Kategorie: Kurt Schäfer

Martin Michaud | Aus dem Schatten des Vergessens (Band 3)

Martin Michaud | Aus dem Schatten des Vergessens (Band 3)

Mit dem Prädikat „Thriller“ wird verschwenderisch umgegangen, auch in diesem Fall verbirgt sich hinter der Ankündigung tatsächlich eher ein klassischer „Police Procedural“, ein Kriminalroman, den man in Franko-Kanadien, wo er entstanden ist „Polar“ nennt, und den man gut vergleichen kann mit einem „Nordic Noir“, einem der bei uns so beliebten Skandinavien-Krimis. Der Schauplatz Montréal war für mich ebenso neu wie der Autor Martin Michaud, und es hat sich gelohnt, beide kennenzulernen.

Der Roman kommt recht düster daher, es ist kurz vor Weihnachten, Zeit der Wintersonnenwende, es ist kalt, es wird früh dunkel und es schneit unaufhörlich in Montréal. Auf die Kollegen und die Kollegin im Dezernat Gewaltverbrechen beim Service de Police municipal de la ville de Montréal (SPVM) kommt eine Menge Arbeit zu, und auf den Leser warten Verbrechen, die ebenso ungewöhnlich wie grausam sind, die explizite Gewalt, die hier hemmungslos ausgeübt und ebenso drastisch geschildert wird, dürfte nicht jedem gefallen.

Gleich drei Tote werden kurz nacheinander aufgefunden: eine emeritierte Professorin, Fachbereich Psychiatrie, erhält eine mysteriöse Nachricht: eine junge Punkerin raunt ihr zu „I didn´t shoot anybody, no Sir!“, den Satz, den der Attentäter nach der Ermordung Präsident John F. Kennedys vor der Untersuchungskommission äußerte. Kurz darauf wird sie entführt und bestialisch hingerichtet. Gleichzeitig erhält ein betagter Anwalt, Teilhaber einer renommierten Kanzlei, eine rätselhafte Warnung und taucht in Panik unter, wobei er eine Akte aus dem Archiv mitnimmt und verschwinden läßt. Aus seinem Autoradio ertönt plötzlich eine Kassette mit der Stimme Lee Harvey Oswalds: „I emphatically deny these charges.“ Dann wird auch er verschleppt und findet einen grässlichen Tod, ebenfalls durch ein mittelalterliches Folterinstrument. Schließlich stürzt sich ein Obdachloser vor den Augen einer Polizistin von einem Hochhaus. Er läßt zwei Brieftaschen zurück, die den beiden Mordopfern gehörten. Bevor er springt, beteuert er: „Ich hätte auch gern Erinnerungen. Die haben mir zu viel am Gehirn rumgemacht. Ich bin nicht mehr richtig im Kopf.“ Es stellt sich heraus, dass er seit langem immer wieder in psychiatrischer Behandlung war, weil er an einer bipolaren Störung erkrankt ist. In seinem Zimmer findet man Papptafeln mit unverständlichen Aufzeichnungen.

Erinnerung ist ein Leitmotiv des Romans, der im Original „Je me souviens“ heißt, Ich erinnere mich. An entscheidenden Stellen der Geschichte wird der Satz mehrfach zitiert. Warum Hoffmann & Campe daraus einen derart sperrigen Titel machte, kann ich nicht nachvollziehen. Rätselhaft auch die Entscheidung des Verlags, mit der Veröffentlichung der bisher fünfteiligen Serie in der Mitte zu beginnen. Die englische Ausgabe, ebenfalls als Thriller beworben, kam unter dem Titel „Never forget“ auf den Markt. Auch in den USA startete die Reihe mit diesem dritten Band. (Allerdings mit einem Vorwort des Autors, in dem er kurz zusammenfasst, „Was bisher geschah“). Auf seiner Website empfiehlt Michaud allerdings, seine Bücher in der Reihenfolge ihrer Entstehung zu lesen, um die Entwicklung seiner Figuren verstehen zu können. In der deutschsprachigen Version fehlen solche Hilfen zum Verständnis, hier bleibt der Leser mit Andeutungen allein, die Michaud hin und wieder ohne Erläuterung in den Text einbaut und die deshalb rätselhaft bleiben. Eine Fernsehserie nach seinen Romanen, für die Michaud die Drehbücher schrieb, wurde mit 10 Episoden der ersten Staffel auch mit „Je me souviens“ begonnen. Dem Vernehmen nach hat das ZDF die Rechte an der Serie gekauft.

In einem fast philosophischen Vorwort klingt das Kernthema bereits an:

„Was was ist wirklich wichtig? Was ich bin oder das Bild, das ich von mir habe? Was in meinem Leben geschieht oder die Vorstellung, die ich mir davon mache? Ich bin nur ein Nichts, eine Abstraktion. Ich bin nichts von dem, was ich geglaubt habe zu sein. Ich bin ohne Identität.“

Die Frage nach der eigenen Identität treibt auch den Hauptdarsteller der Krimireihe um. Das ist Sergent-Détectiv Victor Lessard (in Kanada erscheint die Serie unter dem Titel „Une enquête de Victor Lessard“), ein Polizist, dem der Autor einige schwere Lasten aufgebürdet hat. Er hat früh seine Familie unter entsetzlichen Umständen verloren und lebte als Jugendlicher in verschiedenen Heimen, immer wieder auch auf der Straße, bis ein schwules Paar ihn aufnahm. Nach einer schweren Verletzung bei einem Einsatz verfiel er dem Alkohol, stürzte in eine Depression. Die Ehe zerbrach. Er ist Alkoholiker, seit kurzem trocken aber ständig in Versuchung, wieder zur Flasche zu greifen. Er schafft es auch nicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Gerade kommt er aus der Reha, leidet unter PTBS und einigen Phobien, zum Beispiel einer Angststörung und muss deshalb häufig zu Medikamenten greifen. Der ständig gereizte Neurotiker neigt zu Stimmungsschwankungen,zu Schwermut und Wutausbrüchen. Manchmal grübelt er, ob er sich vor dem fürchten sollte, was aus ihm geworden ist.

Der einen Meter neunzig große Mittvierziger achtet auf seine Ernährung, die athletische Figur verdankt er regelmäßigen Besuchen im Fitness-Studio. Victor ist eitel, aber trotz seines schwierigen Charakters bringt man ihm einige Sympathien entgegen, weil er immer wieder an Körper und Seele verletzt wird und sich trotzdem wieder aufrappelt. Gerade hat er die Hoffnung, dass sich alles endlich zum Guten wendet. Er lebt seit ein paar Monaten in einer Beziehung mit einer jungen, höchst attraktiven Kollegin. Seither schwebt er auf Wolke sieben. Aber auch dieses Glück scheint er zu zerstören: Weil er wieder einmal ausrastet, verletzt er seine Geliebte tief, die Beziehung scheint unwiderruflich beendet. Grund ist sein Sohn, der der wieder einmal in Schwierigkeiten steckt. Er war immer schon ein Problemkind, und Victor macht sich Vorwürfe, dass er über seine Fürsorge für ihn die Tochter vernachlässigt hat.

Seine Partnerin Jacinte Taillon, 40, ist seit 20 Jahren mit Ehefrau Lucille verheiratet. Michaud definiert sie praktisch ausschließlich über ihr Äußeres und porträtiert sie sehr unvorteilhaft, ja unattraktiv. Weiche Gesichtszüge, kurze Haare, Fettpolster, allergisch gegen Make-up. Ständig stopft sie irgend etwas in sich hinein, bei jeder Gelegenheit hat sie eine Chips- oder Donuts-Tüte in der Hand. Bis auf solche Klischees erfahren wir wenig über sie, eine Vergangenheit scheint sie überhaupt nicht zu haben, in der Gegenwart erleben wir „die dicke Taillon“ als Zicke. Sie ist zynisch bis boshaft, spöttisch bis verletzend, ihren Partner provoziert sie wo es geht mit diebischem Vergnügen. Sie besitzt kein Einfühlungsvermögen, ist taktlos und ungehobelt und gerne einmal vulgär. Darüber hinaus erweist sie sich als wenig teamfähig. Ständig boykottiert sie den Fortgang der Ermittlungen, indem sie den Theorien ihrer Kollegen widerspricht und deren Erkenntnisse ins Lächerliche zieht, rechthaberisch nur ihre eigenen Theorien gelten lässt.

Immerhin zeigt sie, wenn Victor ernsthaft in Schwierigkeiten steckt oder wieder einmal bei einem Einsatz einstecken muss, menschliche Regungen und scheint sich echt zu sorgen um ihren Partner. Man kann aber nicht behaupten, dass Victor und Jacinthe harmonieren, im Gegenteil. Ständig streiten die beiden, selbst über Kleinigkeiten. Aber auch wenn er wieder einmal bis zur Weißglut gereizt wird, bleibt Victor loyal. Wenn es die Situation erfordert, arbeiten die ungleichen Partner sogar erfolgreich zusammen und in brenzligen Situationen können sie sich aufeinander verlassen. Allerdings sind Jacinthes Methoden nicht immer im Einklang mit den Dienstvorschriften, da wird schon mal ein Zeuge „eingeschüchtert“ oder es geht eine Tür zu Bruch. Im Einsatz kann sie Victor gewöhnlich nicht folgen und schnauft hinter ihm her. Sobald sie aber am Steuer sitzt, ist sie von allen guten Geistern verlassen. Praktisch jede Autofahrt wird zu einem Rennen, Jacinthe drückt das Gaspedal immer bis auf die Bodenplatte durch und rast in unverantwortlicher Weise durch die Stadt.

Victor läßt sich durch das Gebaren seiner Kollegin nicht aus dem Konzept bringen, er bleibt seiner Linie treu und gibt die Richtung vor, in die ermittelt wird. Und er hat dabei meist das richtige Gespür, auch wenn er mitunter in einer Sackgasse landet oder Umwege gehen muss. Schritt für Schritt kommt man der Lösung näher, auch wenn dabei mehrmals der Zufall helfen muss. Nach und nach können die Ermittler die kryptischen Kritzeleien des Obdachlosen entschlüsseln und gewinnen so wichtige Hinweise auf Geschehen in der Vergangenheit, in denen offensichtlich der Ursprung für die gegenwärtigen Verbrechen liegt. Sind sie dem Rachefeldzug eines Opfers von menschenverachtenden Experimenten der CIA auf der Spur? Der tote Obdachlose war, so stellt sich heraus, Teil des so genannten MK ULTRA-Projekts, bei dem CIA und militärische Einrichtungen bis in die siebziger Jahre mittels Versuchen an Menschen Methoden der Bewusstseinsmanipulation erprobten.

Vincent und Jacinthe recherchieren in diese Richtung, verfolgen aber auch andere Spuren, sammeln unermüdlich belastende Hinweise und haben bald mehrere Verdächtige im Visier, einige Theorien, aber keine Beweise. Und dann gibt es weitere Leichen, neue brutale Gewalt. Jacinthe darf sich eine rasante Verfolgungsjagd mitten im Stadtzentrum liefern, mit katastrophalem Ergebnis. Wieder stehen die Ermittler mit leeren Händen da. Vincent geht hartnäckig auch Ansätzen nach, die von den Kollegen als abwegig betrachtet werden. Rückendeckung bekommt er aber von seinem Chef. Der hat selbst einen privaten Schicksalsschlag zu verkraften, führt aber seine Dienstgeschäfte umsichtig und gewissenhaft. Zu seinen Mitarbeitern ist er freundlich, aber streng. Er erwartet Disziplin, stellt sich aber immer hinter seine Leute, wenn es Schwierigkeiten gibt. Auch Victor kann auf ihn zählen, sogar eine Reise nach Dallas wird genehmigt, als er einen Zeugen zu den Umständen der Ermordung Kennedys befragen will. Einige vage Anhaltspunkte lassen eine Verbindung von mehreren ihrer Verdächtigen mit dem Attentat von 1963 möglich erscheinen. Immerhin bekommt Victor mehrere Hinweise, die seine Spekulationen in Bezug auf die aktuelle Mordserie stützen. Dass Michaud hier die alte Verschwörungstheorie aufgreift und in seine Geschichte integriert, nach der es ein Mord-Komplott mit mehreren Tätern gab, ist nicht nur sehr weit hergeholt, sondern für das Funktionieren des Plots auch absolut entbehrlich.

Montréal, Michauds Heimatstadt, spielt in seinen Romanen um Sergent-Détectiv Lessard eine eigene, wichtige Rolle. Die Topographie der Metropole am Fleuve Saint-Laurant, die mit viel Liebe zum Detail beschrieben wird, trägt wesentlich zur Stimmung bei, natürlich auch durch die besondere Atmosphäre der winterlichen Tristesse. Michaud hat sich zudem einige höchst eindrucksvolle Schauplätze ausgedacht, die er effektiv in Szene setzt. Aber Lessard ist auch auf den Straßen, Plätzen und Boulevards in unterschiedlichen Vierteln unterwegs und zeigt uns, in welche Läden man geht und welche Kneipen angesagt sind. Michaud erwähnt einige Male Sänger und Sängerinnen und gibt Zeilen aus ihren Liedern wieder, er berichtet, welche Hockeymannschaften unterstützt werden und für welche Baseball-Teams man schwärmt, er zitiert einen angesagten Dichter und sein einflussreiches Werk sowie dessen Schlüsselrolle in einem richtungsweisenden Film. Kurzum, wer will, erfährt aus erster Hand eine Menge Interessantes über das Alltagsleben in der Provinz Quebec. Es lohnt sich, ein wenig Geduld aufzubringen und sich auf diese Randbemerkungen einzulassen, auch wenn sie das Tempo aus der ansonsten flott vorgetragenen Mördersuche nehmen und kurzfristig ablenken.

Mehrfach bettet Michaud unvermittelt und scheinbar willkürlich Rückblicke auf politische Ereignisse der jüngeren Geschichte Québécs ein, die nur sehr lockere Berührungspunkte mit dem Kriminalfall haben. Es geht dabei um die Bemühungen der Québécois um Unabhängigkeit von anglophoner Dominanz, um die Sehnsucht nach eigener Identität, um das Verlangen, das politische und kulturelle Leben mitzugestalten. Michaud thematisiert einige Eckpunkte, ohne sie zu kommentieren oder zu bewerten. Das deutsche Publikum darf getrost über diese Details hinweglesen, für die Krimihandlung sind sie nicht relevant. Es lohnt sich natürlich dennoch, den einen oder anderen Fakt nachzuschlagen und sich mit Kultur und Geschichte der Frankokanadier zu beschäftigen. Dann erfährt man, dass das Motto „Je me souviens“ auch das Wappen der Provinz Québéc ziert, es wurde zudem beim Bau des Parlaments über dem Eingang eingemeißelt. Und schließlich prangt der Slogan auf jedem Kfz-Kennzeichen.

Die dicke Schwarte von 640 Seiten erfordert viel Kondition um, bei der Stange zu bleiben, und erst recht Konzentration und ein gutes Gedächtnis, um im Wirrwarr der Handlungsfäden den Überblick zu behalten und die schier unendliche Zahl der Handelnden Personen über einen langen Zeitraum und auf verschiedenen Ebenen richtig zuordnen zu können, die noch dazu mal mit ihrem Vornamen, mal mit Nachnamen, dann wieder mit einem Spitznamen oder auch nur ihrer Funktion angesprochen werden. Manche tauchen auf und gleich wieder ab, manche spielen nur eine kleine Rolle oder gar keine, aber alle werden detailliert, lebendig und anschaulich beschrieben, wenn auch oft hauptsächlich über ihr Äußeres.

Der Plot folgt einem sorgfältig geplanten Aufbau: Fünf größere Abschnitte, 95 kurze Kapitel, zum Teil scheinbar willkürlich eingeteilt, vertrackt verschachtelt und raffiniert miteinander verbunden. Die Kapitel lassen sich zeitlich sehr gut einordnen, Datumsangaben erleichtern den Überblick im sprunghaften hin und her und vor und zurück. Es dauert, bis die unterschiedlichen Erzählstränge etabliert sind, und dann braucht es lange, bis das unübersichtliche Gestrüpp all der Handlungsfäden entwirrt ist und neu verknüpft zu einer stimmigen Geschichte, die mit einer sehr gelungenen Auflösung der verschiedenen Rätsel endet.

Dabei bewegt sich die Erzählung meist auf sprachlich hohem Niveau. Der Stil ist nüchtern, präzise, mit stimmigen, einfallsreichen, manchmal poetischen Bildern. Aber dann landet man plötzlich bei grauenhaften Plattitüden, sich wiederholende Allgemeinplätzen, einem hölzernen, holprigen, unbeholfenen Schreibstil, der irritiert und das Lesevermögen einschränkt. Geschuldet ist dies einer für mich unverständlichen Entscheidung des Verlages, zwei Übersetzer zu beschäftigen. Während das Unterfangen in einem Teil des Romans offenkundig trefflich gelungen ist, scheiterte die Arbeit im anderen mehr oder weniger kläglich, zudem ärgern etliche Fehler.

Victor und Jacinthe tun sich schwer mit ihren Ermittlungen im Gestrüpp der undurchsichtigen Verbindungen. Immer wieder gibt es unvorhergesehene Volten und damit neue Mutmaßungen, die bald wieder verworfen werden. Entscheidende Erkenntnisse bringt schließlich die Akte, die Lawson verschwinden ließ. Als sich eine weitere Entführung ereignet, läuft Victor und Jacinthe die Zeit weg. Bis sie endlich das Versteck der Geisel ausmachen können, ist es schon fast zu spät.

Die angekündigte „Sensation“ ist der Roman nicht, aber grundsolide, gut geschriebene Krimiunterhaltung, an der ich nicht viel zu kritisieren habe. Vier Sterne für diesen Band der Lessard-Reihe. Zwei weitere Folgen sind noch für dieses Jahr angekündigt, aber ich werde erst dann wieder zu Michaud greifen, wenn seine ersten beiden Krimis auf Deutsch erscheinen.

 

Foto & Rezension von Kurt Schäfer.

Aus dem Schatten des Vergessens | Erschienen am 05. November 2020 im Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-01007-7
640 Seiten | 16,90 €
Originaltitel: Je me souviens (Übersetzung aus dem kanadischen Französisch von Anabelle Assaf und Reiner Pfleiderer)
Bibliografische Angaben

David Lagercrantz | Vernichtung Bd. 6

David Lagercrantz | Vernichtung Bd. 6

Vernichtung ist der letzter Beitrag von David Lagercrantz zur Millennium-Reihe.

Man soll bekanntlich aufhören, wenn es am schönsten ist. Diesen Moment hat Lagercrantz leider verpasst, der laut seiner Aussage definitiv letzte Roman um Lisbeth Salander und Mikael Blomkvist aus seiner Feder ist nach meiner Meinung der schwächste der gesamten Reihe. Ich greife daher einmal vor und verrate schon hier, dass ich mit einigem Wohlwollen drei Sterne vergebe.

Hatte ich beim Vorgänger Verfolgung noch den Eindruck, dass Lagercrantz sich mittlerweile mit dem Personal Larssons angefreundet hat, kommt es mir bei deren letzem Auftritt vor, als habe der Autor das Interesse an den Figuren und dem großen Entwurf des Schöpfers der Reihe weitgehend verloren. Stattdessen schreibt er seine eigene Geschichte, indem er das Thema seines ersten literarischen Erfolgs wieder aufnimmt. 1998 erschien der Bestseller Allein auf den Mount Everest des schwedischen Abenteurers und Extrembergsteigers Göran Kropp – unter tätiger Mithilfe von David Lagercrantz. Kropp beschreibt in diesem Buch seine Erlebnisse am höchsten Berg der Welt im Mai 1996, als es zur „Katastrophe am Mount Everest“ kam, bei der acht Menschen starben, sowohl Bergführer als auch Teilnehmer mehrerer kommerzieller Expeditionen.

Der Stoff hat Lagercrantz offensichtlich so fasziniert, dass er ihn in den Mittelpunkt seiner dritten Millenium-Adaption stellt. Ob seine Leser ebenso interessiert sind an diesem speziellen Thema, ist fraglich, sie wollen vermutlich lieber Neues von Mikael Blomkvist und, mehr noch, von ihrer Heldin Lisbeth Salander erfahren. Das ist leider nicht allzu viel, obwohl der Titel Vernichtung doch erwarten ließ, dass die Fehde zwischen Lisbeth und ihrer Schwester Camilla den Plot bestimmen würden. Tatsächlich rückt dieser Kampf auf Leben und Tod weitgehend in den Hintergrund, die Auftritte Lisbeths in dieser letzten Folge sind rar und zeigen, dass aus dem wütenden, rasenden Mädchen eine zögernde, zaudernde Frau geworden ist. Lediglich in einer sehr kurzen Szene, eher eine Randnotiz, die nichts zur eigentlichen Story beiträgt, zeigt sie ihr altes Gesicht, wohl eine Reminiszens an ihre Anfänge . Ihre Beziehung zu Mikael wird nicht weiter thematisiert, es gibt auch so gut wie keinen Kontakt der beiden miteinander. Als er sich spontan aufmacht um Lisbeth aufzusuchen, muss Mikael feststellen, dass sie aus ihrer Wohnung ausgezogen ist. Eine neue Adresse gibt es nicht, Mails und SMS hatte sie schon in der Vergangenheit nur sehr sporadisch beantwortet. Lisbeth ist wie vom Erdboden verschwunden.

Tatsächlich hält sie sich in Moskau auf, um endgültig mit Camilla abzurechnen. Die ungleichen Schwestern hassen sich bis aufs Blut und trachten sich gegenseitig nach dem Leben. An der einen oder anderen Stelle des Romans erfährt der möglicherweise neue Leser, wie es dazu kam, für die meisten gibt es in dieser Hinsicht keine neuen Erkenntnisse. Als Lisbeth endlich am Ziel zu sein scheint und Camilla ihr wehrlos gegenübersteht, ist sie nicht in der Lage, die Pistole abzufeuern, die sie in der Hand hält. Während sie gerade noch glaubte, erbarmungs- und gnadenlos agieren zu können, ist sie plötzlich wie gelähmt und nun selbst ihrer Feindin schutzlos ausgeliefert. Mit knapper Not kann sie entkommen und sich nach Stockholm zurückzuschlagen. Hier versteckt sie sich vor den Nachstellungen Camillas und ihrer Helfer von der russischen Mafia Swesda Bratwa und den Rockern der Svafelsjö Motorrad-Gang.

Blomkvist hat seinen Biss verloren, er zeigt deutliche Anzeichen eines Burn-Outs. Der erfolgreichste investigative Journalist des Millenium kommt mit seiner Story um die Trollfabriken nicht weiter, er glaubt nicht an einen Erfolg, hat auch keine Lust, vor Ort zu recherchieren. Die aktuellen Nachrichten deprimieren ihn, all die traurigen Entwicklungen in dieser Welt. Der grassierende Hass in der Gesellschaft, das Erstarken der Populisten und Extremisten, all die Fake-News und Desorientierungskampagnen, die vielen Nachrichten aller möglichen Idioten auf seiner Mailbox und in seinem E-Mail-Postfach. Dann erhält er einen unerwarteten Anruf der Gerichtsmedizinerin Frederika Nyman. Sie hat einen toten Obdachlosen auf dem Tisch, der einen Zettel bei sich trug, auf dem Mikaels Telefonnummer steht. Das interessiert ihn noch nicht, aber als DNA-Untersuchungen erweisen, dass der Verstorbene über das so genannte Super-Gen verfügte, (Lagercrantz vereinfacht und verknappt hier die sachlich fundierten wissenschaftlichen Erkenntnisse über tatsächlich vorhandene genetische Besonderheiten bei Angehörigen des Volkes der Sherpa, die es ihnen ermöglicht, aufgenommenen Sauerstoff wesentlich effizienter zu verwerten, als es Bewohnern des Flachlands möglich ist) erwacht Mikaels Neugier. Bei der Suche nach Personen, die den Obdachlosen gekannt haben, stößt er auf die bekannte Fernseh-Kolumnistin und Kommentatorin Catrin Lindås.

Catrin ist konservativ, Mikael hält sie sogar für reaktionär, und sie ist auch nicht gut auf ihn zu sprechen, aber als er sie aufsucht, fallen die beiden nicht nur mit Worten übereinander her und landen auf dem Teppich. Immerhin erfährt Mikael, dass sie eine unangenehme Begegnung mit dem merkwürdigen Bettler hatte, bei der dieser Anschuldigungen gegen Johannes Forsell geäußert habe. Der ist Verteidigungsminister und wegen seiner unerbittlichen Haltung gegenüber Rechtsextremisten und Ausländerfeinden sowie deutlicher Kritik an der aggressiven russischen Politik Zielscheibe einer Verleumdungskampagne der Trolle. Im Jahr 2008 war er Teilnehmer an einer kommerziellen Everest-Expedition, bei der Klara Engelman, die glamouröse Frau des skrupellosen Immobilienhais Stan Engelman, tödlich verunglückt ist und mit ihr Viktor Grankin, einer der Bergführer. Klara hatte sich im Basislager in ihn verliebt und es hieß, sie wolle sich sogar scheiden lassen. Das hätte für ihren Ehemann und seine kriminellen Geschäfte gefährlich werden können.

Die Rechtsmedizinerin hat inzwischen herausgefunden, dass der rätselhafte Sherpa mit einer Überdosis von Schlaftabletten in seinem Schnaps umgebracht wurde. Von nun an stehen die Ereignisse während der unglücklich verlaufenden Expedition im Vordergrund, Mikael und Catrin haben jeder für sich größtes Interesse daran, die Wahrheit über die Vorgänge im Camp und beim Aufstieg zu erfahren. Das erweist sich als schwierig, offensichtlich wollen einige Beteiligte verhindern, dass die Fakten ans Licht kommen. Lagercrantz nimmt einen langen, langen Anlauf, um in vielen kleinen Bruchstücken das Rätsel nach und nach zu lösen, dabei versucht er vergeblich, zu viele unterschiedliche Themen auf zu wenigen Buchseiten abzuhandeln. Es entwickelt sich eine verwirrende Geschichte, die sich nach und nach als Spionagestory entpuppt, in der Geheimdienste und ihre Agenten und Doppelagenten, natürlich Gute und Böse, im Fokus stehen.

Aber wir lesen auch von Liebe, Lust und Leidenschaft, von Ehekrise und Ehebruch, und natürlich von Mord und Totschlag. Das klingt interessant und spannend, ist es aber nicht, weil Lagercrantz es nicht versteht, den Figuren Leben einzuhauchen, Tiefe zu verleihen, sie bleiben flach und sind nicht differenziert, sondern diffus und erschreckend unpräzise. Hier wird deutlich, dass die Bücher der zweiten Millennium-Trilogie nie die erregende, erschütternde Atmosphäre, die eindringliche Stimmung des Originals erreichen.

Der zweite Handlungsstrang beschäftigt sich mit dem finalen Kampf der Salander-Mädchen. Wird Camilla die verhasste Schwester aufspüren und umbringen? Oder gelingt es Lisbeth, sich endlich von ihr zu befreien? Das zentrale Thema des Romans, im schwedischen Original Hon som måste dö, Sie, die sterben muss, findet hier nur zu Beginn kurz einmal statt – und dann wieder im actionreichen Finale, dem Schluss- und Höhepunkt. Im letzten Viertel des Buches nimmt die Geschichte endlich Fahrt auf und gewinnt das Tempo, das zuvor immer wieder abgebremst wurde durch ermüdende Längen, unnötige Wiederholungen und ausgedehnte dröge Dialoge, die zuweilen unfreiwillig komisch sind. Sprachlich und stilistisch ist Lagercrantz hier wirklich nicht auf der Höhe, dass auch die Übersetzung von Susanne Dahmann etwas dazu tut, kann ich nur vermuten. Der Showdown, in dem eine nun wieder kaltblütige und absolut fokussierte Lisbeth sich ganz alleine den brutalen russischen Schergen Camillas sowie den nicht minder skrupellosen Rockern entgegenstellt, um Mikael zu retten, ist das Beste an Vernichtung, auch wenn man wie immer bei den Auftritten des Racheengels die Augen vor der Tatsache verschließen muss, dass die Handlung an dieser Stelle völlig unwahrscheinlich und unglaubwürdig ist.

Schließlich scheint Lagercrantz nur noch bemüht, die Geschichte so gut und so schnell es geht zu Ende zu bringen. Rasch wird zusammengefasst, was aus den wichtigsten Nebenfiguren wurde, die wenigen Neuen und die vielen Altbekannten, die hier alle noch einmal einen kurzen, unbedeutenden Auftritt haben oder wohl aus nostalgischen Gründen wenigstens erwähnt werden. Das Schicksal der Serienstars dagegen bleibt offen, Lisbeth gibt Mikael noch entscheidende Hinweise für seine Story über die Trollfabriken und behauptet im Übrigen, einen Schlussstrich gezogen zu haben, was immer das bedeuten mag. Mikael antwortet vage: „Schlussstrich? Es ist an der Zeit, neu anzufangen.“

Wie verlautet, verhandeln die Erben Stieg Larssons tatsächlich schon mit neuen Autoren über eine Fortsetzung. Bleibt abzuwarten, ob es tatsächlich eine Fortsetzung der beiden Trilogien geben wird.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Vernichtung | Erschienen am 26. August 2019 bei Heyne
ISBN 978-3-453-27100-5
432 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: Hon som måste dö (Millennium 6) [Sie, die sterben muss]
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Anmerkung: Die Taschenbuchausgabe erscheint am 9. November 2020 ebenfalls bei Heyne, ISBN 978-3-453-44107-1.

Auch bei uns: Rezensionen zu den beiden vorangestellten Romanen Verschwörung Bd. 4 und Verfolgung Bd. 5

Kurt Ostbahn | Blutrausch Bd. 1

Kurt Ostbahn | Blutrausch Bd. 1

Kottan und Ostbahn-Kurti, zwei Krimi-Kultfiguren aus Wien

Der österreichische Krimi hat einen festen Platz beim deutschen Publikum erobert, sei es in literarischer Form, sei es als TV-Serie. Immer neue Produktionen unseres südlichen Nachbarn fluten den ohnehin schon übersättigten Markt der Fernseh-Serienkrimis. Das war einmal ganz anders. Der erste und lange Zeit einzige österreichische Kriminalist war der gemütliche, man darf auch sagen bräsige Oberinspektor Marek aus Wien. Den bekamen ab 1963 zunächst nur die ORF-Zuschauer zu sehen, mit einer Ausnahme: In einer Folge der ZDF-Serie Der Kommissar ermittelte Fritz Eckhardt 1970 gemeinsam mit seinem deutschen Pendant Erik Ode. Ein Jahr später wechselte er dann zur ARD und löste seine Fälle fortan innerhalb der Tatort-Reihe sozusagen als ein früher Vorläufer der mittlerweile allgegenwärtigen Regionalkrimis.

Lange Zeit war dies der alleinige Beitrag Österreichs zum Fernsehkrimi, und auch der Buchmarkt verzeichnete wenige Veröffentlichungen aus der Alpenrepublik. Das sollte sich gründlich ändern, zuerst mit einer TV-Produktion, die mittlerweile Kultstatus hat: Kottan ermittelt. Im deutschen Fernsehen liefen die einzelnen Folgen mit gehöriger Verzögerung nach der Erstausstrahlung im ORF und wurden zunächst in den dritten Programmen versteckt. Ab Folge 8 jedoch fungierte das ZDF als Co-Produzent und die Filme wanderten auf den Freitagabend-Sendeplatz. Da waren die Zuschauer aber an die drögen Auftritte von Horst Tappert und Siegfried Lowitz als Derrick und Der Alte gewohnt, eher biedere Krimiunterhaltung mit Ermittlungen in der Münchner Schickeria wie schon beim Kommissar. Entsprechend reserviert bis irritiert und sogar schockiert reagierte ein Teil des Publikums auf die gänzlich andere, völlig überraschende, freche und frische Serie um den Major Adolf Kottan aus dem Wiener Polizeipräsidium. Den verkörperte nach zwei Folgen mit Peter Vogel und drei weiteren mit Franz Buchrieser in der Hauptrolle nunmehr und bis zum Ende mit der neunzehnten Episode Lukas Resetarits, der Kottan schlechthin.

Bereits während der Ausstrahlung der ersten Folge riefen Dutzende aufgebrachter Zuschauer, die den Satire-Charakter des Films, freilich mit Kritik an der Polizeiarbeit, nicht erkannten, beim ORF an und empörten sich über die Verunglimpfung der Gesetzeshüter, witterten Landesverrat und beschimpften, beleidigten und bedrohten Autor und Regisseur. Helmut Zenker und Peter Patzak nahmen das zum Anlass, mit jeder neuen Folge noch eins draufzusetzen. Die späteren Kottan-Episoden waren völlig überdreht und arteten immer mehr zu anarchistischem Spaß aus, Kalauer und Klamauk, Slapstick-Auftritte und eine ganze Palette von Running Gags prägten fortan die Geschichten.

Kottan ist meist grantig, raunzt Jede und Jeden an, wenn auch mit Charme und Schmäh, ist träge oder, netter ausgedrückt, bequem und würde gern eine ruhige Kugel schieben. Aber er muss wohl oder übel immer wieder ran, weil der Sandler Erwin Drballa ständig über Leichen stolpert. Kottans Assistent Alfred Schrammel, stets übereifrig aber völlig überfordert bildet sich mit den Mike-Hammer-Romanen von Mickey Spillane fort. Dezernatsleiter Paul Schremser, nach einer Amputation einbeinig, nutzt seine Krücke schon mal als Maschinengewehr oder als Fußangel für Flüchtende. Polizeipräsident Alfred Pilch befindet sich in beständigem Kampf mit dem widerspenstigen Getränkeautomaten auf dem Flur sowie lästigen Fliegen in seinem Büro und bleibt ewig Verlierer. Der trottelige Polizist Schreyvogel legt gerne die Autos von Parksündern tiefer, indem er mit einem in der Schuhspitze montierten Nagel die Reifen anpiekst.

Ein besonderes Vergnügen sind die Proben von „Kottans Kapelle“, die eine ohnehin reichlich absurde Handlung willkürlich unterbrechen und die drei Kriminalisten als Coverband zeigt, die sich an diversen toll gewählten Rock- und Popsongs abarbeitet. Absolut überspannt: Die beliebte Fernsehansagerin Chris Lohner mischt sich des Öfteren in das Familienleben des Kriminalmajors ein, indem sie sich direkt aus dem TV-Gerät zu Wort meldet oder auch mal von innen an die Mattscheibe klopft, um den eingenickten Kottan aufzuwecken. Der lebt mit seiner Frau und seiner Mutter zusammen, die ständig neue Theorien zum perfekten Mord entwickelt. Eine ganze Riege an skurrilen Figuren taucht mehr oder weniger regelmäßig auf, so die Halbwelt-Größen Horrak und Wasservogel, die immer wieder vergeblich versuchen, Kottan umzubringen. Die Beispiele verdeutlichen, dass hier das komplette Genre parodiert wird, gewohnte Muster ignoriert und eingefahrene Sehgewohnheiten torpediert werden.

So polarisierte Kottan immer mehr. Während sich inzwischen eine riesige Fangemeinde gebildet hatte, wurden den Sendeanstalten die chaotischen Einfälle von Zenker und Patzer irgendwann zu viel und so stellte man die Serie, obwohl noch fertige Drehbücher in der Schublade lagen, 1983 ein (Später erschienen sie als Hörspiel). Erst 2010 in Österreich beziehungsweise 2011 in Deutschland kam Kottan noch einmal zum Einatz – in einem Kinofilm. Die Abenteuer des Majors Kottan erschienen auch in Buchform, als Theaterstück, Comic-Heftchen und zuletzt als E-Book. Lukas Resetarits steht bis heute als Kabarretist auf der Bühne und verteilt in diesem Jahr in seinem siebenundzwanzigsten Programm seit 1977 satirische Seitenhiebe.

Sein Bruder Willi Resetarits verkörpert eine weitere österreichische Kultfigur, er ist der legendäre Ostbahn-Kurti. „Erfunden“ wurde die Figur von Günter Brödl, einem genialen Multitalent als Schriftsteller, Songtexter, Musikjournalist und Radiomoderator. 1979 hatte in seinem Theaterstück Wem gehört der Rock´n Roll? der Ostbahn-Kurti eine Nebenrolle, aber die Figur gefiel seinem Schöpfer so gut, dass er eine komplette Biografie für sie erfand, aus der er immer wieder öffentlichkeitswirksam Bruchstücke in den verschiedensten Medien streute, gipfelnd in einem angeblichen Sold-Out-Konzert der fiktiven Rockband Ostbahn-Kurti & die Chefpartie. Es war der Musiker Willi Resetarits, damals als Sänger Frontmann der erfolgreichen Polit-Rock-Band Schmetterlinge, der fortan dem Phantom Ostbahn-Kurti Gestalt verleihen sollte.

Brödl verfasste wunderbare Songtexte für den Kurti und seine Chefpartie, später für seine Kombo, indem er zahlreiche US-Rocknummern ins Österreichische, genauer ins Wienerische, übertrug. Mit diesem Repertoire produzierte die Band bis 2003 viele erfolgreiche Alben und absolvierte zahllose umjubelte Auftritte auf ständigen Tourneen. Brödl war Bestandteil der Kapelle, war bei jedem Auftritt dabei, kümmerte sich als „Trainer“ um das seelische Gleichgewicht der Bandmitglieder und sorgte als Berater in allen Lebenslagen für eine intakte Gruppendynamik. In dieser Funktion hat Brödl eine tragende Rolle in den Kriminalromanen um Kurt Ostbahn, die er selbst seit 1995 verfasste. Es begann mit Blutrausch, einem fulminanten Auftakt der Reihe mit spektakulärem Plot.

Eine breite Palette unterschiedlichster Figuren haben ihren mehr oder weniger großen Auftritt, ungewöhnliche Wirte und ihre seltsamen Gäste, leichte Mädchen und schwere Jungs, kleine Ganoven und brutale Killer, schräge Vertreter der Exekutive, Fetischisten und Mitglieder einer erlesenen SM-Szene, aber auch gediegene Herren und sensationelle Frauen. Man merkt, hier erwartet den Leser ein Abenteuer, das die dunkelsten Seiten seiner Beteiligten offenbart und in menschliche Abgründe blicken lässt. Und all diese Menschen hat sich der Kurt Ostbahn nicht etwa ausgedacht, nein, denen ist er wirklich und wahrhaftig samt und sonders begegnet, es sind leibhaftige, mehr oder minder bekannte Persönlichkeiten lediglich die Namen sind geändert und das eine oder andere dazu erfunden, so dass nicht immer klar ist, was Dichtung ist und was Wahrheit. Ostbahn verrät, dass er und Brödl Dichtung und Wahrheit im Verhältnis 1:1 mischen.

Erzählt wird ausschließlich aus dem Blickwinkel des Ich-Erzählers, eben Kurt Ostbahn. Der spricht mitunter den Leser auch direkt an, dann in durchaus gewähltem Hochdeutsch, vor allem aber redet er, wie man in seinem Gemeindebezirk eben redet: in einer Sprache, die einfach ist und geradeheraus, die sich an der tatsächlich gesprochenen, an der Umgangs- oder Alltagssprache orientiert, nicht ohne originelle, witzige und feinsinnige Bilder allerdings. Es geht tatsächlich vor allem, eigentlich ausschließlich, um den omnipräsenten „Doktor“ Kurt Ostbahn, alias Ostbahn-Kurti, Kurtl oder Herr Kurt, je nach Gesprächspartner. Und es geht um die bizarren Begebenheiten, die ihm im wohlverdienten Urlaub widerfahren und die er als Erlebnisbericht dem Kassettenteil seines alten Ghettoblasters anvertraut, der Trainer macht anschließend aus diesem Protokoll etwas Lesbares. Der dritte im Bunde ist Doktor Trash, im wahren Leben der Brödl-Intimus Peter Hiess, Journalist und Autor, und so wie der Trainer ein wandelndes Rockmusik-Lexikon ist und profunder Kenner des Musikgeschäfts, so ist der Doc Liebhaber von (literarischem) Mord und Totschlag und mit Serienkillern und Massenmördern auf Du und Du. Die beiden stehen dem Kurtl mit Rat und Tat zur Seite, denn der ist da in ane blede Gschicht geraten.

Eigentlich wollte sich der Rockmusikant nach einer Tournee mit seiner Kombo ausruhen, auf der Bettbank liegen und über die Tücken des Leben sinnieren, stattdessen begegnen ihm unvermittelt Mord, Totschlag und Perversionen aller Art. Insofern verspricht der Romantitel nicht zu viel, es sind schon grauslige Geschehnissen, in die der Kurtl und seine Freunde verwickelt werden, und sie werden schonungslos geschildert, allerdings immer auch mit einem kleinen Augenzwinkern. Hier zeigt sich der ganz spezielle, morbide Humor der Wiener, und man ahnt, all diese überspitzt dargestellten Grausamkeiten, die vielen brutalen Zwischenfälle, das alles ist offensichtlich nicht ganz ernst gemeint. Entsprechend formuliert der Kurt Sätze, die einen beim Lesen unwillkürlich schmunzeln lassen, entwirft übergangslos immer wieder einmal Sprachbilder, die dem Leser automatisch ein lautes Lachen entlocken. Aber der Reihe nach.

Der Kurtl muss beim Herrn Josef in seinem Stammlokal, dem Café Rallye, einem grindigen Tschocherl, also einer abgeranzten Spelunke, in seinem Wiener Hieb Fünfhaus miterleben, wie ein Wickel zwischen den beiden einzigen Gästen blutig endet und der Urheber des Streits, der drogensüchtige Wickerl, vom Wirt vor die Tür gesetzt wird. Wenig später findet der Kurtl auf dem Heimweg eben jenen Wickerl fürchterlich zugerichtet tot am Wegesrand, waidmännisch aufgebrochen, das Herz herausgerissen. Es stellt sich heraus, dass ihn die „Sex-Metal-Band“ Mom&Dead als Bassisten herausgeworfen hat und er sich daraufhin bei krummen Geschäften mit Raubkopien wohl mit Partnern angelegt hat, die eine Nummer zu groß für ihn waren und augenscheinlich wenig zimperlich. Am nächsten Morgen stehen zwei Herren von der Kriminalpolizei vor der Tür des Herrn Dr. Ostbahn. Die Blutspur des ermordeten führte zurück zum Rallye, und die Gästeliste des Abends war ja nicht lang. Also ist der Kurtl ein Verdächtiger und so versucht er mit Hilfe von Trainer und Doc auf eigene Faust, die Wahrheit herauszufinden.

Dabei wird er kurz abgelenkt, denn er verliebt sich in die sensationellste Frau, die jemals das Rallye betreten hat, Marlene, Gattin eines schwerreichen Hotel-Tycoons, auf Inspektions-Tour in den Europäischen Residenzen des Mr. Thompson. Kaum ist man sich, zunächst in Kurtls bescheidener Behausung – später in ihrer Suite im Palace – näher gekommen, ist sie auch schon wieder verschwunden, abgereist ohne sich zu verabschieden.

Damit nicht genug, kurz darauf wird der Herr Josef schwer verletzt, sein Ziehsohn Rudi umgebracht, aufgeschlitzt vom vermutlich selben Täter, der den Wickerl abgeschlachtet hat. Wickerl war nicht nur Bassist bei Mom&Dead, er hatte auch eine Beziehung zur Sängerin der Band, Donna, vulgo Elfriede Tomschik. Donna, so erfahren die Amateur-Ermittler, war das Aushängeschild eines dubiosen, sektenartig organisierten US-Unternehmens, das Sexspielzeug und Fetischartikel vertreibt. Der Kurtl lernt Donna im Anschluss an ein Konzert ihrer Gruppe kennen und staunt nicht schlecht: Sie hat mittlerweile einen neuen Freund, Gily. Der ist niemand anders als Gilbert Thompson, Marlenes psychisch labiler Sohn und Zwilling von Sarah. Sachen gibt’s.

Vor allem aber gibt es schon wieder einen Toten. Steve, Manager bei Donnas Plattenfirma. Als man ihn findet, hat auch er kein Herz mehr. Es wird Zeit, dem mörderischen Treiben Einhalt zu gebieten. Einer Allianz der drei Freunde mit den beiden Polizisten und Donna gelingt das schließlich, nachdem der „Schlächter von Sechshaus“ noch einmal sein Messer gezückt und ein finales Blutbad angerichtet hat.

Es ist also eine Menge los in dieser Geschichte von Sex, Drugs, Rock ’n‘ Roll und Crime. Da wird viel gepudert, (auch die Nase), heftig geraucht (und nicht nur Zigaretten), und es wird gesoffen, jede Menge Bier, Fernet und Scharlachberg, es gibt Musik von Willie Nelson bis Sex-Metal? – und es gibt natürlich Leichen, bestialisch niedergemetzelt und fürchterlich zugerichtet.

Die Story macht dem reißerischen Romantitel insofern alle Ehre, aber es geht dabei nicht in erster Linie um die grausamen Morde, die besondere Stimmung zwischen gelöst und gereizt, von beschaulich bis bedrohlich macht den Charme des Romans aus, vor allem natürlich die spezielle Ausstrahlung des Herrn Kurt, sein meist souveränes Auftreten, seine lockere Art, die uns ahnen lässt, der packt’s eh, kurz gesagt, sein Schmäh. Schlagfertig pariert der Kurtl alle Angriffe und Anwürfe mit lässig hingeworfenen, oft geistreichen Retouren, der Kurtl hat auf alles eine Antwort und ist fast jeder Situation gewachsen. Mit Ironie und Selbstironie begegnet er allen Widrigkeiten des Alttags und erträgt die Misslichkeiten des Daseins mit Leichtigkeit.

Natürlich ist das keine große Literatur, möglicherweise auch weniger interessant für Leser, die keinerlei Kenntnis über das Ostbahn-Universum besitzen. Für alle Kurtologen aber ganz sicher eine vergnügliche und spannende Lektüre, die eine Begegnung mit vielen Personen bereithält, die in der Wiener Gesellschaft tatsächlich bekannt sind, und die für manche eine heimelige Atmosphäre erzeugen wird, weil der lokale Einschlag mit seiner authentischen, kenntnisreichen Schilderung der Örtlichkeiten und seiner besonderen Bewohner entweder Neues entdecken oder Altbekanntes wiedererkennen lässt und in Umgebungen führt, die der Wien-Tourist sicher nicht zu Gesicht bekommt. Alles in allem eine vergnügliche Lektüre auf vier-Sterne-Niveau, das von den nachfolgenden Krimis um Kurt Ostbahn nicht mehr ganz erreicht wird.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Blutrausch | Erschienen am 3. März 2009 im Milan Verlag
ISBN 978-3-85286-173-9
232 Seiten | 14.50 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Die Verfilmung erschien am 20. November 2009, Produktionsjahr 1997
1 DVD | ca. 7.- Euro
Laufzeit: 90 Minuten
FSK 18
Filmtrailer

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Lisa Bengtsdotter | Löwenzahnkind Bd. 1

Lisa Bengtsdotter | Löwenzahnkind Bd. 1

Krimi aus Schweden nach bewährtem Muster

Vom Verlag als Thriller beworben, entpuppt sich der Roman schnell als ein weiterer, typischer Schwedenkrimi, was ja an sich auch schon ein Versprechen für solide, gute Unterhaltung ist und tatsächlich erfüllt Löwenzahnkind was das angeht alle Erwartungen. Bengtsdotter erzählt ruhig, ohne Hast, nimmt sich Zeit für eine sorgfältige Beschreibung der meist trostlosen, zum Teil auch idyllischen Schauplätze, vor allem aber für das Seelenleben ihrer Figuren, auf die sich das Hauptinteresse konzentriert.

Der an sich angenehm fließende, wenn auch arg einfache, etwas eckige Stil rumpelt an etlichen Stellen, was möglicherweise mit einer nicht ganz so geschmeidigen Übersetzung von Sabine Thiele zu tun haben könnte. Daher entsteht bisweilen der Eindruck, dass die Geschichte gut erzählt, aber weniger gut ausgeführt ist. Sehr gut geglückt ist die sorgfältige Einführung der wichtigsten Figuren, die dadurch sofort Interesse finden, auch wenn sie allesamt die inzwischen etablierten und deshalb fast erwarteten Klischees mit sich herumschleppen, die üblichen psychischen Defizite, Mängel und Macken, die scheinbar unverzichtbaren Ehe- oder Drogenprobleme und vor allem die schwere Kindheit.

Die Heldin dieses Romans, Charline „Charlie“ Lager, ist eine solche Anti-Heldin, und sie hatte es als kleines Mädchen sicher nicht leicht. Sie war ein „Löwenzahnkind“, ein Begriff, den Entwicklungspsychologen verwenden, um unterschiedliche Anlagen zu erklären.Wissenschaftler aus den USA benutzten als erste die schwedischen Bezeichnungen „Maskrosbarn“ und „Orkidebarn“, „Orchideenkind“. Erstere besitzen die Fähigkeit, selbst unter widrigsten Umständen zu überleben, ja sogar zu gedeihen. Sie sind psychologisch außerordentlich belastbar. Die Psyche der Orchideenkinder dagegen hängt in weit größerem Maß von ihrer Umwelt ab – insbesondere von der elterlichen Zuwendung. Vernachlässigte Orchideenkinder verkümmern; doch bei entsprechender Förderung blühen sie regelrecht auf.

Charlies Mutter hat sich ganz sicher nicht genug um ihr Kind gekümmert. Über ihren Vater wird Charlie niemals etwas erfahren, und die Mutter ist mit der Erziehung ihrer Tochter total überfordert. Es gibt keine Regeln und keine Grenzen, und es gibt auch wenig Zuwendung, das Jugendamt hat ein Auge auf die Situation und Charlie Angst, dass die „Prusseliese“ sie mitnimmt. Betty Lager hat genug zu tun mit ihren eigenen Problemen. Sie leidet unter starken Stimmungsschwankungen, zieht sich entweder völlig zurück oder feiert ausufernde Feste, auf denen sich ihr schweres Alkoholproblem manifestiert. Daran ändert sich auch nichts, als mit Matthias ein neuer Mann in ihr Leben tritt und in Lyckebo einzieht, wo außerhalb des Ortes ihr Haus am See liegt. Eines Tages ertrinkt Matthias in eben diesem See, und Betty zerbricht an dem Unglück, vegetiert nur noch vor sich hin und kümmert sich gar nicht mehr um ihre Tochter. Als sie an Tabletten- und Alkoholmissbrauch stirbt, verlässt Charlie mit 14 Jahren Gullspång und kommt nun wirklich in eine Pflegefamilie.

Nun ist sie 33 und hat sich durchgekämpft, aus dem Löwenzahnkind ist tatsächlich etwas geworden: Eine Ermittlerin bei der NOA, der Nationalen Operativen Abteilung, die der Chef seine fähigste Mitarbeiterin nennt. Die zum großen Teil männlichen Kollegen sind weniger begeistert von ihrer Blitzkarriere. Abitur mit siebzehn, Studium der Psychologie mit Abschluss, Ausbildung an der Polizeihochschule. Je höher sie in der Hierarchie der NOA aufstieg, desto größer wurden ihr Neid und ihr Misstrauen. Es gibt wenige Ausnahmen, eine davon ist Anders Bratt, mit dem sie ein Team bildet. Er war ihr von Anfang an sympathisch, obwohl sein sozialer Hintergrund ein völlig anderer ist: Mitglied der Oberklasse aus sehr reichem Haus, entsprechend eingebildet und überheblich, aber auch gutherzig, mit Humor und der Fähigkeit zur Selbstreflexion. Ihr aktueller Einsatz verschlägt die beiden ausgerechnet nach Gullspång, um die örtlichen Polizeibeamten bei der Suche nach einer spurlos verschwundenen Siebzehnjährigen zu unterstützen. Niemand weiß, dass Charlie dort aufgewachsen ist, sie hat ihr traumatische Erlebnis, das mit dem kleinen Ort in Västergötland verbunden ist, vor allen verheimlicht.

Sie selbst leidet darunter, bekämpft mit Antidepressiva ihre Panikattacken und Angststörungen und versucht immer wieder vergeblich, endlich Rauchen und Trinken aufzugeben. Eine Therapie hat keinen Erfolg gehabt, eigentlich will sie sich auch nicht helfen lassen, glaubt selbst am besten zu wissen, was gut für sie ist und will alles alleine regeln. Zu Beginn des Romans erleben wir sie als schwach, willenlos, einsam und ohne soziale Kontakte, dafür jederzeit bereit für flüchtige sexuelle Abenteuer, wobei sie auch Affären mit Kollegen nicht scheut. Nun muss sie sich also mit ihrer eigenen Vergangenheit auseinandersetzen, obwohl sie niemals zurückkehren wollte zu den Schauplätzen ihrer Kindheit. Es hat sich nichts verändert in Gullspång, ihre Rückkehr gerät zu einer absolut deprimierenden Inszenierung:

„Die Ortsmitte wirkte wie eine Geisterstadt. Aufgegebene Geschäfte, eingeschlagene Fensterscheiben. Es erschien ihr unwirklich, alles wiederzusehen. Die heruntergekommenen Hausfassaden, das Lebensmittelgeschäft, die Konditorei, die mittlerweile geschlossen war. Für Außenstehende einfach ein tristes, verlassenes Ortszentrum, aber für sie…“

Die erste Begegnung mit den Kollegen der örtlichen Polizeistation macht deutlich, wie nötig die Unterstützung der Stockholmer Beamten ist. Die Provinzler haben Vorbehalte gegen die Hauptstädter, müssen aber bald einsehen, dass sie nicht besonders professionell gearbeitet haben. Charlie und Anders machen sich daran, mit eigenen Ermittlungen das Rätsel um das Verschwinden des Mädchens zu lösen. Bis die beiden die traurigen Hintergründe entschlüsseln können und die bittere Wahrheit ans Licht kommt, erzählt Bengtsdotter in ihrem gelungenen Debüt höchst unterhaltsam, abwechslungsreich und spannend aus verschiedenen Perspektiven. Neben den aktuellen Ereignissen blickt sie zurück auf „Jenen Abend“, an dem Annabelle verschwand, auf „Eine andere Zeit“, in der zwei Mädchen beste Freundinnen wurden, und auf die Kindertage von Charlie im Haus in Lyckebo, an die sie nicht nur angenehme Erinnerungen hat, sie schleppt seither auch einige bedrückende und belastende Erkenntnisse mit sich herum. Davon hat sie bis heute niemandem erzählt, wie sie überhaupt wenig von sich preisgibt, selbst Anders weiß so gut wie nichts über seine Kollegin.

Die beiden könnten gegensätzlicher nicht sein, die eine offenbar vom Leben enttäuscht und gezeichnet, desillusioniert und einsam, die sich ihren Dialekt mühsam abtrainiert hat und die ihre Herkunft dennoch nicht leugnen kann, der andere ein arroganter Stockholmer, herablassend und sarkastisch gegenüber allem außerhalb der Großstadt, seit kurzem Papa und verheiratet mit einer furchtbar eifersüchtigen und kontrollsüchtigen Frau.
Die Mutter der vermissten Annabelle leidet ebenfalls unter einem Kontrollwahn. Fredrik Roos kennt seine Frau Nora von Beginn an als aufbrausend, unruhig, ängstlich und labil. Ihre Tochter leidet sehr unter der ständigen Überwachung, ihn wundert es nicht, dass sie gegen die strengen Regeln der Mutter aufbegehrt. Ist sie möglicherweise ausgerissen? Fast alle jungen Leute wollen im Grunde nur eines: Weg aus Gullspång. Zuletzt wurde Annabelle im seit vielen Jahren leerstehenden, ehemaligen Dorfladen gesehen, der den Jugendlichen der Gegend als Treffpunkt dient. Dort hören sie ihre laute Musik, es wird viel Alkohol getrunken, man kifft und konsumiert auch andere Drogen und die Pärchen haben Sex. Als Annabelle an jenem Abend die Party verlassen hatte, war sie stark angetrunken. Fredrik ist von Nora losgeschickt worden, um sie zu suchen, aber ihre Spur hat sich verloren. Ist sie verschleppt worden, oder schlimmer noch, ermordet?

Während ein freiwilliger Suchtrupp tagelang die gesamte Gegend durchforstet, demonstrieren Charlie und Anders, wie professionelle Polizeiarbeit aussieht, zumindest eine Zeit lang. Dabei liefern sich die so unterschiedlichen Ermittler kurzweilige Wortgefechte, Bengtsdotter schreibt ihnen spannende, unterhaltsame und witzige Dialoge. Charlie erweist sich als schnell in allem was sie tut, in ihren Aktionen wie in ihren Überlegungen und Entscheidungen. Ihren behäbigen Kollegen ist sie stets einen Schritt voraus, aber dann stürzt Charlie wieder einmal ab: sie blickt zu tief ins Glas und lässt sich mit einer Zufallsbekanntschaft ein. Am nächsten Morgen stellt sich heraus, dass sie mit einem Journalisten geschlafen hat, und als die lokale Presse mit vertraulichen Details der laufenden Ermittlungen aufmacht, wird sie vom Fall abgezogen. Das hindert sie allerdings nicht daran, weitere Nachforschungen anzustellen. Durch ihren Alleingang gerät sie mehr und mehr in den Mittelpunkt der Geschichte, zumal sie jetzt endlich den Mut findet, das Haus ihrer Mutter wiederzusehen und sich so ihrer lange verdrängten Vergangenheit stellen muss. Ihre persönliche Geschichte überlagert von nun an vollends den Fall um die vermisste Annabelle. So erfahren wir in kleinen Häppchen immer mehr über die faszinierende, widersprüchliche Charlie, die sich als sehr komplexe Person erweist. Sie ist mitunter schwach, oft aber auch kämpferisch, anarchistisch und stark, außerordentlich intelligent und absolut beherrscht und zielstrebig im Beruf, ihr Privatleben hat sie dagegen gar nicht unter Kontrolle.

Als sie ihre Freundin aus Kindertagen wiedersieht und in Erinnerungen schwelgt, werden zerplatzte Träume, Lebenslügen offenbar. Charlie schweift nun oft ab, wenn sie sich an den alten, vertrauten Plätzen in Gedanken und Träumereien verliert und die Vergangenheit aufleben lässt, ihre sind einfach schön und mitreißend ausgemalt, sind diese Bilder mit großem Vergnügen zu lesen, auch wenn sie scheinbar nichts mit dem Plot zu tun haben.
Der ist großartig durchkomponiert und an keiner Stelle langweilig. Gewährt an vielen Stellen intensive Einblicke in die häuslichen und gesellschaftlichen Zustände in der kleinen Gemeinde, Innenansichten des dörflichen Lebens. Da werden wie üblich in Krimis aus Skandinavien eine Menge Fragen aufgeworfen, auch ein Grund dafür, dass der Roman einen sofort in den Bann zieht und mitreißt, auch wenn man stellenweise vergessen könnte, das es sich hier um einen Krimi handelt. Der Roman kommt dann eher daher wie ein Sozialdrama oder eine Milieustudie. Die Kapitel sind kurz, die Perspektive wechselt häufig und dieser ständige Austausch der unterschiedlichen Handlungsstränge hält die Spannung hoch, die sich zum unerwarteten Ende hin enorm steigert, wobei besonders der einigermaßen rätselhafte Auftritt der Freundinnen Alice und Rosa für ein besonderes Kribbeln sorgt. Die Charaktere, auch oder gerade die Nebenfiguren, sind allesamt glaubwürdig und authentisch, das Setting außerordentlich passend und geglückt. Die Autorin ist selbst in Gullspång aufgewachsen, die kleine Gemeinde hat sie genau so in Erinnerung, wie sie im Roman geschildert wird: freudlos, trostlos, perspektivlos, einfach deprimierend. Heute lebt Bengtsdottir wie ihre Heldin in Stockholm.

Charlie wird aber bald wieder nach Gullspång müssen, der zweite Band der Reihe soll noch in diesem Jahr auch auf deutsch erscheinen. Der schwedische Titel lautet Francisca und nimmt einige Fäden des Erstlings wieder auf. Der heißt im Original schlicht Annabelle, der Name ist offensichtlich mit Bedacht gewählt. Es finden sich im Roman mehrfach Hinweise auf einerseits den deprimierenden Countrysong „Annabelle“ von Gillian Welch, zu anderen auf das bekannte Gedicht „Annabelle Lee“ von Edgar Allen Poe. Die Fortsetzung beschert natürlich ein Wiedersehen mit bekannten Figuren und hat offenbar den gleichen Tenor und eine ähnliche Thematik wie Löwenzahnkind. Dem gebe ich vier Sterne, ich glaube, Lina Bengtsdotter kann sich noch steigern.

 

Anmerkung: Der zweite Band wird voraussichtlich am 13. Juli 2010 im Penguin Verlag unter dem Titel Hagebuttenblut erscheinen.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Löwenzahnkind | Erschienen am 13. Mai 2019 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10381-3
448 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Annabelle
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Giorgio Scerbanenco | Der lombardische Kurier Bd. 4

Giorgio Scerbanenco | Der lombardische Kurier Bd. 4

Der lombardische Kurier, Moderner Klassiker von Giorgio Scerbanenco, neu entdeckt

Dem Folio Verlag aus Wien und Bozen ist es zu verdanken, dass die vier Romane um den Mailänder Ermittler Duca Lamberti in der bewährten Übersetzung von Christiane Rhein endlich wieder vorliegen. Geschrieben hat diese Bücher Giorgio Scerbanenco, der als Vladimir Šerbanenko 1911 in Kiew geboren wurde. Mit Ausbruch der Revolution flüchtete seine Mutter mit dem Baby in ihre Heimatstadt Rom. Zwar kehrten sie noch einmal in die Ukraine zurück, aber da war sein Vater bereits tot, ermordet in den Revolutionswirren. Die Mutter wanderte mit ihrem Sohn 1927 endgültig nach Mailand aus, wo sie nur zwei Jahre später starb. Giorgio Scerbanenco, wie er sich inzwischen nannte, musste die Schule abbrechen und allerlei Aushilfsjobs annehmen, um sich über Wasser zu halten. Finanzielle Sorgen sollten ihn lange Jahre begleiten, so dass er gezwungen war, als Journalist und Schriftsteller viele Genres zu bedienen, wobei er äußerst produktiv war. Unter anderem gründete er mehrere Frauen-Zeitschriften und wurde berühmt als Kummerkasten-Onkel „Adrian“. In dieser Funktion lernte er die Gemütsverfassung der Italienerinnen kennen, ihre geheimsten Wünsche und größten Nöte und Sorgen und damit viel über den Zustand der Gesellschaft.

In seinen Krimis, die seinerzeit hochgelobt und preisgekrönt waren, schuf Scerbanenco zwischen 1966 und 1968 den ersten originär italienischen Detektiv in wahrhaft italienischen Krimis, die treffend den Alltag ihrer unterschiedlichen Charaktere und deren Umgang miteinander beschreiben, und die sehr realistisch ihre Umgebung und ihre spezielle Atmosphäre abbilden, ein Mailand nicht als kuschelige, heimelige Kulisse wie sie heute in vielen Regionalkrimis gezeigt wird, sondern fast durchgehend als düstere, neblige, bedrohliche und gefährliche Stadt. Dennoch muten die Erfahrungen, die Duca in diesem Milieu macht, als gemächliche, fast gemütliche Abenteuer an. Dabei mag Der Lombardische Kurier zur Zeit seiner Entstehung durchaus als „harter“ Krimi gegolten haben, allein auf Grund des unerhört grausamen Verbrechens.

Der Leser wird unmittelbar hineingeworfen in das Geschehen. Das Eingangsbild zeigt Duca Lamberti im Krankenhaus am Bett einer jungen Lehrerin, aber er kann nicht mehr mit ihr sprechen, sie ist gerade verstorben, den zahlreichen schweren Verletzungen erlegen, die ihr von ihren Schülern zugefügt wurden. Die haben sie im Klassenzimmer überfallen und erniedrigt, gequält und brutal vergewaltigt. Der Anblick ihres entsetzlich zugerichteten Körpers ruft in Lamberti eine unbändige Wut hervor, und er ist fest entschlossen, für die Bestien, die schuld an diesem Massaker sind, die härteste möglich Bestrafung zu erreichen. Akribisch studiert er die Akten der verhafteten Schüler, die fast alle aus schwierigen sozialen Verhältnissen kommen und zum Teil schon vorbestraft sind. Er ist durchaus wichtig, die sozialen Hintergründe seiner Figuren zu erkennen und zu verstehen, sich in ihre triste, aussichtslose Situation hineinzuversetzen. Natürlich treibt ihn die Frage um, wie sie zu dem wurden, was sie sind, aber Mitleid mit den Burschen hat Duca nicht. Wenn er freundlich zu ihnen ist, dann ist das Mittel zum Zweck. Mit psychologischen Tricks und mit physischem Druck, den man durchaus Folter nennen kann, versucht er in Einzelverhören die Wahrheit ans Licht zu bringen. Aber er kann den elf Schülern ihr gemeinschaftlich begangenes Massaker nicht beweisen. Jeder behauptet, es seien die anderen gewesen. Am Ende beschleicht Duca der Verdacht, dass ein Erwachsener die Schüler angestiftet und das Verbrechen organisiert hat.

Als sich der einzige Junge, der vielleicht zu einer Aussage bereit gewesen wäre, in den Tod stürzt, wagen Lamberti und sein Vorgesetzter Carrua ein riskantes Experiment: Duca nimmt einen der Schüler mit nach Hause und hofft, sich sein Vertrauen zu erschleichen zu können. Zunächst scheint sein Plan aufzugehen, doch dann entschließt sich sein Schützling, hin und her gerissen zwischen der Hoffnung auf ein besseres Leben und der Angst vor der Anstalt, zu fliehen. Er ahnt nicht, dass er beschattet wird und nimmt Kontakt auf zu der Person, die Duca unbedingt finden muss, weil sie der Drahtzieher in diesem Drama ist. Das gelingt letzten Endes, und damit ist dann auch schon die ganze Geschichte erzählt.

Duca hat also Recht behalten mit seiner Vermutung, aber es dauert lange, bis er die anderen und vor allem seinen Chef überzeugen kann, in diese Richtung zu ermitteln. Obwohl er wieder und wieder seine Theorie mit den immer gleichen Worten herunterbetet, begegnet man ihm mit Zurückhaltung. Ständige Wiederholungen sind als Stilmittel eigentlich verpönt, unterstreichen hier aber die Hartnäckigkeit und Sturheit des Ermittlers. Dass es schließlich genau so ist und genau so kommt wie er es erwartet hat, passt zu dem spannungsarmen Plot, der nüchtern, realistisch Fakt an Fakt reiht. Wahrlich kein Thriller, Spannung kommt bei Polizeiroutine mit scheinbar endlosen Verhören, Ortsbesichtigungen, vielen Befragungen und noch mehr Laufarbeit kaum auf. Und zunächst kommt Duca auf diese Art auch zu keinem Ergebnis, er bekommt zunehmend Zweifel am Sinn seiner Arbeit. Auch, weil ihn die Gleichgültigkeit seiner Umgebung und die abwehrende Haltung seines Chefs wütend machen. Der ist Pragmatiker, er mag Ducas Art nicht, sich in eine Sache hineinzusteigern und immer ein philosophisches Problem daraus zu machen, die Dinge mit seinem Eigensinn noch komplizierter zu machen, als sie ohnehin schon sind.

Diese starke Figur Duca Lamberti ist hauptsächlich verantwortlich für den Erfolg der Romanreihe. Er ist Arzt, hat aber seine Approbation verloren, weil er wegen Sterbehilfe zu drei Jahren Haft verurteilt wurde. Für ihn war die Entscheidung, das Leiden einer alten Dame abzukürzen, ein Akt der Nächstenliebe. Desillusioniert, angeekelt vom Leben und verzweifelt am Zustand der Welt nimmt er nun aus Geldmangel seine Tätigkeit als Ermittler für Kommissar Carrua auf, einen ehemaligen Kollegen seines Vaters bei der Mailänder Polizei. Seine mit einem Kind sitzen gelassene Schwester versorgt er so gut er kann. Ihre kleine Tochter Sara liebt er zärtlich. Als aber das Mädchen plötzlich hohes Fieber bekommt, lehnt er es ab, an ihr Krankenbett zu kommen, ihm ist es wichtiger, ein vielleicht entscheidendes Verhör durchzuführen. Stattdessen schickt er einen befreundeten Arzt, der dem Kind allerdings nicht helfen kann, es stirbt im Krankenhaus.

Duca ist zwar betroffen vom Tod der Kleinen, aber Selbstvorwürfe oder Zweifel an seinem Handeln gibt es für ihn nicht. Er kann durchaus mitfühlend sein, aber genau so kalt und roh, geradezu bösartig. Er vereint völlig widersprüchliche Regungen in sich und entscheidet aus dem Bauch heraus. Er denkt durchaus differenziert über Schuld und Sühne nach, über den Rechtsstaat, seine Gesetze und Strafen, genauso aber kann er von Jetzt auf Gleich Verbrechern gegenüber gewalttätig werden. Dieses ambivalente Verhalten macht Duca so interessant, wenn auch nicht sonderlich sympathisch. Aber er ist ein fanatischer Sucher nach Gerechtigkeit, und sein Hass auf alle, die sich dem widersetzen, lässt ihn mitunter zur Selbstjustiz greifen. Anders lässt sich dem Gesindel nicht beikommen, mit dem er es zu tun hat, deshalb sind ihm alle Mittel recht, er ist stets bereit, Vorschriften in seinem Sinne auszulegen oder zu übergehen und sogar Gesetze zu übertreten. Lamberti weiß, dass das Böse, das Verbrechen nicht auszurotten ist, trotzdem nimmt er diesen Kampf an – mit Mitteln, die mehr als fragwürdig sind. Die Verbrecher, das ist ihm schmerzlich bewusst, nutzen jede Gesetzeslücke und beugen wo es geht mit Hilfe ihrer Anwälte das Recht. Duca verachtet die Kriminellen, und er hat eins gelernt: Dieses Gesindel versteht nur eine Sprache: Gewalt. Und die wendet er an, wenn es ihm opportun erscheint, Gesetzt hin, Moral her.

Scerbanenco überlässt es dem Leser, dieses Verhalten zu bewerten, er selbst fällt kein Urteil über seinen Hauptdarsteller, gibt keine Erklärung für sein Handeln. Wohl legt er ihm knochentrockene und ironische, ja sarkastische oder gar zynische Kommentare in den Mund, auch lässt er Duca skeptische, manchmal resignierte Gedanken äußern. Er redet, wie er denkt, und er denkt, was man damals so dachte. Political Correctness hat keinen Platz in dieser gar nicht so guten, alten Zeit Ende der sechziger Jahre mit ihren verklemmten Moralvorstellungen, verstaubten Weltanschauungen und engstirnigen Denkweisen. Das Frauenbild in Scerbanencos Romanen kann aus heutiger Sicht nur entweder verstören oder empören, und die Behandlung der schwulen und lesbischen Figuren ist nur entschuldbar vor dem zeitgeschichtlichen Hintergrund und seinen Einflüssen, denen sich auch der Autor nicht entziehen konnte. Fortschrittliche Empfehlungen zur Bewältigung der sozialen Probleme gelten allenfalls als Zeitverschwendung, pädagogische Ansätze als sinnlos. Resozialisierung ist ein Fremdwort, die Jugendlichen Straftäter werden in Besserungsanstalten gesteckt, in denen sie gezüchtigt werden, noch mehr verrohen, und wenn sie alt genug sind verschwinden sie im Knast.

Lediglich Livia Ussaro, die ihrer Zeit voraus ist und so gar nicht in diese Gesellschaft zu passen scheint, verkörpert einen Fortschritt, den die übrigen Figuren nicht erkennen und auch nicht wollen. Sie unterstützt ihren Freund Duca tatkräftig, auch nachdem sie dabei im ersten Roman der Reihe (Verräter und Verratene) von einem Mafioso mit zahlreichen Messerschnitten im Gesicht entstellt wurde. Livia ist eine starke, selbstbewusste und selbstbestimmte Frau, die streng rational und logisch denkt und handelt. Als Sozialforscherin beschäftigt sie sich mit der Ausbeutung der Frauen. Die Emanzipation steckt noch in den Kinderschuhen, Wir befinden uns am Vorabend der 68er-Bewegung, die auch in Italien und gerade in Mailand zu massenhaften Protestaktionen der Studenten und Arbeiter und letzten Endes zu etlichen sozialen Umbrüchen führen sollte.

Von solchen Veränderungen ist bei Scerbanenco noch wenig zu spüren, am ehesten noch kündigt sich der Wandel im Erscheinungsbild der Stadt an. Das alte, ursprüngliche Mailand geht gerade unter, noch ist es hier und da sichtbar und Duca schildert liebevoll die ärmliche Viertel mit ihren alten, zum Teil baufälligen Häusern, die leider keine Zukunft haben, ihren charakteristischen Schänken und deren typischen Gästen. Hier hat Mailand noch seinen ursprünglichen Charme. Aber das Italien der 1960er-Jahre hatte, wie auch die junge Bundesrepublik, ihr Wirtschaftswunder. Da dachte zunächst niemand an eine moralische Erneuerung, Aufarbeiten des Faschismus: Fehlanzeige. Genau wie in der Bonner Republik wurde verdrängt und verschwiegen, zumindest verharmlost. Die alten Kader tauchten aus der Versenkung auf und besetzten erneut hohe Posten in Politik, Justiz und Verwaltung. Lehren aus den Verbrechen der gerade untergegangenen faschistischen Regimes zog kaum jemand. Die neuen Republiken nannten sich zwar nun demokratisch und die Gesellschaft gab sich auch so, tatsächlich wurden die alten Strukturen nahtlos übernommen und verinnerlicht.

Scerbanenco lässt seinen Duca Lamberti daran verzweifeln. Ihm sind die moralisch korrupten Mitglieder der privilegierten Klasse zutiefst zuwider. Der wirtschaftliche Aufschwung war verbunden mit einem tiefgreifenden sozialen Wandel. Mit der Folge, dass Mailand auch die Hauptstadt der illegalen Bordelle und der schäbigen Nachtclubs wurde, Anziehungspunkt für Verbrecher aller Art, sogar die Mafia machte sich breit. Scerbanenco beobachtet die Entwicklung mit Sorge, aber nüchtern, scharfsichtig und scharfzüngig, und er prangert die sozialen Probleme ohne jede Sozialromantik an.

Die Fälle, die Duca Lamberti beschäftigen sind ungewöhnlich, unerhört und doch alltäglich. Er hält sich schließlich häufig in den gesellschaftlichen Grauzonen auf, wo er viel gesehen und erlebt hat bei Begegnungen mit dem Bodensatz der Gesellschaft, in schummrigen Bars und Verbrecherkneipen, in einer Ambulanz für geschlechtskranke Huren und nicht zuletzt im Knast. Da trifft man dann eben auf Typen, denen man lieber nie begegnet wäre. In vielen Kriminalromanen seiner Zeit geben häufig eher schlichte, grob gezeichnete und daher leicht einzuordnende und einfach zu durchschauende Figuren den Ton an, gegen die Scerbanencos Charaktere schon recht vielschichtig und komplex erscheinen. Sein etwas hinkender Plot im vorliegenden Roman erscheint dagegen aus heutiger Sicht eher hausbacken und unspektakulär, ganz ohne erstaunliche Entdeckungen oder verblüffende Volten, dagegen schnörkellos, ehrlich und geradeaus.

Dass er nach fünfzig Jahren immer noch mit Vergnügen gelesen werden kann, liegt zum einen an Scerbanencos starken Figuren, Sie faszinieren, obwohl in ihrer Zeit verhaftet, mit zeitlosen Attributen und Attitüden. Zum anderen sind die Themen erstaunlich aktuell geblieben. Vor allem aber verblüfft der freilich punktuell überholte, gleichzeitig jedoch recht moderne Stil Scerbanencos. Hauptsächlich beeindruckt sein eleganter, fast unmerklicher Wechsel der Erzählperspektive, der Übergang von der personalen in die auktoriale Sicht und zurück. Seiner Titelfigur gibt das die willkommene Möglichkeit, sich höchst privat zu äußern, zu bewerten, zu beurteilen, zu verurteilen. Direkt, unmissverständlich, rigoros. Hier spricht ein Zweifler, ein Moralist und scharfsichtiger wie scharfzüngiger Kritiker. Ducas Kommentare triefen vor Sarkasmus, ja, Zynismus, manchmal böser Komik, aber es ist jederzeit klar, woher sein distanziertes, scheinbar unbarmherziges Auftreten rührt. In der Tat, Duca provoziert und polarisiert, und er fasziniert mit seiner unerschütterlichen und hochemotionalen Art.

Fazit: Trotz der erwähnten Schwachstellen allemal passabler, solider Krimistoff!

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Der Lombardische Kurier | Erschienen am 19. Februar 2019 im Folio Verlag
ISBN 978-3-85256-756-3
256 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Die Rezension zu Das Mädchen aus Mailand von Giorgio Scerbanenco