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Martina Aden | Der falsche Friese (Band 2)

Martina Aden | Der falsche Friese (Band 2)

„Ich stieg auf den Deich und sah dem Spiel der Wellen zu, die träge an Land schwappten. Ich schloss die Augen und genoss die wärmenden Sonnenstrahlen auf meiner Haut. Die Nordsee ist wie eine alte Freundin für mich. Ich muss nicht ständig bei ihr auf der Matte stehen, aber ich weiß, dass sie da ist.“ (Seite 196)

Elli Vogel ist Autorin, da sich ihre eBooks aber nicht sehr gut verkaufen, nimmt sie einen Job beim „Ostfriesland-Reporter“ an. Bei der Recherche für ihren ersten Artikel trifft sie auf das Schicksal von Andreas Kalski, der vor vierzig Jahren plötzlich spurlos verschwunden ist. Ellis Neugierde ist geweckt und sie beginnt nach neuen Hinweisen zu suchen. Dabei wird es nicht nur für sie gefährlich…

Fall zwei für Elli
„Der falsche Friese“ von Martina Aden ist der zweite Fall um die Schriftstellerin und Hobby-Detektivin Elli Vogel. In dieser Geschichte wird zum ersten Fall immer wieder Bezug genommen. Ich konnte auch ohne Vorkenntnisse gut folgen, trotzdem empfehle ich mit Teil eins zu beginnen. Die Handlung liest sich sehr flüssig, ich empfand keinerlei Längen.

Sehr sympathische Protagonistin
Die Protagonistin Elli ist 32 Jahre alt, wohnt mit ihrer Katze O’Malley in einer Wohnung in Aurich, hat gerade ihr zweites Buch veröffentlicht und ist mit dem Münchner Polizisten Phil zusammen. Der Roman ist in Ich-Form aus Sicht von Elli geschrieben, was ich persönlich sehr mag, weil man sich einfach gleich viel mehr mit der Person identifiziert. Besonders toll finde ich die teilweise ironischen Gedanken zu allem, was Elli passiert. Ich konnte einige Male schmunzeln und das lockert die gesamte Handlung auf, ohne dass es lächerlich wird. Mir ist Elli sehr sympathisch.

Manchmal etwas dick aufgetragen
Die Ermittlungen haben sich für mich realistisch gelesen, auch wenn die Polizei kaum eine Rolle dabei spielt und es mir manchmal so vorkam, als wenn diese nur auf Ellis Ergebnisse wartet. An einigen Stellen, auch in Bezug auf den ersten Fall, fand ich die Geschehnisse etwas dick aufgetragen. Für die Spannung hätte es nicht so viel Gefahr und Action gebraucht.

Fazit: Eine frische, selbstironische Protagonistin und eine interessante Ermittlung in Ostfriesland.

Martina Aden, Jahrgang 1982, lebt mit ihrem Mann, ihrem Sohn, ihren Pferden und Katzen im Herzen Ostfrieslands. Sie ist Mitglied bei den Mörderischen Schwestern und im Syndikat. (Verlagsinfo)

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Der falsche Friese | Erschienen am 23. Juli 2020 im Emons Verlag
ISBN: 978-3-740-80756-6
288 Seiten | 13,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Éric Plamondon | Taqawan

Éric Plamondon | Taqawan

Sie verlor das Zeitgefühl. Jede Sekunde dehnte sich endlos, wurde zu einer Stunde. Der Schmerz schien von einem Ort weit ausserhalb ihrer selbst zu kommen. Sie spaltete sich von ihrem Körper ab, Überlebensmechanismus, liess sich ins Dunkel sinken und spürte nur noch eine diffuse Mischung aus Angst, Hass, Wut, Demütigung, hörte, wie die Stimmen sie beleidigten, ohne sie auseinanderhalten zu können, ohne zu begreifen. (E-Book, S.111)

Provinz Québec am 11.Juni 1981: Die 15jährige Océane fährt mit dem Bus von der Schule nach Hause in das Dorf und Reservat der Mi’gmaq. Auf der Brücke über den Restigouche wird der Bus von der Polizei gestoppt und die Schüler sehen von dort mit an, wie die Polizei eine brutale Razzia durchführt und die Fischernetze der Mi’gmaq beschlagnahmt. Es kommt zu gewalttätigen Krawallen, viele Männer, darunter Océanes Vater werden verhaftet. Kurze Zeit später findet der ehemalige Ranger Ives Leclerc Océane im Wald schwer verletzt auf, mehrfach wurde sie vergewaltigt. Ives sucht Hilfe beim Mi’gmaq William, der als Einsiedler im Wald lebt, und seiner Ex-Freundin Caroline, einer jungen Lehrerin aus Frankreich. Gemeinsam versuchen sie, Océane zu heilen und stellen dabei fest, dass sich das Mädchen immer noch in akuter Gefahr befindet.

Der Romanhintergrund basiert auf den tatsächlichen Ereignissen des sogenannten „Salmon Raid“ 1981. Die Mi’gmaq zählen zu den zahlreichen First Nations Kanadas, den Ureinwohnern. Sie leben in den östlichen Provinzen Kanadas, unter anderem auf der Halbinsel Gaspésie im Osten Québecs. Seit Jahrtausenden leben sie vom Fischfang, insbesondere Lachsfang. Die Fangrechte der Mi’gmaq waren seit der Kolonisierung immer wieder umstritten und bedroht. Im Jahr 1981 versuchte die Québecer Provinzregierung, die Fischereirechte einzuschränken und wollte dies auch mit polizeilichen Mitteln durchsetzen. Der Aufruhr erschütterte ganz Kanada und war auch ein Stellvertreterkonflikt, den die Regierung in Québec gegen die der kanadischen Regierung unterstellten Reservate führte.

Er war sieben Jahre alt, und er konnte seiner Grossmutter stundenlang beim Nähen zusehen. […] Eines Tages erklärte sie ihm den Fadenlauf. […] Für Ives`Kinderseele lag darin etwas Magisches. Später, wenn er in einer schwierigen Lage war und das Gefühl hatte, den Faden zu verlieren, suchte er nach dem Fadenlauf. […]
Jetzt, wo er gekündigt hatte und eine junge Mi’gmaq beschützen musste, zwei Männer tot waren und ein Teil der Québecer Bevölkerung die Indianer ein für alle mal loswerden wollte, hatte Leclerc mehr denn je das Gefühl, den Faden verloren zu haben. (E-Book, S.122-124)

Ein Taqawan ist übrigens die Bezeichnung der Mi’gmaq für einen Lachs, der zum ersten Mal nach seiner Geburt zum Laichen wieder zu seinem Geburtsfluss zurückkehrt. Dies ist aber nur eine von zahlreichen Erläuterungen und Einschüben, die Autor Éric Plamondon, ein gebürtiger Québecer, in seinen Roman einflechtet. Die Kapitel sind kurz, manchmal weniger als eine Seite. Plamondon fügt viel Dokumentarisches ein: Erläuterungen zum Lachs und Lachsfang, die Kolonialgeschichte Kanadas und der Provinz Québec, Mythen und Erzählungen der Mi’gmaq und deren schwieriger Kampf um ihre Identität. Dabei bezieht der Autor ganz klar Stellung für die Ureinwohner.

Der Kriminalplot ist dabei recht kurz und knackig und ziemlich noir. Man wirft zahlreichen Autoren immer gerne etwas Geschwätzigkeit vor, hier hatte ich im Gegensatz dazu das Gefühl, dass man den Plot sicherlich noch ausdehnen hätte können. Erstaunlicherweise gelingt dem Autor auf den wenigen Romanseiten aber auch eine gute Zeichnung seiner Hauptfiguren (die Nebenfiguren und die „Bösen“ bleiben allerdings etwas diffus) und vor allem der Ambivalenz und die Zerrissenheit zwischen Québec und Kanada und auch zwischen den Québecern und den Ureinwohnern.

In Québec haben wir alle Indianerblut. Entweder in den Adern oder an den Händen. (E-Book, S.87)

Insgesamt ist „Taqawan“ ein anregender Roman noir mit viel Hintergrundinformation über einen Teil der kanadischen Geschichte. Allerdings muss ich gestehen, dass es mir für eine Topbewertung wegen der zahlreichen Einschübe doch zu fragmentarisch aufbereitet war. Nichtsdestotrotz war es ein bemerkenswerter und lesenswerter Roman.

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Taqawan | Erschienen am 29.09.2020 im Lenos Verlag
ISBN 978-3-03925-004-2
208 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-85787-985-2 | 16,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weitersehen: Dokumentarfilm „Incident at Restigouche“ der Regisseurin Alanis Obomsawin aus dem Jahr 1984 über die „Salmon Raids“ 1981

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Anja Eichbaum | Letzte Hoffnung Meer

Anja Eichbaum | Letzte Hoffnung Meer

„Die positiven Dinge waren das Meer. Die Ostsee, die sie schon als Kind so geliebt hatte. Und ihre Strandbude. Die der Himmel hierhin gesetzt haben mochte. Ein Ort, an dem sich die Gesunden und Kranken trafen, einander beäugten, als kämen sie von unterschiedlichen Planeten. Ein Ort, an dem die Urlauber demütig wurden. An dem die Kranken manchmal verzweifelten, aber genauso oft Hoffnung schöpften. Mal sehen, ob es dort schon einen Kaffee gab.“ (Seite 12)

Im Ostseebad Boltenhagen wird eine tote Frau mit durchtrennter Kehle gefunden. Nach der ersten Untersuchung steht fest, dass die Frau Patientin einer Klinik war, die sich auf Krebstherapie spezialisiert hat und als geheilt galt. Der Kommissar Dr. Ernst Bender von der Schweriner Mordkommission nimmt sich dem Fall an, denn er glaubt nicht wie seine Kollegen, dass dieser Mord zu einer anderen Serie in Schwerin passt. Am Tatort trifft Bender dann durch Zufall auf Polizeipsychologin Ruth Keiser und den Norderneyer Polizisten Martin Ziegler, die beide eigentlich nur Urlaub an der Ostsee machen wollten, sich aber schneller in den Ermittlungen verstricken, als ihnen lieb sein mochte.

Diagnose Krebs
„Letzte Hoffnung Meer“ von Anja Eichbaum ist der zweite Fall um Polizeipsychologin Ruth Keiser und Polizist Martin Ziegler. Die Geschichte liest sich sehr flüssig und ich fand das Thema der Krebs-Patienten und ihre Therapien sehr interessant. Dabei schlugen mir die Schilderungen aber nicht zu sehr aufs Gemüt. So schockierend die Diagnose auch sein muss, waren die beschriebenen Personen überwiegend hoffnungsvoll und den Umständen entsprechen positiv aufs Leben eingestellt.

Keine reine Ermittlung
Beim Lesen war mir zuerst nicht ganz klar, wer hier eigentlich der Protagonist ist. Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich Ruth heraus, Martin Ziegler tritt in diesen Ermittlungen aber eher nebenbei auf, Dr. Ernst Bender ist mehr im Vordergrund. In diesem Krimi steht auch nicht komplett die Ermittlung im Fokus, sondern es werden viele weitere Szenen beschrieben, die nicht unmittelbar mit dem Mord zu tun haben. Am Ende wird dann trotzdem alles rund und jede handelnde Person hatte seine Berechtigung, außerdem wurde es mir auch zu keiner Zeit zu langatmig.

Flacher Spannungsbogen
Den Spannungsbogen habe ich insgesamt etwas vermisst, die gesamte Geschichte liest sich doch eher gemächlich. Zum Ende hin kommt dann doch noch ein kleines bisschen Nervenkitzel dazu, was mir persönlich allerdings schon fast wieder zu gewollt dramatisch ist. Gut gefielen mir aber die detaillierten Beschreibungen der Schauplätze und besonders toll finde ich, wenn es diese dann auch im wirklichen Leben gibt und man sie besuchen kann, was hier der Fall ist.

Fazit: Interessantes Thema mit Ostsee-Schauplatz, das für meinen Geschmack aber noch etwas mehr Spannung vertragen kann. Trotzdem lesenswert.

Anja Eichbaum stammt aus dem Rheinland, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Als Diplom-Sozialarbeiterin ist sie seit vielen Jahren leitend in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Frühere biographische Stationen wie eine Krankenpflegeausbildung und ein „halbes“ Germanistikstudium bildeten Grundlage und Füllhorn zugleich für ihr literarisches Arbeiten. Aus ihrer Liebe zum Meer entstand ihr erster Norderney-Krimi, denn ihre Bücher verortet sie gerne dort, wo sie am liebsten selber ist: am Strand mit einem Kaffee in der Hand. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Letzte Hoffnung Meer | Erschienen am 13.02.2019 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-2374-1
472 Seiten | 14,– €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich bereits eine Doppelrezension mit zwei Romanen aus Mexiko gemacht: Fernando Melchor „Saison der Wirbelstürme“ und Antonio Ortuño „Die Verschwundenen“. Tenor damals wie heute: Mexiko als ein gescheiterter Staat, geprägt von Korruption und Kartellen und eine Atmosphäre der Gewalt bis in alle Gesellschaftsschichten. Das Thema interessiert mich weiterhin, so dass ich immer nach Romanen aus bzw. über Mexiko Ausschau halte. Zwei davon habe ich wieder zu einer Doppelrezension zusammengefasst. Zum einen ein viel diskutierter Roman. „American Dirt“, umstrittener Roman der US-amerikanischen Autorin Jeanine Cummins – vor allem auch umstritten, weil hier eine Außenstehende sich des Themas Gewalt in Mexiko annimmt. Zum einen ein Buch eines Insiders: Jorge Zepeda Pattersson, Journalist, politischer Analyst, hat seine Erfahrungen im Roman „Die Korrupten“ niedergeschrieben. Zeit für eine Doppelrezension.

Jeanine Cummins | American Dirt

Eine Geburtstagsfeier in Acapulco. Die Buchhändlerin Lydia, ihr Mann Sebastián und ihr achtjähriger Sohn Luca feiern quinceañera, den 15.Geburtstag ihrer Nichte, mit einer Grillparty im Kreise der ganzen Familie. Da betreten Sicarios das Grundstück und erschießen die ganze Familie. Nur Lydia und Luca konnten sich im Badezimmer des Hauses verstecken. Lydia weiß sofort, warum dieses Massaker geschehen ist: Ihr Mann, Zeitungsjournalist, ist dem Boss des neuen vorherrschenden Kartells Los Jardineros zu nahe gekommen. Und auch sie selbst verbindet etwas mit „La Lechuza“ – Die Eule.

Ihre Schatten bewegen sich wie ein klobiges Tier den Bürgersteig entlang. Unter dem Scheibenwischer ihres Autos, einem orangefarbenen VW Käfer, den man sofort überall wiedererkennt, steckt ein winziger Zettel, so klein, dass er niccht einmal in der heißen Brise flattert, die durch die Straße weht. […]
Sie […] zieht den Zettel unter dem Scheibenwischer hervor. Ein Wort, geschrieben mit grünen Textmarker: Buh! Der hastige Atemzug, den sie tut, fühlt sich an wie ein Stich durchs Innerste ihres Körpers. Sie schaut zu Luca hinüber, zerknüllt den Zettel in ihrer Faust und stopft ihn in ihre Tasche.
Sie müssen verschwinden. Sie müssen fort aus Acapulco, so weit fort, dass Javier Crespo Fuentes sie niemals finden kann. Sie können nicht mit diesem Auto fahren. (S.28-29)

Lydia entscheidet sich schnell zur Flucht nach „el norte“, in die Vereinigten Staaten. Doch sie weiß, dass sie nun eine der meist gesuchten Frauen in Mexiko ist – und die Kartelle sind erheblich effizienter als die Polizei. Mit ihren offiziellen Papieren kann sie sich nicht mehr fortbewegen. Lydia sieht keinen Ausweg, als sich mit Luca in den stetigen Strom der Illegalen einzureihen. Und diese haben ein bevorzugtes Fortbewegungsmittel: „La bestia“, die Güterzüge Richtung Norden. Für Lydia und Luca beginnt eine atemlose Flucht.
„American Dirt“ war vor einem Jahr einer der meist diskutierten Romane in den USA. Das lag aber nur am Anfang am Inhalt des Buches. Diese Fluchtstory und Geschichte einer bedingungslosen Mutterliebe ist handwerklich gut gemacht. Die Flucht von Lydia und Luca ist immer wieder durchsetzt von Spannungshöhepunkten, in Rückblicken wird die Hintergrundgeschichte erläutert. Als Thriller funktioniert der Roman wirklich gut – ob er die Gegebenheiten realistisch wiedergibt, wird von einigen angezweifelt. In der Tat beherbergt der Roman schon ein paar typische Stereotypen und Cummins schwelgt bei „Übermutter“ Lydia schon etwas im Pathos, aber dennoch war es ein guter, unterhaltender und spannender Thriller.

Die Diskussionen rund um das Buch lassen aber schon etwas aufhorchen, denn die Autorin hat sich dabei auch aus meiner Sicht nicht unbedingt klug verhalten. Etwas merkwürdig fand ich nämlich das Nachwort, in dem Cummins zwar eindeutig Empathie für die Situation der Menschen in Mexiko erkennen lässt. Sie stellt sich außerdem die Frage, ob sie als Außenstehende solch ein Buch schreiben dürfe, bejaht sie letztlich, meint aber: „Ich wünschte mir, dass es jemand schreiben würde, der etwas brauer ist als ich“. So schwingt an dieser und an anderen Stellen durchaus eine gewisse Überheblichkeit in ihrem Nachwort mit, die mir auch etwas aufstößt. Die Debatte entzündete sich dann auch an der Frage der „kulturellen Aneignung“, wobei dieses Buch und seine Autorin dabei auch aufgrund des Marketings so stark in den Mittelpunkt geriet.

Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Eine ganz andere Art von Roman, wenngleich auch mit dem Unterthema Journalismus in Mexiko hat der Autor Jorge Zepeda Pattersson geschrieben. „Die Korrupten“ erzählt die Geschichte der „Blauen“: Eine verschworene Jugendclique, drei Jungs und ein Mädchen (die Anführerin), aus gutbürgerlichem bis wohlhabenden Hause, die dreißig Jahre später immer noch Kontakt hält. Tomás ist inzwischen Journalist und Kolumnist einer großen Tageszeitung, Jaime ehemaliger Geheimdienstchef und aktuell Sicherheitsberater, Mario Hochschuldozent und Amelia Vorsitzende der linken Oppositionspartei.

Tomás journalistische Karriere befindet sich ein wenig auf dem absteigenden Ast, seine regelmäßige Kolumne hat an früherem Biss verloren. Da erhält er von einem Informanten einen Hinweis zum Mord an der bekannten Schauspielerin Pamela Dosantos. In seiner Kolumne bringt er den gefürchteten mexikanischen Innenminister Salazar vage in Verbindung mit dem Mord, löst damit einen politischen Skandal aus und gerät buchstäblich in die Schußlinie. Eine Entführung von Tomás misslingt nur knapp. Verschiedene politische, aber auch kriminelle Kräfte (wobei dies in Mexiko üblicherweise schwierig auseinanderzuhalten ist) wollen weitere Enthüllungen zum Mordfall Pamela verhindern. Doch die „Blauen“ halten zusammen, schmieden Pläne und blasen zum Gegenangriff, wobei ihnen zugutekommt, dass Pamela über ihre Liebschaften mit Prominenten und Politikern brisantes Material zusammengetragen hat. Die „Blauen“ sind durchaus auch mit allen Wassern gewaschen und sie beginnen zu ahnen, dass es zu einem politischen Beben kommen kann, zu Ungunsten der wieder aufkommenden autokratischen Kräfte Mexikos. Doch die Recherchen bleiben lebensgefährlich.

„Moment mal! Was ist, wenn Salazar gar nichts mit ihrem Tod zu tun hat? Wir können ihn doch nicht einfach lynchen?“, wandte Mario ein.
Die drei blickten ihn verwundert an. Jaime brach als Erster in Gelächter aus, Amelia umarmte Mario liebevoll.
„Mein Lieber, es geht hier doch gar nicht um Salazars Schuld oder Unschuld“, versicherte sie. „Es geht um die unmittelbare Zukunft des Landes.“ (E-Book, Pos.1643)

Kennt noch jemand „Borgen“, diese Fernsehserie um den intriganten Politbetrieb im Staate Dänemark? Eine wirklich starke Serie, was Dialoge, Story und Figurendarstellung betrifft und ein Musterbeispiel, wie man öde Politik spannend auch einem größeren Publikum nahebringen kann. Während der Lektüre von „Die Korrupten“ drängte sich mir irgendwann der Vergleich zu „Borgen“ förmlich auf, wenngleich die Dänen sich doch deutlich mehr in den Parlamentsfluren aufhalten. Dennoch hat Autor und Journalist Jorge Zepeda Pattersson einen Thriller über Korruption, Politik und politischen Journalismus geschrieben, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. Viele Szenen- und Perspektivwechsel, ein konstanter Spannungsbogen mit einzelnen Höhepunkten, überzeugenden Dialogen und einer Vielzahl von interessanten Figuren, die auch zumeist vielschichtig betrachtet werden und nicht nur eindimensional rüberkommen. Im Vergleich zu „Borgen“ wird das Ganze aber natürlich um einiges mexikanischer serviert: Mehr Blei, mehr Blut, mehr Sex, mehr Theatralik. Aber genau wie in Dänemark Brigitte Nyborg sind inmitten des politischen Maschismo die Frauen die entscheidenden Personen der Geschichte: In diesem Fall die clevere und schöne Amelia und die tote, aber zu Lebzeiten arg unterschätzte Pamela.

„Die Korrupten“ war Zepeda Patterssons Debütroman, erschien im Original bereits 2013 und ist der Auftakt einer Trilogie um „Die Blauen“. Auf Deutsch sind bislang zwei Titel im schweizer Elster Verlag erschienen. Der Autor gibt in einem Interview mit dem „Spiegel“ einen Einblick in seine Motivation. Er stellt fest, „dass journalistische Texte nicht das ganze Bild der Korruption in Mexiko wiedergeben können“, da viele Betroffene aus Angst um ihr Leben nicht aussagen. „Fiktion lässt sich leichter verdauen als der Bericht eines Journalisten. Die Leute mögen es nicht, ihren Namen in einem Text zu lesen.“ Und er erläutert eine bekannte Redewendung in der mexikanischen Politik: „Ein armer Politiker ist ein armseliger Politiker.“ Insgesamt bietet „Die Korrupten“ einen sehr anregenden Einblick in die politischen Gegebenheiten Mexikos und ist dabei sehr leichtgängig geschrieben. Für diesen Roman gebe ich eine ausdrückliche Leseempfehlung.

 

Rezension und Foto von Gunnar.

American Dirt | Erschienen am 21.04.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-499-27682-8
560 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Die Korrupten | Im Original erschienen 2013,
die deutsche Ausgabe erschien am 17.02.2020 im Elster Verlag
ISBN: 978-3-906-90315-6
520 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN: 978-3-906-90315-6 | 14,99 €
Originaltitel: Los corruptores
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Politthriller
Wertung: 4.5 von 5.0

Norbert Horst | Kaltes Land

Norbert Horst | Kaltes Land

„Und als ihr kamt, war das Schloss noch intakt?“ Steiger zog die Brauen hoch und stieß kurz Luft durch die Nase aus. „Ja, es war noch in Ordnung, und die Tür war auch verschlossen. Schon klar, ein Schlüsseldienst wäre besser gewesen, aber wer rechnet denn in diesem Drecksloch mit so was. Ich hab im schlimmsten Fall an einen toten Penner gedacht, aber eigentlich mehr an irgendein verrecktes Vieh oder vergammeltes Fleisch.“ Auszug Seite 34

Die Dortmunder Nordstadt gilt schon länger als Problemviertel. Der Multikulti-Stadtteil nahe der Innenstadt steht zwar auch für kulturelle Vielfalt, aber mehr noch für Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel. Trotz großer Bemühungen seitens der Stadt stehen in dem ehemaligen Arbeiterviertel zwischen Nordmarkt, Hafen und Borsigplatz viele unbewohnbare Schrottimmobilien immer noch leer.

Ein toter Bodypacker
In einem dieser Problemhäuser wird ein sogenannter Bodypacker tot aufgefunden. Offensichtlich hatte er Drogenpäckchen zum Transport geschluckt und war daran verstorben. Kein schöner Anblick für Kommissar Thomas Adam, von allen nur Steiger genannt, und seine Kollegin Jana Goll. Um trotzdem noch an die Ware zu kommen, war der Körper des Jungen regelrecht ausgeweidet worden. Auf einem verbliebenen Kokainpäckchen kann zumindest ein Teilabdruck gesichert werden. Doch dieser weist auf einen Mann hin, der seit Jahren tot sein soll. Auch die Identität des Opfers lässt sich nicht klären, denn hier hat es die Dortmunder Kripo mit Illegalen zu tun. Menschen, die ihre wahre Identität verschleiern, indem sie ihre Pässe wegwerfen sowie falsche Namen und Alter angeben, um nicht sofort wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt zu werden. Als dann in Kroatien die Leichen zweier junger Flüchtlinge gefunden werden, denen Organe entnommen wurden, stellt Steiger schockiert fest, dass er einen davon kennt. Er und Jana hatten den Jungen erst vor kurzem in eine Dortmunder Unterkunft gebracht.

Es ist ein politisch brisantes und aktuelles Thema, dass Norbert Horst hier thematisiert. Es geht um minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung in Deutschland ankommen. Auf der Flucht haben sie oft Furchtbares erlebt, sind traumatisiert. Aus Angst vor Abschiebung lassen sie sich nicht registrieren und werden gezielt von skrupellosen Menschenhändlern oft schon am Bahnhof abgefangen. Es sind meistens Landsleute, die sie ansprechen und ihnen vordergründig Hilfe zusichern. In dieser Parallelwelt ist das Leben der Flüchtlinge nicht viel wert und der Tod wird billigend in Kauf genommen. Einfach verdientes Geld, denn wen die Behörden nicht auf dem Schirm haben, kann auch nicht vermisst werden.

Ein kaltes Land
Der Autor nutzt die Perspektive zweier Jugendlicher und schildert deren mühsamen Weg aus Afghanistan nach Deutschland auf eine lebenswerte Zukunft hoffend. Auf der Flucht verliert Arjun seinen Onkel, ist erst mal ganz alleine unterwegs, bis er die gleichaltrige Samira kennenlernt. In Deutschland angekommen geraten die beiden sofort in die Fänge von Kriminellen.

Im dritten Fall des Dortmunder Kommissar Thomas Adam sieht sich dieser mit den mafiösen Aktivitäten einer Organisation konfrontiert, die von Drogenhandel, Zwangsprostitution bis Organhandel alles abdeckt. Sachlich und nüchtern wird in kurzen, knappen Kapiteln geschildert, wie Steiger und sein Team auf der Suche nach dem hochintelligenten Drahtzieher dieses kriminellen Netzwerkes sind. Der Leser ist die ganze Zeit hautnah bei der akribischen Polizeiarbeit dabei und der Polizeialltag mit seiner unvermeidlichen Bürokratie ist natürlich nicht immer megaspannend. Auch die Kriminalbeamten werden nicht als Superhelden dargestellt und was mir sehr gut gefallen hat, niemand stürzt sich in gefährliche Alleingänge. Plausibel wird geschildert, dass vor gefährlichen Einsätzen erst auf das SEK gewartet wird und dass die Sicherheit der Polizisten immer im Vordergrund steht. Das wirkt realistisch und liegt sicher daran, dass Norbert Horst weiß, wovon er schreibt, denn er hat jahrelang erst als Streifenbeamter und nach seinem Studium als Kriminalbeamter beim Landeskriminalamt gearbeitet. Er sammelte Erfahrungen als Ermittler in Wirtschaftskriminalfällen und in diversen Mordkommissionen. Dadurch entsteht eine große Glaubwürdigkeit und das macht den Reiz dieser Kriminalserie aus.

Auch wenn es manchmal noch den ein oder anderen alten Kripohaudegen gab, der in gewohnter elitärer Ermittlerarroganz seine Herablassung für diese Truppe zeigte, waren doch alle froh und erleichtert, dass es sie gab und man nach ihrem Einsatz den Ort eines Verbrechens so gefahrlos betreten konnte, als sei es das eigene Wohnzimmer. Auszug Seite 377

Ein Dortmunder Bulle
Steiger ist ein Polizist, wie man ihn gerne hätte. Er ist empathisch mit einem großen Gerechtigkeitsempfinden, kollegial und trinkfest, aber ohne großen beruflichen Ehrgeiz. Während die Beziehung zu seiner großen Liebe Eva kompliziert bleibt, bemüht er sich um seinen langjährigen Kollegen und Freund Batto, der im Dienst einen Täter erschossen hat und dem das schwer zu schaffen macht. Steiger steht ziemlich hilflos daneben und sieht die Freundschaft der beiden dadurch fast zugrunde gehen. Auch das las sich für mich sehr authentisch.
„Kaltes Land“ ist der dritte Teil der Reihe um Kommissar Steiger, der aber auch gut ohne Vorkenntnisse der anderen Bände gelesen werden kann. Inzwischen ist bereits Band 4 „Bitterer Zorn“ erschienen.

Funfact: Steiger ist übrigens Schalke-Fan, aber mit einem Trikot dieses Vereins konnte ich nicht dienen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Kaltes Land | Erschienen am 18. September 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-4424-8617-5
400 Seiten |9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 2 der Reihe, „Mädchenware“, im Rahmen eines Mini-Themenspecials „Ruhrpottkrimis