Kategorie: Aktenzeichen

Chris Pavone | Der Portier

Chris Pavone | Der Portier

Das „Bohemian“ ist ein (fiktives) Appartementhaus am Central West Park in der Nähe der „Strawberry Fields“ (Ähnlichkeiten zum „Dakota Building“ sind sicherlich gewollt). Das Gebäude aus dem 19.Jahrhundert ist eine Institution in New York und immer noch eine der ersten Adressen der Stadt mit den teuersten Wohnungen. Zwölf Geschosse, exklusive Apartments unterschiedlicher Größe, von einem kleinen „Burggraben“ umgeben, mit schmiedeeisernem Zaun. Eine strenge Eigentümergesellschaft (weiß, überwiegend älteren Semesters) wacht über die hier und da durchaus fragwürdigen Traditionen des Hauses. Der Hausverwalter Olek (ein undurchsichtiger Ukrainer) wacht über die zahlreichen Angestellten des Hauses, ausnahmslos Latinos oder Schwarze. Unter ihnen ist auch Chicky Diaz.

Chicky vergisst niemals den Namen eines Bewohners oder eines Enkels, der zu Besuch ist, oder eines engen Freundes oder einer „Freundin“. Nie meldet er sich krank, macht früher Feierabend oder kommt zu spät. Außerdem beschwert er sich nicht und verdreht auch nicht die Augen, wenn man einen unsinnigen Wunsch an ihn richtet, was häufig vorkommt. Er ist stets geduldig und immer freundlich. Und verbreitet gnadenlos gute Laune.
Zumindest bis jetzt. (Auszug S.14)

Chicky ist einer der drei Hauptpersonen, aus deren Perspektiven der Roman erzählt werden. Er ist Puertoricaner, 50, Witwer mit erwachsenen Kindern. Der frühe Krebstod seiner Frau und die Ausbildung seiner Kinder ist auch der Grund, warum Chicky inzwischen hochverschuldet ist. Er arbeitet schon lange als Portier im Bohemian, ist ein äußerst zuverlässiger und diskreter Mitarbeiter. Doch seine Schulden zwingen ihn, Nebenjobs anzunehmen, die in nicht ganz so exklusiven Kreisen stattfinden.
Julian Sonnenberg ist einer der Eigentümer. Er bewohnt Apartment 2A – eine im Vergleich zum Rest des Hauses eher bescheidene Wohnung – mit Frau und fast erwachsenen Kindern, ist Mitte 40 und Jude.

Julian ist Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft, muss sich vielen konservativen Ansichten der Miteigentümer teilweise beugen. Er ist Teil der New Yorker Kunstszene, Mitinhaber einer früher erfolgreichen Galerie, jetzt plagen ihn ein paar Geldsorgen. Allerdings plagt ihn noch etwas anderes, eine Art Midlife Crisis und zudem offenbar auch eine Diagnose seines Arztes. Zum Miteigentümer und Inhaber eines Rüstungsunternehmens Whitaker Longworth verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Dessen Ehefrau Emily (geborene Merriweather) ist sowas wie die „gute Seele“ des Hauses, freundlich und zugewandt zu jedermann. Mitte 30, Mutter kleiner Kinder, Kunstberaterin und linksliberal – und damit ein krasser Gegensatz zu ihrem Mann Whit, der sich in äußerst konservativen Kreisen aufhält und vor rassistischen und homophoben Beleidigungen nicht zurückschreckt. Aber er war halt eine äußerst gute Partie, was Emily inzwischen allerdings durchaus bereut, doch ihren Lebensstil mag sie dann doch. Sie hat aber ein intaktes soziales Gewissen und engagiert sich in einer Tafel in Harlem, wobei sie allerdings merkt, dass Klassengrenzen sich nur schwer überwinden lassen.

Alle Männer der Familie Merriweather waren davon überzeugt, dass sie sich ihr Glück im Leben selbst erarbeitet hatten. Nie hielten sie inne, um sich die eine Frage zu stellen: War es wirklich Erfolg, wenn jeder, den man kannte, genauso erfolgreich war wie man selbst? War es wirklich eine persönliche Leistung?
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das war ein beliebter Ausspruch von Menschen, die Glück gehabt hatten. (Auszug S.432)

Soweit die Figurenkonstellation. Das Spannungselement wird im Prolog eingeführt: Es gab einen toten Schwarzen bei einem Polizeieinsatz. Nun sind Demonstrationen angekündigt, die Stimmung in New York ist angeheizt, mit Ausschreitungen ist zu rechnen. Auch das Bohemian wappnet sich, die Portiers sind besonders aufmerksam und ausnahmsweise bewaffnet. Auch Chicky, der abends die Position vor der Tür eingenommen hat und misstrauisch über die Lage grübelt. Und plötzlich kommt ein verdächtiger Pick-Up die Straße hochgefahren…

Das klingt nach einem waschechten Thriller, allerdings dauert es sehr lange, bis die Situation am Abend wieder aufgegriffen wird und der Roman tatsächlich zu einem Pageturner wird. Dazwischen begleitet ein allwissender Erzähler die Protagonisten durch den Tag, wirft immer wieder lange Blicke in ihre Vergangenheit und macht gerne Andeutungen über das, was im weiteren Verlauf noch passieren wird. Dabei wirft er einen intensiven und dichten Blick auf die New Yorker Gesellschaft. Die Figurenkonstellation kostet der Autor hinlänglich aus und gibt sowohl Latino-Gangstern und MAGA-nahen Milliardären als auch woken Liberalen einen mit. Das ist zumeist ziemlich unterhaltsam, macht aber die Einordnung ins Krimigenre schwierig, die eigentlich erst das letzte Fünftel des Romans erfüllen kann.

„Der Portier“ ist ein Roman, bei dem ich etwas andere Erwartungen hatte – mehr Thriller, mehr Pageturner. Letztlich waren es 4/5 Nabelschau auf (einen Ausschnitt der) New Yorker Gesellschaft und der Rest klassischer Thriller. Dennoch war ich mit dem Gelesenen ziemlich zufrieden und fühlte mich gut unterhalten. Der Roman bietet partiellen Thrill und zudem einen scharfsinnigen, manchmal zynischen und teilweise auch amüsanten Blick auf NYC.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Portier | Erschienen am 20.08.2026 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12137-4
555 Seiten | 22,90 €
Originaltitel: The Doorman | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Meine Schwester in ihrer aufgeräumten, pastellfarbenen Küche, einen Wischmop in der Hand. Ausgestelltes Kleid, eine Schürze um die Taille gebunden. Das Haar ist mit Haarspray fixiert und glänzt wie Porzellan. Ihr künstliches Lächeln in die Kamera. „Eine glückliche Familie beginnt mit einer glücklichen Frau – und die ist zu Hause“, verkündet der eingefrorene Untertitel. Es sieht aus, als hätten wir ein Werbeplakat der 50er-Jahre an die Wand des Konferenzraums geklebt. (Auszug E-Book Pos. 199 von 6013)

Das Thema Tradwives erhält aktuell viel Aufmerksamkeit. Eine Tradwife, also eine Frau, die sich bewusst für ein extrem konservatives und patriarchales Rollenbild in der Ehe entscheidet, kümmert sich ausschließlich um den Haushalt sowie die Kindererziehung und verzichtet auf eine eigene berufliche Karriere. Wobei das rückschrittliche Frauenbild und die finanzielle Abhängigkeit, da der Mann als alleiniger Versorger dient, von den Anhängerinnen als bewusste Entscheidung und persönliche Freiheit verstanden wird.

Auch Vera Bucks neuester Thriller widmet sich dem Thema, ihre Protagonistin Lea lebt dieses Modell nicht nur, sondern ist auch eine der erfolgreichsten und bekanntesten Influencerinnen. Regelmäßig präsentiert sie auf Social-Media ihren traditionellen Alltag in den USA mit Ehemann Matt und Tochter Emma und versorgt ihre über zweieinhalb Millionen Follower mit Trad-Wife-Content, das heißt mit Rezepten und Haushaltstipps. Dabei inszeniert sie sich aus der bewachten Luxussiedlung Sancta Familia in Florida immer perfekt gestylt im Stil der 1950er Jahre.

Ihre ältere Schwester Paula lebt in Frankfurt als Unternehmensberaterin mit ihren drei wilden Söhnen und Ehemann Niko ein ganz anderes etwas chaotisches Leben. Dadurch haben die beiden Schwestern sich voneinander entfernt. Trotzdem macht Paula sich sofort Sorgen, als längere Zeit kein Video mehr von Lea veröffentlich wird und sie diese auch telefonisch nicht erreichen kann. Paula lässt alles stehen und liegen und fliegt nach Florida. Hier stellt sie erst Mal überrascht fest, dass es gar nicht so einfach ist, in die abgeschottete Gated Community, die auch noch mit der christlichen Kirche verwoben ist, reinzukommen. Paula traut Leas Ehemann Matt nicht, der ihr ausweichend versichert, diese würde sich ohne Handyempfang in einem Retreat ausruhen. Da sich auch die kleine Emma eigenartig verhält, beschließt Paula, nach ihrer Schwester zu suchen.

Die Suche nach Lea gestaltet sich spannend und natürlich gibt es den einen oder anderen Twist. Abwechselnd begleiten wir Paula als Ich-Erzählerin und in Rückblenden der sprunghaften Lea auf ihren Weg, ihr Glück in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung wieder im Heim am Herd zu finden. Leas Wunsch nach Sicherheit und Struktur hat sie nach einigen traumatischen Erlebnissen anfällig für Manipulation gemacht. Sie ist bereit, sich voll und ganz von der Gemeinschaft kontrollieren zu lassen, deren Ideal ein fundamental christliches Rollenbild zugrunde liegt.

Ein als Haushaltsbuch getarntes Tagebuch eröffnet eine zusätzliche Perspektive, aus der man einiges über die Entwicklung innerhalb der Ehe erfährt. Wie sich die Beziehung zu Ehemann Matt verändert und wie stark die Community Einfluss auf das Leben der Einzelnen hat, ist durchaus beklemmend beschrieben. Wie daraus schleichend Unterdrückung, Manipulation und häusliche Gewalt entstehen, ist realistisch dargestellt. Die Autorin wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der vermeintlich sorglosen Sancta-Familie, in der sektenähnlich Frauen eingesperrt und kontrolliert werden. Unterbrochen werden diese Passagen von Social-Media Transkripten, wobei vor allem die Kommentare unter den Beiträgen sehr authentisch wirken.

Vera Buck gelingt es, von Beginn an eine bedrückende, beängstigende Atmosphäre voll unterschwelliger Spannung aufzubauen. Der flüssige Schreibstil zieht einen sofort in die Geschichte hinein. Ungefähr zur Hälfte gibt es für mich einige Längen, bevor der Plot zum Schluss mit einigen überraschenden Wendungen noch mal sehr spannend wird. Vera Buck hat einen unterhaltsamen Psychothriller geschrieben, der die Auswirkungen solcher rückschrittlicher Rollenbilder aufzeigt und Gewalt an Frauen, physisch wie psychisch thematisiert.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Keine Angst, Darling | Erschienen am 03. August 2026 bei Lübbe
ISBN 978-3-751-79813-6
448 Seiten | 17,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Helena Falke | Noch fünf Tage

Helena Falke | Noch fünf Tage

Wäre es nicht fairer, wäre es nicht Karma, wenn ich mein Leben behalte? Spontanheilungen gab es doch schon immer. Ich fühle mich gesund, so gesund, dass die Idee nicht abwegig scheint. Viel abwegiger ist es, dass jemand, der auf westfälische Pumpernickel Appetit hat, bald nicht mehr da sein soll. Das ist kein Essen für Kranke. Vielleicht kann ich mir meine Gesundheit zurückholen. Erarbeiten, so wie ich es immer tat. (Auszug Seite 152)

Als die Spitzenköchin Lis Castrop in den frühen Morgenstunden des 1. Januars in einem Rettungswagen zu Bewusstsein gelangt, bekommt sie von den Sanitätern unbemerkt mit, dass sie aufgrund einer Vergiftung sterben wird und maximal noch fünf Tage zu leben hat. Die Fünfundvierzigjährige wird in eine Klinik in den Davoser Bergen gebracht. Hier erfährt sie, dass man Polonium-210 in den Speisen des von ihr zubereiteten Silvesterdinners fand. Der Unternehmer und Milliardär John Harman, für den Lis seit Jahren arbeitet, überlebte den Giftanschlag eben so wenig wie seine Frau und die beiden Kinder. Die Köchin scheint eine kleinere Dosis Gift erwischt zu haben, dennoch bleiben ihr nur wenige Tage. Lis wird als wichtige Zeugin von der Schweizer Polizei befragt und obwohl sie gleichzeitig Opfer des rätselhaften Verbrechens ist, gilt sie als Hauptverdächtige der Tat.

Wir erleben wie Lis verzweifelt, mit ihrem Schicksal hadert und resigniert. Das Wichtigste in ihrem Leben ist aber ihre Tochter Cosima und deren Zukunft hat oberste Priorität. Lis bleiben nur fünf Tage, um die Zwölfjährige auf ihren Tod und auf ein Leben ohne Mutter vorzubereiten. Die Köchin beginnt, von ihrem Sterbebett zu ermitteln, auch um sich zu rehabilitieren. Unerwartete Unterstützung erhält sie dabei von ihrer Pflegerin Esme. Die todgeweihte Ich-Erzählerin erzählt der Palliativschwester alles über die Stationen ihrer Karriere und ihre Erlebnisse mit ihren ehemaligen Arbeitgebern. Sieben Jahre lang arbeitet Lis Castrop für die Industriellenfamilie, nachdem sie in einem angesagten Londoner Gourmettempel als Spitzenköchin tätig war.

Um für ihre Arbeitgeber jederzeit verfügbar zu sein, lebte Lis mit ihrer Tochter auch mit in der prunkvollen Villa in Davos. Dabei war sie nicht nur die kreative Köchin der Schweizer Familie, sondern auch Vertraute, intelligente Ratgeberin und loyale Freundin. Um den Mörder zu finden, durchleuchtet sie ihre Beziehungen zu den Opfern nach möglichen Hinweisen und reflektiert Ereignisse. Dabei sind ihre Mittel natürlich begrenzt und ihre Kräfte schwinden, aber verzweifelt sucht sie in ihren Erinnerungen nach Anhaltspunkten, die als Mordmotiv gelten könnten. Alle Familienmitglieder waren sehr ambitioniert und verfügten über großes Potenzial, haben Lis über die Jahre aber auch ausgenutzt und gedemütigt. Die Köchin kennt ihre Stärken und Schwächen, ihre Verflechtungen sowie das Umfeld und hatte sich im Lauf der Zeit einen gewissen Einfluss erarbeitet. Lis‘ verbleibende Lebenszeit wird zu Anfang jedes Kapitels mit Tages- und Uhrzeiten detailliert angegeben.

Esme hat den Ausflug in die glamouröse Welt der Harmans und Monmouths genossen, fand es nett, ein bisschen Detektivin zu spielen, aber jetzt ist es ihr zu viel. Jetzt bin ich ihr zu viel und sie will mich sedieren. Ihre Ermittlungen lenken sie nicht mehr von ihrem eigenen Leben ab, sondern erinnern sie daran, dass es an das Leben dieser Leute nie herankommen wird. Esme hat aufgegeben. Ich nicht. Ich habe keine Wahl. Und ich will kein Schlafmittel. (Auszug Seite 201/202)

Wir tauchen tief ein in die Welt der gehobenen Sterneküche. Die extravaganten Kochkünste und kulinarischen Vorlieben, besonders der verwöhnter Milliardäre nehmen viel Raum ein, was beim Lesen schon mal den Appetit anregt. Auch die Einblicke in die Welt der Reichen und Schönen sorgen für interessante Facetten. Unterbrochen werden diese Überlegungen von den wenigen Besuchern im Krankenhaus, deren Charakterisierungen eher blass ausfallen. Helena Falke, übrigens das Pseudonym einer preisgekrönten, deutschsprachigen Autorin, die sich das erste Mal im Krimi-Genre versucht, hat einen fesselnden Roman mit einem etwas konstruierten Plot erschaffen, der feine Gesellschaftskritik an der Welt der Superreichen und Sterneköche bietet.

Die Idee, dass ein Opfer, das nur noch wenig Zeit zu leben hat, seinen eigenen Mörder sucht, ist nicht neu. Zuletzt las ich den Jugendthriller „Not Quite Dead Yet“ von Holly Jackson. Aber im Gegensatz zu der jungen britischen Autorin verzichtet Helena Falke in „Noch fünf Tage“ auf Effekthascherei und bietet etwas mehr Tiefgang. Neben der Tätersuche geht es auch um existentielle Fragen, wie die Auseinandersetzung mit dem eigenen Sterbeprozess. Dazu tragen die Gespräche mit der Pflegerin und der Sterbebegleiterin, einer sogenannten Death Dula bei, auch wenn die Themen nur angerissen werden. Die Geschichte einer Mutter, die, mit dem Wissen, dass sie sterben wird, ein letztes Mal für ihre Tochter kämpft, berührt. Der Roman ist dialoglastig, bietet keinen atemlosen, actionreichen Thrill, dafür verdichtet der gnadenlos runterzählende Countdown die Spannung. Weniger Thriller als Whodunnit lässt er den Leser miträtseln, wer diesen perfiden Tod der Industriellenfamilie und der Köchin zu verantworten hat.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Noch fünf Tage | Erschienen am 21. April 2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-78579-9
308 Seiten | 20,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

 

Jürgen Heimbach | Straßenköter

Jürgen Heimbach | Straßenköter

Traugott, genannt Marlon, ist ein kleiner Fisch in Hamburg im Jahr 1975. Aber er ist ein Drifter, kann gut mit Autos und er bekommt den Job des Fahrers bei einem Banküberfall angeboten. Der Überfall gelingt zwar, doch danach bricht die Hölle über Marlon ein. Die Polizei ist ihnen verdammt schnell auf den Fersen, der Chef der Räuber behält entgegen anderer Absprachen erstmal das Geld und plötzlich tauchen noch andere Gestalten bei Bekannten von Marlon auf und suchen nach ihm. Marlon beschleicht das Gefühl, dass er gelinkt werden soll. Doch als in allen Zeitungen und auf Plakaten nach ihm gefahndet wird, wird es Marlon zu heiß und er flieht aus der Stadt.

Marlon wollte ihr folgen, doch in der Drehung stieß er gegen einen der Zeitungsverkäufer, die ihre Blätter abends in den Kneipen anboten. Vor Schreck hatte der die Zeitung, dier in der Hand hielt, hochgerissen, und Marlon starrte in vier abgedruckte Gesichter. Darunter auch seines. Mit großen Buchstaben waren sie untertitelt: Gesucht. Bankräuber.
Silvia hatte das Bild im selben Moment erkannt, doch bevor sie etwas sagen konnte, war Marlon an der nächsten Straßenecke. (Auszug S.24-25)

Marlon ist in einem Heim voller Gewalt und Missbrauch aufgewachsen. Seine Mutter hat ihn abgegeben, ist mit einem anderen Mann ausgewandert. Seinen leiblichen Vater hat er seit Kindheitstagen nicht mehr gesehen oder von ihm gehört. Marlon hat sich gegen die Zustände im Heim aufgelehnt, allerdings keinerlei Unterstützung erhalten, im Gegenteil. Inzwischen ist er ein unsteter, traumatisierter junger Mann, hält sich mit Gelegenheitsjobs und Kleinkriminalität über Wasser, ist unpolitisch, hat keine länger dauernden Beziehungen. Auf der Flucht erhält er überraschend Unterstützung von einigen Fremden. Durch Zufall erhält er einen Hinweis, dass sich sein Vater, ein Künstler und Fälscher, möglicherweise im Wendland aufhalten könnte. Doch kaum ist Marlon dort angekommen, kommt er bei seinem Versuch, sich zu verstecken, der RAF in die Quere, für die das dünnbesiedelte Wendland ebenfalls als Rückzugsort dient.

Eine Zeitlang, vor allem nach der Entlassung aus dem Heim, war er ein wildes, entlaufenes Tier gewesen, endlich seine Fesseln losgeworden, aber mit der Zeit hatte sich das gelegt. Sie hatten ihn einen Straßenköter genannt, einen, dessen erster Blick immer dem Überleben galt, der zweite dem Fressen. (Auszug S.92)

Autor Jürgen Heimbach ist ein Fachmann für historische Kriminalromane mit Setting in Westdeutschland in den Nachkriegsjahren und zur Zeit des kalten Krieges. 2020 gewann er den Glauser für „Die rote Hand“ über Aktivitäten ausländischer Kräfte in Deutschland im Zusammenhang mit dem algerischen Unabhängigkeitskampf Anfang der 1960er. Zuletzt erschien von ihm „Waldeck“ mit dem bekannten Liedermacherfestival als Setting. Nun begibt sich Heimbach mit „Straßenköter“ ins Jahr 1975. Er fügt damalige Ereignisse in die Story ein, z.B. einen Filmdreh von Wim Wenders im Wendland, zitiert Songs u.a. von Udo Lindenberg oder Yves Montand, und schafft ein interessantes und authentisch wirkendes Bild der Kleinkriminellenszene oder die linke Szene bis hin zu Sympathisanten und Unterstützern der Roten Armee Fraktion.

Der Roman ist ein Thriller, die der Erzähler komplett aus Marlons Perspektive erzählt. Die unstete, etwas naive, aber durchaus widerstandsfähige Hauptperson spiegelt sich auch im Plot und Charakter des Romans wider. Ein Mann, der auf der Flucht durch die bundesdeutschen Gegebenheiten der Siebziger hetzt.  Ich muss gestehen, dass mir die Teile des Romans, die in Hamburg spielen, besser gefallen haben. Die Schilderungen vom Milieu in der Hansestadt kamen mir ein wenig organischer vor als die Passagen, in denen Marlon plötzlich auf Terroristen trifft. Nichtsdestotrotz gelingt Jürgen Heimbach wiederum ein empfehlenswerter historischer Krimi, der den westdeutschen Zeitgeist gelungen einfängt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Straßenköter | Erschienen am 15.07.2026 im ars vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0811-3
272 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Die rote Hand“ von Jürgen Heimbach

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

S.A. Cosby | Die Rache der Väter

Es gab kein Zurück. Es gab keinen Weg, der irgendwohin führte, nur eine lange Straße in den Abgrund, so finster wie die erste Nacht in der Hölle und gepflastert mit schlechten Absichten. Sie konnten das, was sie suchten, Gerechtigkeit nennen, aber richtiger wurde es dadurch nicht. Es war unstillbare, unversöhnliche Rache. Und das Leben hatte ihn gelehrt, dass Rache immer Konsequenzen nach sich zog. (Auszug Seite 125)

Ein schwules Paar wird in Richmond, Virginia auf offener Straße mit mehreren Schüssen geradezu hingerichtet. Nachdem die Polizei schon nach wenigen Wochen die Ermittlungen einstellt, sind es die Väter der beiden, die sich von Trauer, Wut und schlechtem Gewissen zerfressen, gemeinsam auf die Suche nach den Tätern machen. Der schwarze Ike Randolph saß lange im Knast, hat sich aber inzwischen mit einem gutgehenden Gartenunternehmen eine neue Existenz aufgebaut. Die Homosexualität seines Sohnes Isiah hat er nie wirklich akzeptiert. Er blieb auch der Hochzeit vor wenigen Monaten fern, genauso wie der weiße Buddy Lee Jenkins, der Vater von Derek, der ebenfalls eine kriminelle Karriere hinter sich hat und sich jetzt in einem heruntergekommenen Trailerpark zu Tode säuft.

Nach dem Tod ihrer Söhne wollen sie jetzt das, in ihren Augen, Richtige tun und einen Teil ihrer Schuld begleichen. Es geht um Wiedergutmachung aber auch das eigene Versagen als Vater und die damit verbundenen Vorurteile zu korrigieren. Die beiden homophoben Väter, die außer ihrer kriminellen Vergangenheit und der Liebe zu ihren toten Söhnen wenig gemeinsam haben, verbünden sich in einem verzweifelten Rachefeldzug. Hier ist der Roman ein ganz klassisches buddy movie mit zwei unterschiedlichen, Charakteren, die mit ihren moralischen Verfehlungen und eigenen Vorurteilen gegenüber ihren Söhnen und einander konfrontiert werden. Ihre Streits sind sehr unterhaltsam und ihre Beziehung wandelt sich vorhersehbar im Laufe der Geschichte von einer widerwilligen Partnerschaft zu einer echten Freundschaft.

In einer LGBTQ-Bar treffen sie auf ehemalige gute Freunde ihrer Söhne. Diese wollen aus verständlichen Gründen nicht mit der Polizei reden. Auch Ike und Buddy Lee müssen erkennen, dass sie weder mit toxischer Männlichkeit noch mit Männlichkeitsdominanzgebaren weiter kommen. Eine Spur führt sie zu einem gewaltbereiten Motorradclub, der mit Waffen und der Herstellung und Verteilung von Meth sein Geld verdient. Die „Rare Breed“ übernehmen für Geld auch Mordaufträge und zeichnen sich durch einen abgrundtiefen Hass auf Schwarze und Homosexuelle aus. Ike und Buddy Lee tappen lange im Dunkeln, wer der mysteriöse Auftraggeber im Hintergrund ist. Bis sie dies herausfinden, haben sie bereits eine ordentliche Blutspur und Tote hinterlassen.

„Wirklich? Wo war denn diese Liebe, als er morgens, mittags und abends in der Schule drangsaliert wurde? Oh, genau, da hast du ja gesessen. Damals hat er deine Liebe gebraucht. Jetzt, wo er unter der Erde liegt, nicht mehr.“ (Auszug Seite 18)

„Die Rache der Väter“, übrigens auf der Sommerleseliste von Barack Obama, ist eine brutale, filmreife und actiongeladene Geschichte über den Rachefeldzug zweier fehlerhafter Antihelden, die von Beginn an rasant Fahrt aufnimmt und mit explizierten Gewaltdarstellungen nicht geizt. Cosby hat ein besonderes Talent für lebendige Bilder, die für Kopfkino sorgen und mich an einen Actionfilm aus den 90er Jahren erinnert. Viele gesellschaftlich aktuelle Themen wie systematischer Rassismus, Homophobie, Diskriminierung und familiäre Entfremdungen werden facettenreich und empathisch, wenn auch nicht besonders subtil mit harter Action verbunden.

Es war mir an einigen Stellen etwas übertrieben, beispielsweise der pathetische Sinneswandel der beiden Oldies, dass Schwule auch Menschenrechte besitzen. Ausführlich werden ihre Qualen und Reuegefühle geschildert und ihre Trauer um die Beziehung, die sie mit mehr Toleranz zu ihren Kindern hätten haben können, verständlich gemacht. Während Ike und Buddy Lee viel Raum erhalten, erfahren wir von ihren toten Söhnen fast nichts. Sie bleiben blass, dienen nur als Auslöser für die gewalttätigen Ausbrüche ihrer nach Erlösung suchenden Väter.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Rache der Väter | Erschienen am 31. Mai 2022 bei ars vivendi
ISBN 978-3-747-20349-1
344 Seiten | 24,00 Euro (inzwischen auch als Taschenbuch erhältlich)
Originaltitel: Razorblade Tears | Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von S.A. Cosby