Kategorie: Politthriller

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich bereits eine Doppelrezension mit zwei Romanen aus Mexiko gemacht: Fernando Melchor „Saison der Wirbelstürme“ und Antonio Ortuño „Die Verschwundenen“. Tenor damals wie heute: Mexiko als ein gescheiterter Staat, geprägt von Korruption und Kartellen und eine Atmosphäre der Gewalt bis in alle Gesellschaftsschichten. Das Thema interessiert mich weiterhin, so dass ich immer nach Romanen aus bzw. über Mexiko Ausschau halte. Zwei davon habe ich wieder zu einer Doppelrezension zusammengefasst. Zum einen ein viel diskutierter Roman. „American Dirt“, umstrittener Roman der US-amerikanischen Autorin Jeanine Cummins – vor allem auch umstritten, weil hier eine Außenstehende sich des Themas Gewalt in Mexiko annimmt. Zum einen ein Buch eines Insiders: Jorge Zepeda Pattersson, Journalist, politischer Analyst, hat seine Erfahrungen im Roman „Die Korrupten“ niedergeschrieben. Zeit für eine Doppelrezension.

Jeanine Cummins | American Dirt

Eine Geburtstagsfeier in Acapulco. Die Buchhändlerin Lydia, ihr Mann Sebastián und ihr achtjähriger Sohn Luca feiern quinceañera, den 15.Geburtstag ihrer Nichte, mit einer Grillparty im Kreise der ganzen Familie. Da betreten Sicarios das Grundstück und erschießen die ganze Familie. Nur Lydia und Luca konnten sich im Badezimmer des Hauses verstecken. Lydia weiß sofort, warum dieses Massaker geschehen ist: Ihr Mann, Zeitungsjournalist, ist dem Boss des neuen vorherrschenden Kartells Los Jardineros zu nahe gekommen. Und auch sie selbst verbindet etwas mit „La Lechuza“ – Die Eule.

Ihre Schatten bewegen sich wie ein klobiges Tier den Bürgersteig entlang. Unter dem Scheibenwischer ihres Autos, einem orangefarbenen VW Käfer, den man sofort überall wiedererkennt, steckt ein winziger Zettel, so klein, dass er niccht einmal in der heißen Brise flattert, die durch die Straße weht. […]
Sie […] zieht den Zettel unter dem Scheibenwischer hervor. Ein Wort, geschrieben mit grünen Textmarker: Buh! Der hastige Atemzug, den sie tut, fühlt sich an wie ein Stich durchs Innerste ihres Körpers. Sie schaut zu Luca hinüber, zerknüllt den Zettel in ihrer Faust und stopft ihn in ihre Tasche.
Sie müssen verschwinden. Sie müssen fort aus Acapulco, so weit fort, dass Javier Crespo Fuentes sie niemals finden kann. Sie können nicht mit diesem Auto fahren. (S.28-29)

Lydia entscheidet sich schnell zur Flucht nach „el norte“, in die Vereinigten Staaten. Doch sie weiß, dass sie nun eine der meist gesuchten Frauen in Mexiko ist – und die Kartelle sind erheblich effizienter als die Polizei. Mit ihren offiziellen Papieren kann sie sich nicht mehr fortbewegen. Lydia sieht keinen Ausweg, als sich mit Luca in den stetigen Strom der Illegalen einzureihen. Und diese haben ein bevorzugtes Fortbewegungsmittel: „La bestia“, die Güterzüge Richtung Norden. Für Lydia und Luca beginnt eine atemlose Flucht.
„American Dirt“ war vor einem Jahr einer der meist diskutierten Romane in den USA. Das lag aber nur am Anfang am Inhalt des Buches. Diese Fluchtstory und Geschichte einer bedingungslosen Mutterliebe ist handwerklich gut gemacht. Die Flucht von Lydia und Luca ist immer wieder durchsetzt von Spannungshöhepunkten, in Rückblicken wird die Hintergrundgeschichte erläutert. Als Thriller funktioniert der Roman wirklich gut – ob er die Gegebenheiten realistisch wiedergibt, wird von einigen angezweifelt. In der Tat beherbergt der Roman schon ein paar typische Stereotypen und Cummins schwelgt bei „Übermutter“ Lydia schon etwas im Pathos, aber dennoch war es ein guter, unterhaltender und spannender Thriller.

Die Diskussionen rund um das Buch lassen aber schon etwas aufhorchen, denn die Autorin hat sich dabei auch aus meiner Sicht nicht unbedingt klug verhalten. Etwas merkwürdig fand ich nämlich das Nachwort, in dem Cummins zwar eindeutig Empathie für die Situation der Menschen in Mexiko erkennen lässt. Sie stellt sich außerdem die Frage, ob sie als Außenstehende solch ein Buch schreiben dürfe, bejaht sie letztlich, meint aber: „Ich wünschte mir, dass es jemand schreiben würde, der etwas brauer ist als ich“. So schwingt an dieser und an anderen Stellen durchaus eine gewisse Überheblichkeit in ihrem Nachwort mit, die mir auch etwas aufstößt. Die Debatte entzündete sich dann auch an der Frage der „kulturellen Aneignung“, wobei dieses Buch und seine Autorin dabei auch aufgrund des Marketings so stark in den Mittelpunkt geriet.

Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Eine ganz andere Art von Roman, wenngleich auch mit dem Unterthema Journalismus in Mexiko hat der Autor Jorge Zepeda Pattersson geschrieben. „Die Korrupten“ erzählt die Geschichte der „Blauen“: Eine verschworene Jugendclique, drei Jungs und ein Mädchen (die Anführerin), aus gutbürgerlichem bis wohlhabenden Hause, die dreißig Jahre später immer noch Kontakt hält. Tomás ist inzwischen Journalist und Kolumnist einer großen Tageszeitung, Jaime ehemaliger Geheimdienstchef und aktuell Sicherheitsberater, Mario Hochschuldozent und Amelia Vorsitzende der linken Oppositionspartei.

Tomás journalistische Karriere befindet sich ein wenig auf dem absteigenden Ast, seine regelmäßige Kolumne hat an früherem Biss verloren. Da erhält er von einem Informanten einen Hinweis zum Mord an der bekannten Schauspielerin Pamela Dosantos. In seiner Kolumne bringt er den gefürchteten mexikanischen Innenminister Salazar vage in Verbindung mit dem Mord, löst damit einen politischen Skandal aus und gerät buchstäblich in die Schußlinie. Eine Entführung von Tomás misslingt nur knapp. Verschiedene politische, aber auch kriminelle Kräfte (wobei dies in Mexiko üblicherweise schwierig auseinanderzuhalten ist) wollen weitere Enthüllungen zum Mordfall Pamela verhindern. Doch die „Blauen“ halten zusammen, schmieden Pläne und blasen zum Gegenangriff, wobei ihnen zugutekommt, dass Pamela über ihre Liebschaften mit Prominenten und Politikern brisantes Material zusammengetragen hat. Die „Blauen“ sind durchaus auch mit allen Wassern gewaschen und sie beginnen zu ahnen, dass es zu einem politischen Beben kommen kann, zu Ungunsten der wieder aufkommenden autokratischen Kräfte Mexikos. Doch die Recherchen bleiben lebensgefährlich.

„Moment mal! Was ist, wenn Salazar gar nichts mit ihrem Tod zu tun hat? Wir können ihn doch nicht einfach lynchen?“, wandte Mario ein.
Die drei blickten ihn verwundert an. Jaime brach als Erster in Gelächter aus, Amelia umarmte Mario liebevoll.
„Mein Lieber, es geht hier doch gar nicht um Salazars Schuld oder Unschuld“, versicherte sie. „Es geht um die unmittelbare Zukunft des Landes.“ (E-Book, Pos.1643)

Kennt noch jemand „Borgen“, diese Fernsehserie um den intriganten Politbetrieb im Staate Dänemark? Eine wirklich starke Serie, was Dialoge, Story und Figurendarstellung betrifft und ein Musterbeispiel, wie man öde Politik spannend auch einem größeren Publikum nahebringen kann. Während der Lektüre von „Die Korrupten“ drängte sich mir irgendwann der Vergleich zu „Borgen“ förmlich auf, wenngleich die Dänen sich doch deutlich mehr in den Parlamentsfluren aufhalten. Dennoch hat Autor und Journalist Jorge Zepeda Pattersson einen Thriller über Korruption, Politik und politischen Journalismus geschrieben, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. Viele Szenen- und Perspektivwechsel, ein konstanter Spannungsbogen mit einzelnen Höhepunkten, überzeugenden Dialogen und einer Vielzahl von interessanten Figuren, die auch zumeist vielschichtig betrachtet werden und nicht nur eindimensional rüberkommen. Im Vergleich zu „Borgen“ wird das Ganze aber natürlich um einiges mexikanischer serviert: Mehr Blei, mehr Blut, mehr Sex, mehr Theatralik. Aber genau wie in Dänemark Brigitte Nyborg sind inmitten des politischen Maschismo die Frauen die entscheidenden Personen der Geschichte: In diesem Fall die clevere und schöne Amelia und die tote, aber zu Lebzeiten arg unterschätzte Pamela.

„Die Korrupten“ war Zepeda Patterssons Debütroman, erschien im Original bereits 2013 und ist der Auftakt einer Trilogie um „Die Blauen“. Auf Deutsch sind bislang zwei Titel im schweizer Elster Verlag erschienen. Der Autor gibt in einem Interview mit dem „Spiegel“ einen Einblick in seine Motivation. Er stellt fest, „dass journalistische Texte nicht das ganze Bild der Korruption in Mexiko wiedergeben können“, da viele Betroffene aus Angst um ihr Leben nicht aussagen. „Fiktion lässt sich leichter verdauen als der Bericht eines Journalisten. Die Leute mögen es nicht, ihren Namen in einem Text zu lesen.“ Und er erläutert eine bekannte Redewendung in der mexikanischen Politik: „Ein armer Politiker ist ein armseliger Politiker.“ Insgesamt bietet „Die Korrupten“ einen sehr anregenden Einblick in die politischen Gegebenheiten Mexikos und ist dabei sehr leichtgängig geschrieben. Für diesen Roman gebe ich eine ausdrückliche Leseempfehlung.

 

Rezension und Foto von Gunnar.

American Dirt | Erschienen am 21.04.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-499-27682-8
560 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Die Korrupten | Im Original erschienen 2013,
die deutsche Ausgabe erschien am 17.02.2020 im Elster Verlag
ISBN: 978-3-906-90315-6
520 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN: 978-3-906-90315-6 | 14,99 €
Originaltitel: Los corruptores
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Politthriller
Wertung: 4.5 von 5.0

Eric Ambler | Der Levantiner

Eric Ambler | Der Levantiner

Inzwischen machte er mir Angst. Ich gebe das zu. Er würde mir immer Angst machen. Ich wußte schon, daß die einzige Möglichkeit, mit ihm fertig werden, für mich darin bestand, ihn umzubringen. Ich rechnete jedoch nicht damit, jemals die Chance zu bekommen, das zu tun; und für ebenso ausgeschlossen hielt ich es, daß der Geschäftsmann Howell ernsthaft erwägen könnte, eine solche Chance, gesetzt, sie böte sich ihm, auch zu nutzen. Ich bin nun einmal kein Freund von Gewalttätigkeiten. (Auszug Seite 151)

Michael Howell ist ein umtriebiger Geschäftsmann und Reeder mit mehreren Geschäftsfeldern an der Levanteküste. Unter anderem besitzt er auch Fabriken in Syrien. Doch die Ereignisse im Nahostkonflikt machen die Geschäfte komplizierter, das syrische Regime beschränkt privatwirtschaftliche Aktivitäten und friert Gelder von Howell ein. Mit einem Deal mit einem hohen Beamten glaubt Howell, seine Geschäfte halbwegs retten zu können, doch dafür muss er sich auch planwirtschaftlich betätigen. Einer dieser Planfirmen ist eine unrentable Batteriefabrik, die Howell widerwillig betreibt. Als er feststellt, dass ein leitender Mitarbeiter merkwürdige Materiallieferungen bestellt, begibt er sich eines Abends mit seiner Assistentin und Geliebten Teresa Malandra in die Fabrik, um dem nachzugehen. Dort sieht er sich plötzlich einer palästinensischen Untergrundgruppe gegenüber.

Chef des Palästinensischen Aktionskommandos ist Salah Ghaled. Seine Gruppe ist innerhalb der Palästinenser in Ungnade gefallen, daher drängt er auf einen spektakulären Coup, einen groß angelegten Terrorangriff auf Israel. Dafür benötigt er Howells Fabrik und möglicherweise auch noch dessen ingenieurtechnisches Knowhow. Daher bedroht Ghaled Howell und zwingt ihn, ein falsches Geständnis zu unterschreiben. Howell hat keine andere Wahl, als mitzumachen, weiß er doch, dass Ghaled im Hintergrund doch noch Gönner im syrischen Regime haben muss. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ghaled und Howell, der nach Auswegen sucht, um den Terrorangriff zum Scheitern zu bringen und selbst mit heiler Haut davonzukommen.

Der Roman aus Amblers 2. Schaffensphase erschien 1972 und erhielt damals den Gold Dagger als bester englischsprachiger Kriminalroman. Der Roman spielt vor dem Hintergrund des Sechstagekriegs 1967 und des Schwarzen September 1970. Im Sechstagekrieg hatten die Israelis unter anderem das Westjordanland (damals jordanisches Staatsgebiet und bis heute Heimat vieler Palästinenser) besetzt. Die PLO und andere palästinensische Organisationen suchten daraufhin mehr und mehr die offene Konfrontation mit dem jordanischen Königshaus, bis hin zu einem Attentatsversuch im Juni 1970. König Hussein und das ihm ergebene Militär setzten daraufhin zu einem Gegenschlag im September 1970 an und vertrieb nach langen Kämpfen die palästinensischen Befreiungsorganisationen, die teilweise von syrischen Kräften unterstützt wurden, aus Jordanien. Es zeigte sich, dass es mit der Einigkeit der arabischen Staaten und innerhalb der Palästinenser nicht so weit her ist.

Dies ist auch die Situation von Salah Ghaled, der eine Splittergruppe anführt und die Unterstützung der mächtigen PLO um Yassir Arafat verloren hat. Den Respekt will er sich mit einem großangelegten Terrorakt zurückholen. Ghaled tritt als typischer terroristischer Anführer auf, der es versteht, mit Propaganda, gewissem Charme und unterschwelligen Drohungen bis hin zur Gewalt seine Gruppe zu leiten. Er muss zudem im syrischen Regime Unterstützer haben, die ihn zwar nicht offen unterstützen, aber ihre schützende Hand über ihm halten. Dies ist auch Michael Howell klar, der dadurch nur wenige Optionen hat. Ghaled bei den Syrern anschwärzen geht nicht und angesichts der terroristischen Verbindungen Ghaleds erscheint Howell auch die Flucht aus Syrien nicht ratsam, zumal er dann auch seine Geschäfte aufgeben müsste. Also spielt er erstmal das Spiel notgedrungen mit. Michael Howell ist zyprisch-libanesisch-armenischer Abstammung mit britischen Vorfahren und dementsprechend eine interessante Kombination aus distinguiertem, leicht arrogantem Briten und einem kaufmännisch-gewitzten Levantiner. Howell gesteht zwar seine Angst vor Ghaled ein. Diese hindert ihn jedoch nicht daran zu glauben, dass er den Palästinenser geschickt ausmanövrieren kann.

Die Maßstäbe heutigen Thrillererzählens darf man bei Eric Ambler nicht anlegen. Ambler setzt Spannungsmomente dosiert ein, erklärt viel drumherum, aber macht dies ungemein intelligent und literarisch versiert. Das Geschehen wird in Form einer Nacherzählung von Michael Howell erzählt, während er von dem Journalisten Lewis Prescott befragt wird. Der Großteil wird aus Howells Perspektive betrachtet, aber in einigen Abschnitten auch aus den Blickwinkeln von Prescott und Howells Assistentin Teresa, was nochmal die Figurenzeichnung erheblich unterstreicht. Vor allem die Ambivalenz in Howells Charakterzügen wird so erheblich verfeinert. So entwickelt Ambler einen ganz eigenen Stil in diesem Roman, wobei er sich mit Wertungen zurückhält und eher distanziert, wenngleich mit leichter Ironie, die Gegebenheiten beschreibt. Dabei erhält der Leser einen Einblick in die damaligen Verhältnisse in Nahost, aber auch in die schwierige, inhomogene Gesamtlage bei den Arabern/ Palästinensern, was bis heute anhält. Den Abschluss in einem veritablen Showdown erhält die Geschichte dann auf einem Schiff wenige Kilometer vor Tel Aviv.

Insgesamt war es für mich wieder eine angenehme Begegnung mit einem Autor, dessen Thriller vielleicht nicht die Rasanz anderer Kollegen haben, der dafür aber die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe seiner Themen umso feiner herausarbeitet.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Levantiner | Erstmals erschienen 1972, die gelesene Ausgabe erschien 1975 im Diogenes Verlag
zurzeit nur antiquarisch erhältlich
ISBN 978-3-257-20223-7
360 Seiten

Auch bei uns: Rezensionen zu den Ambler-Romanen Die Maske des DimitriosUngewöhnliche GefahrBitte keine Rosen mehrDoktor Frigo und Der Fall Deltschev sowie ein Porträt des Autors.

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Syrien und Israel.

Horst Eckert | Im Namen der Lüge

Horst Eckert | Im Namen der Lüge

Und was machte der Verfassungsschutz mit den Informationen, die er sammelte? Wie weit ging der staatliche Quellenschutz? Mit welchen Straftaten kam ein V-Mann noch davon?
Einem Spitzel kannst du nie vertrauen, überlegte Vincent.
Aber auch keinem Geheimdienst. (Auszug Seite 155)

Ein Tatort im Süden von Düsseldorf. Ein Mann liegt tot im Keller, die Polizeistreife nimmt den vermeintlichen Mörder fest. Der Tote soll mit der Partnerin des Täters etwas gehabt haben. Eine Beziehungstat, der Chef der Mordkommission und auch die Kripoleitung sind zufrieden. Doch dem Dienststellenleiter Vincent Che Veih geht das alles etwas zu schnell. Es gibt Hinweise darauf, dass der Täter in der Reichsbürgerszene aktiv war. Das Opfer war freier Journalist, der sich in der Szene bewegt hat. Nun sind alle seine Aufzeichnungen unauffindbar und auch der Verfassungsschutz meldet sich bei Vincent, der eine Zeugenvorladung abblasen soll. Vincent ist sich sicher, dass da etwas faul ist, doch gegen die Kripoleitung kann er nichts ausrichten. Zumal die Ereignisse sich an anderer Stelle überschlagen.

Gleichzeitig ist auch der Linksextremismus wieder in aller Munde. Drei Ex-RAF-Terroristen überfallen Geldtransporter, um ihren Ruhestand zu finanzieren. Ein gefundenes Fressen für die konservativ geführte Landesregierung in Nordrhein-Westfalen, die kurz vor dem Wahltermin eine „Rote-Socken-Kampagne“ lanciert.

Ohne es zu wollen, ist Melia Kahlid dabei mittendrin. Sie ist Referatsleiterin für Linksextremismus beim Landesverfassungsschutz. Und sie hat genug zu tun, denn neben den RAF-Rentnern scheint auch die linke Szene sich wieder deutlich zu radikalisieren. Zumindest taucht eine Kampfschrift auf, die zur Rückkehr ins Guerillatum und den Terrorismus aufruft. Als schließlich auch noch ein Brandanschlag auf ein Gebäude verübt wird, in dem die Landes-AfD ihre Geschäftsstelle hat, scheint die Sache klar. Doch Melia merkt, dass einiges an ihr vorbei läuft, ihr Chef fährt – im Einklang mit der Landesregierung – seine eigene Agenda. Melia wird intern kaltgestellt, doch damit wird ihr Ehrgeiz nur umso mehr angestachelt. Als eine der RAF-Terroristen brutal ermordet aufgefunden wird, treffen sich die Wege von Polizei und Verfassungsschutz. Vincent und Melia, beide zu Außenseitern in der eigenen Behörde geworden, müssen zusammenarbeiten, um eine politische Verschwörung aufzudecken.

Vincent Che Veih war bereits in drei Romanen von Horst Eckert Protagonist. Der geradlinige Kommissar mit der schwierigen familiären Vergangenheit eckt im Präsidium immer wieder an. Zu seiner Mutter, Künstlerin und ehemalige Terroristin, pflegt er ein kompliziertes Verhältnis, da sie ihn als Kind verlassen hat, um in den Untergrund zu gehen. Auch in diesem Roman spielt sie eine Rolle und Vincent muss sich entscheiden, wem seine Loyalität gilt, seiner Mutter oder seinem Dienstherrn.

Neu dabei und eigentliche Frontfrau dieses Thrillers ist Melia Khalid. Sie ist die Tochter eines einflussreichen CDU-Politikers mit seiner somalischen Geliebten. Auf seine Protégierung will sie aber lieber verzichten. Melia ist taff, selbstsicher, intelligent und bringt auch die nötige Skrupellosigkeit in ihrem Gewerbe mit. Sie setzt V-Leute unter Druck und fängt sogar eine Liaison mit einem linken Wortführer an. Dennoch merkt man ihr die Ernsthaftigkeit an, als Verfassungsschützerin diese Aufgabe auch zu erfüllen. Als sie entmachtet wird, gibt sie nicht klein bei, sondern wittert eine große Sache, die sie mit aller Macht verhindern will.

Horst Eckert hat sich als Autor von politischen Thrillern mit aktuellen Thematiken einen Namen gemacht. In diesem Roman greift er verschiedene Dinge im Plot und bei den Figuren auf, die in der letzten Zeit aufgekommen sind: Zunehmende Salonfähigkeit der Rechtspopulismus, Hochstilisierung einer neuen Gefahr von links (Hufeisentheorie), Verbindungen von Personen aus rechtsstaatlichen Behörden mit verfassungsfeindlichen Organisationen. In diesem Thriller wird nach und nach deutlich, wie ein rechtes Netzwerk sukzessive die staatlichen Organisationen unterwandert und dabei Anschläge und Taten verübt, die dem politischen Gegner angelastet werden (False-Flag-Operationen). Angesichts von tatsächlichen Ereignissen wie der Causa Hans-Georg Maaßen, dem Schreddern von NSU-Akten durch den thüringischen Verfassungsschutz oder der nach wie vor ungeklärten Rolle von V-Leuten bei rechtsextremen Anschlägen, erscheint dieses Szenario alles andere als abwegig.

Eckert schreibt diesen Thriller dabei aus verschiedenen Blickwinkel mit Fokus auf Vincent und Melia. Dabei liegt der Fokus deutlich mehr auf dem rasanten und spannenden Plot als auf Figuren und Schauplätzen. Dennoch gelingt es vor allem bei den Hauptfiguren, eine gewisse Komplexität zu erzeugen. Zusammengenommen ist Im Namen der Lüge ein kurzweiliger Thriller, der hochaktuelle politische (Fehl-)Entwicklungen präzise und mit klarer Haltung aufzeigt. Für alle Liebhaber des politischen Thrillers daher auf jeden Fall empfehlenswert.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Im Namen der Lüge |Erschienen am 9. März 2020 im Heyne Verlag
ISBN 987-3-453-43966-5
575 Seiten | 12.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Gunnars Rezensionen zu den Titeln Schattenboxer und Wolfsspinne von Horst Eckert.

Jakob Bodan | Ein richtig falsches Leben

Jakob Bodan | Ein richtig falsches Leben

Das Einzige, was Constanze jemals zum Mord an ihrem Vater geschrieben hatte, war der offene Brief an die RAF gewesen. Eine Antwort hatte sie nicht erhalten.
„Wie kommt es, dass die Täter niemals identifiziert worden sind?“
Die immergleiche unerlässliche Frage.
„Sie waren einfach zu gut“, meinte Ortner.
„Besser als die Polizei? Kaum zu glauben.“
„Es wird dir nichts anderes übrig bleiben. Selbst wenn du wüsstest, wer geschossen hat, würde dein Vater nicht wieder lebendig.“ (Auszug Seite 114)

Constanze Behrenberg lebt mit ihrem Sohn David aktuell im Haus der Familie in Südfrankreich. Dort lernt sie Frederic kennen, einen Deutschen, der dort in einem alten Bauernhaus mit seiner Partnerin Marie-Claire Marmeladen herstellt und verkauft. Constanze und Frederic kommen sich näher. Doch Frederic ist nicht der, der er zu sein vorgibt und er erkennt bald, dass ihn eine monströse Tat mit Constanze verbindet: Er war (und ist) Teil der dritten Generation der RAF, die vor mehr als zwanzig Jahren Constanzes Vater Stephan Schilling ermordet hat.

Die Mörder Schillings wurden nie gefasst. Die meisten der dritten Generation der RAF sind immer noch im Untergrund. Wie Frederic. Doch der stellt sein Leben und seine Taten inzwischen in Frage. Er hält es nicht mehr aus, will auch wissen, was damals wirklich passierte, welche Personen im Hintergrund die Fäden zogen. Und er will Marlene wiedersehen, eine Mitkombattantin und seine große Liebe. Auch Constanze hat das Trauma der Ermordung des Vater nur oberflächlich überwunden. Sie versuchte damals als Jugendliche vergeblich, Kontakt zur RAF aufzunehmen, um Antworten zu finden. Sie will immer noch die Mörder finden und hinterfragt das ehrliche Bemühen der deutschen Sicherheitsbehörden nach echter Aufklärung. Als auch sie die Identität Frederics herausfindet, kommt es zu einem brüchigen Pakt zwischen beiden auf der Suche nach der Wahrheit. Doch auf der anderen Seiten gibt es immer noch einige, die darauf achten, dass diese niemals ans Licht kommt.

Hatte er ernsthaft Welcome-Back-Gesänge erwartet? Hoch die Tassen auf die alte Zeit? Das war kein Veteranentreffen. Das waren verbitterte, verkrachte, seelisch verwahrloste Gestalten. […]
Das Leben im Untergrund war nur ein halbes Leben.
Die Früchte der Anarchie hatten nie geschmeckt.
Aber nun waren sie verfault. (Seite 224)

Die RAF hat auf mich schon als Kind eine irgendwie makabere Faszination ausgeübt. Ich weiß noch genau, wie ich als Neunjähriger nach einer Samstagabendshow im Oktober 1985 noch einen Teil der abschließenden Nachrichten sehen durfte und dort die Meldung vom Mord an Gerold von Braunmühl kam. Seitdem habe ich zahlreiche Bücher und Filme über die RAF gelesen bzw. gesehen. Die sogenannte dritte Generation ab Mitte der 1980er ist bis heute zum großen Teil ein Mysterium, sind doch nur wenige Mitglieder namentlich bekannt, die Mörder von Braunmühl, Herrhausen oder Rohwedder nicht ermittelt. Bis heute leben viele im Untergrund, begehen sogar weiterhin Raubüberfälle, um ihren Lebensunterhalt zu sichern. Bekannt ist, dass diese Terroristengeneration massive Unterstützung der DDR erhalten hatte.

Autor Jakob Bodan (ein Pseudonym) nutzt die spärlichen Fakten, um daraus eine fiktive Geschichte zu machen, in der er letztlich auch die Frage stellt, wem nutzten die letzten Morde der RAF, war die RAF noch eine Organisation mit einer gefestigten (wenn auch verqueren) Ideologie oder waren sie zu Handlangern, zu Auftragsmördern Dritter verkommen? Als Constanze und Frederich beginnen, Staub aufzuwirbeln, wird klar, dass die Omertá der Täter immer noch gilt, Verräter nicht geduldet werden und weitere Hintermänner oder zumindest Nutznießer noch in ganz anderen Positionen sitzen. Im begleitenden Pressetext sagt der Autor, dass der Staat kein Interesse an der Wahrheit habe und die innere Einheit Vorrang vor der Aufklärung der Rolle der DDR in der Geschichte der RAF besitze.

Als Vehikel und Aufhänger wählt Bodan das Private der Opfer und Täter. Das Leid und das Trauma der Hinterbliebenden, die von der Tat gezeichnet bleiben – in diesem Fall Constanze, die ein emotionales Defizit und ein ungestilltes Rachebedürfnis zurückbehalten hat. Auf der anderen Seite die Täter, die immer noch unerkannt sind, sich total auf das nicht selbst bestimmte Leben im Untergrund einlassen müssen und sich ihrer Taten nicht stellen.

Als Ansatz ist dies durchaus überzeugend, allerdings war das Ergebnis für mich manchmal zu verkopft. Der Autor bringt Verweise auf Schillers Die Räuber und der Titel darf sicherlich als Hinweis auf Adornos Es gibt kein richtiges Leben im falschen interpretiert werden. Das alles deutet natürlich darauf hin, dass Bodan hier weniger einen Thriller als eher einen politischen Gesellschaftsroman im Sinn hatte. Warum er dann doch die Thrillerelemente einbaut, bleibt unklar, denn diese Szenen gehören nicht zu den Stärken des Romans und wirken unrund geplottet. Dennoch fand ich das Thema, die Anregungen und Andeutungen interessant und gelungen. Insgesamt also eine zwiespältige Lektüre mit Stärken und Schwächen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Ein richtig falsches Leben | Erschienen am 3. Juni 2019 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-30711-3
384 Seiten | 14.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

„Die alten Regeln gelten nicht mehr. Es ist durchaus vorstellbar, dass wir einfach alles in Stücke hauen und von vorne anfangen, mit … verlässslicher Führung. Sie sind alles andere als unantastbar, weder individuell noch als Behörde. Das ist nichts Persönliches und bleibt uns hoffentlich erspart. Aber so ist die Welt heute nun mal. Wenn etwas schiefgeht, findet sich ein Sündenbock. Immer. Man muss nur richtig suchen. Gut möglich, dass diesmal ihr Verein an der Reihe ist.“ (Auszug Seiten 29-30)

Eine Stadt in Nordengland. Der Geheimdienst hat einen V-Mann in einer islamistischen Terrorzelle. Die Zelle plant einen Sprengstoffanschlag und will angeblich einen Probelauf machen. Der V-Mann Abu Omar wird kontrolliert und überwacht, doch als er den Bahnhof betritt, löst er eine Bombe aus. Ein verheerendes Attentat und der Geheimdienst ist völlig blamiert. Im Zentrum der Kritik steht Führungsoffizier Jake Winter. Er selbst grübelt darüber am meisten nach, in welchem Moment die Sache schief gelaufen ist. Wenige Monate später beginnt die politische Aufbereitung des Attentats – ein unabhängiger Untersuchungsausschuss, in den Jake als (anonym bleibender) Zeuge geladen ist. Er befürchtet, dass man ihn als Sündenbock brandmarkt. Doch zeitgleich bietet sich Jake eine neue, vielleicht letzte Chance: Ein Islamist hat sich als V-Mann angedient. Auch er ist Teil einer Zelle, die einen noch größeren Anschlag vorbereitet. Jake setzt alles daran, seine Fehler nicht zu wiederholen und diesmal an die Hintermänner heranzukommen.

Den Autor Nicholas Searle umgibt eine gewisse mysteriöse Aura. Viel erfährt man nicht über ihn. Brite, studierte Sprachen unter anderem in Göttingen, war danach lange im Staatsdienst in seiner Heimat und in Neuseeland. Zu seinem Debütroman „The Good Liar“ (dt. „Das alte Böse“) ließ sein britischer Verlag verlauten: „[he] is not allowed to say more about his career than that he was a senior civil servant for many years“. Das klingt natürlich sehr undurchsichtig und geheim und erinnert natürlich an Koryphäen wie John le Carré, der seine Jahre als Geheimdienstler gewinnbringend in seine Romane umzusetzen wusste und noch weiß.

Und in diese Tradition kann man Der Sprengsatz in jedem Fall einordnen. Searle beschreibt einen Geheimdienst in schwieriger Lage und mit den zu erwartenden internen Machtspielen und Illoyalitäten. Islamische Gefährder und Rückkehrer aus den Kampfgebieten können jederzeit Anschläge verüben, die Zuverlässigkeit der eigenen V-Männer ist unklar, ausländische Dienste spielen ihr eigenes Spiel. Im konkreten Fall gab es bereits einen verheerenden Anschlag und die Schuldsuche hat eingesetzt. Jake Winter wäre der passende Schuldige. Und vermutlich wäre er schon längst vom Dienst suspendiert, wenn er nicht der Kontaktmann für den nächsten wichtigen V-Mann in der Szene wäre. Doch die Messer werden gewetzt.

Dramaturgisch löst der Autor die Verbindung zwischen altem und neuem Fall sehr geschickt und lässt Jake Winter zwischen Untersuchungsausschuss und V-Mann-Betreuung hin und her pendeln. Nach und nach kommt ein wenig mehr Licht in den alten Fall und zeitgleich spitzt sich die Situation aufs Neue zu. Dabei setzt Searle auf wechselnde Perspektiven. Er begleitet neben Winter weitere Personen des Geheimdienstes, die vier Personen der neuen Terrorzelle und ein Ehepaar mit pakistanischen Wurzeln, das im ersten Anschlag Sohn und Enkeltochter verlor.

Gerade die Abschnitte mit dem Ehepaar Masoud und den Islamisten haben mir auch am besten gefallen. Aus diesen Figuren holt der Autor viel heraus, wohingegen die Hauptfigur Jake Winter über weite Strecken eher vage und ungreifbar bleibt (Geheimdienstler halt). Aber insgesamt überzeugt dieser Thriller mit einem realistischen Plot, sehr gelungenen Dialogen und einem guten Spannungsbogen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Sprengsatz n| Erschienen am 18. Juni 2019 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-463-40721-0
304 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe