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Anja Eichbaum | Letzte Hoffnung Meer

Anja Eichbaum | Letzte Hoffnung Meer

„Die positiven Dinge waren das Meer. Die Ostsee, die sie schon als Kind so geliebt hatte. Und ihre Strandbude. Die der Himmel hierhin gesetzt haben mochte. Ein Ort, an dem sich die Gesunden und Kranken trafen, einander beäugten, als kämen sie von unterschiedlichen Planeten. Ein Ort, an dem die Urlauber demütig wurden. An dem die Kranken manchmal verzweifelten, aber genauso oft Hoffnung schöpften. Mal sehen, ob es dort schon einen Kaffee gab.“ (Seite 12)

Im Ostseebad Boltenhagen wird eine tote Frau mit durchtrennter Kehle gefunden. Nach der ersten Untersuchung steht fest, dass die Frau Patientin einer Klinik war, die sich auf Krebstherapie spezialisiert hat und als geheilt galt. Der Kommissar Dr. Ernst Bender von der Schweriner Mordkommission nimmt sich dem Fall an, denn er glaubt nicht wie seine Kollegen, dass dieser Mord zu einer anderen Serie in Schwerin passt. Am Tatort trifft Bender dann durch Zufall auf Polizeipsychologin Ruth Keiser und den Norderneyer Polizisten Martin Ziegler, die beide eigentlich nur Urlaub an der Ostsee machen wollten, sich aber schneller in den Ermittlungen verstricken, als ihnen lieb sein mochte.

Diagnose Krebs
„Letzte Hoffnung Meer“ von Anja Eichbaum ist der zweite Fall um Polizeipsychologin Ruth Keiser und Polizist Martin Ziegler. Die Geschichte liest sich sehr flüssig und ich fand das Thema der Krebs-Patienten und ihre Therapien sehr interessant. Dabei schlugen mir die Schilderungen aber nicht zu sehr aufs Gemüt. So schockierend die Diagnose auch sein muss, waren die beschriebenen Personen überwiegend hoffnungsvoll und den Umständen entsprechen positiv aufs Leben eingestellt.

Keine reine Ermittlung
Beim Lesen war mir zuerst nicht ganz klar, wer hier eigentlich der Protagonist ist. Im Laufe der Geschichte kristallisiert sich Ruth heraus, Martin Ziegler tritt in diesen Ermittlungen aber eher nebenbei auf, Dr. Ernst Bender ist mehr im Vordergrund. In diesem Krimi steht auch nicht komplett die Ermittlung im Fokus, sondern es werden viele weitere Szenen beschrieben, die nicht unmittelbar mit dem Mord zu tun haben. Am Ende wird dann trotzdem alles rund und jede handelnde Person hatte seine Berechtigung, außerdem wurde es mir auch zu keiner Zeit zu langatmig.

Flacher Spannungsbogen
Den Spannungsbogen habe ich insgesamt etwas vermisst, die gesamte Geschichte liest sich doch eher gemächlich. Zum Ende hin kommt dann doch noch ein kleines bisschen Nervenkitzel dazu, was mir persönlich allerdings schon fast wieder zu gewollt dramatisch ist. Gut gefielen mir aber die detaillierten Beschreibungen der Schauplätze und besonders toll finde ich, wenn es diese dann auch im wirklichen Leben gibt und man sie besuchen kann, was hier der Fall ist.

Fazit: Interessantes Thema mit Ostsee-Schauplatz, das für meinen Geschmack aber noch etwas mehr Spannung vertragen kann. Trotzdem lesenswert.

Anja Eichbaum stammt aus dem Rheinland, wo sie bis heute mit ihrer Familie lebt. Als Diplom-Sozialarbeiterin ist sie seit vielen Jahren leitend in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Frühere biographische Stationen wie eine Krankenpflegeausbildung und ein „halbes“ Germanistikstudium bildeten Grundlage und Füllhorn zugleich für ihr literarisches Arbeiten. Aus ihrer Liebe zum Meer entstand ihr erster Norderney-Krimi, denn ihre Bücher verortet sie gerne dort, wo sie am liebsten selber ist: am Strand mit einem Kaffee in der Hand. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Letzte Hoffnung Meer | Erschienen am 13.02.2019 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-2374-1
472 Seiten | 14,– €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich bereits eine Doppelrezension mit zwei Romanen aus Mexiko gemacht: Fernando Melchor „Saison der Wirbelstürme“ und Antonio Ortuño „Die Verschwundenen“. Tenor damals wie heute: Mexiko als ein gescheiterter Staat, geprägt von Korruption und Kartellen und eine Atmosphäre der Gewalt bis in alle Gesellschaftsschichten. Das Thema interessiert mich weiterhin, so dass ich immer nach Romanen aus bzw. über Mexiko Ausschau halte. Zwei davon habe ich wieder zu einer Doppelrezension zusammengefasst. Zum einen ein viel diskutierter Roman. „American Dirt“, umstrittener Roman der US-amerikanischen Autorin Jeanine Cummins – vor allem auch umstritten, weil hier eine Außenstehende sich des Themas Gewalt in Mexiko annimmt. Zum einen ein Buch eines Insiders: Jorge Zepeda Pattersson, Journalist, politischer Analyst, hat seine Erfahrungen im Roman „Die Korrupten“ niedergeschrieben. Zeit für eine Doppelrezension.

Jeanine Cummins | American Dirt

Eine Geburtstagsfeier in Acapulco. Die Buchhändlerin Lydia, ihr Mann Sebastián und ihr achtjähriger Sohn Luca feiern quinceañera, den 15.Geburtstag ihrer Nichte, mit einer Grillparty im Kreise der ganzen Familie. Da betreten Sicarios das Grundstück und erschießen die ganze Familie. Nur Lydia und Luca konnten sich im Badezimmer des Hauses verstecken. Lydia weiß sofort, warum dieses Massaker geschehen ist: Ihr Mann, Zeitungsjournalist, ist dem Boss des neuen vorherrschenden Kartells Los Jardineros zu nahe gekommen. Und auch sie selbst verbindet etwas mit „La Lechuza“ – Die Eule.

Ihre Schatten bewegen sich wie ein klobiges Tier den Bürgersteig entlang. Unter dem Scheibenwischer ihres Autos, einem orangefarbenen VW Käfer, den man sofort überall wiedererkennt, steckt ein winziger Zettel, so klein, dass er niccht einmal in der heißen Brise flattert, die durch die Straße weht. […]
Sie […] zieht den Zettel unter dem Scheibenwischer hervor. Ein Wort, geschrieben mit grünen Textmarker: Buh! Der hastige Atemzug, den sie tut, fühlt sich an wie ein Stich durchs Innerste ihres Körpers. Sie schaut zu Luca hinüber, zerknüllt den Zettel in ihrer Faust und stopft ihn in ihre Tasche.
Sie müssen verschwinden. Sie müssen fort aus Acapulco, so weit fort, dass Javier Crespo Fuentes sie niemals finden kann. Sie können nicht mit diesem Auto fahren. (S.28-29)

Lydia entscheidet sich schnell zur Flucht nach „el norte“, in die Vereinigten Staaten. Doch sie weiß, dass sie nun eine der meist gesuchten Frauen in Mexiko ist – und die Kartelle sind erheblich effizienter als die Polizei. Mit ihren offiziellen Papieren kann sie sich nicht mehr fortbewegen. Lydia sieht keinen Ausweg, als sich mit Luca in den stetigen Strom der Illegalen einzureihen. Und diese haben ein bevorzugtes Fortbewegungsmittel: „La bestia“, die Güterzüge Richtung Norden. Für Lydia und Luca beginnt eine atemlose Flucht.
„American Dirt“ war vor einem Jahr einer der meist diskutierten Romane in den USA. Das lag aber nur am Anfang am Inhalt des Buches. Diese Fluchtstory und Geschichte einer bedingungslosen Mutterliebe ist handwerklich gut gemacht. Die Flucht von Lydia und Luca ist immer wieder durchsetzt von Spannungshöhepunkten, in Rückblicken wird die Hintergrundgeschichte erläutert. Als Thriller funktioniert der Roman wirklich gut – ob er die Gegebenheiten realistisch wiedergibt, wird von einigen angezweifelt. In der Tat beherbergt der Roman schon ein paar typische Stereotypen und Cummins schwelgt bei „Übermutter“ Lydia schon etwas im Pathos, aber dennoch war es ein guter, unterhaltender und spannender Thriller.

Die Diskussionen rund um das Buch lassen aber schon etwas aufhorchen, denn die Autorin hat sich dabei auch aus meiner Sicht nicht unbedingt klug verhalten. Etwas merkwürdig fand ich nämlich das Nachwort, in dem Cummins zwar eindeutig Empathie für die Situation der Menschen in Mexiko erkennen lässt. Sie stellt sich außerdem die Frage, ob sie als Außenstehende solch ein Buch schreiben dürfe, bejaht sie letztlich, meint aber: „Ich wünschte mir, dass es jemand schreiben würde, der etwas brauer ist als ich“. So schwingt an dieser und an anderen Stellen durchaus eine gewisse Überheblichkeit in ihrem Nachwort mit, die mir auch etwas aufstößt. Die Debatte entzündete sich dann auch an der Frage der „kulturellen Aneignung“, wobei dieses Buch und seine Autorin dabei auch aufgrund des Marketings so stark in den Mittelpunkt geriet.

Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Eine ganz andere Art von Roman, wenngleich auch mit dem Unterthema Journalismus in Mexiko hat der Autor Jorge Zepeda Pattersson geschrieben. „Die Korrupten“ erzählt die Geschichte der „Blauen“: Eine verschworene Jugendclique, drei Jungs und ein Mädchen (die Anführerin), aus gutbürgerlichem bis wohlhabenden Hause, die dreißig Jahre später immer noch Kontakt hält. Tomás ist inzwischen Journalist und Kolumnist einer großen Tageszeitung, Jaime ehemaliger Geheimdienstchef und aktuell Sicherheitsberater, Mario Hochschuldozent und Amelia Vorsitzende der linken Oppositionspartei.

Tomás journalistische Karriere befindet sich ein wenig auf dem absteigenden Ast, seine regelmäßige Kolumne hat an früherem Biss verloren. Da erhält er von einem Informanten einen Hinweis zum Mord an der bekannten Schauspielerin Pamela Dosantos. In seiner Kolumne bringt er den gefürchteten mexikanischen Innenminister Salazar vage in Verbindung mit dem Mord, löst damit einen politischen Skandal aus und gerät buchstäblich in die Schußlinie. Eine Entführung von Tomás misslingt nur knapp. Verschiedene politische, aber auch kriminelle Kräfte (wobei dies in Mexiko üblicherweise schwierig auseinanderzuhalten ist) wollen weitere Enthüllungen zum Mordfall Pamela verhindern. Doch die „Blauen“ halten zusammen, schmieden Pläne und blasen zum Gegenangriff, wobei ihnen zugutekommt, dass Pamela über ihre Liebschaften mit Prominenten und Politikern brisantes Material zusammengetragen hat. Die „Blauen“ sind durchaus auch mit allen Wassern gewaschen und sie beginnen zu ahnen, dass es zu einem politischen Beben kommen kann, zu Ungunsten der wieder aufkommenden autokratischen Kräfte Mexikos. Doch die Recherchen bleiben lebensgefährlich.

„Moment mal! Was ist, wenn Salazar gar nichts mit ihrem Tod zu tun hat? Wir können ihn doch nicht einfach lynchen?“, wandte Mario ein.
Die drei blickten ihn verwundert an. Jaime brach als Erster in Gelächter aus, Amelia umarmte Mario liebevoll.
„Mein Lieber, es geht hier doch gar nicht um Salazars Schuld oder Unschuld“, versicherte sie. „Es geht um die unmittelbare Zukunft des Landes.“ (E-Book, Pos.1643)

Kennt noch jemand „Borgen“, diese Fernsehserie um den intriganten Politbetrieb im Staate Dänemark? Eine wirklich starke Serie, was Dialoge, Story und Figurendarstellung betrifft und ein Musterbeispiel, wie man öde Politik spannend auch einem größeren Publikum nahebringen kann. Während der Lektüre von „Die Korrupten“ drängte sich mir irgendwann der Vergleich zu „Borgen“ förmlich auf, wenngleich die Dänen sich doch deutlich mehr in den Parlamentsfluren aufhalten. Dennoch hat Autor und Journalist Jorge Zepeda Pattersson einen Thriller über Korruption, Politik und politischen Journalismus geschrieben, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. Viele Szenen- und Perspektivwechsel, ein konstanter Spannungsbogen mit einzelnen Höhepunkten, überzeugenden Dialogen und einer Vielzahl von interessanten Figuren, die auch zumeist vielschichtig betrachtet werden und nicht nur eindimensional rüberkommen. Im Vergleich zu „Borgen“ wird das Ganze aber natürlich um einiges mexikanischer serviert: Mehr Blei, mehr Blut, mehr Sex, mehr Theatralik. Aber genau wie in Dänemark Brigitte Nyborg sind inmitten des politischen Maschismo die Frauen die entscheidenden Personen der Geschichte: In diesem Fall die clevere und schöne Amelia und die tote, aber zu Lebzeiten arg unterschätzte Pamela.

„Die Korrupten“ war Zepeda Patterssons Debütroman, erschien im Original bereits 2013 und ist der Auftakt einer Trilogie um „Die Blauen“. Auf Deutsch sind bislang zwei Titel im schweizer Elster Verlag erschienen. Der Autor gibt in einem Interview mit dem „Spiegel“ einen Einblick in seine Motivation. Er stellt fest, „dass journalistische Texte nicht das ganze Bild der Korruption in Mexiko wiedergeben können“, da viele Betroffene aus Angst um ihr Leben nicht aussagen. „Fiktion lässt sich leichter verdauen als der Bericht eines Journalisten. Die Leute mögen es nicht, ihren Namen in einem Text zu lesen.“ Und er erläutert eine bekannte Redewendung in der mexikanischen Politik: „Ein armer Politiker ist ein armseliger Politiker.“ Insgesamt bietet „Die Korrupten“ einen sehr anregenden Einblick in die politischen Gegebenheiten Mexikos und ist dabei sehr leichtgängig geschrieben. Für diesen Roman gebe ich eine ausdrückliche Leseempfehlung.

 

Rezension und Foto von Gunnar.

American Dirt | Erschienen am 21.04.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-499-27682-8
560 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Die Korrupten | Im Original erschienen 2013,
die deutsche Ausgabe erschien am 17.02.2020 im Elster Verlag
ISBN: 978-3-906-90315-6
520 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN: 978-3-906-90315-6 | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Politthriller
Wertung: 4.5 von 5.0

Norbert Horst | Kaltes Land

Norbert Horst | Kaltes Land

„Und als ihr kamt, war das Schloss noch intakt?“ Steiger zog die Brauen hoch und stieß kurz Luft durch die Nase aus. „Ja, es war noch in Ordnung, und die Tür war auch verschlossen. Schon klar, ein Schlüsseldienst wäre besser gewesen, aber wer rechnet denn in diesem Drecksloch mit so was. Ich hab im schlimmsten Fall an einen toten Penner gedacht, aber eigentlich mehr an irgendein verrecktes Vieh oder vergammeltes Fleisch.“ Auszug Seite 34

Die Dortmunder Nordstadt gilt schon länger als Problemviertel. Der Multikulti-Stadtteil nahe der Innenstadt steht zwar auch für kulturelle Vielfalt, aber mehr noch für Kriminalität, Prostitution und Drogenhandel. Trotz großer Bemühungen seitens der Stadt stehen in dem ehemaligen Arbeiterviertel zwischen Nordmarkt, Hafen und Borsigplatz viele unbewohnbare Schrottimmobilien immer noch leer.

Ein toter Bodypacker
In einem dieser Problemhäuser wird ein sogenannter Bodypacker tot aufgefunden. Offensichtlich hatte er Drogenpäckchen zum Transport geschluckt und war daran verstorben. Kein schöner Anblick für Kommissar Thomas Adam, von allen nur Steiger genannt, und seine Kollegin Jana Goll. Um trotzdem noch an die Ware zu kommen, war der Körper des Jungen regelrecht ausgeweidet worden. Auf einem verbliebenen Kokainpäckchen kann zumindest ein Teilabdruck gesichert werden. Doch dieser weist auf einen Mann hin, der seit Jahren tot sein soll. Auch die Identität des Opfers lässt sich nicht klären, denn hier hat es die Dortmunder Kripo mit Illegalen zu tun. Menschen, die ihre wahre Identität verschleiern, indem sie ihre Pässe wegwerfen sowie falsche Namen und Alter angeben, um nicht sofort wieder in ihre Herkunftsländer zurückgeschickt zu werden. Als dann in Kroatien die Leichen zweier junger Flüchtlinge gefunden werden, denen Organe entnommen wurden, stellt Steiger schockiert fest, dass er einen davon kennt. Er und Jana hatten den Jungen erst vor kurzem in eine Dortmunder Unterkunft gebracht.

Es ist ein politisch brisantes und aktuelles Thema, dass Norbert Horst hier thematisiert. Es geht um minderjährige Flüchtlinge, die ohne Begleitung in Deutschland ankommen. Auf der Flucht haben sie oft Furchtbares erlebt, sind traumatisiert. Aus Angst vor Abschiebung lassen sie sich nicht registrieren und werden gezielt von skrupellosen Menschenhändlern oft schon am Bahnhof abgefangen. Es sind meistens Landsleute, die sie ansprechen und ihnen vordergründig Hilfe zusichern. In dieser Parallelwelt ist das Leben der Flüchtlinge nicht viel wert und der Tod wird billigend in Kauf genommen. Einfach verdientes Geld, denn wen die Behörden nicht auf dem Schirm haben, kann auch nicht vermisst werden.

Ein kaltes Land
Der Autor nutzt die Perspektive zweier Jugendlicher und schildert deren mühsamen Weg aus Afghanistan nach Deutschland auf eine lebenswerte Zukunft hoffend. Auf der Flucht verliert Arjun seinen Onkel, ist erst mal ganz alleine unterwegs, bis er die gleichaltrige Samira kennenlernt. In Deutschland angekommen geraten die beiden sofort in die Fänge von Kriminellen.

Im dritten Fall des Dortmunder Kommissar Thomas Adam sieht sich dieser mit den mafiösen Aktivitäten einer Organisation konfrontiert, die von Drogenhandel, Zwangsprostitution bis Organhandel alles abdeckt. Sachlich und nüchtern wird in kurzen, knappen Kapiteln geschildert, wie Steiger und sein Team auf der Suche nach dem hochintelligenten Drahtzieher dieses kriminellen Netzwerkes sind. Der Leser ist die ganze Zeit hautnah bei der akribischen Polizeiarbeit dabei und der Polizeialltag mit seiner unvermeidlichen Bürokratie ist natürlich nicht immer megaspannend. Auch die Kriminalbeamten werden nicht als Superhelden dargestellt und was mir sehr gut gefallen hat, niemand stürzt sich in gefährliche Alleingänge. Plausibel wird geschildert, dass vor gefährlichen Einsätzen erst auf das SEK gewartet wird und dass die Sicherheit der Polizisten immer im Vordergrund steht. Das wirkt realistisch und liegt sicher daran, dass Norbert Horst weiß, wovon er schreibt, denn er hat jahrelang erst als Streifenbeamter und nach seinem Studium als Kriminalbeamter beim Landeskriminalamt gearbeitet. Er sammelte Erfahrungen als Ermittler in Wirtschaftskriminalfällen und in diversen Mordkommissionen. Dadurch entsteht eine große Glaubwürdigkeit und das macht den Reiz dieser Kriminalserie aus.

Auch wenn es manchmal noch den ein oder anderen alten Kripohaudegen gab, der in gewohnter elitärer Ermittlerarroganz seine Herablassung für diese Truppe zeigte, waren doch alle froh und erleichtert, dass es sie gab und man nach ihrem Einsatz den Ort eines Verbrechens so gefahrlos betreten konnte, als sei es das eigene Wohnzimmer. Auszug Seite 377

Ein Dortmunder Bulle
Steiger ist ein Polizist, wie man ihn gerne hätte. Er ist empathisch mit einem großen Gerechtigkeitsempfinden, kollegial und trinkfest, aber ohne großen beruflichen Ehrgeiz. Während die Beziehung zu seiner großen Liebe Eva kompliziert bleibt, bemüht er sich um seinen langjährigen Kollegen und Freund Batto, der im Dienst einen Täter erschossen hat und dem das schwer zu schaffen macht. Steiger steht ziemlich hilflos daneben und sieht die Freundschaft der beiden dadurch fast zugrunde gehen. Auch das las sich für mich sehr authentisch.
„Kaltes Land“ ist der dritte Teil der Reihe um Kommissar Steiger, der aber auch gut ohne Vorkenntnisse der anderen Bände gelesen werden kann. Inzwischen ist bereits Band 4 „Bitterer Zorn“ erschienen.

Funfact: Steiger ist übrigens Schalke-Fan, aber mit einem Trikot dieses Vereins konnte ich nicht dienen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Kaltes Land | Erschienen am 18. September 2017 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-4424-8617-5
400 Seiten |9,99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Band 2 der Reihe, „Mädchenware“, im Rahmen eines Mini-Themenspecials „Ruhrpottkrimis

 

Olga Tokarczuk | Gesang der Fledermäuse

Olga Tokarczuk | Gesang der Fledermäuse

Ich entschloss mich, heute trotz Schmerzen den Abhang hinaufzugehen und alles von oben zu betrachten. Sicher wäre die Welt noch an ihrem Ort. Vielleicht würde mich das beruhigen und bewirken, dass sich meine Kehle lockerte und es mir besser ginge. […] Ich blickte auf die schwarz-weiße Landschaft des Hochplateaus, und mir war klar, dass Traurigkeit ein wichtiges Wort bei der Definition der Welt war. Sie liegt allem zugrunde, sie ist das fünfte Element, die Quintessenz. (Auszug Seiten 59-60)

In einer kleinen Siedlung auf einem Hochplateau an der polnisch-tschechischen Grenze leben im Winter nur wenige Menschen, unter anderem Janina Duszejko und ihr Nachbar Matoga. Beide finden einen dritten Nachbarn jämmerlich an einem Rehknochen erstickt in seiner Hütte vor. Ein Unfall, wenngleich unter merkwürdigen Umständen. Die Polizei ermittelt nur kurz. Wenig später findet Janina die nächste Leiche, der ermittelnde Kommissar ist kopfüber in einen alten Brunnen am Wegesrand gestürzt. Rund um den Brunnen finden sich ganz viele Rehspuren. Janina ist sich sicher, dass hier etwas nicht mit rechten Dingen zugeht. Schlägt etwa die Natur zurück? Sie ermittelt auf eigene Faust.

Janina Duszejko ist eine ältere Dame, die als Lehrerin für Englisch einige Stunden noch arbeitet. Sie lebt in einer kleinen Hütte in der abgelegenen Siedlung, in der die meisten Häuser nur im Sommer bewohnt werden. Regelmäßig besucht sie noch ein ehemaliger Schüler, mit dem sie Gedichte des von ihr geschätzten englischen Lyrikers William Blake (Auszüge aus den Gedichten ziehen sich symbolträchtig durch das ganze Buch) übersetzt. Ansonsten bleibt sie lieber unter sich und im Einklang mit der Natur. Sie gilt den meisten Mitmenschen als verschroben oder sogar Schlimmeres, denn sie spricht unter anderem mit den Tieren und widmet sich ausführlich der Astrologie. Vor allem prangert sie den Umgang der Menschen untereinander und vor allem gegenüber der Tierwelt an. Doch Gehör findet sie nicht.

Ich ging bis in den Wald hinein, dort hätte ich endlos herumstromern können. Im Wald war es plötzlich still, eine riesige und behagliche Tiefe tat sich auf, in der man sich gut verstecken konnte. Der Wald schaukelte meine Gedanken. Hier musste ich mein unangenehmstes Leiden nicht verstecken – mein Weinen. Ich konnte die Tränen fließen lassen, sie konnten die Augen spülen und die Sicht verbessern. Vielleicht konnte ich deshalb mehr sehen als Menschen mit trockenen Augen. (Seite 174)

Autorin Olga Tokarczuk ist Psychologin und die wohl aktuell wichtigste polnische Schriftstellerin. Im letzten Jahr gewann sie rückwirkend für 2018 den Literaturnobelpreis. Leider ging ihre Würdigung ein wenig im Streit um den anderen Preisträger dieser Doppelverleihung – Peter Handke – etwas unter. Das Nobelkomitee würdigte „ihre erzählerische Vorstellungskraft, die mit enzyklopädischer Leidenschaft das Überschreiten von Grenzen als Lebensform darstellt“. Eine Überschreitung sämtlicher Genregrenzen ist dabei ihr 2009 im Original erschienener Roman Gesang der Fledermäuse. Neben philosophischen und moralischen Betrachtungen, ein wenig Mystik, Gesellschafts- und Zivilisationskritik, handelt es sich hier in Teilen auch um einen Kriminalroman mit der schrulligen Janina als Ich-Erzählerin und Ermittlerin. Diese Figur mit ihrer Melancholie, dem immer mal durchscheinenden trockenen Humor, der verschrobenen Liebenswürdigkeit und großen Moral trägt für mich auch den Roman, der an manchen Stellen vielleicht etwas pathetisch und mystisch wird, aber in seiner kritischen Haltung für mehr Respekt gegenüber den Tieren und seinen Mitmenschen dennoch überzeugt. Insgesamt aber eine lesenswerte Begegnung mit der polnischen Nobelpreisträgerin.

Das Buch wurde übrigens von der bekannten polnischen Regisseurin Agnieszka Holland verfilmt. Die Spur (Originaltitel: „Pokot“) wurde 2017 bei der Berlinale uraufgeführt und gewann dort den Silbernen Bären. Der Film hält sich grundsätzlich an die Romanvorlage, Olga Tukarczuk war auch am Drehbuch beteiligt. Besonders eindrucksvoll war für mich die Inszenierung der Landschaft und Tierwelt und das Spiel von Agnieszka Mandat-Grąbka als Janina Duszejko. Ich fand den Film generell etwas plakativer in Sachen Feminismus, Zivilisationskritik und vor allem Kritik am Umgang mit Tieren. Die Kriminalhandlung, die im Buch noch deutlicher aufblitzt, kam mir im Film etwas zu kurz. Dennoch hat mir auch der Film gefallen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Gesang der Fledermäuse | Erstmals erschienen 2010
Die aktuelle Ausgabe erschien am 28. November 2019 im Kampa Verlag
ISBN 987-3-311-10022-5
310 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Prowadź swój pług przez kości umarłych
Bibliographische Angaben & Leseprobe, Filmtrailer „Die Spur“

Deepa Anappara | Die Detektive vom Bhoot-Basar

Deepa Anappara | Die Detektive vom Bhoot-Basar

„Haben Sie diesen Jungen gesehen“, fragt Pari, und ihre Stimme ist genauso kühl wie die Eishände, mit denen sie Bahadurs Foto hochhält. „War er hier? Haben Sie seinen Freund gesehen?“
„Darum muss sich die Polizei kümmern, nicht ihr“, sagt der Mann.
„Die Polizei kümmert sich aber nicht um uns, weil wir arm sind“, sage ich. (Auszug Seite 121)

Jai und seine Freunde Pari und Faiz leben in einer illegalen Armensiedlung (Basti) in einer nordindischen Stadt und gehen in die vierte Klasse. Das Leben im Basti ist beschwerlich und gefährlich. Doch die Situation wird noch bedrohlicher, als kurz nacheinander ein Mitschüler aus ihrer Klasse und ein weiteres Kind aus der Siedlung verschwindet. Die Polizei unternimmt nichts, die Stimmung wird zunehmend aufgeheizt. Jai und seine Freunde gründen ein Detektivtrio und gehen selbst auf die Spur nach den verschwundenen Kindern.

Jai, Pari und Faiz suchen nach Hinweisen im Basti, in der Schule und im benachbarten wuseligen Bhoot-Basar mit all seinen Ständen und Gassen. Sie wagen sich sogar verbotenerweise bis ins weit entfernte Stadtzentrum und bis zum Bahnhof. Sie sammeln ein paar Einzelheiten, die darauf hindeuten, dass die Kinder nicht freiwillig weggelaufen sind und können ein paar Gerüchte entkräften. Doch wer genau dahintersteckt, da tappen sie weiterhin im Dunkeln.

Die Unruhe im Armenviertel wird immer größer und es werden Schuldige gesucht. Auch die Polizei mischt nun mit, aber schürt den Konflikt durch Korruption und voreilige Festnahmen nur noch. Außerdem schwelt für die Bewohner immer die Angst, dass mit zunehmender Aufmerksamkeit die illegale Siedlung abgerissen wird und sie sich ein neues Zuhause suchen müssen.

Ich bin Detektiv und habe gerade ein Verbrechen begangen.
Aber es ist für eine gute Sache. Wenn Pari und ich Bahadur und Omvir finden, werden wir unser Zuhause nicht verlieren. Unser Zuhause ist viel mehr wert als lumpige vierhundert Rupien. (Seite 98)

Der Ich-Erzähler Jai lebt im Basti in einer kleinen Bude zusammen mit seinen Eltern und seiner älteren Schwester Runu, einer vielversprechenden Läuferin. Er gibt sich dabei als Anführer der Detektive aus, weil er glaubt, durch das Gucken von Real-Crime-Polizei-Dokus bestens vorbereitet zu sein. Allerdings fallen dem einzigen Mädchen der Gruppe, Pari, die deutlich besseren Fragen ein. Auch sonst ist Pari eindeutig die Cleverste der Truppe, hat sie doch aufgrund ihrer guten Schulnoten sogar ein Stipendium für eine Privatschule in Aussicht. Dritter im Bunde ist Faiz, Muslim, mit mehreren älteren Geschwistern. Er sorgt sich sehr um sein Äußeres und arbeitet schon regelmäßig im Basar. Die Geschichte lebt von den sehr unterschiedlichen Charakteren der Drei und besonders amüsant ist die Diskrepanz zwischen Jais Anspruch auf den Posten des Chefdetektivs und seinen Fähigkeiten insbesondere im Vergleich zu Pari, die ihn deutlich in den Schatten stellt.

Das Buch erinnert von der Story natürlich an so Kinderbuchklassiker wie Emil und die Detektive oder Kalle Blomqvist. Die Aufklärung eines Kriminalfalls durch die Kinder ist aber letztlich nicht die Hauptsache, vielmehr ermitteln die Kinder nur Teilaspekte, Kleinigkeiten. Der Roman liefert vor allem einen Einblick ins heutige Indien. Dabei vermitteln die Kinder die lebhaften, bunten, manchmal auch fröhlichen Seiten, allerdings ist von Beginn an klar, dass letztlich die problematischen Seiten Indiens thematisiert werden. Armut, Korruption, Klassenunterschiede, Smog, Konflikte zwischen den Religionen und vor allem die Benachteiligung von Kindern bis hin zu Kindesmissbrauch und Sklaverei. Was mir generell bei solchen Romanen aus Kindersperspektive oftmals ein wenig fehlt, ist die tiefergehende Befassung mit den Themen. Der Blick durch die Augen der kindlichen Protagonisten kratzt manchmal doch nur ein wenig an der Oberfläche. In diesem Roman ist dies insgesamt besser gelöst durch die Vielzahl an Kontakten und Nebenfiguren, mit denen Jai, Pari und Faiz kommunizieren. Die Autorin durchbricht außerdem mehrfach die Erzählperspektive des Ich-Erzählers mit kurzen Kapiteln aus Sicht der Verschwundenen und drei „Geschichten, die dir das Leben retten werden“ – bemerkenswerte Geschichten über Schicksale und Aberglauben quer über die Religionsgrenzen.

Die Detektive vom Bhoot-Basar ist das Debüt der inzwischen in England lebenden Inderin Deepa Anappara. Sie schildert das Leben der drei Freunde lebhaft und voller Sympathie für ihre Protagonisten. Allerdings hatte ich zwischenzeitlich ein wenig das Gefühl, dass die Geschichte trotz weiterer verschwundener Kinder ein wenig auf der Stelle tritt. Es ist der Autorin positiv anzurechnen, dass sie ab dem dritten Abschnitt wieder deutlich an Handlung und Intensität zulegt und auch der Versuchung widersteht, das Buch zu einem Kinderbuch werden zu lassen. Insgesamt war ich dann auch zufrieden über diese authentische Reise mit Jai, Pari und Faiz ins heutige Indien.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Die Detektive vom Bhoot-Basar | Erschienen am 16. September 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 987-3-498-00118-6
400 Seiten | 24.- Euro
Originaltitel: Djinn Patrol on the Purple Line
Bibliographische Angaben & Leseprobe