Kategorie: True Crime

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Als er am nächsten Morgen auf sein Büro zuging und eine Frau dort sitzen sah, hoffte er, sie würde vor dem Nebenzimmer sitzen, hoffte, dass man sie dort platziert hatte, bei den Kollegen, die irgendeinen anderen Mordfall bearbeiteten. Die Perspektive konnte täuschen, dachte er, obwohl er in Wahrheit wusste, dass sie vor seinem Zimmer saß, und je näher er kam, desto klarer wurde, dass sie in den richtigen Jahren war, um Mutter von einem der Opfer zu sein, exakt die Zielgruppe, Mutter eines fünfzehn- bis zwanzigjährigen Jungen. (Auszug Seite 59)

Mitte 1923 wechselt Kriminalkommissar Robert Lahnstein zur Polizei nach Hannover und wird leitender Ermittler im Fall verschwundener Jungen und junger Männer. Von Februar bis Oktober 1923 sind zehn Jungen verschwunden. Die Vermissten stammen zumeist aus den unteren sozialen Schichten. Leichen wurden nicht gefunden, oftmals reißen junge Leute in diesen Zeiten auch einfach aus. Dennoch glaubt zunehmend auch die Polizei, dass ihnen etwas zugestoßen ist. Gerüchte um einen Serienmörder machen die Runde. Schließlich werden auch Leichenteile in der Leine gefunden. Langsam gerät ein Mann in den Mittelpunkt der Verdächtigungen: Fritz Haarmann.

Doch dies sehen längst nicht alle so. Haarmann hat Kontakte zur Polizei, ist Tippgeber, Spitzel. Viele halten den geistig etwas zurückgebliebenen Mann für harmlos. Haarmann verdient sich als Händler von Gebrauchtkleidung und auch für Fleisch aus illegalen Schlachtungen. Er ist bekannt in der Homosexuellen-Szene. Man weiß, dass er öfters mal jungen Männern Obdach bietet. Ein wenig merkwürdig ist er ja schon, aber in den ärmlichen und beengten Verhältnissen der Hannoveraner Altstadt will keiner so richtig wissen, was genau der andere macht. Die Stimmung wird zunehmend schlechter, als weitere Jungen verschwinden. Die Polizei und vor allem Lahnstein geraten unter Druck. Ein Ermittlungserfolg wird erwartet. Lahnstein verbeißt sich zunehmends in den Fall, und versteift sich auf Haarmann als potenziellen Täter. Doch noch kann er ihm nichts beweisen.

Der Fall „Fritz Haarmann“ dürfte einer der bekannsten Kriminalfälle Deutschlands sein und Haarmann selbst einer der bekanntesten Serienmörder. Mindestens 24 Jungen und junge Männer soll Haarmann zwischen 1918 und 1924 getötet haben, er selbst gab nur neun Taten zu, weitere Opfer sind möglich. Im Dezember 1924 wurde Haarmann zum Tode verurteilt, das Urteil wurde im April 1925 vollstreckt. Die Umstände seines Geständnisses sind umstritten.

Während und nach Haarmanns Prozess machte der Schriftsteller und Philosoph Theodor Lessing auf die zweifelhafte Rolle der Polizei aufmerksam – er hat auch in diesem Roman einen Auftritt. Spätestens mit dem berühmten Haarmann-Lied („Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir…“) wurde Haarmann endgültig zu einer (pop-)kulturellen Figur. Autor Dirk Kurbjuweit, bekannt als Journalist beim Spiegel und der Zeit, greift die wichtigsten Fakten auf, zitiert aus Gutachten und Urteil, aber er verarbeitet dies nicht zu einem True Crime-Roman, sondern hat mit Robert Lahnstein einen fiktiven Ermittler als Protagonisten installiert, der nichts mit den damaligen tatsächlichen Ermittlern zu tun hat.

Nur ein Zimmer, ein schmutziges Bett, dunkle Flecken auf den Bodendielen, helle Flecken an den Wänden. Eine Küchenzeile, ein kleiner Tisch, Dachschrägen. Der Mann hatte die Tür abgesperrt, hier müsse man aufpassen, Hannover sei ein unsicheres Pflaster, hatte er dabei gesagt. Er stellte eine Flasche Schnaps auf den Tisch. Der Junge überlegte, wie er abhauen könne, aber der Schlüssel steckte, und so schnell würde er die Tür nicht eintreten können. Aber eigentlich war der Mann ja nett, und ein bisschen aufregend war das hier auch. (Seite 199)

Obwohl zumeist aus der Sicht der Kommissars Lahnstein geschildert, wechselt der Autor auch hin und wieder die Perspektive und erzählt aus dem Blickwinkel eines Jungen oder auch von Haarmann selbst. Eine eklige Schilderung von Leichenzerstückelung inklusive. Doch Lahnstein bleibt die Hauptfigur in diesem Roman, über ihn gelingt hauptsächlich die Beschreibung der Schauplätze, der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Kurbjuweit greift dabei tief in die Vergangenheit des Kommissars, der als Pilot im ersten Weltkrieg eingesetzt war, aber rasch in Kriegsgefangenschaft geriet. Seine Frau und seine junge Tochter hat er nach dem Krieg nicht mehr wiedergesehen, warum bleibt lange offen. Im Bochumer Polizeirevier war er nicht mehr tragbar, weil er von den französischen Besatzern Klarheit im Falle des Todes seiner Mutter forderte, die als Unbeteiligte bei einem Schusswechsel ums Leben kam. In Hannover bleibt er im Präsidium isoliert, als bekennender Sozialdemokrat ist er mit den anderen Kollegen, die der Republik kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, nicht gut gelitten. Besonders mit seinem reaktionären Kollegen Müller, der vor ihm leitender Ermittler in diesem Fall war, verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Doch Dirk Kurbjuweit als renommierter Journalist will hier auch die politische Ebene bedienen. Themen wie Nichtdemokraten im Staatsdienst, Beeinflussung eines Geständnisses mit unlauteren oder gar illegalen Methoden sind Fragestellungen, die heute natürlich ebenfalls relevant sind. Doch gerade in der Darstellung der politischen Themen überzeugt mich der Autor manchmal nicht. Zu sehr gewollt gerät dies manchmal, zu viele Thematiken werden aufgemacht. Am ungeschicktesten empfand ich beim Lesen die Passagen, in denen Lahnstein beim Polizeipräsidenten auf den Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Gustav Noske, trifft. Der Sozialdemokrat Noske war selbst in der eigenen Partei höchst umstritten, hat er sich doch als Reichswehrminister im Frühjahr 1919 zur Verteidigung der Republik vor kommunistischen Revolutionären Freikorpslern und anderer reaktionärer Kräfte bedient, was ihm viele Linke nie verziehen haben. Noske erklärt sich und den Zustand der Republik sehr umständlich und unauthentisch. Schließlich zieht er noch eine Verbindung zwischen einem Ermittlungserfolg im Fall Haarmann und der Zustimmung der Bevölkerung zur Republik. Das wirkt auf mich alles ein wenig zu hoch aufgehängt.

Kurbjuweit schreibt verknappt, stakkatohaft, kurze Sätze, Aufzählungen; eher nüchterner Stil trotz aller Dramatik drumherum. Insgesamt ist Haarmann solide geschrieben, aber man wird das Gefühl nicht los, dass der Roman ein wenig zu kalkuliert ist. Ein bisschen Historie, ein bisschen Grauen, ein bisschen Politik, ein bisschen Moraldebatte. Abgehakt. Aber so richtig berührt einen das wenig. So bleibt das Fazit: Potenzial verschenkt.

 

Rezension von Gunnar Wolters.

Haarmann | Erschienen am 17. Februar 2020 im Penguin Verlag
ISBN 987-3-328-60084-8;
318 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Max Annas | Morduntersuchungskommission Bd. 1

Max Annas | Morduntersuchungskommission Bd. 1

An den Gleisen einer Bahnstrecke nahe Jena wird 1983 die Leiche eines Mosambikaners gefunden, die mehr Fragen aufwirft, als es in der Wirklichkeit des Sozialismus Antworten zu geben scheint. Augenscheinlich wurde der Mann aus einem fahrenden Zug gestoßen, doch das Verletzungsbild deutet auf Misshandlung.

Autor Max Annas greift mit seinem vierten Kriminalroman den authentischen Fall des 1986 verstorbenen Manuel Diogo auf, dem auch der Roman gewidmet ist. Annas, selbst in der Bundesrepublik Deutschland aufgewachsen, kam durch einen Zufall das erste Mal 1987 in die DDR, erhielt jedoch 1989 ein Einreiseverbot. Der Fall Diogo ließ ihn nicht mehr los, was er schriftstellerisch auf seinen Protagonisten Oberleutnant Otto Castorp übertragen hat. Dieser wird mit den Ermittlungen in dem Todesfall beauftragt, wird aber, als er allzu genau recherchiert und politisch betrachtet zu brisant wird, zurückgepfiffen, der Fall soll – um politische Missstimmungen zu vermeiden – unter den Teppich gekehrt werden. Doch Castorp ist ein Denker, einer, der das System DDR nicht so schluckt, wie er es als Staatsangestellter sollte, und damit aneckt, denn er ermittelt im Alleingang weiter – und wird dabei beobachtet.

„Du hängst immer noch an dem Fall mit dem Afrikaner. (…) Wie viele haben dir gesagt, dass du die Finger davon lassen sollst?“
[…]
„Danke, ich mag es, wenn mich mein eigener Bruder belehrt. Jetzt kannst du mir ja die Frage endlich beantworten.“
„Welche Frage?“
„Wie wir hier mit denen umgehen.“
„Es gibt keine, ich habe dir das doch gerade gesagt. Nazis sind eine Folge des kapitalistischen Wirtschaftssystems. Die gibt es folglich in der Bundesrepublik Deutschland. Nicht bei uns in der DDR.“ (Seite 293)

Max Annas hat die Figur des Oberleutnants Castorp mit einer angenehmen Tiefe ausstaffiert. Er gibt uns Einblicke in sein Privatleben mit seiner Frau Birgit und seinen Kindern und zeigt die sensiblen Seiten des Ermittlers besonders in dessen Begegnungen mit seiner Geliebten Marion. Dabei gefiel mir sehr gut, dass keine wertende Haltung herauszulesen war. Castorp reibt sich an der Systematik der DDR und ebenso fügt er sich nicht recht in das gesellschaftlich geforderte Familienbild. Doch Annas beschreibt es in einer harmonischen Art, es passt, als müsste es so sein, der Autor versteht, was sein Protagonist braucht, um rund zu sein. Castorp ist ein Sympath und fähiger Ermittler zugleich, leider im falschen Staatssystem.

Morduntersuchungskommission ist ein eher bedächtig aufgebauter Kriminalroman, der den Anfang einer neuen Reihe darstellt, die historische Mordfälle der DDR aufgreift, im Kontext zum politischen System und den besonderen Verhaltensweisen, denen Ermittler unterliegen. Mich hat der Schreibstil Annas sehr begeistert, da er ruhig und zugleich spannend aufzeigt, woran es dem System fehlte und was dies mit den dem System unterworfenen Bürgern und Staatsbediensteten machte. Dabei hat Journalist Annas gründliche Recherchen zugrunde gelegt und unterhält spannend und mühelos zugleich. Einzig die detaillierten Beschreibungen der Verstümmelungen und Misshandlungen bilden einen Ausreißer im Gebrauch drastisch bildlichen Sprachgebrauchs.

Max Annas arbeitete lange als Journalist, lebte in Südafrika und wurde für seine ersten drei Kriminalromane mit dem Deutschen Krimipreis auszgezeichnet.

 

Rezension und Foto von Nora.

Morduntersuchungskommission | Erschienen am 23. Juli 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00103-2
352 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Berliner Zeitung – Ein Gespräch mit dem Krimiautor Max Annas

Auch bei uns: Rezension zu Max Annas | Die Mauer

Christof Weigold | Der blutrote Teppich Bd. 2

Christof Weigold | Der blutrote Teppich Bd. 2

Hollywood 1922: Hardy Engels zweiter Fall

Noch heute, zwanzig Jahre später, erinnere ich mich ganz deutlich an das erste Erbeben, das ich in Los Angeles miterlebt habe. Vielleicht liegt es daran, dass es sich ereignete, während ich gerade zwei Mörder verfolgte. (Auszug Seite 7)

1922 gibt es den berühmten Hollywood-Schriftzug in den Hollywood-Hills noch nicht, aber bereits gefühlt mehr Studiokulissen als Wohnhäuser und viele Deutschstämmige. Einer davon, der ehemalige Polizist Hardy Engel hat den Traum von der Schauspielerei bereits wieder aufgegeben, auch von der Detektivarbeit hat er nach den dramatischen Ereignissen seines ersten Falles und dem Verlust eines Auges die Nase voll.

Frustriert und knapp bei Kasse verbringt er die meiste Zeit bei Kumpel Buck in dessen Flüsterkneipe, denn trotz Prohibition floss der Alkohol in Strömen. Froh nimmt Engel den dringend benötigten Auftrag des Starregisseurs William Desmond Taylor an. Er soll den beliebten Filmstar Mabel Normand observieren, die sich mit den falschen Leuten eingelassen hatte. Als Engel am anderen Morgen Bericht erstatten will, findet er Taylor erschossen auf dem Teppich im Salon seines Bungalow vor. Selbst als Täter in Verdacht stehend, beschließt Engel den rätselhaften Tod des Regisseurs zu untersuchen. Ihm zur Seite steht die kesse Regisseurin Polly Brandeis, die von Taylors Studio beauftragt wird, Nachforschungen anzustellen.

Liebesbriefe und Spitzenhöschen

Viele Liebesbriefe, unter anderem auch von der kokainsüchtigen Mabel Normand und der blutjungen Schauspielerin Mary Miles Minter, sowie eine Sammlung von Spitzenhöschen mit Namensschildern versehen, werden bei Taylor gefunden und diese Trophäen-Sammlung geben Anlass für wilde Spekulationen. Andere Spuren führen zu einem Drogenbaron, der die gesamte Filmbranche mit Kokain versorgt und zu einem ehemaligen Butler von Taylor, der ihn erst kürzlich in einem Brief erpresste. Des weiteren war der schwarze Hausboy Henry Peavey verhaftet worden, weil er im Park junge Männer angesprochen hatte.

Im Auftrag der Staatsanwaltschaft reist der Privatdetektiv von der sonnigen Westküste ins kalte New York und entdeckt eine ganz andere Spur. Der charmante Top-Regisseur Taylor hatte Jahre vor seiner Hollywood-Karriere unter anderem Namen als Antiquitätenhändler gearbeitet, bevor er Frau und Tochter ohne Erklärung klammheimlich verließ und ein neues Leben anfing.

Skandalpanik

Hardy Engel sieht bei seinen Nachforschungen in die skandalträchtigen Abgründe Hollywoods, denn sowohl die Filmbranche als auch die Polizei machen es ihm schwer und scheinen an einer Aufklärung des Mordes nicht wirklich interessiert zu sein. Beweise werden manipuliert, Zeugen ermordet oder verschwinden einfach. Die großen Studiobosse fürchten sich vor weiteren Skandalen und setzen hysterisch alles daran, die Verfehlungen ihrer Stars zu vertuschen und den glamourösen Schein zu wahren. Eilig wird das Hays Office gegründet um Hollywoods Sauberkeit zu überwachen und in deren Folge eine schwarze Liste von über 100 Filmleuten erstellt wird, die als Sittlichkeitsrisiko in der Versenkung verschwinden.

Legendärer Mordfall

Wie schon im ersten Band – Der Mann, der nicht mitspielt – liegt hier ein wahrer Kriminalfall zugrunde und dieser wird mit der gerade erwachenden Filmindustrie verknüpft. Die ausführlichen Beschreibungen jeder Szene betten dabei den Krimiplot in eine stimmige Atmosphäre und zündeten bei mir ein richtiges Kopfkino. Der Drehbuchautor Christof Weigold benutzt eine bildhafte Sprache, die es mir ermöglichte, völlig in die Geschichte einzutauchen. Beeindruckend wie der Autor historisch belegte Fakten in den Krimiplot einarbeitet, wie zum Beispiel den berühmten literarischen Zirkel, den Dorothy Parker mit Freunden im Algonquin Hotel in New York bildete und wo sie durch ihre scharfzüngige Schlagfertigkeit zur Legende wurde. Als Leser ist man live bei dem riesigen Spektakel von Taylors Beerdigung dabei, fährt 5 ½ Tage mit Hardy im Zug von Los Angeles bis New York oder erlebt den ersten Einsatz eines roten Teppichs bei einer Filmpremiere.

Die Farbe, die er für diesen Teppich gewählt hatte, war ein leuchtendes Rot, das mich unwillkürliches an frisches Blut denken ließ, als wäre es damit getränkt worden. Und auf gewisse Weise, dachte ich, war es auch so. (Seite 608)

Das macht das Buch für mich faszinierend und voller Informationen, die ich mit Hilfe des Internets noch vertieft habe. Das sollte man aber besser im Nachhinein machen, denn man bringt sich sonst um viele Überraschungen.
Nach vielen Wendungen löst der Ich-Erzähler Hardy Engel den Fall und es wird eine schlüssige aber natürlich unbewiesene Auflösung geboten. Die Detailverliebtheit und Begeisterung des Autors für diese Zeit ist auf jeder Seite spürbar. Und es sind viele Seiten und ja, einige Filmgrößen, die Weigold durch den Handlungsverlauf flanieren lässt, Charlie Chaplin, Cecil B. DeMille oder Douglas Fairbanks, um nur einige zu nennen, bringen die Geschichte nicht unbedingt nach vorne. Für mich hat das aber gerade den besonderen Reiz ausgemacht und ich wäre bei einem dritten Teil mit dem trinkfesten Privatdetektiv und seinem Glasauge wieder dabei.

Fakt am Rande: Der mysteriöse Todesfall ist bis heute nicht aufgeklärt und hielt die Fantasie der Menschen jahrzehntelang gefangen. Mehrere Bücher gibt es inzwischen über den legendären Mordfall und 1985 wurde sogar eine eigene Zeitschrift gegründet: Taylorology.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der blutrote Teppich | Erschienen am 11. April 2019 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05141-4
640 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum ersten Hardy Engel-Fall Der Mann, der nicht mitspielt.

Christof Weigold | Der Mann, der nicht mitspielt Bd. 1

Christof Weigold | Der Mann, der nicht mitspielt Bd. 1

Hollywood 1921: Hardy Engels erster Fall

Als ich an einem Sonntagnachmittag Anfang September nach Hause kam, stolperte ich auf der Treppe über eine scharfe Rothaarige. Ich hatte am Freitag ein misslungenes Casting bei Hal Roach gehabt, danach auf dem Nachhauseweg einen oder drei auf das Labor-Day-Wochenende getrunken und dachte zuerst, ich würde sie nur träumen. (Auszug Seite 11, Anfang)

In den 1920er Jahren war Hollywood ein richtiges Sündenbabel. Trotz Prohibition gab es nicht nur bei ausschweifenden Partys ungehemmten Drogen- und Alkoholkonsum. In diese Zeit hat Christof Weigold seine Serie angelegt ganz im Stil des klassischen Hardboiled-Krimis mit einem Helden ähnlich Hammetts Sam Spade.

Vergewaltigung mit Todesfolge

Nachdem der deutschstämmige Hardy Engel als Schauspieler scheiterte, versucht er sich als Privatdetektiv über Wasser zu halten. Er wird von der bildhübschen, rothaarigen Pepper Murphy beauftragt, das verschwundene Starlet Virginia Rappe aufzuspüren. Er findet sie in San Francisco auf einer Party des beliebten Komikers Roscoe „Fatty“ Arbuckle, als sie nackt und in sehr schlechter Verfassung aus dessen Suite heraustaumelt. Kurz darauf ist sie tot und für Polizei und Medien steht Arbuckle als Schuldiger fest. Der bestbezahlteste Filmstar seiner Zeit wird der Vergewaltigung mit Todesfolge angeklagt und sorgt für ein riesiges Aufsehen in der Öffentlichkeit.

Der hartgesottene Engel hat daran Zweifel und da er ein Mann mit Prinzipien und ihm die Wahrheit sehr wichtig ist, setzt er alles dran, um den Fall aufzuklären. Er lässt sich als Sicherheitschef bei den Universal Studios anstellen und wird bei seinen Ermittlungen ständig unter Druck und auf falsche Fährten gesetzt. Denn der riesige Skandal, verstärkt noch durch die Boulevard-Presse, könnte das Aus für die im Aufstieg begriffene Filmindustrie sein. Engel entlarvt die Traumfabrik als einen korrupten von Drogen, Alkohol, Sex und Erpressung beherrschten Sumpf. Er gerät zwischen die rivalisierenden Filmstudios und ist auch privat involviert, da er sich in die geheimnisvolle Pepper verliebt hat.

Erste große Skandal der Filmindustrie

Der Autor hat für seinen Serienstart mit Hardy Engel detailreich recherchiert, denn die Geschichte beruht auf einem wahren sowie spektakulären Fall. Der erste große Skandal der amerikanischen Filmindustrie wurde nie richtig aufgeklärt. Christof Weigold bettet die Handlung mit real existierenden Figuren in eine stimmige Atmosphäre. Man trifft auf viele bekannte Namen und dann fährt mal eben Buster Keaton im Automobil vorbei. Die auftauchenden Figuren werden sehr gut skizziert, wie zum Beispiel der jüdische Filmmogul Carl Laemmle aus dem Schwabenland, Boss der Universal Pictures und einer der Gründungsväter Hollywoods. Die große Stärke des Kriminalromans ist die bildhafte Darstellung des Hollywoods der 1920er Jahre mit all ihren Facetten. Die Geschichte hat mich von Anfang an gepackt, auch der lakonische Schreibstil haben mich begeistert. Dabei war besonders der Blick hinter die Kulissen der Filmindustrie interessant.

Der Autor

Christof Weigold wurde 1966 in Mannheim geboren und lebt aktuell in München. Seit 2000 arbeitet er als freier Dehbuchautor für Film und Fernsehen. 2019 wurde Der Mann, der nicht mitspielt für den Friedrich-Glauser-Preis in der Kategorie „Debütroman“ nominiert. Für seine Recherchen besorgte Weigold sich unter anderem antiquarisch das Polizei-Handbuch, mit dem auch Raymond Chandler recherchierte.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Mann, der nicht mitspielt | Die Taschenbuchausgabe erschien am 11. April 2019 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05290-9
640 Seiten | 10.- Euro
Die gebundene Fassung erschien am 15. Februar 2018 für 22.- Euro im selben Verlag
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Juni 2019

Abgehakt | Juni 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 2. Quartalsende 2019

 

Petra Reski | Mafia. 100 Seiten

Die Mafia ist sicherlich die bekannteste kriminelle Organisation der Welt. Inzwischen hat der Begriff „Mafia“ sogar popkulturellen Status: Bücher, Filme, Videospiele, Mafiamusik, sogar eine Gastronomiekette. Doch dahinter verblasst ein wenig die Realität: Gewalt, Drogenhandel, Korruption, Mord. Für die Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags versucht die in der Thematik bekannte Journalistin und Autorin Petra Reski mit allerlei Mythen rund um die Mafia aufzuräumen.

Die 100 Seiten werden keineswegs sachbuchartig mit Tabellen oder Grafiken gefüllt, sondern Reski schreibt in mehreren Beiträgen über Aufbau, Vergangenheit und Gegenwart der Mafia. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Deutschland, das ja gern immer nur als Rückzugsraum und nicht als Operationsraum der Mafia bezeichnet wird. Diesen Beschwichtigern sagt Reski:

„Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-Win-Situation.“ (Seite 67)

Insgesamt muss man schon konstatieren, dass die Thematik in einem so begrenzten Format nur schwer unterzubringen ist. Ein wenig Stirnrunzeln musste ich, als die Autorin mehrere Bücher, Filme und Serien in Zusammenhang zu Folklore und Propaganda setzt. Aber alles in allem sicherlich eine lesenswerte Zusammenstellung.

 

Mafia.100 Seiten | Erschienen am 28. August 2018 im Reclam Verlag
ISBN 978-3-15-020525-9
100 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: True Crime
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jules Grant | Die Nacht ist unser Haus

Donna und Carla sind beste Freundinnen, lesbisch und leiten eine Frauengang in Manchesters rauer Unterwelt. Als Carla die Frau eines konkurrienden Gangleaders abschleppt, eskaliert die Situation. Carla wird in einem Club erschossen und hinterlässt ihre zehnjährige Tochter Aurora. Donna muss nun für Aurora sorgen und ihre Gang retten. Und natürlich sinnt sie auf Rache für Carlas Tod.

Frauen als Gangleader ist gerade ein wenig en vogue in der Kriminalliteratur (z.B. bei „Lola“ von Melissa Scrivner Love oder „River of Violence“ von Tess Sharpe). Autorin Jules Grant treibt es in diesem Roman sogar noch auf die Spitze und führt hier eine Frauengang aus lauter Lesben ein. Die Frauen haben dabei eine nette Marktlücke entdeckt: Liquid Ecstasy in Parfümflaschen. Was mich dabei aber etwas gelangweilt hat: Im Grunde verhalten sich die Ladys die meiste Zeit nicht viel anders als irgendwelche Typen – sie saufen, vögeln und prollen rum.

Ungewöhnlich und durchaus ein Pluspunkt ist die Erzählstimme. Sowohl Donna als auch Aurora (seltener) führen als Ich-Erzähler durch das Buch – schnoddrig, vorlaut und manchmal auch etwas ordinär. Auf der Rückseite prangt eine Empfehlung von Simone Buchholz („Hart und zart zugleich“). Selber schuld, wer darauf hereinfällt, mag man sagen, aber die Deutsche Krimi Preis-Trägerin ist natürlich eine Koryphäe. Und tatsächlich bemüht sich die Autorin, aber das Ergebnis vermag mich letztlich nicht so richtig zu überzeugen. Sie haut manchmal sehr auf den Putz, aber vieles ist zu vorhersehbar, zu klischeehaft und leider auch nur bedingt authentisch. Schade drum.

Die Nacht ist unser Haus | Erschienen am 11.03.2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43915-3
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Judith Arendt | Helle und der Tote im Tivoli

Helle Jespers hat einen beschaulichen Dienst als Chefin der Polizeidienststelle in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Da trifft die Nachricht ein, dass der pensionierte Direktor des örtlichen Gymnasiums brutal ermordet in Kopenhagen aufgefunden wurde. Das Motiv bleibt zunächst unklar, eventuell Kindesmissbrauch? Dies bestätigt sich, als ein bekannter Päderast ebenfalls von gleichen Mörder umgebracht wird. Die Mordermittler aus Kopenhagen belächeln die Dorfpolizisten, doch Helle spürt, dass die Lösung des Falls in Skagen zu finden ist und lässt sich nicht aus den Ermittlungen drängen.

„Helle und der Tote im Tivoli“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die sympathische dänische Kommissarin Helle Jespers. Dieser Roman versucht den Spagat zwischen „hyggeligem“ dänischen Krimi und einem Rachethriller aufgrund eines alten Falls von Kindesmissbrauch. Leider geschieht dies stilistisch ziemlich konventionell und mit dem Motiv des gestörten Opfers als Serienmörder auch etwas unoriginell. Ich gebe zu, dass der Ermittler als kaputtes Wrack auch nicht gerade kreativ ist, aber die Welt der Helle Jespers mit Haus in den Dünen, halbtags arbeitendem Wikinger-Ehemann, schwulem Teenagersohn und studierender, in einer Kiffer-WG wohnender Tochter war mir dann doch auch ein wenig zuviel der modernen heilen Welt. Und wenn der Familienhund an der Ergreifung des Täters mitwirkt und am Ende herzhaft in eine Zimtschnecke gebissen wird, dann finde ich das auch dem Thema nicht angemessen. Sagen wir es mal ganz neutral: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Krimis.

Helle und der Tote im Tivoli | Erschienen am 15. September 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00271-3
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

 

Helon Habila  | Öl auf Wasser

Nigeria: Das Delta des Niger wird von Ölkonzernen konsequent ausgebeutet. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich zunehmend dagegen und gründet Rebellengruppen, die gegen die Regierung und die Ölmultis kämpfen. Ein bewährtes Mittel zur Finanzierung ist die Entführung von ausländischen Konzernmitarbeitern oder deren Angehörigen. Der junge Reporter Rufus und sein erfahrener Kollege Zaq wittern im Zusammenhang mit der Entführung einer Engländerin eine gute Story, zudem hat auch ihr Mann die beiden um Hilfe gebeten hat. Mit Hilfe von einheimischen Bootsführern dringen die Journalistin immer tiefer ins Delta vor und damit in eine undurchsichtige, umkämpfte und zunehmend geschundene Umgebung.

Öl auf Wasser erschien erstmals 2012 im Verlag Das Wunderhorn und gewann überraschend auch den Deutschen Krimipreis. Das Besondere am Roman ist sicherlich auch das Thema, über das man in Europa zumindest in fiktionaler Form nur selten liest: Die innerstaatlichen Konflikte im nigerianischen Nigerdelta vor dem Hintergrund der dortigen großflächigen Ölexploration ausländischer Konzerne mit erheblichen negativen Umwelteffekten. Was dieser Roman denn auch sehr gut beherrscht ist die Balance zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen und den Stimmungen der Hauptpersonen. Der Autor verzichtet auf allzu plakativen moralischen Darstellungen, schildert vielmehr die Realitäten von Gewalt und Gegengewalt und vor allem der Zerstörung einer Lebensgrundlage für die dort lebenden Menschen.

Zu Beginn erinnert der Roman an Joseph Conrad Herz der Finsternis. Eine Fahrt auf einem kleinen Boot im Nigerdelta, ölverschmutzte Ufer, verlassene Dörfer, hell leuchtende Abgasfackeln. Erzählt wird aus der Perspektive von Rufus, allerdings nicht chronologisch, immer wieder werden Einschübe aus der Vergangenheit eingeschoben. Das macht den Roman etwas sperrig und lässt die Spannungskurve abflachen. Somit ist dieses Buch weniger etwas für Fans klassischer Krimis, sondern eher für literarisch anspruchsvollere Liebhaber hintergründiger Darstellungen. Ich fand es aber auf jeden Fall lesenswert.

Öl auf Wasser | Die Taschenbuchausgabe erschien am 28. Januar 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20829-2
256 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

André Pilz | Der anatolische Panther

Der Kleinkriminelle und Dealer Tarik Celal ist auf Bewährung auf freiem Fuß, als bei ihm zu Hause Diebesgut gefunden wird. Er ist gezwungen, auf einen Deal einzugehen: Er soll sich in der Moschee und im Umfeld des islamischen Hasspredigers Abdelkader al-Anbari, genannt „Der Derwisch“, einschleichen und dort Beweismaterial sammeln. Doch als Tarik in die Moschee einbricht und Geld stiehlt, überschlagen sich die Ereignisse und er ist auf der Flucht vor der Polizei und dem Derwisch.

Autor André Pilz hat ein offenbar Faible für Underdogs. Tarik Celal war mal ein vielversprechender Jungprofi bei 1860 München. Aus der Karriere ist nichts geblieben außer dem Spitznamen. Inzwischen ein kleiner Gangster mit ebenso kriminellem Freundeskreis, aber dennoch ein Sympathieträger mit großem Herz. Rettungslos verliebt in die schöne Kubanerin Nteba, zu Hause sein schwer kranker Großvater, den er pflegt. Die Stimmung ständig himmelhauchjauchzend, zu Tode betrübt.

Rund um diese tolle Hauptfigur konstruierte Pilz eine spannende, thrillerhafte Story mit vielen aktuellen Bezügen und sehr cleveren gesellschaftlichen Einblicken. Von Multikulti und Vorurteilen, islamischen Extremisten und Terrorhysterie, von Heimat und Ausgrenzung. Sicherlich einer der besten deutschsprachigen Krimis zu diesem Thema.

Der anatolische Panther  | Erschienen am 22. September 2016 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7861-0
448 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Alle fünf Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.