Kategorie: 3.5 von 5

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

H. Dieter Neumann | Feuer in den Dünen

„Was ist denn passiert?“, fragte Helene.
„In den frühen Morgenstunden hat es eine neue Brandstiftung gegeben. Diesmal in Vejers Strand.“
„Wieder ein Ferienhaus?“
„Ja, in den Dünen direkt am Strand. Völlig ausgebrannt. Die Bewohner konnten sich im letzten Moment aus dem Haus retten, liegen aber alle mit Rauchvergiftung im Krankenhaus. Eine Urlauberfamilie aus den Niederlanden mit zwei Kindern.“ (Auszug Seite 90)

Auf der Fähre von der Nordseeinsel Amrum zum Festland gibt es einen Toten. Er ist nicht an einem epileptischen Anfall gestorben, wie erst vermutet wird, sondern wurde vergiftet. Helene Christ von der Mordkommission Flensburg nimmt sich dem Fall an und muss sich für weitere Ermittlungen mit den Kollegen aus Dänemark zusammentun, denn der Tote wohnte im Nachbarland. Die Dänen haben es zur gleichen Zeit mit Brandanschlägen auf Ferienhäuser zu tun und deshalb eigentlich kein Personal frei. Doch dann ergibt sich ein Zusammenhang zwischen den beiden Fälle

Geplatzter Segeltörn

Oberkommissarin Helene Christ wohnt gemeinsam mit ihrem Freund Simon Simonsen und der Hündin Frau Sörensen am Rand von Flensburg in einem alten Haus. Die Drei segeln am liebsten mit ihrem Boot über die Gewässer und freuen sich schon auf den Urlaub in wenigen Tagen auf den schwedischen Schäreninseln, als das Boot einen Schaden erleidet und Helene den neuen Fall bekommt.

Der sechste Fall von Helene Christ

Feuer in den Dünen von H. Dieter Neumann ist bereits der sechste Fall um Helene Christ. Ein Küsten-Krimi, der vor allem in Dänemark und Flensburg spielt, die ersten Ermittlungen führen aber auch nach Amrum. Die Geschichte hat kurze Kapitel, die hauptsächlich um die Ermittlungen von Helene Christ und ihrem Kollegen Nuri Önal kreisen, einige wenige Kapitel geben allerdings auch Einblicke in die Gedanken der Täter, was dem Leser einen gewissen Vorsprung zu den Polizisten verschafft und die Handlung dadurch noch etwas spannender gestaltet.

Privat und beruflich

Helene wird in diesem Fall sehr stark eingespannt und reißt auch generell gern alle Arbeit an sich, wovon Simon gar nicht begeistert ist, also kommt es unweigerlich zum Streit. Das Private der Kommissarin bleibt aber im Hintergrund und wird eher nebenbei erwähnt, das Hauptaugenmerk bleibt auf dem Fall, was mir gut gefällt. Die Protagonistin ist mir in ihrer Handlungsweise sympathisch. Sie geht durchaus ab und zu über ihre Kompetenz und geht Risiken ein, bleibt dabei aber auf dem Boden. Sie sieht eventuelle Fehler im Nachhinein ein und gibt ihr Bestes, um es wieder geradezurücken.

Ende und gut

Die Geschichte liest sich leicht, aber durchgehend spannend. Die Polizisten müssen auch mit Rückschlägen klarkommen, es läuft also nicht immer alles glatt. Das Ende bekommt nochmal einen guten Spannungsbogen, ohne dass vom Autor zu viel gewollt wurde, auch das gefällt mir. Der Schluss bleibt eher offen, war aber zu vermuten, als die Zusammenhänge nach und nach klarer werden. Hätte ich das eigentliche Thema auf dem Klappentext gelesen, hätte ich das Buch nicht ausgesucht, aber so war es gut und ich habe es gern gelesen.

Fazit: Ein solider Küsten-Krimi, den man zwischendurch gut lesen kann, der mich aber dennoch nicht nachhaltig beeindruckt hat.

H. Dieter Neumann, Jahrgang 1949, war Offizier in der Luftwaffe der Bundeswehr und in verschiedenen internationalen Dienststellen der NATO. Anschließend arbeitete der diplomierte Finanzökonom als Vertriebsleiter und Geschäftsführer in der Versicherungswirtschaft, bevor er sich ganz aufs Schreiben verlegte. Der passionierte Segler ist verheiratet, hat zwei erwachsene Töchter und lebt in Flensburg.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Feuer in den Dünen | Erschienen am 22. August 2019 im Grafit Verlag
ISBN 978-3-89425-630-2
288 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Abgehakt September 2019

Abgehakt September 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 3. Quartalsende 2019

 

Hazel Frost | Last Shot

Auf einem einsamen Parkplatz in den bayrischen Alpen wird eine russische Familie von einer Killerin attackiert. Der Vater Youri, ein Bordellbesitzer, und die erwachsenen Zwillingstöchter sterben. Der Sohn Dima bleibt unversehrt, seine Tochter Mathilda überlebt und wird von der Polizei aufgefunden. Die Killerin namens November nimmt eine Tasche voll Geld und wertvoller Waffensoftware an sich. Doch eigentlich hatte sie es noch auf etwas anderes abgesehen. Die Jagd ist noch nicht zu Ende und es mischen weitere merkwürdige Gestalten mit.

Die Autorin mit dem halbherzigen Pseudonym Hazel Frost (alias Katja Bohnet) erwähnt im Nachwort, dass Last Shot zu Beginn ihrer schriftstellerischen Karriere entstand. Inspiration für diesen ungewöhnlichen Thriller – das offenbart die Autorin selbst – waren legendäre Filmthriller aus den Neunzigern wie Pulp Fiction oder Leon – Der Profi. Und so beherbergt dieser Roman einige schräge Figuren, einen rasanten und harten Plot und eine Menge Blei und Blut. Das ist vielleicht hier und da etwas „drüber“ und bizarr, aber zumeist durchaus unterhaltsam, kurzweilig und in manchen Momenten sogar melancholisch. Insofern gar nicht übel.

 

Last Shot | Erschienen am 10. September 2019 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-30642-0
368 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

John Steele | Ravenhill

Jackie Shaw kehrt nach zwanzig Jahren nach Belfast zurück, um am Begräbnis seines verstorbenen Vaters teilzunehmen. 1993 war Jackie Mitglied der loyalistischen Paramilitärs der UDA – und ein verdeckter Ermittler der Polizei. Nach einem Vorfall mit drei Toten wurde auch er für tot erklärt und aus der Schusslinie gebracht. Nun erwartet Jackie bei seiner Rückkehr nicht nur der MI5, sondern auch Rab Simpsons und Billy Tyrie, Jackies ehemalige Chefs der UDA-Sektion. Beide sind inzwischen zu Gangstergrößen aufgestiegen und verlangen von Jackie, den jeweils anderen zu töten.

Belfast oder Nordirland bieten mit den gesellschaftlichen Konflikten ein unglaublich interessantes, intensives und auch vielseitiges Setting. In Ravenhill erzählt der gebürtige Belfaster John Steele die Geschichte auf zwei Zeitebenen. Einmal einige Jahre vor und dann deutlich nach dem Karfreitagsabkommen, das die Situation oberflächlich natürlich erheblich befriedet hat. Allerdings stellt Steele auch unmissverständlich klar, dass die damaligen Protagonisten zwar mit dem Terrorismus aufgehört haben, aber weiterhin Schurken sind, die sich nun in Schutzgelderpressung oder Drogenhandel verdingen. Und die auch kaum angetastet werden, um den Frieden nicht zu stören. Allerdings verlaufen die Fronten nun auch mal innerhalb der ehemaligen Organisationen, was Rückkehrer Jackie Shaw bald feststellt.

Ravenhill ist ein komplexer Noir über Loyalität und Verrat, außerdem eine Hommage an Belfast. Der Autor schreibt hart und realistisch und zeigt auf, wie brüchig der Frieden in Nordirland immer noch ist.

 

Ravenhill | Erschienen am 1. Mai 2019 im Polar Verlag
ISBN 978-3-945133-77-4
352 Seiten | 20.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/Hardboiled
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jutta Profijt | Unter Fremden

Die Syrerin Madiha kommt als Flüchtling nach Deutschland. Zwar ist sie Analphabetin, aber da sie als Kind nach dem Tod ihrer Mutter bei einem Verwandten mit einer deutschen Ehefrau aufwuchs, spricht sie Deutsch. Auf ihrer Flucht half ihr ihr Landsmann Harun. Nun ist dieser aus dem Flüchtlingsheim verschwunden, nicht ohne Madiha den Schlüssel zu seinem Spind mit seinen wenigen Habseligkeiten anzuvertrauen. Madiha will Harun wieder aufspüren, das glaubt sie, ihm nach seiner Hilfe schuldig zu sein. So stellt sie mit den wenigen Anhaltspunkten, die sie hat, ein paar Nachforschungen an. Und ruft damit nicht nur das LKA, sondern auch andere Personen auf den Plan, die kein Interesse an Madihas Suche haben.

Unter Fremden ist ein Roman, der sich vor allem mit seiner Protagonistin und der Erzählperspektive aus der Masse abhebt. Madiha ist eine scheue, junge, gehbehinderte Frau aus einer traditionellen Familie, die es auf der Flucht vom Bürgerkrieg nach Deutschland verschlägt. Was einerseits gut ist, da sie aufgrund eines Zufalls auch Deutsch spricht, aber was sie dennoch auf eine harte Probe stellt, da sie ganz allein nun ihren Weg gehen muss und ihr Deutschland völlig fremd ist. Diese naive, scheue Madiha mausert sich im Verlauf der Geschichte und verfolgt ihr Ziel mit Beharrlichkeit und großem Herz. Ihre Suche nach Harun, der eine andere Vergangenheit hatte, als sie glaubte, führt sie zu einem Netzwerk, das den Krieg aus Syrien bis nach Deutschland trägt. Nebenbei liefert Madiha dem Leser einen Einblick in ihr Inneres und wie die Flüchtlinge unser Land und seine Bewohner empfinden könnten, den gut organisierten, aber immer rastlosen Deutschen mit ihrem faden Essen.

Spannungstechnisch stößt die Erzählperspektive aber auch an ihre Grenzen, zu mühsam ist manchmal Madihas Weg. Und gelegentlich erscheint auch Madihas Entwicklung ein wenig zu schnell zu verlaufen. Dennoch ist Unter Fremden (für den Autorin Jutta Profijt 2018 den Friedrich-Glauser-Preis erhielt) auf jeden Fall ein lesenswerter Kriminalroman mit ungewöhnlicher Perspektive.

 

Unter Fremden | Die Originalausgabe erschien am 8. September 2017,
die Taschenbuchausgabe erschien am 21. Juni 2019, beide im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21774-3
336 Seiten | 10.95 Euro
E-Book: ISBN 978-3-423-43227-6 | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Remigiusz Mróz | Die kalten Sekunden

Damien Werner macht seiner langjährigen Freundin Ewa am Flussufer einen Heiratsantrag. Doch wenig später treffen sie auf eine Gruppe betrunkener Männer. Diese schlagen Werner nieder und vergewaltigen seine Verlobte. Als Werner wieder aufwacht, ist Ewa verschwunden. Und taucht nicht mehr auf. Zehn Jahre später ist es mit Werners Leben rapide abwärts gegangen, von Ewa gibt es nach wie vor keine Spur. Doch da entdeckt ein Freund von ihm Ewa auf einem Bild bei einem Konzert. Werner engagiert eine Detektei, da die Polizei keine Anstalten macht, ihm zu helfen. Als Werners Freund ermordet wird, begibt sich Werner auf eine Jagd quer durch Polen auf der Suche nach weiteren Hinweisen auf Ewa. Unterstützt wird er aus der Ferne von Kassandra Reimann, Chefin der Detektei, die allerdings diesen Fall auch aus eigenem Antrieb verfolgt.

Remigiusz Mróz ist ein absoluter Bestsellerautor in Polen und ein Vielschreiber. Seit seinem Debüt 2013 sind bis heute 25 (!) Romane von ihm erschienen. Die kalten Sekunden ist der erste auf Deutsch erschienene und ein klassischer Thriller mit einigen üblichen Zutaten, aber auch Unerwartetem. Überzeugend sind in erster Linie die Erzählperspektiven (hier wählt Mróz mit Werner und Kassandra zwei Ich-Erzähler) und die äußerst realistische Darstellung des Hauptthemas des Buches: Häusliche Gewalt. Gerade in Polen noch ein großes Problem nutzt Mróz seine Popularität, um auf dieses Tabuthema aufmerksam zu machen. Das tut er drastisch und schockierend, aber vielleicht ist das auch nötig. Allerdings muss ich auch feststellen, dass der Plot bei mir eine Menge Fragezeichen hinterlässt. Plausibel ist das alles meiner Meinung nach nicht und daher bin ich nur mittelmäßig zufrieden.

 

Die kalten Sekunden | Erschienen am 21. Mai 2019 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-27606-4
384 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 2.5 von 5.0

Alle vier Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Frank Goyke | Mörder im Chat

Miriam wird mit einer Machete ermordet, einziger Zeuge ist ein Schweizer, der die Tat im Chat auf seinem Computer beobachtet hat. Die Rostocker Ermittler Jonas Uplegger (alleinerziehender Vater eines Teenagers und Ja-Sager, zuletzt hat er einen ehrenamtlichen Vorsitz angenommen, den er nicht wollte) und Barbara Riedbiester (stark übergewichtig, bekämpft gerade nicht besonders erfolgreich ihre Alkoholsucht und lässt sich von Uplegger ständig irgendetwas googeln) ermitteln in dem Fall und treffen bald auf einige Ungereimtheiten im Leben des Opfers.

Mörder im Chat von Frank Goyke liest sich meiner Meinung nach durch umständliche Formulierungen und viele Fremdwörter nicht sehr flüssig. Außerdem werfen die Protagonisten mit viel Fachwissen auf unterschiedlichen Ebenen um sich. Wer sich aber in Rostock auskennt, wird seine Freude haben und an einigen Stellen konnte ich wirklich lachen.

 

Mörder im Chat | Erschienen am 27. März 2013 im Hinstorff-Verlag
ISBN 978-3-35601-574-4
336 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Regionalkrimi
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

 

Stephan Schad | Der Fall Collini

Bei diesem Hörspiel zur Literaturverfilmung Der Fall Collini führt der Erzähler Stephan Schad souverän und mit sonorer Stimme durch die dramatische Geschichte, unterbrochen durch Original Tonmaterial aus dem Film.

Fabrizio Collini, ein seit Jahrzehnten in Deutschland lebender Italiener, erschießt scheinbar ohne Grund den angesehenen Großindustriellen Jean-Baptiste Meyer in dessen Luxus-Suite eines Hotels und traktiert den sterbenden Greis noch mit brutalen Kopftritten. Collinis Pflichtverteidigung übernimmt der unerfahrene Caspar Leinen. Dieser ist total befangen, weil der Ermordete nicht nur der Großvater seiner Jugendliebe war, auch er selbst hat Meyer viel zu verdanken. Der erfahrene Strafverteidiger Professor Richard Mattinger schlägt ihm einen Deal vor, vorausgesetzt der betagte Collini bekennt sich schuldig. Doch der schweigt eisern und so begibt sich Leinen auf die Suche nach einem möglichen Motiv. In dem italienischen Heimatdorf Collinis kommt er dabei einem großen Justizskandal der deutschen Rechtsgeschichte auf die Spur. Wenn zum Schluss im Gerichtssaal die Wahrheit ans Licht kommt, hat das Hörspiel seine besten – weil emotionalsten – Momente.

Bei meinem ersten Film-Hörspiel hatte ich die Bilder des Kinofilms nach einer Romanvorlage von Ferdinand von Schirach mit Schauspielern wie Elyas M‘Barek und Heiner Lauterbach noch im Kopf. Sonst wären mir die ca. 140 Minuten Laufzeit aufgrund der Handlungsdichte vielleicht etwas zu komprimiert gewesen. So fand ich, auch unter dem Einsatz von entsprechender musikalischer Untermalung, ein gelungenes, lebendiges, durch die Brisanz des Themas aufwühlendes Audio-Erlebnis.

 

Der Fall Collini | Das Original-Hörspiel zum Film erschien am 18. April 2019 im Jumbo Verlag
ISBN 978-3-8337-4024-4
2 Audio CDs | 15.99 Euro
Gesamtspielzeit: ca. 140 Minuten
Erzähler: Stephan Schad
Bibliographische Angaben & Hörprobe | Romanvorlage | Filmtrailer

Genre: Spannungsroman
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

 

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.

Anna Johannsen | Das Mädchen am Strand

Anna Johannsen | Das Mädchen am Strand

„Der Strandabschnitt war weiträumig abgesperrt und wurde auf jeder Seite von einem Polizisten überwacht. Im Laufen hob Lena ihren Ausweis, der Kollege nickte und hob das Absperrband für sie hoch. Um die Leiche, die in einer windgeschützten Mulde am Rand des Strandes lag, standen Arno Brandt und drei Polizisten der Suchmannschaft. Die Szene wirkte merkwürdig friedlich: Das Mädchen sitzend und leicht zur Seite geneigt, die Augen geschlossen, die Arme locker auf dem Schoß.“ (Auszug Seite 44)

Hauptkommissarin Lena Lorenzen macht eigentlich einen Kurzurlaub auf Amrum, wird dann aber gebeten, die Suche nach einem vermissten Mädchen auf der Nachbarinsel Föhr zu unterstützen. Die 14-jährige Maria ist von zu Hause verschwunden und wird am zweiten Tag der Suchaktion tot am Strand gefunden, mit aufgeschlitzten Pulsadern. Alles deutet also auf einen Suizid hin, auch die Tatsache, dass Marias Familie in einer streng religiösen Glaubensgemeinschaft lebt. Lena bleibt allerdings von Anfang an skeptisch und trifft bei ihren Befragungen auf großes Schweigen. Warum ist Maria weggelaufen? Wollte sie einfach nur den festen Regeln ihrer Religion entkommen oder steckt etwas ganz anderes dahinter?

Das Leben neben dem Beruf

Lena ist Mitte dreißig und arbeitet in Kiel beim LKA. Sie lebt im Moment in einer Fernbeziehung mit Erck, einem Freund aus Schultagen, dem sie vor kurzem wieder begegnet ist und der jetzt auf Amrum lebt. Erck stört es, dass beide sich nicht so oft sehen und wenn, dann trotzdem Lenas Job dazwischen funkt, wie in dieser Vermisstensache. Erck möchte eine Zukunft und Familie, Lena ist sich jedoch unsicher. Und dann ist einer der Flensburger Kollegen, die mit in dem Fall ermitteln, auch noch Ben, mit dem sie nach einem Seminar im Bett gelandet ist… Hier sind Grübeleien vorprogrammiert.

Viel Ermittlungsarbeit

Das Mädchen am Strand von Anna Johannsen ist der zweite Roman um die Kommissarin Lena Lorenzen. Bisher ermittelte die Protagonistin in fünf Fällen. Die Geschichte ist ein klassischer Kriminalroman, in dem es hauptsächlich um die Ermittlungen in dem Todesfall geht. Außer den Kollegen vor Ort bekommt Lena schnell noch weitere Unterstützung aus Flensburg und so koordiniert sie insgesamt drei Teams über die Insel. Es werden viele Befragungen geführt, mit den meisten Personen auch mehrmals, da sich eine Hülle des Schweigens um die Menschen im Umfeld von Maria bildet. Immer wieder zieht Lena sich auch mit Johann, einem Kollegen aus Flensburg, mit dem sie bereits in einem früheren Fall gut zusammengearbeitet hat, zurück und reflektiert die bisherigen Ergebnisse. Es dauert lange, bis es so etwas wie einen Verdächtigen gibt, doch dann kommt alles auf einmal!

Leichter Lesegenuss

Mir hat dieser Krimi Lesefreude bereitet, da eben nicht so sehr viel drum herum erzählt wird, sondern wirklich der Fall im Vordergrund steht. Lena ist für mich als Protagonistin eher flach geblieben, ich kann mich nicht besonders gut mit ihr identifizieren, richtig unsympathisch ist sie mir allerdings auch nicht. Ein bisschen Liebesgeschichte und Familienprobleme geben der Geschichte noch etwas Abwechslung. Das ist nichts wirklich Neues, stört aber auch nicht. Zweimal hatte ich erst das Gefühl, dass doch etwas zu viel Zufall eingewebt wurde, hat sich dann aber doch nicht bestätigt. Beim Ende habe ich ebenfalls erst vermutet, dass der Täter doch recht früh feststeht, aber glücklicherweise änderte sich auch das nochmal und es blieb bis zum Schluss spannend. Insgesamt liest sich die Handlung flüssig und schnell und ich konnte immer gut folgen. Außerdem kommt ein wunderschöner Schauplatz dazu und oftmals sortiert Lena ihre Gedanken im Watt oder im Strandkorb.

Fazit: Leichter, aber keinesfalls langweiliger Krimi mit bester Kulisse!

Anna Johannsen lebt seit ihrer Kindheit in Nordfriesland. Sie liebt die Landschaft und Menschen der Region, besonders verbunden ist sie den nordfriesischen Inseln, auf denen die Krimireihe »Die Inselkommissarin« spielt.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Das Mädchen am Strand | Erschienen am 6. Februar 2018 bei Edition M (Selfpublishing)
ISBN 978-1-50390144-0
350 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Edgar Wallace | Der grüne Bogenschütze

Edgar Wallace | Der grüne Bogenschütze

Es gab genug Leute, die ihn verfluchten – Bellamy war ein hartgesottener Geschäftsmann, und sein Name wurde da und dort mit einer Gemeinheit in Verbindung gebracht, was ihm allerdings keine schlaflosen Nächte bereitete. Reue und Furcht kannte er nicht, sondern war im Gegenteil noch stolz auf das Böse, das er getan hatte. Was sich ihm in den Weg stellte, hatte er stets niedergetreten. (…) Seit dreißig Jahren war er mächtig genug, um andere verfolgen und völlig nach seinem Belieben handeln zu können. (Auszug Seite 9)

Der grüne Bogenschütze, der Geist eines im 18. Jahrhundert hingerichteten Wilderers, soll wieder auf Schloss Garre Castle, einem ehemaligen englischen Adelssitz, jetzt im Eigentum des unerbittlichen Chicagoer Geschäftsmanns Abel Bellamy, aufgetaucht sein und dort herumspuken. Der aufs Äußerste unbeliebte Bellamy glaubt nicht an Gespenster, doch als eines Tages sein Freund Charles Creager – erschossen mit einem grünen Pfeil – tot in dessen Garten aufgefunden wird, regt sich doch so etwas wie Angst bei Bellamy, auch wenn er dies öffentlich nicht eingestehen würde. Die Anschaffung zweier scharfer Wachhunde spricht jedoch dafür. Für die Polizei hingegen gilt er als Verdächtiger, denn Creager und Bellamy hatten noch am Vorabend des Mordes einen heftigen Streit.

Spike Holland wird indes von seinem Redaktionsleiter als Journalist in ein Londoner Hotel geschickt, um dort für eine spannende Story über den Grünen Bogenschützen zu recherchieren. Gleichzeitig hat er eine zweite Story in petto, denn er möchte den belgischen Geschäftsmann John Wood in London treffen, um ihn für eine mehrteilige Hintergrundgeschichte zu den von ihm geplanten privaten Kindergärten gewinnen. Wie praktisch, dass sowohl Bellamy als auch Wood im selben Hotel abgestiegen sind. Da Holland von Bellamy abgewimmelt wird (der Mord an Creager geschieht danach), widmet sich der lebhafte Reporter der Geschichte von Mr. Howett und dessen Tochter Valerie. Diese wurden von dem Scotland Yard-Kommissar Jim Featherstone begleitet, da Howett nach London gereist ist, um die vor vielen Jahren verschwundene Mutter Valeries, Mrs. Elaine Held, zu finden.

Genug Stoff für zwei Krimis, sollte man meinen, aber es kommt natürlich noch zu weiteren Verstrickungen im Lauf der Handlung. Der grüne Bogenschütze taucht wiederholt auf und Abel Bellamy wacht mehrfach nachts auf und findet seine zuvor verschlossenen Schlafzimmertüren – trotz Wachhunden – weit offen stehend vor. Durchgehend tritt Bellamy als rücksichtsloser Egozentriker auf, der keine Skrupel hat, Angestellte mit einem Fingerschnippen zu entlassen und die Ermittlungen von Kommissar Featherstone zu behindern. Doch dieser greift zu raffinierten Methoden, um Bellamy auf die Schliche zu kommen.

Hauptsächlich gibt der allwissende Erzähler die Geschehnisse um Abel Bellamy, Mr. Howett und dessen Tochter sowie den Reporter Spike Holland und den Belgier John Wood wieder. Alles ist irgendwie miteinander verquickt, doch wie genau, das gilt es – ebenso wie die Identität des maskierten Bogenschützen – herauszufinden. Dabei bedient sich Edgar Wallace eines beachtlichen Tempos, bei dem ich das ein oder andere Mal eine extra Portion Konzentration aktivieren musste. Zudem hatte ich noch Bilder der vor Jahren mehrfach gesehenen Filmfassung von 1961 mit dem kongenial besetzten Gert Fröbe als Abel Bellamy und Eddi Arent in der Rolle des Spike Holland vor Augen, was ich heute noch sehr passend finde, aber andererseits hat es mich indirekt ablenkt, da ich auch noch eine Ahnung hatte, worauf es hinausläuft, auf Schloss Garre Castle, welches übrigens fiktiv ist, ebenso wie Garre lediglich ein fiktiver Vorort Londons ist. Wallace baut nonchalant noch eine wenig romantische Liebelei zwischen dem attraktiven Kommissar und der bezaubernden Halbwaisen Valerie ein, diese erweckt jedoch eher den Eindruck einer Selbstverständlichkeit und ist daher mehr komisch als störend.

Der grüne Bogenschütze ist einer von vielen Klassikern aus der Feder des weltberühmten Engländers Edgar Wallace, die sich wunderbar als Klassikhäppchen eignen. Immerhin ist diese Geschichte erstmals 1923 veröffentlicht worden, also vor 96 Jahren schon!

 

Rezension und Foto von Nora.

Der grüne Bogenschütze | Erstmals erschienen 1923, in Deutschland 1928
Die gelesene Ausgabe ist eine Sonderauflage des Goldmann Verlags, erschienen am 9. Mai 2019, Vertrieb über Lidl Deutschland
ISBN 978-3-442-60335-0
222 Seiten | 1.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Trailer zur Verfilmung

Den Roman gibt es gedruckt antiquarisch oder als gratis eBook bei zum Beispiel amazon.de

Michael Robotham | Die andere Frau

Michael Robotham | Die andere Frau

„Man hat ihn aus der Anwaltskammer ausgeschlossen, weil er eine Zeugenaussage manipuliert hat. Es hat Jahre gedauert, bis er seine Zulassung zurückbekommen hat. William hatte seine Ladys, und Kenneth hatte seine Demütigungen.“ „Wen meinst du mit ‚Ladys‘? „Olivia Blackmore natürlich.“ „Gab es weitere?“ (Auszug Seite 264)

Der angesehene Psychologe Joe O’Loughlin eilt ins St. Mary’s Hospital in London. Sein 80-jähriger Vater liegt nach einem unglücklichen Treppensturz mit schweren Kopfverletzungen auf der Intensivstation und wurde ins künstliche Koma versetzt. Im Krankenhaus macht Joe einige verstörende Entdeckungen: Sein Vater, der renommierte Arzt William O’Loughlin, zeigt Spuren schwerster Misshandlungen und wurde offenbar brutal überfallen. Und am Krankenbett sitzt eine ihm unbekannte Frau, die behauptet seit Jahren mit William verheiratet zu sein. Olivia Blackmore lebt angeblich mit ihm in einem Haus im Londoner Stadtteil Chiswick. Joe kann nicht fassen, dass sein Vater, der seit fast 60 Jahren mit seiner Mutter verheiratet ist und mit ihr mittlerweile zurückgezogen in Wales lebt, tatsächlich ein Doppelleben führt.

Die Polizei ermittelt in einem Fall von schwerer Körperverletzung, aber nachdem der ermittelnde Beamte DI Stuart Macdermid nicht mit Joe kooperieren möchte, stellt dieser seine eigenen Nachforschungen an. Um ein mögliches Motiv für den brutalen Überfall zu finden, recherchiert Joe gegen den Willen der Polizei auf eigene Faust.

Ein ganz persönlicher Fall

Noch mysteriöser wird der Fall, als Joes Töchter von Olivias psychisch krankem Sohn Ewan bedroht werden. Joe bittet seinen Freund Vincent Ruiz um Unterstützung und dieser rettet ihn aus einigen brenzligen Situationen und gemeinsam versuchen sie die Wahrheit über das Doppelleben seines Vaters herauszufinden. Obendrein muss Joe durch den neuen Schatzmeister der O’Loughlin-Stiftung erfahren, dass es in der Vergangenheit zu großen finanziellen Unregelmäßigkeiten gekommen ist. Joe wird immer klarer, dass sowohl Williams Vergangenheit als Arzt wie auch seine Rolle als Vorsitzender der Foundation eine wichtige Bedeutung für die aktuellen Ereignisse haben. Und was verschweigt die Anwaltsfamilie Kenneth Passage, mit der Joes Familie seit einer gefühlten Ewigkeit befreundet ist?

Der elfte Teil der Reihe um den forensischen Psychologen Joe O’Loughlin ist sein persönlichster Fall. Er wird diesmal nicht als Profiler zur Unterstützung durch die Polizei herangezogen, sondern ermittelt in eigener Sache. Der Expolizist Vincent Ruiz arbeitet inzwischen als Ermittler für Unternehmensbetrug und außer, dass dieser Aspekt die Handlung an einer Stelle weiter bringt, spielt er diesmal nur als Randfigur mit. Dabei macht der Psychologe grade eine schwere Zeit durch. Nach dem Tod seiner Frau ist er mit den beiden Töchtern in den Londoner Norden gezogen, um sich ein neues Leben aufzubauen. Während Charlie in Oxford studiert, leidet besonders die jüngere Emma unter dem Verlust der Mutter. Die 12-Jährige zieht sich immer mehr in sich zurück und macht es dem alleinerziehenden Vater schwer, an sie ran zukommen. Außerdem macht ihm seine Parkinson-Erkrankung wieder sehr zu schaffen und stellt die Bewältigung des Alltags vor große Herausforderungen.

Gottes Leibarzt im Wartestand

Der Thriller beschäftigt sich in großen Teilen mit dem schwierigen Verhältnis von Joe zu seinem Vater, welches in vielen Rückblenden beleuchtet wird. Dadurch gewinnt der Psychologe einige schmerzliche Erkenntnisse und beginnt diese zu reflektieren. Auch der Leser erhält einen tiefen Einblick in das private Umfeld des Protagonisten und entwickelt dadurch eine emotionale Nähe zu dem Helden. Die interessanten Rückblicke machten die Figur des dominanten Vaters, der seine Gefühle nicht zeigen konnte, für mich sehr greifbar. Sein ganzes Leben lang hatte Joe versucht, seinen unterkühlten Vater zu beeindrucken sowie seine Liebe und Zuneigung zu gewinnen. Da er beruflich nicht in Williams Fußstapfen getreten ist, hatte er das Gefühl, dass ihm das nicht gelungen ist. Bei seiner Spurensuche in die Vergangenheit kommen Tatsachen zu Tage, die aber das hehre Bild seines Vaters wanken lassen. Der brillante Chirurg war bei weitem nicht unfehlbar.

Mein Vater hat nichts Leichtes, Spielerisches oder Schelmisches. Ich kann mich nicht erinnern, dass er irgendwann in meiner Kindheit Liedchen gesungen, Tänzchen aufgeführt oder herumgealbert hat. Er hat uns nicht durch den Garten gejagt, mit uns Verstecken gespielt oder auch nur mal mit lustig verstellter Stimme gesprochen. (Seite 30)

Der vorliegende Roman ist mehr Familiendrama als Psychothriller und punktet nicht mit atemlosen Thrill, sondern zieht seine Spannung aus den sukzessiven Enthüllungen der Beziehungen und Geschehnissen der Vergangenheit. Stattdessen hat der Autor mich von der ersten Seite an mit seinem empathischen, feinen Schreibstil sowie sensiblen Personenzeichnungen gefangen und blendend unterhalten. Der Ton ist nie reißerisch, sondern nachdenklich und fast melancholisch. Der Leser weiß nie mehr als der Ich-Erzähler Joe, sieht alles durch seine Augen und deckt mit ihm gemeinsam die teilweise bizarren Geheimnisse auf. Obwohl hier für einen Thriller, und „Psychothriller“ steht schließlich drauf, die spannungserzeugenden Aspekte wie Suspensekurve, durchgehender Thrill, Rasanz usw. fehlen, vergebe ich für Die andere Frau 4.0 von 5.0 Punkten.

Der australische Krimiautor Michael Robotham versteht einfach sein Handwerk, er erfindet den Thriller nicht neu, macht aber einfach Spaß. Joe O’Loughlin ist vielleicht sein wichtigster Charakter. Er ist seit seinem Debüt Adrenalin bei ihm und wahrscheinlich auch sein autobiografischster. Mit seinem Sinn für Humor und seinem Gespür für soziale Gerechtigkeit ähnelt sein Alter Ego dem dreifachen Familienvater Robotham, ist aber natürlich viel cleverer und smarter, sozusagen Michael Robotham 2.0. Er hat mit seinem Helden O’Loughlin einen authentischen Typen mit Tiefgang geschaffen, der durch seine Krankheit Parkinson verletzlich und nahbar wirkt. Der Autor ist sich aber nicht sicher, ob er ihn noch mal mit der Krankheit schlagen würde.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die andere Frau | Erschienen am 27. Dezember 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31504-8
480 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe