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Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ November 2022

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ November 2022

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang November 2022

Alex Reeve | Der Mord in der Rose Street (Band 2) ♬

Der zweite Band der historischen Krimi-Reihe um Leo Stanhope führt wieder ins viktorianische London und spielt vor dem Hintergrund der Industrialisierung Englands. Im Hinterhof eines Anarchistenclubs, in dem sich Sozialisten und Revolutionäre treffen, wird die Leiche einer ermordeten Frau gefunden. Unser Protagonist rückt mal wieder ins Visier der Mordermittlung, da die nur notdürftig verscharrte Dora Hannigan einen Zettel mit seinem Namen und Adresse bei sich trägt. Am Tatort trifft Leo auf einen ehemaligen Bekannten, den jungen Adeligen John Thackery. Dieser lebt wie Stanhope unter falschem Namen und spielt eine führende Rolle in der sich grade formierenden Arbeiterbewegung, auch um gegen seinen tyrannischen Vater, einen reichen Fabrikanten, zu rebellieren. Da er Leos Geheimnis kennt, erpresst er ihn, um ein Alibi für die Tatzeit zu bekommen. Widerwillig spielt dieser mit, eine Entlarvung seiner Transidentität hätte lebensbedrohliche Konsequenzen für ihn. Leo beschließt sein unauffälliges Leben aufzugeben und Detektiv zu spielen, zumal die beiden kleinen Kinder des Opfers seinen Beschützerinstinkt wecken. Bei der Mördersuche steht ihm wieder die zupackende Pastetenbäckerin Rosie Flowers zur Seite.

Erneut wird aus der Ich-Perspektive von Stanhope erzählt und wir sind seiner Gefühlswelt sehr nah. Die Schilderungen über das Alltagsleben im 19. Jahrhundert und die Schwierigkeiten, die sich für ihn ergeben, falls sein biologisches Geschlecht entdeckt würde, werden nachvollziehbar beschrieben. Das geht leider zu Ungunsten des Kriminalfalles. Dieser ist abermals schön verworren und weiß mit falschen Fährten und Twists zu unterhalten, hatte in der Mitte schon mit einigen Längen zu kämpfen. Die Einblicke in die viktorianische Zeit hätten noch ausführlicher ausfallen können. Eine angenehme Krimilektüre, kurzweilig und gern gehört, kann jedoch für mich nicht ganz mit dem ersten Teil mithalten.

Die Sprecherin und Schauspielerin Viola Müller ist eine gute Wahl, wenn es darum geht, die inneren Dialoge unseres Protagonisten Leos darzustellen. Mit angenehmer Stimme nimmt sie die Hörer*innen mit auf diese Zeitreise nach London und versteht es die unterschiedlichen Charaktere mit Lebendigkeit auszufüllen.

 

Der Mord in der Rose Street | Das Hörbuch erschien am 02. Mai 2022 bei United Soft Media (USM Audio)
ISBN: 978-3-8032-9288-9
Ungekürzte Lesung | Sprecherin: Viola Müller
Laufzeit: 11 Stunden 16 Minuten | 13,99 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: The Anarchist’s Club | Übersetzung aus dem Englischen von Christine Gaspard
Die aktuelle Printausgabe erschien bei Knaur TB

Wertung: 3,0 von 5
Genre: historischer Kriminalroman

 

 

Oliver Pötzsch | Das Buch des Totengräbers (Band 1) ♬

Der Auftaktband von Oliver Pötzsch historischer Krimireihe führt nach Wien ins Jahr 1893. Wir begleiten Leopold von Herzfeldt bei seinem Dienstantritt in der Wiener Polizeidirektion. Der jüdisch-stämmige Adelsmann war zuvor Untersuchungsrichter in Graz, spricht perfektes Hochdeutsch und ist modernen Ermittlungsmethoden sehr zugetan. Dadurch hat er es anfänglich bei seinen Kollegen nicht leicht, stößt auch mit seiner besserwisserischen Art den ein oder anderen vor den Kopf. Gleich am ersten Tag bekommt er es mit dem brutalen Mord an einer jungen Frau zu tun, die post mortem auch noch schändlich zugerichtet wurde. Weitere Frauen werden auf die gleiche Weise mit durchgeschnittener Kehle aufgefunden und es deutet alles auf eine Mordserie hin. Dabei wird der Tatortexperte Herzfeld erstmal aufs Abstellgleis geschoben. Er soll den Selbstmord von Bernhard Strauss, dem Halbbruder des berühmten Komponisten Johann Strauss untersuchen, dessen Leichnam von zwielichtigen Gestalten nachts nach der Beerdigung versucht wurde zu rauben. Nach Unterstützung suchend trifft Herzfeldt auf Augustin Rothmayer, den kauzigen, aber sehr belesenen Totengräber des Wiener Zentralfriedhofs, der sich aufgrund langjähriger praktischer Erfahrungen überraschend als fundierter Experte für Leichen und Todesursachen jeder Art herausstellt. Die Ergebnisse seiner vielen Studien verewigt er in seinem „Almanach für Totengräber“. Komplettiert wird die kleine Gruppe durch Julia Wolf, Telefonistin bei der Polizei, die im Wiener Nachtleben ein Doppelleben führt.

Hans Jürgen Stockerl hat den Historienkrimi mit viel Charme und Wiener Schmäh eingesprochen und dabei den ewig grantelnden Totengräber Rothmayer mit dem Herz am rechten Fleck oder dem ehrgeizigen, von allen misstrauisch beäugten Jungspund Herzfeldt ein Gesicht gegeben. Band 1 der Leopold-von-Herzfeldt-Reihe zeigt eine Gesellschaft in Aufbruchstimmung und die Anfänge moderner Kriminalistik mit Spurensicherung, Tatortfotografie und ein wenig Profiling. Trotz süffigem Erzählstil und überraschenden Wendungen fehlte mir mal was Neues, von dem ich noch nicht an anderer Stelle gelesen habe. Auch war es mir ein bisschen zu viel an inszenierten Gewalttaten wie die brutal gepfählten Opfer, Enthauptungen und lebendig Begrabenen. Viele zeithistorische Aspekte werden von Oliver Pötzsch, der mit seiner Henkerstochter-Serie weit über die Grenzen Deutschlands bekannt wurde, detailliert beschrieben und geben ein gutes Bild der auslaufenden Donaumonarchie. Das Ambiente der Kaiserstadt, die morbide Atmosphäre des Wiener Zentralfriedhofs, zu dieser Zeit der größte in Europa sowie die Darstellung des Wiener Gemüts werden auch aufgrund des hervorragenden Sprechers wunderbar eingefangen.

 

Das Buch des Totengräbers | Das Hörbuch erschien am 31. Mai 2021 bei Audible / Hörbuch Hamburg HHV GmbH
ASIN: B09446X1RQ
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Hans Jürgen Stockerl
Laufzeit: 15 Stunden, 12 Minuten
Die gekürzte Audio-CD erschien am 27.05.22 für 10,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei Ullstein Paperback

Wertung: 3,0 von 5
Genre: historischer Kriminalroman

 

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Reingehört | Hörbücher-Kurzrezensionen ♬ März 2022

Hörbuch-Kurzrezensionen Anfang März 2022

 

Henri Faber | Ausweglos ♬

Elias Blom von der Kripo Hamburg war vor einigen Jahren daran gescheitert, einen brutalen Serienmörder, in der Öffentlichkeit als Ringfinger-Mörder bekannt, zur Strecke zu bringen und wurde ins Einbruchdezernat versetzt. Doch er sieht eine neue Chance, sich zu rehabilitieren, als jetzt erneut eine Bluttat geschieht, die die Handschrift des Killers einschließlich abgetrennten Fingers trägt. Denn diesmal gibt es einen wichtigen Zeugen. Noah Klingberg hatte Wäsche auf dem Dachboden eines Mehrfamilienhauses auf gehangen, als er mit einem Messer attackiert und gezwungen wurde, den Unbekannten zu seiner Frau Linda zu bringen. Noah sieht einen Ausweg und lotst den Angreifer in die Nachbarwohnung, zu der er einen Zweitschlüssel besitzt und in der er das Ehepaar Falk im Urlaub wähnt. Am anderen Morgen wacht er schwer verletzt neben der toten Nachbarin Emma Falk auf.

Henri Faber hat mit seinem Debüt einen fesselnden Thriller geschaffen, der mit relativ kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven von Beginn an spannend ist und sich im weiteren Verlauf zu einem Verwirrspiel der verschiedenen Charaktere wandelt. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte sind die Figuren, die wir durch vier versierte Sprecher mit ihren Geheimnissen, Schwächen und Stärken kennenlernen. Besonders durch das Eintauchen in die Privatleben der Ehepaare Klingberg und Falk wird die Geschichte immer undurchsichtiger. Wir erfahren die Zusammenhänge aus der Sicht von Noah, einem erfolglosen Schriftsteller, der alles für seine Frau tun würde. Linda leidet aufgrund eines unerfüllten Kinderwunsches unter psychischen Problemen und dann ist da noch Elias Blom, der verbissene Kommissar, dessen Charakterisierung ich etwas blass fand. Zwischendurch nimmt uns auch immer wieder der Serienmörder mit in seine krude Gedankenwelt.

Der Autor schafft es gekonnt einen an der Nase herum zu führen und bietet eine Bandbreite an vermuteten Tatabläufen, falschen Geständnissen sowie ungeahnten Wendungen. Die Auflösung ist in keiner Weise vorhersehbar und birgt einen dramatischen wenn auch durch den Alleingang Bloms reichlich unrealistischen Showdown und ein abstruses Ende.

 

Ausweglos | Als Hörbuch am 20. August 2021 im Der Audio Verlag erschienen
ISBN 978-3-7424-2084-8
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Simon Jäger, Vera Teltz, Philipp Schepmann und Uve Teschner
Laufzeit: 12 Stunden, 45 Minuten | 14,99 Euro
Weitere Angaben und Hörprobe
Die Printausgabe erschien bei dtv Verlagsgesellschaft.

Wertung: 3,0 von 5
Genre: Psychothriller

 

 

Agatha Christie | Tod auf dem Nil ♬

Im Kino läuft gerade die Neuverfilmung von „Tod auf dem Nil“ mit Kenneth Branagh. Das hat mich auf den Geschmack gebracht und ich habe mir den Klassiker sowie eines der bekanntesten Werke der britischen Autorin bei Audible als Hörbuch runtergeladen.

Während seines Urlaubes in Ägypten lernt der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot auf einem Nilkreuzfahrtschiff ein jung verheiratetes Paar kennen. Die bildschöne Millionenerbin Linnet Ridgeway und ihr Ehemann Simon Doyle können ihre Hochzeitsreise auf der „Karnak“ aber nicht wirklich genießen. Linnets beste Freundin Jacqueline de Bellefort, die vorher mit dem mittellosen Doyle verlobt war und die beiden miteinander bekannt gemacht hatte, verfolgt sie rachedurstig überall hin und macht ihnen die Flitterwochen zur Hölle. Heute würde man das Stalking nennen. Linnets Ermordung bringt schließlich die Krimihandlung ins Rollen. Da es nicht bei der einen Toten bleibt, ist der Spürsinn des klugen wie auch eitlen Detektivs mit dem imposanten Moustache gefragt und er steht vor der intellektuellen Herausforderung, den Tathergang penibel zu rekonstruieren. Als Poirot die anderen Passagiere des Nildampfers befragt und nach möglichen Mord-Motiven durchleuchtet (kleiner Spoiler: Sie haben fast alle eins) muss er mit Hilfe seiner genialen Kombinationsgabe die perfekten Alibis zerpflücken und den Mörder trotz vieler falscher Fährten nur aufgrund von Indizien entlarven.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit, dessen Handlung sich auch typisch für Christie in einem isolierten Raum vor exotischer Kulisse abspielt. Der wendungsreiche Krimi-Plot lebt von seinen pointierten Dialogen und einem bissigen Blick auf die damalige bessere Gesellschaft. Die vielen überspitzt dargestellten Charaktere werden mit viel Liebe zum Detail ins Bild gesetzt und dank eines auktorialen Erzählers erfahren wir alles über ihre Beweg- und Hintergründe. Dem Charme dieses fintenreichen Rätselkrimis, bei dem auch die Wirtschaftskrise und der Börsencrash eine Rolle spielen, konnte ich mich nicht entziehen. Die Lösung ist überraschend und immer wieder faszinierend, wie auf den ersten Blick unscheinbare Details im Rückblick eine wichtige Bedeutung erlangen.

 

Tod auf dem Nil | Erschienen am 16.11.2018 im Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-3279-1
Ungekürzte Lesung | Sprecher: Martin Maria Schwarz
Laufzeit: 9 Stunden 42 Minuten | 7,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Death on the Nile (Übersetzt aus dem Englischen von Pieke Biermann)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 4,5 von 5
Genre: Krimi

 

Agatha Christie | Mord im Orient-Express ♬

An einem kalten Wintertag steigt der Privatdetektiv Hercule Poirot in Istanbul in einen Luxuszug, der ihn nach London bringen soll. Der Orientexpress ist für die Jahreszeit überraschend voll besetzt, nur durch seine Beziehung zu dem ebenfalls mitreisenden Eisenbahn-Direktor Monsieur Bouc bekommt er noch ein freies Abteil. Nach einer unruhigen Nacht bleibt der Zug in einer Schneewehe stecken und im Nachbarabteil wird der amerikanische Geschäftsmann Samuel Edward Ratchett durch 12 Messerstiche erstochen aufgefunden. Zur Unbeweglichkeit verdammt sitzen der Detektiv und die Mitreisenden fest und Monsieur Bouc bittet den Meisterdetektiv den Fall aufzuklären. Das stellt Poirot vor einige Herausforderungen, hatte doch der mysteriöse Mr. Ratchett ihn am Tag davor im Speisewagen von Morddrohungen berichtet und um Schutz gebeten. Der Täter kann nur einer der Passagiere sein und es stellt sich heraus, dass nicht alle (Ratchett eingeschlossen) die sind, für die sie sich ausgeben.

Ich habe zum ersten Mal die Geschwindigkeit des Hörbuchs etwas erhöht und dann bot der Krimiklassiker großes Unterhaltungspotential mit allem, wofür die Queen of Crime bewundert wird: Ein großes Figurenensemble unterschiedlicher Couleur, ein exotisches Setting, falsche Alibis, zahlreiche Verdächtige sowie die Suche nach dem Motiv. Durch den geschlossenen Raum erleben wir fast ein Kammerspiel mit einem Meisterdetektiv, dessen kleine, graue Zellen auf Hochtouren arbeiten. Dialoge, die nur so vor Schlagkraft und zynischem Wortwitz strotzen. Dazu sieht sich Poirot diesmal, dem ein tiefsitzendes Bedürfnis nach Halt und Ordnung innewohnt, mit Fragen der Moral und Ethik konfrontiert. Der Mordfall ist vertrackt, das ausgeklügelte Ende wirklich erstaunlich und hat nach all den Jahren nichts von seinem Charme verloren. Auch dieser Roman wurde von und mit Kenneth Branagh neu verfilmt.

 

Mord im Orientexpress | Erschienen am 12.05.2014 in Der Hörverlag
ISBN: 978-3-8445-1482-7
ungekürzte Lesung | Sprecher: Friedhelm Ptok
Laufzeit: 7 Stunden 28 Minuten | 6,95 Euro
Weitere Angaben & Hörprobe
Originaltitel: Murder on the Orient Express (aus dem Engischen übersetzt von Otto Bayer)
Die aktuelle Printausgabe erschien im Atlantik Verlag.

Wertung: 5 von 5
Genre: Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Andy Ruhr.

Eloísa Díaz | 1981

Eloísa Díaz | 1981

„Um es zusammenzufassen“, sagte Alzada, bevor sich die Situation in eine Seifenoper verwandelte: „Ich bin gewillt, ein Ermittlungsverfahren einzuleiten, aber dazu brauche ich zumindest einen winzigen Hinweis darauf, dass es sich um ein Verbrechen handeln könnte. Haben Sie irgendetwas für mich?“ […]
„Es ist schwer zu erklären.“ Ihr aufmüpfiger Ton von vorher war wie weggeblasen. Sie beugte sich vor und legte die Hände auf Alzadas Schreibtisch. French Manicure, Verlobungsring mit Diamant, darüber ein goldener Ehering. „Inspektor – ich weiß nicht, ob Sie Geschwister haben – aber falls Sie welche haben, kennen Sie das Gefühl vielleicht? Das Gefühl, sich Sorgen zu machen? Das Gefühl … es einfach zu wissen?“
Alzada kannte es. (Auszug S. 47-48)

Dezember 2001: Argentinien steckt in einer tiefen Wirtschafts- und Finanzkrise. Hoher Inflation. Zuletzt wurden die Möglichkeiten, Bargeld abzuheben, massiv eingeschränkt. Es gibt inzwischen große Proteste gegen die Regierung des Präsidenten de la Rúa. Diese werden zunehmend gewalttätig auf beiden Seiten geführt. Die Polizei in Buenos Aires ist in Alarmbereitschaft, alle verfügbaren Kräfte werden mobilisiert.

So kommt es, dass Inspektor Joaquín Alzada sich plötzlich mit einer Leiche und einer Vermisstenanzeige herumschlagen muss. Alzada gehört eigentlich dem Diebstahlsdezernat an, ist kurz vor der Pensionierung und wird aufgrund vergangener Ereignisse von seinem Chef von solchen Ermittlungen eigentlich ferngehalten. In der Rechtsmedizin begutachten er und sein Hilfsinspektor Estrático die übel zugerichtete Leiche einer jungen Frau, abgelegt in einem Müllcontainer. Wenig später nehmen sie im Kommisariat eine Vermisstenanzeige auf, die man nicht so leicht zu den Akten legen kann. Eine Frau aus einer der reichsten Familien Argentiniens meldet ihre Schwester als vermisst. Die Beschreibung der Vermissten könnte auch auf die Leiche zutreffen, doch Alzada ist noch vorsichtig. Er stellt gemeinsam mit Estrático Nachforschungen an und findet heraus, dass die Vermisste zuletzt in einen Wagen eines Parlamentsabgeordneten eingestiegen war und seitdem nicht mehr gesehen wurde. Alzada wird zurückgepfiffen, eigentlich soll er gar nichts weiter unternehmen. Der Polizeipräsident, ein alter Freund, befiehlt ihm sogar, den Fall abzugeben, doch die Ereignisse rundherum beeinflussen Alzadas Entscheidungen.

Denn vor genau zwanzig Jahren gab es bereits ein einschneidendes Ereignis in Alzadas Leben. Nach und nach erfährt man die Details: Alzada war damals ein aufstrebender Inspektor in der Polizei. In der damaligen Militärdiktatur versuchte er, sich aus allem herauszuhalten, sich nicht an Menschenrechtsverletzungen zu beteiligen. Dafür hat er aber auf aktiven Widerstand gegen das Regime verzichtet, ganz im Gegensatz zu seinem kleinen Bruder Jorge, Dozent und Gewerkschafter. Er mischt in der Opposition mit, Alzada versucht ihn immer wieder zu warnen, hat ihn auch das eine oder andere Mal herausgeboxt. Doch dann, in einer Nacht Anfang Dezember 1981, kommen sie seinen Bruder holen.

Zwei Ereignisse aus der jüngeren argentinischen Geschichte verbindet die Autorin Eloísa Díaz in ihrem Debütroman: Die Militärdiktatur Mitte der 1970er bis Anfang der 1980er Jahre mit dem Schicksal der Desaparecidos und die Argentinienkrise um die Jahrhundertwende, kulminierend Ende 2001. Díaz, als Tochter argentinischer Eltern, ist übrigens im Ausland geboren und aufgewachsen und hat ihren Roman in englischer Sprache verfasst.

Verbunden werden die Ereignisse in den Personen des Juaquín Alzada, Inspektor der Polizei, seiner Frau Paula (die eher im Hintergrund bleibt und doch merkt man an verschiedenen Stellen, dass sie die Familie in der Spur hält), und noch einer dritten Person: Sorolla, ihr Neffe, der bei den beiden aufgewachsen ist, nachdem seine Eltern 1981 verschleppt wurden. Die Autorin erzählt in Rückblenden von zwei Tagen aus dem Jahr 1981: Jorge Alzada seine Frau Adela werden von der Geheimpolizei aus ihrer Wohnung verschleppt und Juaquín versucht alles, um das Schicksal seines Bruders zu klären, wagt sich sogar (ein sehr beeindruckendes Kapitel) in das berüchtigte Foltergefängnis ESMA. Und doch muss sich Juaquín am Ende fragen, ob er alles getan hatte, um das Ganze zu verhindern. Zwanzig Jahre später ist scheinbar wieder eine ähnliche Situation eingetreten, die Menschenmassen demonstrieren gegen die Regierung, die Staatsgewalt schlägt zurück. Droht erneut eine Diktatur? Wie wird sich Juaquín, der sich schon innerlich auf die Rente vorbereitet hat, diesmal verhalten? Und was für einen Eindruck hinterlässt er bei seinem Ziehsohn Sorolla, der als junger Mann sich natürlich den Demonstranten anschließen will? Eloísa Díaz bleibt dabei fast ausschließlich bei der Perspektive von Juaquín Alzada, dessen Gedanken hier und da auch in kursiver Schrift einfließen. Die erzählte Zeit im Jahr 2001 beschränkt sich auf einen einzigen Tag, den 19.12.2001, Höhepunkt der Proteste des Cacerolazo gegen die Regierung de la Rúa.

So wird dieser Roman, der mit einem Kriminalfall begonnen hatte, immer mehr zu einer Familien- und Gesellschaftsstudie um die Fragen von Vergangenheitsbewältigung, um Haltung und Selbstachtung in Zeichen gesellschaftlicher Krisen und Umwälzungen. Dabei ist der Roman vor allem bei den Rückblicken ins Jahr 1981 packend. Allerdings wird der Krimiplot im Jahr 2001 dafür zum Ende hin ein wenig stiefmütterlich behandelt. Zudem will die Autorin hin und wieder dem Leser zu viel erklären. So überzeugt der Roman dann auch weniger in den genretypischen Teilen, sondern eher in der Beleuchtung der familiären Situation der Alzadas und in der Reflexion auf die gesamte Gesellschaft Argentiniens in Zeiten der Krise. Insofern ein interessanter und lesenswerter Roman mit leichten Abzügen in der B-Note.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

1981 | Erschienen am 02.06.2021 im Verlag Hoffmann & Campe
ISBN 978-3-455-01094-7
320 Seiten | 23,- €
Originaltitel: Repentance (Übersetzung aus dem Englischen von Mayela Gerhardt)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Nikos Milonás | Kretische Feindschaft

Nikos Milonás | Kretische Feindschaft

Wenn der Sommer vor der Tür steht, haben Urlaubskrimis bei deutschen Lesern Konjunktur. Sie bedienen Sehnsüchte. Sei es, weil die Handlung am zukünftigen Urlaubsziel verortet ist, oder man Erinnerungen an Gegenden zurückholen möchte, in denen man bereits schöne Urlaubstage verbracht hat. Mittlerweile deckt dieses Genre fast alle europäischen Urlaubsziele ab, in der Regel von deutschen Autoren unter jeweiligem landestypischen Pseudonym geschrieben. Ein cleverer Schachzug, soll dies doch suggerieren, dass hier jemand schreibt, der Land und Leute wie seine Westentasche kennt.

In diese Kategorie fällt auch Nikos Milonás, wobei dies das offene Pseudonym des Fernsehschaffenden Frank D. Müller ist. Dieser ist Kreta-Fan und schließt mit seinem Erstling Kretische Feindschaft eine Lücke, denn die griechische Insel war bisher ein weißer Fleck auf der Karte der Urlaubskrimis.

Ausgangspunkt der Handlung ist der vermisste Bürgermeister von Kolymbari. Und da die Polizei vor Ort offenbar weder willens noch in der Lage ist, sich angemessen und engagiert um den Fall zu kümmern, werden Michalis Charisteas und sein Kollege Koronaios (beide Mordkommission Chania) auf Anweisung des Gouverneurs mit dem Fall betraut. Der Vermisste wird gefunden, tot. Offenbar ist er mit seinem Auto von der Straße abgekommen und einen Abhang hinabgestürzt. Fall abgeschlossen, obwohl Michalis große Zweifel an der Version der Kollegen aus Kolymbari hat, weshalb er die Ermittlungen auf eigene Faust und entgegen jeder Anweisung weiterführt. Und schnell wird ihm klar, dass dieser Fall weitaus komplexer als angenommen ist und weit in die Vergangenheit reicht.

Keine Frage, die Story ist spannend und schlüssig aufgebaut, überrascht mit unvorhersehbaren Wendungen. Hier gibt es nichts zu meckern, auch wenn mir zum Ende hin die eine oder andere Erklärung/ Motivation nicht schlüssig erscheint und eher lapidar in einem Nebensatz oder gar nicht abgehandelt wird.

Die Personen haben Potenzial, wobei hier Michalis Kollege Koronaios wesentlich interessanter und mit mehr Konturen als dieser daherkommt. Die Love-Story zwischen Michalis und seiner deutschen Freundin Hannah ist unaufdringlich, hätte ich jetzt aber nicht unbedingt benötigt. Sie dient letztendlich nur dazu, die Gegensätze zwischen Kretern und Deutschen aufzuzeigen. Und damit habe ich meine Probleme, denn damit werden Vorurteile zementiert. Kretischer Schlendrian, Mauscheleien in Behörden, Vorteilnahme im Amt…und…und…und.

Chania und Umgebung als Handlungsorte, speziell die Nordküste, scheint mir nicht die beste Wahl, da dieser Teil der Insel mittlerweile viel von seinem Charme und seiner Ursprünglichkeit verloren hat. Was Kreta wirklich ausmacht, findet man eher in den abgelegenen Gegenden.

Der Autor arbeitet in seinen Beschreibungen mit sehr vielen Stereotypen, ganz so, wie der deutsche Urlauber sich die Insel und ihre Menschen vorstellt: der venezianische Hafen (zugegeben, der ist wunderschön), Meeresrauschen, Olivenhaine, wilden Thymian, Orangenbäume und, weil jeder Kreta-Urlauber zum Schluchtenwandern dorthin möchte, die Samaria. Die Kreter trinken jede Menge Frappé, Ellinikós und Raki und essen die köstlichen Gerichte ihrer Heimat (hier bekommt der deutsche Leser natürlich die Übersetzung geliefert) rauf und runter. Ein bisschen zu viel von allem, aber dennoch unterhaltsam mit guten Ansätzen.

Wie es scheint ist Kretische Feindschaft der Auftakt einer Reihe mit Michalis Charisteas, dessen Entwicklung, gerade wenn man Kreta kennt und liebt, im Auge behalten sollte. Luft nach oben ist allemal. Und vielleicht gibt es ja auch einmal einen Ausflug in die kretisch-deutsche Geschichte. Ein Verhältnis, das jede Menge Krimistoff bietet.

 

Wir bedanken uns für diese schöne Gastrezension und das Foto bei Elke Heid-Paulus. Weitere Rezensionen von Elke findet ihr auf ihrem Instagram-Account satzbehaelter.

Kretische Feindschaft | Erschienen am 17. April 2019 bei Scherz im Fischer Verlag
ISBN 978-3-651-02580-6
400 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Alexandra Kolb | Rindviehdämmerung

Alexandra Kolb | Rindviehdämmerung

Rindviehdämmerung, ein bayerischer „Heimatthriller“.

Schon die Eingangsszene macht klar, dass wir es hier weder mit einem Heimatroman, noch mit einem Thriller zu tun haben, das vom Verlag Edition Tingeltangel als Heimatthriller apostrophierte Buch „mit Akte X- und Twin Peaks-Touch, starken Charakteren, Witz und Verstand“ entpuppt sich schnell als schwer verdaulicher Mischmasch aus allen möglichen Genres der populären Unterhaltung, ein Durcheinander aus Kriminal- und Horror-Roman, Fantasy- und Geistergeschichte, Actionthriller, Heimat- und Familienroman. Frau Kolb glaubt offenbar „Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen“, und so macht sie einiges anders, aber nichts besser. Dabei versucht die Autorin wahlweise Spannung oder Gänsehaut zu erzeugen, zu schockieren oder zu rühren, cool zu sein oder auch komisch, aber das ist ein bisschen viel gewollt und wenig gekonnt, deshalb gelingt es nicht. Wenn man ohne Witz schreibt, wird es nicht komisch, und oberflächlicher Grusel löst keine Spannung aus, ebenso wie die immer gleichen Schock-Elemente auf die Dauer nicht mehr verstören, sondern nur noch verärgern.

Die „starken Charaktere“ sind in Wahrheit stark überzeichnet, und, ehrlich gesagt, lassen sie sowohl Witz als auch Verstand zum großen Teil vermissen. Mehr als zwanzig Figuren bedienen unterschiedlichste Klischees, da bleibt die eine oder andere naturgemäß recht blass. Die Hauptdarsteller hingegen fallen allesamt aus dem Rahmen, sind auffallend anders, haben Schrullen und Ticks, oder, wie Kathi sagt, „einen an der Waffel“. Kathi ist Bedienung im örtlichen Wirtshaus „Küchlein“, zu ihrer Mutter hat sie ein herzliches, aber etwas distanziertes Verhältnis. Sie sieht den missionarischen Eifer kritisch, mit dem „Tara“, wie sich Gertrud Mühlbauer nennt, nicht nur ihre Tochter zu einem besseren, vor allem gesünderen Leben bekehren will. Sie betreibt im Ort eine Bioladen, in dem sie auch allerlei esoterischen Krimskrams verhökert. So wie sie sind viele Figuren ausgesprochen plakativ gezeichnet. Das macht sie, obwohl gar nicht unsympathisch, zunehmend unglaubwürdig, unwirklich.Wohl hat man hat ein Bild, kann aber keine Beziehung aufbauen, dazu sind die Personen nicht echt genug. Ihr Verhalten bleibt häufig unbegreiflich, es passiert zu viel Unerklärliches, Unerklärtes. Sie sollen dem Leser näher gebracht werden, indem ständig ihre Gedanken und Vorstellungen vermittelt werden, der innere Monolog ersetzt in diesem Buch fast vollständig den Dialog. Leider, denn es ist tatsächlich oft mühsam, den zudem häufig abschweifenden Überlegungen zu folgen, weil sie den Fortgang des sich mühsam fortschleppenden Plots immer wieder hemmen.

Der beginnt mit einer beispielhaften Szene: Die Frau des „Brezn-Barons“ Bertram Bachinger kommt ums Leben, auf höchst seltsame, spektakuläre Weise. Der Leser erlebt ihren Tod hautnah mit, kann das Geschehen aber nicht deuten, ebenso wenig ihr Gatte, und auch die Polizei steht vor einem Rätsel. Daher gerät für kurze Zeit Kathi in ihr Blickfeld, hinter vorgehaltener Hand munkelt man auf dem Revier von Psychosen und schlimmer Kindheit. „Komplett durchgeknallt“, heißt es. Sie hörte schon als Kind Stimmen, sie unterhielt sich stundenlang mit allen Tieren und Pflanzen, und sie sah… Dinge. Es begann, als sich ihre Eltern trennten, zu ihrem Vater hat sie seither keinen Kontakt. Der ist geistiger Führer einer Sektenkommune und nennt sich „Shiva Sonnensohn“, als Kind stand Kathi unter seinem unheilvollen Einfluss. Als Folge ihres Aufenthaltes bei den „Sonnenjüngern“ leidet sie an einer Borderline-Störung. Und zwar mit sämtlichen bekannten Symptomen, da lässt Frau Kolb kaum etwas aus. Kathi hat wiederholt versucht, sich umzubringen, hat sich eine Zeit lang geritzt, leidet unter Depressionen und Wahnvorstellungen. Viele Jahre lang war sie in verschiedenen Kliniken, dank der Behandlungen und hochdosierter Medikamente waren die Stimmen leiser geworden, die ihr befahlen, sich zu töten. Schließlich glaubte sie, geheilt zu sein, aber nun sind die Stimmen wieder da. Als ihr Auto streikt und sie in der Dunkelheit querfeldein nach Hause laufen muss, wird sie von einer Kuh angesprochen. Kathi bekommt Angst.

Am nächsten Morgen stehen Polizisten vor ihrer Wohnung beim fiesen Vermieter-Ehepaar Mollinger. Sie ermitteln im Fall der toten Frau Bachinger, an deren Anwesen ist Kathi Kathi auf ihrem nächtlichen Heimweg vorbei gelaufen. Sie ist empört über die Nachfragen der Ermittler, ihr Freund Joshi, ein schwuler Punk, ist hingegen entzückt von Andreas Doldinger, einem Kommissar aus Darmstadt, der die hiesige Dienststelle seit neuestem verstärkt. Andi hat eine etwas spleenige Herangehensweise an seine Ermittlungen: Er sucht die „Seele“ des Tatorts und meint damit ein diffuses Gefühl, das er bekommt, wenn er einen unbekannten Raum betritt, eine Mischung aus der „Energie“ und dem Geruch darin. Gesichter offenbaren ihm, was sich zum Tatzeitpunkt zutrug. Seltsam genug. Ansonsten ist er bemüht, ruhig und professionell zu arbeiten, aber in der Villa des Brezn-Barons:

Ein Schritt in den Raum, und dieser begann sich zu drehen. Mittig lag die Tote in grotesk verrenkter Haltung, so wie sie in ihren letzten Lebenssekunden gekämpft hatte. Die Gegner waren überall. Klein und gemein, von Rache beseelt und mit der Absicht, ihr kein leichtes und schnelles Ableben zu gönnen. Er konnte es beinahe sehen… Die Szenerie floss in ihn hinein, erklärte sich ihm auf eine Art, die er verstand, aber nicht erklären konnte. Angst, Zorn, Trauer, Rache… Ein Mord aus Rache. Sühne! (Zitat)

Die kursiv gesetzten Passagen geben die Gedanken der Handelnden wieder, wird es laut oder besonders emotional, kommen Majuskeln zum Einsatz. Und beides ist ständig der Fall, denn es wird sehr viel geschrien, gekreischt, gequiekt, auch in Gedanken, denn es herrscht ständig eine Atmosphäre von Angst und Schrecken, von Grauen und Terror. Die wird hervorgerufen durch das Auftauchen von allerlei Monstern und Ungeheuern, von Untoten und Wiedergängern, plötzlich haben auch einige Personen aus Kathis Umfeld seltsame Erscheinungen, geraten in Panik vor Furcht einflößenden Gestalten, sehen Tiere, die tot sind und nicht tot, wilde Tiere aus dem Wald, wie sie in der Hütte von Kathis Großmutter präpariert an der Wand hängen oder ausgestopft auf den Vitrinen standen, Trophäen des Großvaters, eines passionierten Jägers.

Lore Mühlbauer lebt in ihrer Forsthütte mit der alternden Schäferhündin Frau Schmitt, liebevoll „Schmidi“ genannt. Mit dem Tierarzt Valentin Müller hat sie schon seit Jahren eine heimliche Beziehung. Ebenso lange veranstaltet sie für Leichtgläubige rituellen Hokuspokus wie Liebeszauber, blickt in die Zukunft, legt die Karten, dazu präsentiert sie eine Menge Räucherstäbchen und angeblich magische Gegenstände. Auch Oberkommissar Gustl Schallhuber, Andis Vorgesetzter, holt sich, um seine Fälle zu klären, heimlich Rat bei ihr. Als eine Bekannte sie schließlich drängt, Verbindung mit dem Jenseits aufzunehmen, um in Kontakt mit ihrem verstorbenen Dackel Erwin zu treten, erweisen sich die Folgen ihres Rituals als fatal!

Frau Schmitt bemerkt als erste die beunruhigenden Veränderungen. Wer immer schon wissen wollte, wie Tiere denken und fühlen, bei Alexandra Kolb erfahren wir es. Ganz genau können wir miterleben, wie die liebenswerte Schäferhündin in den unheilvollen Strudel von Hexerei, schwarzer Magie und ihren bösen Ergebnissen hineingezogen wird, weil sie uns ihre sämtlichen Gedanken, Überlegungen und, ja, Gefühle mitteilt. Auch Anne Bonny, mit der Kathi sich jetzt öfter unterhält, ist im Bilde. Ihren Namen hat sie nach der legendären Piratin. Als einzige scheint sie besonnen und reflektiert, während alle anderen zunehmend hektisch und hysterisch reagieren.

Sind das lediglich Hirngespinste, bilden sich all diese mündigen Personen die beunruhigenden Phänomene nur ein oder geschieht hier etwas übersinnliches, ist wirklich Hexerei im Spiel? Ist der Leser zunächst ratlos, im Unklaren darüber, was nun Wirklichkeit ist und was Illusion, so scheint bald klar zu sein, dass ein Plan hinter den mysteriösen Vorkommnissen steckt, eine böse Absicht: Andi ist offenbar auf der richtigen Spur, denn dass die Ermittler im Fall Bachinger mangels anderer Erklärung offiziell von einem Unfall mit Todesfolge ausgehen, erweist sich als vorschneller Schluss. In schneller Folge gibt es eine Reihe von Todesfällen, die wie Unfälle aussehen, aber es sieht auch so aus, als habe da jemand nachgeholfen mit dem Ziel, Rache zu nehmen an Menschen, die in der Vergangenheit Schuld auf sich geladen haben. Was folgt, kann man ahnen: Immer mehr Schock-Momente, immer krassere Effekte, immer dicker aufgetragen, einfach „drüber“ und deshalb wenig wahrhaftig oder wirklich. Auch die ständig neuen „Rätsel“ sind dem Leser gar nicht mehr so rätselhaft, nach und nach ist das Strickmuster klar, der immer gleiche Horror wird allmählich durchschaut, auch wenn die reichlich wirren Gedankengänge der Protagonisten, häufig bruchstückhaft, oft auch abschweifend und irreführend, den Leser eigentlich in Atem halten sollen. Tatsächlich ist diese Erzählweise aber nicht geeignet, die Spannung hoch zu halten, sondern zeugt nur von Schwächen bei der Konstruktion der Geschichte.

Dabei ist die auf ihre Art sogar recht plausibel, ja, man darf sagen stringent, wenn man sich denn einlässt auf den bizarren Ansatz der Autorin, wenn man die schaurigen Kreaturen, die Dämonen, Untoten und Wiedergänger, wenn man den ganzen haarsträubenden Unsinn annimmt, dann wird man finden, dass der Plot tatsächlich Hand und Fuß hat, in sich schlüssig ist, vollkommen logisch, wenn nicht der ganze Hokuspokus immer wieder unbegründet, unmotiviert, vor allem uninspiriert stattfände, lediglich als billiger Effekt. Man kann einfach nicht glauben, was da passiert, oder besser, man kann es nicht ernst nehmen! Wäre all das wirklich unwirklich, unheimlich, könnte die Geschichte funktionieren, aber so will sich der Grusel nicht einstellen, die Schreckensbilder und Horror-Szenen wirken unfreiwillig komisch. Vielleicht hätten sie mit einem kleinen Augenzwinkern besser funktioniert, aber die Autorin nimmt ihre Gruselgestalten ernst, sie will offenbar wirklich erschrecken, nur gelingt ihr das mit derart überzogenen und gleichzeitig sich wiederholenden und abnutzenden Effekten nicht. Dazu bleibt die Erzählung zu sehr an der Oberfläche, zu wenig subtil und nuanciert, nicht hintergründig genug, zu eindimensional und monothematisch.

Immerhin ist der schwer verdauliche Stoff gut lesbar, dafür sorgt ein sehr einfacher, unprätentiöser Stil, man könnte auch sagen, die Ausdrucksweise ist sprachlich einigermaßen dürftig, bieder, mitunter ungewandt, manchmal aber auch mit Bildern, die im Bemühen um den besonders originellen Eindruck über das Ziel hinausschießen und so ungewollt für Heiterkeit sorgen. Die folgenden Zitate mögen stellvertretend als Beispiel für manch ähnliche Entgleisung dienen:

Kurz nachdem sie in den Wald getreten war, beschränkte sich die Sicht bereits auf schwach flackernde Flecken, der Rest bestand aus Schatten und Baumstämmen, die wie finstere Säulen einer Kathedrale des Bösen wirkten, ansonsten herrschte Finsternis.

Gleich einem bösen Karussell kam Kathi der Gedanke wieder und wieder. Bei jeder Wiederholung wurde er lauter und gemeiner.

Vor ihren Augen flimmerte es und in ihren Ohren rauschte es, als ob sie sich inmitten eines Orkans befand. Sie blickte um sich und fühlte die Hoffnungslosigkeit in sich wachsen.

Kathi fühlte, wie sie taumelte. Die Beine gaben nach, das Summen in den Ohren nahm zu und die Welt begann sich zu drehen. Etwas in ihr tat sich auf und brach entzwei.

Während Andi sie voran zog, senkte sich ein bleischwerer Schleier über Kathi. Gleichzeitig öffnete sich etwas in ihr und gab das Erkennen frei auf Dinge, die sie noch mehr ängstigten als sprechende Kühe.

Gleich abertausenden von Wespen brach in einem einzigen großen Schwarm die Erkenntnis hervor, während sich in ihrem Kopf in einem immer wieder kehrenden Echo die Worte wiederholten.

Hier befinden wir uns also bereits in der entscheidenden Schlacht unserer wackeren Helden gegen die Mächte der Finsternis. Gut, dass Andi mittlerweile sein Herz für Kathi und ihre schräge Familie entdeckt hat und sich mächtig ins Zeug legt, um sie zu schützen. Jetzt endlich kommt eine gewisse Spannung auf , auch wenn die verzweifelten Versuche, sich der Attacken der Monster zu erwehren, reichlich ausführlich und reißerisch in Szene gesetzt werden. Zum Thriller wird der Roman deshalb noch lange nicht, dazu wird der grundlegende Konflikt zu vordergründig abgehandelt, eine subtilere Darstellung wäre hier ein Gewinn. Schade, so wurde eine eigentlich interessante Idee verschenkt, weil nicht gut umgesetzt. Aber das kann ja noch werden, eine Fortsetzung scheint nach dem offenen Ende der Rindviehdämmerung jedenfalls möglich, der Albtraum ist offenbar noch nicht zu Ende.

Ich bin sicher, dass nicht wenige Leser sich für diese etwas andere Idee von Krimi begeistern können und auf den nächsten „Heimatthriller“ von Alexandra Kolb warten. Ich kann allerdings wenig anfangen mit diesem merkwürdigen Entwurf. Für den Rinderwahn deshalb von mir lediglich 2 Sterne.

 

Rezension und Foto von Kurt Schäfer.

Rindviehdämmerung | Erschienen am 3. Juli 2018 im Verlag Edition Tingeltangel
ISBN 978-3-944936-28-4
324 Seiten | 14.90 Euro
Bibliografische Angaben, Leseprobe & Buchtrailer