Kategorie: SoKo

Michael Connelly | Dunkle Stunden

Michael Connelly | Dunkle Stunden

Es hieß, um Los Angeles kennenzulernen, musste man bloß „vom Anfang bis zum Strand“ den Sunset Boulevard runterfahren. Dann erfuhr man als Tourist alles über die Stadt: Man sah ihre Kultur und ihre Highlights genauso wie ihre unzähligen Verwerfungen und Missstände. Beginnend in Downtown … führte der Sunset Boulevard durch Chinatown, Echo Park, Silver Lake und Los Feliz, bevor er eine Rechtsbiegung machte und Hollywood, Beverly Hills, Brentwood und Pacific Palisades durchquerte und schließlich am Pazifik endete. Auf diesem langen Weg führten vier Fahrbahnen durch arme und reiche Viertel, vorbei an Obdachlosenlagern und Villen, am legendären Unterhaltungs- und Bildungseinrichtungen, hipper Kulinarisch und hippen Kulturen. Er war die Straße der hundert Städte und führte doch nur durch eine einzige. (Auszug Seite 217/217)

Bei einem Special über Los Angeles darf natürlich ein Autor wie Michael Connelly nicht fehlen. Grade seine Krimis und Thriller sind eng mit der Geografie und Kultur der Megacity verbunden. Connelly zog 1987 nach Kalifornien, um für die Los Angeles Times zu arbeiten, wo er sich auf Polizeireportagen spezialisierte. Seine Kenntnisse der Polizeiarbeit und des Justizapparates verleihen seinen Werken viel LA-Lokalkolorit. Indem er in seinen Werken realistische Fälle mit detailgenauer, schnörkelloser Ermittlerarbeit konstruiert, die oft soziale Unruhen oder die Resilienz der Stadt thematisieren, zeichnet er das Bild einer Weltstadt voller Widersprüche.

Detective Renée Ballard ist immer noch bei der Nachtschicht des LAPD. Sie hat Dienst, als in der Silvesternacht, in der traditionell von Hunderten Feiernden auf den Straßen in die Luft geschossen wird, der Besitzer einer kleinen Autowerkstatt erschossen wird. Obwohl für Mordermittlungen nicht zuständig, recherchiert Ballard und findet heraus, dass Javier Raffa in seiner Jugend Mitglied einer lokalen Gang war. Die Tatwaffe wurde vor Jahren schon einmal bei einem Mord eingesetzt, der nie geklärt wurde. Ballard kennt den damals zuständigen Beamten gut: Es ist der inzwischen pensionierte Harry Bosch, der sich aber privat weiterhin um die Aufklärung Cold Cases bemüht. Ballard schätzt die moralische Integrität des altgedienten Veteranen, hadert allerdings oft mit seiner lockeren Interpretation bestehender Gesetze.

Parallel zu diesem Fall muss sich Ballard um die Aufklärung einer Serie von Vergewaltigungen kümmern. Offensichtlich zwei Männer, in den Medien „Midnight Men“ genannt, schlagen immer nachts an Feiertagen zu und sorgen für einen enormen Aufklärungsdruck, der von Ballards Vorgesetzten weitergegeben wird. Als Leserin ist man mittendrin und erlebt, wie sich die Ermittler Schritt für Schritt an die Täter heranarbeiten.

Mehr als die vorherigen Bände beleuchtet der vierte Band um das Ermittlerduo Ballard und Bosch die schwierige Arbeit der Polizei in einer von Unruhen und sozialen Spannungen geprägten Stadt. Zum Zeitpunkt der Handlung hat die Corona-Pandemie in Los Angeles ihren Höhepunkt erreicht. Die Pandemie und die jüngsten Proteste haben die Polizeiarbeit verändert. Das LAPD hat aufgrund von Geschichten über Korruption, Rassismus und Gewalt im Dienst an Vertrauen eingebüßt. Selbst Renée gerät ob ihrer Tätigkeit ins Grübeln und fühlt sich durch viele Vorschriften und interne Machtkämpfe frustriert. Wegen Covid-19 sind die Strände gesperrt und sie kann nicht mehr in ihrem Zelt am Venice Beach schlafen. Auch fühlt sie sich aufgrund der gestiegenen Zahl von Obdachlosen dort nicht mehr so wohl wie früher. Am Ende bekommt sie ein interessantes Angebot von ihrem ehemaligen Mentor Bosch. Michael Connelly schildert glaubhaft, dass das LAPD, überarbeitet, unterbesetzt und schlecht bezahlt, unter großem Druck steht. Viele Kollegen der Hollywood Division sind desillusioniert, haben sich innerlich von ihrem Job verabschiedet und leisten nur noch Dienst nach Vorschrift.

Connelly spart auch nicht mit Kritik an der Stadtentwicklung, die die Bebauungsmöglichkeiten der Grundstücke bis zum Äußersten ausreizt. Es werden die überteuerten Häuser in den wohlhabenden Wohngegenden im Westen beschrieben, sowie das hartnäckige Problem der Obdachlosigkeit, das die Stadt nicht in den Griff bekommt, thematisiert. Die überfüllten Obdachlosenlager in Hollywood, ursprünglich nur aus wenigen Zelten bestehend, während der Pandemie zu einer riesigen Ansammlung von Unterständen und sonstigen primitiven Behausungen angewachsen, beherbergen inzwischen mindestens einhunderttausend Menschen. Dadurch entsteht ein stimmiges Bild des aktuellen Los Angeles, welches in Connellys Romanen wie eine eigene Hauptfigur behandelt wird. Und nicht zu vergessen Bosch tolles Haus mit dem atemberaubenden Blick von der Terrasse auf den Cahuenga Pass.

 

Fotos und Rezension von Andy Ruhr.

Dunkle Stunden | Erschienen am 28.08.2023 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12570-9
432 Seiten | 22,00 €
Originaltitel: Dark Hours | Übersetzung aus dem Englischen von Sepp Leeb
Bibliografische Angaben & Leseprobe

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

James Ellroy | L.A. Confidential – Stadt der Teufel

Weihnachten 1951: Im Zellentrakt der LAPD Central Division geht es heiß her. Angestachelt durch Behauptungen von Widerstand gegen Polizeibeamte und vom Alkohol durch die Weihnachtsfeier mischen eine Menge von Beamten ein paar gefangene Latinos auf. Mitten drin Officer Bud White, eher nebenbei involviert Sergeant John Vincennes. Sergeant Ed Exley war Wachhabender, leistete Widerstand und wurde kurzerhand der Schlüssel beraubt und eingesperrt. Die „Blutige Weihnacht“ wird anschließend zum großen Skandal. Versuche, die Schuld den Gefangenen unterzuschieben, misslingen. Die Spitze des LAPD muss die Sache öffentlichkeitswirksam bereinigen. Und tut das auch, allerdings werden ein paar Sündenböcke herausgepickt. Exley ist der Belastungszeuge, was ihm großes Standing bei der Chefetage, aber verständlicherweise weniger bei den Kollegen einbringt. Vincennes und White der Rest kommen wie der große Rest glimpflich davon, aber vor allem White sinnt auf Rache, denn dank Exley wurde sein Kumpel, Sergeant Stensland, angeklagt und aus dem Polizeidienst entfernt.

Soweit das Vorspiel von mehr als hundert Seiten, in dem Ellroy seine drei Hauptfiguren einführt. Wendell „Bud“ White ist ein Cop aus problematischen Verhältnissen. Mit 16 musste er mitansehen, wie sein Vater seine Mutter totschlug. Das triggert ihn auch noch als Cop, in dem er Täter häuslicher Gewalt verfolgt. Er gilt als Mann fürs Grobe, wird von seinem Vorgesetzten Sergeant Dudley für Einschüchterung und Gewalt gegen Kriminelle eingesetzt. Er gilt als loyal und wenig ambitioniert, fühlt sich im Laufe der Zeit allerdings zunehmend unterschätzt. Jack Vincennes ist fast schon ein alter Hase, ein Spezialist als Drogenfahnder, dabei hat er vor allem die Jazzszene auf dem Kieker. Er arbeitet als Berater für die erfolgreiche Krimiserie „Badge of Honor“, was ihm eine gewisse Bekanntheit und Respekt unter den Kollegen einbringt. Er hat allerdings zwei Leichen im Keller, zwei Unbeteiligte, die er bei einem schiefgegangenen Einsatz unter Drogeneinfluss versehentlich erschossen hat. Das Ganze wurde vertuscht, doch ausgerechnet Sid Hudgens, Herausgeber des Skandalmagazins „Hush-Hush“, hat Beweise und so liefert Vincennes ihm regelmäßig straffällig gewordene Prominente aus. Ed Exley ist ein enorm ehrgeiziger Polizist, geprägt durch seinen erfolgreichen Vater, Ex-Polizist und jetzt erfolgreicher Bauunternehmer (er ist gut bekannt mit Raymond Dieterling und baut im Roman „Dream-a-Dreamland“ – natürlich sind Walt Disney und Disneyland gemeint). Exley ist enorm intelligent und kompetent und traut sich auch, für seine Karriere gegen Kollegen auszusagen. Er hat große Ansprüche an sich selbst und an seine moralische Integrität und muss doch feststellen, dass er diesen nicht immer gerecht wird.

Nach den Wirren um die „blutige Weihnacht“ folgt der zentrale Fall, um den sich alles kreisen wird (und es kreist eine Menge). April 1953, eine Nebenstraße des Hollywood Boulevard: Im „Nite Owl Coffee Shop“, einem kleinen Diner, kommt es mitten in der Nacht zu einem Blutbad. Drei Angestellte und drei Gäste werden von Unbekannten quasi bis zur Unkenntlichkeit mit Schusswaffen niedergemäht. Ein schiefgegangener Raubüberfall? Die erste Spur führt zu drei Schwarzen, die in der Gegend beim Rumballern in einem markanten Coupé gesehen wurden. Dasselbe oder das gleiche Coupé wurde auch am Tatort beobachtet. Die drei Schwarzen werden festgenommen, bestreiten die Tat, werden aber einer anderen (Entführung, Vergewaltigung) überführt. Vieles spricht dafür, dass sie auch das Massaker im „Nite Owl“ begangen haben, doch es gibt ein paar Zweifel und es fehlen auch eindeutige Beweise. Ed Exley soll in den Verhören die Kerle zum Geständnis bringen, allerdings sauber und ohne Gewalt.

An dieser Stelle verlassen wir mal den Plot, um nicht weiter zu spoilern. Nur so viel: Der Fall „Nite Owl“ gilt zwischendurch als gelöst, wird jedoch im Hintergrund weiter schwelen und schließlich wieder aufgenommen. Und die drei ungleichen und sich nicht gerade grünen Protagonisten werden gezwungen sein, sich gemeinsam damit auseinanderzusetzen. Daneben gibt es weitere Fälle, eine Pornographie-Ermittlung, der Mord am Herausgeber eines Skandalblattes, die Morde an einigen Prostituierten und ein längst abgeschlossener Fall aus den 1930er, bei dem ein Psychopath Kinder ermordet, zerstückelt und die Körper neu zusammengesetzt hat. James Ellroy rührt diese Fälle quasi in einem Mixer zu einer schwer durchschaubaren Brühe zusammen. Das ist einerseits faszinierend, andererseits frustrierend, weil einem als Leser bald nur noch der Kopf schwirrt. Der Plot ist fast schon eine Zumutung. Hinzukommt die bekannte schnoddrige Art von Ellroy, über seine Figuren politische Unkorrektheiten zu verbreiten. Hier werden mit wenigen Seiten Abstand Schwule beschimpft, das N-Wort exzessiv verwendet und ein Jude als Itzig bezeichnet. Obwohl das bei einem in den 1950er Jahren spielenden Plot sicher nicht unbedingt historisch unkorrekt ist, scheint Ellroy das auf gewisse Art auch zu zelebrieren.

Exley erhob sich. „Ich habe das mit der Beschwerde gegen Sie bereits erledigt. Es wird kein Disziplinarverfahren geben, keine Anschuldigungen. […] Er hat mich nicht nach meinen Motiven gefragt, und das Gleiche erwarte ich jetzt von Ihnen.“
Jack stand ebenfalls auf. „Und die Gegenleistung?“
„Wenn der Fall Nite Owl je wieder auf den Tisch kommt, gehören Sie und alles, was Sie wissen, mir.“
Jack streckte seine Hand aus. „Himmel, aus Ihnen ist wirklich ein eiskalter Hurensohn geworden.“ (Auszug S.451)

Dennoch kann man nicht bestreiten, dass einen diese dichte, testosterongesättigte Atmosphäre packt, die Ellroy hier kreiert. Er verwebt reale Personen wie den damaligen Chief des LAPD William H. Parker oder die Mobster Mickey Cohen und Jack Stompanato in die Story, ebenso echte Kriminalfälle wie die „Blutige Weihnacht“ und droppt ein paar Prominente. Erzählt wird aus der Perspektive der drei Hauptfiguren, die Erzählstimme in der dritten Person wird dabei auch immer mal wieder überraschend durchbrochen. Größere Zeitsprünge im Plot überbrückt der Autor mit Abschnitten, die aus Artikeln aus Zeitungen und Magazinen oder internen Vermerken des LAPD bestehen. Ellroy schreibt in einem atemlosen Stil in zumeist kurzen Sätzen oder Satzreihen. Überzeugend sind vor allem die Dialoge, die sehr griffig und authentisch wirken. Insgesamt gelingt dem Autor bei allen genannten Zumutungen ein hochgradig komplexer, aber insgesamt bemerkenswerter hartgesottener Polizeikrimi, mit all den bekannten Zutaten wie Macht, Gewalt, Korruption, Ehrgeiz, Loyalität, Schuld und Verrat. Es gibt keinen weißen Ritter, alle sind mehr oder weniger (vor allem mehr) unmoralische Personen. Letztlich bleibt die Frage nach Gerechtigkeit und ob und zu welchem Preis man sie überhaupt herstellen kann.

„Sergeant, was ist denn nun schon wieder?“
„Bloß eine Kleinigkeit aus Ihrem Autopsiebericht.“
„Sie sind nicht einmal von der County-Polizei.“
„Mageninhalt und Blutanalyse von Lynn Kendrick. Kommen Sie schon. Bitte.“
„Das ist kein Problem. Kendrick hat letzte Woche den Preis für den besten Magen gekriegt. Sind Sie so weit? Frankfurter Würstchen mit Sauerkraut, Pommes frites, Coca-Cola, Opium, Sperma. Guter Gott, ein tolles letztes Abendmahl.“ (Auszug S.544)

James Ellroy ist ein Kind der Stadt, wurde 1948 in Los Angeles geboren. Als er zehn Jahre alt war, wurde seiner Mutter bei einem Sexualverbrechen ermordet. Dieser Mord, der nie aufgeklärt wurde, übt seither eine große Bedeutung auf Ellroy aus. Er wuchs danach beim Vater auf, gerät später als Jugendlicher und junger Erwachsener auf die schiefe Bahn. Kleinkriminalität, Obdachlosigkeit, Alkohol- und Drogenabhängigkeit. Kleinere Haftstrafen, Psychosen, lebensbedrohliche Erkrankungen. Erst Ende der 1970er schafft Ellroy die Abkehr aus diesem Teufelskreis, jobbt als Caddy und beginnt zu schreiben. 1981 erscheint „Brown‘s Requiem“. Der endgültige Durchbruch gelingt ihm erst später mit dem L.A.-Quartett, vier hartgesottene Thriller über L.A. Ende der 1940er und in den 1950ern, beginnend mit „Die schwarze Dahlie“. „L.A. Confidential“ ist der dritte Band, der bis heute die meiste Aufmerksamkeit genießt, vermutlich durch die großartige Verfilmung von Curtis Hansen mit Russell Crowe, Kevin Spacey, Guy Pearce und Kim Basinger (Oscar für die beste Nebendarstellerin). Das Drehbuch zum Film (Curtis Hansen und Brian Helgeland gewannen den Oscar für das beste adaptierte Drehbuch) verzichtet allerdings sinnvollerweise auf die meisten Nebenstränge, mit denen Ellroy im Buch jongliert.

Als Angeleno und Chronist seiner Stadt spielt L.A. bei Ellroy natürlich eine große Rolle. Sowohl das erste als auch das zweite L.A. Quartett setzen sich mit der (Kriminal-) Geschichte der Stadt auseinander. In „L.A. Confidential“ bewegen sich die Protagonisten überwiegend im Norden und Westen der Stadt. So liegt das fiktive Nite Owl an der Ecke Hollywood Blvd. / Cherokee. Der Großteil der Geschichte spielt sich im Raum zwischen West Hollywood, Hollywood Hills, Wilshire Boulevard und Downtown ab. Interessant ist, dass man einigen Figuren bei Fahrten durch die Stadt begleiten kann. Zudem kündigen sich im Verlauf des Romans planerische Großprojekte an oder werden umgesetzt: Die Eröffnung von Disneyland 1955 („Dream-a-Dreamland“ im Roman) oder die Planung und Errichtung des südkalifornischen Freeway-Netzes.

 

Rezension und Titelfoto von Gunnar Wolters | Fotos von L.A. von Andy Ruhr

L.A. Confidential – Stadt der Teufel | Erschienen 1990
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Ullstein Verlag
Originaltitel: L.A. Confidential | Übersetzung aus dem Englischen von Hans H. Harbort
ISBN 978-3-548-29008-9
720 Seiten | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Raymond Chandler | Die Tote im See

Raymond Chandler | Die Tote im See

„Noch habe ich Sie nicht engagiert“, sagte er, „aber wenn ich es tue, handelt es sich um einen vertraulichen Auftrag. Über den Sie auch nicht mit Ihren Freunden von der Polizei reden können. Ist das klar?“
„Worum handelt es sich denn, Mr. Kingsley?“
„Machen Sie sich unnötige Sorgen? Sie erledigen doch alle Detektivarbeiten, oder nicht?“
„Keineswegs alle. Nur einigermaßen anständige.“ (Auszug S.11)

So ist er, der Philip Marlowe. Der Auftrag, den er zu Beginn des Romans erhält, scheint aber relativ unspektakulär. Er erhält von Derace Kingsley, einem erfolgreichen Parfümerie-Unternehmer, den Auftrag, dessen verschwundene Frau Crystal zu finden. Kingsley macht keinen Hehl daraus, dass seine Ehe am Ende ist. Ein Hinweis auf ihren Aufenthaltsort könnte ein Telegramm geben, dass er vor einem Monat von ihr aus El Paso erhalten hat, in dem Crystal ankündigt, sich in Mexiko von ihm scheiden zu lassen und ihren Geliebten Chris Lavery zu heiraten. Danach hat Kingsley aber nichts mehr von ihr gehört und auch Lavery konnte halbwegs glaubhaft versichern, mit Crystal weder in El Paso noch in Mexiko gewesen zu sein. Das lässt sich auch Marlowe bei einem Besuch bei Lavery bestätigen, der sogar behauptet, sich von Crystal bereits getrennt zu haben. Dennoch ist der Besuch bei Lavery für Marlowe interessant. Als er sich noch etwas in seinem Wagen auf der Straße aufhält, bemerkt er Aktivität beim Nachbarhaus eines gewissen Dr. Almore. Wenig später taucht ein Polizeiauto auf und ein Lieutenant Demargo verscheucht Marlowe. Der wird dadurch eher hellhörig und erfährt, dass Dr. Almore zwischenzeitlich mal Crystal Kingsleys Arzt war und seine Frau vor einiger Zeit bei einem seltsamen Selbstmord ums Leben kam.

Mangels weiterer Ansatzpunkte begibt sich Marlowe zum letzten bekannten Aufenthaltsort von Crystal. Weit außerhalb von L.A. bei Puma Point am Little Fawn Lake besitzen die Kingsleys ein Wochenendhäuschen. Dort wird Marlowe von Bill Chess empfangen, der dort wohnt und auf das Haus der Kingsleys mit achtet. Der niedergeschlagene Chess erzählt Marlowe, dass Crystal Kingsley tatsächlich hier oben am See gewesen sei, aber eines Morgens sei sie weg gewesen, zeitgleich mit seiner Frau Muriel, die ihn in der gleichen Nacht verlassen habe. Seitdem habe er von beiden nichts gehört. Chess und Marlowe begeben sich auf einen Rundgang um den See und entdecken plötzlich an einem alten Steg einen Körper im Wasser – der verzweifelte Chess erkennt in der Wasserleiche seine tote Freundin Muriel. Er gerät auch schnell selbst in Verdacht, seine Frau ermordet zu haben, während Marlowe herausfindet, dass Muriel in Wirklichkeit Mildred Haviland hieß und offenbar vor kurzem von einem Polizisten aus L.A. gesucht wurde.

Die Geschichte ist somit – wie üblich bei Chandler – durchaus komplex, um nicht zu sagen kompliziert. Das ist sicherlich auch Chandlers Technik geschuldet, aus mehreren seiner früheren Kurzgeschichten einen Roman zu montieren. In diesem Falle waren dies die Short Stories „The Lady In The Lake“ von 1939, „Bay City Blues“ aus dem Jahr 1938 und „No Crime In The Mountains” von 1941. Sehr verworren kommt dieser Plot daher, falsche Namen und mysteriöse Todesfälle bestimmen das Bild und auch Marlowe hat Mühe, den Durchblick zu behalten. Der Leser sowieso.

Das tut dem Lesevergnügen jedoch keinen Abbruch. Chandler ist ein Meister in Dialogen, Situationsbeschreibungen und Charakterisierungen. („Alles wirkte appetitlich wie ein frischer Apfelkuchen“ (S.48); „Das Auto schwebte den Block hinunter und tänzelte um die Ecke.“ (S.30); „Die Einmeterachtzig-Ausführung des Hausfriedensbrechers“ (S.13); „Die meisten meiner Klienten weinen am Anfang entweder mein Hemd nass oder schnauzen mich an, um zu zeigen, wer der Boss ist. Aber in der Regel werden sie am Ende alle ziemlich vernünftig – das heißt, wenn sie dann noch leben.“ (S.12))

Ein Meister der Sprache, dem man gewisse Ausschweifungen oder Verwirrungen im Plot problemlos verzeiht. Und da ist da noch dieser Marlowe, der als Ich-Erzähler durch das Geschehen führt. Er, der Prototyp des hardboiled detective, ein taffer, risikobereiter Typ, der aber seine moralische Integrität wahren und sich nicht korrumpieren lassen will. Der austeilen kann, aber auch einstecken muss, beides aber lieber vermeidet. Kurzum eine sicherlich herausragende Figur der Kriminalliteratur.

Niemand schrie oder stürzte aus der Tür. Keiner pfiff auf einer Polizistenpfeife. Alles war still, sonnig und friedlich. Offenbar gab es keinen Grund zur Aufregung. Da war auch nur Marlowe, der eine weitere Leiche gefunden hatte. Allmählich kann er das schon ganz gut. Pro-Tag-ein-Mord-Marlowe, so könnte man ihn nennen. Um am besten wär’s, man schickte ihm den Leichenwagen hinterher, wenn er seinen Beruf nachgeht.
Ein ganz netter Kerl, fast genial auf seine Art. (Auszug S.122)

Raymond Chandler wurde 1888 in Chicago geboren, lebte ab seinem achten Lebensjahr in England, arbeitete ab 1908 als Journalist in London. Erst 1912 kehrte er in die USA zurück und kam schließlich nach Kalifornien, arbeitete als Buchhalter, nahm zwischendurch als Freiwilliger im Ersten Weltkrieg teil. Ab 1933 begann er sich vollständig auf die Schriftstellerei zu konzentrieren, zunächst mit Kurzgeschichten in den einschlägigen Krimimagazinen. Von Beginn an hat Los Angeles eine große Bedeutung in seinen Werken, wirkt wie ein eigenständiger Protagonist. Die Stadt erscheint als ambivalente Metropole, glitzernd und zugleich düster: Reichtum und Luxus stehen neben Verfall, Korruption und Kriminalität. Der Blick durch die Augen von Hauptfigur Philip Marlowe zeigt ein L.A. der 1930er und 1940er Jahre, das von Macht, Gewalt und moralischem Verfall geprägt ist. Melancholie und Bedrückung macht sich in den Szenen breit – damit prägte Chandler mit einigen anderen Autoren den Noir als eigenständiges Genre und Los Angeles stand dabei Pate.

Bei aller Präsenz der Stadt in seinen Werken verzichtet Chandler allerdings oftmals darauf, Klarnamen und konkrete Orts- und Straßennamen zu verwenden. In „Die Tote im See“ bewegt sich Philip Marlowe außerdem weit über sein übliches Revier in die Bergregion hinter San Bernardino hinaus. Der fiktive Puma Point bzw. Puma Lake bildet einen scheinbar idyllischen Kontrast zum Moloch L.A. und beschreibt die Gegend um den echten Big Bear Lake in den San Bernardino Mountains. Darüber hinaus begleitet der Leser Marlowe außerdem nach „Bay City“, Chandlers fiktiver Version von Santa Monica, nach Downtown ins „Treloar Building“ nahe der 6th Avenue oder in Kingsleys Villa am fiktiven „Carson Drive“ in Beverly Hills. Marlowes Büro im „Cahuengo Building“ ist eindeutig das Gebäude der Security Trust und Savings Bank, Ecke Hollywood Boulevard und Cahuengo Boulevard. Der Showdown findet schließlich in einer Wohnung im „Bryson Tower“ statt, dem Bryson Apartment Hotel am Wilshire Boulevard.

 

Rezension und Buchfoto von Gunnar Wolters | Fotos von L.A. von Andy Ruhr

Die Tote im See | Erstmals erschienen 1944
Die gelesene Ausgabe erschien 1976 im Diogenes Verlag
Originaltitel: The Lady In The Lake | Übersetzung aus dem Englischen von Hellmuth Karasek
Für die aktuelle Ausgabe „Die Lady im See“ (Neuübersetzung von Robin Detje):
ISBN 978-3-257-24652-0
336 Seiten | 14,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Vor 70 Jahren: Eric Ambler | Besuch bei Nacht

Normalerweise gibt es an dieser Stelle in unserer Rubrik „Asservatenkammer“ eine etwas ausführliche Einordnung des Autors oder der Autorin. In diesem Fall ist das aber nicht nötig, denn mit dem Autor Eric Ambler haben wir uns in der Vergangenheit schon häufig und ausführlich beschäftigt. An dieser Stelle seien die Beträge „Eric Ambler, ein Porträt“ und die zahlreichen Rezensionen zu seinen Werken sehr empfohlen. Dennoch in aller Kürze: Ambler hatte vor dem zweiten Weltkrieg zunächst in einer Werbeagentur gearbeitet, bevor er dann den Durchbruch als Thrillerautor hatte. Sein bekanntestes Werk ist bis heute sicherlich der 1939 erschienene Roman „Die Maske des Dimitrios“. Im Krieg arbeitete Ambler in der Armeefilmeinheit, legte eine Schaffenspause als Autor ein. 1951 erschient sein erster Roman nach dem Krieg, „Besuch bei Nacht“ schließlich 1956. Kurz darauf wird Ambler nach Hollywood gehen, um dort als Drehbuchautor für zehn Jahre zu arbeiten.

Der Roman beginnt im Urwald auf einer südostasiatischen Insel. Der britische Ingenieur Steve Fraser hat mehrere Jahre bei einem Staudammprojekt im fiktiven Staat Sunda gearbeitet. Sunda hatte sich nach dem Zweiten Weltkrieg aus der damaligen niederländischen Kolonie gebildet. Eine ehemalige Guerillatruppe ist nun an die Regierung der jungen Republik gekommen und nutzt nun Regierungsposten und schafft zweifelhafte Verwaltungsposten, um die ehemaligen Militärs finanziell zu versorgen. Korruption und Vetternwirtschaft blühen. So sind auch einige Offiziere zum Staudammprojekt gekommen, obwohl sie über keinerlei Qualifikation verfügen. Sie machen sich wichtig und keine Freunde unter den Ingenieuren. Einzig der Major Suparto fällt Fraser positiv auf. Die Republik Sunda ist aber noch nicht vollends befriedet. Der ehemalige Oberst Sanusi, ein Muslim, hat sich zum Rebellenführer aufgeschwungen und der neuen Regierung den Kampf erklärt. Sanusi hat sich ins Hinterland zurückgezogen und ist dort schwer zu bekämpfen.

Nun läuft Frasers Vertrag aus und er möchte nun auch angesichts weiterer Gräueltaten gegen ehemalige niederländische Kolonisten die Heimreise antreten. Er verbringt ein paar letzte Tage in der Hauptstadt Selampang, um dort auf seine Papiere zur Ausreise zu warten. Ein befreundeter Pilot lädt ihn ein, in dessen Dachgeschosswohnung im Air House, einem markanten, modernen, mehrstöckigen Gebäude, in dem sich auch der zentrale nationale Radiosender befindet, zu wohnen. Fraser gönnt sich entspannte Tage, lernt in einer Bar Rosalie kennen, Tochter einer Ehe eines Europäers und einer Einheimischen. Bei einem gemeinsamen Spaziergang fällt Fraser ein Jeep auf, den er Major Suparto zuordnet und ist irritiert, das Fahrzeug in der Hauptstadt zu sehen. Fraser und Rosalie verbringen die Nacht im Dachapartment. Als sie morgens aufwachen, ist plötzlich Aufruhr im Haus und Suparto steht im Apartment. Es ist ein Putsch im Gange, Suparto gehört zu Sanusis Rebellen und Fraser und Rosalie stehen ab sofort unter Hausarrest und die Wohnung ist für die Rebellen beschlagnahmt.

Ein Schweigen entstand. Rosalies Hand lag reglos in meiner.
„Das Apartment“, fuhr Suparto fort, „gehört einem australischen Piloten. Er hat es dem Engländer zur Verfügung gestellt. Ich gebe zu, die Situation ist nicht gerade angenehm.“
„Man hätte sie den Soldaten überlassen sollen“, sagte Roda gereizt. […]
Sanusi wandte sich ab, um ins Wohnzimmer zu gehen. „Die Sache ist unwichtig“, sagte er, „sie kann später gelöst werden.“ (Auszug S. 107)

Nach einer langen Schaffenspause von über zehn Jahren hatte sich Eric Ambler nach dem Zweiten Weltkrieg erst 1951 wieder mit einem neuen Roman zurückgemeldet. In „Der Fall Deltschev“ brach Ambler dann endgültig mit dem Kommunismus sowjetischen Stils, mit dem er vor dem Krieg durchaus – auch in seinen Romanen – sympathisiert hatte. In dieser zweiten Phase seines Schaffens als Autor zeitgenössischer Politthriller ging Ambler dann im Gegensatz zu manchen Kollegen weniger auf die Dynamiken der Großmächte im Kalten Krieg ein, sondern beschrieb die politischen und gesellschaftlichen Verwerfzonen an den Rändern, in „Besuch bei Nacht“ zum Beispiel im indonesischen Raum. Indonesien erlangte 1949 nach einem vierjährigen Krieg, der zumeist als Guerillakrieg geführt wurde, die Unabhängigkeit von den Niederlanden. In den Verhandlungen sollte Indonesien zukünftig als Föderation geführt werden, doch schon bald führte Präsident Sukarno das Land als Einheitsstaat, stark nationalistisch, gestützt durch das Militär und wirtschaftlich dem Kommunismus zugewandt. Damit waren die Spannungen zwischen den vielen Völkern und Religionsgemeinschaften vorprogrammiert. 1966 wurde geputscht und der durch die Amerikaner unterstützte General Suharto kam an die Macht und regierte mehr als dreißig Jahre diktatorisch.

In diesem Spannungsfeld siedelt Ambler seinen Plot an. Sein Protagonist ist wie üblich ein Unbeteiligter, dem im Verlauf der Handlung aber einiges an Verantwortung aufgebürdet wird. So ist es auch diesmal: Fraser, der anfangs sich mehr oder weniger nur unsichtbar machen will, um die Situation heil zu überstehen, gerät unter Druck, als man ihn von Seiten der Putschisten um ingenieurstechnische Hilfe bittet. Der Druck steigt noch, als er bemerkt, dass nicht alle Putschisten tatsächlich gegen die alte Regierung arbeiten. Fraser muss lavieren, um nicht nur sein Leben, sondern auch Rosalies zu retten, zu der er zunehmend Zuneigung entwickelt.

Eric Ambler schreibt wie gewohnt zurückhaltend und nüchtern, dennoch mit dosierter Spannung. Der Roman kommt stellenweise wie ein Kammerspiel daher, der Mittelteil spielt fast ausschließlich im Dachgeschossapartment. Ambler vermeidet eine klare Positionierung und eine Schwarz-Weiß-Zeichnung der verschiedenen Lager, sondern beschreibt eher analytisch die schwierige Lage der Putschisten, ihren vermeintlichen anfänglichen Erfolg umzumünzen. Die Figuren bleiben ein wenig unausgegoren, aber Ambler war schon immer ein Meister die Mechanismen politischer Macht zu beschreiben und war damit damals immer auf der Höhe der Zeit oder dieser sogar voraus. Der heutige Leser muss sich aber von den aktuellen Erwartungen an einen Thriller lösen, obwohl für Amblers Verhältnisse viele Geschosse durch die Gegend fliegen. Letztlich reiht sich „Besuch bei Nacht“ nahtlos in Amblers Gesamtwerk ein und bietet intelligente Unterhaltung mit politisch-gesellschaftlichen Stoffen, die zumeist bis in die heutige Zeit Relevanz behalten haben.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Besuch bei Nacht | Erstmals erschienen 1956
Die gelesene Ausgabe erschien 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-65115-7
256 Seiten | 12,- €
Originaltitel: The Night-Comers | Übersetzung aus dem Englischen von Wulf Teichmann
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Eric Ambler

Rezensions-Doppel Philippinen

Rezensions-Doppel Philippinen

Die Philippinen sind in diesem Jahr das Gastland der Frankfurter Buchmesse und wir hatten hier auf dem Blog eine Zeit lang eine Tradition, zur Buchmesse dann auch ein paar Krimis aus oder über das Gastland zu präsentieren. Das wollte ich dieses Jahr gerne wieder aufgreifen, war allerdings nicht so einfach, denn der bevölkerungsreiche asiatische Inselstaat ist literarisch international, was Übersetzungen betrifft, eher unterrepräsentiert und im Krimigenre sowieso. Letztlich habe ich auf meinem umfangreichen SuB aber noch etwas gefunden. Zum einen ein erst von kurzem übersetztes Werk des in seiner Heimat sehr erfolgreichen Autors Jose Dalisay und zum anderen ein Krimi aus den 1980ern mit Schauplatz Manila des australischen Autors William Marshall.

Jose Dalisay | Last Call Manila
Ein Sarg trifft am Flughafen Manila ein. Eine tote philippinische Gastarbeiterin in Saudi-Arabien. Das Schild sagt, in ihm liegt „Aurora V. Cabahug“. Doch der Polizist Walter Zamora in der Provinzstadt Paez, der ein Telegramm erhält, um die Angehörigen zu informieren, weiß sofort: Das kann nicht stimmen. Denn Aurora, genannt Rory, ist die Sängerin und Hauptattraktion im „Flame Tree“, im örtlichen Nachtclub. Dort hat er sie erst gestern quicklebendig gesehen.

Und so macht sich Walter auf, um hier Licht ins Dunkle zu bringen – auch wenn ihm nur bedingt gelingt. Irgendwann machen sich Walter und Rory auf nach Manila, um den Sarg abzuholen und dabei geschehen weitere unvorhergesehene Dinge. Währenddessen wird in Rückblicken die Geschichte von Soledad erzählt, Rorys Schwester, die mit dem Pass ihrer Schwester als Arbeitskraft nach Saudi-Arabien gegangen und nun in einem Sarg zurückgekommen ist.

Das war es, worum es in diesem Land wirklich ging: Distrikte, Grenzen, Absperrungen, die dich daran erinnerten, wo du hingehörtest und wo du standest. Diese Dinge zu vergessen, war der Anfang vom Ende, und Walter hatte nicht vor, noch einmal diesen Weg zu gehen, Besonnenheit war nun seine Parole, Besonnenheit und Umsicht, das Vermeiden von unnötigen Konflikten – von denen es, Gott wusste das am besten, mehr als genug gab in Walters Welt. (Auszug Seite 88)

Autor Jose Dalisay ist in seiner Heimat einer der bekanntesten Autoren und Herausgeber und schrieb diesen Roman bereits 2008. 2023 erschien „Last Call Manila“ in deutscher Übersetzung, laut Tobias Gohlis, Chefjuror der Krimibestenliste, der vermutlich erste übersetzte philippinische Kriminalroman. Obwohl man den Begriff schon weit dehnen muss, zwar kommt ein Kriminalbeamter, eine Leiche und eine Reihe von Verbrechen vor, aber ansonsten geht es hier eher nicht genretypisch zu.

Aber das soll hier nicht als Kritik gemeint sein. Lakonisch und mit schwarzem Humor erzählt der Autor über den schwierigen Alltag, vor allem über seine Hauptfiguren. Walter ist ein besonnener, abgestumpfter Polizist, der sich möglichst konfliktfrei durchs Leben manövrieren will. Rory ist die junge Frau mit Talent und Träumen, die es aber bisher nur in den Nachtclub ihrer Heimatstadt geschafft hat. Und Soledad erzählt vom unglaublich entbehrungsreichen Leben der Filipinos, die im Ausland harte Arbeit verrichten, um die Daheimgebliebenen zu versorgen. Mit möglichem bösem Ende inklusive. Jose Dalisay hat hier einen kurzweiligen Roman verfasst, der interessante Einblicke in die philippinische Gesellschaft bietet.

William Marshall | Manila Bay
Lieutenant Felix Elizalde von der Manila Metro Police muss in einem schwierigen Mordfall ermitteln. Während eines Hahnenkampfes mit dem bekannten Champion „Battling Mendez“, dem wohl bekanntesten Hahn der Philippinen und ein lukrativer Werbeträger, hat ein Unbekannter den Kampfleiter und Buchmacher im Ring erschossen. Trotz hunderter Zeugen gibt es zwar eine Beschreibung, aber keine klaren Hinweise auf die Identität des Täters. Der Tote gehörte zu einem Konsortium, dem „Battling Mendez“ gehörte. Hierzu zählt auch der Bruder des Toten, der sich bei einem Telefonat mit Elizalde seltsam verhält. Doch bevor Elizalde ihn aufsuchen kann, wird auch der Bruder durch eine Granate getötet, die auf seine Wohnung abgefeuert wird, mehrere Passanten sind ebenfalls unter den Opfern. Elizalde vermutet, dass noch weitere Personen in Gefahr sind und dass es mit der Verbindung zu „Mendez“ zu tun hat. Doch das Firmengeflecht rund um diesen lukrativen Hahn ist schwer zu durchschauen und wird auch von anderer Seite gut geschützt.

Wie üblich war der uninteressanteste Teil an einem Verbrechen in Manila das Verbrechen selbst. Wahrhaft faszinierend war es, wie sich die Zeugen in Luft auflösten, sobald etwas passierte, und nie wieder gesehen wurden. (Auszug S. 30)

Währenddessen haben Elizaldes Untergebene Sergeant Baptiste Bontoc und Detective Sergeant Jesus-Vicente Ambrosio zwei Spezialaufgaben. Während Bontoc abkommandiert wurde, um vermeintlich japanischen Grabräuber in einem Dinosaurierpark, unter dem noch Kriegsgräber aus dem zweiten Weltkrieg vermutet werden, aufzuspüren, mischt sich Ambrosio unter die Taxifahrenden Manilas, denn es gibt einen Räuber, der mit Hilfe von Stinkbomben der Durianfrucht Taxis ausraubt.

Diese beiden Episoden, die sich regelmäßig mit der Mordserie, die Elizalde bearbeitet, ablösen, sorgen für Exzentrik und Humor in diesem Kriminalroman, der im Original bereits 1983 erschien. Autor William Marshall, Australier, aber Kosmopolit, schrieb vor allem eine erfolgreiche Reihe von Krimis mit Schauplatz Hongkong, aber eben auch zwei Krimis über Manila. Marshall sorgt durch die mehreren Plotstränge für ein hohes Erzähltempo und viel Abwechslung, schafft es aber zum Ende hin, die beiden Stränge um Bontoc und Ambrosio so zu beenden, dass danach alle Beteiligten zum Showdown des Hauptplots zusammenkommen.

„Manila Bay“ ist aktuell leider vergriffen und nur noch antiquarisch erhältlich, ist aber auch heute noch ein absolut lesenswerter Krimi, der letztlich einen klassischen Plot über Korruption und Rache enthält, aber trotz seines hohen Tempos und der schnellen Schnitte interessante Geschichten und Einblicke in die philippinische Gesellschaft bereithält.

 

Rezensionen und Foto von Gunnar Wolters.

Last Call Manila | Erschienen am 14.02.2023 im Transit Verlag
ISBN 978-3-88747-399-0
210 Seiten | 22,- €
Die gelesene Ausgabe erschien als Lizenzausgabe bei der Büchergilde Gutenberg
Originaltitel: Soledad’s Sister | Übersetzung aus dem Englischen von Nico Fröba
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 3,5 von 5

Manila Bay | Erschienen am 07.09.2000 im Unionsverlag
ISBN: 978-3-293-20190-3;
288 Seiten | nur noch antiquarisch erhältlich
Originaltitel: Manila Bay | Übersetzung aus dem Englischen von Anke Caroline Burger
Bibliografische Angaben
Wertung: 4 von 5