Kategorie: SoKo

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen September 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende September 2022

 

 

Amor Towles | Lincoln Highway

Nebraska Mitte der 50er Jahre. Der 18jährige Emmett Williams wird nach über einem Jahr wegen Totschlags aus der Besserungsanstalt Salina entlassen. Er kehrt zum Familienhaus zurück, wo nach dem Tod des Vaters und dem Verschwinden der Mutter nur noch sein 8jähriger Bruder Billy wartet. Die kleine Farm gehört inzwischen der Bank und Emmett möchte mit Billy ein neues Leben beginnen. Dazu wollen die beiden mit dem alten hellblauen Studebaker über den Lincoln Highway Richtung Kalifornien fahren, wo sie die vor Jahren verschwundene Mutter vermuten. Kurz vor der Abfahrt tauchen Duchess und Woolly, zwei Freunde aus dem Jugendknast mit ganz anderen Reiseplänen auf. Sie stehlen Emmetts Auto samt seinem Geld und machen sich auf den Weg nach New York City, um an Woollys Erbe zu gelangen. Die beiden Brüder sehen sich gezwungen, ihnen per Zug hinterher zu reisen. Das ist der Beginn einer aberwitzigen Reise mit vielen skurrilen Begegnungen und vier sehr unterschiedliche Jugendlichen, die alle ihre eigenen Interessen verfolgen. Der besonnene Emmett, der schon früh Verantwortung übernehmen, sich aber auch mit seinem Jähzorn auseinandersetzen muss, sein kleiner oft altklug wirkender Bruder Billy. Dagegen der durchgeknallte Duchess, der total ichbezogen nur nach seinem eigenen Moralkodex handelt. Und dann noch der liebenswerte Woolly, Spross einer wohlhabenden Ostküstenfamilie, aufgrund seiner kognitiven Einschränkungen immer Außenseiter und unberechenbar in seinen Handlungen.

Die Road Novel beginnt mit Emmetts schicksalhafter Herkunftsgeschichte sowie der Gewalttat sehr vielversprechend und ich genoss das ländliche Setting des mittleren Amerikas. Leider konnte es mich dann aber nicht durchgehend begeistern. Der Plot verfängt sich in vielen Nebenhandlungen, es wird aus nicht weniger als acht Perspektiven erzählt. Dadurch bremst sich die Geschichte immer wieder aus und alles wird nur oberflächlich angerissen. Amor Towles ruhiger Erzählton ist liebenswert charmant, bildgewaltig, rutscht jedoch für meinen Geschmack öfter ins Banale ab. Mir war es oft zu redselig und viele Sätze zu bedeutungsschwanger und mythenbeladen. Die einzelnen Charaktere sind mit Ecken und Kanten gut ausgearbeitet, und besonders Duchess machte es mir oft nicht leicht, seine Eskapaden zu ertragen. Viele überraschende Wendungen hielten mich dann doch bei der Stange und ich wollte auch unbedingt wissen, was es damit auf sich hat, dass die Kapitel des Romans rückwärts gezählt werden.

 

Lincoln Highway | erschienen am 25. Juli 2022 im Carl Hanser Verlag
ISBN 978-34462-7400-6
576 Seiten | 26,00 Euro
Originaltitel: The Lincoln Highway | Übersetzung aus dem Englischen von Susanne Höbel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Gerne: Spannungsroman

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

Chris Hadfield | Die Apollo-Morde

Der Kanadier Chris Hadfield war bis 2013 Astronaut und wurde international vor allem mit seiner Mission auf der ISS Ende 2012 / Angang 2013 bekannt, von wo mit Nachrichten und Bildern von der ISS über die sozialen Medien große Popularität erlangte. Kurz vor seiner Rückkehr zur Erde veröffentlichte Hadfield auch ein Musikvideo, in der er in der Raumstation David Bowies „Space Oddity“ covert. Als Ruheständler begann mit Hadfield mit dem Schreiben, seiner Passion Weltraum ist er aber treu geblieben. Für sein Debüt als Thrillerautor hat er sich die ominöse Apollo 18-Mission ausgesucht, die nie stattfand, aber in der Popkultur immer wieder die Fantasie anregt.

Die NASA hat Budget-Probleme, sodass für Apollo 18 das Pentagon einspringt. Dadurch wird die Mission im Jahr 1972 aber überwiegend militärisch. Die Sowjets haben vor kurzem eine Sonde auf die Mondoberfläche gebracht, zudem wurde die (noch unbemannte) Spionage-Raumstation Almaz in die Umlaufbahn gebracht. Die Crew soll nach Möglichkeit beides auf ihrer Mission sabotieren. Doch Apollo 18 steht unter keinem guten Stern, als der Kommandant bei einem Test-Helikopterflug ums Leben kommt. Die Unglücksursache bleibt unklar, da startet die Mannschaft bereits ins All. Und dort wartet die nächste Überraschung, denn Almaz ist keineswegs unbemannt.

Durchaus pfiffig nutzt Chris Hadfield hier Fakten und Fiktion, um den kalten Krieg der 1970er in den Weltraum zu verlegen. Dabei kommt auch eine Vielzahl reale Persönlichkeiten vor. Er erzählt die Story aus verschiedenen Perspektiven und mit einem großen Fundus aus seiner persönlichen Erfahrung. Das ist auch die große Stärke des Thrillers: Die ganze Mission, die Schauplätze und die Atmosphäre im All und auf dem Mond beschreibt Hadfield sehr anschaulich und authentisch. Da verzeiht man auch den einen oder anderen Hänger im Plot und die ausbaufähigen Figuren. Insgesamt ein ordentliches Weltraumabenteuer von einem echten Insider.

 

Die Apollo-Morde | Erschienen am 15.06.2022 im dtv Verlag
ISBN 978-3-342-322010-1
640 Seiten | 12,95 Euro
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: The Apollo Murders | Übersetzung aus dem Englischen von Charlotte Lungstrass-Kapfer
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Thriller

 

 

Antonio Fusco | Schatten der Vergangenheit

Tommaso Casabona ist Kommissar einer Stadt in der Nähe von Florenz. Vor kurzem hat sich seine Frau von ihm getrennt, Auslöser war eine Affäre mit einem Arzt. Ebenjener Arzt wurde ermordet aufgefunden und ein Mafiakiller als Kronzeuge beschuldigt Casabona des Mordes. Bei einer Hausdurchsuchung flüchtet Casabona, da er nur so glaubt, selbst seine Unschuld beweisen zu können. Die Indizien für seine Tatbeteiligung stehen auf wackligen Füßen, aber offenbar sind die Ermittlungsbehörden bereit, Casabona zu opfern, um die Glaubwürdigkeit des Kronzeugen nicht zu erschüttern. Casabona erhält Unterstützung seiner untergebenen Kollegen und knüpft zudem alte Kontakte ins Mafiamilieu, um die wahren Hintergründe herauszufinden.

Autor Antonio Fusco ist Forensiker bei der italienischen Staatspolizei und hat daher interne Einblicke in die Arbeit der Ermittlungsbehörden, was diesen Krimi interessant macht, da hier offenbar einige auch gegeneinander arbeiten. Die Reihe um Commissario Casabona ist in Italien schon sehr erfolgreich. Umso mehr hat mich irritiert, dass sein deutscher Verlag nun mit Band 6 der Reihe in Deutschland beginnt. Die Vorgeschichte Casabonas wird nämlich nur angerissen und die Figuren bleiben ein wenig blass.

Dafür erhält der Leser ansonsten aber einen ordentlichen, geradlinigen und spannenden Krimi. Der Roman ist recht kurz und hält sich daher kaum mit Nebensächlichkeiten auf. Manches geht vielleicht auch zu glatt bei Casabonas Flucht und Untertauchen. Dennoch überzeugt der Roman vor allem dann, wenn es um die „miesen“ Tricks der Justiz und Behörden geht. Schmutzige Deals werden gemacht, persönliche Vorteile gesucht, vermeintlich wichtige Zeugen geschützt, auch wenn dadurch Unschuldige in Mitleidenschaft gezogen werden.

 

Schatten der Vergangenheit | Erschienen am 12.04.2022 im Tropen Verlag
ISBN 978-3-608-50518-4
240 Seiten | 17,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-608-11943-5 | 13,99 €
Originaltitel: La Stagione del fango | Übersetzung aus dem Italienischen von Ingrid Ickler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

 

Berna González Harbour | Goyas Ungeheuer

Comisaria María Ruiz ist wieder nach Madrid zurückgekehrt, aber von Dienst suspendiert. Die Situation belastet auch ihr Verhältnis zu ihren Freunden im Polizeiapparat. Sie müsste sich eigentlich zurückhalten, aber als mehrere merkwürdige Ereignisse in Madrid stattfinden, ist ihr Ermittlerinstinkt geweckt. Tote Truthähne werden zur Schau gestellt, ein Hund versinkt in einem Schlammloch und schließlich ein Mord: Nahe des Flusses Manzanares wird eine junge Kunststudentin bizarr ermordet aufgefunden. Die Zurschaustellung lässt nur einen Schluss zu: Es gibt eine Verbindung zu den Werken des großen spanischen Künstlers Francisco de Goya. Doch während die Polizei den Dozent und Liebhaber der Studentin verhaftet, verfolgt Ruiz eine ganz andere Spur.

Nochmehr als der deutsche Titel ist der Originaltitel in direktem Bezug zu Goyas Werk: „El sueño de la razón“ ist ein Teil von Goyas berühmtem Werk „El sueño de la razón produce monstruos“ („Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer“). Die Auseinandersetzung mit Goyas Werk ist auch das Faszinierende an diesem Roman. Im Buch tauchen 13 Abbildungen von Goyas Kunstwerken auf, die Auseinandersetzung mit seinem Werk ist essentieller Bestandteil des Kriminalromans. Daneben wird auch die spanische Hauptstadt als Setting mit ungewöhnlichen Schauplätzen gut in Szene gesetzt.

Die Voraussetzungen für einen guten Roman sind somit vorhanden, dennoch war ich nicht ganz zufrieden. Die Übersetzung einer Serie mit dem vierten Roman zu beginnen, empfand ich als unglücklich, da viel zu viel aus der Vorgeschichte der Figuren in diesen Band hineinspielt. Zudem fand ich die Figur des psychopatischen Täters eher blass und nicht markant genug. Es ist auch so, dass der Täter so zur Mitte des Buches feststeht und ich eigentlich noch mit einer Wendung zum Ende gerechnet hatte, aber da kam nichts mehr. Fazit: Plot und Täterfiguren haben mich nicht begeistert, aber wer mit einem Krimi mal so richtig in die Kunsthistorie und Francisco de Goya eintauchen will, der sollte einen Blick in diesen Roman riskieren.

 

Goyas Ungeheuer | Erschienen am 17.08.2022 im Pendragon Verlag
ISBN 978-3-86532-730-7
472 Seiten | 24,- €
als E-Book: ISBN 987-3-86532-826-7 | €
Originaltitel: El sueño de la razón | Übersetzung aus dem Spanischen von Maike Hopp
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen Juni 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Juni 2022

 

 

Kotaro Isaka | Bullet Train

Der japanische Hochgeschwindigkeitszug Shinkansen rast von Morioka nach Tokio. Mit an Bord sind 5 Killer, die unterschiedlicher nicht sein können, jeder mit einem speziellen Auftrag. Da ist das ungleiche Killerduo Lemon und Tangerine. Die beiden „Zitrusfrüchte“ sitzen zusammen mit dem Opfer einer Entführung samt Lösegeld und wollen den Sohn des gefährlichsten Unterweltbosses Tokios, Minegeshi Junior, heil nach Hause bringen. Doch Murphys Gesetz schlägt zu: Zuerst kommt der Koffer mit dem Geld abhanden, dann verstirbt auch noch das Entführungsopfer auf mysteriöse Weise. Nanao wiederum, ein junger Killer, bekam telefonisch den Auftrag, den Koffer an sich zu nehmen und umgehend an der nächsten Station wieder auszusteigen. Da „Der Marienkäfer“ allerdings der größte Pechvogel aller Zeiten ist, endet der einfach klingende Job im Chaos und es geht schief, was schief gehen kann. Außerdem befindet sich der ehemalige Auftragskiller Yuichi Kimura im Zug, um sich zu rächen, weil man seinen Sohn Wataru vom Dach eines Kaufhauses gestoßen hat und dieser seitdem im Koma liegt. Schuld daran soll der erst 14-jährige Schüler Oji sein, der sich ebenfalls im Shinkansen aufhält. Der harmlos wirkende „Prinz“ ist ein richtiger Psychopath mit krimineller Energie, der es sehr gut versteht, kaltblütig aber auch mit absoluter Empathielosigkeit andere Menschen zu manipulieren.

Während der Zug seinem Endziel entgegen rauscht, kommen sich die Ganoven selbstverständlich gegenseitig in die Quere und alles spitzt sich immer mehr zu. Spannung entsteht auch, da das Geschehen auf den begrenzten Raum der Zugabteile eingeengt ist und die Gestalt eines Kammerspiels annimmt. Die Geschichte kann richtig Spaß machen, wenn man sich auf die völlig absurden Wendungen und abgedrehten Todesfälle einlässt. Besonders im letzten Drittel nimmt die Handlung noch mal richtig Fahrt auf und konnte mich recht gut unterhalten. Die Handlung, wie auch die Figuren sind extrem überzeichnet. Ich empfand es fast als Parodie auf das Genre. Sehr überrascht haben mich die angeblich besten Profikiller der Branche, Lemon und Tangerine, die doch oft wie Vollidioten agierten. Viele Rückblenden, die für Erklärung sorgen sollen, bremsen immer wieder den Hochgeschwindigkeitsthriller aus. Für mich ein durchschnittlicher Thriller von einem in Japan preisgekröntem, hierzulande aber noch relativ unbekanntem Autor. Bullet Train ist der erste ins Deutsche übersetzte Roman von Kotaro Isaka.

Im Juli kommt die Verfilmung mit Brad Pitt und Sandra Bullock in die Kinos, und als Film kann ich mir die Story ganz gut vorstellen, auch weil die Szene, die mir im Buch am besten gefallen hat, tatsächlich die ist, die im Trailer gezeigt wird.

 

Bullet Train | Erschienen am 02.04.2022 im Hoffmann und Campe Verlag
ISBN 978-3-45501-322-1
384 Seiten | 22,- €
Originaltitel: マリアビートル (Mariabitoru) (Übersetzung aus dem Japanischen von Katja Busson)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5
Genre: Thriller

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

 

Horst Eckert | Das Jahr der Gier (Band 3)

In der Düsseldorfer Altstadt wird ein britischer Journalist Opfer eines brutalen Angriffs. Der Mann ist ein alter Bekannter der Kriminalrätin Melia Adan, weshalb sie diesen Vorfall näher betrachtet als vielleicht üblich. Kurz darauf wird die Leiche einer jungen Frau in einem Wäldchen am Stadtrand gefunden, inszeniert als Sexualmord. Doch Hauptkommissar Vincent Veih und sein Team vermuten schnell ein anderes Motiv. Die Spur in beiden Fällen führt schließlich in die Nähe von München zum aufstrebenden Finanzdienstleister Worldcard AG.
Dort hat gerade der Ex-Polizist Sebastian Pagel einen neuen Job beim COO von Worldcard, Marek Weiß, erhalten. Pagel war zum Sündenbock auserkoren worden, als ein wichtiger Zeuge aus Syrien unter Polizeischutz vergiftet wurde. Der Job beim neuen Börsenschwergewicht Worldcard und dessen Macher Weiß scheint geeignet, das Selbstbewusstsein wieder aufzupäppeln. Doch Pagel ist alarmiert, als plötzlich im Dunstkreis von Weiß Personen auftauchen, die er schon aus seinem Vorgängerjob kennt.

Mit „Das Jahr der Gier“ setzt Horst Eckert die Reihe um die Düsseldorfer Polizisten Adan und Veih fort. Wie gewohnt greift der Autor wieder aktuelle politische und gesellschaftliche Ereignisse auf – in diesem Fall der Wirecard-Skandal, der bis in höchste politische Kreise reicht, aber bislang erstaunlich wenige „Opfer“ gefunden hat. Eckert erzählt gewohnt präzise, in kurzen Kapiteln mit ansteigender Spannung und wechselnden Perspektiven. Er behält das übliche Figurenpersonal bei, auch bei den Antagonisten tauchen alte Bekannte in neuer Funktion wieder auf. Das ist wie gewohnt eine überzeugende Mischung aus Fakten und Fiktion. Eckert bleibt der relevante Autor für Pageturner-Politthriller aus Deutschland.

 

Das Jahr der Gier | Erschienen am 08.03.2022 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-42637-5
430 Seiten | 13,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Politthriller

 

 

Vladimir Sorokin | Der Tag des Opritschniks

Russland im Jahre 2027: Das Land hat sich vollends vom Westen abgeschottet, lebt nur noch von seinen Energieexporten und pflegt lediglich noch Beziehungen zu China. Alleinherrscher ist der Gossudar. Er hält sich eine Mischung aus Geheimpolizei und Leibgarde – die Opritschniki. Sie werden eingesetzt, um gegen Oppositionelle und vor allem vermeintliche Abtrünnige aus der Schicht der Machthaber und Oligarchen mit aller Härte vorzugehen. Einer dieser Opritschniki ist Andrej Danilowitsch Komjaga. Ihn begleitet der Leser durch einen typischen „Arbeitstag“ – vom brutalen Mord an einem unliebsam gewordenen Adelsmann und der Vergewaltigung dessen Frau am Morgen über einen Korruptionsdeal am Mittag bis hin zu gemeinsamen Orgien am Abend.

Vladimir Sorokin ist einer der bekanntesten zeitgenössischen russischen Autoren und Dramatiker, der auch deutlich gegen die politische Spitze in seinen Werken Stellung bezieht, unter anderem gehörte er zu den Unterzeichnern eines Appells, die Wahrheit über den Krieg in der Ukraine zu verbreiten. „Der Tag des Opritschniks“ erschien bereits im Jahr 2006 und nimmt in Form einer Dystopie mit satirischen Elementen die Entwicklung Russlands bis heute in beängstigender Weise voraus. Sein Russland des Jahres 2027 hat sich international weitgehend isoliert und bei allerlei modernen Einsprengseln kulturell einen Rückschritt in die Zarenzeit unternommen. Die Macht des väterlich beschriebenen Gossudaren wird durch die Opritschniki in einer äußerst brutalen und teilweise obszönen Weise gewahrt. Der Ich-Erzähler Komjaga bedient sich dazu einer schwülstigen, pathetischen Sprache. Die Taten der Opritschniki und deren Machtfantasien sind dabei sehr drastisch beschrieben. Ein sehr bedrückendes Werk mit vielen Bezügen zum aktuellen und historischen Russland, dabei immer wieder mit bösem satirischen Witz, bei dem das Lachen buchstäblich im Halse stecken bleibt.

 

Der Tag des Opritschniks | Erstmals erschienen 2006
Die Neuauflage erschien am 12.04.2022 im Verlag Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-00410-6
224 Seiten | 13,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-462-30105-2 | 9,99 €
Originaltitel: День опричника (Übersetzung aus dem Russischen von Andreas Tretner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Dystopie

 

 

Martin Krist | Wunderland (Band 8)

Der Berliner Kommissar Paul Kalkbrenner wird ungewöhnlicherweise nach Potsdam wegen eines Leichenfunds gebeten. Die im dortigen Wertstoffhof gefundene männliche Leiche stammt aber aus dem Bioabfall eines Berliner Abholbezirks. Die Identität des Toten ist allerdings nur schwer zu klären, bis ein Hinweis auftaucht, dass der Tote in einem privaten Theater mitspielte. Dort war der Tote im Ensemble nicht gerade beliebt, Untreue, Affären, Streitigkeiten gab es unter den Laienschauspielern. Aber reicht das schon für ein Mordmotiv?

Währenddessen hat die Potsdamer Kommissarin Jamina Stark den Tote vom Wertstoffhof an die Berliner Kollegen abgegeben, dafür muss sie allerdings einen privaten Schicksalsschlag hinnehmen: Ihr Bruder wird tot mit einer Überdosis aufgefunden. Dabei war er doch seit Monaten clean und auf einem guten Weg. Jamina kann sich mit der offiziellen Version einer selbstverschuldeten Überdosis nicht abfinden und recherchiert auf eigene Faust weiter. Parallel erzählt der Autor die tragische Geschichte eines Geschwisterpaares, deren Eltern bei einem Autounfall ums Leben kommen und die nun in ein kirchliches Kinderheim kommen und dort Missbrauch und Demütigung erfahren. Nach und nach schält sich heraus, was diese drei Stränge miteinander zu tun haben.

Autor Martin Krist ist erfolgreicher Selfpublisher und Vielschreiber. Seine Reihe um Kommissar Kalkbrenner umfasst bereits neun Bände (inkl. Eines Kurzgeschichtenbands). Der aktuelle (reguläre) 8.Band „Wunderland“ erzählt im Hintergrund eine sehr bedrückende Geschichte von vernachlässigten Heimkindern und sexuellem Missbrauch und wie dies das ganze Leben der Betroffenen prägt. Das Buch ist zwar als Thriller betitelt, lässt sich dafür aber im Aufbau und bei den Figuren ziemlich viel Zeit. Das geht zwar auf Kosten der Spannung, tut dem Gesamtwerk aber insgesamt ganz gut. Gut gefiel mir auch das Spiel des Autors mit den Zeitebenen, sodass selbst ein versierter Krimileser manches, aber längst nicht alles vorhersehen konnte. Ein wirklich ordentlicher Krimi.

 

Wunderland | Erschienen am 11.04.2022 im Selbstverlag (R&K)
ASIN: ‎ B09TJCN7F6
535 Seiten | 22,99 € (gebunden) | 12,99 € (Taschenbuch) | 0,99 € (E-Book)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5
Genre: Krimi

 

Rezensionen und Fotos 2-4 von Gunnar Wolters.

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Lućia Puenzo | Die man nicht sieht

Die folgende Choreographie war genau festgelegt und immer die gleiche: Die Schuhe ließen sie vorne am Eingang stehen. In der Küche schnappte sich Enana ein Messer, inspizierte den Kühlschrank, nahm alle Leckerbissen von denen sie essen durften, heraus und machte sich daran, von allem feine Scheiben abzusäbeln. Immer nur genau so viel, dass nicht nachzuvollziehen war, wo sie genascht hatten, aber genug, um sich satt zu essen. (Auszug E-Book S.8)

Ismael, Enana und Ayo sind drei argentinische Waisen, die auf der Straße leben und als Diebe über die Runden kommen. Der 15jährige Ismael ist der mißtrauische Kopf der drei, die 12jährige Enana die Furchtlose, Abenteuerlustige und ihr 6jähriger Halbbruder Ayo der Kletterspezalist, der in alle Häuser reinkommt. Doch die drei sind längst nicht so selbstbestimmt, wie sie zwischendurch selber glauben. Die meisten Aufträge erhalten sie vom Ex-Cop und Security-Mann Guida, der sie auf bestimmte Objekte ansetzt, bei denen er die Schwachstellen kennt. Dann steigt Ayo ein und öffnet die Türen für Enana und Ismael. Der Trick bei den Raubzügen: Die drei stehlen nicht viel, es bisschen Schmuck, Geld, vielleich Kleidung. So wenig, dass es den Eigentümern erst später auffällt und dann zuerst die Hausangestellten unter Verdacht geraten.

Guida behandelt sie meist gut, hat ein Auge auf sie, sorgt dafür, dass die Polizei sich nicht für sie interessiert. Doch bei ihm stehen knallharte Interessen im Vordergrund, die drei sind sein Kapital. Ein Kapital, dass man auch lukrativ veräußern kann. Doch die Kinder sollen nicht verschreckt werden, sodass er ihnen einen lukrativen Ferienjob in Uruguay verspricht, den sie schließlich auch annehmen. Es winkt gutes Geld und die Aussicht auf den Ozean. Sie werden über den Rio de la Plata verfrachtet und in ein exklusives, weitläufiges Villengelände. Ihre Auftraggeber erwarten, dass sie in einer Woche die neun Häuser auf dem Gelände ausräumen und sich zwischendurch immer wieder in das bewaldete, unwegsame Dickicht auf dem Areal zurückziehen. Langsam reift vor allem in Ismael die Erkenntnis, dass sie nur als Mittel zum Zweck für etwas ganz anderes ausgenutzt werden sollen.

Die Autorin Lućia Puenzo ist in ihrer argentinischen Heimat (nicht nur dort) vor allem eine bekannte und erfolgreiche Filmemacherin. Dies wird auch in diesem schmale Roman deutlich, der zwar einerseits sehr handlungsgetrieben und temporeich ist, andererseits aber durch interessante Perspektivwechsel verschiedene Figuren, wenn auch nur kurz, näher ans Geschehen holt und die Figuren dem Leser etwas näher bringt. Es erlaubt einen Einblick in die scharfen Ungleichheiten der argentinischen und uruguayischen Gesellschaften. Dass die Geschichte von Ismael, Enana und Ayo kein gutes Ende nehmen wird, scheint von Beginn an unausweichlich. Doch die Kinder sind zäh und mutig und durchkreuzen die für sie bestimmmten Pläne.

Das geschulterte Gewehr und die Metallschneide des Messers im Rucksack konnten das ungute Gefühl, das ihn begleitete, seit die Männer mit dem Pick-up ihnen ihre Aufgabe erklärt hatten, kaum abmildern: Dieser Auftrag war eine Nummer zu groß für sie, es konnte nicht gut gehen. Es würde nicht gut gehen. […] Das jedoch verwandelte den Auftrag in etwas ganz anderes: in einen Opfergang. (Auszug E-Book S.61)

„Die man nicht sieht“ ist vieles auf sehr wenigen Seiten, ein fast atemloser Thriller in Echtzeit, ein Noir über das Schicksal, wenn andere über anderer Leben bestimmen und ein gesellschaftskritischer Roman über die Ungleichheit und die Schwachen und Unmündigen, die gnadenlos verheizt werden. Trotz der Kürze des Werks werden auch die Personen angemessen beleuchtet und dienen nicht nur als Staffage. Insgesamt ein anregendes und aufwühlendes Werk.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die man nicht sieht | Erschienen als Taschenbuch am 12.03.2020 im Verlag Klaus Wagenbach
ISBN 978-3-8031-2824-9
208 Seiten | 13,- €
als E-Book: ISBN 978-3-8031-4239-9 | 10,99 €
Originaltitel: Los invisibles (Übersetzung aus dem argentinischen Spanisch von Anja Lutter)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Melba Escobar | Die Kosmetikerin

Melba Escobar | Die Kosmetikerin

Ich hasse alles, was diese nicht biologisch abbaubaren Frauen mit ihren gezupften Augenbrauen repräsentieren. Ich hasse ihre schrillen, gekünstelten Stimmen, als wären sie vierjährige Püppchen, kleine Drogenbaron-Schlampen, die wie ein Phallus in den Körper einer Frau gezwängt sind. Alles ist so verworren, diese Macho-Kind-Frauen verstören mich, sie deprimieren mich, bei ihrem Anblick muss ich daran denken, was alles kaputt und faul ist in diesem Land, in dem der Wert von Frauen an der Größe ihres Hinterns, der Form ihrer Brüste und ihrer Wespentaille gemessen wird. (Auszug Seite 7/8)

Mit der Hoffnung auf ein besseres Leben zieht die alleinerziehende Karen aus der Provinz in die Hauptstadt Kolumbiens. In Bogotá findet sie einen Job in einem renommierten Kosmetikinstitut in einem mondänen Viertel. Im ‚Haus der Schönheit‘ lässt sich die weibliche Oberschicht behandeln und vertraut Karen ungewollt alle möglichen Geheimnisse an. Sie spart ihr Geld um schnellstmöglich ihren vierjährigen Sohn nachzuholen, den sie in der Obhut ihrer Mutter in der Hafenstadt Cartagena gelassen hat.

Haus der Schönheit
Eines Tages behandelt sie die minderjährige Schülerin Sabrina Guzmán, die sich, offensichtlich angetrunken für ein bevorstehendes Date mit einem älteren Mann verschönern lassen möchte. Als Karen erfährt, dass das Mädchen am nächsten Morgen tot aufgefunden wurde, ist sie geschockt und kann an einen vermuteten Selbstmord nicht glauben. Auch die verzweifelten Eltern lassen nichts unversucht, um herauszufinden, was in den letzten Stunden ihrer Tochter geschah. Sabrinas Mutter besucht Karen sogar im Salon, denn die war die letzte, die das Mädchen lebend gesehen hat. Doch Karen hat selbst genug Probleme, die ihr Leben in einen Abwärtsstrudel verwandeln. Sie findet eines Tages ihre Wohnung ausgeraubt vor, auch ihre gesamten Ersparnisse unter der Matratze sind weg. Sie wird von ihrem Vermieter brutal vergewaltigt und dann von dessen Ehefrau aus der Wohnung geworfen. Aus der Not heraus beginnt sie nebenher als Prostituierte zu arbeiten und gerät dadurch ständig in gefahrvolle Situationen. Die traumatischen Erfahrungen und ihr Nebenjob als Callgirl werfen sie aus der Bahn und sie gerät ahnungslos in den Dunstkreis der an dem Tod des Schulmädchens Beteiligten. Der Täter verfügt über ein einflussreiches Netzwerk aus politischen und kriminellen Akteuren und damit gerät Karen in Gefahr.

Eine ihrer Kundinnen ist die 57-jährige Psychoanalytikerin Claire. Sie lebte viele Jahre in Paris und ist jetzt nach der Trennung von ihrem Ehemann in die Stadt zurückgekehrt, die sie eigentlich verabscheut und in der sie sich immer fremd fühlt. Regelmäßig besucht sie den Schönheits-Salon, allerdings mit ambivalenten Gefühlen. Eigentlich misstraut sie den zementierten Klassenschranken, auch wenn sie als gebildete Frau ein Teil davon ist, und verachtet die Arroganz der Schickeria. Von der attraktiven Karen und ihrer Ausstrahlung ist sie aber fasziniert. Als sie bemerkt, dass die schöne Mulattin sich verändert, will sie ihr helfen und schreibt ihre tragische Geschichte auf.

Ambitioniert und anstrengend
Ich muss zugeben, dass es mir der Roman sehr schwer gemacht hat. Das lag zum einen an den ständig wechselnden Erzählperspektiven. Größtenteils erzählt Claire Karens Geschichte, zwischendurch aber auch ihre Freundin Lucía, teilweise wird auch schon mal mitten im Text die Perspektive ohne einen Hinweis gewechselt. Auch die großen Handlungssprünge machten mir das Lesen sehr anstrengend und dämpften den Lesefluss. Ich hatte ständig das Gefühl etwas verpasst zu haben und war irgendwann des Zurückblätterns müde. Die tote Schülerin spielt anders als nach dem Lesen des Klappentextes vermutet, nur am Rande eine Rolle.

Vielmehr geht es der Autorin in ihrem multiperspektivisch erzählten Roman neben dem Aufzeigen der wirtschaftlichen Ungleichheiten um den allgegenwärtigen Machismo. Wie ein Kriminalroman inszeniert, ist ‚Die Kosmetikerin‘ doch eher ein Sittenbild der Gesellschaft. Dabei stehen mal nicht die Kartelle oder die Kämpfe der Drogenbarone im Fokus. Escobar zeigt deutlich, dass Kolumbien auch jenseits des Drogenhandels von mächtigen Clans beherrscht wird, dass diese mafiösen Strukturen sich zudem in den besseren Kreisen sowie in der politischen Elite ausbreiten und Sexismus und Korruption an der Tagesordnung sind.

Exemplarisch für die gesellschaftlichen Schichten steht der Kosmetiksalon, in dem reiche privilegierte Damen und arme Angestellte aufeinander treffen. Die Frauen, die sich hier behandeln lassen, unterwerfen sich den gängigen Schönheitsidealen. Sie haben ihre Rolle in der patriarchalen Macho-Kultur scheinbar akzeptiert und lassen ihren Frust an Frauen in schwächeren Positionen aus.

Escobar schreibt sehr ambitioniert mit einigen fast philosophischen Sätzen über die Zustände in Bogotá. Viele schonungslose Passagen werden mit einem großen Hang zur Brutalität geschildert, die mir an die Nieren gingen. Ich fand es an vielen Stellen sehr aufwühlend, aber aufgrund der verwirrenden Erzählweise nicht mitreißend genug, viel zu düster und deprimierend.

‚Die Kosmetikerin‘ ist der vierte Roman der kolumbianischen Schriftstellerin und Journalistin Melba Escobar. ‚La casa de la belleza‘ wurde 2016 als bester Roman mit dem kolumbianischen Premio Nacional de Novela ausgezeichnet.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Die Kosmetikerin | Das TB erschien am 09. September 2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-4534-2336-7
320 Seiten | 9,99 Euro
Originaltitel: La casa de la belleza (Übersetzung aus dem Spanischen von Sybille Martin)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Claudia Piñeiro | Die Donnerstagswitwen

Etwa 50 Kilometer außerhalb von Buenos Aires liegt Altos de la Cascada, eine Gated Community mit schicken Anwesen, Golf- und Tennisplatz und einem großen Zaun drumherum. Ein Refigium der oberen Mittelklasse, die sich hier in den profitablen 1990er Jahren hier eingerichtet haben. Die argentinische Wirtschaftskrise beginnt sich zwar zu entwickeln, was viele aber nicht wahrhaben wollen. Somit ist man mit weiterhin vorwiegend damit beschäftigt, den Schein zu wahren und den eigenen Wohlstand zur Schau zu stellen.

Sie wollten lieber eine Mauer, das hält nicht bloß fremden Menschen fern, man ist auch von außen nicht mehr zu sehen. Und wir brauchen auch nicht mehr zu sehen, was draußen los ist. (Auszug S. 95)

Viele Familien sind in La Cascada miteinander befreundet, zumindest tut man so. Regelmäßig verbringen die Männer der Familien Scaglia, Insúa, Urovich und Guevara den Donnerstagabend miteinander. Die Frauen nennen sich scherzhaft „Donnerstagswitwen“. Eines Donnerstags, den 27. September 2001, ist Maria Virginia Guevara überrascht, beim Heimkommen ihren Mann Ronie schon zu Hause vorzufinden. Er verhält sich auch seltsam und bricht sich kurz darauf bei einem Sturz auf der Terrasse das Bein. Erst im Krankenhaus erfahren die Guevaras die schreckliche Nachricht: Tano Scaglia, Gustavo Insúa und Martín Urovich sind im Pool der Scaglias bei einem Stromunfall ums Leben gekommen. Doch der Leser wird direkt auf ein paar seltsame Begleitumstände hingewiesen. Rückblickend wird nun die Geschichte der Familien in La Cascada erzählt und letztlich die Hintergründe dieses tragischen Abends aufgedeckt.

Autorin Claudia Piñeiro zählt heute zu den erfolgreichsten argentinischen Autoren. Sie ist studierte Wirtschaftswissenschaftlerin und arbeitete vor ihrer schriftstellerischen Karriere als Rechnungsprüferin. Piñeiro schreibt auch Kinder- und Jugendbücher, arbeitet als Regisseurin und beim Theater. Ihr Debütroman „Ganz die Deine“ erschien 2003. Oftmals sind ihre gesellschaftskritischen, dramatischen Romane in eine Kriminalgeschichte eingebettet. 2005 erschien „Las viudas des los jueves“ und gewann mit dem Premio Clarín einen der wichtigsten argentinischen Literaturpreise. 2009 verfilmte Marcelo Piñeyro den Roman fürs Kino.

„La Cascada“ ist eine sogenannte Gated Community, eine dieser Siedlung der Reichen und Aufstrebenden, oft in Ländern mit starkem Wohlstandsgefälle, in denen man versucht, genau dieses Gefälle auszublenden. Hinzu kommt in diesem Falle, dass die aufsteigende Wirtschaftskrise in Argentinien genau diesen Lebensstandard bedroht. Claudia Piñeiro wirft einen sehr scharfen Blick auf die Bewohner und entlarvt die ganzen Lebenslügen und anderen Dramen, die sich unter der Oberfläche des schönen Scheins abspielen. Machismo, Gewalt in der Ehe, Alkoholismus, Untreue, Rassismus, Antisemitismus und andere Vorurteile schwelen teilweise im Verborgenen, teilweise werden sie aber nur verdrängt. Die Probleme des Lebens will man in La Cascada lieber nicht mit den Nachbarn teilen, aber oft auch nicht mit dem Ehepartner. Man kehrt lieber unter den Teppich, heuchelt, will nichts von Problemen anderer hören und wahrt den Schein. Und legt sich innerhalb der Mauern merkwürdig undemokratische Verhaltensregeln auf.

Piñeiro legt in diesen Roman eine gehörige Portion Gesellschaftskritik mit einer Generation des Aufschwungs, die aber in Zeiten der Krise nur Egoismus und Eskapismus kennt. Ein zynisches Porträt einer Nachbarschaftsclique auf Talfahrt, die schließlich mit drei Toten enden wird. Dabei bedient sie sich auch stilistisch eines interessanten Kniffs. Sie schreibt zum einen aus der Ich-Perspektive von Maria Virginia Guevara, die angefangen hat, als Maklerin zu arbeiten und damit eine der wenigen Frauen ist, die es noch nötig haben zu arbeiten. Sie ist auch der wenigen, die ein wenig mehr hinterfragt und eine gewisse kritische Distanz bewahrt. Zum anderen wird aus der personalen Perspektive erzählt, ungewöhnlicherweise mit einem Plural-Wir. Damit gibt Piñeiro quasi der Gemeinschaft eine Stimme, erzählt von der allgemeinen Wahrnehmung in La Cascada, aber auch von Heimlichkeiten und Gerüchten.

[…] nach dieser Geschichte also soll sie an den Rand des zuletzt erwähnten Hefteintrags geschrieben haben: „Kann man wirklich mit jemandem befreundet sein, den man über seine Brieftasche kennengelernt hat?“ Worauf sie sich selbst, am Fuß derselben Seite, als Antwort notiert habe: „Alles Elend nimmt seinen Weg über die Brieftasche.“ (Auszug S.65).

Man könnte zuletzt natürlich die Frage aufwerfen, ob das hier überhaupt ein Krimi ist, aber die Frage ist müßig. Claudia Piñeiro bedient sich hier selbstverständlich der Elemente des Genres, zudem beantwortet sie ganz der Spannungstradition folgend, die Frage nach der Vorgängen an jenem Donnerstagabend erst ganz zum Schluss. Dazwischen ist dieses Buch ein überzeugender Gesellschaftsroman mit präziser Sprache, zynisch-ironischem Unterton und scharfem Blick auf die Figuren. Sie porträtiert auf beiläufige, aber fesselnde Art eine Gesellschaftsschicht voller Heuchelei und Dekadenz auf dem Weg in den eigenen Untergang. Ein überzeugender Roman.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Die Donnerstagswitwen | Erschienen 2010 im Unionsverlag
Aktuelle Taschenbuchausgabe: ISBN 978-3-293-20568-0
320 Seiten | 13,95 €
Originaltitel: Las viudas de los jueves (Übersetzung aus dem Spanischen von Peter Kultzen)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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