Kategorie: noir | hardboiled

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2021

 

Stephen Mack Jones | Der gekaufte Tod

Nach einer Art Sabbatical kehrt August Snow zurück in seine Heimatstadt Detroit. Dort war er von seinem Arbeitgeber, dem Detroit Police Department, gekündigt worden, als er Korruption vom Bürgermeister und hohen Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung öffentlich machte. In einer Zivilklage konnte August allerdings eine Millionensumme erstreiten, die ihn nun finanziell unabhängig macht. Kaum ist er wieder im Land, will die exzentrische Milllionärin Eleanor Paget August engagieren, um Unregelmäßigkeiten in ihre Bankhaus aufzuklären. Doch August lehnt den Job ab. Wenig später ist Eleanor Paget tot, der vermeinliche Selbstmord entpuppt sich schließlich als Mord. Augusts schlechtes Gewissen meldet sich, sodass er nun doch den Hintergründen auf die Spur geht. Dabei sticht in erneut in ein Wespennest aus Korruption und organisiertem Verbrechen.

„Der gekaufte Tod“ ist der erste Teil einer Reihe um August Snow. Autor Stephen Mack Jones gewann hiermit direkt den renommierten Hammett Prize. Großer Pluspunkt des Thrillers sind die beiden Hauptfiguren – Augst Snow und Detroit. Snow ist Halb-Afroamerikaner, Halb-Mexikaner, ein sympathischer Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich spielend in den verschiedenen Szenen Detroits bewegt und nach einer Perspektive für diese Stadt sucht, die arg gebeutelt wurde, aber bei der es bescheiden aufwärts geht. Der Plot ist eher solide, eine Art Jack-Reacher-Variation, bei der Snows Gegner aus dem kriminell-militärisch-(finanz)industriellem Komplex eher diffus bleiben. Auch die Kulinarik wird für meinen Geschmack etwas überbetont. Nichtsdestotrotz überzeugte mich der Roman vor allem bei Setting, Figuren und Tempo. Daher sicherlich lesenswert.

Der gekaufte Tod | Erschienen am 20.03.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50477-4
338 Seiten | 17,- €
Als e-Book: ISBN 978-3-608-12079-0 | 13,99 €
Originaltitel: August Snow (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tom Franklin | Wilderer

Tom Franklin hat sich inzwischen auch im deutschsprachigem Raum als wichtiger Vertreter des Southern Gothic, der düsteren Country Noir-Variante der amerikanischen Südstaaten, etabliert – spätestens mit dem Roman „Krumme Type, krumme Type“, mit dem er 2019 den Deutschen Krimipreis gewann.

Der vorliegende Kurzgeschichtenband „Wilderer“ („Poachers“ im Original) erschien 1999 und waren das Debüt des Autors aus dem US-Staat Alabama, wo auch die Kurzgeschichten angesiedelt sind. Der Band beginnt mit der autobiografisch gefärbten Story „Jagdzeit“. Die Protagonisten der Geschichten sind allesamt Abgehängte , die zumeist den Glauben an einen guten Ausgang ihrer Lebensgeschichte schon aufgegeben haben oder sich den Gegebenheiten der ländlichen Provinz mit Wilderei, Alkohol und Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben angepasst haben. So etwa der Besitzer einer Tankstelle im Hinterland, an die sich kaum jemand mehr verirrt, an der aber immer noch das ausgestopfte Nashorn steht, das irgendwann einmal Kunden angelockt hat. Oder der Typ, der davon abhängt, von seinem Bruder unliebsame Jobs zu bekommen, zum Beispiel einen Wurf Katzen zu entsorgen.

Herausragend ist die längste, die Titelgeschichte „Wilderer“, in dem drei junge Männer, archaisch sozialisiert und schon als Wilderer aufgewachsen, einen Wildhüter ermorden. Die örtliche Gemeinschaft ist zurückhaltend, hat den Männern bereits viel durchgehen lassen. Doch irgendjemand scheint Rache nehmen zu wollen. Insgesamt wieder eine überzeugende Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Verlags Pulp Master. Manche Geschichte war für mich etwas kurz, um die volle Wirkung zu entfalten. Aber viele sind starke, düstere Porträts eines rohen US-Hinterlands.

Wilderer | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946-58207-6
250 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Poachers (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Sebastian Fitzek | Der Heimweg

Von Sebastian Fitzeks Bücher hatte ich mich nach einmaliger Lektüre eines Werkes ja schon eigentlich verabschiedet. Einfach nicht mein Ding, total überkonstruiert. Nun hatte ich ein aktuelles Werk geschenkt bekommen und dachte, na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. War im Endeffekt Quatsch.

Ich hätte schon von Beginn an skeptisch sein sollen. Fitzek setzt vorweg zwei Zitate und eine Anmerkungen über die Gewalt an Frauen durch ihre Partner. Ein wirklich gutes Anliegen, dieses Problem literarisch zu verarbeiten. Doch dass Fitzek ein Zitat der BILD-Zeitung entnommen hat, macht dann doch skeptisch, ob er wirklich tief zu dem Thema recherchiert hat. Und der weitere Verlauf des Romans lässt die Skepsis dann relativ schnell in Gewissheit umschlagen. Eine Inhaltsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle, der Plot ist einfach völlig abstrus und albern. Dabei hätte ein Autor mit einer derartigen Auflage tatsächlich auch mal eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Thema „häusliche Gewalt“ bieten können. Aber darauf kommt es Fitzek nicht an, das Buch ist blosse Effekthascherei und Individualisierung des Bösen. Hätte ich mir aber auch fast vorher denken können. So war es vertane Lesezeit.

Der Heimweg | Erschienen am 21.10.2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28155-0
424 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1 von 5;
Genre: Psychothriller

 

Daniel Wehnhardt | Zorn der Lämmer

1942 haben die Nazis auch im litauischen Wilna ihr Schreckensregime etabliert. Ein jüdisches Getto ist eingerichtet, erste Deportationen finden statt. Doch ein Teil der Juden ist nicht länger bereit, sich in der Opferrolle einzurichten. Der charismatische Abba Kovner gründet unter anderem mit seinen Freunden Vitka, Ruzka und Leipke eine Partisanengruppe. Sie ziehen in die Wälder, kooperieren mit anderen Partisanen und der roten Armee. Im Sommer 1944 gehören sie zu den Befreiern Wilnas. Doch damit sehen Abba und seine Freunde ihre Aufgabe nicht als erledigt an: Auge und Auge, Zahn um Zahn. Sie wollen weiter die Nazis, ja alle Deutschen zur Rechenschaft ziehen und sind bereit, sehr weit dafür zu gehen.

Zunächst mal bin ich sehr dankbar für diese Geschichtsstunde, denn die Details von Organisationen wie der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der jüdischen Brigade und der Nakam war mir so noch nicht richtig bekannt. Mir war auch nicht bekannt, dass die Nakam einen Giftanschlag mit vergiftetem Brot auf ein Gefangenenlager mit SS-Angehörigen in Nürnberg nach Kriegsende verübt hatte (bei dem wohl niemand ums Leben kam). Für die Darstellung der historischen Fakten gebührt dem Autor auf jeden Fall Respekt. Der Roman selbst leidet für meinen Geschmack ein klein wenig an der Faktentreue, denn es wird viel nebenbei erläutert und an einigen Stellen kappt der Autor die Story an spannenden Stellen, um den weiteren Fortgang dann später in knappen Rückblenden zu erklären. Auch die Figuren kreisen fast fortwährend um Rache und Vergeltung und hätten noch mehr Tiefe vertragen können. Dennoch ein interessanter Blick in einen nicht so bekannten Abschnitt der Geschichte der Juden und des Holocaust.

Zorn der Lämmer | Erschienen am 07.04.2021 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-6817-0
352 Seiten | 14,- € (E-Book 10,99 €)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Historischer Thriller

Fotos und Rezensionen 1-4 von Gunnar Wolters.

 

Stephen King | Später ♬

Auf ungewohnt wenigen Seiten oder als Hörbuch in ca. 7 ½ Stunden erzählt Stephen King von einem kleinen Jungen mit einer besonderen Gabe. Jamie Conklin kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Zumindest für eine kurze Zeit nach deren Ableben, bis sie verblassen. Und die Verstorbenen müssen immer die Wahrheit sagen. Ich dachte sofort an „The Sixth Sense“, aber mit dem Psychothriller hat „Später“ nur die Grundidee gemeinsam. Der Neunjährige lebt mal nicht Kingtypisch in einer ländlichen Kleinstadt sondern in New York City bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia, einer Literaturagentin und die beiden verbindet ein inniges Verhältnis. Sie ist auch die einzige, die von seinen übernatürlichen Fähigkeiten weiß und dieses Geheimnis gut hütet. Durch die Finanzkrise gerät Tia in eine wirtschaftliche Notlage und dann verstirbt auch noch ihr profitabelster Klient überraschend vor Vollendung seiner heiß erwarteten Bestseller-Reihe. Tia beschließt, sich Jamies Begabung zu Nutze zu machen. Das ist aber nur der Aufhänger, denn als später Tias Lebensgefährtin Liz, eine Polizistin Jamies Gabe mehrfach für ihre Karriere missbraucht, bringt sie ihn in tödliche Gefahr.

Jamie schildert aus der Ich-Perspektive rückblickend die Geschehnisse. So erleben wir aus den Augen eines Kindes die Geschichte und fiebern mit ihm mit, erleben seine Ängste und Sorgen, begleiten ihn beim Erwachsenwerden. Das funktioniert bei King immer wieder und der sympathische Junge ist aufgrund seiner saloppen Jugendsprache und seinem Auftreten absolut authentisch.

Ich mag grade den von anderen manchmal kritisierten, ausschweifenden Stil von King, der seinen Romanen oft Intensität und Tiefe gibt. Deshalb hätte das Werk von mir aus gerne noch mehr Umfang haben können, machte auf mich aufgrund des episodenhaften Erzählstils fast den Eindruck einer etwas längeren Kurzgeschichte, die der Autor mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hat. Andererseits fehlt nichts, nicht mal die eine oder andere Anspielung auf andere Werke. King weiß auch hier auf seine unnachahmliche Art zu fesseln und der solide Mix aus Horrorstory, Crime und Coming-of-Age-Geschichte ist unterhaltsam, wenn auch nicht von atemberaubender und nervenzerfetzender Spannung. Vermutlich ist für mich das von David Nathan mal wieder hervorragend interpretierte Hörbuch die bessere Wahl als das Printexemplar. Nathan kann einfach perfekt die Stimmung, die Emotionalität und den subtilen Horror, der hier bei den grausigen Beschreibungen der gewaltsam zu Tode gekommenen entsteht, transportieren.
Ich könnte mir auch eine Fortsetzung vorstellen, eventuell spielt der Titel ja darauf an.

Später | Erschienen am 15.03.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-5537-2
1 MP3-CD | 22,- Euro
Originaltitel: Later (ungekürzte Lesung von David Nathan der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezension 5 von Andy Ruhr.

 

Ian McGuire | Der Abstinent

Ian McGuire | Der Abstinent

Einen langen Augenblick stehen die drei Männer Seite an Seite unter dem schweren Eichenbalken wie grob gehauene Karyatiden, getrennt und doch vereint, dann, erschreckend plötzlich, sind sie weg. Anstelle ihrer lebendigen Leiber bleiben nur drei stramme Stricke, wie lange, lotrechte Kratzer auf der Gefängnismauer. (Auszug Seite 16/17)

Ian McGuires neuer Roman führt in den Norden Englands zur Zeit der industriellen Revolution Mitte des 19. Jahrhunderts. In Manchester liefern sich Anhänger einer irischen Unabhängigkeitsbewegung einen unerbittlichen Kampf mit der örtlichen Polizei.
Schon die ersten Seiten ziehen den Leser mitten in eine gewaltvolle Szenerie, in der drei Iren öffentlich hingerichtet werden. Die drei sind Mitglieder der irischen Unabhängigkeitsbewegung „Fenians“ und sollen bei einem Überfall auf einen Gefangenentransport einen Polizisten erschossen haben.

Die Rebellen werden von den Fenians zu Märtyrern erklärt. Man nimmt Kontakt zu einem Kriegsveteranen amerikanischer Abstammung namens Stephen Doyle auf. Der Söldner aus dem US-Bürgerkrieg, bekannt für seine Skrupellosigkeit kommt mit dem Schiff aus New York und soll den irischen Widerstand in Manchester organisieren. Genau vor diesem Rachefeldzug hatte der besonnene Constable James O’Connor, erst vor kurzem aus Dublin nach Manchester strafversetzt, gewarnt. Der titelgebende Abstinent hatte nach dem frühen Tod seiner Frau und seines Kindes den Halt verloren und seine Trauer im Whiskey ertränkt. Inzwischen trocken versucht er hier in der englischen Großstadt einen Neuanfang. Im Polizeirevier gilt er allerdings als Außenseiter und hat als Ire einen schweren Stand. Er sitzt zwischen allen Stühlen, wird von den englischen Kollegen sowie von den Unabhängigkeitskämpfern misstrauisch beäugt.

Sogar Fazackerly, bei Weitem noch der angenehmste, behandelt ihn meist nur als lustiges Kuriosum, als sonderbare Abnormität, wie einen durchreisenden Apachen oder einen Tanzbären. (Auszug Seite 8)

Ian McGuire knüpft an eine historisch überlieferte Begebenheit vom 23. November 1867 an und spinnt seine Geschichte um den erbitternden Kampf zweier Männer. Dabei wirken die historischen Hintergründe des Romans sehr gut recherchiert und verleihen dem Buch einen besonderen Rahmen.

Genau wie in seinem für den Man-Booker-Prize nominierten Roman „Nordwasser“ bedient sich McGuire einer bildreichen, atmosphärisch dichten fast poetischen Sprache, um das ärmliche Milieu und die ungeschönten Umstände zu schildern, die mich sofort in die Geschichte hineinzog. Die große Stärke des Autors sind seine realistischen Beschreibungen der perspektivlosen Lebenssituationen der arbeitenden Bevölkerung. Dabei ist er immer gut, wenn es um die Beleuchtung des Alltäglichen geht, ständig wird gegessen, getrunken und geschlafen. Er guckt hinter die Kulissen und offenbart die düsteren Ecken einer Industriestadt im 19. Jahrhundert. Man kann den Dreck im Pub, in den Häusern, im Gefängnis, beim Hundekampf oder später auf einer Farm in den USA praktisch spüren und riechen. Obwohl die Menschen hart arbeiten, reicht es hinten und vorne nicht und viele leiden unter Hunger. Durch die zahlreichen Iren, die mit der Hoffnung auf ein besseres Leben nach England gekommen sind, wird der Konflikt zwischen den Nationalitäten befeuert und es brodelt gewaltig.

Die Figuren sind weit davon entfernt, perfekt zu sein. Besonders O’Connor agiert das ein oder andere Mal sehr ungeschickt und macht Fehler, die sogar zum Tod einiger Menschen führen. Über die Tatsache, dass er seine Informanten namentlich in ein Notizbuch schreibt, was der gnadenlose Auftragskiller dankend annimmt, konnte ich nur den Kopf schütteln. Dass er dann auch noch rückfällig wird und seine Pflichten vernachlässigt, konnte man erahnen. Das lässt ihn zwar sehr menschlich erscheinen, aber der Autor gönnt dem Leser wirklich keinen Lichtblick. Auch kommen der Geschichte einige Zufälle zur Hilfe. O’Connors Neffe kommt aus New York und ist auf dem Schiff ausgerechnet Doyle am Spieltisch begegnet. Den unerfahrenen aber übermotivierten Jungen jetzt als Spitzel einzusetzen ist wirklich nicht besonders klug und er bringt sich und andere in Lebensgefahr. Der Constable dagegen scheint wie ein Getriebener, der seine Pflicht tun möchte und nicht aus seiner Haut kann. Ohne Unterstützung kämpft er wie gegen Windmühlen. Den tiefen Fall von O’Connor mitansehen zu müssen, ist wirklich sehr deprimierend.

In vielen deftigen Dialogen blitzt das Talent des britischen Autors auf. Der promovierte Literaturwissenschaftler hat mit „Der Abstinent“ einen aus meiner Sicht packenden und bewegenden Roman um Rache und Vergeltung vor der Kulisse des irischen Unabhängigkeitskampfes geschrieben. Der äußerst überraschende Showdown ist bitter und nur schwer zu ertragen, aber in seiner Unvermeidlichkeit passend zum Rest des Romans.

Funfact: „Nordwasser“ wird gerade von der BBC in Form einer Serie mit Colin Farrell in der Hauptrolle verfilmt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Abstinent | Erschienen am 23. April 2021 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-28272-7
336 Seiten | 23,00 Euro
Originaltitel : The Abstainer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Ian McGuires Roman „Nordwasser“

Graham Greene | Der dritte Mann

Graham Greene | Der dritte Mann

Das Vorwort des Buches beginnt mit folgenden Worten:

Der dritte Mann wurde nicht geschrieben, um gelesen, sondern um gesehen zu werden. (Auszug S.9)

Mit dieser Bürde beginnt die Lektüre eines Werkes, dessen Verfilmung sicherlich zu den bekanntesten Thrillern oder Film noir zählt. Greene führt sogar noch im Vorwort weiter aus, dass der Film „sogar besser als die Erzählung“ sei, eine Art Endfassung. Und letztlich mag man ihm am Ende kaum widersprechen, auch wenn man versucht hatte, diese Worte im Vorwort erst einmal beiseite zu schieben.

Doch zunächst zur Handlung. Ins zerstörte Wien nach dem zweite Weltkrieg kommt der britische Autor von Western-Groschenromanen Rollo Martins, eingeladen von seinem alten Freund Harry Lime, mit Aussicht auf einen Job. Doch als Martins eintrifft, wird ihm berichtet, dass Harry bei einem Autounfall ums Leben gekommen sei. Bei der Beerdigung kommt Martins in Kontakt zum britischen Major Calloway. Dessen Enthüllung, dass Harry ein krimineller Schieber gewesen sei, ruft bei Martins Empörung hervor. Er weigert sich, Wien direkt wieder zu verlassen und unternimmt eigene Ermittlungen.

Diese bringen einige Merkwürdigkeiten zum Vorschein. Harry wurde offenbar direkt vor seinem Haus in Begleitung zweier Bekannter überfahren, sein Hausarzt kam kurze Zeit später hinzu und stellte Harrys Tod fest. Als Martins bei Harrys Bekanntem Kurtz die Ereignisse erfährt, legt auch Kurtz ihm nahe, die Sache auf sich beruhen zu lassen. Auch der Arzt Dr. Winkler bestätigt Kurtz‘ Aussage.

Wie ich es sehe, wenn ich meine Akten, die Gesprächsnotizen, die Aussagen diverser Leute durchgehe, wäre es Rollo Martins in diesem Zeitpunkt immer noch möglich gewesen, Wien wohlbehalten zu verlassen. Er hatte eine ungesunde Neugier an den Tag gelegt, aber der Krankheit war zu jedem Zeitpunkt Einhalt geboten worden. Niemand hatte irgendetwas preisgegeben. Die glatte Wand der Täuschung hatte seinen rastlosen Fingern bisher keinen echten Riss offenbart. Als Rollo Martins das Haus von Dr. Winkler verließ, schwebte er nicht in Gefahr. (Auszug S.72)

Doch Martins ist nicht zufrieden und erfährt kurze Zeit später von einem Nachbarn von Harry, dass der Überfahrene nicht von zwei Männern von der Straße getragen wurde, sondern dass es noch einen dritten Mann gab. Harry versucht vergeblich, den Mann zu einer Aussage bei der Polizei zu bewegen. Als er ihn später am Abend nochmal treffen will, wurde der Mann ermordet aufgefunden. Somit wird Martins endgültig in die Geschichte um kriminelle Schmugglerbanden und die Machtverhältnisse zwischen den Besatzungsmächten hineingezogen. Verstärkt wird dies noch, als Martins sich in Harrys Freundin Anna Schmidt verliebt, die mit falschen Papieren in Wien lebt und ständig in Angst lebt, von den Sowjets festgenommen zu werden. Martins geht letztlich weiter der entscheidenden Frage nach: Wer ist der dritte Mann?

Erzähler der Geschichte ist Major Calloway, der die Geschichte aus den Gesprächen mit Martins und anderen Dokumenten für den Leser rekonstruiert. Calloway verfolgt aber natürlich auch eigene Interessen, wie sich besonders zum Ende des Romans herausstellt. Die Erzähltechnik macht den Roman für meinen Geschmack etwas sperrig, nicht so leicht zugänglich. Der Sog, der sich bei den Bildern der Verfilmung einstellt, ist beim Lesen nicht da, nur selten kommt wirklich eine Art von Spannung auf.

Er ging rasch weg. Er machte sich nicht die Mühe, festzustellen, ob er verfolgt wurde, oder das mit dem Schatten nachzuprüfen. Doch als er die Mündung einer Straße passierte, schaute er zufällig zur Seite, und genau um die Ecke, gegen eine Wand gedrückt, um nicht bemerkt zu werden, stand eine dicke, kräftige Gestalt. […] Zwanzig Meter entfernt stand Martins da und starrte die stumme, reglos auf der dunklen Straße stehende Gestalt an, die zurückstarrte. Ein Polizeispitzel vielleicht oder ein Handlanger jener anderen Männer, der Männer, die Harry zuerst korrumpiert und dann umgebracht hatten – womöglich sogar der dritte Mann? (Auszug S.135)

Solche intensiven Szenen finden sich auch ein paar im Roman, allerdings noch mehr im Film, der bis heute ein fast schon ikonisches Werk ist. Regisseur Carol Reed fragte bei Graham Green nach dem bereits gemeinsam gedrehten „Kleines Herz in Not“ nach einem Drehbuch an und Greene verfasste die Erzählung „Der dritte Mann“, die dann in der Filmproduktion noch an einigen Stellen leicht verändert wurde. Was den Film aber bis heute so herausragen lässt, sind beispielsweise der Drehort im immer noch zerstörten Wien 1948, die extravagante Kameraführung von Robert Krasker, die Schatteneffekte, die schauspielerischen Leistungen insbesondere von Orson Welles, der insgesamt nur wenig zu sehen ist, dann aber mit seiner Präsenz dominiert, bis hin zum markanten „Harry Lime Theme“ auf der Zither von Anton Karas.

Dagegen kann das Buch nicht ganz ankommen, gleichwohl ich das Glück hatte, die illustrierte Ausgabe der Büchergilde Gutenberg zu lesen. Die in Sepiatönen gehaltenen Illustrationen von Annika Siems geben ein wenig das Flair des Verfilmung wieder. Generell ist es nie ratsam, zuerst den Film zu sehen und damit die komplette Handlung des Romans vorwegzunehmen. Doch auch wenn der Film den Roman etwas überstrahlt, bleibt „Der dritte Mann“ eine interessante Geschichte über Freundschaft und Liebe im Konflikt mit der menschlichen Gier.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der dritte Mann | Erstmals erschienen 1950
Die gelesene Ausgabe erschien 2017 als Lizenzausgabe für die Edition Büchergilde
ISBN 978-3-86406-076-2
206 Seiten | 25,- €
Originaltitel: The Third Man (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben

S.A. Cosby | Blacktop Wasteland

S.A. Cosby | Blacktop Wasteland

Beauregard umklammerte das Lenkrad, als wäre es ein Rettungsring. Er konnte die Vibrationen des Motors durch das Steuer bis zu den Schultern spüren. Sein Herz aber trommelte nicht. Er vermutete, das es nicht mehr als siebzig Mal pro Minute schlug. Dies war sein Platz. Er war in seinem Element. (Auszug S.134)

Beauregard „Bug“ Montage ist vermutlich der beste Fluchtwagenfahrer südlich der Mason-Dixon-Linie. Allerdings hat sich Bug seit längerem zur Ruhe gesetzt und versucht nun, sein Leben als treusorgender Familienvater und Inhaber einer eigenen Autoreparaturwerkstatt zu bestreiten. Doch spätestens seitdem ein Konkurrent mit Dumpungpreisen die Kunden aus Bugs Werkstatt abzieht, mehren sich die Geldprobleme und Bug gute Vorsätze gehen langsam, aber sicher zum Teufel.

Der Roman beginnt mit einem illegalen Autorennen, an dem Bug mit seinem Cousin Kelvin teilnimmt, um wenigstens die wichtigsten Rechnungen bezahlen zu können. Doch obwohl Bug gewinnt, werden sie von Betrügern abgezogen. Bug kann sich zwar einen Teil des Geldes wiederholen, doch der Abend war letztlich ein Fiasko, hat die erhoffte Trendwende nicht gebracht. Da meldet sich mit Ronnie ein Bekannter von Bug und will ihn bei einem todsicheren Überfall auf einen Juwelier dabei haben. Bug zögert. Zum einen, weil Ronnie und sein Kumpel Quan nicht den Eindruck erwecken, die Sache so glatt durchziehen zu können. Zum anderen aufgrund seines schlechten Gewissens gegenüber seiner Frau Kia und den beiden Söhnen. Doch er braucht das Geld und macht mit. Natürlich geht die Sache alles andere als glatt. Es gibt einen Toten bei Überfall. Und die Diamanten im Safe stammten aus illegalen Geschäften, sodass die Cops nun ihr geringstes Problem sind.

Wenn du fährst, als hättest du Angst, wirst du verlieren. Wenn du fährst, als würdet du befürchten, anschließend die ganze Maschine erneuern zu müssen, wirst du verlieren. Du musst fahren, als würde nichts anderes zählen, als so schnell wie möglich diese Linie zu erreichen. Du musst fahren, als wäre der Teufel hinter dir her. (Auszug S.13)

Die Worte seines Vater klingen Bug immer noch oft im Ohr. Generell handelt der Roman von nicht überwundener Vergangenheit. Schon Bugs Vater war eine Legende im Fluchtwagen, schon er hat seine Familie für manch riskanten Job vernachlässigt. Als es eines Tages zum Äußersten kam, war Bug dabei. Der Vater verschwand daraufhin spurlos, Bus selbst musste ins Jugendgefängnis. Diese Geschichte wird in Rückblenden erzählt. Bug hat dies niemals verdaut oder gar damit abgeschlossen. Er eifert seinem Vateridol immer noch hinterher, im Wissen, dass er seine Familie damit genauso zerstören könnte wie sein Vater damals.

Immer wenn Bug „on the road“ ist, spielt der Roman seine Stärken aus: Tempo, Spannung, Adrenalin. Spektakuläre Verfolgungsjagden funktionieren nicht nur auf der Leinwand. Zudem passt auch das Setting des ländlichen Virginias zwischen tiefen Wäldern, Trailerparks, Schrottplätzen und Hinterwäldlerkaffs. Ein kleiner Wermutstropfen für mich war, dass die anderen Momente, insbesondere die familiären diese Intensität immer wieder brechen. Dieses klassische Motiv des vom Leben nicht gerade begünstigten Underdogs, hin und hergerissen zwischen Bad Boy und Familienglück, wird für meinen Geschmack etwas zu sehr ausgereizt.

Was ich bisher noch gar nicht erwähnt hatte: Bug ist schwarz. Ich finde aber, dass das gar nicht so vordergründig von S.A. Cosby ausgespielt wurde. Natürlich kommt der Alltagsrassismus zur Sprache, kommt es hier und da zum Clinch mit Rednecks (Sehr amüsant, als ein Typ Bug nicht in einen Sexclub lassen will, mit den Worten: „Können wir nicht wenigstens einen Ort haben, an dem ihr nicht eure Visage reinsteckt? Verdammt, ihr habt doch schon das Weiße Haus.“ Auszug S. 285) Aber letztlich hätte Bug auch mit wenigen Strichen „White Trash“ sein können – der Plot hätte trotzdem funktioniert. Da bringt beispielsweise die Autorenkollegin Attica Locke mit ihren Kriminalromanen einen viel tieferen afroamerikanischen Blick ein.

Dennoch ist „Blacktop Wasteland“ keine Enttäuschung, eher im Gegenteil. Der Krimiplot ist straff und zeitweise in High Speed erzählt. Da gibt es nichts zu meckern. Aber ein paar Abzüge in der B-Note muss ich machen, da Cosby zu offensiv auf ein Ende zusteuert, das dem gepflegten Noir-Leser etwas widerstrebt. Nichtsdestotrotz eine gut unterhaltende, stellenweise packende Lektüre.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Blacktop Wasteland | Erschienen am 26.03.2021 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0220-3
320 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Blacktop Wasteland (Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ian Rankin | Black And Blue (Band 8)

Ian Rankin | Black And Blue (Band 8)

Die schottische Kriminalliteratur ist vielfältig und vielstimmig – und doch ragt aktuell ein Autor bzw. ein Ermittler noch ein wenig heraus: Ian Rankins John Rebus. Als meine Schwiegereltern vor einigen Jahren zu einer Schottland-Rundreise aufbrachen und fragten, was sie uns als Souvernirs mitbringen könnten, meinte ich relativ schnell: „Black and Blue“ von Ian Rankin. Nun lag es danach noch einige Zeit bei mir herum und als ich es für dieses Schottland-Spezial nun in die Hand nahm, musste ich doch feststellen, dass mir das Lesen im englischen Original nicht mehr so leicht fällt. Besonders die feine Ironie und weitere Andeutungen im Text zu erfassen, ist mir früher besser gelungen. Nichtsdestotrotz ist mir relativ schnell aufgefallen, hier ein exquisites Stück Kriminalliteratur in der Hand zu halten.

Kurz zurück zum Autor und zur Figur. Inzwischen zu 23 Bänden (und einigen Kurzgeschichten) angewachsen ist die Reihe längst fester Bestandteil des literarischen Kanons in der Kriminalliteratur, aber auch in der schottischen/britischen Popkultur allgemein. Autor Ian Rankin schuf den allerersten Rebus-Roman „Knots and Crosses“ bereits 1987, es dauerte aber noch einige weitere Bücher bis zum endgültigen Durchbruch. Dabei war die Figur John Rebus und die Schilderung eines düsteren, von Korruption und organisiertem Verbrechen durchsetzten Edinburgh von Beginn an sehr vielversprechend. Rankin schreibt die Romane mit Rebus als Erzähler in der 3.Person, ab und an durchsetzt mit einer weiteren Perspektive. Die Bücher sind klassische „Police procedurals“ mit klarem Fokus auf der Arbeit des Ermittlers. Die Romane haben zudem einen kontinuierlichen Verlauf, haben Verbindungen untereinander (meist frühere Fälle), die Figuren entwickeln sich weiter. John Rebus ist Detective Inspector in Edinburgh, wo er zumeist in Mordfällen ermittelt. Rebus ist geschieden und hat eine Tochter. Als Polizist ist er verbissen und kompromisslos, er dehnt die Regeln und legt sich auch mit Kollegen ode Vorgesetzten an. Dies bringt ihn mehr als einmal in gehörige Schwierigkeiten. Des Weiteren spielt sowohl Musik (Rebus hört gerne Jazz und klassischen Rock), aber auch der Alkohol eine Rolle in Rebus Leben. Seine Fälle nimmt er nur allzu oft mit nach Hause und er ertränkt seine schlechten Gedanken in Alkohol. Sein Lieblingspub ist die real existierende „The Oxford Bar“ in New Town, Edinburgh.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Der achte Band „Black and Blue“ (in der deutschen Übersetzung: „Das Souvenir des Mörders“) gilt vielen als das Highlight der Reihe. Der Titel bezieht sich auf ein Album der Rolling Stones, das Rebus zu Beginn des Romans hört. „Black and Blue“ gewann 1997 den wichtigsten britischen Krimipreis, den „Gold Dagger“, und war auch auf der Short List des amerikanischen „Edgar“. Dies war letztlich der letzte Schritt von Rankin in die Riege der auflagenstärksten Krimiautoren.

Rebus hadn`t worked the case, but knew men who had; they carried with them the frustration of a job left undone, and would carry it to the grave. The way a lot of them saw it, when you worked a murder investigation, your client was the deceased, mute and cold, but still screaming out for justice. (Auszug S.51).

Der Roman beginnt mit einem Verhör. Rebus verhört einen Mann, der sich als der gesuchte Serienmörder Johnny Bible ausgibt. Allerdings ist der Mann ein Wichtigtuer und kein Mörder, was Rebus schnell entlarvt. Johnny Bible hat bereits drei junge Frauen in Aberdeen, Edinburgh und Glasgow ermordet. Eine der Frauen, eine Prostituierte aus Edinburgh, kannte Rebus sogar. Er hat also ein persönliches Interesse am Fall, allerdings spielt er nur am Rande mit, darf sich mit Falschaussagen herumschlagen. Was ihn am Fall zusätzlich fasziniert: Johnny Bible scheint eine enge Verbindung zu einem Serienmörder namens Bible John Ende 1960er/Anfang 1970er Jahre zu haben. Bible John hatte damals auch drei Frauen ermordet, tauchte dann unter und wurde nie gefasst. Was Rebus noch nicht weiß, der Leser allerdings schon: Die Verbindung zum neuen Serienmörder missfällt Bible John sehr, der befürchtet, dadurch erneut in den Fokus zu geraten. Daher beschließt er, selbst Maßnahmen zu ergreifen.

Eine echte Ermittlung für Rebus kommt aber kurz darauf: Ein Ölarbeiter namens Allan Mitchison ist von Unbekannten entführt und zur weiteren „Behandlung“ in ein heruntergekommenes mehrstöckiges Haus gebracht worden. Dort sprang der gefesselte Mitchison vor Panik aus dem Fenster und starb dabei. Die weiteren Spuren führen Rebus nach Aberdeen und auf die Ölfördertürme bei den Shetlands und überraschend gibt es auch eine Spur zu einer Glasgower Gangstergröße.

Dieser Gangster lebt von der lokalen Polizei aktuell relativ unbehelligt, was Rebus sofort dazu verleitet, einigen Glasgower Polizisten die Annahme von Schmiergeld zu unterstellen. Dumm nur, dass ausgerechnet einer dieser Polizisten, Chief Inspector Ancram, eine interne Ermittlung gegen Rebus leitet. Rebus hatte mit seinem früheren Chef Geddes einen Verdächtigen wegen Mordes verhaftet. Die Verhaftung und der Fund von Beweisen erfolgte unter merkwürdigen Umständen. Auch Rebus verdächtigte seinen Vorgesetzten, die Beweise untergeschoben zu haben, bestätigte aber dessen Version im offiziellen Verfahren. Nun ist der Verurteilte als Autor im Gefängnis zu Ruhm gekommen, hat Selbstmord begangen und mit seiner Hinterlassenschaft der Presse neues Material zugespielt, um die Polizei unter Druck zu setzen.

Jack forced a smile, lifted his glass, ‚John, tell me though, why do you drink?‘
‚It kills my dreams.‘
‚It`ll kill you in the end, too.‘
‚Something´s got to.‘
‚Know what someone said to me? They said you were the world´s longest surviving suicide victim.‘ (Auszug S.310)

Mehrere Stränge mit zwei Serienmördern, einer unangenehmen internen Ermittlung, dazu die Ölförderung als lukrativer Drogenumschlagplatz. Die Ermittlungen führen Rebus weit durchs Land: Edinburgh, Glasgow, Aberdeen, Shetlands. Einiges hatte sich Autor Ian Rankin für diesen achten Rebus-Roman vorgenommen und letztlich muss ich konstatieren, dass er diesen komplexen Plot beeindruckend beherrscht. Es geht um Drogen, Korruption, aber vor allem auch um Integrität und Loyalität. Rebus schont sich wie gewohnt nicht, geht hohe Risiken ein, setzt neben seinem Job auch sein Leben aufs Spiel, um diese Fälle zum Abschluss zu bringen. Rankin bringt Rebus wie gewohnt als unangepassten Einzelgänger in Szene, als einen Mann, der eines wegstecken muss, aber dennoch von seinem Gewissen und seiner Verbissenheit angetrieben wird. Aber Rebus ist nicht ganz der einsame Wolf, Rankin gibt ihm mehrere Figuren an seine Seite, deren Loyalität sich Rebus sicher sein kann

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

„Black and Blue“ ist inzwischen schon ein Klassiker des Genres. Rankin gelingt es hier beeindruckend, seine starke Ermittlerfigur in ein komplexes, aber dabei durchaus nicht realitätsfernes Setting zu integrieren. Korruption und ökonomische (Fehl-)Entwicklungen, hier bezieht sich Rankin direkt auf die damalige schottische Wirklichkeit. Hierzu kommt, dass er sich mit dem Fall des „Bible John“ auf einen wahren Kriminalfall bezieht, einen der bekanntesten, noch heute ungelösten schottischen Kriminalfälle. Das alles ergibt einen packenden, harten, spannenden und auch heute noch ungemein lesenswerten Kriminalroman.

 

Buchfoto und Rezension von Gunnar Wolters.

Black And Blue | Erstmals erschienen 1997 bei Orion Books
Gelesene Taschenbuchausgabe: ISBN 978-0-7528-8360-1
512 Seiten | £8,99
Aktuelle deutschsprachige Ausgabe im Goldmann Verlag (Übersetzung aus dem Englischen von Giovanni Bandini)
ISBN 978-3-442-48660-1
624 Seiten | 10,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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