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Doug Johnstone | Der Bruch

Doug Johnstone | Der Bruch

Seitdem ich Bücher nicht nur lese, sondern auch regelmäßig rezensiere (wenngleich auf Amateurniveau), hat sich bei mir die Betrachtungsweise eines Buches schon etwas verschoben. Man taucht teilweise nicht mehr so tief in die Geschichte ein, achtet mehr auf Logikfehler, auf sprachliche Schwächen, auf Klischees und Plattitüden, zieht schon während der Lektüre Vergleich zu ähnlichen Werken. Auch die Protagonisten dienen nicht mehr als Sympathieträger, sondern werden daran beurteilt, ob sie die Geschichte voranbringen und möglichst authentisch angelegt sind. Das heißt nicht, dass die Lektüre keinen Spaß mehr macht, aber man liest etwas „professioneller“. Umso schöner, wenn man dann doch einen Roman erwischt, der einen nicht nur von den äußeren Merkmalen her völlig überzeugt, sondern der einen auch emotional packt. Spontan fällt mir da aus den letzten Jahren Steve Hamiltons „Der Mann aus dem Safe“ ein, einen sensationellen Coming-Of-Age-Heist-Thriller. Und nun habe ich wieder so einen Roman gelesen, und der spielt im ach so pittoresken Edinburgh.

Die Fläche zwischen hier und da war eine einzige große illegale Mülldeponie, ein Wirrwarr von Gummirohren, feuchten Matratzen, ein paar Autotüren, einer zertrümmerten Windschutzscheibe, Bergen von Müllsäcken, prall gefüllt mit weiß Gott was, und zerbrochenen Zaunfragmenten, die irgendwann mal irgendwen von irgendwo hatten fernhalten wollen. Das alles sah er im Licht der Scheinwerfer des Baugeländes. Er sah kurz zum Wauchope House hinüber, dem Zwilling des Hochhauses, auf dem sie sich befanden. Er würde nie verstehen, warum diese beiden letzten Dinosaurier nicht mit dem Rest abgerissen worden waren. Warum sie nicht ganz einfach Niddrie, Craigmillar und Greendykes mit einer Flächenbombardierung überzogen hatten und fertig. (Auszug S.8-9)

Der 17jährige Tyler wohnt mit seiner Mutter und seiner kleinen achtjährigen Schwester Bean in einer Wohnung in einem heruntergekommenen Hochhaus im Problemstadtteil Niddrie. Seine Mutter Angela ist drogen- und alkoholabhängig, nicht mehr imstande, sich um ihre Familie zu kümmern. In der Wohnung nebenan leben Tyler ältere Halbgeschwister Barry und Kelly in einem inzestuösen Verhältnis. Tyler kümmert sich wie ein Erziehungsberechtigter um Bean und versucht ihr einen halbwegs ordentlichen Alltag zu bieten. Vor allem versucht er, sie vom aggressiven und kokainsüchtigen Barry fernzuhalten. Barry zwingt den eher kleingewachsenen Tyler, sich an den regelmäßigen Einbruchstouren zusammen mit ihm und Kelly zu beteiligen. Sie brechen in die Wohnhäuser der wohlhabenderen Gegenden Edinburghs ein und gerade Tyler ist prädestiniert, in gekippte Fenster oder ähnlich enge Durchlässe einzusteigen.

Eines Nachts brechen die drei wieder in großes freistehendes Haus ein und räumen gerade ihre Beute zusammen, als sie von der heimkommenden Besitzerin überrascht werden. Diese entdeckt Tyler auf der Treppe und wird im nächsten Augenblick von Barry brutal von hinten niedergestochen. Sie können fliehen, aber Tyler ist entsetzt von Barrys Brutalität und wählt heimlich den Notdienst. In Nachhinein wird das Ausmaß der Katastrophe erst sichtbar: Das Haus, in dem sie eingebrochen sind, gehört dem lokalen Gangsterboss Deke Holt und die schwer Verletzte ist dessen Ehefrau und Mutter eines Schulkameraden von Tyler. Deke Holt schwört bittere Rache, falls er die Schuldigen erfährt und lange kann dies nicht mehr dauern, denn Barry hat bereits einen Teil der Beute weitervertickt. Zudem hat die Polizei Tyler und seine Geschwister schon länger auf dem Kieker, kann ihnen aber noch nichts nachweisen. Sie übt Druck auf Tyler aus, seinen Bruder zu verraten, droht ihm damit, seine Schwester Bean aus der Familie zu holen. Tyler steht nun von mehreren Seiten unter Druck. Just in diesem Moment lernt er ein gleichaltriges Mädchen kennen. Flick ist eine Internatsschülerin aus reicherem Hause, doch sie ist auch eine Seelenverwandte mit anders gelagerten, aber auch problematischen Familienverhältnissen.

Er sagte nichts. Sie warf ihm immer wieder Seitenblicke zu, während sie den Kreisverkehr passierte und Richtung Osten fuhr.
„Tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Das war unangebracht“.
„Schon okay.“
„Sag doch einfach, ich soll die Klappe halten.“
„Halt die Klappe.“
Sie lachte, und ihm gefiel, wie sich das anhörte. (Auszug S.70-71)

Die schottische Kriminalliteratur genießt unter Genrekennern einen exzellenten Ruf. Angefangen über den „Godfather“ William McIlvanny, über natürich Ian Rankin, Val McDermid, Denise Mina, Chris Brookmyre und zahlreiche andere Hochkaräter. Unter den schottischen Autoren ist Doug Johnston auch kein Unbekannter, ein paar seine Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt (zuletzt „Wer einmal verschwindet“ in 2015). Dennoch hatte ich ihn bislang so gar nicht auf dem Schirm. Johnstone hat übrigens eine interessante Vita: Er promovierte in Kernphysik und arbeitete als Radar- und Raketeningenieur. Neben seiner Autorenkarriere ist er auch Journalist und spielt in einer Band aus lauter Krimiautoren („Fun Lovi Crime Writers“). Mit seinem neuesten Werk könnte er sich aber auch in Deutschland einen größeren Namen machen. „Der Bruch“ („Breakers“ im Original) erschien 2019 und war unter anderem auf der Shortlist des wichtigsten schottischen Krimipreises.

Doug Johnstone zeigt dem Leser in diesem Buch die Schattenseiten des schönen Edinburgh. Soziale Brennpunkte, heruntergekommene Wohnungen, dysfunktionale Familien, Armut, Drogen, Kriminalität. All dies kondensiert in Tylers Familie mit Barry als Tyrann, Kelly als dessen willfährige Partnerin und seiner Mutter als Wrack. Tyler alleine muss die ganze Last der Verantwortung schultern. Die Liebe zu seiner kleinen Schwester hält ihn aufrecht. Bei ihr holt er sich die kleinen Erlebnisse, die ihn über den weiteren Tag bringen. Und dennoch ist er oft nah an der Verzweiflung ob dieser Bürde. Johnstone schildert Tylers brutalen Alltag zwischen der Versorgung von Bean, den eigenen (wenigen) Schulstunden, dem Haushalt und der nächtlichen Streifzügen durch Edinburghs Villenviertel mit einer schonungslosen Realität. Dabei zeichnet er den Protagonisten Tyler mit einer tiefen Empathie, der sich der Leser nicht entziehen kann.

„Der Bruch“ ist vieles, ein sozialkritischer Roman, ein Krimi oder besser noch ein spannungsreicher Thriller oder auch ein düsterer Noir, wenngleich mit einigen Funken Hoffnung. Vor allem aber, so spricht es Autorenkollege Mark Billingham auf dem Cover an, „..es geht auch um etwas und spricht wirklich das „Warum“ des Verbrechens an“. Bloggerkollege Philipp Elph urteilte jüngst: „Bereits zu Beginn des Jahres einen Kriminalroman als ein Highlight des Jahres zu bezeichnen, ist eine gewagte Äußerung. Ich sage es trotzdem.“ Und ich mag ihm da nicht widersprechen. Doug Johnstone ist ein großartiger Roman gelungen. Einer dieser, die einen noch emotional richtig mitnehmen – mit authentischen Figuren, einem mitreißenden Plot und einem scharfen Blick für die sozialen Probleme seiner Heimatstadt. „Der Bruch“ ist ein wirklich großer Wurf.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Bruch | Erschienen am 15.01.2021 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-20-8
312 Seiten | 20,- €
Originaltitel: Breakers (Übersetzt aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Philipp Elphs Rezension von „Der Bruch“
Weiterlesen II: Doug Johnstone im Interview mit Hanspeter Eggenberger

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)

Obwohl es bis zur Eröffnung der Spiele noch eine Woche hin war, bejubelten die Zeitungen schon jetzt jede Mannschaft, jeden Staatsmann, jede Berühmtheit, die wegen der Olympiade in der Stadt eintraf. Berlin war auf eine ekelerregende Weise von sich selbst besoffen. So kannte sie ihre Stadt gar nicht. (Auszug Seite 46)

Der achte Roman um Gereon Rath führt uns ins Jahr 1936. In Berlin finden die Olympischen Sommerspiele statt. Mittlerweile hat sich das Nazi-Regime voll etabliert und inszeniert die Olympischen Spiele zur Propagandashow für das neue, freundliche Deutschland. Berlin gibt sich für ein paar Wochen weltoffen und friedlich. Selbst die USA, die kurz zuvor noch mit dem Boykott der Spiele gedroht hatten, haben ihre Sportler nach Berlin geschickt. Um sich perfekt in Szene zu setzen, müssen alle Anzeichen, dass Juden verfolgt und aus der Gesellschaft verdrängt werden, entfernt werden. Dazu werden die antisemitischen Hetzparolen aus den Stürmerkästen entfernt und in den Zeitungen steht nichts Judenfeindliches mehr.

Sport und Mord
Als ein amerikanischer Sport-Funktionär im Speisesaal des Olympischen Dorfs tot zusammenbricht, vermuten SS und Gestapo eine kommunistische Verschwörung, mit dem Ziel, die Spiele zu manipulieren und in Misskredit zu bringen. Gereon Rath soll als inoffizieller Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verdeckt ermitteln und die Verschwörer finden. Hier spielt auch Raths ehemaliger Kollege Sebastian Tornow eine entscheidende Rolle. Der Obersturmbannführer hat Karriere bei der SS gemacht, setzt Rath immer stärker unter Druck und demütigt ihn. Rath findet tatsächlich einen Olympia-Mitarbeiter mit kommunistischer Vergangenheit. Obwohl er diesen für unschuldig hält, zwingt Tornow ihn, bei der Folterung des Mannes im Columbia-Haus zuzusehen.

Die Welt zu Gast bei Nazis
Augenzeuge des Zwischenfalls ist ausgerechnet Fritze, der ehemalige Pflegesohn der Raths. Der 15-jährige ist stolzes HJ-Mitglied und freut sich riesig, dass er zum Jugendehrendienst bei Olympia eingeteilt wurde. Durch seine Begeisterung für die schwarzen Sportler wie Jesse Owens oder Dave Albritton hat er allerdings einen schweren Stand bei den anderen Kameraden der Hitlerjugend. Sein Weltbild gerät gleich am ersten Tag ins Wanken, als er enttäuscht feststellen muss, dass Hitler während der Siegerehrung das Stadion verlässt, um den schwarzen Sportlern nicht die Hand zu schütteln. Als Fritze dann noch Zeuge eines vermeintlichen Selbstmordes wird, ist plötzlich die Gestapo hinter ihm her.

Rath findet heraus, dass mehrere Wehrmachtsangehörige, die alle in einer Spezialeinheit Hermann Görings dienten, bei seltsamen Unglücksfällen verstarben. Die Toten waren in der Vergangenheit in einen Zwischenfall verwickelt, mit dem auch Rath zu tun hatte. Er hat alle Hände voll zu tun, um seine Vorgesetzten zu befriedigen und herauszufinden, wer und was wirklich hinter all dem steckt und gerät dabei zwischen alle Fronten. Zusätzlich hat Rath mal wieder Ärger mit seiner Ehefrau. Ohne Rücksprache mit Charly hatte er sich überreden lassen, amerikanische Olympiagäste in der gemeinsamen Wohnung aufzunehmen und Charly ist erst mal wütend ausgezogen und hat sich bei ihrer Freundin Greta eingenistet.

„Ist doch ganz beeindruckend, oder?“, fragte er, als sie endlich ihre Plätze auf der langen Sitzbank gefunden hatten. „Die Hindenburg, meine ich. Und das Stadion.“ „Natürlich“, sagte sie. „Massenspektakel, das können sie.“ (Auszug Seite 156)

Meine Meinung
Bereits seine letzten beiden Werke „Marlow“ und „Lunapark“ sowie der aktuelle Band spielen zur Zeit des Nationalsozialismus und sind deutlich dunkler und düsterer als die ersten Bände der Rath-Reihe. Wobei „Olympia“ eindeutig den Höhepunkt bildet. Von der einst schillernden Atmosphäre des lebenslustigen, wilden Berlins ist nicht mehr viel übrig. Dafür prägen jetzt die schwarzen Uniformen der SS das Bild.

Volker Kutscher ist sehr nah bei seinen Figuren und wir erleben ihren Alltag und wie die NS-Diktatur immer stärker in ihr Leben eindringt. Man spürt die immer bedrohlicher werdende Stimmung und dieses Gefühl prägt diesen Band. Mit Fritze gucken wir hinter die Kulissen der Spiele. Zum Beispiel wenn er von der Regisseurin Leni Riefenstahl, die einen Film im Auftrag der Nazi-Propaganda dreht, vom Filmset gescheucht wird. Charlotte Rath wiederum, die gestandene, demokratische Preußin hilft neben ihrem Job als Privatdetektivin Menschen, die aus Nazi-Deutschland fliehen müssen bei der Beschaffung falscher Papiere. Ihr wird immer klarer, dass dieses nicht mehr das Land ist, in dem sie leben möchte. Mit Gereon Rath steigen wir hinab in die Kerker der Gestapo, wo die zumeist politischen Gefangenen willkürlichen Schikanen und Folterungen ausgesetzt sind.

Er hatte alle Namen genannt, die er wusste, doch es reichte ihnen nicht, und andere hatte er nicht. Also quälten sie ihn weiter, bis er kurz davor war, seine eigene Mutter als kommunistische Verschwörerin zu denunzieren, den Norddeutschen Lloyd als kommunistischen Geheimbund und das Olympische Dorf als dessen Hauptquartier. (Auszug Seite 229)

Die SS verschmilzt immer mehr mit der Polizei und Rath wird klar, dass er so nicht mehr als Kommissar beim LKA arbeiten und Ermittlungen zu Mordaufklärungen führen kann. In einem Verbrecherstaat ist die natürliche Ordnung nach Lösung eines Kriminalfalles eben nicht wieder hergestellt. Das wird selbst dem bisher unpolitischen Einzelgänger klar, der mit Autoritäten so seine Probleme und sich immer um einen klaren Standpunkt gedrückt hat, und macht den großen Reiz dieses Romans aus. Wer tatsächlich für die Morde verantwortlich ist und ob die Person überhaupt zur Rechenschaft gezogen wird, rückt im Verlauf der Handlung mehr und mehr in den Hintergrund. Es werden auch Handlungsstränge aus den Vorgängern wieder aufgenommen und weitergeführt, alte Bekannte tauchen auf. Durch die Fülle an akribisch recherchierten, historischen Daten entsteht ein intensives Bild jener Zeit ohne aufgesetzt oder belehrend zu wirken. Ein spannender, packender Pageturner, beklemmend und dicht erzählt. Wie es weitergeht mit Gereon Rath lässt Kutscher mit einem dramatischen Cliffhanger am Ende offen.

Ausblick
Volker Kutscher hat vor, mindestens noch 2 Gereon-Rath-Romane zu schreiben, aber 1938 soll definitiv Schluss sein. Die Pogrom-Nacht am 9. November als historisches Datum scheint der richtige Zeitpunkt zu sein, aus der Reihe auszusteigen. Als das Undenkbare in den Alltag einbricht, musste wirklich jedem klar sein, wohin die Reise geht. Dass es in einem Land, das sich in einem Weltkrieg befindet und das von Verbrechern regiert wird, keinen Raum mehr gibt für einen klassischen Polizeiroman, kann ich gut nachvollziehen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Olympia | Erschienen am 02. November 2020 bei Piper
ISBN 978-3-492-07059-1
544 Seiten | 24.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Andy zur Gereon Rath-Reihe.

Dominique Manotti | Marseille.73

Dominique Manotti | Marseille.73

Der Roman beginnt mit einem Prolog, einer Erklärung der Verhältnisse in Südfrankreich 1973. In ganz Frankreich leben viele Migranten aus Nordafrika, insbesondere aus dem ehemals französischen Algerien, das vor etwa zehn Jahren unabhängig wurde. Damals musste de Gaulle einsehen, dass Algerien nicht zu halten war, musste aber mit der Unabhängigkeit Algeriens innenpolitisch große Probleme bewältigen. Die große Gruppe der Algerienfranzosen, der Pied-Noirs, wehrte sich bis hin zu terroristischen Aktionen der OAS. 1973 wird der Konflikt wieder angeheizt. Durch ein Dekret des Innenministers werden viele Migranten quasi über Nacht von Schwarzarbeitern zu Illegalen, denen die Abschiebung droht. Gewaltbereite rechte Gruppierungen greifen dies bereitwillig auf. Die „Sans-Papiers“ wollen sich gegen die Benachteiligungen und Bedrohungen wehren, doch ihre Demonstrationen werden gewaltsam von Sicherheitskräften und „besorgten Bürgern“ aufgelöst. Mitten in diese angespannte Stimmung kommt die Nachricht vom Tod eines Marseiller Busfahrers durch einen psychisch gestörten arabischen Algerier.

Bevor er zum Èvêché aufbricht, wirft Daquin einen letzten Blick auf den Vieux-Port zu seinen Füßen, das graugrüne, reglose Wasser, die verwaisten Kaianlagen, kein Geräusch, keine Bewegung, das Leben steht still. Die Stadt atmet nicht mehr. In einer Handvoll Stunden wird sie Èmile Guerlache zu Grabe tragen, sie wartet, sie stinkt nach Blut. (Auszug S.52)

Die Beerdigung des Busfahrers wird von extremen Gruppen instrumentalisiert, aber es bleibt erstmal still. Am Abend sitzt der junge Algerier Malek an einem Boulevard vor einer arabischen Bar, als ein Auto neben ihm hält. Der Beifahrer schießt Malek mit drei Kugeln nieder. Die herbeigerufenen Polizisten der Sûreté nehmen die Sache eher gelangweilt auf. Die Zeugen aus der Bar und die hinzugekommenen Brüder des Toten rufen nochmal die Kriminalpolizei an, das Team von Commissaire Théo Daquin nimmt den Tatort nochmal auf und findet sogar eine weitere Patronenhülse. Doch der Fall bleibt bei der Sûreté. Gleichwohl behalten Daquin und seine Inspektoren Grimberg und Delmas den Fall im Blick, denn sie merken, dass da etwas gewaltig stinkt und dass es Parallelen zu einer Ermittlung gibt, die sie gerade bearbeiten: Die illegalen Aktivitäten der UFRA, der Organisation der Algerienheimkehrer, und die Beteiligung von Mitgliedern der Marseiller Polizei. Derweil versuchen die Kollegen den Fall Malek als einen Mord im Milieu darzustellen (wie auch weitere Tötungsdelikte an Algeriern) und den Toten und seine Familie als kriminell zu diskreditieren.

Ein neuer Manotti ist für mich immer ein echtes Fest. Die 1942 geborene französische Historikerin und Ex-Gewerkschafterin steht für hochpolitische, meist historische Krimis, die aber eigentlich direkte Bezüge zur Gegenwart aufweisen. „Marseille 73“ ist wieder ein Roman mit ihrem häufig gewählten Protagonisten Théo Daquin und schließt zeitlich ziemlich direkt an den Roman „Schwarzes Gold“ an. Daquin ist ein sehr fähiger Ermittler, seine Homosexualität muss er allerdings im schwulenfeindlichen Marseille geheimhalten. Zudem verfügt er als Pariser über wenig Kenntnis und Erfahrung über die Machtverhältnisse im Marseiller Polizeipräsidium und zwischen den verschiedenen, teilweise rivalisierenden Polizeieinheiten. Doch dafür hat Daquin seinen Inspecteur Grimbert, einen Alteingesessenen, der sich zwischen den Etagen zu bewegen weiß.

„Man überträgt diese Fälle der Sûreté nicht, damit sie erfolgreich abgeschlossen werden, man überträgt sie ihr, damit sie niemals aufgeklärt werden. Es gibt hier eine Art, die Dinge zu sehen, eine Geisteshaltung, eine Kultur, nenne es, wie du willst, die von allen geteilt wird: Worüber man nicht spricht, das existiert nicht. Also spricht man nicht über rassistische Verbrechen. Gehen Sie weiter, es gibt nichts zu sehen.“ (Auszug S.92)

Manottis Stil ist sehr verknappt, kurze Sätze, sehr präzise. Sie schreibt zudem generell im Präsens, was manche Abschnitte fast berichtsartig macht. Zur tieferen Darstellung nutzt sie aber die Möglichkeit der Dialoge und des auktorialen Erzählers, wobei sie interessanterweise manchmal für ein oder zwei Sätze in die Ich-Erzähler-Ebene schwenkt. Trotz eines Glossars und Personenregisters ist der Roman komplex und eher für ambitionierte Genreleser. Allerdings wird man extrem belohnt, denn Manotti verbindet hier mehrere Themenbereiche einfach großartig miteinander. Da ist zum einen der aufkeimende Rassismus, der sich mitten in der Bevölkerung und auch in den Polizeikräften ausbreitet, da ist zum anderen der Kampf der Migranten, der „Sans-Papiers“, um Legalität und Schutz durch die Behörden, auch mit Hilfe der Gewerkschaften. Des Weiteren der Kampf der Familie des getöteten Malik um Anerkennung und Ehre, um eine echte Ermittlung des Mörders und zuletzt der Kampf innerhalb der Behörden um Deutungshoheit, um die Öffentlichkeit, um den Umgang mit Korruption oder Schlimmerem. So ist die Ermittlung des Teams Daquin fast weniger eine Suche nach dem Mörder Maliks als vielmehr ein Wettstreit gegen die Vertuschung und kriminelle Energie im eigenen Hause.

Insgesamt ist für mich „Marseille.73“ ein enorm vielseitiger Krimi noir voller Finesse und Brillanz. Sicherlich einer der stärksten Krimis diesen Jahres. Zwar fiktiv, aber auf historischen Fakten basierend und – wie bereits oben erwähnt – voller Bezüge zur Gegenwart. Die Verlegerin Else Laudan äußert bereits in ihrem Vorwort Parallelen zu den NSU-Morden und dem Umgang der Ermittlungsbehörden damit. Und tatsächlich stelle ich mir auch gerade einen „dicken Marcel“ im Bundesamt für Verfassungsschutz vor, ein Faktotum außerhalb der Organisationspläne, der im Zusammenspiel mit den Dienststellen entscheidet, welche Ermittlung eingestellt und welche Akte vernichtet werden muss, um den schönen Schein zu wahren und die Behörde vor Unbill zu bewahren. Die Vermutung liegt nahe, dass sowas hierzulande und heutzutage ähnlich abläuft wie damals in Marseille `73.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Marseille.73 | Erschienen am 02.11.2020 im Argument Verlag
ISBN 978-3-867-54247-0;
400 Seiten | 23,- €
Originaltitel: Marseille 73
Bibliografische Angaben

Weitersehen: TV-Beitrag zum Roman inklusive Interview mit der Autorin in einer Sendung von Arte france.

Weiterlesen: Joachim Feldmanns Rezension im Crimemag.

Weiterlesen II: Weitere Rezensionen zu Manottis Romanen auf diesem Blog.

Abgehakt | Oktober 2020

Abgehakt | Oktober 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Ende Oktober 2020

 

Thomas Mullen | Die Stadt am Ende der Welt

Winter 1918: Der erste Weltkrieg ist noch nicht beendet. Die Amerikaner sind letztlich doch auf Seiten der Alliierten in den Krieg eingetreten und müssen Verluste auf dem Schlachtfeld verkraften. Die USA sieht sich allerdings durch die Pandemie der Spanischen Grippe einer neuen Bedrohung ausgesetzt. Tief in den Wäldern des Staates Washingtons liegt die junge Holzfällerstadt Commenwealth. Gründer Charles Worthy hat die Stadt bewusst als Gegenentwurf zum ausufernden kapitalistischen System gegründet. Nun finden sich dort ehemalige Gewerkschafter, Anarchisten, Kommunisten, Kriegsdienstverweigerer. Als die Grippe immer näher kommt, entschließt sich Worthy und die Gemeinschaft zu einem radikalen Schritt: Die Stadt begibt sich in Isolation und schottet sich von der Außenwelt ab. Das Betreten der Stadt von Fremden soll unter allen Umständen verhindert werden. Da nähert sich aus den Wäldern kommend ein Soldat den Absperrungen.
„Die Stadt am Ende der Welt“ ist der Debütroman von Thomas Mullen aus 2006, der in Deutschland zuletzt durch die Reihe um schwarze Polizisten in Atlanta bekannt wurde. Dieser Roman hier wurde natürlich durch die aktuelle Corona-Pandemie wieder schlagartig interessant und dadurch erneut auf Deutsch veröffentlicht.

Der Roman folgt über weite Strecken bekannten Muster von Pandemie-Thrillern oder Dystopien. Eine Gemeinschaft wird durch die Bedrohung stark auf die Probe gestellt und die Harmonie und Solidarität weicht nach und nach Angst, Misstrauen und Panik. Das ist aus meiner Sicht passabel und solide dargestellt, ohne allerdings aus meiner Sicht herauszuragen. Auch die zahlreichen Rückblenden auf die Vorgeschichten der Figuren verlangsamen den Erzählfluss. Was mich allerdings überzeugt hat, ist die Verbindung, die Mullen zwischen den Kriegsanstrengungen der USA und der Pandemie zieht. Tragisch und absurd wie bei der Situation einer nationalen Tragödie wie der Spanischen Grippe auch noch der letzte Kriegsdienstverweigerer aus den Wäldern geholt werden soll.

Die Stadt am Ende der Welt | Erschienen am 29.09.2020 im Dumont Verlag
ISBN 978-3-8321-8151-2
480 Seiten | 18,- €
Originaltitel: The Last Town on Earth
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Spannungsroman

Weiterlesen: Gunnars Rezension zu Thomas Mullens Roman „Darktown

 

Don Winslow | Broken

Don Winslow ist bekannt für ausufernde Thrillerepen, beispielsweise seine Kartell-Trilogie. Nun hat er sich an eine Kurzform gewagt. „Broken“ ist eine Sammlung von sechs Novellen, in denen Winslow außerdem viele alte Bekannte aus früheren Büchern wieder zurückholt.

„Broken“ erzählt die Geschichte von Drogencop Jimmy McNabb in New Orleans, der eine Fehde mit einem brutalen Drogendealer austrägt. „Crime 101“ erzählt ein Raub-Story entlang des Pacific Coast Highway mit Steve McQueen-Reminiszenzen. In „The San Diego Zoo“ wird aufgeklärt, wie ein Affe im Zoo an eine geladene Waffe kam. In „Sunset“ ist Kautionsbürge Duke Kasmajian auf der Suche nach einem Kautionsflüchtling. „Hawaii“ erzählt eine Geschichte von Ben, Chon und O (bekannt aus Savages), als sie auf Hawaii Revierkämpfe mit lokalen Gangs geraten. Zuletzt kommt „The Last Ride“, in der der Grenzschützer Cale Strickland ein Mädchen aus einem Auffanglager gegen die Vorschriften mit seiner Mutter wieder vereinen will.

Sechs Geschichten über Gewalt, Drogen, Loyalität und Moral. Geradlinig und kurzweilig erzählt, von hartgesotten, lässig bis berührend bieten diese Storys eine faszinierende Bandbreite. Absolutes Highlight ist „The Last Ride“. Winslow zeigt sich mit diesen Geschichten in Topform.

Broken | Erschienen am 24.03.2020 bei HarperCollins
ISBN 978-3-95967-489-8
512 Seiten | 22,- €
als E-Book: ISBN 978-3-95967-488-1 | 14,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 5 von 5;
Genre: noir/hardboiled

Weiterlesen: Weitere Rezensionen zu Romanen von Don Winslow

 

Vincent Hauuy | Der Dämon von Vermont

Vor einigen Jahren verlor Profiler Noah Wallace bei der Jagd auf einen Serienmörder seine Frau bei einem Autounfall und wurde selbst schwer verletzt. Nun fristet er mit großen körperlichen und psychischen Problemen ein zurückgezogenes Leben. Da holt ihn sein ehemaliger Partner überraschend ab und fährt mit ihm zu einem Mordschauplatz im benachbarten Kanada. Der Täter hat eine Nachricht an Noah hinterlassen. Die gesamte Vorgehensweise deutet wieder auf den „Dämon von Vermont“ hin. Doch der ist doch damals beim Unfall ebenfalls verstorben. Oder etwa nicht?

Serienmörder-Thriller sind so eine Sache. Eigentlich nicht mehr mein bevorzugtes Subgenre, gibt es da doch viel Schund. Aber es gibt auch Ausnahmen. Leider zählt dieser hier nicht dazu. Was man zumindest noch positiv sagen kann: Es ist halbwegs spannend. Und der Hintergrund der Story, das MKULRA-Programm der CIA zu Bewusstseinskontrolle, ist nicht uninteressant. Die Umsetzung ist aber nur mäßig, der Plot ist für meinen Geschmack zunehmend abstrus. Auch was die handwerklichen Dinge betrifft, reißt mich das Ganze nicht vom Hocker. Maue Dialoge und vom personalen Erzähler zäh vorgetragene Gedanken der Figuren machen die Lektüre nicht besser. Der Kanadier Vincent Hauuy gewann mit diesem Debütroman einen vom französischen Bestsellerautor Michel Bussi gestifteten Literaturpreis. Warum auch immer.

Der Dämon von Vermont | Erschienen am 19.09.2020 im Tropen Verlag;
ISBN 978-3-608-50473-6
448 Seiten | 17,- €
Originaltitel: Le tricycle rouge
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 1,5 von 5;
Genre: Thriller

 

Rezension 1 bis 3 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Wolf S. Dietrich | Friesisches Gift

Auf der ostfriesischen Insel Langeoog werden Heroin-Päckchen angeschwemmt, aber als die Polizei diese sicherstellen möchte, sind sie verschwunden. Dann wird ein Journalist vermisst, der unter anderen über diese Angelegenheit berichten wollte und den Dieben offenbar zu nahe gekommen ist. Rieke Bernstein vom LKA ermittelt in beiden Fällen.

Der dritte Fall um die Kommissarin Bernstein hat sich für mich flüssig gelesen, der Schauplatz bringt Urlaubsfeeling mit und die Geschichte ist spannend geschrieben. Trotzdem konnte der Fall mich nicht völlig überzeugen, da die Ermittlungen für meinen Geschmack zu dramatische Ausmaße annehmen und mir die Protagonistin bis zum Schluss unnahbar vorkam.

Friesisches Gift | Erschienen am 28.02.2019 im Lübbe Verlag;
ISBN 978-3-40417-787-8
416 Seiten | 10,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3 von 5;
Regionalkrimi

 

Katharina Peters | Todesklippe

Ein Polizeipsychologe aus Rostock kommt bei einem Motorradsturz ums Leben. Ein Kollege glaubt nicht an einen Unfall und so wird die Privatdetektivin Emma Klar aus Wismar eingeschaltet, die erst verdeckt, aber später auch offen ermittelt. Und plötzlich kommen noch ganz andere Ungereimtheiten ans Licht…

„Todesklippe“ von Katharina Peters fand ich spannend zu lesen. Es handelt sich um einen sehr weitverzweigten Fall, bei dem die ermittelnden Beamten nicht immer den vorgeschriebenen Dienstweg einhalten, um ans Ziel zu kommen. Emma Klar als Protagonistin konnte mich ebenfalls überzeugen, nur das Ende wäre für meinen Geschmack mit etwas weniger Gewalt ausgekommen.

Todesklippe | Erschienen am 12.04.2019 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-74663-543-8
352 Seiten | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5,0
Genre: Regionalkrimi

Weiterlesen: Weitere Rezensionen von Andrea zu Romanen von Katharina Peters

Rezensionen 4+5 und dazugehörige Fotos von Andrea Köster.

Garry Disher | Hope Hill Drive

Garry Disher | Hope Hill Drive

Noch einige Zeit nach der Veröffentlichung von „Bitter Wash Road“, dem ersten Auftritt von Constable Paul Hirschhausen, genannt Hirsch, Gewinner des Deutschen Krimi Preises, war sich Garry Disher sicher: Dieser Roman war ein Stand-Alone. Im Rahmen einer Lesung in Deutschland Ende 2016 äußerte der Autor Zweifel, ob Hirsch zu einer Serienfigur tauge. Schon verständlich, denn schließlich hat(te) Disher mit Hal Challis und Wyatt zwei langjährige Serienfiguren aufgebaut und mit Alan Auhl (aus „Kaltes Licht“) damals eine ganz neue Figur im Kopf. Aber irgendwie war es schade um diesen Hirsch, den wackeren Cop aus dem Outback, der gegen korrupte Kollegen ausgesagt hatte und dabei selbst angezählt, degradiert und in die Provinz geschickt wurde, wo er als Neubürger ganz schön zu kämpfen hatte und quasi vom Regen in die Traufe kam. Und auch Dishers selbst scheint dieser Polizist nicht aus dem Kopf gegangen zu sein. „Hirsch hat mich nicht allein gelassen. Er hat mir immer gesagt, dass ich mit ihm noch nicht fertig bin“, so Disher in einem Interview mit Alf Mayer im Crimemag von September 2020. Zum Glück, denn fünf Jahre nach „Bitter Wash Road“ erschien dann doch ein neuer Roman mit Constable Hirschhausen: „Peace“, so der Originaltitel, in der deutschen Übersetzung „Hope Hill Drive“ als Anlehnung an den Erstling.

Ein knappes Jahr nach den Vorkommnissen in „Bitter Wash Road“ scheint Hirsch endlich so ein wenig in Tiverton angekommen zu sein. Er ist inzwischen fest liiert mit der Lehrerin Wendy und auch im Gemeindeleben inzwischen so weit integriert, dass man ihm die (allerdings nur bedingt prestigeträchtige) Rolle des Weihnachtsmanns andient. Beruflich hat er kurz vor Weihnachten allerhand zu tun: Kupferdiebstahl, verschwundene Hunde, Trunkenheit am Steuer, obszöne Graffitti oder ein Kleinkind in einem überhitzten Auto. Das ganz normale Leben eines Landpolizisten. Doch dann werden einige Ponys auf dem Hof von Nan Washburn von einem Unbekannten verletzt und sogar getötet. Das sorgt für Aufruhr in Tiverton, sogar die überregionale Polizei kommt vorbei. Das Massaker auf dem Ponyhof ist aber nur der Auftakt für weitere Gewalt im vermeintlich beschaulichen Outback.

Es machte keinen Spaß, eine Weihnachtswaise zu sein, dachte er plötzlich, keinen Spaß, ein Kleinstadtbulle am Weihnachtstag zu sein. Er stampfte zur Revier zurück und fragte sich, wann der Ärger so richtig losgehen würde. Das mulmige Gefühl ließ keine Sekunde nach und legte sich über ihn wie eine Decke in sengender Hitze. (S.142)

Bei der oben bereits erwähnten Lesung meinte Garry Disher auch, dass er der üblichen Krimiregel, dass nach wenigen Seiten eine Leiche präsentiert werden müsse, nicht viel abgewinnen könne („True Crime is something darker“). Diese Herangehensweise treibt er dann in „Hope Hill Drive“ auch ein wenig auf die Spitze. Die ersten (menschlichen) Leichen tauchen nämlich erst etwa auf der Hälfte des Romans auf. Und danach wird die Suspense-Schraube auch immer enger gedreht. Die Ereignisse spitzen sich immer mehr zu und der „Kleinstadtbulle“ ist natürlich mittendrin, statt nur dabei. Allerdings heißt das nicht, dass es vorher langweilig gewesen wäre. Im Gegenteil. Disher zeichnet zunächst ein unglaublich präzises Panorama einer Kleinstadt mit all diesen Leuten, die man auch als deutscher Leser zu kennen glaubt. Armut, Verwahrlosung, gekränkte Eitelkeiten, Furcht und Misstrauen. Authentische Figuren und ein plausibler Plot, fein erzählt aus der Perspektive von Hirsch. Und fast nebenbei die weite Landschaft Südaustraliens: Weizenfelder, heruntergekommene Farmhäuser, Wellblechscheunen, rumpelige Straßen, Staubteufel. Nicht touristisch in Schale geworfen, sondern so, wie es halt ist. Übrigens stammt Disher selbst aus der Gegend.

Kurze Zeit später kam er an einem Staubecken vorbei, in dem Bob Muir und anderen im Ort zufolge ein Kleinkind ertrunken war. Eine vom Tod geprägte Landschaft, fand Hirsch. Hoffnungen starben, Menschen starben. […] Hier draußen konnte ein Mord geschehen und unentdeckt bleiben, dachte er. Nirgendwo hier draußen ist es neutral. Die Landschaft ist aufgeladen, mitschuldig. (S.114)

Im Crimemag-Beitrag verrät selbst sein Übersetzer Peter Torberg, dass Disher sein Favorit sei, dass er „mit jedem Buch etwas auf die Schippe drauflegt, dass er immer noch besser wird“. Genau so kommt es mir auch vor. Disher hat sein hohes Niveau nicht nur gehalten, sondern noch gesteigert. „Hope Hill Drive“ ist einfach ein restlos überzeugender, literarischer Kriminalroman, bei dem Garry Disher alles richtig macht: ein bodenständiger, aber nicht langweiliger Protagonist, glaubwürdige weitere Figuren, ein fein komponierter Plot, ausreichend Spannung sowie ein anregendes Setting. Und als ob das noch nicht alles wäre, hört Hirsch bei seinen Patrouillen durch den Busch auch noch einen verdammt guten Soundtrack. „Hope Hill Drive“ war in Australien ein Bestseller, Dishers bislang größter Erfolg. Möge er dies im deutschsprachigen Raum wiederholen, für mich ist der Roman der heiße Anwärter auf den Krimi des Jahres.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Hope Hill Drive | Erschienen am 24.08.2020 im Unionsverlag
ISBN: 987-3-293-00563-1
336 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Peace
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen:
Interview von Alf Mayer mit Garry Disher
Gunnars Bericht von der Lesung mit Garry Disher in Hamm 2016
Gunnars Rezensionen zu Dishers Romanen „Kaltes Licht & Hitze“, „Bitter Wash Road“ und „Drachenmann“