Kategorie: SoKo

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2021

 

 

Liam McIlvanney | Ein frommer Mörder

Glasgow 1968/69: Ein Serienmörder hat bereits drei junge Frauen ermordet, alle offenbar im selben Tanzlokal abgeschleppt und auf dem Nachhauseweg erdrosselt. Aufgrund einiger religiöser Zitate, die eine Zeugin von ihm gehört hat, wird er der „Quäker“ genannt. Trotz Phantombilder und einiger Zeugenaussagen tappt die Sondereinheit der Polizei Monate nach dem dritten Mord immer noch im Dunkeln. Detective Inspector Duncan McCormack wird der Sondereinheit als eine Art Revisor zugeteilt. Die Polizeispitze ist nach so vielen Monaten der Meinung, dass die Ermittlungen zu viele Ressourcen binden, McCormack soll einen Bericht liefern, der diese Ansicht bestätigt. Dementsprechend willkommen ist er in der Sondereinheit, er gilt als Nestbeschmutzer. Doch McCormack will nicht nur belehren, er macht nach und nach deutlich, dass auch er das Ziel verfolgt, den Täter zu ermitteln. Und McCormack ist bereit, ausgetretene Ermittlungspfade zu verlassen.

Zeitgleich kommt Alex Paton wieder in die Stadt. In Glasgow aufgewachsen, hat er es in den letzten Jahren in London zu einem gefragten Spezialisten in Sachen Safeknacken gebracht. In der alten Heimat wird ihm ein lukrativer Job, der Einbruch in ein Auktionshaus, angeboten. Die Suche nach dem Quäker lässt ihn kalt. Noch ahnt Paton nicht, dass er in die Quäker-Sache unmittelbar verwickelt wird.

Der Name McIlvanney hat einen großen Klang in der schottischen Kriminalliteratur. Und tatsächlich ist Liam McIlvanneys Vater der große William, Schöpfer des legendären Inspektor Laidlaw. Liam lebt inzwischen in Neuseeland, doch für den Schauplatz seines dritten Romans bleibt er der alten Heimat treu. Wie einst auch Ian Rankin in „Black and Blue“ bedient sich McIlvanney eines alten großen, bis heute ungelösten Kriminalfalls: Der „Bible John“ getaufte Täter brachte damals drei junge Frauen um. Aber der hier „Quäker“ getaufte Mörder ist in diesem Roman im Grunde nur eine Randfigur, denn McIlvanney bleibt der Tradition des schottischen Krimis treu und stellt neben der zwar starken, aber auch angreifbaren Ermittlerfigur gesellschaftliche Aspekte in den Mittelpunkt. Das Ende der 1960er als Aufbruch in der Moderne ist nämlich auch durch tiefe Brüche (beispielsweise in der Glasgower Stadtentwicklung) und düstere Auswüchse (Kriminalität, Polizeigewalt und Korruption) gekennzeichnet. Das macht den Roman zu einem echten Leseerlebnis und verdienten Sieger des schottischen Krimipreises 2018.

 

Ein frommer Mörder | Erschienen am 12.07.2021 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-44093-7
344 Seiten | 14,99 €
Originaltitel: The Quaker (Übersetzung aus dem Englischen von Sabine Lohmann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Chris Offutt | Unbarmherziges Land

Militärpolizist Mick ist wegen Eheproblemen in der Heimat in den Bergen Kentuckys. Seine Schwester Linda ist Sheriff und bittet ihn um Mithilfe in einem vermeintlichen Mordfall. Ein alter Mann hat beim Pflanzenpflücken die Leiche einer Frau entdeckt. Mick hängt sich ohne eigene Zuständigkeiten rein, aber alte Familienbande, überkommene Traditionen sowie eine angeborene Zurückhaltung gegenüber den Ermittlungsbehörden erschweren die Aufklärung. Hinzu kommen andere kriminelle Aktivitäten, die unentdeckt bleiben sollen.

Chris Offutt war mir bis dato noch nicht bekannt, obwohl „Unbarmherziges Land“ nicht das erste übersetzte Werk von ihm ist. In seiner Heimat ist Offutt vor allem durch seine Short Stories bekannt, ist aber auch erfolgreich im Non-Fiction-Bereich. Aber dieser Roman ist ein waschechter Country Noir aus den ländlichen Bergen des Bundesstaats Kentucky. Leider hebt sich das Werk nicht so recht von anderen Büchern des Genres ab – man hat so hin und wieder das Gefühl, die Typen oder Teile des Plots schon so ähnlich mal gelesen zu haben. So ist das Ganze ein solider, aber relativ unspektakulärer Country Noir. Für zwischendurch ganz ok.

 

Unbarmherziges Land | Erschienen am 24.07.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50512-2
250 Seiten | 15,- €
als E-Book: ISBN 978-3-608-11714-1 | 11,99 €
Originaltitel: The Killing Hills (Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Garry Disher | Moder

Wyatt hält sich in Sydney auf und erhält für seine Raubzüge und Einbrüche Information durch Sam Kramer, der ein umfassendes Informantennetz auch aus dem Gefängnis betreibt. Im Gegenzug verwaltet Wyatt Kramers Provisionen und kümmert sich um dessen Familie. Doch das macht Wyatt angreifbar. Denn sowohl die Polizei als auch Nick Lazar, zwielichtiger Chef einer Sicherheitsfirma, werden auf Wyatt aufmerksam. Dieser hingegen hat einen neuen Job im Visier: Nick Tramayne hat mit Finanztransaktionen nach dem Ponzi-Schema (eine Art Schneeballsystem) Anleger um Millionen betrogen. Er kann sich bislang noch vor einer Verhaftung bewahren, aber die Schlinge zieht sich zu. Man vermutet, dass er sich bald absetzen will – mit einem großen Batzen veruntreuten Geldes. Hierauf hat es Wyatt abgesehen – aber nicht nur er.

Garry Disher setzt mit „Moder“ seine Reihe um den vornamenlosen australischen Gangster fort. Dabei bleibt sich Disher bei den Zutaten treu: Ein höchstprofessioneller Outlaw als Hauptfigur, skrupellose Gangster (auch in Nadelstreifen), die ihm in die Quere kommen, eine schnörkellose Story, ein lakonischer Stil. So bleibt auch bei diesem Roman kaum Leerlauf, sondern das Tempo und die Spannung bleiben hoch. Nebenbei karikiert Disher die hohle Welt (betrügerischer) Investoren, Anlageberater und Anwälte, die sich hier gegenseitig um ihren Reichtum bringen wollen. Wie immer eine vergnügliche Lektüre.

 

Moder | Erschienen am 01.09.2021 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946582-06-9
300 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Kill Shot (Übersetzung aus dem Englischen von Ango Laina und Angelika Müller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Garry Disher | Barrier Highway

Constable Hirschhausen ist inzwischen ein wenig heimisch geworden im beschaulichen Tiverton im dünnbesiedelten Norden des Bundesstaats South Australia. Er macht wie üblich seine Routinefahrten, seine kleinen Ermittlungen, doch dieses Mal braut sich wieder etwas zusammen. Ein wohlhabender Unternehmer bezahlt seine Rechnungen bzw. versprochene Renditen nicht mehr, was bei einem seiner Gläubiger zu einer Kurzschlussreaktion führt. Gleichzeitig vermisst eine alte Dame einen beträchtlichen Teil ihres Ersparten und kommt kurz darauf bei einem Brand ums Leben. Ein Unfall oder hat da jemand nachgeholfen?

Nochmal Garry Disher? Na ja, ich habe so oft Lobeshymnen an den Australier verteilt, da dachte ich mir, diesmal reicht das auch im Kurzformat. Erstaunlich auch, wie Disher beim dritten Band der Reihe um Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, im Vergleich zu wahrlich guten Wyatt-Band nochmal eine Schippe drauf legt. Bei aller Raffinesse wirkt der Wyatt wie eine lässige Fingerübung für Zwischendurch, aber hier lässt Disher wieder seine ganzen Fähigkeiten aufblitzen. Wie immer in Tiverton fängt es betulich an, ein Schlüpferdieb wird gesucht, dann folgt eine Kindesvernächlässigung, Hirsch wird gestalkt, weitere Straftaten folgen – aber alles zu seiner Zeit: Die erste Leiche kommt erst nach der Hälfte des Buches. Vielmehr spinnt der Autor hier ein feines Netz und erzählt von den Menschen und ihren Beziehungen in dieser australischen Kleinstadt und wie eines zum anderen und schließlich zu Todesfällen führt. Hauptfigur in diesem Soziogramm ist dieser Constable Hirschhausen, nicht mehr fremd, aber auch noch nicht heimisch, der mit einer feinen Sensibilität möglichst alles zum Guten wenden will, aber längst auch nicht alles richtig macht. Disher ist und bleibt die Champions League der Krimiszene.

Barrier Highway | Erschienen am 12.07.2021 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00572-3
345 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Consolation (Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,5 von 5;
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Gunnar Wolters.

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2021

 

Stephen Mack Jones | Der gekaufte Tod

Nach einer Art Sabbatical kehrt August Snow zurück in seine Heimatstadt Detroit. Dort war er von seinem Arbeitgeber, dem Detroit Police Department, gekündigt worden, als er Korruption vom Bürgermeister und hohen Vertretern von Polizei und Stadtverwaltung öffentlich machte. In einer Zivilklage konnte August allerdings eine Millionensumme erstreiten, die ihn nun finanziell unabhängig macht. Kaum ist er wieder im Land, will die exzentrische Milllionärin Eleanor Paget August engagieren, um Unregelmäßigkeiten in ihre Bankhaus aufzuklären. Doch August lehnt den Job ab. Wenig später ist Eleanor Paget tot, der vermeinliche Selbstmord entpuppt sich schließlich als Mord. Augusts schlechtes Gewissen meldet sich, sodass er nun doch den Hintergründen auf die Spur geht. Dabei sticht in erneut in ein Wespennest aus Korruption und organisiertem Verbrechen.

„Der gekaufte Tod“ ist der erste Teil einer Reihe um August Snow. Autor Stephen Mack Jones gewann hiermit direkt den renommierten Hammett Prize. Großer Pluspunkt des Thrillers sind die beiden Hauptfiguren – Augst Snow und Detroit. Snow ist Halb-Afroamerikaner, Halb-Mexikaner, ein sympathischer Kämpfer für Gerechtigkeit, der sich spielend in den verschiedenen Szenen Detroits bewegt und nach einer Perspektive für diese Stadt sucht, die arg gebeutelt wurde, aber bei der es bescheiden aufwärts geht. Der Plot ist eher solide, eine Art Jack-Reacher-Variation, bei der Snows Gegner aus dem kriminell-militärisch-(finanz)industriellem Komplex eher diffus bleiben. Auch die Kulinarik wird für meinen Geschmack etwas überbetont. Nichtsdestotrotz überzeugte mich der Roman vor allem bei Setting, Figuren und Tempo. Daher sicherlich lesenswert.

Der gekaufte Tod | Erschienen am 20.03.2021 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50477-4
338 Seiten | 17,- €
Als e-Book: ISBN 978-3-608-12079-0 | 13,99 €
Originaltitel: August Snow (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Noir/Hardboiled

 

Tom Franklin | Wilderer

Tom Franklin hat sich inzwischen auch im deutschsprachigem Raum als wichtiger Vertreter des Southern Gothic, der düsteren Country Noir-Variante der amerikanischen Südstaaten, etabliert – spätestens mit dem Roman „Krumme Type, krumme Type“, mit dem er 2019 den Deutschen Krimipreis gewann.

Der vorliegende Kurzgeschichtenband „Wilderer“ („Poachers“ im Original) erschien 1999 und waren das Debüt des Autors aus dem US-Staat Alabama, wo auch die Kurzgeschichten angesiedelt sind. Der Band beginnt mit der autobiografisch gefärbten Story „Jagdzeit“. Die Protagonisten der Geschichten sind allesamt Abgehängte , die zumeist den Glauben an einen guten Ausgang ihrer Lebensgeschichte schon aufgegeben haben oder sich den Gegebenheiten der ländlichen Provinz mit Wilderei, Alkohol und Von-der-Hand-in-den-Mund-Leben angepasst haben. So etwa der Besitzer einer Tankstelle im Hinterland, an die sich kaum jemand mehr verirrt, an der aber immer noch das ausgestopfte Nashorn steht, das irgendwann einmal Kunden angelockt hat. Oder der Typ, der davon abhängt, von seinem Bruder unliebsame Jobs zu bekommen, zum Beispiel einen Wurf Katzen zu entsorgen.

Herausragend ist die längste, die Titelgeschichte „Wilderer“, in dem drei junge Männer, archaisch sozialisiert und schon als Wilderer aufgewachsen, einen Wildhüter ermorden. Die örtliche Gemeinschaft ist zurückhaltend, hat den Männern bereits viel durchgehen lassen. Doch irgendjemand scheint Rache nehmen zu wollen. Insgesamt wieder eine überzeugende Veröffentlichung des kleinen, aber feinen Verlags Pulp Master. Manche Geschichte war für mich etwas kurz, um die volle Wirkung zu entfalten. Aber viele sind starke, düstere Porträts eines rohen US-Hinterlands.

Wilderer | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946-58207-6
250 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: Poachers (Übersetzung aus dem Englischen von Nikolaus Stingl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Noir/Hardboiled

 

Sebastian Fitzek | Der Heimweg

Von Sebastian Fitzeks Bücher hatte ich mich nach einmaliger Lektüre eines Werkes ja schon eigentlich verabschiedet. Einfach nicht mein Ding, total überkonstruiert. Nun hatte ich ein aktuelles Werk geschenkt bekommen und dachte, na ja, einem geschenkten Gaul schaut man nicht ins Maul. War im Endeffekt Quatsch.

Ich hätte schon von Beginn an skeptisch sein sollen. Fitzek setzt vorweg zwei Zitate und eine Anmerkungen über die Gewalt an Frauen durch ihre Partner. Ein wirklich gutes Anliegen, dieses Problem literarisch zu verarbeiten. Doch dass Fitzek ein Zitat der BILD-Zeitung entnommen hat, macht dann doch skeptisch, ob er wirklich tief zu dem Thema recherchiert hat. Und der weitere Verlauf des Romans lässt die Skepsis dann relativ schnell in Gewissheit umschlagen. Eine Inhaltsbeschreibung erspare ich mir an dieser Stelle, der Plot ist einfach völlig abstrus und albern. Dabei hätte ein Autor mit einer derartigen Auflage tatsächlich auch mal eine wichtige Auseinandersetzung mit dem Thema „häusliche Gewalt“ bieten können. Aber darauf kommt es Fitzek nicht an, das Buch ist blosse Effekthascherei und Individualisierung des Bösen. Hätte ich mir aber auch fast vorher denken können. So war es vertane Lesezeit.

Der Heimweg | Erschienen am 21.10.2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28155-0
424 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1 von 5;
Genre: Psychothriller

 

Daniel Wehnhardt | Zorn der Lämmer

1942 haben die Nazis auch im litauischen Wilna ihr Schreckensregime etabliert. Ein jüdisches Getto ist eingerichtet, erste Deportationen finden statt. Doch ein Teil der Juden ist nicht länger bereit, sich in der Opferrolle einzurichten. Der charismatische Abba Kovner gründet unter anderem mit seinen Freunden Vitka, Ruzka und Leipke eine Partisanengruppe. Sie ziehen in die Wälder, kooperieren mit anderen Partisanen und der roten Armee. Im Sommer 1944 gehören sie zu den Befreiern Wilnas. Doch damit sehen Abba und seine Freunde ihre Aufgabe nicht als erledigt an: Auge und Auge, Zahn um Zahn. Sie wollen weiter die Nazis, ja alle Deutschen zur Rechenschaft ziehen und sind bereit, sehr weit dafür zu gehen.

Zunächst mal bin ich sehr dankbar für diese Geschichtsstunde, denn die Details von Organisationen wie der Fareinikte Partisaner Organisatzije, der jüdischen Brigade und der Nakam war mir so noch nicht richtig bekannt. Mir war auch nicht bekannt, dass die Nakam einen Giftanschlag mit vergiftetem Brot auf ein Gefangenenlager mit SS-Angehörigen in Nürnberg nach Kriegsende verübt hatte (bei dem wohl niemand ums Leben kam). Für die Darstellung der historischen Fakten gebührt dem Autor auf jeden Fall Respekt. Der Roman selbst leidet für meinen Geschmack ein klein wenig an der Faktentreue, denn es wird viel nebenbei erläutert und an einigen Stellen kappt der Autor die Story an spannenden Stellen, um den weiteren Fortgang dann später in knappen Rückblenden zu erklären. Auch die Figuren kreisen fast fortwährend um Rache und Vergeltung und hätten noch mehr Tiefe vertragen können. Dennoch ein interessanter Blick in einen nicht so bekannten Abschnitt der Geschichte der Juden und des Holocaust.

Zorn der Lämmer | Erschienen am 07.04.2021 im Gmeiner Verlag
ISBN 978-3-8392-6817-0
352 Seiten | 14,- € (E-Book 10,99 €)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Genre: Historischer Thriller

Fotos und Rezensionen 1-4 von Gunnar Wolters.

 

Stephen King | Später ♬

Auf ungewohnt wenigen Seiten oder als Hörbuch in ca. 7 ½ Stunden erzählt Stephen King von einem kleinen Jungen mit einer besonderen Gabe. Jamie Conklin kann Tote sehen und mit ihnen sprechen. Zumindest für eine kurze Zeit nach deren Ableben, bis sie verblassen. Und die Verstorbenen müssen immer die Wahrheit sagen. Ich dachte sofort an „The Sixth Sense“, aber mit dem Psychothriller hat „Später“ nur die Grundidee gemeinsam. Der Neunjährige lebt mal nicht Kingtypisch in einer ländlichen Kleinstadt sondern in New York City bei seiner alleinerziehenden Mutter Tia, einer Literaturagentin und die beiden verbindet ein inniges Verhältnis. Sie ist auch die einzige, die von seinen übernatürlichen Fähigkeiten weiß und dieses Geheimnis gut hütet. Durch die Finanzkrise gerät Tia in eine wirtschaftliche Notlage und dann verstirbt auch noch ihr profitabelster Klient überraschend vor Vollendung seiner heiß erwarteten Bestseller-Reihe. Tia beschließt, sich Jamies Begabung zu Nutze zu machen. Das ist aber nur der Aufhänger, denn als später Tias Lebensgefährtin Liz, eine Polizistin Jamies Gabe mehrfach für ihre Karriere missbraucht, bringt sie ihn in tödliche Gefahr.

Jamie schildert aus der Ich-Perspektive rückblickend die Geschehnisse. So erleben wir aus den Augen eines Kindes die Geschichte und fiebern mit ihm mit, erleben seine Ängste und Sorgen, begleiten ihn beim Erwachsenwerden. Das funktioniert bei King immer wieder und der sympathische Junge ist aufgrund seiner saloppen Jugendsprache und seinem Auftreten absolut authentisch.

Ich mag grade den von anderen manchmal kritisierten, ausschweifenden Stil von King, der seinen Romanen oft Intensität und Tiefe gibt. Deshalb hätte das Werk von mir aus gerne noch mehr Umfang haben können, machte auf mich aufgrund des episodenhaften Erzählstils fast den Eindruck einer etwas längeren Kurzgeschichte, die der Autor mal eben aus dem Ärmel geschüttelt hat. Andererseits fehlt nichts, nicht mal die eine oder andere Anspielung auf andere Werke. King weiß auch hier auf seine unnachahmliche Art zu fesseln und der solide Mix aus Horrorstory, Crime und Coming-of-Age-Geschichte ist unterhaltsam, wenn auch nicht von atemberaubender und nervenzerfetzender Spannung. Vermutlich ist für mich das von David Nathan mal wieder hervorragend interpretierte Hörbuch die bessere Wahl als das Printexemplar. Nathan kann einfach perfekt die Stimmung, die Emotionalität und den subtilen Horror, der hier bei den grausigen Beschreibungen der gewaltsam zu Tode gekommenen entsteht, transportieren.
Ich könnte mir auch eine Fortsetzung vorstellen, eventuell spielt der Titel ja darauf an.

Später | Erschienen am 15.03.2021 bei Random House Audio
ISBN 978-3-8371-5537-2
1 MP3-CD | 22,- Euro
Originaltitel: Later (ungekürzte Lesung von David Nathan der Übersetzung aus dem Englischen von Bernhard Kleinschmidt)
Bibliografische Angaben & Hörprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Thriller

Foto und Rezension 5 von Andy Ruhr.

 

Ian Rankin | Black And Blue (Band 8)

Ian Rankin | Black And Blue (Band 8)

Die schottische Kriminalliteratur ist vielfältig und vielstimmig – und doch ragt aktuell ein Autor bzw. ein Ermittler noch ein wenig heraus: Ian Rankins John Rebus. Als meine Schwiegereltern vor einigen Jahren zu einer Schottland-Rundreise aufbrachen und fragten, was sie uns als Souvernirs mitbringen könnten, meinte ich relativ schnell: „Black and Blue“ von Ian Rankin. Nun lag es danach noch einige Zeit bei mir herum und als ich es für dieses Schottland-Spezial nun in die Hand nahm, musste ich doch feststellen, dass mir das Lesen im englischen Original nicht mehr so leicht fällt. Besonders die feine Ironie und weitere Andeutungen im Text zu erfassen, ist mir früher besser gelungen. Nichtsdestotrotz ist mir relativ schnell aufgefallen, hier ein exquisites Stück Kriminalliteratur in der Hand zu halten.

Kurz zurück zum Autor und zur Figur. Inzwischen zu 23 Bänden (und einigen Kurzgeschichten) angewachsen ist die Reihe längst fester Bestandteil des literarischen Kanons in der Kriminalliteratur, aber auch in der schottischen/britischen Popkultur allgemein. Autor Ian Rankin schuf den allerersten Rebus-Roman „Knots and Crosses“ bereits 1987, es dauerte aber noch einige weitere Bücher bis zum endgültigen Durchbruch. Dabei war die Figur John Rebus und die Schilderung eines düsteren, von Korruption und organisiertem Verbrechen durchsetzten Edinburgh von Beginn an sehr vielversprechend. Rankin schreibt die Romane mit Rebus als Erzähler in der 3.Person, ab und an durchsetzt mit einer weiteren Perspektive. Die Bücher sind klassische „Police procedurals“ mit klarem Fokus auf der Arbeit des Ermittlers. Die Romane haben zudem einen kontinuierlichen Verlauf, haben Verbindungen untereinander (meist frühere Fälle), die Figuren entwickeln sich weiter. John Rebus ist Detective Inspector in Edinburgh, wo er zumeist in Mordfällen ermittelt. Rebus ist geschieden und hat eine Tochter. Als Polizist ist er verbissen und kompromisslos, er dehnt die Regeln und legt sich auch mit Kollegen ode Vorgesetzten an. Dies bringt ihn mehr als einmal in gehörige Schwierigkeiten. Des Weiteren spielt sowohl Musik (Rebus hört gerne Jazz und klassischen Rock), aber auch der Alkohol eine Rolle in Rebus Leben. Seine Fälle nimmt er nur allzu oft mit nach Hause und er ertränkt seine schlechten Gedanken in Alkohol. Sein Lieblingspub ist die real existierende „The Oxford Bar“ in New Town, Edinburgh.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Der achte Band „Black and Blue“ (in der deutschen Übersetzung: „Das Souvenir des Mörders“) gilt vielen als das Highlight der Reihe. Der Titel bezieht sich auf ein Album der Rolling Stones, das Rebus zu Beginn des Romans hört. „Black and Blue“ gewann 1997 den wichtigsten britischen Krimipreis, den „Gold Dagger“, und war auch auf der Short List des amerikanischen „Edgar“. Dies war letztlich der letzte Schritt von Rankin in die Riege der auflagenstärksten Krimiautoren.

Rebus hadn`t worked the case, but knew men who had; they carried with them the frustration of a job left undone, and would carry it to the grave. The way a lot of them saw it, when you worked a murder investigation, your client was the deceased, mute and cold, but still screaming out for justice. (Auszug S.51).

Der Roman beginnt mit einem Verhör. Rebus verhört einen Mann, der sich als der gesuchte Serienmörder Johnny Bible ausgibt. Allerdings ist der Mann ein Wichtigtuer und kein Mörder, was Rebus schnell entlarvt. Johnny Bible hat bereits drei junge Frauen in Aberdeen, Edinburgh und Glasgow ermordet. Eine der Frauen, eine Prostituierte aus Edinburgh, kannte Rebus sogar. Er hat also ein persönliches Interesse am Fall, allerdings spielt er nur am Rande mit, darf sich mit Falschaussagen herumschlagen. Was ihn am Fall zusätzlich fasziniert: Johnny Bible scheint eine enge Verbindung zu einem Serienmörder namens Bible John Ende 1960er/Anfang 1970er Jahre zu haben. Bible John hatte damals auch drei Frauen ermordet, tauchte dann unter und wurde nie gefasst. Was Rebus noch nicht weiß, der Leser allerdings schon: Die Verbindung zum neuen Serienmörder missfällt Bible John sehr, der befürchtet, dadurch erneut in den Fokus zu geraten. Daher beschließt er, selbst Maßnahmen zu ergreifen.

Eine echte Ermittlung für Rebus kommt aber kurz darauf: Ein Ölarbeiter namens Allan Mitchison ist von Unbekannten entführt und zur weiteren „Behandlung“ in ein heruntergekommenes mehrstöckiges Haus gebracht worden. Dort sprang der gefesselte Mitchison vor Panik aus dem Fenster und starb dabei. Die weiteren Spuren führen Rebus nach Aberdeen und auf die Ölfördertürme bei den Shetlands und überraschend gibt es auch eine Spur zu einer Glasgower Gangstergröße.

Dieser Gangster lebt von der lokalen Polizei aktuell relativ unbehelligt, was Rebus sofort dazu verleitet, einigen Glasgower Polizisten die Annahme von Schmiergeld zu unterstellen. Dumm nur, dass ausgerechnet einer dieser Polizisten, Chief Inspector Ancram, eine interne Ermittlung gegen Rebus leitet. Rebus hatte mit seinem früheren Chef Geddes einen Verdächtigen wegen Mordes verhaftet. Die Verhaftung und der Fund von Beweisen erfolgte unter merkwürdigen Umständen. Auch Rebus verdächtigte seinen Vorgesetzten, die Beweise untergeschoben zu haben, bestätigte aber dessen Version im offiziellen Verfahren. Nun ist der Verurteilte als Autor im Gefängnis zu Ruhm gekommen, hat Selbstmord begangen und mit seiner Hinterlassenschaft der Presse neues Material zugespielt, um die Polizei unter Druck zu setzen.

Jack forced a smile, lifted his glass, ‚John, tell me though, why do you drink?‘
‚It kills my dreams.‘
‚It`ll kill you in the end, too.‘
‚Something´s got to.‘
‚Know what someone said to me? They said you were the world´s longest surviving suicide victim.‘ (Auszug S.310)

Mehrere Stränge mit zwei Serienmördern, einer unangenehmen internen Ermittlung, dazu die Ölförderung als lukrativer Drogenumschlagplatz. Die Ermittlungen führen Rebus weit durchs Land: Edinburgh, Glasgow, Aberdeen, Shetlands. Einiges hatte sich Autor Ian Rankin für diesen achten Rebus-Roman vorgenommen und letztlich muss ich konstatieren, dass er diesen komplexen Plot beeindruckend beherrscht. Es geht um Drogen, Korruption, aber vor allem auch um Integrität und Loyalität. Rebus schont sich wie gewohnt nicht, geht hohe Risiken ein, setzt neben seinem Job auch sein Leben aufs Spiel, um diese Fälle zum Abschluss zu bringen. Rankin bringt Rebus wie gewohnt als unangepassten Einzelgänger in Szene, als einen Mann, der eines wegstecken muss, aber dennoch von seinem Gewissen und seiner Verbissenheit angetrieben wird. Aber Rebus ist nicht ganz der einsame Wolf, Rankin gibt ihm mehrere Figuren an seine Seite, deren Loyalität sich Rebus sicher sein kann

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

„Black and Blue“ ist inzwischen schon ein Klassiker des Genres. Rankin gelingt es hier beeindruckend, seine starke Ermittlerfigur in ein komplexes, aber dabei durchaus nicht realitätsfernes Setting zu integrieren. Korruption und ökonomische (Fehl-)Entwicklungen, hier bezieht sich Rankin direkt auf die damalige schottische Wirklichkeit. Hierzu kommt, dass er sich mit dem Fall des „Bible John“ auf einen wahren Kriminalfall bezieht, einen der bekanntesten, noch heute ungelösten schottischen Kriminalfälle. Das alles ergibt einen packenden, harten, spannenden und auch heute noch ungemein lesenswerten Kriminalroman.

 

Buchfoto und Rezension von Gunnar Wolters.

Black And Blue | Erstmals erschienen 1997 bei Orion Books
Gelesene Taschenbuchausgabe: ISBN 978-0-7528-8360-1
512 Seiten | £8,99
Aktuelle deutschsprachige Ausgabe im Goldmann Verlag (Übersetzung aus dem Englischen von Giovanni Bandini)
ISBN 978-3-442-48660-1
624 Seiten | 10,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Stefan Heidsieks Rezension des Romans auf Crimealleyblog

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

Val McDermid | Das Grab im Moor (Band 5)

„Es gibt keine Garantien“, warnte Hamish sie. „Man kann nicht wissen, in welchem Zustand sich Ihr Erbe befindet. Es ist schon ziemlich lange hier unten.“ „Ja, aber es ist doch ein Torfmoor, stimmt’s?“, warf Will ein. „Ich meine, ich habe von Leichen gelesen, die jahrhundertelang in Torfmooren erhalten geblieben sind.“ (Auszug Position 549 E-Book)

Durch die im Moor vorhandenen Torfmoose entsteht ein stark saures Milieu, welches unter anderem dafür sorgen kann, dass Moorleichen über Jahrzehnte gut konserviert bleiben. Diesen Umstand macht sich Val McDermid in ihrem 5. Fall um die auf Cold-Case-Fälle spezialisierte Polizistin Detective Chief Inspector Karen Pirie zu Nutze.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Schatzsuche in den Highlands
Die Schatzkarte des verstorbenen Großvaters hatte ein amerikanisches Ehepaar in die Highlands geführt. Auf der Suche nach ihrem Erbe waren sie an einem abgelegenen Ort im Moor fündig geworden. Mit Hilfe des ortsansässigen Bauern oder besser Highlanders, Hamish Mackenzie, finden sie auf dessen Grundstück nicht nur die zwei vergrabenen Motorräder, die der Großvater am Ende des zweiten Weltkrieges entwendete und vergraben hatte. In der Grube taucht überraschend auch eine männliche, aufgrund der Bodenverhältnisse gut erhaltene Leiche auf. Und hier kommt DCI Pirie auf den Plan, denn die Nike-Turnschuhe des Opfers können exakt ins Jahr 1995 verortet werden. Aufgrund des guten Zustandes der Leiche hofft man auf eine schnelle Identifizierung. Die engagierte Chefin der Historic Cases Unit ist grade in den schottischen Highlands unterwegs, da in einem alten Fall aus den 80er Jahren, bei dem es um brutale Vergewaltigungen und Morde an Prostituierten geht, neue Hinweise auftauchten.

Die Autorin erzählt die Geschichte auf mehreren Zeitebenen, denn immer wieder erfahren wir durch Rückblicke in das Jahr 1944 und danach, wie und warum es dazu kam, dass die beiden amerikanischen, wertvollen Maschinen beim Truppentransport irgendwie „verloren“ gingen und von zwei ehemaligen Soldaten vergraben wurden.

Pirie hat es grade nicht leicht, privat leidet sie immer noch unter dem schmerzlichen Verlust ihres Lebensgefährten und beruflich macht ihre neue Vorgesetzte Assistant Chief Constable Ann Markie ihr das Leben mit vielen unnötigen Schikanen schwer. Der immer wie aus dem Ei gepellten Markie ist besonders die Außenwirkung der schottischen Polizei wichtig. Sie unterstützt die HCU, solange sich die Fälle der Police Scotland in den Abendnachrichten gut verkaufen lassen. Als DCI Pirie rausfindet, dass ein neu eingesetzter Kollege als Spitzel auf sie angesetzt wurde, wird ihr klar, dass Markie sie unbedingt loswerden will. Auch wenn sie erst mal die Gründe nicht versteht, denn die Erfolgsrate der HCU ist sehr gut. Zur gleichen Zeit wird Pirie in ihrem syrischen Lieblingscafe in Edinburgh Zeugin eines Gesprächs zweier Frauen am Nebentisch und ahnt aufgrund der Äußerungen, dass hier ein Verbrechen geplant wird. An einer Stelle denkt sie:

Das Ganze hatte etwas Bühnenhaftes, fast, als wäre es eine absichtsvolle Darbietung. (Auszug Pos. 281 E-Book)

Meine Meinung
Das hat mich auch anfänglich beim Lesen dieses Kriminalromans gestört. Die Dialoge wirken nicht natürlich, sondern oft aufgesetzt und lediglich dafür da, den Leser über einen Sachstand zu informieren. Die Charaktere waren mir zu oberflächlich und nicht tief genug gestaltet, auch werden zahlreiche Klischees bedient. Ich möchte beispielhaft den knapp zwei Meter großen Highlander Hamish herausgreifen:

Sein Haar, das die gleichen Schattierungen aufwies wie die Torfziegel, die in ihrem Wohnzimmer aufgeschichtet waren, fiel ihm in widerspenstigen Locken auf die Schultern. Der üppige Bart sah so weich aus, dass sie am liebsten das Gesicht darin vergraben hätte. Er trug einen weiten, handgestrickten Pullover in Waldbeerenfarbe über einem Kilt, der schmale Hüften und muskulöse Waden betonte. Dicke Wollstrümpfe warfen über einem Paar abgenutzter Arbeiterstiefel Falten. Er war nicht unbedingt schön. Aber prächtig. Entweder war das Hamish Mackenzie, ging es ihr durch den Kopf, oder irgendein Prinz aus Game of Thrones. (Auszug Pos. 397 E-Book)

Hinzufügen könnte ich noch, dass sich die Küche seines weißen Cottages „undefinierbar männlich anfühlt“ und bevor man sich wundert: Edelstahl und auf weichen Glanz polierte Eiche sowie Küchengeräte, die man nur aus Kochsendungen kennt. Aber Schluss jetzt mit Hamish!
Wir haben es hier mit vielen verschiedenen Handlungslinien zu tun, und es ist der Souveränität der Autorin zu verdanken, dass sie sich zu keinem Zeitpunkt verzettelt. Die Geschichte lässt sich flüssig lesen, der Schreibstil ist ruhig fast betulich. McDermid verzichtet auf Actionszenen, der Fokus liegt dafür auf akribisch beschriebener Polizeiarbeit. Einmal an den bedächtigen Erzählstil gewöhnt, der keine nervenzerreißende, atemlose Spannung bietet, empfand ich Interesse an den Entwicklungen der diversen Fälle und ich habe gerne weiter gelesen.

Dabei haben mich aber immer wieder einige Kleinigkeiten gestört, wie die Angewohnheit, alle mit lächerlichen Spitznamen zu versehen und diese gefühlt in jedem zweiten Satz zu benutzen. Auch für meinen Geschmack sehr nervig waren das ständige Zelebrieren von Kaffeeholen und das Aussuchen der diversen Kaffeesorten. Als Karen in Edinburgh wieder auf Hamish trifft, den ich noch mal erwähnen muss, stellt sich heraus, dass er neben einem Leben als Bauer auch noch eine Coffeeshop-Kette in Edinburgh besitzt.

Foto von Stefan Heidsiek / Crimealleyblog

Zwischendurch wirft McDermid routiniert durch ihre Protagonistin Karen Pirie auch kritische Blicke auf das heutige Edinburgh, wenn es um Gentrifizierung oder die Arbeit der Stadtplaner geht, die ursprüngliche Viertel zugunsten des Tourismus aufmöbeln möchten. Vielleicht nicht der beste Krimi der Bestseller-Autorin, handelt es sich doch um solide irgendwie gemütliche Krimikost mit Schottland-Flair. Ich möchte eigentlich nur wissen, wie es mit Karen und ihrem Hipster-Barista Hamish weitergeht.

Die Queen of Crime
Val McDermid wurde 1955 in der Hafenstadt Kirkcaldy im schottischen Fife geboren. Aus einer Bergarbeiterfamilie stammend, war sie die erste aus der Familie, die auf eine Universität ging. Schon mit 17 Jahren studierte sie in Oxford Englische Literatur. Nach dem Abschluss war sie als Journalistin, als Bühnenautorin und auch als Literaturdozentin erfolgreich, bevor sie 1987 als Schriftstellerin debütierte. Mittlerweile erscheinen ihre Bücher weltweit in mehr als 30 Sprachen und die mit zahlreichen Preisen ausgezeichnete Autorin gilt als eine der erfolgreichsten britischen Schriftstellerinnen im Spannungsgenre. Neben einigen bekannten Serienfiguren wie die Journalistin Lindsay Gordon oder die Privatdetektivin Kate Brannigan schaffte es die Reihe um Profiler Tony Hill und DI Carol Jordon sogar ins Fernsehen. Die TV-Serie „Hautnah – Die Methode Hill“ entstand zwischen 2002 und 2008. McDermid engagiert sich für die Gleichstellung Homosexueller und ist eine Unterstützerin des Referendums über die Unabhängigkeit Schottlands.

 

Buchfoto und Rezension von Andy Ruhr.

Das Grab im Moor | Erschienen am 1. September 2020 im Droemer Verlag
ISBN 978-3-426-28223-6
496 Seiten | 16.00 Euro
Originaltitel: Broken Ground (Übersetzung aus dem Englischen von Ute Brammertz)
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Stuart MacBride | Die dunklen Wasser von Aberdeen

Stuart MacBride | Die dunklen Wasser von Aberdeen

Kaum zweieinhalb Meter von der Stelle entfernt floss der Don vorbei; scheinbar lautlos schossen die dunklen Fluten des angeschwollenen Flusses vorüber. Kleine Lichtpunkte tanzten auf der Oberfläche – die Scheinwerfer spiegelten sich in den schwarzen Wassermassen, zitternde Gebilde, die sich im prasselnden Regen unentwegt auflösten und neu formten. Man mochte über Aberdeen sagen, was man wollte – was Regen betraf, machte der Stadt so schnell keiner was vor. (Auszug S.12)

Detective Sergeant Logan McRae ist den ersten Tag nach schwerer Verletzung und Rehabilitation wieder im Dienst der Aberdeener Kriminalpolizei, da gibt es den Fund einer Kinderleiche in einem Graben am Ufer des Don. Das Opfer ist ein seit längerem vermisst gemeldeter dreijähriger Junge, der erwürgt, missbraucht und verstümmelt wurde. Eine Ermittlergruppe der Grampian Police beginnt fieberhaft mit den Ermittlungen, ist aber noch nicht wirklich weiter, als weitere Vermisstenmeldungen eingehen. Dann wird auf einmal auf einer Müllkippe eine weitere Kinderleiche entdeckt, diesmal ein Mädchen.

Die erste Tat zeigt eindeutig die Zeichen eines sadistischen Serienmörders. Allerdings passt die zweite Leiche nicht wirklich ins Bild. Anderes Geschlecht, anderer Modus operandi. Hat man es mit zwei Mördern zu tun? Die Polizei arbeitet hart, aber wird von den Ereignissen schier überrollt. Zudem gibt es irgendjemanden innerhalb der Behörde, die Interna an die Presse weitergibt. Diese schlachtet die Fälle aus, wirft der Polizei Versagen vor und treibt die Beamten vor sich her. McRae versucht, System in die Fälle zu bringen, allerdings ist er sich stets bewusst, dass angesichts der vermissten Kinder die Zeit gegen ihn spielt.

Trotz gewisser Diversität der schottischen Kriminalliteratur war zumindest ich vom Wissen um die bekanntesten Ermittlern schon ein wenig auf die beiden Metropolen Glasgow (Laidlaw) oder Edinburgh (Rebus) ausgerichtet. 2005 brachte Stuart MacBride mit seiner Reihe um DS McRae eine weitere Stadt als Schauplatz ins Spiel, die nördlichste Großstadt der britischen Inseln – Aberdeen. Aberdeen ist eine Stadt der Fischerei und der Ölindustrie und zahlreicher Gebäude aus Granit (daher auch der Originaltitel: „Cold Granite“). Auf den ersten Blick kein Touristenmagnet, auch angesichts des Wetters. Selten habe ich ein Buch gelesen, bei dem der Schauplatz so gnadenlos kalt, verregnet und verschneit dargestellt wurde. Aber das Wetter bestimmt in diesem Fall auch das Gemüt des Buches und der beteiligten Figuren.

Logan McRae arbeitet als zweithöchster Ermittler im Team des Detective Inspektor Insch. Mehrere Monate lang war er außer Dienst, nachdem er im Einsatz schwer verletzt wurde und wohl auch sein Leben auf der Kippe stand. Zum Dank taufen ihn die Kollegen bei der Wiederkehr „Lazarus“. McRae trauert anfangs noch seiner Ex hinterher, der stets zu gut gekleideten und eher eiskalten Rechtsmedizinerin Isobel McAlister. Doch McRae lernt zunehmend die Qualitäten der ihm zugeteilten burschikosen, leicht aufbrausenden Constable Jackie Watson. Sein direkter Vorgesetzter, DI Insch, fällt durch seine Sucht nach zuckerhaltigen Süßigkeiten auf, die ebenfalls beteiligte DI Steel ist eine kettenrauchende, fluchende Lesbierin, die bevorzugt bei den Ehefrauen der Kollegen wildert. Ein durchaus spleeniges Ensemble, das um weitere spannende Nebenfiguren ergänzt wird. Dabei vermeidet MacBride aber geschickt, dass die Hauptfiguren trotz mancher Überspitzung in absurde Karikaturen abzugleiten drohen.

Ein Lächeln breitete sich auf seinen Lippen aus; wie Flammen in einem brennenden Haus. Er sollte allmählich seine Medikamente nehmen, aber nicht jetzt. Noch nicht.
Nicht, wenn es so viele tote Geschöpfe gab, an denen er sich erfreuen konnte. (Auszug S.7)

Ein Absatz aus der Perspektive des Killers? Vielleicht, aber keine Sorge. Dieser Roman ist trotz der zahlreichen Leichen und weiterer Unappetitlichkeiten keiner dieser Serienkillerthriller, bei denen abwechselnd vermeintlich versiert in die Psyche des abgründigen Täters eingetaucht wird. Der Krimi ist eigentlich ein klassischer Polizeiroman, bis auf sehr wenige Ausnahmen komplett aus der Perspektive McRaes erzählt. Eindrucksvoll schildert MacBride den unglamorösen Polizeialltag, das Klinkenputzen, vergebliche Mühen, interne Querelen und vor allem auch den harten Alltag der mittleren und unteren Dienstgrade. Da wird auch schon mal ausgiebig gekotzt und im Pub gesoffen. Der Plot ist insgesamt ziemlich komplex, es gibt tatsächlich einen Serienmörder-Fall, der aber überlagert wird von anderen Fällen, die Parallelen ausweisen oder tatsächlich überraschende gemeinsame Bezugspunkte haben. Keine leichte Sache für DS Logan McRae, auch für den Leser, aber es spricht für den Autor, die Fäden beieinander zu behalten und zu einem plausiblen Ende zu führen.

„Die dunklen Wasser von Aberdeen“ war 2006 ein weiterer Meilenstein in der Tradition der schottischen Kriminalliteratur. Ein Polizeikrimi, der sich gekonnt des Serienmörder-Themas bedient, ohne in die üblichen Schemata zu verfallen. Der außerdem gekonnt schwarzen Humor mit harten Kriminalfällen, dem alltäglichem zwischenmenschlichen Wahnsinn und menschlichen Tragödien verbindet. Inzwischen umfasst die Reihe zwölf Bände und ich habe mal wieder das alte Problem der Vielleser: Müsste ich nicht eigentlich nach diesem reizvollen Auftakt die weiteren Bände nachholen?

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die dunklen Wasser von Aberdeen | Erschienen 2006 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-46165-3 | 544 Seiten
aktuell nur als E-Book erhältlich:
ISBN 978-3-641-12238-6 | 8,99 €
Originaltitel: Cold Granite (Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Jäger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe