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Jürgen Heimbach | Straßenköter

Jürgen Heimbach | Straßenköter

Traugott, genannt Marlon, ist ein kleiner Fisch in Hamburg im Jahr 1975. Aber er ist ein Drifter, kann gut mit Autos und er bekommt den Job des Fahrers bei einem Banküberfall angeboten. Der Überfall gelingt zwar, doch danach bricht die Hölle über Marlon ein. Die Polizei ist ihnen verdammt schnell auf den Fersen, der Chef der Räuber behält entgegen anderer Absprachen erstmal das Geld und plötzlich tauchen noch andere Gestalten bei Bekannten von Marlon auf und suchen nach ihm. Marlon beschleicht das Gefühl, dass er gelinkt werden soll. Doch als in allen Zeitungen und auf Plakaten nach ihm gefahndet wird, wird es Marlon zu heiß und er flieht aus der Stadt.

Marlon wollte ihr folgen, doch in der Drehung stieß er gegen einen der Zeitungsverkäufer, die ihre Blätter abends in den Kneipen anboten. Vor Schreck hatte der die Zeitung, dier in der Hand hielt, hochgerissen, und Marlon starrte in vier abgedruckte Gesichter. Darunter auch seines. Mit großen Buchstaben waren sie untertitelt: Gesucht. Bankräuber.
Silvia hatte das Bild im selben Moment erkannt, doch bevor sie etwas sagen konnte, war Marlon an der nächsten Straßenecke. (Auszug S.24-25)

Marlon ist in einem Heim voller Gewalt und Missbrauch aufgewachsen. Seine Mutter hat ihn abgegeben, ist mit einem anderen Mann ausgewandert. Seinen leiblichen Vater hat er seit Kindheitstagen nicht mehr gesehen oder von ihm gehört. Marlon hat sich gegen die Zustände im Heim aufgelehnt, allerdings keinerlei Unterstützung erhalten, im Gegenteil. Inzwischen ist er ein unsteter, traumatisierter junger Mann, hält sich mit Gelegenheitsjobs und Kleinkriminalität über Wasser, ist unpolitisch, hat keine länger dauernden Beziehungen. Auf der Flucht erhält er überraschend Unterstützung von einigen Fremden. Durch Zufall erhält er einen Hinweis, dass sich sein Vater, ein Künstler und Fälscher, möglicherweise im Wendland aufhalten könnte. Doch kaum ist Marlon dort angekommen, kommt er bei seinem Versuch, sich zu verstecken, der RAF in die Quere, für die das dünnbesiedelte Wendland ebenfalls als Rückzugsort dient.

Eine Zeitlang, vor allem nach der Entlassung aus dem Heim, war er ein wildes, entlaufenes Tier gewesen, endlich seine Fesseln losgeworden, aber mit der Zeit hatte sich das gelegt. Sie hatten ihn einen Straßenköter genannt, einen, dessen erster Blick immer dem Überleben galt, der zweite dem Fressen. (Auszug S.92)

Autor Jürgen Heimbach ist ein Fachmann für historische Kriminalromane mit Setting in Westdeutschland in den Nachkriegsjahren und zur Zeit des kalten Krieges. 2020 gewann er den Glauser für „Die rote Hand“ über Aktivitäten ausländischer Kräfte in Deutschland im Zusammenhang mit dem algerischen Unabhängigkeitskampf Anfang der 1960er. Zuletzt erschien von ihm „Waldeck“ mit dem bekannten Liedermacherfestival als Setting. Nun begibt sich Heimbach mit „Straßenköter“ ins Jahr 1975. Er fügt damalige Ereignisse in die Story ein, z.B. einen Filmdreh von Wim Wenders im Wendland, zitiert Songs u.a. von Udo Lindenberg oder Yves Montand, und schafft ein interessantes und authentisch wirkendes Bild der Kleinkriminellenszene oder die linke Szene bis hin zu Sympathisanten und Unterstützern der Roten Armee Fraktion.

Der Roman ist ein Thriller, die der Erzähler komplett aus Marlons Perspektive erzählt. Die unstete, etwas naive, aber durchaus widerstandsfähige Hauptperson spiegelt sich auch im Plot und Charakter des Romans wider. Ein Mann, der auf der Flucht durch die bundesdeutschen Gegebenheiten der Siebziger hetzt.  Ich muss gestehen, dass mir die Teile des Romans, die in Hamburg spielen, besser gefallen haben. Die Schilderungen vom Milieu in der Hansestadt kamen mir ein wenig organischer vor als die Passagen, in denen Marlon plötzlich auf Terroristen trifft. Nichtsdestotrotz gelingt Jürgen Heimbach wiederum ein empfehlenswerter historischer Krimi, der den westdeutschen Zeitgeist gelungen einfängt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Straßenköter | Erschienen am 15.07.2026 im ars vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0811-3
272 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Die rote Hand“ von Jürgen Heimbach

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Rübezahl ist den meisten grob ein Begriff, als Berggeist des Riesengebirges und der nahegelegenen Gebirgszüge. Ich muss gestehen, dass die Sagen mit Rübezahl mir kein Begriff mehr sind. Tatsächlich ist Rübezahl ein äußerst ambivalenter Charakter von launischem Gemüt, der den Menschen in verschiedener Gestalt erscheint. Seinen Namen mag er übrigens überhaupt nicht, sondern möchte als „Herr der Berge“ angeredet werden.

Im Februar des Jahres 1923 ist die Grafschaft Glatz tief verschneit und vereist, natürlich auch der Glatzer Schneeberg als eine der höchsten Erhebungen im Umkreis. Oben auf dem Gipfel steht der Kaiser-Wilhelm-Turm. Als ein Bergführer den Pfad zum Gipfel vorbereitet, entdeckt er eine Leiche vom Turm herabhängend, im Gesicht markant verstümmelt. Die herbeigerufene Glatzer Kriminalpolizei um Oberwachtmeister Franz Koschella findet neben Spuren eines zweiten Mannes, der den Täter offenbar verfolgt hat, auch eine Botschaft des Täters an sein Opfer, in der er sich selbst „Rübezahl“ nennt.

Die Polizei findet bald heraus, dass das Opfer Militärangehöriger war, und versucht, darüber zu Anhaltspunkten zu gelangen. Daher sucht Koschella den Kontakt zu seinem alten Bekannten Wilhelm Klein, bei dem allerdings schnell klar, dass er irgendwie in diesen Fall involviert ist und dass der Schlüssel in dessen Militärvergangenheit zu suchen ist. Noch während die Polizei bei den Ermittlungen nur schwer vorankommt, geschieht ein zweiter Mord an dem renommierten Rechtsmediziner Professor Baumann im Zug von Breslau nach Glatz. Rübezahl hat wieder zugeschlagen.

Plötzlich überlief Koschella ein Schauer. Ein lange nicht mehr wahrgenommenes Gefühl überkam ihn. Er hatte es mit einem intelligenten Gegner zu tun. Einem Strategen. Er konnte es kaum erwarten, den Gipfel zu erreichen, und wollte schnellstmöglich mit der Jagd beginnen. (Auszug S.61)

„Glatz. Rübezahl“ ist der inzwischen dritte Band der historischen Krimiserie mit Schauplatz in der bürgerlichen Kleinstadt an der Neiße, Hauptort der gleichnamigen Grafschaft. Damals schlesisch und damit Teil des Deutschen Reiches, heute ist Glatz polnisch und heißt Kłodzko. Autor Tomasz Duszyński feiert mit der Reihe in Polen große Erfolge und ist inzwischen Ehrenbürger von Kłodzko geworden. Tatsächlich ist vor allem der unverbrauchte Schauplatz in der Provinz in einem Talkessel des Gebirgszugs der Sudeten nahe der tschechischen Grenze äußerst reizvoll. Ähnlich wie bei anderen historischen Krimireihen bewegt man sich von Band zu Band chronologisch weiter. Dieses Mal ist man im Krisenjahr 1923 angekommen und auch wenn man in Glatz weg ab vom Schuss ist – die Probleme der Republik kommen auch hier an.

„Du bist wie ich, ich bin wie du, und da sind mehr von uns…“
Er reagierte nicht. Doch sein Atem beruhigte sich unter dem Einfluss dieser immer wiederkehrenden Worte. Er versuchte, sie aus dem Kopf zu verbannen, und wandte den Blick vom Eindringling ab. Vergeblich. Er konnte sich nicht bewegen.
„Das Leiden wird vergehen, wird dich und mich verwandeln. Dann helfen wir den anderen, auch sie reinigen wir durch Schmerz. Hörst du mich, Klein? Das wird niemals enden.“ (Auszug S.114)

Natürlich steckt nicht der alte Berggeist hinter den Morden, von denen es noch weitere geben wird. Vielmehr gibt es politische und militärische Verwicklungen und der neue militärische Geheimdienst, den es laut Versailler Verträgen eigentlich nicht geben darf, tritt auf den Plan. Vor allem die Vergangenheit von Wilhelm Klein als versehrter Veteran spielt eine entscheidende Rolle, er bleibt eine äußerst interessante, ambivalente Figur.  Duszyński gönnt weiteren Personen Platz im Roman, neben den beiden Assistenten Koschellas, Schulz und Csozek, auch dem oder den Tätern – das bleibt lange offen – , die abwechselnd in kurzen Kapiteln begleitet werden. Der Plot ist mir persönlich etwas zu groß angelegt geraten, aber das mag Ansichtssache sein. Letztlich ist „Glatz. Rübezahl“ ein spannender und vor allem durch das weiterhin sehr gelungene Setting ein lesenswerter Kriminalroman in einer wirklich zu empfehlenden Reihe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Glatz. Rübezahl | Erschienen am 15.06.2026 im Polente Verlag
ISBN 978-3-9505744-3-6
428 Seiten | 19,50 €
Originaltitel: Glatz. Zamiec | Übersetzung aus dem Polnischen von Markus Schnabel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Band 1 „Glatz“

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Carl-Johan Vallgren | Deine Zeit wird kommen

Wenn sie richtig gerechnet hatte, waren inzwischen fünf Tage vergangen. Das Säuseln der Lüftungsrohrs half ihr beim Zählen. Mal war es stärker, mal schwächer, wie der entfernte Ton eines Blasinstruments. Gegen Abend flaute der Wind immer ab, dadurch behielt sie den Überblick.
Es ging ihr so schlecht, dass sie es nicht mehr schaffte, von der Matratze aufzustehen. Zum ersten Mal im Leben merkte sie, was Schwerkraft eigentlich bedeutete – es war die brutale Macht, die sie zu Boden drückte.  (Auszug E-Book Pos. 1947)

Im Mai 1993 findet ein geistig behinderter Mann eine nackte Frauenleiche in einem Bachbett im schwedischen Halland nahe Falkenberg. Der zuständige Kommissar Björlind muss sich in einem sehr schwierigen Fall zurechtfinden: Die junge Frau bleibt unidentifiziert. Sie wurde erwürgt und ist sehr abgemagert. Offenbar wurde sie vorher lange Zeit festgehalten und erhielt zu wenig zu essen. Von der Zentrale in Stockholm erhält Björlind Unterstützung durch die junge Beamtin Johanna, doch der Fall erweist sich als äußerst zäh. Kurze Zeit später plant Malin, Björlinds 17jährige Tochter, ein Wochenende in der Wildnis mit ihrem Freund Mattias. Sie leihen sich ein Kanu aus und zelten in der Natur. Malins Vater glaubt, sie verbringt das Wochenende bei einer Freundin. Als sie sonntags nicht nach Hause kommt und die Freundin zugibt, nur als Alibi gedient zu haben, ist es schon zu spät. Malin und Mattias sind verschwunden.

Carl-Johan Vallgren ist ein erfahrener schwedischer Autor, der vor etwa zehn Jahren ins Krimigenre wechselte und mit „Deine Zeit wird kommen“ vor zwei Jahren den schwedischen Krimipreis gewann. Sein Roman bewegt sich an der Grenze zwischen Polizeiroman und Thriller. Es wird einerseits die Polizeiarbeit begleitet, anderseits erhält der Roman durch die zeitkritische Suche nach der Vermissten und Szenen mit dem Täter deutliche Thrillerelemente. Regelmäßig wechselt die Perspektive zwischen Björlind, Johanna, Malin und weiteren Personen. Lange Zeit bleibt offen, wer der Täter ist, allerdings fällt dem geübten Leser schnell auf, dass bestimmte Personen nur als Finte in den Blickpunkt geraten.

Der Autor greift unverkennbar auf klassische Elemente der nordischen Krimitradition zurück: Einbetten in einen reizvollen, provinziellen Schauplatz mit dafür untypischen brutalen Verbrechen und persönlich involvierte bzw. mental angeschlagene Ermittler. In diesem Fall wird schnell klar, dass Björlind durch den Krebstod seiner Frau psychisch extrem angeschlagen ist, er sieht sie sogar und spricht mit ihr. Das Verschwinden seiner einzigen Tochter verschärft seinen Zustand noch maximal. Auch Johanna hat ihr Päckchen zu tragen, kommt sie offenbar mit sehr gemischten Gefühlen zurück nach Falkenberg, von wo sie nach ihrem Abschluss schnell fortgegangen ist. Ihre Probleme werden im Gegensatz zu Björlinds erst nach und nach enthüllt.

„Deine Zeit wird kommen“ ist ein Thriller, der vor allem durch den südschwedischen Schauplatz und auf psychologischer Ebene mit der Trauerbewältigung des Kommissars überzeugt. Der Plot ist eher konventionell und manchmal vielleicht eine Spur zu routiniert. Insgesamt ein gelungener, klassischer von viel Schwermut getragener, schwedischer Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Deine Zeit wird kommen | Erschienen am 23.06.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47551-5
352 Seiten | 18,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-518-78667-3 | 15,99 €
Originaltitel: Din tid kommer | Übersetzung aus dem Schwedischen von Hanna Granz
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

Weihnachten 1951: Im Zellentrakt der LAPD Central Division geht es heiß her. Angestachelt durch Behauptungen von Widerstand gegen Polizeibeamte und vom Alkohol durch die Weihnachtsfeier mischen eine Menge von Beamten ein paar gefangene Latinos auf. Mitten drin Officer Bud White, eher nebenbei involviert Sergeant John Vincennes. Sergeant Ed Exley war Wachhabender, leistete Widerstand und wurde kurzerhand der Schlüssel beraubt und eingesperrt. Die „Blutige Weihnacht“ wird anschließend zum großen Skandal. Versuche, die Schuld den Gefangenen unterzuschieben, misslingen. Die Spitze des LAPD muss die Sache öffentlichkeitswirksam bereinigen. Und tut das auch, allerdings werden ein paar Sündenböcke herausgepickt. Exley ist der Belastungszeuge, was ihm großes Standing bei der Chefetage, aber verständlicherweise weniger bei den Kollegen einbringt. Vincennes und White der Rest kommen wie der große Rest glimpflich davon, aber vor allem White sinnt auf Rache, denn dank Exley wurde sein Kumpel, Sergeant Stensland, angeklagt und aus dem Polizeidienst entfernt.

Soweit das Vorspiel von mehr als hundert Seiten, in dem Ellroy seine drei Hauptfiguren einführt. Wendell „Bud“ White ist ein Cop aus problematischen Verhältnissen. Mit 16 musste er mitansehen, wie sein Vater seine Mutter totschlug. Das triggert ihn auch noch als Cop, in dem er Täter häuslicher Gewalt verfolgt. Er gilt als Mann fürs Grobe, wird von seinem Vorgesetzten Sergeant Dudley für Einschüchterung und Gewalt gegen Kriminelle eingesetzt. Er gilt als loyal und wenig ambitioniert, fühlt sich im Laufe der Zeit allerdings zunehmend unterschätzt. Jack Vincennes ist fast schon ein alter Hase, ein Spezialist als Drogenfahnder, dabei hat er vor allem die Jazzszene auf dem Kieker. Er arbeitet als Berater für die erfolgreiche Krimiserie „Badge of Honor“, was ihm eine gewisse Bekanntheit und Respekt unter den Kollegen einbringt. Er hat allerdings zwei Leichen im Keller, zwei Unbeteiligte, die er bei einem schiefgegangenen Einsatz unter Drogeneinfluss versehentlich erschossen hat. Das Ganze wurde vertuscht, doch ausgerechnet Sid Hudgens, Herausgeber des Skandalmagazins „Hush-Hush“, hat Beweise und so liefert Vincennes ihm regelmäßig straffällig gewordene Prominente aus. Ed Exley ist ein enorm ehrgeiziger Polizist, geprägt durch seinen erfolgreichen Vater, Ex-Polizist und jetzt erfolgreicher Bauunternehmer (er ist gut bekannt mit Raymond Dieterling und baut im Roman „Dream-a-Dreamland“ – natürlich sind Walt Disney und Disneyland gemeint). Exley ist enorm intelligent und kompetent und traut sich auch, für seine Karriere gegen Kollegen auszusagen. Er hat große Ansprüche an sich selbst und an seine moralische Integrität und muss doch feststellen, dass er diesen nicht immer gerecht wird.

Nach den Wirren um die „blutige Weihnacht“ folgt der zentrale Fall, um den sich alles kreisen wird (und es kreist eine Menge). April 1953, eine Nebenstraße des Hollywood Boulevard: Im „Nite Owl Coffee Shop“, einem kleinen Diner, kommt es mitten in der Nacht zu einem Blutbad. Drei Angestellte und drei Gäste werden von Unbekannten quasi bis zur Unkenntlichkeit mit Schusswaffen niedergemäht. Ein schiefgegangener Raubüberfall? Die erste Spur führt zu drei Schwarzen, die in der Gegend beim Rumballern in einem markanten Coupé gesehen wurden. Dasselbe oder das gleiche Coupé wurde auch am Tatort beobachtet. Die drei Schwarzen werden festgenommen, bestreiten die Tat, werden aber einer anderen (Entführung, Vergewaltigung) überführt. Vieles spricht dafür, dass sie auch das Massaker im „Nite Owl“ begangen haben, doch es gibt ein paar Zweifel und es fehlen auch eindeutige Beweise. Ed Exley soll in den Verhören die Kerle zum Geständnis bringen, allerdings sauber und ohne Gewalt.

An dieser Stelle verlassen wir mal den Plot, um nicht weiter zu spoilern. Nur so viel: Der Fall „Nite Owl“ gilt zwischendurch als gelöst, wird jedoch im Hintergrund weiter schwelen und schließlich wieder aufgenommen. Und die drei ungleichen und sich nicht gerade grünen Protagonisten werden gezwungen sein, sich gemeinsam damit auseinanderzusetzen. Daneben gibt es weitere Fälle, eine Pornographie-Ermittlung, der Mord am Herausgeber eines Skandalblattes, die Morde an einigen Prostituierten und ein längst abgeschlossener Fall aus den 1930er, bei dem ein Psychopath Kinder ermordet, zerstückelt und die Körper neu zusammengesetzt hat. James Ellroy rührt diese Fälle quasi in einem Mixer zu einer schwer durchschaubaren Brühe zusammen. Das ist einerseits faszinierend, andererseits frustrierend, weil einem als Leser bald nur noch der Kopf schwirrt. Der Plot ist fast schon eine Zumutung. Hinzukommt die bekannte schnoddrige Art von Ellroy, über seine Figuren politische Unkorrektheiten zu verbreiten. Hier werden mit wenigen Seiten Abstand Schwule beschimpft, das N-Wort exzessiv verwendet und ein Jude als Itzig bezeichnet. Obwohl das bei einem in den 1950er Jahren spielenden Plot sicher nicht unbedingt historisch unkorrekt ist, scheint Ellroy das auf gewisse Art auch zu zelebrieren.

Exley erhob sich. „Ich habe das mit der Beschwerde gegen Sie bereits erledigt. Es wird kein Disziplinarverfahren geben, keine Anschuldigungen. […] Er hat mich nicht nach meinen Motiven gefragt, und das Gleiche erwarte ich jetzt von Ihnen.“
Jack stand ebenfalls auf. „Und die Gegenleistung?“
„Wenn der Fall Nite Owl je wieder auf den Tisch kommt, gehören Sie und alles, was Sie wissen, mir.“
Jack streckte seine Hand aus. „Himmel, aus Ihnen ist wirklich ein eiskalter Hurensohn geworden.“ (Auszug S.451)

Dennoch kann man nicht bestreiten, dass einen diese dichte, testosterongesättigte Atmosphäre packt, die Ellroy hier kreiert. Er verwebt reale Personen wie den damaligen Chief des LAPD William H. Parker oder die Mobster Mickey Cohen und Jack Stompanato in die Story, ebenso echte Kriminalfälle wie die „Blutige Weihnacht“ und droppt ein paar Prominente. Erzählt wird aus der Perspektive der drei Hauptfiguren, die Erzählstimme in der dritten Person wird dabei auch immer mal wieder überraschend durchbrochen. Größere Zeitsprünge im Plot überbrückt der Autor mit Abschnitten, die aus Artikeln aus Zeitungen und Magazinen oder internen Vermerken des LAPD bestehen. Ellroy schreibt in einem atemlosen Stil in zumeist kurzen Sätzen oder Satzreihen. Überzeugend sind vor allem die Dialoge, die sehr griffig und authentisch wirken. Insgesamt gelingt dem Autor bei allen genannten Zumutungen ein hochgradig komplexer, aber insgesamt bemerkenswerter hartgesottener Polizeikrimi, mit all den bekannten Zutaten wie Macht, Gewalt, Korruption, Ehrgeiz, Loyalität, Schuld und Verrat. Es gibt keinen weißen Ritter, alle sind mehr oder weniger (vor allem mehr) unmoralische Personen. Letztlich bleibt die Frage nach Gerechtigkeit und ob und zu welchem Preis man sie überhaupt herstellen kann.

„Sergeant, was ist denn nun schon wieder?“
„Bloß eine Kleinigkeit aus Ihrem Autopsiebericht.“
„Sie sind nicht einmal von der County-Polizei.“
„Mageninhalt und Blutanalyse von Lynn Kendrick. Kommen Sie schon. Bitte.“
„Das ist kein Problem. Kendrick hat letzte Woche den Preis für den besten Magen gekriegt. Sind Sie so weit? Frankfurter Würstchen mit Sauerkraut, Pommes frites, Coca-Cola, Opium, Sperma. Guter Gott, ein tolles letztes Abendmahl.“ (Auszug S.544)

James Ellroy ist ein Kind der Stadt, wurde 1948 in Los Angeles geboren. Als er zehn Jahre alt war, wurde seiner Mutter bei einem Sexualverbrechen ermordet. Dieser Mord, der nie aufgeklärt wurde, übt seither eine große Bedeutung auf Ellroy aus. Er wuchs danach beim Vater auf, gerät später als Jugendlicher und junger Erwachsener auf die schiefe Bahn. Kleinkriminalität, Obdachlosigkeit, Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Kleinere Haftstrafen, Psychosen, lebensbedrohliche Erkrankungen. Erst Ende der 1970er schafft Ellroy die Abkehr aus diesem Teufelskreis, jobbt als Caddy und beginnt zu schreiben. 1981 erscheint „Brown‘s Requiem“. Der endgültige Durchbruch gelingt ihm erst später mit dem L.A.-Quartett, vier hartgesottene Thriller über L.A. Ende der 1940er und in den 1950ern, beginnend mit „Die schwarze Dahlie“. „L.A. Confidential“ ist der dritte Band, der bis heute die meiste Aufmerksamkeit genießt, vermutlich durch die großartige Verfilmung von Curtis Hansen mit Russell Crowe, Kevin Spacey, Guy Pearce und Kim Basinger (Oscar für die beste Nebendarstellerin). Das Drehbuch zum Film (Curtis Hansen und Brian Helgeland gewannen den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch) verzichtet allerdings sinnvollerweise auf die meisten Nebenstränge, mit denen Ellroy im Buch jongliert.

Als Angeleno und Chronist seiner Stadt spielt L.A. bei Ellroy natürlich eine große Rolle. Sowohl das erste als auch das zweite L.A. Quartett setzen sich mit der (Kriminal-) Geschichte der Stadt auseinander. In „L.A. Confidential“ bewegen sich die Protagonisten überwiegend im Norden und Westen der Stadt. So liegt das fiktive Nite Owl an der Ecke Hollywood Blvd. / Cherokee. Der Großteil der Geschichte spielt sich im Raum zwischen West Hollywood, Hollywood Hills, Wilshire Boulevard und Downtown ab. Interessant ist, dass man einigen Figuren bei Fahrten durch die Stadt begleiten kann. Zudem kündigen sich im Verlauf des Romans planerische Großprojekte an oder werden umgesetzt: Die Eröffnung von Disneyland 1955 („Dream-a-Dreamland“ im Roman) oder die Planung und Errichtung des südkalifornischen Freeway-Netzes.

 

Rezension und Titelfoto von Gunnar Wolters | Fotos von L.A. von Andy Ruhr

L.A. Confidential – Stadt der Teufel | Erschienen 1990
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Ullstein Verlag
Originaltitel: L.A. Confidential | Übersetzung aus dem Englischen von Hans H. Harbort
ISBN 978-3-548-29008-9
720 Seiten | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Rezensionsdoppel Surf Noir: Don Winslow & Daniel Faßbender

Im März 2026 stand auf einmal ein Roman an der Spitze der Krimibestenliste, der frischen Wand in der deutschen Krimilandschaft versprach: „Heaven’s Gate“ von Daniel Faßbender spielt auf den Philippinen in der Surferszene. Es gab ein paar sehr wohlwollende Besprechungen und mit „Surf Noir“ hatte man direkt ein Subgenre parat.

Bei „Surf Noir“ habe ich dann aufgemerkt und gedacht, da gibt es doch schon was. Erwähnt sei hier zum einen der legendäre Thriller „Gefährliche Brandung“ („Point Break“ im Original) von Kathryn Bigelow mit Keanu Reeves und Patrick Swayze in den Hauptrollen. Vorlage für den Film war übrigens der Roman „Tapping The Source“ (dt. „Wellenjagd“) von Kem Nunn aus dem Jahr 1984, sowas wie der Ursprung des Surf Noir. Und dann ist mir aufgefallen, dass ich auch noch auf meinem SuB-Stapel etwas dazu habe: „Pacific Private“ von Don Winslow, der erste Roman mit Surfer und Privatdetektiv Boone Daniels in San Diego. Und damit ergab sich doch direkt die Gelegenheit für eine Doppelrezension.

Don Winslow | Pacific Private

Boone Daniels ist ein ehemaliger Cop, der aufgrund eines alten Falles um ein nie gefundenes Kind, das vermutlich in den Fängen eines Kinderschänders war und dessen Schicksal ihm immer noch nachhängt, den Dienst quittierte. Stattdessen schlägt er sich als Privatdetektiv und als Besitzer eines Surfshops durch, vor allem aber surft er jeden Tag morgens mit seinen Freunden, einer eingefleischten Surfgang – der Dawn Patrol.

Eines Tages sucht ihn die Anwältin Petra Hall auf, damit Boone eine Zeugin für einen Versicherungsbetrug findet. Das kommt Boone allerdings ziemlich ungelegen, macht sich die ganze Surfszene doch für die vermeintlich besten Wellen aller Zeiten in den kommenden Tagen bereit. Doch er kann die attraktive wie durchsetzungsstarke Petra nicht abwimmeln und ein bisschen leichte Kohle verdienen ist auch nicht verkehrt. Doch als Boone auf der Suche nach der Stripperin Tammy Roddick einen Hinweis auf ein Motel findet und beim Eintreffen dort feststellt, dass eine Kollegin von Tammy dort vom Balkon in den Tod gestürzt wurde, dämmert ihm, dass der Auftrag deutlich komplizierter und gefährlicher wird.

„Wissen Sie, wann Mr. Daniels hier sein wird?“
„Nein. Sie?“
Petra schüttelt den Kopf. „Deshalb frage ich Sie.“
Cheerful blickt von seiner Abrechnung auf. Das Mädchen lässt sich keinen Scheiß bieten. Cheerful gefällt das, deshalb sagt er: „Ich will Ihnen was erklären, Boone hat keine Armbanduhr, er richtet sich nach dem Sonnenstand.“
„Darf ich daraus schließen, dass Mr. Daniels zu den eher entspannten Zeitgenossen gehört?“
„Wäre Boone noch entspannter“, sagt Cheerful, „könnte er nicht mehr aufrecht stehen.“ (Auszug S. 26-27)

„Pacific Private“ („The Dawn Patrol“ im Original) ist der erste von zwei Romanen mit Boone Daniels als Hauptfigur. Wie häufig schreibt Winslow schnell, in kurzen Sätzen, kurzen Kapiteln, im Präsens, mit vielen Perspektivwechseln und einer allwissenden Erzählstimme, die uns direkt in die Figuren eintauchen lässt. Die Schauplätze sind neben dem Pazifischen Ozean zahlreiche Orte im San Diego County, zumeist in Strandnähe entlang des Highway 101. Neben des eigentlichen Kriminalfalls spielt bis zum Schluss die große Wellenfront und die freundschaftlichen Beziehungen innerhalb der Dawn Patrol eine große Rolle im Roman.

Boone Daniels‘ Auftrag führt ihn letztlich nicht nur zu einem schnöden Versicherungsbetrug, sondern wird deutlich düsterer und gewalttätiger, als man es vielleicht von der Surferszene erwartet. Autor Don Winslow gelingt es auch in diesem Roman, seinem Thriller einen enormen Sog zu verleiten. Und damit ist nicht nur die Strömung im Ozean gemeint, der Einzig kritisch möchte ich anmerken, dass der Autor es manchmal etwas übertreibt und durch den plaudernden Erzähler fast jeder Figur und einigen Schauplätzen ein paar Seiten Hintergrundinfos und eine Anekdote gönnt. Auch sind einige der Figuren mit ziemlich skurrilen Biografien ausgestattet. Dennoch wird der Lesefluss für mich nicht nachhaltig gestört, sondern die durchgehende Spannung wird kurz danach wieder aufgegriffen. Insgesamt verkörpert der Roman eine sehr gelungene Mischung aus Coolness, Humor, Ernsthaftigkeit und Gewalt.

Daniel Faßbender | Heaven’s Gate

Der frühere deutsche Profisurfer Caruso lebt inzwischen auf Surogao, eine Insel der Philippinen. Dort stürzt er sich regelmäßig in die Wellen dieses Surfspots und verdingt sich mehr schlecht als recht als Gelegenheitsprivatdetektiv, fristet allerdings ein Leben von der Hand in den Mund. Die attraktive und reiche Spanierin Ángel will allerdings ausgerechnet ihn verpflichten, ihren vermissten Sohn Juan zu finden, da die korrupte Polizei keine Hilfe zu sein scheint. Caruso nimmt die Aufgabe an, ermittelt zunächst im Surfermilieu, in dem sich Juan wohl auch bewegte. Allerdings ist die Insel Surogao nicht nur bei Surfern ein Hot Spot, sondern auch zunehmend im internationalen Drogenhandel. Und so gerät Caruso schnell in eine äußerst gefährliche Situation.

Währenddessen ist in Deutschland Dietmar „Diego“ Miehle, ehemaliger Zuhälter und Kokskönig auf St. Pauli nach langer Haft wieder auf freiem Fuß. Der alternde Ex-Gangster glaubt nun, mit einer (Auto-)Biographie ein gutes Auskommen erreichen zu können, muss allerdings feststellen, dass ein Verlag abspringt und auch sonst kaum jemand auf ihn gewartet zu haben scheint. Da meldet sich Caruso bei ihm, denn er ist einer der letzten Kontakte auf Juans Handy. Juan ist Diegos Sohn, er hatte allerdings bis vor einigen Wochen keinen Kontakt. Diego hat eine Ahnung, was sein Sohn auf Surogao vorhatte und kann Caruso einige Insidertipps geben.

Ich schlief bis in den Nachmittag und träumte von Hawaii, dem Gecko im Wasserspender und Fuerteventura. Ein wirrer Alptraum, vielleicht auch mehrere, die flirrend ineinander übergingen. Die Angst, alles zu verlieren, was wir etwas bedeutete, ließ mich mit rasendem Herzen aufwachen. Als mir einfiel, dass ich bereits alles verloren hatte, beruhigte es sich wieder. (Auszug S. 120)

„Heaven’s Gate“ ist Daniel Faßbenders erster Krimi. Der Autor debütierte 2018 mit seinem Roman „Die weltbeste Geschichte vom Fallen“ und möchte nun im Krimigenre reüssieren. Das könnte auch durchaus aufgehen, denn dieser Surfer-Krimi bringt frischen Wind in die deutsche Krimiszene, die sich bei den Schauplätzen in der Regel nicht so weit von der Heimat entfernt. Die (fiktive) philippinische Insel und vor allem die Surfspots sind reizvoll beschrieben. Auch die Themen Gewalt, Korruption, Drogenhandel werden angemessen und spannend behandelt.

Nicht ganz optimal fand ich allerdings die Figuren des Romans. Schon Caruso als Hauptfigur gefiel mir eigentlich auf dem Surfbrett am besten, an Land hatte der Privatdetektiv für meinen Geschmack Mühe, sich aus den Reminiszenzen an andere hardboiled detectives (finanziell klammer Einzelgänger, dem Alkohol sehr zugeneigt, begibt sich voller Naivität in den Fall (obwohl er es besser wissen müsste), schläft mit der schönen Auftraggeberin usw.) zu befreien. Zudem gibt es aus meiner Sicht nicht allzu sehr ausgereifte Nebenfiguren, die nur kaum aus der Eindimensionalität hervortreten wie der russische Oligarchensohn, die korrupte Politik und Polizei, die schöne, reiche Mutter des Vermissten und andere. Auch Diego kommt mir oftmals eher als „Comic relief“ vor, denn als ernsthafte Figur.

„Heaven’s“ Gate lässt mich etwas hin- und hergerissen zurück. Einerseits sicherlich ein ordentliches Krimidebüt. Lässig-flüssiger Stil, liest sich locker weg. Kann mit glaubwürdiger Surfer Attitude punkten. Bringt ein unverbrauchtes, tropisches Setting, aber verschweigt nicht die Schattenseiten und das zu bestimmten Jahreszeiten miese Wetter. Andererseits werden hier an einigen Stellen die Klischees bemüht, die Figuren bleiben manchmal flach und im Plot wird zum actionhaften Schluss für meinen Geschmack manches zu hopplidahopp und nicht mehr ganz glaubhaft forciert.

Der Roman stand – wie gesagt – im März an der Spitze der auch von mir gern als Hinweis genutzten Krimibestenliste. Winslows Surfer-Cop Boone Daniels wurde in der Kritik als Referenz genannt. Faßbender selbst verweist in einem Verlagsinterview auf Hammett und Fauser als Vorbilder. Nun, der Roman war wirklich ganz gut, sicherlich über dem Krimi-Einheitsbrei. Aber auf der „Hardboiled & Noir Road“ zu diesen Vorbildern sind noch einige Schritte zu laufen.

 

Fotos & Rezensionen von Gunnar Wolters.

Pacific Private | Erschienen 2009 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-46096-2
396 Seiten | 9,99 € (aktuell nur antiquarisch lieferbar)
Originaltitel: The Dawn Patrol | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Conny Lösch
Wertung: 4,5 von 5

Heaven’s Gate | Erschienen am 17.02.2026 im Diogenes Verlag
ISBN 978-3-7099-7981-5
336 Seiten | 14,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5