Kategorie: 3.5 von 5

Rieke Husmann | Inselkälte (Band 5)

Rieke Husmann | Inselkälte (Band 5)

“Hella genoss es, durch die ruhigen Straßen von Spiekeroog zu spazieren. Schon im März würden die Gästezahlen wieder steigen und den gewohnten Trubel mit sich bringen. Die Wintermonate waren Erholung für die Insel und vor allem die Insulaner. Sie hatten wieder mehr Zeit für die Familie, für Freunde und Bekannte.” (Seite 44)

Auf Spiekeroog wird ein Wirt erschlagen aufgefunden. Hauptkommissarin Hella Brandt und ihr Kollege Lars Mattes aus Wittmund nehmen sich dem Fall an und reisen für die Ermittlungen auf die Insel. Nach den ersten Recherchen stellt sich heraus, dass das Opfer sich unter einem falschen Namen ausgegeben hat und in seiner Vergangenheit einiges im Argen liegt. Schnell werden auch einige Verdächtige ermittelt, die mit Hilfe von Indizien und Zeugenaussagen be- oder entlastet werden sollen. Warum musste der Wirt sterben?

Fall 5 für Hella Brandt
“Inselkälte” von Rieke Husmann ist der fünfte Fall um Kommissarin Hella Brandt und der zweite, den ich gelesen habe. Alle Fälle sind in sich abgeschlossen und können auch einzeln gelesen werden. Da auch in dieser Geschichte der Fokus absolut auf den Ermittlungen zum Täter bleibt und nur mal nebenbei das Privatleben der Polizisten angerissen wird, braucht es wirklich keine Vorkenntnisse aus den vorherigen Bänden.

Viele Verdächtige
Dieser Fall stellt die Kommissare vor eine Herausforderung, da es von Anfang an recht viele Verdächtige mit Gelegenheit und Motiv gibt und sie mit purer Fleißarbeit Zeugen rund um das Geschehen der Tat finden müssen. Dafür reisen sie mehrmals auf die Insel und befragen stundenlang viele Personen auf der Insel. Ich finde in diesem Roman besonders gut beschrieben, wie bürokratisch doch so eine Ermittlung ist und auch wie aufwändig. Alles wird recht unaufgeregt beschrieben, der Spannungsbogen schießt nicht gerade in die Höhe, aber ich wurde dennoch gut unterhalten. Zum Ende hin nimmt die Geschichte dann ein bisschen Fahrt auf.

Nur wenig Privates
Hella Brandt ist im fünften Monat schwanger, überlässt die meiste Elternzeit nach der Geburt aber ihrem Freund Leon, mit dem sie zusammen in einer Bauernkate außerhalb von Wittmund lebt. Die Kommissarin möchte recht schnell ihre Position als Leiterin wieder aufnehmen. Lars Mattes bändelt mit einer Kollegin an, die ihnen bei den Ermittlungen auf Spiekeroog hilft, aber auch das wird nur angerissen und nicht seitenweise vertieft, was ich sehr angenehm finde.

Fazit: Unaufgeregte Ermittlungen und fleißige Kommissare mit Inselflair.

Die Autorin
Rieke Husmann, Jahrgang 1976, aufgewachsen in Emden/Ostfriesland, lebt heute mit ihrer Familie in Oldenburg. Nach dem Pädagogikstudium war sie in verschiedenen Einrichtungen tätig und arbeitet heute als Referentin in der Erwachsenenbildung. (Verlagsinfo)

 

Foto & Rezension von Andrea Köster.

Inselkälte | Erschienen am 15. Oktober 2020 im Emons Verlag
ISBN: 978-3-74080-956-0
256 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andreas Rezension zu Band 4 der Reihe (Inselerbe)

Robert Hültner | Inspektor Kajetan und Sache Koslowski / Walching (Bde. 1+2)

Robert Hültner | Inspektor Kajetan und Sache Koslowski / Walching (Bde. 1+2)

Das Krimigenre ist ja auch immer wieder gewissen Trends ausgesetzt. In den letzten Jahren waren dies im deutschsprachigen Markt unter anderem auch historische Kriminalromane. Trendsetter war hierzu sicherlich die Gereon-Rath-Krimis aus der Feder von Volker Kutscher. Doch natürlich gab es schon länger vor Kutscher historische Kriminalromane aus Deutschland. Ein Meilenstein war hierbei sicherlich die Reihe um den Münchner Inspektor Kajetan von Robert Hültner.

1993 erschien der erste Roman „Walching“ mit Kajetan als Ermittler in einer Mordsache im Oberbayrischen im Jahr 1922 im Verlag Georg Simader. Zwei Jahre später folgte „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“, einer Art Prequel, spielt der Roman doch 1919 in München zur Zeit der Räterepublik. Hiermit gewann Hübner 1996 auch den Deutschen Krimi Preis. Bis 2013 entstanden insgesamt sechs Romane, zwei weitere gewannen ebenfalls den Deutschen Krimi Preis. Zum 70.Geburtstag des Autors hat sein aktueller Verlag nun die Romane in Doppelbänden zusammengefasst und neu veröffentlicht.

In München des Jahres 1919 geht es im wahrsten Sinne drunter und drüber. Nach dem Ende des 1.Weltkriegs und der Abdankung des Königs wurde in Bayern der Freistaat ausgerufen. Doch die reaktionären Kräfte schlagen zurück, Ministerpräsident Kurt Eisner wird von einem völkischen Adligen erschossen. Nun kämpfen Spartakisten, Mehrheitssozialdemokraten und rechte Freikorpsler um die Macht. Die Münchner Polizei ist nicht eingeschränkt handlungsfähig, ein großer Teil der Beamten kommt kaum noch zum Dienst. Inspektor Paul Kajetan allerdings ist dienstbeflissen. Er ermittelt in einer Brandstiftungssache, bei der ein Mann ums Leben kam. Verdächtigt wird der Mieter Eugen Meininger, der jedoch nicht auffindbar ist. Kajetan verfolgt seine Fährte und findet heraus, dass Meininger versucht hatte, eine Anstellung als Journalist zu erhalten. Dabei war er auf eine üble Rufmordkampagne gegen Ministerpräsident Eisner („Die Sache Koslowski“) angesetzt worden, journalistisch eine tote Nummer. Aber Meininger hat irgendwas herausgefunden, hat unter anderem im rechten Milieu recherchiert. Und Kajetan merkt fast zu spät, dass hinter dem Fall eine erhebliche politische Dimension steckt.

„Ach, noch was, Herr Inspektor…wie war gleich noch der Name?“
„Kajetan. Paul Kajetan.“
„Ich muss Ihren Mut bewundern. Wieso, werden Sie fragen. Nun, ich habe den Eindruck, dass Sie sich möglicherweise derart irren, dass Ihnen das einmal nicht mehr verziehen wird. Geben Sie acht auf sich. Tun Sie lieber, was die meisten Ihrer Kollegen bereits tun.“
„Und das wäre?“
„Nichts, Herr Inspektor Kajetan. Ruhen Sie sich einfach aus.“ (S.140)

„Walching“ ist zwei Jahre vor der „Sache Koslowski“ erschienen, spielt aber drei Jahre später im Jahr 1922. Inspektor Kajetan ist in den Wirren von 1919 noch knapp mit dem Leben davongekommen und hat auch seinen Beruf behalten. Allerdings wurde er in die fiktive Provinzstadt Dornstein strafversetzt. Sein neuer Chef behält ihn allerdings im Auge und gibt Kajetan nur harmlose Aufgaben. Wie diese Mordsache in Walching, einem Dorf in schon hügeligen Voralpenland. Eine Magd wurde ermordet und praktischerweise hat man vor Ort schon die Täter inhaftiert. Drei Landstreicher waren ins Bauernhaus eingedrungen und hatten die Speisekammer geplündert. In der oberen Etage ist die Magd ermordet worden. Kajetan soll den Fall eigentlich nur abschließen. Doch als er in Walching angekommen ist und mit den Verhören beginnt, kommen ihm schnell Zweifel. Nicht nur, dass die Landstreicher nicht gestehen. Zu schnell möchten auch die Einheimischen, vor allem der Bürgermeister, zur Tagesordnung übergehen. Kajetan forscht weiter und versucht vor allem, ein mögliches Mordmotiv herauszufinden. Doch die nicht gerade redselige Dorfgemeinschaft macht es ihm nicht leicht.

„Dann werden sie ja alles bereits zugegeben haben, nehm ich an.“
Lindinger hob die Augenbrauen besorgt und sah zum Wachmeister. „Noch…nicht, Herr Inspektor“, stotterte Mayr. Der Bürgermeister seufzte, fingerte nach einem Bleistift und legte ihn wieder fort. „Aber dafür sind sie ja jetzt da, Herr Inspektor“, sagte er hoffnungsvoll. Als Kajetan nicht sofort darauf antwortete, setzte er hinzu: „Ich möcht halt, dass bald wieder eine Ruhe ist in unserer Gemeinde. Muss jetzt so eine Gaudi sein, grad jetzt, wo es auf die Feiertage zugeht…“ (S.298)

Im Gegensatz zu Kutschers Gereon Rath nutzt Robert Hültner seine Hauptfigur Paul Kajetan nicht für ausgedehnte private Nebenstränge. Überhaupt erfährt man nur dosiert etwas vom Inspektor. Ein beflissener Beamter, trotz der politisch, unruhigen Zeiten eher unpolitisch. Ein treuer Staatsdiener mit dem Anspruch, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen. Und der dadurch auch schnell bei seinen Vorgesetzten aneckt.

Doch die Konzentration auf den Kriminalfall und die Ermittlungen tun den Romanen durchaus gut. Ist die „Sache Koslowski“ noch ein sehr politischer historischer Krimi, kommt bei „Walching“ Regionalkrimi-Flair auf (bevor es zum Ende doch politisch wird). Bei beiden Krimis fällt auf, wie sorgfältig der Autor das historische Setting und vor allem den Lokalkolorit verwendet. Dies kommt vor allem auch in den überzeugenden Dialogen zum Tragen. Insgesamt sind diese beiden Bände als Reihenauftakt stimmig und wirken historisch akkurat. Für Fans des aktuellen Booms historischer Krimis sollte diese Reihe (besonders durch die Neuauflage in Doppelbänden) eine Wiederentdeckung wert sein.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski / Walching | Als Einzelbände erstmals erschienen 1995 bzw. 1993
Die Ausgabe als Doppelband erschien am 25.06.2020 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-77039-7
480 Seiten | 12,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Klaas Kroon | Heidehexen (Band 3)

Klaas Kroon | Heidehexen (Band 3)

„Also, die Damen, ich bitte um Auskunft. Wer oder was sind Heidehexen?“
Anita war wieder die Erste, die das Wort ergriff.
„Ach, nichts Besonderes. Ein paar engagierte Frauen haben sich zu so ´ner Facebookgruppe zusammengetan. Nennen sich Heidehexen und machen alle möglichen feministischen Aktionen.“ (Seite 157)

In Lüneburg wird in einer alten Werkstatt ein toter Mann gefunden, der massiv gequält und misshandelt wurde. Als Kommissarin Marie Gläser und ihr Team mit den Ermittlungen starten, stellt sich schnell heraus, dass dieser Mord der Beginn eines Serienmörders ist. Auf der Suche nach dem Täter, kommt Marie einer entsetzlichen Vergangenheit auf die Spur, die nun gerächt wird…

Dritter Fall für Marie Gläser
„Heidehexen“ von Klaas Kroon ist schon der dritte Fall um Kommissarin Marie Gläser. Allerdings war mir das zu Beginn nicht klar, da dies der erste Roman der Reihe im Emons Verlag ist (die anderen beiden erschienen im Selbstverlag). Allerdings wird beim Lesen klar, dass mindestens ein Fall vorausgegangen ist. Die Vergangenheit einiger handelnder Personen wird angerissen. Zwar konnte ich beim Lesen den Zusammenhang verstehen, grundsätzlich wäre es aber natürlich empfehlenswert, beim ersten Band anzufangen.

Mordermittlung im Vordergrund
Die Geschichte fokussiert sich nicht ausschließlich auf die Aufklärung des Mordes, diese bleibt aber im Vordergrund. Außerdem werden ein weiterer Fall, der nebenbei gelöst werden soll, und einige private Probleme geschildert, fand ich persönlich beim Lesen aber nicht störend. Der Text liest sich flüssig, es wird keine Zeit mit unnützen Sachverhalten verschwendet. Die Ermittlungen sind spannend und zum Ende hin auch ein wenig dramatisch, aber noch im Rahmen, wie ich finde. Die Schilderung der Todesursachen ist schon sehr detailliert, also im Zweifel lieber nichts für zarte Gemüter.

Unkonventionelle Kommissarin
Protagonistin Marie Gläser ist 38 Jahre alt, groß und schwer und wohnt in einer WG mit drei Studenten. Sie hat sowas wie Beziehung ausprobiert, aber nicht für gut befunden und hat jetzt eine eher lose Liaison mit dem für diesen Fall zuständigen Rechtsmediziner. Sie ermittelt tough und mir war die Kommissarin sehr sympathisch.

Fazit: Spannende Ermittlung einer Mordserie im beschaulichen Lüneburg mit einer unkonventionellen Kommissarin.

Klaas Kroon, geboren 1960 in Düsseldorf, machte sich schon in jungen Jahren als Herausgeber einer Schülerzeitung bei den Mächtigen unbeliebt. Nach dem Germanistik- und Anglistik-Studium arbeitete er in verschiedenen Führungspositionen bei Zeitschriften, bevor er in die Unternehmenskommunikation wechselte. Heute ist er Geschäftsführer einer Agentur in Kassel und lebt in Hamburg. (Verlagsinfo)

 

Foto und Rezension von Andrea Köster.

Heidehexen | Erschienen am 23.07.2020
ISBN 978-3-7408-0799-3
304 Seiten | 13,-€
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Dezember 2020

 

Un-Su Kim | Heißes Blut

In der Hafenstadt Busan in Südkorea sind Anfang der 1990er die Machtbereiche der Verbrecherorganisationen klar abgegrenzt. Im Hafenviertel Guam herrscht der alte Gangsterboss Vater Son, der das Alltagsgeschäft unter anderem Haisu überlässt. Haisu steckt in sowas wie einer Midlife Crisis. Er ist mittlerweile Anfang 40, in der Hierarchie auf der zweithöchsten Ebene angekommen und allgemein respektiert. Dennoch blickt er verbittert auf sein Leben: er lebt einsam in einem Hotelzimmer und hat nur Schulden angehäuft. Haisu sucht wieder die Nähe zu seiner Jugendliebe und deren Sohn, der ebenfalls ein kleiner Gangster geworden ist und gerade wieder aus dem Gefängnis frei gekommen ist. Da bietet ein anderer Gangster Haisu ein Chance für eine Veränderung: Ein Lizenzvertrieb für Spielautomaten, auch nicht ganz legal, aber scheinbar doch ein Sprung heraus aus der Knochenmühle. Doch Haisu tritt letztlich – ohne es zu wollen – eine Kette von Ereignissen in Gang, die das Gleichgewicht der Mafiaclans in Busan vollkommen durcheinander bringt.

Nachdem lange Zeit Krimis aus dem asiatischen Raum eher selten den Weg nach Deutschland fanden, werden in den letzten Jahren, auch dank einiger engagierter kleinerer Verlage, einige interessante Kriminalromane vor allem aus dem japanischen und koreanischen Raum ins Deutsche übersetzt (teilweise noch nicht aus dem Original, wie auch in diesem Fall). Autor Un-Su Kim hat bereits mit dem Roman „Die Plotter“ für Aufmerksamkeit gesorgt, nun hat der Europa Verlag mit „Heißes Blut“ einen weiteren Roman des Koreaners vorgelegt.
Der Roman erzählt die Geschichte aus Haisus Blickwinkel. Er ist ein Waise, unter sehr schwierigen Bedingungen aufgewachsen, von Gangstern unter die Fittiche genommen worden und in der Organisation aufgestiegen. Dennoch zerrinnt ihm sein Geld und sein Leben unter den Fingern. Schauplatz der Geschichte ist der fiktive Stadtteil Guam von Busan mit Strand, kleinem Hafen, Bars, Restaurants, Stundenhotels und seinen Gangs, die von Schutzgeld, Schmuggel und Zuhälterei leben. „Heißes Blut“ ist ein waschechtes Gangsterepos, brutal und rau, aber gleichtzeitig auch melancholisch, mit einem traurigen und einsamen Helden. Dabei erinnert es durchaus an bekannte europäische Mafiaepen, bleibt dabei aber dennoch im koreanischen Milieu behaftet. Insgesamt eine anregende, überzeugende Lektüre.

Heißes Blut | Erschienen am 11.09.2020 im Europa Verlag
ISBN 978-3-95890-238-1
584 Seiten | 24,- €
Originaltitel: 뜨거운 피 Tteugeoun Pi
Bibliografische Angaben

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

James Lee Burke | Dunkler Strom

Billy Bob Holland, ehemaliger Texas Ranger, ist inzwischen Anwalt in der texanischen Stadt Deaf Smith. Er übernimmt einen schwierigen Fall: Der junge Lucas Smothers wird beschuldigt, die junge Roseanne Hazlitt ermordet zu haben. Viele Indizien sprechen auch gegen Lucas. Besondere Bedeutung erlangt der Fall für Billy Bob, weil Lucas sein Sohn ist, zu dem er sich allerdings nie bekannt hat.
Der Fall Roseanne wird aber schon bald von weiteren Ereignissen überlagert. Ein Mörder entkommt aus dem örtlichen Gefängnis, wird aber kurz darauf umgebracht. Ein weiterer Psychopath muss ebenfalls entlassen, weil eine Zeugin ums Leben kommt. Zudem scheint es Aktivitäten mehrerer Bundesbehörden in Deaf Smith zu geben. Und Billy Bob stößt bei seinen Bemühungen um Entlastung für Lucas auf Darl Vanzandt, einen örtlichen Halbstarken und Tunichtgut aus reicher Familie, der in Verbindung zu Lucas und Roseanne steht.

Autor James Lee Burke ist eine lebende Legende der amerikanischen (Kriminal-)Literatur und bekannt für seine wortgewaltigen Südstaaten-Panoramen. Hier beschreibt er aus der Sicht des Anwalts die Verhältnisse in einer texanischen Kleinstadt, die von Korruption und klaren Machtstrukturen gekennzeichnet sind. Dabei spielt auch immer die Vergangenheit eine große Rolle: Billy Bob liest im Tagebuch seines Urgroßvaters und hält Zwiesprache mit seinem Freund L.Q.Navarro, der bei einem nicht ganz legalen Einsatz gegen Drogendealer versehentlich durch eine Kugel Hollands ums Leben kam.
Insgesamt eine durchaus komplexe und anspruchsvolle Story mit interessanten Figuren, die Burke meiner Meinung nach aber souverän und gekonnt vorträgt.

Dunkler Strom | Erstmals erschienen 1997
Die E-Book-Ausgabe erschien am 03.01.2014 bei Edel Elements
ISBN 978-3-95530-287-0
384 Seiten | 5,99 €
Originaltitel: Cimarron Rose
Bibliografische Angaben

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tim McGabhann | Der erste Tote

Carlos und Andrew sind Journalisten einer mexikanischen Zeitung auf dem Rückweg von einem Routineauftrag in der Erdölstadt Poca Riza m Bundesstaat Veracruz. Da finden die beiden eine übelst zugerichtete Leiche am Wegesrand. Kurz darauf taucht eine Polizeistreife auf, bedroht und verjagt die beiden und nimmt die Leiche mit, ohne zu ermitteln. Carlos wittert eine Story, doch Andrew will zurück nach Mexiko City. Die beiden streiten sich, Carlos bleibt in Poca Riza, recherchiert tiefer und findet auch heraus, dass der Tote ein Umweltaktivist war. Doch als er in die Hautptstadt zurückkehrt und noch bevor er Andrew wieder kontaktieren kann, wird er in seiner Wohnung gefoltert und ermordet.

Mexiko ist als Thrillerschauplatz ein gern gewählter Ort, da die Realität dort oftmals noch die kühnsten Thrillerplots übertrifft. Der irische Autor Tim McGabhann lebt seit einiger Zeit in Mexiko und bedient sich hier der sehr mexikanischen Form der Erzählung: der „crónica“, einer Mischform aus Reportage und Romanerzählung, was McGabhann im Nachwort auch erläutert. Reale Recherchen werden fiktionalisiert, um sie überhaupt veröffentlichen zu können. In „Der erste Tote“ geht es zwar diesmal um die Ausbeutung eines Landstrichs durch die Öl- und Frackingindustrie und nicht um Drogen, aber ansonsten trifft man auf die üblichen Dinge in mexikanschen Thrillern: Kartelle, Todesschwadronen, korrumpierte Polizei, ermordete Aktivisten und Journalisten. Das alles verbindet McGabhann mit der Trauer Andrews um Carlos, denn die beiden waren auch privat ein Paar. Insgesamt gibt dieser Thriller durchaus nochmal ein paar interessante Facetten zur Situation in Mexiko, allerdings hat man es bei den bekannten Kollegen McGabhanns schon deutlich packender und eindrücklicher gelesen.

Der erste Tote | Erschienen am 16.11.2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47104-3
276 Seiten | 15,95 €
Originaltitel: Call Him Mine
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Thriller

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Maren Schwarz | Inselsumpf

Eine Frau erwacht, ohne dass sie sich an ihr bisheriges Leben erinnern kann. Auch nicht daran, dass sie kürzlich ein Kind geboren hat. Rechtsmedizinerin Leona Pirell, die auf der Ostseeinsel Rügen wohnt, nimmt die Frau auf und begibt sich auf Spurensuche zu ihrer Vergangenheit und trifft dabei auf ein tödliches Geheimnis…

„Inselsumpf“ von Maren Schwarz empfand ich als einen sehr kurzweiligen Kriminalroman, der sich sehr gut liest und ein meiner Meinung nach wichtiges Thema aufgreift. Allerdings kam mir an einigen Stellen zu viel Zufall vor, was bei mir dann eher unglaubwürdig ankam. Trotzdem lesenswert!

Inselsumpf | Erschienen am 8. April 2020 im Gmeiner Verlag
ISBN: 978-3-839-22577-6
288 Seiten | 12,00 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5
Regionalkrimi

Foto und Rezension Nr. 4 von Andrea Köster.

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

James Lee Burke | Blues in New Iberia (Band 22)

In meiner Eitelkeit sah ich mich gern als Rächer oder, schlimmer noch, fahrenden Ritter. Aber ich schlug nur im Dunkeln wild um mich. […] Meine Dienstmarke war zumindest vorübergehend nichts mehr wert. Ich besaß keine rechtlichen Vollmachten. Wie konnte ich in einem Fall weitermachen, der sich zu einem Raum ohne Türen entwickelt hatte? (Auszug S. 230-231)

Detective Dave Robicheaux geht einem Hinweis aus einem Notruf nach und kommt zum Strandhaus des Regisseurs Desmond Cormier, ein guter alter Bekannter Robicheaux‘. Auf dessen Terrasse bemerkt er etwas, das draußen auf dem Meer treibt: Die Leiche einer jungen Frau, in theatralischer Manier post mortem an ein Kreuz genagelt. Die Frau arbeitete für eine Hilfsorganisation, die sich unter anderem um Strafgefangene in Todeszellen kümmert. Die Spur führt fast automatisch zu Hugo Tillinger, einem zum Tode Verurteilten, der aus einem Gefängniskrankenhaus fliehen konnte. Diesen Tillinger will Robicheux‘ Kumpel Clete Purcel vor einigen Tagen gesehen haben, als er aus einem Güterzug in einen Fluss sprang. Purcel griff nicht ein und macht sich nun Vorwürfe.

Doch als weitere Leichen auftauchen, ebenfalls inszeniert und damit offensichtlich das Werk eines Serienmörders, gibt es auch Spuren in andere Richtungen. Korrupte Cops, die in der Prostitutionsszene dick mitverdient haben sowie auch Spuren zu Cormier und seiner Filmcrew, die momentan ein aufwändiges historisches Filmdrama in Louisiana und Arizona drehen. Cormier ist eigentlich ein guter Mann, ging vor 25 Jahren mit nichts als großen Träumen nach Hollywood und kehrt nun als gefeierter Regisseur zurück. Doch mit welchen Leuten hat er sich inzwischen eingelassen? Gerüchte machen die Runde, dass Cormiers Film zu großen Teilen mit schmutzigem Geld finanziert wird, man vermutet die Russen, die Saudis und die Mafia von der Ostküste. Robicheaux ist zudem besonders auf der Hut, da seine Tochter Alafair ebenfalls an dem Film mitwirkt und auch seine neue Kollegin Bailey Ribbons (zu der er sich hingezogen fühlt) wird von Cormier umschmeichelt.

„Die Filmleute haben irgendwas mit dem Tod von Lucinda Arceaux zu tun. Ich kann’s nicht beweisen, ich weiß es einfach.“
„Woher?“
„Das Böse hat einen Geruch. Es ist eine Präsenz, die ihren Träger verzehrt. Wie leugnen es, weil wir dafür keine plausible Erklärung haben. Es riecht nach Verwesung innerhalb von lebendem Gewebe.“ (Auszug S. 70)

James Lee Burke ist Jahrgang 1936 und immer noch verdammt produktiv. Zuletzt hat er jedes Jahr einen neuen Robicheux-Band veröffentlicht. „Blues in New Iberia“ ist inzwischen Nr. 22, in den USA ist bereits Band 23 („A Private Cathedral“) erschienen. Sein Protagonist Dave Robicheaux und sein Kumpel Clete Purcel sind immer noch unbeugsamer Verfechter der Gerechtigkeit in den düsteren, gewalttätigen Sümpfen und Bayous Lousianas. Dieses Mal kommt es bei beiden aber zu etwas melancholischen Schüben. Aus der Mid-Life-Crisis sind beide schon längst raus (das genaue Alter ist ja immer etwas komisch zu bestimmen bei Robicheaux, wenn man die Rückverwiese sieht, müsste er ungefähr so alt sein wie Burke – was in der Story aber nicht ganz passen würde), vielmehr kommen sie ins Grübeln, schwanken zwischen (Alp-)Traum und Realität, blicken auf ihre Vergangenheit, lecken ihre Wunden. Kurzum: Sie haben den Blues. Aber wer will es Ihnen verdenken bei theatralisch inszenierten Leichen, weißen Polizisten, die farbige Frauen anschaffen schicken, halbseidenen Hollywood-Produzenten und einem Killer mit Flammenwerfer?

Wenn man James Lee Burke etwas vorwerfen mag (ich spreche es ungern aus), dann dass er ein wenig zur Redundanz neigt. Korrupte Kollegen, merkwürdige Auftragskiller, direkte Bedrohung von Robicheaux‘ Familie. Manche Figuren und Storymotive kommen einem Kenner der Reihe doch etwas bekannt vor. Vermutlich ist das bei inzwischen 22 Bänden auch irgendwie nicht anders zu erwarten. Positiv formuliert könnte man sagen, Burke zitiert sich selbst. Und doch hatte ich bei diesem Band das Gefühl, dass der Autor durchaus straffer hätte erzählen können.

Das ist aber eher Jammern auf einem ziemlich hohen Niveau, denn wenn man einen Burke aufschlägt, darf man sich als Leser sicher sein, dafür auch einiges zu bekommen: Ein starken, kraftvollen Schreibstil, ambivalente, sehr präzise beschriebene Figuren, komplexe Storys rund um klassische Themen wie Schuld, Rache, Vertrauen und Freundschaft sowie ein üppiges Stimmungsbild der Sumpf- und Küstenlandschaft Louisianas. Und das reicht in diesem Fall vielleicht nicht für ein echtes Highlight in dieser großartigen Reihe, aber immer noch für einen wirklich lesenswerten Kriminalroman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Blues in New Iberia | Erschienen am 01.07.2020 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-684-3
586 Seiten | 22,- €
Originaltitel: New Iberia Blues
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension zu „Blues in New Iberia“ von Jochen König auf krimi-couch.de

Weiterlesen II: Rezensionen von Gunnar und Andy zu weiteren Romanen der Robicheaux-Reihe: Band 1, Band 3, Band 7, Band 10, Band 14, Band 16, Band 21