Nils Westerboer | Athos 2643

Nils Westerboer | Athos 2643

Neben dem Krimigenre gehört Science Fiction sicherlich ebenfalls zu den unterschätzten Gattungen der Literatur. Denn oftmals steckt in vermeintlichen Genrewerken so viel mehr drin. Während der literarische Krimi sich gerne mit handfesten sozialen, gesellschaftlichen und politischen Themen auseinandersetzt, probiert es Science Fiction oft mit den großen Themen der Philosophie, Ethik oder sogar Theologie. Genau diesen Ansatz wählt auch Nils Westerboer in seinem Roman „Athos 2643“.

Aber zunächst zur Ausgangslage. Wir schreiben das Jahr 2643. Die Menschheit war irgendwann im ausgehenden 21.Jahrhundert aufgrund einer Pandemie gezwungen, die Erde zu verlassen. Wenige überlebten das „Nadelöhr“, den Sprung zum Mond und von dort aus weiter ins ganze Sonnensystem. Mit Hilfe des großflächigen Einsatzes künstlicher Intelligenzen bis hin zum humanoider Chimären (die allerdings aufgrund eines Terrorangriffs vor mehr als 200 Jahren deaktiviert wurden) hat der Mensch den lebensfeindlichen Weltraum erschließen können. Über den Status der zum Einsatz kommenden Intelligenzen und die Funktionseinstufung der menschlichen Bewohner wacht das Kollektiv der sogenannten „Obhut“. Die KI haben grundsätzlich zwei Funktionsstufen: In der Stufe „util“ handelt die KI im Sinne des größstmöglichen Nutzens des von ihr zu betreuenden Habitats, was allerdings Kollateralschäden für einzelne Personen nicht aussschließt. In der Stufe „deon“ handelt die KI streng ethisch für jeden Einzelnen.

Auf „Athos“, einem kleinen felsigen Objekt in der Umlaufbahn des Neptun, ehemals als Mine erschlossen, aber lange aufgegeben, befindet sich ein Kloster einer christlichen Gemeinschaft mit lediglich acht Bewohnern. Angeschlossen ist zudem eine Fleischfabrik (der Begriff ist wörtlich zu nehmen, Nutztiere wurden zur Fleischproduktion optimiert und ohne nicht benötigte Körperteile gehalten), in der sich ein Todesfall ereignet hat. Ein Mönch wurde von einer Schlachterdrohne getötet. Ein Vorfall, der mit einer funktionierenden KI, die die ganze Station auf Athos steuert, nicht hätte vorkommen sollen. Zur Prüfung und Neueinstellung der KI wird Rüd Kartheiser geschickt. Er ist Inquisitor und soll die KI mit Hilfe von Konversationstechniken von „util“ auf „deon“ einstellen. Mit dabei als Partner hat Rüd die holografische KI Zack. Zack erscheint als attraktive Frau, was Rüd auch ausnutzt, und was im Kloster einige ziemlich irritiert. Rüd trifft auf relativ geringe Unterstützung sowohl bei den Mönchen als auch bei der KI des Klosters, MARFA. Je länger er auf Athos verweilt, umso mehr stellt Rüd fest, dass irgendein tieferes Geheimis die Gemeinschaft und ihre KI umgibt. Um seinen Auftrag erfüllen zu können, ist Rüd schließlich bereit, entscheidende Anweisungen der Obhut zu missachten und Zack einen weiterreichenden Status freizuschalten.

„Wem vertrauen Sie eigentlich mehr?“, fragt Rüd kopfschüttelnd. „Ihrer MARFA oder dem lieben Gott?“
Gembdenbach hebt die Hände, als sei Rüd ein unbelehrbares Kind, an das jede Mühe verschwindet ist.
Uri springt für ihn ein. „Das – Oder – ist – falsch“, piepst er. (Auszug S. 195)

Der Weltraum ist als Setting bei mir eher unterrepräsentiert. Vielleicht zu Unrecht, denn das Genre bietet so viel mehr als Space Operas. „Athos 2643“ lässt nach dem Klappentext dann auch eher einen Krimi vermuten. Der Schauplatz in einem Mönchskloster auf einem Neptunmond, zwei Ermittler kommen hinzu, die Klostergemeinschaft hat etwas zu verbergen – da wurden bei mir gewisse Assoziationen mit „Der Name der Rose“ geweckt. Und das nicht ganz zu Unrecht, denn die Kriminalhandlung tritt teilweise deutlich in den Hintergrund, denn auf diesem menschlichen Außenposten werden wichtige Fragen der Philosophie, Ethik und Theologie aufgeworfen und behandelt. Kein Wunder, ist Autor Nils Westerboer doch auch studierter Theologe. In meinen laienhaften Worten zusammengefasst, dreht sich vieles um Descartes berühmten Ausspruch: „Cogito ergo sum.“ Nur diesmal als Frage formuliert. Inwieweit können künstliche Intelligenzen „sein“? Was unterscheidet sie noch von echten Menschen und wird dies überwunden?

Vergessen als Fähigkeit.
Ich begreife jetzt: Entscheiden braucht Vergessen. Solange ich alles weiß, was ich wissen kann, sind meine Entscheidungen keine Entscheidungen, sondern Folgerungen. Kann ich vergessen, tappe ich, wie die Menschen in einer Dämmerung zwischen hell und dunkel, stochere in teils klaren, teils vagen Erinnerungen, wäre gezwungen, zu wägen, zu ermessen, müsste, könnte entscheiden.
Entscheiden braucht Vergessen.
Echtes Vergessen. (Auszug S. 363)

Oben hatte ich formuliert, dass die Krimihandlung in den Hintergrund rückt. Dadurch kam es für mich zwischendurch auch zu etwas langatmigen Passagen, aber zum Glück behält Westerboer einen Spannungsbogen, der zum Schluss nochmal in Form eines Thrillers anzieht. Besonderen Reiz gewinnt der Roman durch die Erzählperspektive: Die KI Zack führt als Ich-Erzähler*in durch die Handlung. Zack macht während des Romans eine Entwicklung durch, man könnte darüber streiten, ob ihre Erzählstimme dem immer angemessen ist. Insgesamt konnte mich „Athos 2643“ aber doch überzeugen. Ein hintergründiger Science-Fiction-Spannungsroman, bei dem man manche Passage erstmal sacken lassen muss – aber das muss ja auch bei Spannungsliteratur kein Nachteil sein.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Athos 2643 | Erschienen am 19.02.2022 bei Hobbit Presse im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-98494-1
432 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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