J.J. ist ein ehemaliger Polizist, der zuletzt als Sicherheitsberater gearbeitet hat. Als Personenschützer hatte er eine ältere wohlhabende Niederländerin auf der Fahrt begleitet. Seine Ex-Frau glaubt nicht an Selbstmord, zu sehr hing J.J. an seinen beiden Töchtern und auch am Leben. Und obwohl Stichwunden im Nacken eindeutig auf Fremdverschulden hindeuten, wird von oberster Stelle die Einstellung der Untersuchung angeordnet. Offiziell schließen Griessel und Cupido den Fall ab, doch setzen sie gemeinsam mit ihrer Chefin Kolonel Mbali Kaleni die Ermittlung verdeckt fort.

Dann gibt es einen weiteren Todesfall. Der Vater einer guten Freundin von Kaleni wird erschossen aufgefunden. Menzi Dikela, früher eine Legende im Struggle, soll sich das Leben genommen haben. Seine Tochter ist sich sicher, dass es Mord war und bittet ihre Freundin um Hilfe. In beiden Fällen können die drei Ermittler der Falken nur verdeckt, außerhalb des Dienstes ermitteln und riskieren ihre Existenzen.

Die beiden Handlungsstränge laufen lange nebeneinander her und man hat keine Ahnung, wie sie zusammen hängen. Das hat mich nicht gestört, denn beide funktionieren für sich. Da ist die dramatische Geschichte um Tobela, die ich sehr spannend und fesselnd fand. Deon Meyer ist ganz nah dran an seinem Protagonisten und dem unlösbaren Konflikt, in dem Tobela sich befindet. Mit dem hünenhaften früheren Xosa-Kämpfer hat der Autor eine Figur aus seinem Kosmos ausgewählt, der bereits zwei Mal auftauchte. In Der Atem des Jägers, dem ersten Band der Bennie-Griessel-Reihe, und in Das Herz des Jägers. Letzterer ist tatsächlich der einzige Roman, den ich vorher kannte – und den ich gut fand, aber auch sehr düster.

In Beute kommt es jedoch immer wieder durch die humorvollen Dialoge der beiden Captains zu befreiender Komik in einem ansonsten ernsthaften Werk. Auch Bennies Dilemma, er will seiner Liebsten einen Heiratsantrag machen und hat Angst abgewiesen zu werden, verfolgt man eher amüsiert. Die Charaktere waren für mich stimmig, es sind fehlbare Menschen, kleine Eigenarten werden fast beiläufig eingestreut. Eine Geschichte über Menschen mit guten Absichten, aber falschen Methoden.

Wie bereits in seinen früheren Werken zeichnet Deon Meyer ein Bild von Südafrika mit seiner aktuellen politischen Lage, welches auch mehr als zwanzig Jahre nach Beendigung der Apartheid voller Machtmissbrauch und Korruption ist. In dem raffiniert konstruierten Thriller bewegen sich beide Handlungsfäden auf einen hochspannenden Showdown zu. Dazu passt das farblich sehr schön gestaltete Cover mit einem Zug, der in die weite Steppe Afrikas fährt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Beute | Erschienen am 10. März 2020 bei Rütten & Loening
ISBN 978-3-352-00941-9
444 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezensionen zu den Romanen Icarus und Die Amerikanerin von Deon Meyer.

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenhölle Bd. 14

Klaus-Peter Wolf | Ostfriesenhölle Bd. 14

„Ann Kathrin lief ein Schauer den Rücken runter. Die aufgescheuchten Vögel kamen ihr vor wie Vorboten einer Katastrophe. Eine Ahnung breitete sich in ihr aus wie eine Sickerblutung: Das hier war der Anfang von etwas Bedrohlichem. Sie kam in Kontakt mit einer dunklen Kraft. Mit etwas Bösem. Es ging nicht nur darum, den Jungen und die Frau zu finden. Sie musste verstehen, was hier wirklich los war.“ (Auszug Seite 47)

Auf Langeoog wird ein Jugendlicher vergiftet und stirbt vor den Augen seiner Mutter. Diese vermutet, dass sein Kumpel Marvin daran Schuld ist und versucht ihn zu entführen. Nun ist Marvin auf der Flucht und Hauptkommissarin Ann Kathrin Klaasen, die den Fall übernimmt, ist sich nicht sicher, ob sie einen Mörder oder ein Opfer sucht. Das alles ist aber nur der Anfang eines viel größeren und sehr verstrickten Falles, dessen Ausmaße an dieser Stelle gar nicht erahnt werden können und bei dem die Lösung noch einige Opfer bringen wird.

Ungewöhnliche Vorgehensweise

Ostfriesenhölle von Klaus-Peter Wolf ist bereits der vierzehnte Fall um die Kommissarin Ann Kathrin Klaasen, die sich mit ihrer unkonventionellen Ermittlungsweise, mit der sie sich nicht selten über alle Regeln und Vorschriften hinwegsetzt, mittlerweile einen Namen im ganzen Bundesgebiet gemacht hat. Auch in diesem Fall kann sie nicht nach „Schema F“ aus dem Polizeihandbuch vorgehen, um Marvin zu finden, sondern geht ihren ganz eigenen Weg und bezieht darin nur ihre engsten Vertrauten ein, was nicht ausschließlich ihre Kollegen sind, sondern auch Freunde und Nachbarn.

Konstante Spannung

Die Geschichte beginnt bereits mit einer ziemlich wilden Verfolgungsjagd, der Leser wird also gleich in das Geschehen hinein katapultiert, nichts entwickelt sich auf den ersten Seiten gemächlich. Mit gut fünfhundert Seiten ist dieser Krimi ein richtiger Schinken, aber ich empfand keinerlei Längen, die Spannung hält sich sehr konstant. Die gesamte Handlung entwickelt sich zudem recht schnell und in eine politische Richtung. Letzteres ist nicht unbedingt mein literarisches Lieblingsthema, ist hier aber interessant geschildert. Der Autor beschreibt Situationen und handelnde Personen sehr ausführlich, aber auch das brachte mir als Leser die Stimmung nur noch besser rüber. Auch eine gewisse Portion Humor fehlt nicht, das aber wohl dosiert.

Umfangreicher Fall

Der Fall insgesamt ist wirklich sehr komplex, aber doch so strukturiert und detailreich beschrieben, dass ich gut mitgekommen bin und nicht den Überblick oder die Zusammenhänge verloren habe. Die Ermittlungen stehen absolut im Vordergrund, private Baustellen der Kommissare gibt es so gut wie gar nicht, wenn man von kleineren alltäglichen Problemen absieht, was ich sehr angenehm finde. Der Schauplatz bekommt in allen Beschreibungen meiner Meinung nach genügend Raum, sodass man sich die Umgebung gut vorstellen kann.

Fazit: Spannung von der ersten bis zur letzten Seite und sehr detaillierte Beschreibungen, so dass man den Wind der Nordsee förmlich selbst spüren kann.

Klaus-Peter Wolf, 1954 in Gelsenkirchen geboren, lebt als freier Schriftsteller in der ostfriesischen Stadt Norden, im selben Viertel wie seine Kommissarin Ann Kathrin Klaasen. Wie sie ist er nach langen Jahren im Ruhrgebiet, im Westerwald und in Köln an die Küste gezogen und Wahl-Ostfriese geworden.

 

Rezension und Foto Andrea Köster.

Ostfriesenhölle | Erschienen am 20. Februar 2020 bei Fischer
ISBN 978-3-596-29928-7
528 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Weitere besprochene Titel von Klaus-Peter Wolf.