Kategorie: SoKo

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang März 2022

 

Henri Faber | Ausweglos ♬

Elias Blom von der Kripo Hamburg war vor einigen Jahren daran gescheitert, einen brutalen Serienmörder, in der Öffentlichkeit als Ringfinger-Mörder bekannt, zur Strecke zu bringen und wurde ins Einbruchdezernat versetzt. Doch er sieht eine neue Chance, sich zu rehabilitieren, als jetzt erneut eine Bluttat geschieht, die die Handschrift des Killers einschließlich abgetrennten Fingers trägt. Denn diesmal gibt es einen wichtigen Zeugen. Noah Klingberg hatte Wäsche auf dem Dachboden eines Mehrfamilienhauses auf gehangen, als er mit einem Messer attackiert und gezwungen wurde, den Unbekannten zu seiner Frau Linda zu bringen. Noah sieht einen Ausweg und lotst den Angreifer in die Nachbarwohnung, zu der er einen Zweitschlüssel besitzt und in der er das Ehepaar Falk im Urlaub wähnt. Am anderen Morgen wacht er schwer verletzt neben der toten Nachbarin Emma Falk auf.

Henri Faber hat mit seinem Debüt einen fesselnden Thriller geschaffen, der mit relativ kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven von Beginn an spannend ist und sich im weiteren Verlauf zu einem Verwirrspiel der verschiedenen Charaktere wandelt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die Figuren, die wir durch vier versierte Sprecher mit ihren Geheimnissen, Schwächen und Stärken kennenlernen. Besonders durch das Eintauchen in die Privatleben der Ehepaare Klingberg und Falk wird die Geschichte immer undurchsichtiger. Wir erfahren die Zusammenhänge aus der Sicht von Noah, einem erfolglosen Schriftsteller, der alles für seine Frau tun würde. Linda leidet aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches unter psychischen Problemen und dann ist da noch Elias Blom, der verbissene Kommissar, dessen Charakterisierung ich etwas blass fand. Zwischendurch nimmt uns auch immer wieder der Serienmörder mit in seine krude Gedankenwelt.

Der Autor schafft es gekonnt einen an der Nase herum zu führen und bietet eine Bandbreite an vermuteten Tatabläufen, falschen Geständnissen sowie ungeahnten Wendungen. Die Auflösung ist in keiner Weise vorhersehbar und birgt einen dramatischen wenn auch durch den Alleingang Bloms reichlich unrealistischen Showdown und ein abstruses Ende.

 

Ausweglos | Als Hörbuch am 20. August 2021 im Der Audio Verlag erschienen
ISBN 978-3-7424-2084-8
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Simon Jäger, Vera Teltz, Philipp Schepmann und Uve Teschner
Laufzeit: 12 Stunden, 45 Minuten | 14,99 Euro
Weitere Angaben und Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei dtv Verlagsgesellschaft.

Wertung: 3,0 von 5
Genre: Psychothriller

 

 

Agatha Christie | Tod auf dem Nil ♬

Im Kino läuft gerade die Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit Kenneth Branagh. Das hat mich auf den Geschmack gebracht und ich habe mir den Klassiker sowie eines der bekanntesten Werke der britischen Autorin bei Audible als Hörbuch runtergeladen.

Während seines Urlaubes in Ägypten lernt der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot auf einem Nilkreuzfahrtschiff ein jung verheiratetes Paar kennen. Die bildschöne Millionenerbin Linnet Ridgeway und ihr Ehemann Simon Doyle können ihre Hochzeitsreise auf der „Karnak“ aber nicht wirklich genießen. Linnets beste Freundin Jacqueline de Bellefort, die vorher mit dem mittellosen Doyle verlobt war und die beiden miteinander bekannt gemacht hatte, verfolgt sie rachedurstig überall hin und macht ihnen die Flitterwochen zur Hölle. Heute würde man das Stalking nennen. Linnets Ermordung bringt schließlich die Krimihandlung ins Rollen. Da es nicht bei der einen Toten bleibt, ist der Spürsinn des klugen wie auch eitlen Detektivs mit dem imposanten Moustache gefragt und er steht vor der intellektuellen Herausforderung, den Tathergang penibel zu rekonstruieren. Als Poirot die anderen Passagiere des Nildampfers befragt und nach möglichen Mord-Motiven durchleuchtet (kleiner Spoiler: Sie haben fast alle eins) muss er mit Hilfe seiner genialen Kombinationsgabe die perfekten Alibis zerpflücken und den Mörder trotz vieler falscher Fährten nur aufgrund von Indizien entlarven.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit, dessen Handlung sich auch typisch für Christie in einem isolierten Raum vor exotischer Kulisse abspielt. Der wendungsreiche Krimi-Plot lebt von seinen pointierten Dialogen und einem bissigen Blick auf die damalige bessere Gesellschaft. Die vielen überspitzt dargestellten Charaktere werden mit viel Liebe zum Detail ins Bild gesetzt und dank eines auktorialen Erzählers erfahren wir alles über ihre Beweg- und Hintergründe. Dem Charme dieses fintenreichen Rätselkrimis, bei dem auch die Wirtschaftskrise und der Börsencrash eine Rolle spielen, konnte ich mich nicht entziehen. Die Lösung ist überraschend und immer wieder faszinierend, wie auf den ersten Blick unscheinbare Details im Rückblick eine wichtige Bedeutung erlangen.

 

Tod auf dem Nil | Erschienen am 16.11.2018 im Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-3279-1
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Martin Maria Schwarz
Laufzeit: 9 Stunden 42 Minuten | 7,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Death on the Nile (Übersetzt aus dem Englischen von Pieke Biermann)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 4,5 von 5
Genre: Krimi

 

Agatha Christie | Mord im Orient-Express ♬

An einem kalten Wintertag steigt der Privatdetektiv Hercule Poirot in Istanbul in einen Luxuszug, der ihn nach London bringen soll. Der Orientexpress ist für die Jahreszeit überraschend voll besetzt, nur durch seine Beziehung zu dem ebenfalls mitreisenden Eisenbahn-Direktor Monsieur Bouc bekommt er noch ein freies Abteil. Nach einer unruhigen Nacht bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken und im Nachbarabteil wird der amerikanische Geschäftsmann Samuel Edward Ratchett durch 12 Messerstiche erstochen aufgefunden. Zur Unbeweglichkeit verdammt sitzen der Detektiv und die Mitreisenden fest und Monsieur Bouc bittet den Meisterdetektiv den Fall aufzuklären. Das stellt Poirot vor einige Herausforderungen, hatte doch der mysteriöse Mr. Ratchett ihn am Tag davor im Speisewagen von Morddrohungen berichtet und um Schutz gebeten. Der Täter kann nur einer der Passagiere sein und es stellt sich heraus, dass nicht alle (Ratchett eingeschlossen) die sind, für die sie sich ausgeben.

Ich habe zum ersten Mal die Geschwindigkeit des Hörbuchs etwas erhöht und dann bot der Krimiklassiker großes Unterhaltungspotential mit allem, wofür die Queen of Crime bewundert wird: Ein großes Figurenensemble unterschiedlicher Couleur, ein exotisches Setting, falsche Alibis, zahlreiche Verdächtige sowie die Suche nach dem Motiv. Durch den geschlossenen Raum erleben wir fast ein Kammerspiel mit einem Meisterdetektiv, dessen kleine, graue Zellen auf Hochtouren arbeiten. Dialoge, die nur so vor Schlagkraft und zynischem Wortwitz strotzen. Dazu sieht sich Poirot diesmal, dem ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Halt und Ordnung innewohnt, mit Fragen der Moral und Ethik konfrontiert. Der Mordfall ist vertrackt, das ausgeklügelte Ende wirklich erstaunlich und hat nach all den Jahren nichts von seinem Charme verloren. Auch dieser Roman wurde von und mit Kenneth Branagh neu verfilmt.

 

Mord im Orientexpress | Erschienen am 12.05.2014 in Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-1482-7
ungekürzte Lesung | Sprecher: Friedhelm Ptok
Laufzeit: 7 Stunden 28 Minuten | 6,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Murder on the Orient Express (aus dem Engischen übersetzt von Otto Bayer)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 5 von 5
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr.

Jahreshighlights 2021 | Gunnar

Jahreshighlights 2021 | Gunnar

Die Pandemie hatte uns in diesem Jahr immer noch im Griff, aber auf den Kriminalroman hatte das bislang noch keine große Auswirkung. Die meisten Autoren haben Corona noch nicht in ihre Texte eingebaut, mir ist dies lediglich in einem Roman aufgefallen, doch dazu später. Ich hatte mich in diesem Jahr nochmal speziell den Klassikern verschrieben, habe versucht in jedem Monat eine Rezension zu einem Klassiker zu schreiben und habe es nicht bereut: Michael Connelly, Ian Rankin, Graham Greene, Sjöwall/Wahlöö habe ich unter anderem mit Freuden gelesen. Was ist mir sonst aufgefallen? Meine Begeisterung für den schottischen Kriminalroman ist ungebrochen, acht Romane aus dem Norden Großbritanniens habe ich in dieses Jahr gelesen. Außerdem scheinen historische Krimis in diesem Jahr weiterhin hoch im Kurs zu sein, allerdings zunehmend auch abseits der von Volker Kutscher und Konsorten ausgetretenen Pfade.

Insgesamt habe ich rund 80 Bücher in diesem Jahr gelesen, davon etwa 85 % Krimis. Hiervon habe ich nun meine fünf Favoriten des Jahres ausgewählt (dabei zählten nur Neuerscheinungen) und diesmal auch eine Rangliste versucht. Mit einem Klick auf den Titel gelangt ihr außerdem zur ausführlichen Rezension.

Nr.5 Tana French | Der Sucher
Die Meisterin des subtilen Plots hat für ihren aktuellen Roman eine klassische Konstellation gewählt: Cal Hooper, ein Ex-Cop aus Chicago, lässt sich in einem kleinen irischen Dorf nieder. Scheinbar wird er gut von den Dörflern aufgenommen, doch als er sich auf die Spuren des verschwundenen 19jährigen Brendan macht, bekommt er auch die Schattenseiten des Dorfes zu spüren. Fast etwas spannungsarm, aber herausragend in Beschreibung der Dorfgemeinschaft, Natur und Landschaft. Ein Kriminalroman der leisen Töne, die um so stärker nachhallen.

Nr.4 Johannes Groschupf | Berlin Heat
Johannes Groschupf war tatsächlich der einzige Autor der von mir gelesenen Bücher, der Corona (in seinem Fall eine Post-Corona-Situation) thematisiert. Ansonsten ist „Berlin Heat“ ein überraschender und temporeicher Thriller mit dem liebenswerten Loser Tom Lohoff, der verzweifelt Geld aufzutreiben versucht, um Schulden bei einer albanischen Unterweltgröße zu bezahlen, und dabei in eine False-Flag-Aktion der AfD hineinplatzt. Coole Figuren, ein Ritt durch die Kieze der Hauptstadt, gesellschaftlich-politische Themen, „Summer-in-the-City“-Atmosphäre – für mich der beste deutschsprachige Thriller des Jahres.

Nr.3 Garry Disher | Barrier Highway
Was wäre eine Jahresbestenliste ohne Garry Disher? Der Australier hatte sogar wieder zwei starke Romane am Start, mit dem Wyatt-Krimi „Moder“ gewann er sogar den deutschen Krimipreis. Ich fand allerdings den dritten Band um den Outback-Polizisten Paul Hirschhausen noch etwas stärker. Ähnlich wie Tana French baut Disher den Krimi ganz behutsam auf, spinnt ein feines Netz und erzählt von den Menschen in der australischen Provinz. En passant kommen dabei diverse kleine und große Kriminalitätsstränge in den Plot, den Disher wie immer meisterhaft beherrscht.

Nr.2 Liam McIlvanney | Ein frommer Mörder
McIlvanney ist ein großer Name in der schottischen Kriminalliteratur: Liam ist der Sohn des großen William und tritt mit diesem Roman (ausgezeichnet als bester schottischer Krimi 2019) endgültig aus des Vaters Fußstapfen. Er bedient sich für seinen historischen Krimi Motive eines wahren Falls von Ende der 1960er. Hier sucht Detective McCormack den religiösen Serienmörder „Der Quäker“ und neben dem spannenden Krimiplot zeigt sich die Güte des Romans vor allem in der Beschreibung der Stadt Glasgow und ihrer Bewohner im gesellschaftlichen Umbruch.

Nr.1 Doug Johnstone | Der Bruch
Wir bleiben in Schottland, wechseln aber ins ach so pittoreske Edinburgh der Jetztzeit. Der 17jährige Tyler wohnt in einem heruntergekommenen Hochhaus im Problemstadtteil Niddrie. Die Familie ist dysfunktional, seine Mutter ein Alkoholwrack, sein älterer Bruder Barry zwingt ihn, an Einbrüchen teilzunehmen, er selbst kümmert sich hingebungsvoll um seine achtjährige Schwester Bean. Bei einem Einbruch in das Haus einer Gangstergröße läuft aber einiges schief und von nun an stehen Barry und Tyler auf der Abschussliste. Just in diesem Moment lernt Tyler die gleichaltrige Flick kennen, ein Mädchen aus gutem Hause, aber eine Seelenverwandte mit ebenfalls problematischen Familienverhältnissen. Der Autor führt den Leser zu den Schattenseiten des schönen Edinburgh, ein sozialkritischer Roman mit starken Figuren und einem mitreißenden Plot. Ein Noir mit einem Funken Hoffnung und eine tolle Coming-of-Age-Story. „Der Bruch“ ist für mich der Krimi des Jahres!

Jahreshighlights 2021 | Andy

Jahreshighlights 2021 | Andy

Auch in 2021 habe ich wieder viel Spannendes gelesen und gehört. Gezählt habe ich die Bücher nicht, da ich das Lesen nicht als Challenge begreife. Es waren sehr unterschiedliche Werke und besonders der historische Kriminalroman hat es mir weiter angetan. Kurz erwähnen möchte ich hier zwei kammerspielartige Psychothriller, die ich gehört und die mich gut unterhalten haben: „The Ending“ vom kanadischen Autor Iain Reid verblüfft mit verstörenden Dialogen, surrealen Ereignissen und einem nicht zu erwartenden Plot-Twist. Auch „Schweig“ von Judith Merchant ist sehr dialoglastig und weiß mit zwei unzuverlässigen Erzählerinnen und manipulativen Machtspielchen zu begeistern. Und passend für dieses Jahr möchte ich noch die Dystopie „New York Ghost“ von Ling Ma empfehlen, die zwar als melancholischer Endzeitthriller nur Beliebiges bietet, mich aber als bissige Satire und originelle Gesellschaftskritik sehr beeindruckte.

Hier sind meine Top 4 des Jahres 2021:

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang
Ein entsetzliches Verbrechen hält die Einwohner des kleinen kalifornischen Küstenortes Cape Heaven immer noch fest im Griff. Vor Jahrzehnten wurde ein kleines Mädchen ermordet und der Jugendliche Vincent King kam als Täter hinter Gitter. Als er jetzt nach 30 Jahren entlassen wird und in seine Heimatstadt zurückkehrt, werden schicksalhafte Ereignisse in Gang gesetzt. Im Mittelpunkt von Whitakers vielschichtigem Roman steht die 13-jährige ständig rebellierende Duchess. Aufgrund ihrer dysfunktionalen Familie ist sie gezwungen, sich um sich selbst, ihre Mutter und um den kleineren Bruder zu kümmern. Ihre Mutter hat es nie verwunden, dass damals ihre kleine Schwester verstarb und ausgerechnet ihr Freund als Täter verhaftet wurde und flüchtet sich zeitlebens in Alkohol und Drogen. Duchess ist eine wunderbare Figur, die keinem Streit aus dem Weg geht. Mit ihrem viel zu großen Cowboyhut hat sie sich einen Schutzpanzer zugelegt und begreift sich als Nachfahre der Outlaws, die niemals Schwächen zeigten.

Der britische Autor verbindet hier mehrere Kriminalfälle mit einem tragischen Familiendrama. Dabei waren es die vielen überraschenden Wendungen sowie die Verkettung der verschiedenen Verbrechen, die mich an die Seiten fesselten und einen Sog entwickelten, dem ich mich nicht entziehen konnte. Die Ereignisse in der Vergangenheit werden nach und nach enthüllt und mit den unterschiedlichen Biografien verwoben, so dass eine permanente Spannung und emotionale Wucht entsteht. Dabei zeichnet sein intensiver Schreibstil, die plastischen Naturbeschreibungen und wie er die unterschiedlichen Figuren der fiktiven Kleinstadt zum Leben erweckt, die Geschichte aus. Herausgekommen ist eine Mischung aus klassischem Kriminalroman mit Anleihen an einen Western und eine beeindruckende Coming-of-Age-Geschichte. Für mich ein perfekter Roman, so wie er sein muss.

Ivy Pochoda | Diese Frauen
Als vor 15 Jahren in einem heruntergekommenen Stadtteil von Los Angeles in einer grausamen Verbrechensserie 13 Frauen brutal ermordet werden, wird das von der Polizei und den Medien weitestgehend ignoriert. Der Täter wurde nie gefasst, denn es betraf nur Frauen am Rande der Gesellschaft, die einer Arbeit nachgehen, bei denen man es offenbar als Berufsrisiko ansieht, wenn sie getötet werden. Als der Täter jetzt erneut zuschlägt und zwei Frauen mit durchgeschnittener Kehle in der Gosse gefunden werden, erkennt Esmeralda Perry, ein Detective der Sitte, als einzige die Zusammenhänge und das hier ein Serientäter am Werk ist.

Aus den verschiedenen Blickwinkeln der durch die Mordserie miteinander verbundenen weiblichen Erzählstimmen rollt Ivy Pochoda die Geschichte auf und wir erfahren von mehreren Schicksalen. Sie sind in ihren mannigfaltigen Lebenssituationen vielschichtig angelegt und wirken durch die teils vulgäre Sprache absolut authentisch. Der Erzählstil wirkt nie melodramatisch, sondern eher unterkühlt sowie distanziert und entfaltet trotzdem eine große Tiefe. Der Roman ist ein Konstrukt aus Krimi, Gesellschaftskritik und Milieustudie, der eine große Intensität entwickelt. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Ermittlungsarbeit oder der Auflösung der Mordfälle. Im Mittelpunkt steht nicht der Täter, sondern die Opfer und die Hinterbliebenen, die in ihrer Verzweiflung sehr nahbar dargestellt werden. Pochoda gibt denen eine Stimme, die Angst haben, sich als Beute sehen und zu Opfer werden. Fernab von Hollywood zeigt sie eine düstere, realistische Welt, in der Vorverurteilung, Gleichgültigkeit und Frauenhass eine große Rolle spielen. Ein unerwartetes Leseerlebnis, fernab vom üblichen Serientäter-Einerlei, mit dem ich so nicht gerechnet hätte.

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)
Bei der Fülle an historischen Kriminalromanen, die momentan den Markt überschwemmen, spielt Volker Kutscher immer noch in einer ganz anderen Liga. Sein mittlerweile achter Roman um Gereon Rath führt uns ins Jahr 1936. In Berlin finden die Olympischen Sommerspiele statt. Mittlerweile hat sich das Nazi-Regime voll etabliert und inszeniert die Spiele zur Propagandashow für das neue, friedliche Deutschland. Als ein amerikanischer Sport-Funktionär im Speisesaal des Olympischen Dorfes tot zusammenbricht, vermuten SS und Gestapo eine kommunistische Verschwörung, mit dem Ziel die Spiele zu sabotieren. Rath soll als inoffizieller Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verdeckt ermitteln und die Verschwörer finden. Die Passagen, in denen wir mit Gereon Rath hinab in die Kerker der Gestapo steigen, wo die zumeist politischen Gefangenen willkürlichen Schikanen und Folterungen ausgesetzt sind, waren für mich kaum zu ertragen. Die SS verschmilzt immer mehr mit der Polizei und selbst dem bisher unpolitischen Einzelgänger Rath wird klar, dass er so nicht mehr als Kommissar arbeiten kann.

Man spürt die immer bedrohlicher werdende Stimmung und dieses Gefühl prägt diesen Band und macht für mich den großen Reiz dieses Romans aus. Durch die Fülle an akribisch recherchierten, historischen Daten entsteht ein intensives Bild jener Zeit ohne künstlich zu wirken. Ein packender Pageturner, beklemmend und dicht erzählt. Ursprünglich sollte die Reihe hier abschließen und der Roman endet auch mit einem richtigen Cliffhanger, der einige losen Enden zurücklässt. Ich bin gespannt, wie die im nächsten Band weiter geführt werden.

Michael Connelly | Late Show
Die Serie um den Ermittler Harry Bosch des amerikanischen Ausnahme-Schriftstellers habe ich schon vor Jahrzehnten sehr gemocht und dann doch aus den Augen verloren. Jetzt hat er eine neue Serie um eine junge Polizistin beim LAPD geschaffen. Nachdem Detective Renée Ballard ihren Vorgesetzten wegen sexueller Nötigung anklagte, wird sie in die von allen verhasste Nachtschicht, die sogenannte Late Show versetzt. Das Schlimmste für die ehrgeizige Polizistin ist dabei noch, dass sie morgens nach Schichtende jeden Fall wieder abgeben muss. Als in einem Nachtclub fünf Menschen erschossen werden und eine Frau halbtot auf dem Santa Monica Boulevard gefunden wird, lässt das Renée keine Ruhe und sie beginnt tagsüber auf eigene Faust zu ermitteln.

Ich habe die eigensinnige, toughe Stand-Up-Paddlerin, die am Strand von Santa Monica mit ihrer Hündin lebt, so gerne bei ihren Nachforschungen durch die Straßen der kalifornischen Metropole begleitet. Ein lebendiges Los Angeles, das viel mehr ist als eine Kulisse. Mit ihr erlebt man den Polizeialltag und bekommt ein Gespür für die besonderen Probleme des weiblichen Detektives. Connelly fährt ein vielschichtiges Figurenensemble auf und ich musste öfter mal überlegen, wer mit welchem Fall zusammenhängt. Ballard ist eine wunderbare Ermittlerfigur mit Ecken und Kanten. Late Show ist ein klassischer Cop-Thriller mit realitätsnahen Schilderungen der Polizeiarbeit, einem komplexen Plot und einer coolen Serienfigur. Auch den mittlerweile auf Deutsch erschienen zweiten Band, in dem Renée auf Harry Bosch trifft, mochte ich sehr, hier fehlte mir ein bisschen die Entwicklung der Figur. Eine ausführliche Rezension von Gunnar findet sich auf dem Blog.

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2021

Abgehakt | Kurzrezensionen Dezember 2021

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Dezember 2021

 

Agatha Christie | Das Geheimnis des Weihnachtspuddings – Geschichten zum Fest

Auf der Suche nach etwas Besinnlichem griff ich zu dem in Rot und Lebkuchenfarben gestaltetem Büchlein mit Kurzgeschichten zum Fest von Agatha Christie. Diese spielen zumindest alle in der Weihnachtszeit und in den ersten beiden dürfen natürlich ihre legendären Protagonisten, der Meisterdetektiv Hercule Poirot und die gewiefte Hobby-Ermittlerin Jane Marple nicht fehlen. Die titelgebende Geschichte „Das Geheimnis des Weihnachtspuddings“ ist eine ganz klassische Detektivstory um einen verschwundenen Edelstein und ein orientalischer Thronfolger in Nöten. Diese nimmt den Hauptteil des Buches ein und versprüht noch am meisten weihnachtliches Flair. Wir erleben traditionelle, britische Feiertage auf dem Land bei einer gutsituierten Familie mit Dienstpersonal. Der belgische Gentleman ist genau der richtige für diesen delikaten Fall, den er natürlich durch den Einsatz seiner grauen Zellen, clevere Beobachtungen und gerissenes Fallenstellen mit diplomatischem Geschick zu lösen weiß.

Sollte es ihm merkwürdig vorkommen, dass die meisten Hausbewohner draußen gewesen waren und Poirot in Schlafanzug und Mantel antanzte, so ließ er sich jedenfalls nichts anmerken. (Auszug Seite 84)

In „Eine Weihnachtstragödie“ erzählt Miss Marple eine tragische Geschichte, die sie selbst erlebt hat und in der sie einen Mord zwar mit ihrem unerreichten Spürsinn erahnt, aber nicht verhindern kann. Komplettiert wird das durch eine weitere Kurzgeschichte und ein Märchen mit einem Esel als Hauptfigur zuzüglich eigenen Weihnachtserinnerungen, bei der die Queen of Crime mal ihre besinnliche Seite offenbart. Insgesamt sind das ganz nette Geschichten für einen Nachmittag, die mich zum Schmunzeln brachten und immerhin mal wieder richtig Lust auf Agatha Christie gemacht haben. Der feine Humor gepaart mit gepflegter Sprache, die britische Lebensart mit viel Nostalgie war genau das, was ich grade benötigte.

 

Das Geheimnis des Weihnachtspuddings | Erschienen am 04.10.2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-4550-0469-4
176 Seiten | 12,00 Euro
Zusammenstellung von Daniel Kampa (Übersetzung aus dem Englischen von Renate Orth-Guttmann, Michael Mundhenk und Lia Franken)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Krimi

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

 

Max Annas | Der Hochsitz

Ein Dorf in der Eifel, unweit der luxemburgischen Grenze. Es sind Osterferien im Jahr 1978. Die beiden 11jährigen Mädchen Sanne und Ulrike durchstreifen aufmerksam die Gegend, ihr Lieblingsplatz ist ein Hochsitz am Waldrand. Und es passieren einige Dinge in diesen Tagen: Im Nachbarort wird eine Bank überfallen, die Grenzbeamten bereiten sich auf eine Aktion gegen Grenzschmuggler vor, ein Fremder klappert in einem Cadillac Bauernhöfe in der Gegend ab und macht unmoralische Kaufangebote und zwei fremde Frauen fahren durchs Grenzgebiet und wollen unerkannt bleiben. Dann geschieht ein Mord, nachts mitten auf der Dorfstraße – und Sanne und Ulrike haben ihn als einzige gesehen. Doch auf sie hört natürlich niemand, sodass die beiden selber auf Spurensuche gehen.

Nach seinen beiden letzten Romanen über Mordermittlungen in der DDR, bleibt Max Annas mit seinem neuen Roman „Der Hochsitz“ in der Vergangenheit. Diesmal aber in der BRD, im Jahr 1978 ist die Angst vor dem Terrorismus der RAF auch in der Eifel hochpräsent. Doch dass zwei Zwölfjährige das Fahndungsplakat aus der Post geklaut haben, ahnt niemand. Überhaupt gibt es so einige Dinge, die an der Polizei vorbei laufen. Max Annas entwirft mit verschiedenen Perspektiven und schnellen Wechseln ein eher tristes Panorama eines Landstrichs, der von Ängsten geprägt scheint: Angst vor Terroristen, vor Fremden, vor Existenzverlust, vor der Zukunft allgemein. Ein Leben im bundesdeutschen Mief der 1970er, bis sich auf einmal die Ereignisse überschlagen. Dabei wird der Plot in einzelne Stränge zerteilt, die sich ab und an treffen, aber oft auch etwas im Ungefähren bleiben. Dennoch eine anregende Lektüre, bei der vor allem das Setting überzeugt.

 

Der Hochsitz | Erschienen am 20.07.2021 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-498-00208-4
272 Seiten | 22,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5,0
Genre: Krimi

 

Stuart MacBride | Der Garten des Sargmachers (Band 3)

Ex-Polizist Ash Henderson und die Psychologin Dr. Alice McDonald sind Mitglieder einer externen Expertengruppe, die von der schottischen Polizei in speziellen Fällen aktiviert wird. Eigentlich sind sie gerade auf der Jagd nach einem Kindermörder, als sie kurzzeitig abkommandiert werden. In einer kleinen Siedlung an einer Steilküste sind in einem Sturm ein Teil der Klippen abgestürzt. Auch das verlassene Haus eines gewissen Gordon Smith befindet sich nun kurz vor dem Absturz, als man bemerkt, dass in seinem Garten offenbar zahlreiche Leichen vergraben wurden. Henderson kann zwar noch mal kurz ins Haus und einige Fotos sichern, doch die Bergung der Leichen ist unmöglich. Doch die Fotos genügen, um Hendersons Verdacht zu erhärten: Smith ist ein brutaler Serienmörder und er wird weitermorden. Was dem Fall besondere Brisanz verleiht: Offenbar war eine junge Frau, noch minderjährig, aus der Nachbarschaft schon seit Kindertagen mit Smith bekannt und befindet sich in seiner Gewalt.

Wenn man mal im Nachhinein ganz nüchtern an diesen Thriller herangeht, muss man schon gestehen, dass das Ganze ein teilweise abstruser Plot mit gleich zwei Serienmördern ist, was zumindest meine Lesegewohnheiten nicht mehr so richtig trifft. Das Gute daran ist allerdings, dass – anders als so manche (auch deutsche) Autorenkollegen – Stuart MacBride die ganze Nummer nicht so verkrampft und bierernst nimmt. Er schreibt, um zu unterhalten und täuscht keine Bedeutungsschwere vor. Das drückt sich vor allem in seiner skurrilen Figurenschar und im typisch schwarzen schottischen Humor aus. Insofern ist „Der Garten des Sargmachers“ ordentliche Thrillerunterhaltung, allerdings ohne zu brillieren und vielleicht auch einen Tick zu lang.

 

Der Garten des Sargmachers | Erschienen am 18.10.2021 im Goldmann Verlag
ISBN 978-3-442-49233-6
636 Seiten | 11,- €
Originaltitel: The Coffin Maker’s Garden (Übersetzung aus dem Englischen von Andreas Jäger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Thriller

 

 

 

John le Carré | Silverview

In London übergibt eine junge Frau einen Brief ihrer an Krebs erkrankten Mutter Deborah Avon an einen Mr. Proctor, offensichtlich ein Mann vom Geheimdienst. Gleichzeitig erhält der junge Buchhändler Julian Lawndsley, der aus der Londoner City in ein kleines Kaff an der Küste von East Anglia gezogen ist, in seinem Laden Besuch von einem seltsamen Mann, Edward Avon. Dieser stellt sich als ehemaliger Studienfreund von Julians verstorbenem Vater vor und ermutert ihn, das bisher leerstehende Kellergeschoss seiner Buchhandlung zum Aufbau einer intellektuellen, philosophischen Bibliothek aufzubauen. Avon selbst hilft mit und nutzt Julians Computer zur weiteren Recherche. Währenddessen hat Stephen Proctor die Witterung aufgenommen, denn es gibt offenbar einen Maulwurf – und die Spuren führen nach „Silverview“, dem Landsitz der Avons.

Vor knapp einem Jahr starb der große Meister des Spionageromans John le Carré und hinterließ ein fast fertiges Manuskript, dass sein Sohn Nicholas Cornwell, selbst Autor unter dem Pseudonym Nick Harkaway, behutsam fertigstellte. Die Story breitet sich sehr langsam und behutsam aus – eine schwierige Ehe, beide Eheleute im Geheimdienst tätig, sie allerdings die erfolgreichere und nun offenbar ein Geheimnisverrat. Alternde Spione mit ihren letzten Winkelzügen und dazwischen die neue Generation, die das Ganze etwas kopfschüttelnd betrachtet. Le Carré packt nochmal die bekannten Themen aus: Lüge, Verrat, Liebe und Loyalität. Und natürlich die Desillusionierung der Geheimdienstarbeit. Le Carré war immer der Mann fürs Intellektuelle anstatt für Geheimdienstaction, so wird „Silverview“ auch zurecht als Roman und nicht als Thriller vermarktet. Denn für mich plätscherte es zum Teil schon etwas vor sich hin. Insgesamt aber dennoch ein solides Werk, dem man das Können le Carrés auch in den schwächeren Momenten anmerkt.

 

Silverview | Erschienen am 18.10.2021 im Ullstein Verlag
ISBN 978-3-55020-206-3
300 Seiten | 14,80 €
Als E-Book: ISBN 978-3-84372-635-1 | 19,99 €
Originaltitel: Silverview (Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Spionageroman

Fotos und Rezensionen 2-4 von Gunnar Wolters.

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang Dezember 2021

 

 

Judith Merchant | Schweig! ♬

Nach „Atme“ aus dem Jahr 2019 ist dies der zweite Thriller der Autorin Judith Merchant, einer studierten Literaturwissenschaftlerin und Mitglied des Syndikats. Bei „Schweig!“ handelt es sich um ein spannendes Psychodrama, in dem zwei unzuverlässige Erzählerinnen in einer Art Kammerspiel aufeinander treffen. Die beiden Schwestern könnten unterschiedlicher nicht sein. Esther, die Ältere, eine Perfektionistin, lebt mit Mann und 2 Kindern in der Stadt und trotz Weihnachtsstress fährt sie bei starkem Schneefall zu ihrer Schwester Sue, einer verschrobenen Eigenbrötlerin, die seit ihrer Scheidung, seelisch angeschlagen, alleine und abgeschieden in einem großen Haus mitten im Wald lebt. Aus zunächst verbalen Sticheleien wird schnell ein erbitterter Kampf und dem Hörer wird klar, dass die beiden seit Kindertagen eine ziemlich schwierige und ungesunde Beziehung zueinander haben. Manipulative Machtspielchen waren schon immer an der Tagesordnung und können Neid und Missgunst kaum verbergen. Immer weiter wird an der Eskalationsstufe gedreht und man spürt, dass das auf eine Katastrophe hinausläuft. Viele unerwartete, nicht immer ganz schlüssige Wendungen wissen zu überraschen und obwohl die anstrengenden Charaktere dem Hörer einiges abverlangen, wollte ich die ganze Zeit wissen, wie es weiter geht und wurde in die Geschichte hineingezogen.

Durch den raffinierten Kniff, die Erzählperspektiven ständig zu wechseln, entsteht eine unterschwellige Spannung, denn nichts ist so wie es auf den ersten Blick scheint und man kann sich für keine Seite entscheiden. Dass wir es mit drei unterschiedlichen Sprechern zu tun haben, kommt dem Psychothriller sehr entgegen, denn er ist sehr dialoglastig, alle Empfindungen können dadurch gut kommuniziert werden und die Handlung wirkt dynamisch. Mit kleinen Abstrichen ein wirklich spannendes, gut durchdachtes Hörbuch, dessen Ende ich so tatsächlich nicht auf der Pfanne hatte.

 

Schweig! | Als Hörbuch erschienen am 09. September 2021 im Argon Verlag
ISBN: B09CZCKZ91
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Christiane Marx, Ulrike Kapfer, Tim Gössler
Laufzeit: 8 Stunden, 17 Minuten | 17,64 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei Kiepenheuer & Witsch

Wertung: 4,0 von 5
Genre: Psychothriller

 

 

Ken Follett | Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit (Band 4) ♬

Als vor über 30 Jahren ‚Die Säulen der Erde‘ rauskam, war der Mix aus Mittelalterroman, Thriller und Romanze komplett neu und gefühlt hat jeder das Epos über den Jahrzehnte dauernden Bau einer Kathedrale gelesen. Die Nachfolgebände interessierten mich dann weniger, als aber 2020 ‚Kingsbridge – Der Morgen einer neuen Zeit‘ erschien, das thematisch knapp 140 Jahre vor dem 1. Teil im Jahr 997 spielt, war ich wieder Feuer und Flamme. Genau das richtige, um auf meinem Arbeitsweg in eine andere Welt abzutauchen.

Edgar, ein junger Bootsbauer muss erleben, wie Wikinger sein Heimatdorf an der Küste überfallen und zerstören. Dabei werden nicht nur Heim und Werft komplett zerstört, auch sein Vater und seine Geliebte kommen ums Leben und er ist gezwungen, in einem kleinen Nest namens Deng’s Ferry im Landesinneren als Bauer sein Brot zu verdienen. Doch der handwerklich geschickte Edgar hat eine schnelle Auffassungsgabe und viele fortschrittliche Ideen. Zeitgleich macht sich die normannische Grafentochter Ragna von Cherbourg auf den Weg nach England, um den Aldermann Wilf zu ehelichen. Schnell verliert sie ihre Naivität, denn das Leben neben dem angelsächsischen Edelmann ist nicht so wie vorgestellt und sie muss sich gegen die Intrigen seiner durchtriebenen Familie zur Wehr setzen. In der naheliegenden Stadt Shiring kämpft der ambitionierte Mönch Aldred gegen klerikale Widersacher, z.B. den gewissenlosen Bischof Wynstan. Nach und nach verbinden sich die Wege der einzelnen Figuren.

Damit ist dieser Schmöker, der den Weg eines Weilers zu einer aufstrebenden und florierenden Stadt zeigt, das Prequel zu den anderen Kingsbridge-Romanen des Autors. Follett beschreibt diese raue Epoche, in der die Menschen unter großen Entbehrungen, vielen Krankheiten und der Willkür der Reichen leiden mussten, gewohnt bildhaft. Die Lebensumstände sind geprägt durch einen ständigen Überlebenskampf, Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg. Der Schreibstil ist einfach, atmosphärisch und die Lebensumstände der Menschen werden durch Tobias Kluckert emotionsvoll transportiert. In gewohnter Ken-Follett-Manier sind die Rollen der Guten und Schurken eindeutig verteilt. Trotz trivialer Sprache und der Verwendung einiger Klischees fand ich die Geschichte durchaus fesselnd und konnte komplett in der Epoche versinken.

 

Kingsbridge | Als Hörbuch erschienen am 15. September 2020 bei Lübbe Audio
ISBN: B08HJDRZLR
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Tobias Kluckert
Laufzeit: 28 Stunden, 59 Minuten | 25,99 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Die gebundene Ausgabe erschien im Limes Verlag
Originaltitel: The Evening and the Morning | Übersetzung aus dem Englischen von Dietmar Schmidt und Rainer Schumacher

Wertung: 3,5 von 5
Genre: historischer Roman

 

Alex Beer | Der letzte Tod (Band 5) ♬

Vor fast 100 Jahren ist Wien nach dem Krieg noch schwer gezeichnet, Lebensmittel sind knapp, durch mangelnde Hygiene verbreiten sich tödliche Krankheiten und die Bevölkerung kämpft mit einer galoppierenden Inflation. Emmerichs geliebte Zigarette kostet pro Stück bereits 120 Kronen, was er nicht müde wird, zu erwähnen. Im 5. Band der Reihe haben es Kriminalinspektor Emmerich und sein Assistent Winter mit einem grausigen Fund zu tun. Eine mumifizierte Leiche wird zufällig am Wiener Hafen in einem Tresor entdeckt. Bei der einen Leiche bleibt es nicht, der psychopathische Mörder hat schon sein nächstes Opfer im Visier. Dann wird ihnen noch der Psychoanalytiker Sándor Adler zur Unterstützung zur Seite gestellt und selbstverständlich hält der eigensinnige Emmerich von dem „Irrenarzt“ rein gar nichts. In eine Nebengeschichte bekommt es Emmerich wieder mit seinem alten Feind Koch zu tun. Das hätte man sich sparen können, die Geschichte ist meiner Meinung nach auserzählt. Eine Spur führt nach Budapest und Emmerich erhält Hilfe durch die ungarische Polizei. Diese internationale Zusammenarbeit ist ein schöner Hinweis auf die Anfänge von Interpol.

Wie es sich für einen historischen Roman gehört, bilden Nebenschauplätze und Nebenfiguren die geschichtliche Bühne und transportieren hervorragend das Stimmungsbild der Bevölkerung. Es liegt eine angespannte Atmosphäre über Wien, die Wut auf die Amts- und Würdenträger der Stadt steigt, geschuldet durch den großen Unterschied zwischen Reich und Arm. Besonders Emmerich kam mir noch nie so ruppig und unhöflich vor.

Der Österreichische Burg-Schauspieler Cornelius Obonya wertet mit viel Wiener Schmäh die Geschichte noch mal auf. Er gibt mit unterschiedlichen Akzenten jeder Figur eine ganz eigene Stimme und nur durch minimale Änderungen der Tonlage kitzelt er die charakterlichen Merkmale heraus. Emmerich aufbrausend und unangepasst mit tiefer, markanter Stimme und dann wieder den ausgleichenden Winter ganz zart und leise. Wirklich beeindruckend wie Obonya sich durch den ganzen Plot grantelt, grummelt, flüstert und flötet. Nur schade, dass es sich um eine gekürzte Version handelt. Der 5. Band glänzt mit seine Figuren, seiner Atmosphäre und den gut recherchierten Fakten, schwächelt ein bisschen in dem wenig originellen Krimiplot um den Serientäter.

 

Der letzte Tod | Erschienen am 11.10.2021 bei Random House Audio
ISBN: B09HKZBVLVgekürzte Lesung | Sprecher: Cornelius Obonya
Gesamtspielzeit: ca. 6 Stunden 39 Minuten | 12,99 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Die gebundene Ausgabe erschien im Limes Verlag

Wertung: 3,5 von 5
Genre: historischer Kriminalroman

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr.