Kategorie: SoKo

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Rezensionsdoppel Mexiko II: Jeanine Cummins | American Dirt & Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Vor etwas mehr als einem Jahr habe ich bereits eine Doppelrezension mit zwei Romanen aus Mexiko gemacht: Fernando Melchor „Saison der Wirbelstürme“ und Antonio Ortuño „Die Verschwundenen“. Tenor damals wie heute: Mexiko als ein gescheiterter Staat, geprägt von Korruption und Kartellen und eine Atmosphäre der Gewalt bis in alle Gesellschaftsschichten. Das Thema interessiert mich weiterhin, so dass ich immer nach Romanen aus bzw. über Mexiko Ausschau halte. Zwei davon habe ich wieder zu einer Doppelrezension zusammengefasst. Zum einen ein viel diskutierter Roman. „American Dirt“, umstrittener Roman der US-amerikanischen Autorin Jeanine Cummins – vor allem auch umstritten, weil hier eine Außenstehende sich des Themas Gewalt in Mexiko annimmt. Zum einen ein Buch eines Insiders: Jorge Zepeda Pattersson, Journalist, politischer Analyst, hat seine Erfahrungen im Roman „Die Korrupten“ niedergeschrieben. Zeit für eine Doppelrezension.

Jeanine Cummins | American Dirt

Eine Geburtstagsfeier in Acapulco. Die Buchhändlerin Lydia, ihr Mann Sebastián und ihr achtjähriger Sohn Luca feiern quinceañera, den 15.Geburtstag ihrer Nichte, mit einer Grillparty im Kreise der ganzen Familie. Da betreten Sicarios das Grundstück und erschießen die ganze Familie. Nur Lydia und Luca konnten sich im Badezimmer des Hauses verstecken. Lydia weiß sofort, warum dieses Massaker geschehen ist: Ihr Mann, Zeitungsjournalist, ist dem Boss des neuen vorherrschenden Kartells Los Jardineros zu nahe gekommen. Und auch sie selbst verbindet etwas mit „La Lechuza“ – Die Eule.

Ihre Schatten bewegen sich wie ein klobiges Tier den Bürgersteig entlang. Unter dem Scheibenwischer ihres Autos, einem orangefarbenen VW Käfer, den man sofort überall wiedererkennt, steckt ein winziger Zettel, so klein, dass er niccht einmal in der heißen Brise flattert, die durch die Straße weht. […]
Sie […] zieht den Zettel unter dem Scheibenwischer hervor. Ein Wort, geschrieben mit grünen Textmarker: Buh! Der hastige Atemzug, den sie tut, fühlt sich an wie ein Stich durchs Innerste ihres Körpers. Sie schaut zu Luca hinüber, zerknüllt den Zettel in ihrer Faust und stopft ihn in ihre Tasche.
Sie müssen verschwinden. Sie müssen fort aus Acapulco, so weit fort, dass Javier Crespo Fuentes sie niemals finden kann. Sie können nicht mit diesem Auto fahren. (S.28-29)

Lydia entscheidet sich schnell zur Flucht nach „el norte“, in die Vereinigten Staaten. Doch sie weiß, dass sie nun eine der meist gesuchten Frauen in Mexiko ist – und die Kartelle sind erheblich effizienter als die Polizei. Mit ihren offiziellen Papieren kann sie sich nicht mehr fortbewegen. Lydia sieht keinen Ausweg, als sich mit Luca in den stetigen Strom der Illegalen einzureihen. Und diese haben ein bevorzugtes Fortbewegungsmittel: „La bestia“, die Güterzüge Richtung Norden. Für Lydia und Luca beginnt eine atemlose Flucht.
„American Dirt“ war vor einem Jahr einer der meist diskutierten Romane in den USA. Das lag aber nur am Anfang am Inhalt des Buches. Diese Fluchtstory und Geschichte einer bedingungslosen Mutterliebe ist handwerklich gut gemacht. Die Flucht von Lydia und Luca ist immer wieder durchsetzt von Spannungshöhepunkten, in Rückblicken wird die Hintergrundgeschichte erläutert. Als Thriller funktioniert der Roman wirklich gut – ob er die Gegebenheiten realistisch wiedergibt, wird von einigen angezweifelt. In der Tat beherbergt der Roman schon ein paar typische Stereotypen und Cummins schwelgt bei „Übermutter“ Lydia schon etwas im Pathos, aber dennoch war es ein guter, unterhaltender und spannender Thriller.

Die Diskussionen rund um das Buch lassen aber schon etwas aufhorchen, denn die Autorin hat sich dabei auch aus meiner Sicht nicht unbedingt klug verhalten. Etwas merkwürdig fand ich nämlich das Nachwort, in dem Cummins zwar eindeutig Empathie für die Situation der Menschen in Mexiko erkennen lässt. Sie stellt sich außerdem die Frage, ob sie als Außenstehende solch ein Buch schreiben dürfe, bejaht sie letztlich, meint aber: „Ich wünschte mir, dass es jemand schreiben würde, der etwas brauer ist als ich“. So schwingt an dieser und an anderen Stellen durchaus eine gewisse Überheblichkeit in ihrem Nachwort mit, die mir auch etwas aufstößt. Die Debatte entzündete sich dann auch an der Frage der „kulturellen Aneignung“, wobei dieses Buch und seine Autorin dabei auch aufgrund des Marketings so stark in den Mittelpunkt geriet.

Jorge Zepeda Pattersson | Die Korrupten

Eine ganz andere Art von Roman, wenngleich auch mit dem Unterthema Journalismus in Mexiko hat der Autor Jorge Zepeda Pattersson geschrieben. „Die Korrupten“ erzählt die Geschichte der „Blauen“: Eine verschworene Jugendclique, drei Jungs und ein Mädchen (die Anführerin), aus gutbürgerlichem bis wohlhabenden Hause, die dreißig Jahre später immer noch Kontakt hält. Tomás ist inzwischen Journalist und Kolumnist einer großen Tageszeitung, Jaime ehemaliger Geheimdienstchef und aktuell Sicherheitsberater, Mario Hochschuldozent und Amelia Vorsitzende der linken Oppositionspartei.

Tomás journalistische Karriere befindet sich ein wenig auf dem absteigenden Ast, seine regelmäßige Kolumne hat an früherem Biss verloren. Da erhält er von einem Informanten einen Hinweis zum Mord an der bekannten Schauspielerin Pamela Dosantos. In seiner Kolumne bringt er den gefürchteten mexikanischen Innenminister Salazar vage in Verbindung mit dem Mord, löst damit einen politischen Skandal aus und gerät buchstäblich in die Schußlinie. Eine Entführung von Tomás misslingt nur knapp. Verschiedene politische, aber auch kriminelle Kräfte (wobei dies in Mexiko üblicherweise schwierig auseinanderzuhalten ist) wollen weitere Enthüllungen zum Mordfall Pamela verhindern. Doch die „Blauen“ halten zusammen, schmieden Pläne und blasen zum Gegenangriff, wobei ihnen zugutekommt, dass Pamela über ihre Liebschaften mit Prominenten und Politikern brisantes Material zusammengetragen hat. Die „Blauen“ sind durchaus auch mit allen Wassern gewaschen und sie beginnen zu ahnen, dass es zu einem politischen Beben kommen kann, zu Ungunsten der wieder aufkommenden autokratischen Kräfte Mexikos. Doch die Recherchen bleiben lebensgefährlich.

„Moment mal! Was ist, wenn Salazar gar nichts mit ihrem Tod zu tun hat? Wir können ihn doch nicht einfach lynchen?“, wandte Mario ein.
Die drei blickten ihn verwundert an. Jaime brach als Erster in Gelächter aus, Amelia umarmte Mario liebevoll.
„Mein Lieber, es geht hier doch gar nicht um Salazars Schuld oder Unschuld“, versicherte sie. „Es geht um die unmittelbare Zukunft des Landes.“ (E-Book, Pos.1643)

Kennt noch jemand „Borgen“, diese Fernsehserie um den intriganten Politbetrieb im Staate Dänemark? Eine wirklich starke Serie, was Dialoge, Story und Figurendarstellung betrifft und ein Musterbeispiel, wie man öde Politik spannend auch einem größeren Publikum nahebringen kann. Während der Lektüre von „Die Korrupten“ drängte sich mir irgendwann der Vergleich zu „Borgen“ förmlich auf, wenngleich die Dänen sich doch deutlich mehr in den Parlamentsfluren aufhalten. Dennoch hat Autor und Journalist Jorge Zepeda Pattersson einen Thriller über Korruption, Politik und politischen Journalismus geschrieben, der förmlich nach einer Verfilmung schreit. Viele Szenen- und Perspektivwechsel, ein konstanter Spannungsbogen mit einzelnen Höhepunkten, überzeugenden Dialogen und einer Vielzahl von interessanten Figuren, die auch zumeist vielschichtig betrachtet werden und nicht nur eindimensional rüberkommen. Im Vergleich zu „Borgen“ wird das Ganze aber natürlich um einiges mexikanischer serviert: Mehr Blei, mehr Blut, mehr Sex, mehr Theatralik. Aber genau wie in Dänemark Brigitte Nyborg sind inmitten des politischen Maschismo die Frauen die entscheidenden Personen der Geschichte: In diesem Fall die clevere und schöne Amelia und die tote, aber zu Lebzeiten arg unterschätzte Pamela.

„Die Korrupten“ war Zepeda Patterssons Debütroman, erschien im Original bereits 2013 und ist der Auftakt einer Trilogie um „Die Blauen“. Auf Deutsch sind bislang zwei Titel im schweizer Elster Verlag erschienen. Der Autor gibt in einem Interview mit dem „Spiegel“ einen Einblick in seine Motivation. Er stellt fest, „dass journalistische Texte nicht das ganze Bild der Korruption in Mexiko wiedergeben können“, da viele Betroffene aus Angst um ihr Leben nicht aussagen. „Fiktion lässt sich leichter verdauen als der Bericht eines Journalisten. Die Leute mögen es nicht, ihren Namen in einem Text zu lesen.“ Und er erläutert eine bekannte Redewendung in der mexikanischen Politik: „Ein armer Politiker ist ein armseliger Politiker.“ Insgesamt bietet „Die Korrupten“ einen sehr anregenden Einblick in die politischen Gegebenheiten Mexikos und ist dabei sehr leichtgängig geschrieben. Für diesen Roman gebe ich eine ausdrückliche Leseempfehlung.

 

Rezension und Foto von Gunnar.

American Dirt | Erschienen am 21.04.2020 im Rowohlt Verlag
ISBN: 978-3-499-27682-8
560 Seiten | 15,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Die Korrupten | Im Original erschienen 2013,
die deutsche Ausgabe erschien am 17.02.2020 im Elster Verlag
ISBN: 978-3-906-90315-6
520 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN: 978-3-906-90315-6 | 14,99 €
Originaltitel: Los corruptores
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Politthriller
Wertung: 4.5 von 5.0

Eric Ambler | Der Levantiner

Eric Ambler | Der Levantiner

Inzwischen machte er mir Angst. Ich gebe das zu. Er würde mir immer Angst machen. Ich wußte schon, daß die einzige Möglichkeit, mit ihm fertig werden, für mich darin bestand, ihn umzubringen. Ich rechnete jedoch nicht damit, jemals die Chance zu bekommen, das zu tun; und für ebenso ausgeschlossen hielt ich es, daß der Geschäftsmann Howell ernsthaft erwägen könnte, eine solche Chance, gesetzt, sie böte sich ihm, auch zu nutzen. Ich bin nun einmal kein Freund von Gewalttätigkeiten. (Auszug Seite 151)

Michael Howell ist ein umtriebiger Geschäftsmann und Reeder mit mehreren Geschäftsfeldern an der Levanteküste. Unter anderem besitzt er auch Fabriken in Syrien. Doch die Ereignisse im Nahostkonflikt machen die Geschäfte komplizierter, das syrische Regime beschränkt privatwirtschaftliche Aktivitäten und friert Gelder von Howell ein. Mit einem Deal mit einem hohen Beamten glaubt Howell, seine Geschäfte halbwegs retten zu können, doch dafür muss er sich auch planwirtschaftlich betätigen. Einer dieser Planfirmen ist eine unrentable Batteriefabrik, die Howell widerwillig betreibt. Als er feststellt, dass ein leitender Mitarbeiter merkwürdige Materiallieferungen bestellt, begibt er sich eines Abends mit seiner Assistentin und Geliebten Teresa Malandra in die Fabrik, um dem nachzugehen. Dort sieht er sich plötzlich einer palästinensischen Untergrundgruppe gegenüber.

Chef des Palästinensischen Aktionskommandos ist Salah Ghaled. Seine Gruppe ist innerhalb der Palästinenser in Ungnade gefallen, daher drängt er auf einen spektakulären Coup, einen groß angelegten Terrorangriff auf Israel. Dafür benötigt er Howells Fabrik und möglicherweise auch noch dessen ingenieurtechnisches Knowhow. Daher bedroht Ghaled Howell und zwingt ihn, ein falsches Geständnis zu unterschreiben. Howell hat keine andere Wahl, als mitzumachen, weiß er doch, dass Ghaled im Hintergrund doch noch Gönner im syrischen Regime haben muss. Es entwickelt sich ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Ghaled und Howell, der nach Auswegen sucht, um den Terrorangriff zum Scheitern zu bringen und selbst mit heiler Haut davonzukommen.

Der Roman aus Amblers 2. Schaffensphase erschien 1972 und erhielt damals den Gold Dagger als bester englischsprachiger Kriminalroman. Der Roman spielt vor dem Hintergrund des Sechstagekriegs 1967 und des Schwarzen September 1970. Im Sechstagekrieg hatten die Israelis unter anderem das Westjordanland (damals jordanisches Staatsgebiet und bis heute Heimat vieler Palästinenser) besetzt. Die PLO und andere palästinensische Organisationen suchten daraufhin mehr und mehr die offene Konfrontation mit dem jordanischen Königshaus, bis hin zu einem Attentatsversuch im Juni 1970. König Hussein und das ihm ergebene Militär setzten daraufhin zu einem Gegenschlag im September 1970 an und vertrieb nach langen Kämpfen die palästinensischen Befreiungsorganisationen, die teilweise von syrischen Kräften unterstützt wurden, aus Jordanien. Es zeigte sich, dass es mit der Einigkeit der arabischen Staaten und innerhalb der Palästinenser nicht so weit her ist.

Dies ist auch die Situation von Salah Ghaled, der eine Splittergruppe anführt und die Unterstützung der mächtigen PLO um Yassir Arafat verloren hat. Den Respekt will er sich mit einem großangelegten Terrorakt zurückholen. Ghaled tritt als typischer terroristischer Anführer auf, der es versteht, mit Propaganda, gewissem Charme und unterschwelligen Drohungen bis hin zur Gewalt seine Gruppe zu leiten. Er muss zudem im syrischen Regime Unterstützer haben, die ihn zwar nicht offen unterstützen, aber ihre schützende Hand über ihm halten. Dies ist auch Michael Howell klar, der dadurch nur wenige Optionen hat. Ghaled bei den Syrern anschwärzen geht nicht und angesichts der terroristischen Verbindungen Ghaleds erscheint Howell auch die Flucht aus Syrien nicht ratsam, zumal er dann auch seine Geschäfte aufgeben müsste. Also spielt er erstmal das Spiel notgedrungen mit. Michael Howell ist zyprisch-libanesisch-armenischer Abstammung mit britischen Vorfahren und dementsprechend eine interessante Kombination aus distinguiertem, leicht arrogantem Briten und einem kaufmännisch-gewitzten Levantiner. Howell gesteht zwar seine Angst vor Ghaled ein. Diese hindert ihn jedoch nicht daran zu glauben, dass er den Palästinenser geschickt ausmanövrieren kann.

Die Maßstäbe heutigen Thrillererzählens darf man bei Eric Ambler nicht anlegen. Ambler setzt Spannungsmomente dosiert ein, erklärt viel drumherum, aber macht dies ungemein intelligent und literarisch versiert. Das Geschehen wird in Form einer Nacherzählung von Michael Howell erzählt, während er von dem Journalisten Lewis Prescott befragt wird. Der Großteil wird aus Howells Perspektive betrachtet, aber in einigen Abschnitten auch aus den Blickwinkeln von Prescott und Howells Assistentin Teresa, was nochmal die Figurenzeichnung erheblich unterstreicht. Vor allem die Ambivalenz in Howells Charakterzügen wird so erheblich verfeinert. So entwickelt Ambler einen ganz eigenen Stil in diesem Roman, wobei er sich mit Wertungen zurückhält und eher distanziert, wenngleich mit leichter Ironie, die Gegebenheiten beschreibt. Dabei erhält der Leser einen Einblick in die damaligen Verhältnisse in Nahost, aber auch in die schwierige, inhomogene Gesamtlage bei den Arabern/ Palästinensern, was bis heute anhält. Den Abschluss in einem veritablen Showdown erhält die Geschichte dann auf einem Schiff wenige Kilometer vor Tel Aviv.

Insgesamt war es für mich wieder eine angenehme Begegnung mit einem Autor, dessen Thriller vielleicht nicht die Rasanz anderer Kollegen haben, der dafür aber die politischen und gesellschaftlichen Hintergründe seiner Themen umso feiner herausarbeitet.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Levantiner | Erstmals erschienen 1972, die gelesene Ausgabe erschien 1975 im Diogenes Verlag
zurzeit nur antiquarisch erhältlich
ISBN 978-3-257-20223-7
360 Seiten

Auch bei uns: Rezensionen zu den Ambler-Romanen Die Maske des DimitriosUngewöhnliche GefahrBitte keine Rosen mehrDoktor Frigo und Der Fall Deltschev sowie ein Porträt des Autors.

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Syrien und Israel.

Dror Mishani | Die schwere Hand Bd. 3

Dror Mishani | Die schwere Hand Bd. 3

Das war eine Vereinbarung, die Coby nicht brechen durfte: Egal, was zwischen ihnen passierte, er würde sie nie wieder allein schlafen lassen. Sie lag im Bett und versuchte, an das Gespräch mit Daniela zu denken und an die Schwangerschaft, von der sie noch niemandem erzählt hatte, und nicht an die schwere Hand, denn daran durfte sie nicht erinnert werden, nicht, wenn Coby nicht bei ihr war. (Auszug Seite 87)

Das Opfer

Die 60-Jährige Lea Jäger wird tot im Wohnzimmer ihrer Wohnung gefunden. Sie wurde brutal gewürgt und erschlagen. Als Oberinspektor Avi Avraham am Tatort eintrifft, ist er wie vor den Kopf gestoßen, als er feststellt, dass er die Tote kennt. Vor einigen Jahren wurde sie Opfer einer Vergewaltigung, die Avi bearbeitet hatte. Der aufgrund ihrer Aussage verurteilte Täter sitzt im Gefängnis. Er bestreitet allerdings bis heute die Tat. Da seine Familie in der Vergangenheit mehrfach Lea Jäger Rache geschworen hat, rücken die Familienmitglieder auf der Liste der Verdächtigen ganz weit nach vorne.

Auch Lea Jägers Sohn rückt in den Fokus der Ermittlungen, da er sich in Widersprüche verwickelt und mit irgendwas hinterm Berg hält. Eine weitere Spur führt direkt ins Polizeipräsidium, denn ein älterer Nachbar will im Treppenhaus einen Polizisten gesehen haben, der das Haus verlassen hat. Aber keine Dienststelle weiß etwas davon und der Polizist bleibt unauffindbar. Avraham geht auch gegen den Widerstand seines Vorgesetzten einer Spur nach und sucht nach Frauen, die nach einer Vergewaltigung erneut von einem Polizeibeamten verhört werden.

Der Täter

Parallel dazu wird in einem weiteren Handlungsstrang die Geschichte von Mali Bengtson erzählt. Auch die Bankangestellte wurde vor einigen Jahren auf einem Betriebsausflug in einem Hotel im Seebad Eilat Opfer einer Gewalttat. Der vermummte Täter konnte nie gefasst werden und Mali litt auch darunter, dass man ihre Geschichte anzweifelte. Ihr Ehemann Coby Bengtson, ein Einwanderer aus Australien stand der Mutter von zwei Mädchen in dieser schweren Zeit stets zur Seite. Aber in der letzten Zeit verhält er sich immer rätselhafter. Erst vermutet Mali, dass der labile Coby unter Depressionen leidet, weil er zum wiederholten Mal seinen Job verlor. Doch sie kommt nicht mehr an ihn ran und es wird klar, dass mehr dahinter stecken muss. Sie hat ihm noch nicht mal erzählt, dass sie ein weiteres Kind erwartet.

Als Leser ist man dem Ermittler-Team immer um einiges voraus, man ahnt die Zusammenhänge, kann sich aber kein Motiv vorstellen. Langsam laufen beide Parallelgeschichten aufeinander zu und münden in einer dramatischen Situation, die sehr tragisch endet. Den Täter erahnt man früh, auch der Klappentext verrät schon viel, trotzdem entwickelt die Geschichte einen Sog, dem man sich nicht so leicht entziehen kann. Der Roman kommt eher gemächlich und unaufgeregt daher, die Spannung entwickelt sich subtil. Die genannten Gewalttaten und deren Aufklärung stehen nicht so im Mittelpunkt, der Fokus liegt eher auf dem Innenleben der Charaktere. Dabei versteht es der israelische Autor Dror Mishani wie kein anderer, seine Figuren in ganz alltäglichen Situationen zu schildern. Als Leser verfolgt man gebannt, wie ganz normale Menschen an ihre Grenzen kommen, in Abgründe blicken und ihre Welt ins Wanken gerät.

Der Ermittler

Auch Avi Avraham ist ein Ermittler mit Fehlern und Schwächen und wirkt dadurch sehr authentisch. Der 39-jährige begeisterte Krimileser ist just zum Leiter des Ermittlungsdezernats von Cholon-Ayalon, einer grauen Industriestadt südlich der israelischen Metropole Tel Aviv, ernannt worden. In dieser Funktion ist es sein erster Mordfall und er fühlt sich der Verantwortung noch nicht so richtig gewachsen. Er grübelt viel und zweifelt, auch an sich selbst. Dabei vermisst er seine frühere Vorgesetzte, mit der er sich immer besprochen hat, die aber wegen einer Krebserkrankung länger ausfällt. Trotzdem geht er eigene Wege und entscheidet oft aus dem Bauch heraus.

Auch privat gibt es einige Baustellen, die ihn belasten. Der Kettenraucher hat seiner Freundin zuliebe, die er in Belgien kennengelernt hat, mit dem Rauchen aufgehört. Marianka ist mittlerweile zu ihm gezogen. Als ihre Eltern zu Besuch kommen, wollen sie Marianka sehr zum Leidwesen von Avi davon überzeugen, wieder nach Belgien zurückzukommen, da sie auch wegen mangelnder Hebräisch-Kenntnisse in Israel noch nicht richtig Fuß fassen konnte. Nichts Weltbewegendes, sondern alles wie im richtigen Leben.

Das Fazit

Die schwere Hand ist der 3. Kriminalroman um Avi Avraham und durch das ganze Buch ziehen sich Melancholie, Tristesse und Schwermut, wie man es selbst in skandinavischen Kriminalromanen selten findet. Der literarische Krimi ist eher ein Psychogramm, in dem Mishani menschliche Tragödien beschreibt und ein feines, psychologisches Bild seiner Figuren zeichnet. Für mich plätscherte es zu sehr dahin, der zögerliche Avi ist ein ganz normaler und dadurch sympathischer Typ, aber mir fehlte der Reiz, noch mehr von ihm zu erfahren. Zum Ende hatte ich mir noch einige Überraschungen erhofft, die ausblieben und im Ganzen blieb mir zu viel offen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die schwere Hand | Erschienen am 29. Januar 2018 bei Hanser im Paul Zsolnay Verlag
ISBN 978-3-55205-884-2 | Taschenbuch ISBN 978-3-423-21821-4 (dtv 10.95 Euro)
288 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zu Dror Mishanis Roman Drei

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Syrien und Israel.

Rafik Schami | Die geheime Mission des Kardinals ♬

Rafik Schami | Die geheime Mission des Kardinals ♬

Im Jahr 2010 ist der Bürgerkrieg in Syrien noch nicht ausgebrochen, aber die politische Lage ist brenzlig und explosiv, man spürt, dass etwas in der Luft liegt. In dieser Zeit wird Kommissar Zakaria Barudi mit einem sehr brisanten Fall betraut. Die italienische Botschaft in Damaskus hat eine mehr als schaurige Lieferung erhalten: Ein riesiges Fass, in dem sich neben dem teurem Olivenöl auch noch die rätselhaft präparierte Leiche eines Kardinals aus dem Vatikan befindet. Dem Korpus wurden Silberstücke in die Augenhöhlen gesteckt und ein Basaltstein fachmännisch an Stelle seines Herzens eingepflanzt.

Barudis Nachforschungen werden nicht nur durch die allgegenwärtige Korruption erschwert, auch kann er niemandem trauen, selbst im Kommissariat nur seinem Kollegen Schukri. Seine Arbeit wird auch durch diverse Geheimdienste sabotiert, die alles versuchen, um den Vorfall zu vertuschen. Der unpolitische Barudi verzweifelt am System, denn sein Vorgesetzter verlangt, dass er diskret ermittelt. Die diplomatischen Beziehungen zu Italien dürfen auf keinen Fall belastet werden. Deshalb laden die syrischen Behörden einen Kommissar aus Rom ein, um die Ermittlungen zu begleiten. Natürlich soll Barudi den italienischen Kollegen, der lange gegen die Mafia kämpfte, im Auge behalten. Aber in Marco Mancini, einen bekennenden Atheisten und Kenner des Nahen Osten, findet Barudi einen Verbündeten, die beiden verstehen sich auf Anhieb und entdecken viele Gemeinsamkeiten, auch was die unterschiedlichen Kulturen angeht.

Wunderheiler und Scharlatane

Trotz verschlossener Kirchengemeinde finden die beiden Kommissare gemeinsam heraus, dass der hohe Würdenträger der römischen Kurie zu einer geheimen Mission geschickt worden war. Offiziell sollte er ein theologisches Gutachten zu Wunderheilern und Heiligen anfertigen. Im Speziellen ging es um das Wirken eines muslimischen, aber Jesus verehrenden Bergheiligen im Norden des Landes hinsichtlich seiner vielfach bezeugten Heilkräfte. Der Bergheilige in der Nähe von Aleppo kümmerte sich durch bloßes Handauflegen um verzweifelte Menschen. Es stellt sich heraus, dass mächtige Interessen im Vatikan sich für dessen Anerkennung als Heiliger stark machten. Als sich die beiden bezüglich ihrer Erkundigungen in den Norden des Landes begeben, geraten sie in die Hände bewaffneter Islamisten. Hier entsteht kurz eine dramatische Situation, dessen Spannungselement sich aber sehr schnell wieder auflöst.

Mit den beiden sympathischen Kommissaren hat Schami ein klassisches Ermittlerduo an den Start gestellt, aber die Figuren des syrischen sowie des italienischen Kommissars sind mir zu stereotyp gestaltet. Der korrekte Barudi steht nach 46 Jahren kurz vor der Pensionierung. Er gehört zur Minderheit der Christen in Syrien, ist Witwer und trauert sehr um seine verstorbene Frau Basma. Über einen Einzelgänger, der beharrlich und unbestechlich ermittelt, der nicht ruht, bevor er in seinem letzten Fall die wirklichen Hintergründe aufgeklärt hat, habe ich schon zu oft gelesen. Der melancholische Kommissar lernt dann im Hausflur seine Nachbarin kennen und verliebt sich, doch auch diese Liebelei war mir zu holzschnittartig und diese Geschichte wirkte unnötig. Verwunderlich auc,h dass, bei der allgemeinen Atmosphäre des Misstrauens auch innerhalb des Kollegiums, Barudi sofort auf den ersten Blick Vertrauen zu Mancini fand.

Ein meisterhafter Geschichtenerzähler

Der syrische Schriftsteller Rafik Schami, der seit über 50 Jahren in Deutschland lebt, ist bekannt für seinen opulenten, orientalisch-ausufernden Erzählstil. Er ist ein meisterhafter und auch sinnlicher Geschichtenerzähler. In Die geheime Mission des Kardinals zeigt er einen tiefen Einblick in die syrische Gesellschaft kurz vor Ausbruch der Revolte und thematisiert im Besonderen den Aberglauben und ihre geschäftstüchtigen Wunderheiler beziehungsweise Scharlatane. Er hat es sich aber meiner Meinung nach zu einfach gemacht, in dem er dem Leser beziehungsweise dem Hörer ein Bild des Syriens vor der herannahenden Katastrophe vorstellt und darüber einen Krimiplot spannt. Er verschwendet zu wenig Mühen an eine spannungsreiche Strukturierung der Handlung. Mir war es auf weite Strecken zu langweilig und auch zu altbacken. Es fehlen überraschende Wendungen oder zumindest originelle Ideen.

Die beiden Kommissare sitzen ständig in Restaurants und essen nicht nur, nein, sie schwelgen in detailliert beschriebenem, levantinischem Essen und verfallen der Redseligkeit. Da werden Unmengen an Falafel, Hummus und Kibbeh vertilgt und alles mit Wein runtergespült oder zumindest Espresso mit Kardamom getrunken. Die Geschichten und Anekdoten waren mir zu altväterlich. Die beiden sind sich auch immer einig, so dass auch gar keine Reibung entsteht.

Geheime Gedanken im Tagebuch

Unterbrochen wird die Handlung immer wieder durch Tagebucheinträge. Barudi notiert hier seine geheimen Gedanken, weil er noch nicht mal seinen Kollegen, Vorgesetzten oder selbst seinem Hausarzt trauen kann. So entsteht sowas wie eine Lebensbilanz, in der er über Gott und die Welt und über die katastrophalen Zustände in Syrien, das Regime und seine Vergangenheit referiert. Hier ist der Autor auch richtig gut und die Zerrissenheit seiner Hauptfigur und auch das tragische, hoffnungslose Schicksal eines Landes wird deutlich.

Udo Schenk und Jürgen Tarrach lasen das Hörbuch ein und obwohl beide ihre Sache sehr gut machen, habe ich mich immer gefreut, wenn die Tagebucheintragungen von Jürgen Tarrach gelesen wurden. Ich fand es eine gute Idee, diesen Part durch eine andere Stimme vorzutragen.

Rafik Schami zeichnet detailreich ein farbenprächtiges Gesamtbild der Syrischen Gesellschaft vor dem Bürgerkrieg. Mir war es nur zu wenig Kriminalroman.

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Die geheime Mission des Kardinals | Das Hörbuch erschien am 22. Juli 2019 bei Steinbach Sprechende Bücher
ISBN 978-38697-4387-5
2 mp3 CDs | 14.90 Euro
Laufzeit der ungekürzten Lesung: ca. 860 Minuten
Sprecher: Udo Schenk und Jürgen Tarrach
Bibliographische Angaben & Hörprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Syrien und Israel.

Abgehakt | März 2020

Abgehakt | März 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Quartalsende 1/2020

 

Alan Parks | Tod im Februar Bd. 2

Detective Harry McCoy wird zu einem blutigen Tatort auf dem Dach eines Hochhaus-Rohbaus gerufen. Dort wurde ein junger Mann abgeschlachtet, zusätzlich eine Nachricht in seine Brust geritzt. Der Mann war Spieler bei Celtic Glasgow – und mit Elaine Scooby verlobt, Tochter eines lokalen Gangsterbosses. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden: Ein ehemaliger Mitarbeiter Scoobys und angeblich ein verschmähter Verehrer der Tochter. Doch als weitere Morde geschehen und ein Kampf in der Glasgower Unterwelt beginnt, dämmert es McCoy, dass noch einiges mehr dahintersteckt.

Tod im Februar ist der zweite Teil der Reihe um den Glasgower Polizisten Harry McCoy und spielt nur wenige Wochen später als Teil 1 Blutiger Januar im Februar 1973. Es gibt Wiedersehen mit Harrys Kollegen Wattie, seinem väterlichen Vorgesetzten Murray und Cooper, ebenfalls Gangsterboss und Harrys Freund aus Tagen im Kinderheim. Die Atmosphäre ist wiederum düster, das Setting in Glasgow in den 70ern ist rau und schmuddelig, voller Drogen und Alkohol. Während des Falles kommt zudem Harrys und Coopers traurige Vergangenheit wieder hoch, die sie nie ganz hinter sich lassen können und die auch ihre Handlungen in der Gegenwart beeinflussen. Harry ist ein waschechter hardboiled Cop, empathisch für die Gebeutelten, grimmig gegenüber den Bösen. Seine Beziehung zu Cooper ist als Cop natürlich hochproblematisch. Und diesmal wandelt Harry nicht nur auf der Grenze zwischen hell und dunkel, diesmal wird er sie auch überschreiten.

Insgesamt ein wirklich guter, souverän erzählter, hartgesottener Krimi mit einem sehr gelungenen Schauplatz. Hoffentlich hält die Qualität der Reihe an.

 

Tod im Februar, erschienen am 28. Oktober 2019 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27198-2
432 Seiten | 16.- Euro
Originaltitel: February’s Son
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/ Hardboiled
Wertung: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zum 1. Teil der Reihe Blutiger Januar

 

Oliver Buslau | Feuer im Elysium

Wien im April/Mai 1824: Die Stadt fiebert der Aufführung der neuesten, der neunten Sinfonie vom alten Meister Ludwig van Beethoven entgegen. Lange Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört, doch das neue Werk soll etwas ganz besonderes sein. Geradezu revolutionär. Ein Wort, dass man in Wien in diesen Tagen nicht gerne hört. Und so ist vielen Reaktionären in Adel und Beamtenschaft die Uraufführung ein Dorn im Auge. In diesen Tagen kommt der junge Sebastian Reiser in die Stadt. Er sollte die Schlossverwaltung des Edlen von Sonnberg übernehmen und später vielleicht die Tochter des Hauses heiraten. Doch nach dem Unfalltod des Edlen wurde er vom Erben des Schlosses verwiesen und muss in Wien neu anfangen. Dort trifft er auf seinen alten Musiklehrer, Teilnehmer des Premierenorchesters, und einen alten Studienfreund in Diensten der Staatsmacht, der ihn als Spitzel anheuert. Reiser soll sich in die Orchestergruppe der Uraufführung einschleusen und Umstürzler und Revolutionäre denunzieren. Doch Reiser wird von der Kraft von Beethovens Symphonie mitgerissen und befindet sich längst – zunächst ohne es zu ahnen – in der Mitte einer großen Verschwörung.

Ludwig van Beethovens Geburtsjahr jährt sich in diesem Jahr zum 250. Mal. Zeit für eine große kulturelle Vermarktung des Komponisten. Warum dann nicht auch ein Beethoven-Krimi/Thriller? Für Autor Oliver Buslau, Musikjournalist, Amateurmusiker und Krimiautor (mehrere im Umfeld klassischer Musik), lag das förmlich auf der Hand. Am überzeugendsten ist dieser historische Thriller, in dem Beethoven selbst zwar nicht so häufig, aber doch regelmäßig auftritt, wenn es um die klassische Musik und den Schauplatz und die historische Lage im Deutschen Bund und im Kaiserreich geht. Der Wiener Kongress hatte die Restauration der alten Verhältnisse zur Folge, liberales oder gar revolutionäres Gedankengut wurde verfolgt. Starker Mann war der österreichische Kanzler Metternich, der ein umfangreiches Spitzelsystem etablierte. Dagegen fallen manche Teile des Plots etwas ab. Die Hintergrundgeschichte des Sebastian Reiser überzeugt nicht so ganz, vor allem die Auflösung des Komplotts erscheint arg konstruiert. Dennoch war es insgesamt unterhaltend, weitgehend spannend und mit zahlreichen interessanten Fakten versehen.

 

Feuer im Elysium | Erschienen am 23. Januar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0616-3
496 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Historischer Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

James Lee Burke | Straße ins Nichts Bd. 11

Die junge Letty Labiche wartet auf ihre Hinrichtung. Sie hatte einen Mann ermordet, der auf sie und ihre Schwester in der Kindheit öfters aufgepasst hatte. Dave Robicheaux kannte die Beteiligten und verdächtigte den Mann des sexuellen Missbrauchs, ohne dass dies zu beweisen war. Er will Letty vor der Hinrichtung bewahren und recherchiert ihren Hintergrund. Dabei stößt er zufällig auf einen alteingesessenen Zuhälter, der behauptet zu wissen, dass Daves lange verschollene Mutter von Polizisten ermordet wurde. Daves Mutter hatte ihre Familie verlassen, dennoch hat ihm die Ungewissheit, was mit ihr geschehen ist, lange zugesetzt. So setzt er nun alles daran, diese Spur weiterzufolgen und macht sich dadurch natürlich einige Feinde. Dave steht irgendwann vor der Frage, ob die Verantwortlichen mit normalen Mitteln zu belangen sind oder ob er selbst für Gerechtigkeit sorgen muss.

Straße ins Nichts oder Purple Cane Road im Original erschien vor genau zwanzig Jahren als elfter Band der beliebten Reihe um Dave Robicheaux, der wie immer mit seinem besten Kumpel Clete Purcel in New Orleans und Louisiana für Gerechtigkeit sorgen will und dabei in der Wahl der Mittel ein ums andere Mal die Grenzen überschreitet, was ihn allerdings für den Leser umso interessanter macht. Dieses Mal ist der Fall sogar noch eine Spur persönlicher als sonst. Autor James Lee Burke erzählt dies wie immer kraftvoll, mit vielen interessanten Figuren, eingebettet in präzisen und bildlichen Beschreibungen der Natur und Landschaft Lousianas. Es gibt sicher noch stärkere Bände der Reihe, aber Burke ist dennoch eine sichere Bank, immer empfehlenswert.

 

Straße ins Nichts | Erstmals erschienen 2000
ISBN 978-3-86532-675-1
Die Neuauflage erschienen am 15. Januar 2020 im Pendragon Verlag
436 Seiten | 20.- Euro
Originaltitel: Purple Cane Road
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zu weiteren Titeln des Autors James Lee Burke

 

Oyinkan Braithwaite | Meine Schwester, die Serienmörderin

Korede ist Krankenschwester, stammt aus einer relativ wohlhabenden Familie aus Lagos in Nigeria. Korede hat auch noch eine jüngere Schwester, Ayoola. Diese ist eine absolute Schönheit und daher auch bei den Männern sehr beliebt. Im Gegensatz zu Korede. Es gibt aber ein Problem: Ayoola hat schon drei ihrer Verehrer umgebracht.
Korede ist dann die Cleanerin, sie reinigt den Tatort und lässt die Leiche verschwinden. Dass ihre Schwester in Notwehr gehandelt hat, wie sie behauptet, kauft Korede ihr schon längst nicht mehr ab, aber an die Polizei will sie sie auch nicht ausliefern. Da ergibt sich eine neue Situation: Korede ist schon länger in einen Arzt aus ihrem Krankenhaus verliebt, ohne dass es zu einem Date oder Weiterem gekommen wäre. Doch als Ayoola sie auf der Arbeit besucht, springt der Arzt direkt auf Ayoola an und beginnt, mit ihr auszugehen.

Zwei völlig unterschiedliche Schwestern, die eine die Unscheinbare, Vernünftige, die andere die Schöne, Unbekümmerte und Tödliche. Dennoch gilt die alte Regel vom Blut, das dicker als Wasser ist, was im Laufe der Geschichte aber sehr auf die Probe gestellt wird. Autorin Oyinkan Braithwaite erzählt diese Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Korede, was einerseits seinen Reiz hat, andererseits die Perspektive einschränkt und keinen vollen Blick auf die Dinge erlaubt. Immer wieder werden auch Rückblicke eingestreut, die teilweise einiges erhellen, so etwa das schwierige Verhältnis zum nicht liebevollen Vater, was die Schwestern zusammengeschweißt hat. Überhaupt ist dies eine ausgesprochen feminines Buch (feministisch sogar? Ich weiß nicht.), sind doch die Männer weitgehend nur Randfiguren.

Meine Schwester, die Serienmörderin war im englischsprachigen Raum bereits äußerst erfolgreich und war gar für den Man Booker Price nominiert. Die Geschichte ist durchaus reizvoll und unterhält gut. Den Hype halte ich dennoch nur bedingt für gerechtfertigt, denn ich hatte den Eindruck, dass überall noch ein paar Prozente herauszuholen gewesen wären. So schwankt die Autorin für meinen Geschmack zu sehr in der Frage, ob sie die Geschichte eher schwarzhumorig-pulpig oder mit ernsthafter Tiefe erzielen will. Dann wäre aber mehr Tiefe in der Figur der Ayoola wünschenswert gewesen. Dennoch ist dieser Roman absolut keine Enttäuschung, sondern gut geschrieben und mit originellem Plot.

Meine Schwester, die Serienmörderin | Erschienen am 10. März 2020 bei Blumenbar im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-05074-0 | ISBN 978-3-841-21898-8 (eBook)
240 Seiten | 20.- Euro, 14.99 Euro (eBook)
Originaltitel: My Sister, the Serial Killer
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Caroline Eriksson | Die Beobachterin

Elena ist Schriftstellerin und vorübergehend in ein Reihenhaus eingezogen. Während sie dort am Küchentisch sitzt und arbeitet, kann sie die Familie im gegenüberliegenden Haus beobachten und ihr fallen merkwürdige Szenen auf, die sie einerseits für ihr neues Buch nutzt, die sie andererseits aber auch immer fester davon überzeugen, dass dort bald etwas Schreckliches passiert, das sie verhindern muss.

Es handelt sich hier meiner Meinung nach um einen Thriller, der sich flüssig und auch spannend liest und der zum Ende hin einige Wendungen aufweisen kann, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber insgesamt fesselt er mich nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte.

 

Die Beobachterin | Erschienen am 12. November 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10043-0
336 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Hon som vakar
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.