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Wallace Stroby | Zum Greifen nah

Wallace Stroby | Zum Greifen nah

Sie setzte sich auf den Boden der kleinen Wanne, verfolgte wie das Wasser in den Abfluss lief – und wünschte sich, der ganze Vormittag würde ebenfalls in der Kloake verschwinden. Sie drückte mit beiden Händen ihre Haare zurück und schloss wieder die Augen.
Wenn sie nichts sagen, nichts tun würde, wäre der Fall hiermit erledigt. Just in dieser Minute. Das Leben würde weitergehen, als sei nichts passiert.
Alles, was du zu tun hast, ist nichts. Einfacher geht’s nun wirklich nicht mehr. (Auszug Seite 241)

Die Polizistin Sara Cross wird eines Nachts zur Verstärkung an eine entlegenen Überlandstraße in Florida gerufen. Als sie eintrifft, findet sie ihren Kollegen und Ex-Freund Billy vor, der einen dunkelhäutigen Mann aus New Jersey offenbar bei einer Verkehrskontrolle in Notwehr erschossen hat, weil dieser eine Waffe gezogen hat. Zumindest behauptet Billy das. Tatsächlich findet sich eine Waffe neben dem Leichnam und im Kofferraum des Wagens des Opfers liegt ein kleines Waffenarsenal. Somit spricht einiges für Billys Aussage, aber sowohl Sara als auch dem Sheriff bleiben leichte Zweifel, die eher noch zunehmen, als die Witwe des Toten in der Stadt aufkreuzt und unangenehme Fragen stellt.

Gleichzeitig hat Morgan in New Jersey auch schon bessere Zeiten erlebt. Er ist der Mann fürs Grobe, ein Hitman, von Drogenboss Mikey. Doch er ist ein wenig in die Jahren gekommen, wäre letztens bei einem Hinterhalt fast draufgegangen und nun erhält er auch noch eine lebensbedrohliche Diagnose von seinem Arzt. Da erhält er einen Auftrag von seinem Boss: Er soll runter nach Florida, anscheinend ist bei einem Deal irgendetwas schief gegangen.
Wieder am Auto, stellte er die Tasche in den Kofferraum und machte sich auf den Weg zum Motel.

Unterwegs riss er das Cellophan der Sam Cooke-Kassette ab und schob sie in den Player. „A Change Is Gonna Come“ durchflutete den Wagen. Es klang fast nach Kirche. Nach Himmel. Nach Tod. (Seite 145)

Die Story springt zwischen den beiden Protagonisten hin und her und auch wenn Sara und Morgan zunächst einige tausend Meilen trennen, ist nicht schwer vorherzusehen, dass sich ihre Wege irgendwann kreuzen werden. Sara ist eine junge, alleinerziehende Polizistin. Ihr Sohn ist chronisch krank, daher behütet sie ihn nochmals intensiver. Im Job ist sie gewissenhaft und zielstrebig, so dass der Sheriff sie durchaus als Nachfolgerin sieht. Sie hatte eine ernsthafte Beziehung zu Billy, sodass ihr Urteilsvermögen leicht getrübt ist. Sara riecht, dass da etwas faul ist, aber sie will es irgendwie nicht wahr haben. Aber es nützt nichts – sie wird so oder so in diese Geschichte hineingezogen.

Morgan hingegen begibt sich mehr oder weniger aus eigenem Antrieb hinein. Seinem Boss hätte er den Job zwar nur schwer ausschlagen können, doch er wittert auch eine einmalige Chance. Er ist alt geworden, nicht mehr unverwundbar und zudem nicht krankenversichert. Das Geld, was an diesem Job dranhängt, kann er dringend gebrauchen, um endgültig auszusteigen und seine Therapie zu bezahlen. Morgan ist natürlich ein Verbrecher, ein Outlaw, aber ein intelligenter Mann mit durchaus vorhandenem Gewissen.

Autor Wallace Stroby ist dem deutschen Leser durch die vierteilige Reihe um die Berufsverbrecherin Crissa Stone bekannt geworden. Und der aus diesen Büchern bekannte hartgesottene, lakonische Ton findet sich auch in Zum Greifen nah, das im Original („Gone Til November“) bereits vor zehn Jahren erschien. Die Story beginnt direkt in medias res, braucht danach für meinen Geschmack ein wenig, um in die Gänge zu kommen, aber entwickelt dann irgendwann den angenehmen Sog eines Plot getriebenen Thrillers. Insgesamt kommt Zum Greifen nah nicht ganz an die Klasse der Crissa Stone-Romane heran, aber bietet ordentliche klassische und solide Hardboiled-Unterhaltung. Und das ist schon mal eine ganze Menge wert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Zum Greifen nah | Erschienen am 16. September 2019 im Pendragon Verlag
ISBN 987-3-86532-674-4
360 Seiten | 18.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Rezension zu den Titeln Kalter Schuss ins Herz und Geld ist nicht genug von Wallace Stroby.

Horst Eckert | Im Namen der Lüge

Horst Eckert | Im Namen der Lüge

Und was machte der Verfassungsschutz mit den Informationen, die er sammelte? Wie weit ging der staatliche Quellenschutz? Mit welchen Straftaten kam ein V-Mann noch davon?
Einem Spitzel kannst du nie vertrauen, überlegte Vincent.
Aber auch keinem Geheimdienst. (Auszug Seite 155)

Ein Tatort im Süden von Düsseldorf. Ein Mann liegt tot im Keller, die Polizeistreife nimmt den vermeintlichen Mörder fest. Der Tote soll mit der Partnerin des Täters etwas gehabt haben. Eine Beziehungstat, der Chef der Mordkommission und auch die Kripoleitung sind zufrieden. Doch dem Dienststellenleiter Vincent Che Veih geht das alles etwas zu schnell. Es gibt Hinweise darauf, dass der Täter in der Reichsbürgerszene aktiv war. Das Opfer war freier Journalist, der sich in der Szene bewegt hat. Nun sind alle seine Aufzeichnungen unauffindbar und auch der Verfassungsschutz meldet sich bei Vincent, der eine Zeugenvorladung abblasen soll. Vincent ist sich sicher, dass da etwas faul ist, doch gegen die Kripoleitung kann er nichts ausrichten. Zumal die Ereignisse sich an anderer Stelle überschlagen.

Gleichzeitig ist auch der Linksextremismus wieder in aller Munde. Drei Ex-RAF-Terroristen überfallen Geldtransporter, um ihren Ruhestand zu finanzieren. Ein gefundenes Fressen für die konservativ geführte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, die kurz vor dem Wahltermin eine „Rote-Socken-Kampagne“ lanciert.

Ohne es zu wollen, ist Melia Kahlid dabei mittendrin. Sie ist Referatsleiterin für Linksextremismus beim Landesverfassungsschutz. Und sie hat genug zu tun, denn neben den RAF-Rentnern scheint auch die linke Szene sich wieder deutlich zu radikalisieren. Zumindest taucht eine Kampfschrift auf, die zur Rückkehr ins Guerillatum und den Terrorismus aufruft. Als schließlich auch noch ein Brandanschlag auf ein Gebäude verübt wird, in dem die Landes-AfD ihre Geschäftsstelle hat, scheint die Sache klar. Doch Melia merkt, dass einiges an ihr vorbei läuft, ihr Chef fährt – im Einklang mit der Landesregierung – seine eigene Agenda. Melia wird intern kaltgestellt, doch damit wird ihr Ehrgeiz nur umso mehr angestachelt. Als eine der RAF-Terroristen brutal ermordet aufgefunden wird, treffen sich die Wege von Polizei und Verfassungsschutz. Vincent und Melia, beide zu Außenseitern in der eigenen Behörde geworden, müssen zusammenarbeiten, um eine politische Verschwörung aufzudecken.

Vincent Che Veih war bereits in drei Romanen von Horst Eckert Protagonist. Der geradlinige Kommissar mit der schwierigen familiären Vergangenheit eckt im Präsidium immer wieder an. Zu seiner Mutter, Künstlerin und ehemalige Terroristin, pflegt er ein kompliziertes Verhältnis, da sie ihn als Kind verlassen hat, um in den Untergrund zu gehen. Auch in diesem Roman spielt sie eine Rolle und Vincent muss sich entscheiden, wem seine Loyalität gilt, seiner Mutter oder seinem Dienstherrn.

Neu dabei und eigentliche Frontfrau dieses Thrillers ist Melia Khalid. Sie ist die Tochter eines einflussreichen CDU-Politikers mit seiner somalischen Geliebten. Auf seine Protégierung will sie aber lieber verzichten. Melia ist taff, selbstsicher, intelligent und bringt auch die nötige Skrupellosigkeit in ihrem Gewerbe mit. Sie setzt V-Leute unter Druck und fängt sogar eine Liaison mit einem linken Wortführer an. Dennoch merkt man ihr die Ernsthaftigkeit an, als Verfassungsschützerin diese Aufgabe auch zu erfüllen. Als sie entmachtet wird, gibt sie nicht klein bei, sondern wittert eine große Sache, die sie mit aller Macht verhindern will.

Horst Eckert hat sich als Autor von politischen Thrillern mit aktuellen Thematiken einen Namen gemacht. In diesem Roman greift er verschiedene Dinge im Plot und bei den Figuren auf, die in der letzten Zeit aufgekommen sind: Zunehmende Salonfähigkeit der Rechtspopulismus, Hochstilisierung einer neuen Gefahr von links (Hufeisentheorie), Verbindungen von Personen aus rechtsstaatlichen Behörden mit verfassungsfeindlichen Organisationen. In diesem Thriller wird nach und nach deutlich, wie ein rechtes Netzwerk sukzessive die staatlichen Organisationen unterwandert und dabei Anschläge und Taten verübt, die dem politischen Gegner angelastet werden (False-Flag-Operationen). Angesichts von tatsächlichen Ereignissen wie der Causa Hans-Georg Maaßen, dem Schreddern von NSU-Akten durch den thüringischen Verfassungsschutz oder der nach wie vor ungeklärten Rolle von V-Leuten bei rechtsextremen Anschlägen, erscheint dieses Szenario alles andere als abwegig.

Eckert schreibt diesen Thriller dabei aus verschiedenen Blickwinkel mit Fokus auf Vincent und Melia. Dabei liegt der Fokus deutlich mehr auf dem rasanten und spannenden Plot als auf Figuren und Schauplätzen. Dennoch gelingt es vor allem bei den Hauptfiguren, eine gewisse Komplexität zu erzeugen. Zusammengenommen ist Im Namen der Lüge ein kurzweiliger Thriller, der hochaktuelle politische (Fehl-)Entwicklungen präzise und mit klarer Haltung aufzeigt. Für alle Liebhaber des politischen Thrillers daher auf jeden Fall empfehlenswert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Im Namen der Lüge |Erschienen am 9. März 2020 im Heyne Verlag
ISBN 987-3-453-43966-5
575 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Gunnars Rezensionen zu den Titeln Schattenboxer und Wolfsspinne von Horst Eckert.

Joël Dicker | Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ♬

Joël Dicker | Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert ♬

Der berühmte Schriftsteller Harry Quebert schrieb vor mehr als 30 Jahren einen Bestseller um eine skandalöse Liebe, lebt aber inzwischen zurückgezogen an der amerikanischen Ostküste in New Hampshire. Sein beschauliches Leben in dem kleinen Städtchen Aurora findet allerdings ein jähes Ende, als bei Gartenarbeiten auf seinem Grundstück die verwitterte Leiche eines jungen Mädchens gefunden wird, die als die seit 30 Jahren verschwundene Nola Kellergan identifiziert wird. Die damals erst 15-jährige Nola verschwand im Sommer 1975 unter mysteriösen Umständen. Offensichtlich auf der Flucht vor einem Verfolger tauchte sie verletzt und blutend im Haus einer älteren Witwe am Waldesrand auf. Die informierte Polizei fand bei ihrem Eintreffen die alte Frau erschossen auf, von Nola fehlte seither jede Spur.

Adieu allerliebste Nola

Bei der Leiche findet sich das Original-Manuskript von Queberts Bestseller „Der Ursprung des Übels.“ Die handschriftliche Widmung „Adieu allerliebste Nola“ lenkt den Verdacht verstärkt auf den 67-jährigen Autor. Er wird verhaftet und des Mordes an dem Teenager angeklagt, mit der er ein Verhältnis gehabt haben soll. Ihm droht die Todesstrafe.

Der einzige, der an Queberts Unschuld glaubt, ist sein ehemaliger Schüler Marcus Goldman. Quebert war sein Uniprofessor und half ihm, nicht nur das Handwerk des Schreibens zu erlernen, sondern entwickelte sich zum Mentor und guten Freund. Goldman lebt inzwischen in New York und nach einem sehr erfolgreichen Debütroman leidet er an einer Schreibblockade. Eigentlich wollte er sich in Harrys Villa zurückziehen, um neue Inspirationen zu finden. Er macht sich sofort auf den Weg nach Aurora und stellt eigene Nachforschungen an. Erst nur um Harry zu entlasten, doch aufgrund des massiven Drucks seines Verlegers beschließt er, die Dinge, die er ans Tageslicht bringt, in einem neuen Buch zu verarbeiten. Mit seinen Ermittlungen wirbelt er in dem kleinen Städtchen viel Staub auf, er wird bedroht und die zutage geförderten Wahrheiten wackeln auch an dem Sockel, auf den er Harry gestellt hatte. So entsteht Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert, der Roman im Roman.

Der raffiniert komponierte Plot besticht durch mehrere Erzählebenen, wobei Dicker mühelos die Kunst beherrscht, nie den Faden zu verlieren und man immer genau weiß, in welcher Zeitebene man sich befindet. Marcus Goldman führt als Ich-Erzähler durch das aktuelle Geschehen. Er erinnert sich an die Zeit, als Harry Quebert ihn, den talentierten aber faulen und von sich total überzeugten Studenten, unter seine Fittiche nahm. Dann gibt es Rückblenden in den Sommer von Nolas Verschwinden, der jeweils aus unterschiedlichen Perspektiven geschildert wird. Daneben gibt es Rückblicke in die noch frühere Vergangenheit, um einzelne Figuren genauer zu beleuchten.

Schmonzette?

Als Pendler konsumiere ich Hörbücher immer auf meinem Arbeitsweg und da sind mir Stoffe zum Abschalten ganz lieb. Es muss nicht so kompliziert sein oder höhere Literatur. Und dafür war das Hörbuch genau das Richtige. Es ist ein Schmöker, aber im besten Sinne, der mich vortrefflich unterhalten hat. Ich weiß nicht wie oft ich vor Verwunderung den Kopf schüttelte, aber sehr häufig drehte ich auch noch eine Extra-Runde, weil ich unbedingt weiter hören wollte.

Joël Dicker jongliert souverän mit einer großen Erzählfreude mit den unterschiedlichen Handlungssträngen. Immer neue überraschende Wendungen und Begebenheiten machen einfach immens großen Spaß. Nichts ist wie es scheint und eine Verblüffung folgt auf die nächste. Es gelingt dem Autor, den Leser immer wieder auf falsche Fährten zu führen und die Wahrheit erst nach und nach aufzudecken. Auch die Seitenhiebe auf die Vermarktungsstrategien des Literaturbetriebs fand ich sehr gelungen und die bigotte Kleinstadt-Atmosphäre sehr authentisch dargestellt.

Amour Fou

Aber an einigen Stellen war es mir zu kitschig, die schwülstigen Liebesschwüre zu floskelhaft und dadurch wirkte die Liebesgeschichte auch zu seelenlos. Manche Charaktere sind überzogen dargestellt, die Dialoge teilweise sehr gestelzt und besonders die Weisheiten, die Harry seinem Schützling einimpft banal und überflüssig. Und bin ich die Einzige, die sich an einer Liebesgeschichte zwischen einem 15-jährigen Teenager und einem mehr als doppelt so alten Mann stößt?

Dass der Ausgang bis zum Schluss offen bleibt, macht den großen Reiz aus. Obwohl es eine Vielzahl von permanenten Wendungen gibt, gelingt es dem Autor diese zum großen Vergnügen des Hörers stimmig aufzulösen.
Der Roman des Schweizer Autors wurde nach seinem Erscheinen 2013 auch in Deutschland sehr gehypt, nachdem er 2012 bereits die französischen Bestsellerlisten gestürmt und sämtliche Preise abgeräumt hatte. Aber erst nachdem die Geschichte als Miniserie mit dem amerikanischen Schauspieler Patrick Dempsey verfilmt wurde, hatte ich es wieder auf dem Schirm. Beim Hören des Hörbuchs hatte ich dann auch immer Dempsey vor Augen.

Torben Kessler trägt die Geschichte mit einer angenehmen Stimme vor und unterhält ganz wunderbar durch die 20 Stunden. Auch wenn er bei den einzelnen Charakteren die Stimme nur minimal variiert.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert | Die 2. Auflage erschien am 13. Oktober 2014 bei OSTERWOLDaudio
ISBN 978-3-8695-224-1
3 MP3-CDs | 14.99 Euro
Gesamtspielzeit: ca. 20 Stunden 21 Minuten
ungekürzte Lesung von Torben Kessler
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Weiteres: Trailer zur Miniserie bei TVnow

Doppel-Rezension Georges Simenon: Chez Krull & Maigrets Jugendfreund

Doppel-Rezension Georges Simenon: Chez Krull & Maigrets Jugendfreund

Vor knapp zweieinhalb Jahren war es schon so etwas wie ein Paukenschlag in der Buchbranche. Nach mehr als vierzig Jahren verlor der Diogenes Verlag die Rechte an einem seiner absoluten Autorenzugpferde: Georges Simenon. Neuer Rechteinhaber wurde der neu gegründete Kampa Verlag, dessen Inhaber Daniel Kampa vorher bei Diogenes arbeitete und als großer Kenner des Autors gilt. Kampa hat sich die Mammutaufgabe gesetzt, das komplette Werk Simenons wieder herauszugeben, teilweise neu übersetzt, viele mit Nachworte prominenter Simenon-Fans versehen. Dazu bislang unübersetzte Frühwerke des Autors, Autobiografisches und einiges mehr. Seit dem zweiten Halbjahr 2018 wurde mit der Wiederauflage Simenons begonnen, parallel erscheint seit Anfang 2019 im Atlantik Verlag die Taschenbuch-Edition.

Georges Simenon braucht an sich natürlich keine große Einführung mehr. Der Belgier war während seiner Schaffenszeit ein äußerst produktiver Autor. Am bekanntesten sind natürlich seine 75 Kriminalromane mit Kommissar Maigret (plus ein unter Pseudonym veröffentlichter „Ur“-Maigret). Auf diese Krimis wurde Simenon lange Zeit von manchen Kritikern beschränkt, dabei ist das andere Werk des Autors – die sogenannten „Non-Maigrets“ – umso unfangreicher. Über 100 Romane, knapp 150 Erzählungen, mehrere hundert Kurzgeschichten sowie zahlreiche Essays, autobiografische Werke und anderes. Für dieses Rezensionsdoppel hat sich Gunnar einen Non-Maigret (oder „roman dur“, wie Simenon selbst meinte) und Andy sich einen Maigret ausgesucht.

Georges Simenon | Chez Krull

Eine Kleinstadt in Nordfrankreich, Ende des 1930er Jahre. Am Rande der Stadt liegt der Kanalhafen und dort steht der Laden der Krulls. Der Vater ist vor vielen Jahren eingewandert, besitzt aber längst die französische Staatsangehörigkeit, diente in der französischen Armee. Dennoch sind die Krulls Außenseiter in der Stadt. Ihr Laden, ein kleiner Kaufmannsladen mit Alkoholausschank, wird von den Einheimischen gemieden, durch die Kanalschiffer können sich die Krulls aber gerade so über Wasser halten.

Da betritt Hans Krull die Szene. Er ist ein Neffe des alten Krull und hat sich als Gast angekündigt. In Deutschland droht ihm angeblich das KZ. Während das Ehepaar Krull und die drei Kinder Joseph, Anna (beide schon erwachsen) und Elisabeth spießig, sehr zurückhaltend und angepasst sind, bloß nicht auffallen wollen, ist der junge Hans Krull aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er ist selbstbewusst, laut, neugierig, ein Draufgänger, spricht gerne auch Deutsch in der Öffentlichkeit. Und Hans Krull ist ein Lügner, ein Schmarotzer, ein Tunichtgut, er streunt in der Gegend herum, lieht sich bei Freunden der Krulls unter einem falschen Vorwand Geld und verführt die jüngste Tochter Elisabeth.

Da geschieht ein Mord. Sidonie, die Tochter einer stadtbekannten Alkoholikerin, wird tot im Kanal aufgefunden. Der erste Verdacht fällt auf den Lebensgefährten der Mutter, doch er kann überraschenderweise ein Alibi aufweisen. Zusätzlich befeuert durch die Aufmerksamkeit, die Hans durch sein Verhalten in der Stadt auslöst, dreht sich die Stimmung nach und nach zu Lasten der Krulls.

Es gab da eine schreckliche, deprimierende Ungerechtigkeit, denn immer schon, so weit er zurückdenken konnte, hatte er alles richtig machen wollen, hatte er sich angestrengt, so zu sein, wie die anderen, besser zu sein als sie, in der Schule der beste Schüler zu sein, zu Hause ein braves Kind, seine Kleider sauber zu halten und seine niederen Instinkte zu unterdrücken.
Und jetzt stand er hier, als Angeklagter, vor diesem Hans, der in seinem Alter war, ihn spöttisch ansah, ihm überlegen war in seiner zynischen Gelassenheit. (Seiten 172 und 173)

Der Roman hat für mich zwei Ebenen. Ganz offensichtlich und auch anhand der Kurzbeschreibung herauszulesen, geht es hier um die Konflikte von Einheimischen und Zugereisten, um Fremdenfeindlichkeit. Wie Ressentiments gepflegt werden und zu wachsen beginnen, schildert Simenon sehr eindrücklich. Einzelne Wortführer stacheln an, ein Mob formiert sich, löst sich wieder auf und ist am anderen Tag wieder da. Man beginnt mit Rufen, macht mit Schmierereien weiter und steigert sich stetig in der Aggressivität. Das alles schildert Simenon weitgehend aus Sicht der machtlosen Krulls. Auch die Polizei, wenngleich um den Erhalt von Recht und Ordnung bemüht, kann sich letztlich dem Druck nicht entziehen.

Andererseits zeigt Simenon seine bekannten Stärken in der psychologischen Charakterisierung seiner Figuren. Die Familie der Krulls in ihrem vergeblichen Wunsch nach Akzeptanz. Es wird aber auch deutlich, dass sie eine echte Eingliederung selbst nicht vollständig betrieben haben. Sie haben sich aber inzwischen scheinbar damit abgefunden, eine seltsame Apathie macht sich breit. Am undurchsichtigsten ist der Vater Cornélius, der selten etwas sagt und den seine Familie auch möglichst aus allem heraushalten will. Und dann platzt dieser Vetter Hans in diese Szenerie – egoistisch, selbstsicher und unbekümmert. Hans hat ein feines Gespür für die inneren Konflikte der Krulls und befeuert diese. Er ist der Katalysator der Ereignisse, sowohl innerhalb der Familie als auch im Außenverhältnis.

Ein wirklich gelungener Roman, der mich auf beiden Ebenen überzeugen konnte. Simenon bringt neben der psychologischen Komponente auch noch eine gesellschaftspolitische Ebene hinein und das macht diesen Roman aus dem Jahr 1939 zeitlos relevant.

Georges Simenon | Maigrets Jugendfreund

In fünfunddreißig Jahren war er keinem einzigen Mitschüler aus dem Lycée Banville begegnet. Und dann musste es ausgerechnet Florentin sein! (Seite 221)

Der Titel Maigrets Jugendfreund ist ein wenig irreführend, denn eigentlich konnte Jules Maigret, Kommissar der Pariser Kriminalpolizei seinen früheren Mitschüler Léon Florentin nie so richtig leiden. Der einstige Klassenclown Florentin war bekannt für seine Faxen und nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. So ist Maigret auch nicht erfreut, als der Bäckersohn ihn Mitte Juni 1968 am Quai des Orfèvres im 9. Arrondissement aufsucht und verzweifelt um Hilfe bittet. Und es ist eine ganz schön pikante Geschichte, die ihn in eine mehr als prekäre Lage gebracht hat: Seine Geliebte Joséphine „Josée“ Papet wurde in ihrer Wohnung erschossen, während er sich im Wandschrank versteckte. Die kleine, 20 Jahre jüngere Josée becircte die Männer mit ihrer sanften und charmanten Art und ließ sich neben ihm noch von vier weiteren Liebhabern aushalten. Diese wussten weder voneinander noch von Florentin und besuchten sie an unterschiedlichen Tagen. Wenn einer mal unangemeldet kam, musste Florentin sich schnell verstecken.

Maigret beginnt mit seiner geduldigen und souveränen Art den Tathergang zu rekonstruieren, die übrigen vier Galane zu ermitteln und auf ihre Motive sowie Alibis abzuklopfen. In Josées Wohnung wurden sämtliche Fingerabdrücke abgewischt und es fehlen alle Ersparnisse sowie sämtlicher Briefverkehr. Verdächtig macht sich auch die übergewichtige und stets mürrische Concierge Madame Blanc, die niemanden gesehen haben will. Aber der Hauptverdächtige ist und bleibt Léon Florentin, eine verkrachte Existenz, der in seinem Leben nichts hinbekommen hat und sich momentan erfolglos als Antiquitätenhändler verdingt. Der einstige Hallodri ist vorbestraft und wirkt inzwischen nur noch wie ein alternder Versager.

Wenn zum Ende dieser kleinen, aber feinen Geschichte der Pariser Kommissar alle Verdächtigen mit seinen Rechercheergebnissen konfrontiert und den Täter entlarvt, entsteht bei ihm kein Triumphgefühl. Maigret – immer mit Pfeife und gemächlicher Ruhe-  versucht eher, die Motivation für die Tat und auch den Verbrecher zu verstehen. Damit war Georges Simenon einer der ersten, bei dem in den Maigret-Romanen der Fokus weniger auf der Täterermittlung sondern eher auf den psychologischen Aspekten und den Hintergründen des menschlichen Verhaltens lag.

Maigret ist ein typischer Kleinbürger, dem das wohlhabende Bürgertum immer ein wenig suspekt ist. Seine Stärken sind sein Einfühlungsvermögen und seine Beharrlichkeit. Auch zeichnet ihn eine große Menschlichkeit aus. Den Fall löst er auch durch Intuition, seine Inspektoren spielen keine großen Rolle und werden charakterlich nicht vertieft. Mehr im Hintergrund agiert Madame Maigret, deren Aufgabe, ein behagliches Heim für ihren Ehemann zu schaffen und als ausgleichender Ruhepol zu fungieren, für die heutige Zeit natürlich etwas antiquiert wirkt.

Maigrets Jugendfreund ist der 69. von 75 Romanen sowie 28 Erzählungen mit dem berühmten Pfeifenraucher, die der belgische Autor in einen Zeitraum von über 40 Jahren geschrieben hat. Mich hat der Krimi, der in einfacher, nüchterner Sprache, amüsanten Dialogen und ohne viel Pathos erzählt wird, blendend unterhalten.

Chez Krull | Erstmals erschienen 1939
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 30. August 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-92773-495-1
278 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spannungsroman, Klassiker
Wertung: 4.0 von 5.0

Maigrets Jugendfreund | Erstmals erschienen 1968
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 4. Juli 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00776-3
224 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi, Klassiker
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zum Hörbuch Maigret: Die spannendsten Fälle ♬ sowie den Romanen Maigret und die junge Tote und Maigret und der gelbe Hund.

Beeke Dierksen | Schwarze Förde Bd. 1

Beeke Dierksen | Schwarze Förde Bd. 1

„Seit dem frühen Morgen waren sie vor Ort, auf diesem offensichtlich unbewirtschafteten Acker, der auf halber Höhe zwischen Glücksburg und der Flensburger Außenförde lag. Endlose Stunden, in denen eine Grabstätte nach der anderen freigelegt worden war. Ein eisiger Wind peitschte Regenschauer über das Land, schon vor Tagen hatte sich der bis dahin goldene Oktober in einen garstigen Vorboten des Winters verwandelt. Als hätte sich das Wetter dem Horrorszenario anpassen wollen.“ (Auszug Seite 8)

Mit Hilfe eines anonymen Tipps werden sechs vergrabene Leichen auf einem Acker gefunden. Christoph Wengler und sein Team von der Bezirkskriminalinspektion in Flensburg übernehmen den Fall, ziehen aber die Operative Fallanalyse aus Kiel hinzu, also Hannah Lundgren und ihre Mitarbeiter. Nach ersten Recherchen stehen schnell die Identitäten fest und auch, dass es eine siebte Vermisste gibt. Offensichtlich wurden alle Frauen über einen längeren Zeitraum gefangen gehalten. Können Wengler und Lundgren die Täter stellen und das letzte Opfer retten?

Spannung von vorn bis hinten

Schwarze Förde von Beeke Dierksen ist meiner Meinung nach ein spannender, aber auch grausiger Kriminalroman, der eher nichts für schwache Nerven ist. Die Frauen werden nicht nur gefangen gehalten, sondern auch misshandelt, was zwar nicht in allen Details erzählt wird, aber doch genug, um es sich gut vorzustellen. Außerdem haben es die Beamten mit zum Teil stark verwesten Leichen zu tun. Der Spannungsbogen zieht sich durch das gesamte Buch, für mich gab es keine Längen. Zu Beginn laufen die Ermittlungen eher schleppend, aber dann ergibt sich ein Puzzleteil nach dem anderen und die Aufklärung wird rasant vorangetrieben.

Viele private Baustellen

Von dem Fall habe ich wirklich gern gelesen, allerdings sind mir die privaten Probleme der Kommissare etwas zu viel. Gefühlt hat jeder einen Schicksalsschlag erlitten, aber eben nicht sowas Profanes wie eine Scheidung, sondern eher todkrankes Kind, Suizid des Freundes, Medikamentenabhängigkeit oder magersüchtige Teenager-Tochter in den vermeintlichen Fängen eines Zuhälters. Wobei ich den Umgang der Mutter mit Letzterer persönlich überhaupt nicht gut finde: Anstatt zu versuchen, mit dem Teenager trotz seiner Aufmüpfigkeit ins Gespräch zu kommen und Hilfsbereitschaft und Sorge auszusprechen, kommt sie mit Hausarrest und Verboten und Meckern. Ich kann die Reaktion der Tochter da ehrlich gesagt schon verstehen.

Der erste Fall

Nach meiner Recherche ist diese Geschichte der erste Fall von Wengler und Lundgren, obwohl im Buch immer wieder Erinnerungen an frühere Fälle auftauchen, die vermuten lassen, dass es schon weitere Bände der beiden gibt. Da das aber nicht der Fall ist, finde ich es schade, dass nicht näher auf diese Andeutungen eingegangen wird, wenn Wengler beispielsweise denkt, dass er nicht wieder zu spät zu einer Rettung kommen will. Der Schluss lässt mich auch eher unzufrieden zurück: Der Fall wird zwar gelöst, aber in den privaten Bereichen bleibt alles offen. Aber vielleicht werden diese losen Enden in einem möglichen zweiten Fall aufgegriffen.

Fazit: Spannende Ermittlungen, aber etwas zu viel Schicksal bei den Ermittlern.

Beeke Dierksen ist das Pseudonym der Krimiautorin Angelika Svensson. Die Autorin wurde in Hamburg geboren und lebt heute in Norderstedt. Nach einer Ausbildung zur Fremdsprachenkorrespondentin arbeitete sie beim Norddeutschen Rundfunk. Mittlerweile ist die Autorin freiberuflich tätig.

 

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Schwarze Förde | Erschienen am 17. Oktober 2019 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0619-4
256 Seiten | 10.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe