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David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

David Heska Wanbli Weiden | Winter Counts

Und wenn das Rechtssystem versagte, kamen die Leute zu mir. Für ein paar Hundert Dollar übte ich in Ihrer Namen zumindest ansatzweise Rache. Mein Beitrag zur Gerechtigkeit. (Auszug S.54)

Virgil Wounded Horse ist ein Lakota und lebt im Rosebud-Reservat in South Dakota. Er schlägt sich als Vollstrecker durch: Viele Straftaten, besonders gegen Personen, werden im Reservat nicht verfolgt. Die örtliche Polizei im Reservat ist nur für Kleindelikte zuständig, die Bundespolizei interessiert sich für vieles, was die Indianer untereinander betrifft, nicht. Dann tritt Virgil auf und vermöbelt einen Übeltäter im Auftrag der Geschädigten, um wenigstens etwas Gerechtigkeit herzustellen.

Eines Tages wird Virgil von Ben Short Bear, Mitglied des Stammesrates, angesprochen. Im Reservat ist Heroin aufgetaucht, einer der Lakota, ein gewisser Rick Crow, arbeitet wohl mit Mexikanern zusammen und bringt das Zeug ins Reservat. Virgil soll das Ganze unterbinden. Zunächst lehnt Virgil ab. Als jedoch kurz darauf Virgils Neffe und Adoptivsohn Nathan fast an einer Überdosis stirbt, fährt Virgil mit seiner Ex-Freundin Marie Richtung Denver, um Crow aufzuspüren. Wider Willen gerät Virgil kurz darauf in eine Polizeiaktion, die vor allem Nathan in große Gefahr bringt.

„Die Polizei ist nicht ihr Freund und Helfer. Vor allem die Feds nicht. Momentan gibt es nur einem Menschen, dem Sie vertrauen können, und der sitzt vor Ihnen. Falls Ihnen das bis heute noch nicht klar war, dann sage ich es Ihnen nochmal in aller Deutlichkeit: Wenn es um das Recht der Weißen geht, ziehen die Natives immer den Kürzeren.“ (Auszug S.196)

David Heska Wanbli Weiden ist selbst Bürger der Sicangu Lakota Nation, lebt inzwischen in Denver, aber kann die Verhältnisse in den amerikanischen Reservaten aus eigener Hand beschreiben. Die Situation ist oftmals mehr als prekär, Arbeitslosigkeit, Drogen- und Alkoholprobleme, niedrige Lebenserwaltung, hohe Selbstmordrate. Sehr viele Natives, die in den Reservaten bleiben, leiden unter psychischen Problemen, haben Schwierigkeiten, ihre Identität als Indianer unter den gegebenen Bedingungen zu bewahren. Es gibt zu wenig Hilfsprogramme. Interessant erscheinen Aktionen, die sich auf alte Traditionen zurückbesinnen, um dadurch wieder Stammes- und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Diese ganze Nebenaspekte bilden den stilvollen Rahmen für diesen düsteren Krimi, der sich viel Zeit für seine Figuren und das Setting nimmt. „Winter Counts“ war der erste Kriminalroman des Autors, der damit aber direkt zahlreiche Literatur- und Krimipreise einheimste und auf der Short List des Edgar Award stand.

Virgil ist einer dieser Bewohner des Reservats, der nie raus gekommen ist und sich der schwierigen Lage mehr schlecht als recht angepasst hat. Die alten Traditionen und Rituale interessieren ihn nicht wirklich mehr. Er lebt quasi von der Hand in den Mund, ist aber bemüht, dem Sohn seiner verstorbenen Schwester ein halbwegs ordentliches Zuhause zu bieten. Seine Ex Marie hingegen ist eine Art Aktivistin, die sich mit der Situation des Reservats nicht abfinden will und daher tatkräftig Aktionen zur Verbesserung der Lage unterstützt. Sie hält auch viel von Rückbesinnung auf alte Stammestraditionen.

Die Geschichte wird von Virgil als Ich-Erzähler erzählt, bleibt lange Zeit etwas spannungsarm, bevor sie zum Ende hin förmlich explodiert. Der Reiz des Buches liegt daher weniger am eher soliden Plot, sondern am Schauplatz, an der schonungslosen Beschreibung der prekären Verhältnisse und an der Faszination der Stammesrituale. Dabei teilt Weiden zu beiden Seiten aus, korrupte eigene Leute bekommen genauso ihr Fett weg (wie die Weißen, die den Natives immer noch die Selbstbestimmung verweigern. Dadurch sicherlich ein Kriminalroman, der aus der breiten Masse herausragt.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Winter Counts | Erschienen am 23.05.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-46-8
460 Seiten | 16,00 €
Originaltitel: Winter Counts (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Harriet Fricke)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Lee Burke | Eine Zelle für Clete (Band 18)

James Lee Burke | Eine Zelle für Clete (Band 18)

Bald ist die Mammutaufgabe vollbracht. Verleger Günther Butkus war schon immer großer Fan von James Lee Burke und seiner Reihe um Detective Dave Robicheaux aus Louisiana. Diese Reihe wird vom Autor seit Band 1 „Neonregen“ regelmäßig fortgeführt. Auch in Deutschland mit einigem Erfolg (u.a. ein Deutscher Krimipreis für „Weißes Leuchten“), doch irgendwann nach Erscheinen der Übersetzung von Band 12 gab es keine weiteren Erscheinungen. Doch Butkus blieb Autor und Reihe treu und bemühte sich konkret um Band 15 als Neustart der Reihe. Und bewies den richtigen Riecher und das richtige Timing: Kurz zuvor begann in Deutschland die Wiederentdeckung des Autors mit dem preisgekrönten „Regengötter“ (erschienen bei Heyne Hardcore) und „Sturm über New Orleans“, erschienen 2015, in dem sich Burke den Zorn über das Versagen der US-Regierung bei Hurrikan Katrina von der Seele schreibt, erwies sich als perfekter Wiedereinstieg in den düsteren Kosmos von Dave Robicheaux im schwülen, korrupten, gewalttätigen, aber wunderschönen Louisiana. Doch damit sollte nur ein Anfang gemacht sein: Alle Romane der Reihe sollten nach und nach im Pendragon Verlag erschienen – und nun ist man nicht weit vom Ziel entfernt. „Eine Zelle für Clete“ ist Band 18, in Kürze erscheint „Die Tote im Eisblock als Band 19. Dann harren nur noch das 2013 als 20. Band erschienene „Light of the World“ und das als bislang letzter Band vor zwei Jahren veröffentlichte „A Private Cathedral“ der deutschen Übersetzung. Für einen kleinen Verlag eine große Aufgabe, aber eine große Bereicherung für den deutschen Krimileser.

„Wissen Sie, warum seit vier Monaten nicht mehr über diese Mädchen berichtet wird? Weil´s keinen juckt. Wir sin` hier in Louisiana, Robo man. Schwarz oder weiß, das spielt keine Rolle. Wenn du Geld hast, kriechen dir die Leute in den Arsch. Wenn du keins hast, treten sie dir in denselben.“ (Auszug S. 16)

Ein typischer Auftakt in einen Robicheaux-Roman. In den letzten Jahren wurden sieben junge Mädchen tot in den Sümpfen Louisianas gefunden, die meisten davon Prostituierte. Wahrscheinlich alle ermordet, obwohl der Zustand der Leichen eine eindeutige Aussage nicht immer zuließ. Die Polizei ermittelt halbherzig, es gibt zu wenig Spuren, ein Zusammenhang zwischen den Toten wird zwar vermutet, aber kann nicht erhärtet werden. Auftritt Detective Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel, Privatermittler und Kautionsagent: Die beiden gehen privat einigen Hinweisen nach und diese führen zum Zuhälter Herman Stenga. Stenga wiederum unterhält Verbindungen zu den Abelards, einer Südstaatenfamilie, deren Reichtum noch auf Sklavenhaltung fusst und die angeblich in Verbindung zu Mafiaclans steht, nach außen hin aber gesellschaftlich renommiert ist. Für Dave besonders heikel: Seine Adoptivtochter Alafair ist seit kurzem mit dem jüngsten Sohn der Familie, Kermit Abelard, befreundet. In Kermits Dunstkreis bewegt sich zudem der Ex-Häftling Robert Weingart, der nun als Buchautor seiner Biografie Erfolge feiert, den aber weiterhin eine dunkle Aura umgibt.

Dave und Clete können zwar einige lose Verbindungen vom letzten Mordopfer zu Kermit Abelard aufdecken, doch sie haben weiterhin zu wenig in der Hand. Dennoch lassen sie sich nicht abschütteln. Als Clete sich von Stenga zu Gewalttätigkeiten provozieren lässt und Stenga schwer verletzt, geraten Dave und Clete aber zunehmend unter Druck. Schließlich wird Stenga in seinem Haus umgebracht und die Indizien deuten eindeutig auf Clete.

Doch er war in seiner Naivität nicht allein. Ich selbst ermittelte in Angelegenheiten, für die ich nicht zuständig war, meine Einschätzungen waren oft von Vorurteilen beeinflusst, meine Hartnäckigkeit grenzte wahrscheinlich an Besessenheit. In den Augen war vieles, was ich tat, genauso verrückt wie Cletes Eskapaden. Und da waren wir nun, die zwei Hofnarren von Louisiana, die es mit Angehörigen der gesellschaftlichen Elite aufnahmen, ohne den kleinsten Beweis in der Hand zu haben. (Auszug S. 419)

Der Auszug beschreibt den Grundtenor des Buches, eigentlich der ganzen Reihe, sehr treffend. Dave Robicheaux und Clete Purcel als Hofnarren, als Kämpfer gegen Windmühlen, allein gegen die gesellschaftliche und kriminelle Elite Louisianas, was oft genug dasselbe ist. Die beiden sind dabei selbst nicht zimperlich, überschreiten mehr als einmal die Grenze – immer, fast schon verweifelt, auf der Suche nach Gerechtigkeit. Immer wieder wird auch die Vergangenheit der beiden zitiert, alte Traumata wieder aufgewühlt, die Clete in Alkohol und Dave in Dr.Pepper ertränken. In diesem Roman bekommt Dave zudem Todesahnungen, die sich in einem Schaufelraddampfer auf dem Bayou manifestieren.

Im Band 18 erfindet James Lee Burke sich natürlich nicht neu, vieles ist wohlbekannt. Die Tiefe der Figuren, die Beschreibungen der Südstaaten-Landschaft, der kraftvolle Schreibstil goutiert der Fan der Reihe aber durchaus. „Eine Zelle für Clete“ führt den Kosmos souverän fort, weiß an der einen oder anderen Stelle aber noch zu überraschen, etwa bei den starken Szenen, als Dave in der Marschlandschaft auf ein Killerkommando trifft. So freue ich mich als bekennender Fan auf die letzte Bände mit Dave und Clete und die einzelnen Bände dazwischen, die ich noch nachholen muss.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Eine Zelle für Clete | Erschienen am 26.01.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-752-9
544 Seiten | 24,- €
Originaltitel: The Glass Rainbow (Übersetzung aus dem Amerikanischen von Norbert Jakober)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von James Lee Burke auf Kaliber.17

Ross Thomas | Fette Ernte

Ross Thomas | Fette Ernte

Seit nunmehr 15 Jahren bemüht sich der Alexander Verlag aus Berlin um eine Reputation eines Autors, der international als einer der wichtigsten Autoren des Politthrillers gilt. Ross Thomas war vor seiner Karriere als Schriftsteller, die er Mitte der 1960er im Alter von 40 Jahren begann, als Journalist, Gewerkschaftssprecher, PR- und Wahlkampfberater tätig. Ein reicher Fundus an Erfahrungen, die er in 25 Romane umsetzte. Zweimal gewann er den Edgar Award, gar viermal den Deutschen Krimipreis. 1995 verstarb Ross Thomas. Seine Leser im deutschsprachigen Raum musste allerdings leider zumeist mit mehr oder weniger stark gekürzten Übersetzungen vorlieb nehmen. Seit 2007 erscheint allerdings nun sein gesamtes Werk auf Deutsch vollständig nach und nach in überarbeiteten oder neuübersetzten Fassungen.

Der vorliegenden Stand-Alone „Fette Ernte“ beginnt mit dem 93 Jahre alten, aber noch recht rüstigen ehemaligen Politikberater William „Crawdad“ Gilmore. Gilmore ist mit allen Wassern gewaschen, hat so manche Schweinerei mitgemacht oder wurde als Mitwisser über Konspirationen zum Schweigen verdonnert. Auf der Toilette des Cosmos Club wurde er aber nun unfreiwillig zum Mithörer einer Verschwörung, über die er nicht zu Schweigen braucht. Er will die Sache seinem Anwalt Ancel Easter erzählen und bittet, ihn morgens abholen zu lassen. Dummerweise wird Gilmore im Morgengrauen vor seiner Haustür von zwei Räubern erschossen. Gibt es solche dummen Zufälle? Ancel Easter weiß keinerlei Details, aber die Tatsache, dass Gilmore ihm ein Geheimnis anvertrauen wollte, lässt ihm keine Ruhe. Er beauftragt Jake Pope, privater Ermittler mit millionenschwerem Erbe, sich die Sache mal näher anzusehen. Die einzige Spur führt zu einem Datum: Der 11.Juli. Aber am 11.Juli passiert nichts Wichtiges in Washington. „Highlight“ des Tages ist die jährliche Prognose der Weizenernte durch das Landwirtschaftsministerium. Haha, von wegen Highlight. Hmm, Moment – könnte das vielleicht doch das Ziel der Verschwörung sein?

Er wußte, daß man in dieser Stadt ganz früh am Morgen mit dem Konspirieren begann, damit man es zum Mittagessen erledigt hatte. Man konspirierte, um sich persönlich zu bereichern, um gesetzliche Vorteile zu erlangen, nationale oder internationale Macht und manchmal nur zum Spaß. (Auszug S.8)

Diese desillusionierte Sicht auf den poltischen Betrieb Washingtons ist ein typisches Merkmal der Werke von Ross Thomas. Er beschreibt das Spiel der Macht fast lakonisch, gönnt sich aber dennoch die eine oder andere Spitze. Etwa bei der Beerdigung von Crawdad Gilmore, als er den Besuch des Präsidenten, „kein übermäßig intelligenter Mann“, als plumpe politische Geste entlarvt und der Präsident eine erschreckend belanglose Konversation mit dem „klügsten Mann Washingtons“, Ancel Easter, führt. Thomas stellt heraus, dass sich im „Dschungel Washingtons“ allerhand Personen tummeln, die einen ausgeprägten Willen besitzen, die eigene Macht und das eigene Konto zu vergrößern. Die Verbindungen zum organisierten Verbrechen sind nicht weit, oft nur einen Strohmann entfernt.

In diesem Roman ist tatsächlich die Verkündung der Ernteschätzungen der Fokus der kriminelle Energie. Etwas unbemerkt von sonstigen Börsengeschäfte lässt sich am Rohstoffmarkt tatsächlich im großen Stil spekulieren. Mit Warentermingeschäften lassen sich mit dem richtigen Hintergrundwissen und etwas illegalen Insidertricks enorme Gewinne machen (Ganz aktuell ist der Weizenmarkt aufgrund des Krieges in der Ukraine auch ein Tummelplatz für Spekulanten). Und für diese geht man auch gerne über ein paar Leichen.

Was diese Ausgabe insbesondere spannend macht, ist die Geschichte der deutschen Übersetzung, die im Nachwort des Neuübersetzers Jochen Stremmel erläutert wird. Ross Thomas wurde in den 1970ern bei Ullmann in der „gelben Reihe“ verlegt. Die Vorgabe des Verlags damals: Kein Krimi durfte länger als acht Druckbögen (8×16=128 Seiten) sein. Um diese Vorgaben einzuhalten, wurden Originalausgaben teilweise radikal gekürzt. Mit einigen Beispielen beschreibt Stremmel die Auswirkungen auf den vorliegenden Roman, der an zahlreichen Stellen arg beschnitten und damit ein großes Stück Atmosphäre geraubt wurde. Immerhin bedauert Stremmel die damalige Übersetzerin Ute Tanner, die eine wahrlich undankbare Aufgabe hatte.

Durch die Neuübersetzung wird auch nochmal deutlich, wie präzise Ross Thomas auch die Szenerie und die Hintergründe beschreibt. Für die Figurenbeschreibungen nimmt er sich ausgiebig Zeit. Die Dialoge sind zudem herausstechend. Für mich war der Plot diesmal nicht ganz so herausragend, dennoch ist das Jammern auf hohem Niveau. „Fette Ernte“ ist zwar inzwischen fast ein halbes Jahrhundert alt, doch die Mechanismen sind doch immer dieselben. Sehr akribisch analysiert Thomas das Machtgeflecht und die schmutzigen Geschäfte im Politbetrieb. Und man spürt als Leser, dass sich hier niemand etwas aus den Fingern saugt, sondern aus dem Nähkästchen plaudert. Das Ganze ziemlich trocken, aber mit einem Schuss Verachtung serviert. Ein Klassiker, der immer eine Lektüre wert ist.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Fette Ernte | Erstmals erschienen 1975
Die vollständige deutsche Ausgabe erschien am 12.08.2014 im Alexander Verlag Berlin
ISBN 978-3-89581-317-7
384 Seiten | 12,- €
Original: The Money Harvest (Übersetzung aus dem Englischen von Jochen Stremmel)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Rezension von Ross Thomas‘ „Porkchoppers“

Patrick McGuinness | Den Wölfen zum Fraß

Patrick McGuinness | Den Wölfen zum Fraß

Ich muss lachen, merke dann aber, dass diese Erklärung gar nicht so schlecht ist. Man nimmt sexuelle Scham und sexuelle Frustration, packt darauf Reichtum, Hierarchie und seelische wie körperliche Gewalt, serviert das Ganze dann in einem großen Glas namens Anspruch und erhält… nun ja, exakt das, was wir haben. (Auszug E-Book Pos. 3541)

In einem Gestrüpp, einer wilden Müllkippe, in einer Stadt im Südosten Englands wird kurz vor Weihnachten die Leiche einer jungen Frau, Zalie Dyer, gefunden. Ein Nachbar von ihr, Mr. Wolphram wird von der Polizei befragt, hatte kurz vor ihrem Verschwinden mit der Toten Kontakt, hat kein Alibi und macht sich für die Polizei verdächtig. Wolphram wird erstmal festgenommen.

Die beiden leitenden Polizeibeamten Gary und Alexander vernehmen den Verdächtigen. Für Gary ist Wolphram extrem verdächtig. Ein pensionierter Lehrer einer Privatschule, Junggeselle, Einzelgänger, kultiviert und selbstsicher im Verhör – so jemand hat doch etwas zu verbergen. Bei Alexander, auch Ander genannt, stehen die Dinge anders. Er kennt Wolphram, war er doch vor 25 Jahren dessen Schüler im Chapleton College. Noch gibt er diese Information nicht preis. Aber obwohl er zugeben muss, dass Wolphram ein kauziger Typ ist, kann er ihn nach seinen Erfahrungen aus der Schulzeit nicht mit einem Mord in Verbindung bringen.

Jede Gefühlsregung untergräbt, korrigiert, durchmischt er mit etwas anderem. Aber mit was? Mit etwas Emotionslosem. Weiß er zu viel, um Gefühle zu haben oder kennt er sie so genau, dass er sie gar nicht mehr empfindet? (Auszug E-Book Pos. 135)

Das Problem von Gary und Ander ist der große Druck von außen, den Fall möglichst schnell aufzuklären. Wolphram ist für die Öffentlichkeit ein perfekter Täter. Schnell haben die Medien Wind von dessen Festnahme bekommen und schlachten die Story nun brutal aus. Wolphram wird buchstäblich „den Wölfen zum Fraß vorgeworfen“. Er war damals schon ein etwas verschrobener Lehrer, der aber Interesse an seinen Schülern zeigte, sie etwa zu Arthouse-Filmabenden zu sich nach Hause einlud. Ehemalige Schüler berichten aber nun von angeblichen Anzüglichkeiten, die Schule distanziert sich öffentlich von ihm. Die Medien bezahlen gutes Geld für weitere Exklusivstorys. Doch je mehr sich die Yellow Press auf Wolphram einschießt, desto mehr wachsen die Zweifel nicht nur bei Ander, sondern auch bei seinem Kollegen Gary. Sie finden bei Wolphram zu wenig weitere Indizien auf die Tat, zudem kann Ander nach anfänglicher Lethargie herausstellen, dass Wolphram zu den anständigen Lehrern der Schule gehörte.

Als Kriminalroman ist dieses Buch sehr ungewöhnlich. Zwar wird die Geschichte aus der Ich-Perspektive von Ander erzählt, aber der Fokus liegt nur zum Teil auf den Ermittlungen, die erst spät in Gang kommen. Sehr viel Raum nehmen die Empfindungen von Ander ein und vor allem seine Erinnerungen an seine Schulzeit in den 1980ern. Damals war er, im Ausland aufgewachsen, ein Außenseiter, noch mehr aber sein damaliger Freund Daniel. Erlebnisse von Mobbing durch die Mitschüler, psychischem Druck und unterschwelliger sexueller Nötigung durch die Lehrer. Im direkten Zusammenhang damit steht auch die Klassenfrage, die in Großbritannien wohl immer noch akut ist. Das elitäre Schulsystem zementiert dieses Klassensystem zudem, Aufsteiger zwischen den Systemen werden gemobbt. Spannenderweise hat der Autor den Clash der Gesellschaftsschichten auch bei den beiden Polizisten integriert. Gary ist der vorlaute, prollige, proletarische Typ, mit einem leicht bedrohlichem Gehabe. Ein rechtschaffender Polizist, der sich hochgearbeitet hat, der aber auch ein wenig seine Vorurteile pflegt, gerade gegenüber „denen da oben“. Ich-Erzähler Ander ist auf der anderen Seite einer von „denen da oben“, hat sich nach guter Ausbildung etwas überraschend für die Polizei entschieden. Er ist ein eher grüblerischer, melancholischer Typ. Auf der Arbeit sehr methodisch, wird er von Gary „Prof“ genannt. Es geht zwischen beiden sehr spöttisch zu, dennoch funktioniert die Zusammenarbeit. Außerdem steht natürlich die mediale Ausschlachtung des Falls im Mittelpunkt. Die brutale, empathielose Zurschaustellung von Mordopfer und vermeintlichem Täter bis hin zum geförderten Denunziantentum wird hier deutlich dargestellt.

„Den Wölfen zum Fraß“ ist der zweite Roman des Autors Patrick McGuinness, Literaturwissenschaftler in Oxford, der auch viel Lyrik publiziert. McGuinness verarbeitet in seinem Roman einen realen Fall. Am 25.12.2010 wurde die 25jährige Joanna Yeates tot in der Nähe von Bristol aufgefunden, schnell unter Verdacht geriet Christoffer Jefferies, Yeates‘ Vermieter und ein ehemalige Lehrer von McGuinness. Jefferies wurde von zahlreichen Medien aufgrund seines Habitus schnell als Täter diffamiert und vorverurteilt. Später stellte sich heraus, dass Jefferies unschuldig war. Der Vorgang führte zu einer großen Mediendebatte in Großbritannien.

Der vorliegende Roman ist ein ungewöhnlich zusammengestellter Kriminalroman, der vor allem Medienkritik und auch Gesellschaftskritik in sich vereint. Mit der Konstellation der beiden unterschiedlichen Ermittlerfiguren gelingt dem Autor ein guter Kniff. Hier und da verliert sich für meinen Geschmack der Roman etwas in der Melancholie und Reflexion des Ich-Erzählers, aber insgesamt ist dieser Roman anregend, sprachgewand und eine interessante Variation im Genre.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Den Wölfen zum Fraß | Erschienen am 16.03.2022 bei Oktaven im Verlag Freies Geistesleben
ISBN 978-3-7725-3028-9
422 Seiten | 29,90 €
als E-Book: ISBN 978-3-7725-3028-9 | 24,99 €
Originaltitel: Throw me to the wolves (Übersetzung aus dem Englischen von Dieter Fuchs)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jennifer Clement | Gebete für die Vermissten

Jennifer Clement | Gebete für die Vermissten

Jetzt machen wir dich hässlich, sagte meine Mutter. Sie pfiff durch die Zähne … Sie roch nach Bier. Im Spiegel sah ich, wie sie mir mit dem Stück Kohle übers Gesicht fuhr. Das Leben ist böse, flüsterte sie … Vielleicht muss ich dir die Zähne ausschlagen, sagte meine Mutter. (Auszug Seite 9)

Guerrero ist eine von Gewalt gebeutelte Provinz im Südwesten von Mexico. Bekannt ist die Urlaubsmetropole Acapulco an der Pazifikküste liegend. In den dünn besiedelten Bergen, wo vor allem Indigene leben, lassen die Kartelle Mohn anbauen und durch diese Gebiete wird das Kokain dann aus Südamerika transportiert.

In den kleinen Bergdörfern besitzen Drogenhändler die Macht und terrorisieren diesen Landstrich. Ein Menschenleben ist hier nichts wert, besonders nicht das der Mädchen. Für die junge Ladydi Garcia Martinez ist das der bittere Alltag. Sie erzählt uns von ihrem Leben in dieser trostlosen Gegend, in dem mittlerweile fast nur noch Frauen leben. Die Männer, die nicht auf die Seite der Drogendealer wechseln, verlassen ihre Familien um in Acapulco Arbeit zu finden. Oder sie fliehen über die Grenze in die USA. Die es schaffen, schicken einen Teil ihres Lohnes zu ihren Frauen aber die meisten Männer kehren nicht zurück. So ist es die Aufgabe der Frauen, ihre Kinder zu beschützen. Und das Gefährlichste sind nicht die giftigen Skorpione, Klapperschlangen, Leguane oder Erdbeben, auch nicht die Militärs, die wahllos Gift aus Hubschraubern über das Gelände versprühen. Eigentlich um die Mohnfelder der Narcos zu zerstören, oft wurden die Piloten aber auch bestochen und sprühen ihre Pestizide über die Hütten der Bauern. Das Schlimmste sind die Entführungen durch die Menschenhändler. Die kleinen Mädchen werden von ihren Müttern in Jungensachen gekleidet und als Teenager absichtlich hässlich gemacht, die Haare kurz geschnitten, die Zähne mit Filzstift geschwärzt. Sobald am Horizont die schweren Escalades mit schwarz getönten Scheiben auftauchen, verstecken sich die Mädchen in selbstgegrabenen Erdlöchern. Doch meistens sind die Frauen der Willkür der Drogenmafia machtlos ausgeliefert, von den bisher verschleppten Mädchen fehlt jede Spur, nur eine taucht nach einem Jahr psychisch und physisch angeschlagen wieder auf.

Eine vermisste Frau ist nur ein Blatt, das der Regen in die Gosse treibt. (Auszug Seite 68)

Für Ladydi scheint sich ein Ausweg aus dem Elend zu eröffnen, als sie einen Job als Kindermädchen in Acapulco antritt. Ihr Cousin Mike hat ihr die Stelle vermittelt und bringt sie auf das luxuriöse Anwesen einer reichen Familie. Die Besitzer tauchen aber monatelang nicht auf. Ladydi hat eine gute Zeit und verliebt sich in den Gärtner. Bis zu dem Tag, als die Polizei die Villa stürmt und ein gewaltiges Waffenlager vorfindet. Für Ladydi beginnt ein Alptraum, denn aufgrund der Machenschaften ihres Cousins, der für die Zetas arbeitet, wird sie verhaftet und findet sich in Drogenschmuggel und einen üblen Doppelmord verwickelt. Obwohl noch minderjährig kommt sie ins Frauengefängnis in Mexiko-City. Auch hier gerät sie wieder in eine reine Frauenwelt, in der jede Inhaftierte grauenhafte Geschichten zum Besten geben kann.

Die Autorin, die in Mexiko-City aufwuchs hat für diesen Roman mehr als 10 Jahre lang in Guerrero recherchiert, Hunderte Interviews mit vom Drogenkrieg betroffenen Mädchen und Frauen geführt, um dann alles mit viel Herzblut in eine fiktive Story zu verpacken. Herausgekommen ist ein intimer Blick auf den trostlosen Alltag der armen Bevölkerung inmitten der Mohnfelder. Ohne zu bewerten berichtet sie in neutraler Sprache hautnah aus der Perspektive einer betroffenen Heranwachsenden. Ladydi lässt uns teilhaben an ihrer trostlosen Jugend und erzählt von ihrer Halbschwester Maria mit der Hasenscharte, von Paula, dem schönsten Mädchen von Mexiko, von Estefani, deren Mutter an Aids stirbt, von Ruth, dem Müllbaby, die einen Schönheitssalon betreibt und ihrer alkoholsüchtigen Mutter Rita.
Jennifer Clement findet eine feine Balance zwischen Sachlichkeit und Emotion, erzählt in einem unterkühlten, fast unpersönlichen Ton, völlig ungeschminkt mit vielen poetischen und bildreichen Metaphern und das komplette Fehlen der wörtlichen Rede. Trotz der Not und widriger Umstände gibt es auch immer wieder Zeichen der Wärme und der Freundschaft, auch blitzt immer wieder das grotesk-komische in dieser Welt der Armut und Gewalt auf und sorgt für hellere Momente. So heißt die Protagonistin tatsächlich nach Lady Di, aber nicht aufgrund deren Schönheit, sondern weil sie für ihre Mutter die Heilige der Betrogenen ist.

Der Stoff wird sehr knapp auf 200 Seiten gefasst, ist mehr Novelle als Roman. Das war auch so ein bisschen mein Problem. Es gibt so viele komplexe Nebenfiguren, aber keine der Charaktere ist tief oder mehrdimensional angelegt. Auch wenn jede ihre eigene Geschichte hat, die bestimmt oft ergreifend und berührend scheint, ist gar kein Platz für tiefgehende Charakterzeichnungen. Sie wirken mehr wie standardisierte Stellvertreter und als wolle die Autorin alles unterbringen, was sie während ihrer Recherchen herausgefunden hat. Auch wenn dahinter viel Realität steckt und alles der traurigen Wahrheit entspricht, drohen bei der Vielzahl der alltäglichen Grausamkeiten diese zur Routine zu werden und die unerträglichen Ereignisse konnten mich gar nicht mehr erschüttern. Trotzdem zerbricht Ladydi nicht an ihrem Schicksal, sie kennt auch keine andere Welt und sie erfährt auch immer wieder die große Solidarität der Frauen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Gebete für die Vermissten | Das Taschenbuch erschien am 06. Dezember 2015 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-6640-7
228 Seiten | 8,99 Euro
Originaltitel: Prayers for the Stolen (Übersetzung von Nicolai von Schweder-Schreiner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Jennifer Clements Roman „Gun Love