Kategorie: SoKo

Abgehakt | März 2020

Abgehakt | März 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Quartalsende 1/2020

 

Alan Parks | Tod im Februar Bd. 2

Detective Harry McCoy wird zu einem blutigen Tatort auf dem Dach eines Hochhaus-Rohbaus gerufen. Dort wurde ein junger Mann abgeschlachtet, zusätzlich eine Nachricht in seine Brust geritzt. Der Mann war Spieler bei Celtic Glasgow – und mit Elaine Scooby verlobt, Tochter eines lokalen Gangsterbosses. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden: Ein ehemaliger Mitarbeiter Scoobys und angeblich ein verschmähter Verehrer der Tochter. Doch als weitere Morde geschehen und ein Kampf in der Glasgower Unterwelt beginnt, dämmert es McCoy, dass noch einiges mehr dahintersteckt.

Tod im Februar ist der zweite Teil der Reihe um den Glasgower Polizisten Harry McCoy und spielt nur wenige Wochen später als Teil 1 Blutiger Januar im Februar 1973. Es gibt Wiedersehen mit Harrys Kollegen Wattie, seinem väterlichen Vorgesetzten Murray und Cooper, ebenfalls Gangsterboss und Harrys Freund aus Tagen im Kinderheim. Die Atmosphäre ist wiederum düster, das Setting in Glasgow in den 70ern ist rau und schmuddelig, voller Drogen und Alkohol. Während des Falles kommt zudem Harrys und Coopers traurige Vergangenheit wieder hoch, die sie nie ganz hinter sich lassen können und die auch ihre Handlungen in der Gegenwart beeinflussen. Harry ist ein waschechter hardboiled Cop, empathisch für die Gebeutelten, grimmig gegenüber den Bösen. Seine Beziehung zu Cooper ist als Cop natürlich hochproblematisch. Und diesmal wandelt Harry nicht nur auf der Grenze zwischen hell und dunkel, diesmal wird er sie auch überschreiten.

Insgesamt ein wirklich guter, souverän erzählter, hartgesottener Krimi mit einem sehr gelungenen Schauplatz. Hoffentlich hält die Qualität der Reihe an.

 

Tod im Februar, erschienen am 28. Oktober 2019 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27198-2
432 Seiten | 16.- Euro
Originaltitel: February’s Son
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/ Hardboiled
Wertung: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zum 1. Teil der Reihe Blutiger Januar

 

Oliver Buslau | Feuer im Elysium

Wien im April/Mai 1824: Die Stadt fiebert der Aufführung der neuesten, der neunten Sinfonie vom alten Meister Ludwig van Beethoven entgegen. Lange Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört, doch das neue Werk soll etwas ganz besonderes sein. Geradezu revolutionär. Ein Wort, dass man in Wien in diesen Tagen nicht gerne hört. Und so ist vielen Reaktionären in Adel und Beamtenschaft die Uraufführung ein Dorn im Auge. In diesen Tagen kommt der junge Sebastian Reiser in die Stadt. Er sollte die Schlossverwaltung des Edlen von Sonnberg übernehmen und später vielleicht die Tochter des Hauses heiraten. Doch nach dem Unfalltod des Edlen wurde er vom Erben des Schlosses verwiesen und muss in Wien neu anfangen. Dort trifft er auf seinen alten Musiklehrer, Teilnehmer des Premierenorchesters, und einen alten Studienfreund in Diensten der Staatsmacht, der ihn als Spitzel anheuert. Reiser soll sich in die Orchestergruppe der Uraufführung einschleusen und Umstürzler und Revolutionäre denunzieren. Doch Reiser wird von der Kraft von Beethovens Symphonie mitgerissen und befindet sich längst – zunächst ohne es zu ahnen – in der Mitte einer großen Verschwörung.

Ludwig van Beethovens Geburtsjahr jährt sich in diesem Jahr zum 250. Mal. Zeit für eine große kulturelle Vermarktung des Komponisten. Warum dann nicht auch ein Beethoven-Krimi/Thriller? Für Autor Oliver Buslau, Musikjournalist, Amateurmusiker und Krimiautor (mehrere im Umfeld klassischer Musik), lag das förmlich auf der Hand. Am überzeugendsten ist dieser historische Thriller, in dem Beethoven selbst zwar nicht so häufig, aber doch regelmäßig auftritt, wenn es um die klassische Musik und den Schauplatz und die historische Lage im Deutschen Bund und im Kaiserreich geht. Der Wiener Kongress hatte die Restauration der alten Verhältnisse zur Folge, liberales oder gar revolutionäres Gedankengut wurde verfolgt. Starker Mann war der österreichische Kanzler Metternich, der ein umfangreiches Spitzelsystem etablierte. Dagegen fallen manche Teile des Plots etwas ab. Die Hintergrundgeschichte des Sebastian Reiser überzeugt nicht so ganz, vor allem die Auflösung des Komplotts erscheint arg konstruiert. Dennoch war es insgesamt unterhaltend, weitgehend spannend und mit zahlreichen interessanten Fakten versehen.

 

Feuer im Elysium | Erschienen am 23. Januar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0616-3
496 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Historischer Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

James Lee Burke | Straße ins Nichts Bd. 11

Die junge Letty Labiche wartet auf ihre Hinrichtung. Sie hatte einen Mann ermordet, der auf sie und ihre Schwester in der Kindheit öfters aufgepasst hatte. Dave Robicheaux kannte die Beteiligten und verdächtigte den Mann des sexuellen Missbrauchs, ohne dass dies zu beweisen war. Er will Letty vor der Hinrichtung bewahren und recherchiert ihren Hintergrund. Dabei stößt er zufällig auf einen alteingesessenen Zuhälter, der behauptet zu wissen, dass Daves lange verschollene Mutter von Polizisten ermordet wurde. Daves Mutter hatte ihre Familie verlassen, dennoch hat ihm die Ungewissheit, was mit ihr geschehen ist, lange zugesetzt. So setzt er nun alles daran, diese Spur weiterzufolgen und macht sich dadurch natürlich einige Feinde. Dave steht irgendwann vor der Frage, ob die Verantwortlichen mit normalen Mitteln zu belangen sind oder ob er selbst für Gerechtigkeit sorgen muss.

Straße ins Nichts oder Purple Cane Road im Original erschien vor genau zwanzig Jahren als elfter Band der beliebten Reihe um Dave Robicheaux, der wie immer mit seinem besten Kumpel Clete Purcel in New Orleans und Louisiana für Gerechtigkeit sorgen will und dabei in der Wahl der Mittel ein ums andere Mal die Grenzen überschreitet, was ihn allerdings für den Leser umso interessanter macht. Dieses Mal ist der Fall sogar noch eine Spur persönlicher als sonst. Autor James Lee Burke erzählt dies wie immer kraftvoll, mit vielen interessanten Figuren, eingebettet in präzisen und bildlichen Beschreibungen der Natur und Landschaft Lousianas. Es gibt sicher noch stärkere Bände der Reihe, aber Burke ist dennoch eine sichere Bank, immer empfehlenswert.

 

Straße ins Nichts | Erstmals erschienen 2000
ISBN 978-3-86532-675-1
Die Neuauflage erschienen am 15. Januar 2020 im Pendragon Verlag
436 Seiten | 20.- Euro
Originaltitel: Purple Cane Road
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zu weiteren Titeln des Autors James Lee Burke

 

Oyinkan Braithwaite | Meine Schwester, die Serienmörderin

Korede ist Krankenschwester, stammt aus einer relativ wohlhabenden Familie aus Lagos in Nigeria. Korede hat auch noch eine jüngere Schwester, Ayoola. Diese ist eine absolute Schönheit und daher auch bei den Männern sehr beliebt. Im Gegensatz zu Korede. Es gibt aber ein Problem: Ayoola hat schon drei ihrer Verehrer umgebracht.
Korede ist dann die Cleanerin, sie reinigt den Tatort und lässt die Leiche verschwinden. Dass ihre Schwester in Notwehr gehandelt hat, wie sie behauptet, kauft Korede ihr schon längst nicht mehr ab, aber an die Polizei will sie sie auch nicht ausliefern. Da ergibt sich eine neue Situation: Korede ist schon länger in einen Arzt aus ihrem Krankenhaus verliebt, ohne dass es zu einem Date oder Weiterem gekommen wäre. Doch als Ayoola sie auf der Arbeit besucht, springt der Arzt direkt auf Ayoola an und beginnt, mit ihr auszugehen.

Zwei völlig unterschiedliche Schwestern, die eine die Unscheinbare, Vernünftige, die andere die Schöne, Unbekümmerte und Tödliche. Dennoch gilt die alte Regel vom Blut, das dicker als Wasser ist, was im Laufe der Geschichte aber sehr auf die Probe gestellt wird. Autorin Oyinkan Braithwaite erzählt diese Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Korede, was einerseits seinen Reiz hat, andererseits die Perspektive einschränkt und keinen vollen Blick auf die Dinge erlaubt. Immer wieder werden auch Rückblicke eingestreut, die teilweise einiges erhellen, so etwa das schwierige Verhältnis zum nicht liebevollen Vater, was die Schwestern zusammengeschweißt hat. Überhaupt ist dies eine ausgesprochen feminines Buch (feministisch sogar? Ich weiß nicht.), sind doch die Männer weitgehend nur Randfiguren.

Meine Schwester, die Serienmörderin war im englischsprachigen Raum bereits äußerst erfolgreich und war gar für den Man Booker Price nominiert. Die Geschichte ist durchaus reizvoll und unterhält gut. Den Hype halte ich dennoch nur bedingt für gerechtfertigt, denn ich hatte den Eindruck, dass überall noch ein paar Prozente herauszuholen gewesen wären. So schwankt die Autorin für meinen Geschmack zu sehr in der Frage, ob sie die Geschichte eher schwarzhumorig-pulpig oder mit ernsthafter Tiefe erzielen will. Dann wäre aber mehr Tiefe in der Figur der Ayoola wünschenswert gewesen. Dennoch ist dieser Roman absolut keine Enttäuschung, sondern gut geschrieben und mit originellem Plot.

Meine Schwester, die Serienmörderin | Erschienen am 10. März 2020 bei Blumenbar im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-05074-0 | ISBN 978-3-841-21898-8 (eBook)
240 Seiten | 20.- Euro, 14.99 Euro (eBook)
Originaltitel: My Sister, the Serial Killer
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Caroline Eriksson | Die Beobachterin

Elena ist Schriftstellerin und vorübergehend in ein Reihenhaus eingezogen. Während sie dort am Küchentisch sitzt und arbeitet, kann sie die Familie im gegenüberliegenden Haus beobachten und ihr fallen merkwürdige Szenen auf, die sie einerseits für ihr neues Buch nutzt, die sie andererseits aber auch immer fester davon überzeugen, dass dort bald etwas Schreckliches passiert, das sie verhindern muss.

Es handelt sich hier meiner Meinung nach um einen Thriller, der sich flüssig und auch spannend liest und der zum Ende hin einige Wendungen aufweisen kann, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber insgesamt fesselt er mich nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte.

 

Die Beobachterin | Erschienen am 12. November 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10043-0
336 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Hon som vakar
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Doppel-Rezension Georges Simenon: Chez Krull & Maigrets Jugendfreund

Doppel-Rezension Georges Simenon: Chez Krull & Maigrets Jugendfreund

Vor knapp zweieinhalb Jahren war es schon so etwas wie ein Paukenschlag in der Buchbranche. Nach mehr als vierzig Jahren verlor der Diogenes Verlag die Rechte an einem seiner absoluten Autorenzugpferde: Georges Simenon. Neuer Rechteinhaber wurde der neu gegründete Kampa Verlag, dessen Inhaber Daniel Kampa vorher bei Diogenes arbeitete und als großer Kenner des Autors gilt. Kampa hat sich die Mammutaufgabe gesetzt, das komplette Werk Simenons wieder herauszugeben, teilweise neu übersetzt, viele mit Nachworte prominenter Simenon-Fans versehen. Dazu bislang unübersetzte Frühwerke des Autors, Autobiografisches und einiges mehr. Seit dem zweiten Halbjahr 2018 wurde mit der Wiederauflage Simenons begonnen, parallel erscheint seit Anfang 2019 im Atlantik Verlag die Taschenbuch-Edition.

Georges Simenon braucht an sich natürlich keine große Einführung mehr. Der Belgier war während seiner Schaffenszeit ein äußerst produktiver Autor. Am bekanntesten sind natürlich seine 75 Kriminalromane mit Kommissar Maigret (plus ein unter Pseudonym veröffentlichter „Ur“-Maigret). Auf diese Krimis wurde Simenon lange Zeit von manchen Kritikern beschränkt, dabei ist das andere Werk des Autors – die sogenannten „Non-Maigrets“ – umso unfangreicher. Über 100 Romane, knapp 150 Erzählungen, mehrere hundert Kurzgeschichten sowie zahlreiche Essays, autobiografische Werke und anderes. Für dieses Rezensionsdoppel hat sich Gunnar einen Non-Maigret (oder „roman dur“, wie Simenon selbst meinte) und Andy sich einen Maigret ausgesucht.

Georges Simenon | Chez Krull

Eine Kleinstadt in Nordfrankreich, Ende des 1930er Jahre. Am Rande der Stadt liegt der Kanalhafen und dort steht der Laden der Krulls. Der Vater ist vor vielen Jahren eingewandert, besitzt aber längst die französische Staatsangehörigkeit, diente in der französischen Armee. Dennoch sind die Krulls Außenseiter in der Stadt. Ihr Laden, ein kleiner Kaufmannsladen mit Alkoholausschank, wird von den Einheimischen gemieden, durch die Kanalschiffer können sich die Krulls aber gerade so über Wasser halten.

Da betritt Hans Krull die Szene. Er ist ein Neffe des alten Krull und hat sich als Gast angekündigt. In Deutschland droht ihm angeblich das KZ. Während das Ehepaar Krull und die drei Kinder Joseph, Anna (beide schon erwachsen) und Elisabeth spießig, sehr zurückhaltend und angepasst sind, bloß nicht auffallen wollen, ist der junge Hans Krull aus ganz anderem Holz geschnitzt. Er ist selbstbewusst, laut, neugierig, ein Draufgänger, spricht gerne auch Deutsch in der Öffentlichkeit. Und Hans Krull ist ein Lügner, ein Schmarotzer, ein Tunichtgut, er streunt in der Gegend herum, lieht sich bei Freunden der Krulls unter einem falschen Vorwand Geld und verführt die jüngste Tochter Elisabeth.

Da geschieht ein Mord. Sidonie, die Tochter einer stadtbekannten Alkoholikerin, wird tot im Kanal aufgefunden. Der erste Verdacht fällt auf den Lebensgefährten der Mutter, doch er kann überraschenderweise ein Alibi aufweisen. Zusätzlich befeuert durch die Aufmerksamkeit, die Hans durch sein Verhalten in der Stadt auslöst, dreht sich die Stimmung nach und nach zu Lasten der Krulls.

Es gab da eine schreckliche, deprimierende Ungerechtigkeit, denn immer schon, so weit er zurückdenken konnte, hatte er alles richtig machen wollen, hatte er sich angestrengt, so zu sein, wie die anderen, besser zu sein als sie, in der Schule der beste Schüler zu sein, zu Hause ein braves Kind, seine Kleider sauber zu halten und seine niederen Instinkte zu unterdrücken.
Und jetzt stand er hier, als Angeklagter, vor diesem Hans, der in seinem Alter war, ihn spöttisch ansah, ihm überlegen war in seiner zynischen Gelassenheit. (Seiten 172 und 173)

Der Roman hat für mich zwei Ebenen. Ganz offensichtlich und auch anhand der Kurzbeschreibung herauszulesen, geht es hier um die Konflikte von Einheimischen und Zugereisten, um Fremdenfeindlichkeit. Wie Ressentiments gepflegt werden und zu wachsen beginnen, schildert Simenon sehr eindrücklich. Einzelne Wortführer stacheln an, ein Mob formiert sich, löst sich wieder auf und ist am anderen Tag wieder da. Man beginnt mit Rufen, macht mit Schmierereien weiter und steigert sich stetig in der Aggressivität. Das alles schildert Simenon weitgehend aus Sicht der machtlosen Krulls. Auch die Polizei, wenngleich um den Erhalt von Recht und Ordnung bemüht, kann sich letztlich dem Druck nicht entziehen.

Andererseits zeigt Simenon seine bekannten Stärken in der psychologischen Charakterisierung seiner Figuren. Die Familie der Krulls in ihrem vergeblichen Wunsch nach Akzeptanz. Es wird aber auch deutlich, dass sie eine echte Eingliederung selbst nicht vollständig betrieben haben. Sie haben sich aber inzwischen scheinbar damit abgefunden, eine seltsame Apathie macht sich breit. Am undurchsichtigsten ist der Vater Cornélius, der selten etwas sagt und den seine Familie auch möglichst aus allem heraushalten will. Und dann platzt dieser Vetter Hans in diese Szenerie – egoistisch, selbstsicher und unbekümmert. Hans hat ein feines Gespür für die inneren Konflikte der Krulls und befeuert diese. Er ist der Katalysator der Ereignisse, sowohl innerhalb der Familie als auch im Außenverhältnis.

Ein wirklich gelungener Roman, der mich auf beiden Ebenen überzeugen konnte. Simenon bringt neben der psychologischen Komponente auch noch eine gesellschaftspolitische Ebene hinein und das macht diesen Roman aus dem Jahr 1939 zeitlos relevant.

Georges Simenon | Maigrets Jugendfreund

In fünfunddreißig Jahren war er keinem einzigen Mitschüler aus dem Lycée Banville begegnet. Und dann musste es ausgerechnet Florentin sein! (Seite 221)

Der Titel Maigrets Jugendfreund ist ein wenig irreführend, denn eigentlich konnte Jules Maigret, Kommissar der Pariser Kriminalpolizei seinen früheren Mitschüler Léon Florentin nie so richtig leiden. Der einstige Klassenclown Florentin war bekannt für seine Faxen und nahm es mit der Wahrheit nicht so genau. So ist Maigret auch nicht erfreut, als der Bäckersohn ihn Mitte Juni 1968 am Quai des Orfèvres im 9. Arrondissement aufsucht und verzweifelt um Hilfe bittet. Und es ist eine ganz schön pikante Geschichte, die ihn in eine mehr als prekäre Lage gebracht hat: Seine Geliebte Joséphine „Josée“ Papet wurde in ihrer Wohnung erschossen, während er sich im Wandschrank versteckte. Die kleine, 20 Jahre jüngere Josée becircte die Männer mit ihrer sanften und charmanten Art und ließ sich neben ihm noch von vier weiteren Liebhabern aushalten. Diese wussten weder voneinander noch von Florentin und besuchten sie an unterschiedlichen Tagen. Wenn einer mal unangemeldet kam, musste Florentin sich schnell verstecken.

Maigret beginnt mit seiner geduldigen und souveränen Art den Tathergang zu rekonstruieren, die übrigen vier Galane zu ermitteln und auf ihre Motive sowie Alibis abzuklopfen. In Josées Wohnung wurden sämtliche Fingerabdrücke abgewischt und es fehlen alle Ersparnisse sowie sämtlicher Briefverkehr. Verdächtig macht sich auch die übergewichtige und stets mürrische Concierge Madame Blanc, die niemanden gesehen haben will. Aber der Hauptverdächtige ist und bleibt Léon Florentin, eine verkrachte Existenz, der in seinem Leben nichts hinbekommen hat und sich momentan erfolglos als Antiquitätenhändler verdingt. Der einstige Hallodri ist vorbestraft und wirkt inzwischen nur noch wie ein alternder Versager.

Wenn zum Ende dieser kleinen, aber feinen Geschichte der Pariser Kommissar alle Verdächtigen mit seinen Rechercheergebnissen konfrontiert und den Täter entlarvt, entsteht bei ihm kein Triumphgefühl. Maigret – immer mit Pfeife und gemächlicher Ruhe-  versucht eher, die Motivation für die Tat und auch den Verbrecher zu verstehen. Damit war Georges Simenon einer der ersten, bei dem in den Maigret-Romanen der Fokus weniger auf der Täterermittlung sondern eher auf den psychologischen Aspekten und den Hintergründen des menschlichen Verhaltens lag.

Maigret ist ein typischer Kleinbürger, dem das wohlhabende Bürgertum immer ein wenig suspekt ist. Seine Stärken sind sein Einfühlungsvermögen und seine Beharrlichkeit. Auch zeichnet ihn eine große Menschlichkeit aus. Den Fall löst er auch durch Intuition, seine Inspektoren spielen keine großen Rolle und werden charakterlich nicht vertieft. Mehr im Hintergrund agiert Madame Maigret, deren Aufgabe, ein behagliches Heim für ihren Ehemann zu schaffen und als ausgleichender Ruhepol zu fungieren, für die heutige Zeit natürlich etwas antiquiert wirkt.

Maigrets Jugendfreund ist der 69. von 75 Romanen sowie 28 Erzählungen mit dem berühmten Pfeifenraucher, die der belgische Autor in einen Zeitraum von über 40 Jahren geschrieben hat. Mich hat der Krimi, der in einfacher, nüchterner Sprache, amüsanten Dialogen und ohne viel Pathos erzählt wird, blendend unterhalten.

Chez Krull | Erstmals erschienen 1939
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 30. August 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-92773-495-1
278 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spannungsroman, Klassiker
Wertung: 4.0 von 5.0

Maigrets Jugendfreund | Erstmals erschienen 1968
Die gelesene Taschenbuchausgabe erschien am 4. Juli 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00776-3
224 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi, Klassiker
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zum Hörbuch Maigret: Die spannendsten Fälle ♬ sowie den Romanen Maigret und die junge Tote und Maigret und der gelbe Hund.

Jahreshighlights 2019

Jahreshighlights 2019

Aus den in 2019 für Kaliber.17 rezensierten Titeln stellen wir euch wie jeden Januar unsere Highlights vor. Andrea, Andy und Gunnar präsentieren ihre Top-Titel 2019. Zur jeweiligen Rezension gelangt ihr am bequemsten durch Klick auf den Titel.

 

Andreas Lieblingsbücher 2019

Charlotte Link | Die Suche

Es handelt sich um den zweiten Kriminalroman um Detective Sergeant Kate Linville, die gerade ihr Elternhaus zum Verkauf vorbereitet, als ein 14-jähriges Mädchen spurlos verschwindet und Kate sich in die Suche einmischt. Ein dickes Buch, in dem ausführlich auf alle Gedanken und Gefühlslagen eingegangen wird, aber mit einem späteren Lese-Sog und spektakulären Ende punkten kann.

Nele Neuhaus | Muttertag

Im aktuellen Fall von Pia Sander und Oliver von Bodenstein finden die beiden durch einen Todesfall mehrere Menschenknochen auf einem abgelegenen Hof, die von Frauen stammen, die bereits vor längerer Zeit als vermisst gemeldet wurden. Ein klassischer Ermittlerroman, der meiner Meinung nach gut recherchiert ist und bei dem ich trotz vieler Personen den Überblick behalten konnte. Außerdem ist das Ende spannend, aber nicht überdramatisch.

Simone St. James | Sie schwarze Frau

Dieses Buch hat mich außerordentlich überrascht und extrem gefesselt. Bei der Restaurierung eines ehemaligen Mädcheninternats wird eine Leiche gefunden und die Journalistin Fiona beginnt nach deren Identität zu recherchieren. Sie deckt dabei mehrere Schicksale und Geheimnisse der Internatsschülerinnen von 1950 auf und das fand ich so spannend, dass ich das Buch nicht mehr aus der Hand legen konnte.

Corinna Kastner | Bodden-Nebel

Der zweite Krimi über die Schriftstellerin Greta Röwers beschäftigt sich mit Royal-Air-Force-Soldaten, die 1943 über Wustrow abgestürzt sind, von denen einer aber in keinen Überlieferungen auftaucht. Gretas Interesse ist sofort geweckt und zusammen mit ihrem Mann Matthias werden sie bei ihren Recherchen tief in die eigene Vergangenheit gezogen. Besonders gefällt mir natürlich die Kulisse der Geschichte, aber auch die Protagonistin Greta ist mir sehr sympathisch.

 

Gunnars beste Krimis 2019

In 2019 habe ich viele gute Krimis gelesen, allerdings hatte ich das Gefühl, weniger herausragende Bücher als in den Vorjahren gelesen zu haben. Ich habe zwar fast 100 Bücher gelesen, vielleicht habe ich aber auch einfach ein paar Bücher verpasst, die mich noch mehr überzeugt hätten. Bevor ich zu meinen Top 3 des Jahres komme, möchte ich noch schnell zwei Bücher erwähnen, die es knapp nicht auf das Treppchen geschafft haben. Zum einen Dov Alfons Unit 8200, einen Spionageroman aus Israel, der für mich dieses Genre sehr modern und mit einem Schuss Humor und Ironie interpretiert hat. Und zum anderen der immer noch sehr relevante James Lee Burke mit Mein Name ist Robicheaux, der seinen schwierigen Helden auch im 21. Band der Reihe sehr überzeugend in einen Kampf gegen Gangster, korrupte Polizisten und Populisten schickt.

Nun aber meine drei Lieblingsbücher des Jahres:

Attica Locke | Bluebird, Bluebird

Ein toter Schwarzer und eine tote weiße Kellnerin in einem Kaff in Osttexas. Der farbige Texas Ranger Darren Matthews nimmt die Ermittlungen auf, obwohl er vom Dienst suspendiert ist. Er vermutet ein Rasseverbrechen, doch so einfach liegen die Verhältnisse nicht. Ein ganz starker Krimi und Südstaatenroman. Es geht natürlich auch um Rassismus, aber auch um Konflikte aus der Vergangenheit. Und um Heimat und den Blues. Im Januar 2020 erscheint der nächste übersetzte Roman der Autorin. Ich bin sehr gespannt.

Garry Disher | Kaltes Licht 

Garry Disher war dieses Jahr gleich mit zwei starken Romanen vertreten. Neben dem lässigen Gangsterroman Hitze mit dem coolen Wyatt hat mich aber noch etwas mehr der Roman Kaltes Licht begeistert. In diesem klassischen Police Procedural begleitet der Leser Alan Auhl, einen reaktivierten Ermittler einer Cold Case-Einheit. Dieser Alan Auhl hat neben einem aktuellen Fall eines Skeletts unter einer Betonplatte aber noch alte und private Fälle zu lösen. Wie Disher dies zusammenführt und vor allem auch die Entwicklung der Figuren – das ist wirklich große Krimikunst.

Joseph Incardona | Asphaltdschungel

Eine Autobahnraststätte in Südfrankreich: Ein junges Mädchen verschwindet und scheint das nächste Opfer eines Serientäters zu werden. Doch die Polizei ist ihm diesmal ziemlich eng auf den Fersen. Ein klassisches Thrillersetting, das der Autor allerdings gekonnt erweitert zu einem multiperspektischen, äußerst düsterem Noir voller tragischer Figuren. Nicht komfortabel zu lesen wegen stakkatohaftem Stil und komplexem Aufbau – für mich am Ende aber restlos überzeugend und daher mein Roman des Jahres!

 

Andys Top 3 des Jahres

Mein Faible für historische Kriminalliteratur ist auch in 2019 geblieben. Im Besonderen die 1920er Jahre faszinieren mich immer wieder, ob es sich um das Berlin dieser Zeit von Volker Kutscher oder das kriegsgebeutelte Wien von Alex Beer handelt. Auch die Roaring Twenties in Hollywood mit der beginnenden Filmindustrie überzeugten mich mit Spannung, Dramatik und Atmosphäre. Für meine Highlights habe ich jetzt drei in 2019 veröffentlichte Titel ausgewählt.

Christof Weigold | Der blutrote Teppich

Auch in seinem 2. Fall bekommt es der deutschstämmige, trinkfeste Privatdetektiv Hardy Engel 1922 in Hollywood mit einem realen, skandalträchtigen Kriminalfall zu tun, der bis heute nicht aufgeklärt ist. Ein berühmter Starregisseur wird ermordet und während einige Spuren auf eine populäre Komikerin deuten, versuchen die Studiobosse alles, um einen Skandal zu vermeiden. Beeindruckend wie der Autor historisch belegte Fakten in den fiktiven Krimiplot einarbeitet. Wenn der heruntergekommene Private Eye mit dem Glasauge seine Nachforschungen zwischen Flüsterkneipen und Studiokulissen betreibt, zündet die bildhafte Darstellung bei mir ein richtiges Kopfkino. Durch die Augen des Ich-Erzählers erleben wir das Sündenpfuhl Hollywood mit den ganzen Intrigen und ausschweifenden Partys.

Stephen King | Das Institut (Veröffentlichung der Rezension am 28.01.2020)

Das Hörbuch wurde wie viele des Ausnahmeschriftstellers von David Nathan eingelesen und steht so ein bisschen für die King-Titel, die ich dieses Jahr gehört habe, wie Der Outsider, Mr. Mercedes und Der Anschlag. King ist ein begnadeter Erzähler und seine Art zu schreiben ist wie für Hörbücher gemacht. Die Charaktere werden durch Nathans hervorragende Interpretation unglaublich lebendig und es gelingt ihm problemlos Bilder in meinen Kopf zu transportieren. In der Geschichte geht es um ein menschenverachtendes System, dass Kinder und Jugendliche mit übernatürlichen Begabungen interniert und teilweise grausamen Experimenten aussetzt. Protagonist ist der 12-jährige Luke, der nach der Ermordung seiner Eltern eines Morgens im Institut mitten im Wald aufwacht. Mehr will ich noch nicht verraten, ausführliche Rezension folgt.

Andreas Pflüger | Geblendet

Im 3. Band begibt sich die blinde Superheldin zu einer ungewöhnlichen Therapie auf Rügen, um ihre Sehkraft zurückzuerlangen. Noch mit extremen Nebenwirkungen kämpfend wird sie ausgerechnet jetzt von der „Abteilung“, einer international operierenden Spezialeinheit der Polizei zurückgeholt. Man braucht ihre Hilfe bei der Überführung des Mannes, der für den Tod vieler Kollegen verantwortlich ist. Dieser finale Band ist geprägt von einer hohen Dichte an tiefgründigen Szenen und vielen Rückblicken in Aarons Kindheit, die sie nahbarer und verletzlicher machen und zieht seine Spannung auch aus dem Hoffen, ob Jenny wieder sehen wird, wobei die Darstellung von Aarons eingeschränkter Sichtweise ein großartiger, dramaturgischer Kniff ist. Auch hier glänzt Andreas Pflüger mit seinem unvergleichlich kraftvollen Schreibstil und treibt den Leser in einem fein ausbalancierten Rhythmus in rasantem Tempo durch die beeindruckend choreografierten Actionszenen. Ein würdiger Abschluss einer großartigen Trilogie, getragen von Jennys Handicap, der mich restlos begeistert hat. Auf dem Blog gibt es eine ausführliche Rezension von Gunnar.

Nicht unerwähnt lassen möchte ich aber zum Schluss noch die coole Simone Buchholz, die mit ihrem 9. Band der Chastity-Riley-Serie Hotel Cartagena wirklich auf alle Krimiregeln pfeift und einfach ihren schnoddrigen Erzählstil kompromisslos durchzieht.

Abgehakt | Dezember 2019

Abgehakt | Dezember 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 4. Quartalsende 2019

 

Romy Hausmann | Liebes Kind

Eine Frau wird nach einem Verkehrsunfall schwer verletzt ins Krankenhaus eingeliefert, an ihrer Seite ihre vermeintliche Tochter Hannah. Die Frau benennt sich als Lena und sofort wird die Polizei auf einen alten Vermisstenfall aufmerksam: Vor vierzehn Jahren verschwand eine Münchner Studentin spurlos. Es stellt sich heraus, das die Verletzte nicht Lena ist, aber Hannah ist Lenas Tochter. Die Frauen wurden offenbar als Gefangene gehalten und die Verletzte konnte fliehen. In einer Hütte im Wald findet die Polizei dann auch die Leiche eines Mannes und ein weiteres Kind. Doch was genau ist geschehen?

Liebes Kind ist der Debütroman der TV-Redakteurin Romy Hausmann und war dank der Platzierung des Verlags als Spitzentitel des Frühjahrs auch ein Bestseller. Der Psychothriller lebt von seinen kurzen Kapitel- und Perspektivwechseln. Drei Perspektiven werden eingenommen: Von Jasmin (zunächst als Lena identifiziert), von Hannah und Matthias, Lenas Vater und demnach Hannahs Großvater. Dabei werden die Ereignisse durch Rückblenden bei den jeweiligen Personen teilweise erhellt, wenngleich dem Leser natürlich allzu Entscheidendes vorenthalten wird und die Erzähler nicht immer ganz zuverlässig sind bzw. sich deren eigene Wahrnehmung trübt.

Das ist alles stilistisch wirklich gut gemacht, aber der Plot reißt mich nicht zu Begeisterungsstürmen hin. Zu unrealistisch erscheint mir die Polizeiarbeit und die versteckten Hinweise lassen den weiteren Verlauf der Geschichte zumindest in Teilen erahnen. Irgendwie ist das mit mir und diesen Psychothrillern keine leichte Beziehung.

 

Liebes Kind | Erschienen am 28. Februar 2019 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-26229-3
432 Seiten | 15.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Thomas Hoeps & Jac. Toes | Die Cannabis-Connection

Staatssekretär Marcel Kamrath gilt als Mann mit Perspektive innerhalb der Bundesregierung. Eine aktuelle Gesetzesinitiative zur Legalisierung von Cannabis ist zu großen Teilen sein Verdienst, scheint er sie doch gegen massive Widerstände der konservativen Kräfte seiner Partei durchzubringen. Doch kurz vor den entscheidenden Abstimmungen taucht ein alter (totgeglaubter) Freund von Kamrath wieder auf: Der Niederländer Sander van den Haag. Beide verbindet eine intensive Freundschaft zu Studentenzeiten in Amsterdam zu Zeiten von Studentenprotesten und Hausbesetzungen Anfang der 1980er. Außerdem ein nicht ganz so legales Geschäft mit Cannabis. Und eine tote junge Frau. Sander macht Kamrath mit wachsendem Druck klar, dass er nichts von den Legalisierungsplänen der deutschen Regierung hält. Es beginnt ein gefährliches Duell, bei dem Kamrath mehr zu verlieren hat als nur seinen Gesetzesentwurf.

Das Autoren-Duo Hoeps und Toes arbeitet seit Jahren erfolgreich zusammen. Beide schreiben abwechselnd ihre Kapitel, wobei Thomas Hoeps seine auf Deutsch verfasst und die Kapitel seines niederländischen Kollegen Jac. Toes ins Deutsche übersetzt. Mit Die Cannabis-Connection haben sie einen clever konstruierten Thriller verfasst, der zum einen interessante und für mein Empfinden realistisch wirkende Einblicke ins Politikgeschäft und zum anderen einen spannenden Plot bietet. Abwechselnd zum aktuellen Geschehen flechten die Autoren immer wieder Kapitel ein, die auf die Vorgeschichte in Amsterdam 1982/83 zurückblicken. Das ist alles sehr solide geplottet, durchweg spannend und mit überwiegend glaubhaften Figuren. Nur der kleine Bruch ab dem zweiten Teil zu einer Ich-Erzählerin, einer niederländischen Ex-Geheimdienstlerin und nun Politikberaterin für heikle Angelegenheiten, hat mich etwas irritiert. Letztendlich hat mich dieser (Polit-)Thriller aber wirklich gut unterhalten.

Die Cannabis-Connection | erschienen am 15. Juli 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-00551-8
352 Seiten | 19.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Tom Callaghan | Erbarmungsloser Herbst

Inspektor Akyl Borubaew wird vom nicht ganz koscheren Fall einer Drogentoten abgezogen, mit Korruptionsvorwürfen konfrontiert und vom Dienst suspendiert. Doch sein spezieller „Freund“, der Minister für Staatssicherheit Tynalijew, verlangt von Borubaew, einen Spezialauftrag anzunehmen. Doch als sie bei einem geheimen Treffen plötzlich beschossen werden, gerät die Situation außer Kontrolle. Borubaew flieht und schießt auf der Flucht Tynalijew nieder. Doch dieser überlebt und der vogelfreie Borubaew sucht Kontakt zum mächtigen Drogenboss Alijew.

Die vierbändige, nach Jahreszeiten aufgebaute Thriller-Serie um den kirgisischen Inspektor Akyl Borubaew hat nun mit Erbarmungsloser Herbst ihr Ende gefunden. Diese hartgesottene Krimi/Thriller-Reihe punktete vor allem durch die interessanten Figuren und die schonungslose Darstellung der Autokratie Kirgisistans bei gleichzeitiger eindrucksvoller Beschreibung von Land und Leuten. Nach einem aus meiner Sicht unnötigen Ausflug im dritten Band (Mörderischer Sommer) nach Dubai, kehrt der Autor nun wieder in Borubaews Heimat zurück, daneben gibt es einen Abstecher nach Bangkok.

Das Setting, Spannungsaufbau und auch das Thema Drogenhandel haben mich diesmal wieder überzeugt, auch wenn für mich nicht alle Wendungen plausibel waren. Callaghan schreibt wieder mit Borubaew als Ich-Erzähler in einem rauen, zynischen, fatalistischen Ton. Natürlich taucht auch Borubaews Geliebte, die Topagentin Saltanat wieder auf. Letztendlich findet diese Reihe dann ihren passenden Abschluss in einer Showdownszene in der kirgisischen Nationalgedenkstätte Ata-Bejit.

Erbarmungsloser Herbst | Erschienen am 7. Oktober 2019 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00124-2
352 Seiten | 12.- Euro
als E-Book: 8.99 Euro (ISBN 978-3-455-00661-2)
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.5 von 5.0

 

Frederick Forsyth | Der Fuchs

Die amerikanische Regierung ist außer sich, hat es doch ein Hacker in den am schärfsten gesicherten Geheimcomputer der NSA geschafft – ohne Schaden anzurichten. Der Hacker wird als der 18-jährige, autistische Brite Luke enttarnt, die Amerikaner verlangen die Auslieferung. Die Briten jedoch überzeugen die Amis, dass dieser Junge mit seinen unglaublichen Fähigkeiten doch viel sinnvoller genutzt werden kann. Der ehemalige zweite Mann im MI6, Sir Adrian Weston, wird reaktiviert und sucht mögliche Ziele für Hackerangriffe. Als erstes gerät der Navigationscomputer des neuesten russischen Schlachtschiffes unter Kontrolle und sorgt für eine Havarie. Die Russen schäumen vor Wut und schwören Rache. Und sie werden nicht die einzigen bleiben, denn Sir Adrian hat schon das nächste Ziel für Luke ausgemacht.

Der mittlerweile 81-jährige Frederick Forsyth ist neben seinem Landsmann John le Carré unbestritten eine lebende Legende im Genre Polit- und Spionagethriller. Seine Thriller wie „Der Schakal“ oder „Die Akte ODESSA“ wurden millionenfach verkauft. In Sachen Spannung und brisante politische Themen bleibt sich Forsysth auch beim neuen Werk Der Fuchs treu. Das Ding ist ein rasanter Pageturner. Allerdings waren die kritischen Zwischentöne noch nie so die Sache des konservativen Forsyth. Und so stößt sich der etwas kritisch denkende Leser irgendwie schon bald daran, wie locker und lässig der MI6 mit seinem Cybergenie als Glücklos hier die größten Schurkenstaaten der Welt ausmanövriert. Auch der Plot ist nur bedingt überzeugend, vielmehr hat man das Gefühl, dass Forsyth eine Liste von fiesen Gegnern (Russland, Iran, Nordkorea) abarbeitet, die unbedingt noch in die Schranken gewiesen werden müssen. Das grundlegende Handwerk beherrscht er allerdings schon noch, was letztendlich doch etwas versöhnt.

 

Der Fuchs | Erschienen am 4. November 2019 im C. Bertelsmann Verlag
ISBN 978-3-570-10385-2
352 Seiten | 12.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Spionagethriller
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

 

Weitere Krimis kurz besprochen findet ihr zu jedem Quartalsende auf unserem Blog, die bisher veröffentlichten Kurzrezensionen in der Rubrik Abgehakt.

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Alfred Komarek | Polt muss weinen Bd. 1

Mit der Figur des Gendarmen Simon Polt aus der Feder von Alfred Komarek möchten wir euch eine weitere Kultfigur des österreichischen Kriminalromans vorstellen. Alfred Komarek, geboren 1945 in Bad Aussee, schrieb insgesamt fünf Kriminalromane um den gemütlichen und bedachten Inspektor. Polt muss weinen ist der erste Teil dieser Kultserie. Er erschien bereits 1998.

Simon Polt wird in das Wiener Weinviertel mit einem Toten konfrontiert, der mehr Feinde hatte, als er an zwei Händen abzählen könnte. In einem Preßhaus wird die Leiche des mehr als umstrittenen Albert Hahn gefunden, todesursächlich gilt eine Vergiftung mit Gärgas, welches durchaus in Preßhäusern zu bestimmten Zeiten auftreten kann, sozusagen ein normaler Prozess des Kelterns ist, für gewöhnlich aber herausgeleitet wird bzw. die Weinbauern wissen um die Gefahren und wie man sie umgeht.

Alfred Komarek führt mit diesem ersten Polt-Fall seine Figur ein und dafür nimmt er sich genügend Spielraum, es gelingt, dass man sich als Leser einfühlen kann in den genussfreudigen, genügsamen Inspektors. Er zeichnet das Bild eines Mannes, dem man sehr gerne folgt. Dabei pflegt er einen flüssigen Schreibstil, der mit regionalen Dialektikeinschüben und Spitzfindigkeiten gespickt ist, was den besonderen Humor der Reihe ausmacht.

Neben Simon Polt lernen wir auch die Figuren des Weinviertels kennen, Weinbauern, Wirte, Geistliche und wir erfahren durch die Befragungen von Preßhausbetreibern und anderen sehr viel über den verhassten Albert Hahn, dem jeder die Pest an den Hals bzw. direkt den Tod gewünscht hat. Daraus macht auch niemand einen Hehl und man spricht sowieso über nichts anderes im Ort. Die Motive sind unterschiedlicher Natur, aber alle eint die Erkenntnis, dass sein Abgang viel zu einfach war. Und für den Leser ist dies sehr unterhaltsam!

Alfred Komareks Polt-Romane sind pointierte Regionalkrimis, die ersten vier Teile wurden bereits erfolgreich verfilmt und als Hörbücher vom ORF vertont. Komarek machte sich auch als Kinderbuchautor einen Namen und wurde vielfach für seine gesellschaftlichen Beiträge geehrt. Für Polt muss weinen erhielt der Autor 1998 den Friedrich-Glauser-Preis.

 

Rezension und Foto von Nora.

Polt muss weinen | Erstmals erschienen 1998 im Haymon Verlag
Die gelesene Ausgabe „Polt – Die Klassiker in einem Band“ erschien am 15. Februar 2012 im Haymon Verlag
552 Seiten | 26.90 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.