Kategorie: historischer Krimi

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Als er am nächsten Morgen auf sein Büro zuging und eine Frau dort sitzen sah, hoffte er, sie würde vor dem Nebenzimmer sitzen, hoffte, dass man sie dort platziert hatte, bei den Kollegen, die irgendeinen anderen Mordfall bearbeiteten. Die Perspektive konnte täuschen, dachte er, obwohl er in Wahrheit wusste, dass sie vor seinem Zimmer saß, und je näher er kam, desto klarer wurde, dass sie in den richtigen Jahren war, um Mutter von einem der Opfer zu sein, exakt die Zielgruppe, Mutter eines fünfzehn- bis zwanzigjährigen Jungen. (Auszug Seite 59)

Mitte 1923 wechselt Kriminalkommissar Robert Lahnstein zur Polizei nach Hannover und wird leitender Ermittler im Fall verschwundener Jungen und junger Männer. Von Februar bis Oktober 1923 sind zehn Jungen verschwunden. Die Vermissten stammen zumeist aus den unteren sozialen Schichten. Leichen wurden nicht gefunden, oftmals reißen junge Leute in diesen Zeiten auch einfach aus. Dennoch glaubt zunehmend auch die Polizei, dass ihnen etwas zugestoßen ist. Gerüchte um einen Serienmörder machen die Runde. Schließlich werden auch Leichenteile in der Leine gefunden. Langsam gerät ein Mann in den Mittelpunkt der Verdächtigungen: Fritz Haarmann.

Doch dies sehen längst nicht alle so. Haarmann hat Kontakte zur Polizei, ist Tippgeber, Spitzel. Viele halten den geistig etwas zurückgebliebenen Mann für harmlos. Haarmann verdient sich als Händler von Gebrauchtkleidung und auch für Fleisch aus illegalen Schlachtungen. Er ist bekannt in der Homosexuellen-Szene. Man weiß, dass er öfters mal jungen Männern Obdach bietet. Ein wenig merkwürdig ist er ja schon, aber in den ärmlichen und beengten Verhältnissen der Hannoveraner Altstadt will keiner so richtig wissen, was genau der andere macht. Die Stimmung wird zunehmend schlechter, als weitere Jungen verschwinden. Die Polizei und vor allem Lahnstein geraten unter Druck. Ein Ermittlungserfolg wird erwartet. Lahnstein verbeißt sich zunehmends in den Fall, und versteift sich auf Haarmann als potenziellen Täter. Doch noch kann er ihm nichts beweisen.

Der Fall „Fritz Haarmann“ dürfte einer der bekannsten Kriminalfälle Deutschlands sein und Haarmann selbst einer der bekanntesten Serienmörder. Mindestens 24 Jungen und junge Männer soll Haarmann zwischen 1918 und 1924 getötet haben, er selbst gab nur neun Taten zu, weitere Opfer sind möglich. Im Dezember 1924 wurde Haarmann zum Tode verurteilt, das Urteil wurde im April 1925 vollstreckt. Die Umstände seines Geständnisses sind umstritten.

Während und nach Haarmanns Prozess machte der Schriftsteller und Philosoph Theodor Lessing auf die zweifelhafte Rolle der Polizei aufmerksam – er hat auch in diesem Roman einen Auftritt. Spätestens mit dem berühmten Haarmann-Lied („Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir…“) wurde Haarmann endgültig zu einer (pop-)kulturellen Figur. Autor Dirk Kurbjuweit, bekannt als Journalist beim Spiegel und der Zeit, greift die wichtigsten Fakten auf, zitiert aus Gutachten und Urteil, aber er verarbeitet dies nicht zu einem True Crime-Roman, sondern hat mit Robert Lahnstein einen fiktiven Ermittler als Protagonisten installiert, der nichts mit den damaligen tatsächlichen Ermittlern zu tun hat.

Nur ein Zimmer, ein schmutziges Bett, dunkle Flecken auf den Bodendielen, helle Flecken an den Wänden. Eine Küchenzeile, ein kleiner Tisch, Dachschrägen. Der Mann hatte die Tür abgesperrt, hier müsse man aufpassen, Hannover sei ein unsicheres Pflaster, hatte er dabei gesagt. Er stellte eine Flasche Schnaps auf den Tisch. Der Junge überlegte, wie er abhauen könne, aber der Schlüssel steckte, und so schnell würde er die Tür nicht eintreten können. Aber eigentlich war der Mann ja nett, und ein bisschen aufregend war das hier auch. (Seite 199)

Obwohl zumeist aus der Sicht der Kommissars Lahnstein geschildert, wechselt der Autor auch hin und wieder die Perspektive und erzählt aus dem Blickwinkel eines Jungen oder auch von Haarmann selbst. Eine eklige Schilderung von Leichenzerstückelung inklusive. Doch Lahnstein bleibt die Hauptfigur in diesem Roman, über ihn gelingt hauptsächlich die Beschreibung der Schauplätze, der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Kurbjuweit greift dabei tief in die Vergangenheit des Kommissars, der als Pilot im ersten Weltkrieg eingesetzt war, aber rasch in Kriegsgefangenschaft geriet. Seine Frau und seine junge Tochter hat er nach dem Krieg nicht mehr wiedergesehen, warum bleibt lange offen. Im Bochumer Polizeirevier war er nicht mehr tragbar, weil er von den französischen Besatzern Klarheit im Falle des Todes seiner Mutter forderte, die als Unbeteiligte bei einem Schusswechsel ums Leben kam. In Hannover bleibt er im Präsidium isoliert, als bekennender Sozialdemokrat ist er mit den anderen Kollegen, die der Republik kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, nicht gut gelitten. Besonders mit seinem reaktionären Kollegen Müller, der vor ihm leitender Ermittler in diesem Fall war, verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Doch Dirk Kurbjuweit als renommierter Journalist will hier auch die politische Ebene bedienen. Themen wie Nichtdemokraten im Staatsdienst, Beeinflussung eines Geständnisses mit unlauteren oder gar illegalen Methoden sind Fragestellungen, die heute natürlich ebenfalls relevant sind. Doch gerade in der Darstellung der politischen Themen überzeugt mich der Autor manchmal nicht. Zu sehr gewollt gerät dies manchmal, zu viele Thematiken werden aufgemacht. Am ungeschicktesten empfand ich beim Lesen die Passagen, in denen Lahnstein beim Polizeipräsidenten auf den Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Gustav Noske, trifft. Der Sozialdemokrat Noske war selbst in der eigenen Partei höchst umstritten, hat er sich doch als Reichswehrminister im Frühjahr 1919 zur Verteidigung der Republik vor kommunistischen Revolutionären Freikorpslern und anderer reaktionärer Kräfte bedient, was ihm viele Linke nie verziehen haben. Noske erklärt sich und den Zustand der Republik sehr umständlich und unauthentisch. Schließlich zieht er noch eine Verbindung zwischen einem Ermittlungserfolg im Fall Haarmann und der Zustimmung der Bevölkerung zur Republik. Das wirkt auf mich alles ein wenig zu hoch aufgehängt.

Kurbjuweit schreibt verknappt, stakkatohaft, kurze Sätze, Aufzählungen; eher nüchterner Stil trotz aller Dramatik drumherum. Insgesamt ist Haarmann solide geschrieben, aber man wird das Gefühl nicht los, dass der Roman ein wenig zu kalkuliert ist. Ein bisschen Historie, ein bisschen Grauen, ein bisschen Politik, ein bisschen Moraldebatte. Abgehakt. Aber so richtig berührt einen das wenig. So bleibt das Fazit: Potenzial verschenkt.

 

Rezension von Gunnar Wolters.

Haarmann | Erschienen am 17. Februar 2020 im Penguin Verlag
ISBN 987-3-328-60084-8;
318 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Angelika Felenda | Wintergewitter Bd. 2

Angelika Felenda | Wintergewitter Bd. 2

Reitmeyers zweiter Fall

„War sie denn früher schon einmal hier?„, fragte Reitmeyer. Der Kellner zuckte die Achseln. „Kann sein. Mit so andere Flitscherln vielleicht. Die kommen manchmal vom Kolosseum rüber. Aber sicher bin ich mir nicht.“ „Wieso ‚Flitscherln‘?“ „Ja, vom Konvent der Unbefleckten Jungfrau war die nicht. So wie die ausgesehen und gesoffen hat.“ „Es kann sich nur um einen tragischen Unfall handeln, Herr Kommissär“, fiel der Wirt dem Kellner ins Wort und funkelte seinen Angestellten an. „Was wir natürlich sehr bedauern.“ (Auszug Seiten 32 und 33)

Wintergewitter ist der zweite Kriminalroman um den Münchner Kommissär Sebastian Reitmeyer. Der erste Teil Der eiserne Sommer spielte in 1914. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, der erste Weltkrieg ist vorbei und wie in ganz Deutschland leiden auch in München die Menschen unter einer katastrophalen Versorgungslage bei einer immer größer werdenden Inflation. Aufgrund des großen Nahrungs- und Wohnungsmangel blüht der Schwarzmarkt und aufgrund der hohen Beschaffungskriminalität hat die Polizei mehr als genug zu tun. Stichwort: „Diebesseuche“.

Tod im Schauspielermilieu

Allerdings boomt das Filmgeschäft und viele Frauen wittern ihre Chance und wollen auf die große Leinwand. So auch die junge Cäcilie Ortlieb, die jetzt im Roten Adler tot am Fuße der steilen Kellertreppe liegt. Sie ist aber nicht, wie zuerst vermutet, gestürzt und an einem Genickbruch verstorben. Laut Gerichtsmedizin wurde Cilly Ortlieb mit einer Überdosis Heroin oder Morphium vergiftet. Wenig später stirbt eine enge Freundin von Cilly unter ähnlichen Umständen. Beide arbeiteten in dubiosen Produktionen des Münchner Filmkonzerns Emelka. Kommissar Reitmeyers Ermittlungen führen ihn in illegale Spielclubs, Bars und Bordelle und bis in die höchsten Kreise. Auch ohne Unterstützung seiner Vorgesetzten, die alles tun, um einen Sündenbock zu installieren.

In einem zweiten Handlungsstrang sucht Gerti Blumfeld, eine junge Frau aus Berlin in München nach ihrer verschwundenen Schwester. Sie gibt vor, an einer Dissertation über Prostituierte zu schreiben um sich besser im einschlägigen Milieu umsehen zu können. Dabei kreuzen sich mehrmals die Wege des Kommissärs und Gerti. Da sie nicht weiß, ob sie ihm trauen kann, hält sie Informationen zurück. Als sie in den Besitz einer Mappe mit brisantem Inhalt kommt, begibt sie sich in Lebensgefahr.

Stimmiges Sittengemälde

Angelika Felender, die u.a. Geschichte studiert hat, zeigt uns hier ein stimmiges Bild der Gesellschaft um 1920. Geschichtliche Aspekte werden geschickt mit der Handlung verknüpft, die Thematik mit Kleinkriminellen, Neureichen und schlüpfrigen Filmproduktionen ist gelungen und so entsteht eine dichte und lebendige Atmosphäre. Die politische Situation spielt eine große Rolle und Felenda hat sich intensiv damit auseinandergesetzt. Die Bevölkerung leidet unter den hohen Auflagen der Siegermächte, die Rationierungen werden als ungerecht empfunden und es entsteht eine wütende, aufgeheizte Stimmung. Diese bildet den Nährboden für eine stark rechtspopulistische neue Politikrichtung und auf politischen Treffen begibt sich ein neuer Festredner in Stellung: Adolf Hitler. Die zunehmende Gewaltbereitschaft zeigt sich auch in rechten Gruppierungen wie zum Beispiel die Einwohnerwehr, in der ehemalige Soldaten Aufnahme finden, die jetzt neben der Polizei für Ordnung sorgen wollen und das Gesetz oft in die eigene Hand nehmen.

Dafür fehlte es der Kriminalgeschichte irgendwie an Zugkraft und die grundsolide Polizeiarbeit blieb oft im Ansatz stecken und führte zu nichts. Für mich gab es einige Ungereimtheiten, so zum Beispiel die ganze Passage, in der Gerti Unterschlupf bei Caroline, einer Jugendfreundin von Reitmeyer findet und die beiden sich da zufällig wieder sehen. Die Handlungsstränge waren teilweise verwirrend und aufgrund einer großen Anzahl an Figuren bedarf es einer großen Konzentration. Im letzten Viertel wird noch mal an der Spannungsschraube gedreht und die Auflösung am Schluss hat mich dann auch nicht richtig überzeugt.

Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet, hätten an der einen oder anderen Stelle noch etwas Tiefe gebrauchen können. So ist Reitmeyer der sympathische, stets besonnene und korrekte Polizist. Der Fahrradfahrer versucht immer im Rahmen seiner Möglichkeiten für Gerechtigkeit zu sorgen. Auch an ihm ist der Fronteinsatz nicht spurlos vorbei gegangen. Er leidet unter Panikattacken, die er zu verbergen sucht. Das hätte man noch vertiefen können, es hätte ihm noch Ecken und Kanten verliehen.

Wie gehetzt lief Reitmeyer den Gang entlang und mit ein paar Sätzen die Treppe hinauf. Erst vor dem Haus wagte er, wieder tief durchzuatmen. Der faulig modrige Geruch in der Kellerwohnung, der Mief aus altem Bettzeug, Windeln und aufgewärmtem Kohl hatte ihm fast die Luft abgeschnürt. Am liebsten hätte er sich geschüttelt wie ein Hund nach einem Regenguss. So mussten diese Leute leben. Es war menschenunwürdig. Aber sie waren nicht die Einzigen. Es herrschte verheerende Wohnungsnot. (Seite 17)

Korbinian Rattler ist der pfiffige, etwas übereifrige Polizeischüler, der die älteren Kollegen mit unkonventionellen Ermittlungsmethoden nervt. Er leidet unter Lungenproblemen aufgrund von Gasverletzungen im Krieg. Die sprunghafte Gerti war für mich nicht richtig greifbar. Skrupellos spielt sie Reitmeyer gegen seinen besten Freund Sepp, einen Rechtsanwalt, aus.

Besonders informativ fand ich, einiges über den Sonderstatus Bayerns in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg zu erfahren, wie auch am Ende des Buches noch mal in den Anmerkungen der Autorin erklärt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wintergewitter | Erschien am 29. Oktober 2016 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-671-90
438 Seiten | 14.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum 1. Band der Reihe Der eiserne Sommer

Abgehakt | März 2020

Abgehakt | März 2020

Unsere Kurzrezensionen zum Qartalsende 1/2020

 

Alan Parks | Tod im Februar Bd. 2

Detective Harry McCoy wird zu einem blutigen Tatort auf dem Dach eines Hochhaus-Rohbaus gerufen. Dort wurde ein junger Mann abgeschlachtet, zusätzlich eine Nachricht in seine Brust geritzt. Der Mann war Spieler bei Celtic Glasgow – und mit Elaine Scooby verlobt, Tochter eines lokalen Gangsterbosses. Schnell ist ein Verdächtiger gefunden: Ein ehemaliger Mitarbeiter Scoobys und angeblich ein verschmähter Verehrer der Tochter. Doch als weitere Morde geschehen und ein Kampf in der Glasgower Unterwelt beginnt, dämmert es McCoy, dass noch einiges mehr dahintersteckt.

Tod im Februar ist der zweite Teil der Reihe um den Glasgower Polizisten Harry McCoy und spielt nur wenige Wochen später als Teil 1 Blutiger Januar im Februar 1973. Es gibt Wiedersehen mit Harrys Kollegen Wattie, seinem väterlichen Vorgesetzten Murray und Cooper, ebenfalls Gangsterboss und Harrys Freund aus Tagen im Kinderheim. Die Atmosphäre ist wiederum düster, das Setting in Glasgow in den 70ern ist rau und schmuddelig, voller Drogen und Alkohol. Während des Falles kommt zudem Harrys und Coopers traurige Vergangenheit wieder hoch, die sie nie ganz hinter sich lassen können und die auch ihre Handlungen in der Gegenwart beeinflussen. Harry ist ein waschechter hardboiled Cop, empathisch für die Gebeutelten, grimmig gegenüber den Bösen. Seine Beziehung zu Cooper ist als Cop natürlich hochproblematisch. Und diesmal wandelt Harry nicht nur auf der Grenze zwischen hell und dunkel, diesmal wird er sie auch überschreiten.

Insgesamt ein wirklich guter, souverän erzählter, hartgesottener Krimi mit einem sehr gelungenen Schauplatz. Hoffentlich hält die Qualität der Reihe an.

 

Tod im Februar, erschienen am 28. Oktober 2019 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-27198-2
432 Seiten | 16.- Euro
Originaltitel: February’s Son
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Noir/ Hardboiled
Wertung: 4.0 von 5.0

Auch bei uns: Rezension zum 1. Teil der Reihe Blutiger Januar

 

Oliver Buslau | Feuer im Elysium

Wien im April/Mai 1824: Die Stadt fiebert der Aufführung der neuesten, der neunten Sinfonie vom alten Meister Ludwig van Beethoven entgegen. Lange Zeit hat man von ihm nichts mehr gehört, doch das neue Werk soll etwas ganz besonderes sein. Geradezu revolutionär. Ein Wort, dass man in Wien in diesen Tagen nicht gerne hört. Und so ist vielen Reaktionären in Adel und Beamtenschaft die Uraufführung ein Dorn im Auge. In diesen Tagen kommt der junge Sebastian Reiser in die Stadt. Er sollte die Schlossverwaltung des Edlen von Sonnberg übernehmen und später vielleicht die Tochter des Hauses heiraten. Doch nach dem Unfalltod des Edlen wurde er vom Erben des Schlosses verwiesen und muss in Wien neu anfangen. Dort trifft er auf seinen alten Musiklehrer, Teilnehmer des Premierenorchesters, und einen alten Studienfreund in Diensten der Staatsmacht, der ihn als Spitzel anheuert. Reiser soll sich in die Orchestergruppe der Uraufführung einschleusen und Umstürzler und Revolutionäre denunzieren. Doch Reiser wird von der Kraft von Beethovens Symphonie mitgerissen und befindet sich längst – zunächst ohne es zu ahnen – in der Mitte einer großen Verschwörung.

Ludwig van Beethovens Geburtsjahr jährt sich in diesem Jahr zum 250. Mal. Zeit für eine große kulturelle Vermarktung des Komponisten. Warum dann nicht auch ein Beethoven-Krimi/Thriller? Für Autor Oliver Buslau, Musikjournalist, Amateurmusiker und Krimiautor (mehrere im Umfeld klassischer Musik), lag das förmlich auf der Hand. Am überzeugendsten ist dieser historische Thriller, in dem Beethoven selbst zwar nicht so häufig, aber doch regelmäßig auftritt, wenn es um die klassische Musik und den Schauplatz und die historische Lage im Deutschen Bund und im Kaiserreich geht. Der Wiener Kongress hatte die Restauration der alten Verhältnisse zur Folge, liberales oder gar revolutionäres Gedankengut wurde verfolgt. Starker Mann war der österreichische Kanzler Metternich, der ein umfangreiches Spitzelsystem etablierte. Dagegen fallen manche Teile des Plots etwas ab. Die Hintergrundgeschichte des Sebastian Reiser überzeugt nicht so ganz, vor allem die Auflösung des Komplotts erscheint arg konstruiert. Dennoch war es insgesamt unterhaltend, weitgehend spannend und mit zahlreichen interessanten Fakten versehen.

 

Feuer im Elysium | Erschienen am 23. Januar 2020 im Emons Verlag
ISBN 978-3-7408-0616-3
496 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Historischer Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

James Lee Burke | Straße ins Nichts Bd. 11

Die junge Letty Labiche wartet auf ihre Hinrichtung. Sie hatte einen Mann ermordet, der auf sie und ihre Schwester in der Kindheit öfters aufgepasst hatte. Dave Robicheaux kannte die Beteiligten und verdächtigte den Mann des sexuellen Missbrauchs, ohne dass dies zu beweisen war. Er will Letty vor der Hinrichtung bewahren und recherchiert ihren Hintergrund. Dabei stößt er zufällig auf einen alteingesessenen Zuhälter, der behauptet zu wissen, dass Daves lange verschollene Mutter von Polizisten ermordet wurde. Daves Mutter hatte ihre Familie verlassen, dennoch hat ihm die Ungewissheit, was mit ihr geschehen ist, lange zugesetzt. So setzt er nun alles daran, diese Spur weiterzufolgen und macht sich dadurch natürlich einige Feinde. Dave steht irgendwann vor der Frage, ob die Verantwortlichen mit normalen Mitteln zu belangen sind oder ob er selbst für Gerechtigkeit sorgen muss.

Straße ins Nichts oder Purple Cane Road im Original erschien vor genau zwanzig Jahren als elfter Band der beliebten Reihe um Dave Robicheaux, der wie immer mit seinem besten Kumpel Clete Purcel in New Orleans und Louisiana für Gerechtigkeit sorgen will und dabei in der Wahl der Mittel ein ums andere Mal die Grenzen überschreitet, was ihn allerdings für den Leser umso interessanter macht. Dieses Mal ist der Fall sogar noch eine Spur persönlicher als sonst. Autor James Lee Burke erzählt dies wie immer kraftvoll, mit vielen interessanten Figuren, eingebettet in präzisen und bildlichen Beschreibungen der Natur und Landschaft Lousianas. Es gibt sicher noch stärkere Bände der Reihe, aber Burke ist dennoch eine sichere Bank, immer empfehlenswert.

 

Straße ins Nichts | Erstmals erschienen 2000
ISBN 978-3-86532-675-1
Die Neuauflage erschienen am 15. Januar 2020 im Pendragon Verlag
436 Seiten | 20.- Euro
Originaltitel: Purple Cane Road
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

Auch bei uns: Rezensionen zu weiteren Titeln des Autors James Lee Burke

 

Oyinkan Braithwaite | Meine Schwester, die Serienmörderin

Korede ist Krankenschwester, stammt aus einer relativ wohlhabenden Familie aus Lagos in Nigeria. Korede hat auch noch eine jüngere Schwester, Ayoola. Diese ist eine absolute Schönheit und daher auch bei den Männern sehr beliebt. Im Gegensatz zu Korede. Es gibt aber ein Problem: Ayoola hat schon drei ihrer Verehrer umgebracht.
Korede ist dann die Cleanerin, sie reinigt den Tatort und lässt die Leiche verschwinden. Dass ihre Schwester in Notwehr gehandelt hat, wie sie behauptet, kauft Korede ihr schon längst nicht mehr ab, aber an die Polizei will sie sie auch nicht ausliefern. Da ergibt sich eine neue Situation: Korede ist schon länger in einen Arzt aus ihrem Krankenhaus verliebt, ohne dass es zu einem Date oder Weiterem gekommen wäre. Doch als Ayoola sie auf der Arbeit besucht, springt der Arzt direkt auf Ayoola an und beginnt, mit ihr auszugehen.

Zwei völlig unterschiedliche Schwestern, die eine die Unscheinbare, Vernünftige, die andere die Schöne, Unbekümmerte und Tödliche. Dennoch gilt die alte Regel vom Blut, das dicker als Wasser ist, was im Laufe der Geschichte aber sehr auf die Probe gestellt wird. Autorin Oyinkan Braithwaite erzählt diese Geschichte ausschließlich aus der Perspektive von Korede, was einerseits seinen Reiz hat, andererseits die Perspektive einschränkt und keinen vollen Blick auf die Dinge erlaubt. Immer wieder werden auch Rückblicke eingestreut, die teilweise einiges erhellen, so etwa das schwierige Verhältnis zum nicht liebevollen Vater, was die Schwestern zusammengeschweißt hat. Überhaupt ist dies eine ausgesprochen feminines Buch (feministisch sogar? Ich weiß nicht.), sind doch die Männer weitgehend nur Randfiguren.

Meine Schwester, die Serienmörderin war im englischsprachigen Raum bereits äußerst erfolgreich und war gar für den Man Booker Price nominiert. Die Geschichte ist durchaus reizvoll und unterhält gut. Den Hype halte ich dennoch nur bedingt für gerechtfertigt, denn ich hatte den Eindruck, dass überall noch ein paar Prozente herauszuholen gewesen wären. So schwankt die Autorin für meinen Geschmack zu sehr in der Frage, ob sie die Geschichte eher schwarzhumorig-pulpig oder mit ernsthafter Tiefe erzielen will. Dann wäre aber mehr Tiefe in der Figur der Ayoola wünschenswert gewesen. Dennoch ist dieser Roman absolut keine Enttäuschung, sondern gut geschrieben und mit originellem Plot.

Meine Schwester, die Serienmörderin | Erschienen am 10. März 2020 bei Blumenbar im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-351-05074-0 | ISBN 978-3-841-21898-8 (eBook)
240 Seiten | 20.- Euro, 14.99 Euro (eBook)
Originaltitel: My Sister, the Serial Killer
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Psychothriller
Wertung: 3.5 von 5.0

Rezension 1 bis 4 sowie die dazugehörigen Fotos von Gunnar Wolters.

 

Caroline Eriksson | Die Beobachterin

Elena ist Schriftstellerin und vorübergehend in ein Reihenhaus eingezogen. Während sie dort am Küchentisch sitzt und arbeitet, kann sie die Familie im gegenüberliegenden Haus beobachten und ihr fallen merkwürdige Szenen auf, die sie einerseits für ihr neues Buch nutzt, die sie andererseits aber auch immer fester davon überzeugen, dass dort bald etwas Schreckliches passiert, das sie verhindern muss.

Es handelt sich hier meiner Meinung nach um einen Thriller, der sich flüssig und auch spannend liest und der zum Ende hin einige Wendungen aufweisen kann, mit denen ich nicht gerechnet habe. Aber insgesamt fesselt er mich nicht so sehr, wie ich es mir gewünscht hätte.

 

Die Beobachterin | Erschienen am 12. November 2018 im Penguin Verlag
ISBN 978-3-328-10043-0
336 Seiten | 13.- Euro
Originaltitel: Hon som vakar
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Genre: Thriller
Wertung: 3.0 von 5.0

Rezension und Foto von Andrea Köster.

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

Alex Beer | Der zweite Reiter Bd. 1

„Der erste Reiter hat die Tyrannei gebracht, der zweite den Krieg, der dritte den Hunger, und wenn Sie mir nix geben, wird bald der vierte kommen.“ „Zu mir allein?“ Emmerich lachte. „Jawohl. Furcht, Niedergang und… „ Sie legte eine theatralische Pause ein. „Und?“ „…Tod.“ Sie berührte mit den Fingerspitzen Emmerichs Bauch. „Sie werden sterben.“ Ihr Blick war so voller Überzeugung, dass ihm das Lachen im Hals stecken blieb. „Oder jemand, der Ihnen nahesteht, wird sein Leben verlieren.“ (Auszug Seite 194)

1919 ist die einstige Weltmetropole Wien, die ehemals glanzvolle Residenz, nur noch ein schmutziges Moloch. Kurz nach dem ersten Weltkrieg frieren und hungern die Wiener, während Kriegsheimkehrer humpelnd die Straßen bevölkern. Es fehlt an allem, nicht nur an Lebensmitteln, Kohle, Seife und Kleidung, sondern auch an Medikamenten und vor allem an Arbeit.

Kriegszitterer

Dagegen blühen die Kriminalität und der Schwarzhandel mit Versorgungsgütern aller Art. Bei dem Versuch einen Schwarzhändlerring auszuheben, stolpern Rayonsinspektor August Emmerich und sein junger Assistent Ferdinand Winter eher zufällig über den Leichnam des ehemaligen Soldaten Dietrich Jost, der sich selbst erschossen haben soll. Der verzweifelte Kriegsheimkehrer Jost träumte davon, nach Brasilien auszuwandern. Emmerich zweifelt am Selbstmord des sogenannten Kriegszitterers. Denn wie soll dieser die Waffe ruhig gehalten haben, wenn er seine Hände nicht eine Sekunde still halten konnte? Trotz Verbots seines Vorgesetzten, eines hochdekorierten Offiziers der K.-u.-K.-Armee, der von Polizeiarbeit nicht viel versteht, ermittelt Emmerich weiter.

Der erfahrene Polizist sieht die Chance sich zu profilieren, denn er träumt davon, als Kriminalbeamter zum Dezernat Leib und Leben wechseln zu können. Er wünscht sich ein besseres Leben für sich und Luise, eine Kriegswitwe und deren drei kleinen Kindern, mit denen er zusammen auf engstem Raum zusammenlebt. Emmerich, der durch seine Kindheit in einem Waisenhaus, manchmal zynisch und abgebrüht wirkt, ist mit allen Wassern gewaschen und operiert oft an der Grenze der Legalität. Er verschweigt einen Granatsplitter in seinem Bein, um nicht in den ungeliebten Innendienst versetzt zu werden. Dabei macht ihm die Kriegsverletzung schwer zu schaffen und als er das neue Wundermittel Heroin kennenlernt, treibt ihn das fast in die Heroinsucht.

Den ihm unterstellten Assistenten Winter, ein feines, zartbesaitetes Bürschchen, empfindet er eher als Bürde denn als Hilfe. Der verweichlichte Spross aus einer adligen Wiener Familie lebt mit seiner vom Standesdünkel geleiteten Großmutter in einer großen Villa in einem besseren Viertel von Wien. Doch der ängstliche, oft naiv und nervös agierende Jungspund wächst im Laufe der Geschichte noch über sich selbst hinaus. Grade die Interaktion zwischen Emmerich und Winter sorgt für manchen Schmunzler und bringt ein bisschen Leichtigkeit in die düstere Geschichte.

Packende Jagd durch die Unterwelt Wiens

Die Ermittlungen führen die beiden in einer packenden Jagd durch ein winterliches, kriegsgebeuteltes Wien, in miese Spelunken, versteckte Bordelle, in die Kanalisation, in eine ominöse Auswanderungsagentur und nach Schloss Schönbrunn. Bei ihren Nachforschungen laufen Emmerich und Winter in manche Sackgasse und bringen sich selbst in Lebensgefahr. Bis zum unerwarteten Finale kommt es zu manch überraschenden Volten, die die Handlung am Laufen halten, ohne dass zu Längen kommt.

Alex Beer hat gut recherchiert und lässt den Leser mit vielen plastischen Belegen Anteil nehmen an dem Elend, zum Beispiel wenn aufgrund der Kohlennot jeder Patient ein Brikett mit in Spital bringen muss, um damit das Krankenzimmer zu beheizen. Wenn sich die Menschen um verschimmelte Lebensmittel prügeln oder sich bei der Kälte in die geheizten Straßenbahnen flüchten, macht das die Geschichte sehr lebendig und sorgt für weitere Spannung und Dramatik im Plot. Der Autorin gelingt es mit großer Erzählkunst und auch mit dem teilweisen Einsatz des Wiener Dialektes einen atmosphärisch dichten Kriminalroman zu kreieren. Die historischen Details sind hervorragend eingeflochten, auch die Trost- und Hoffnungslosigkeit der damaligen Zeit wird gekonnt eingefangen. Dadurch zieht sie den Leser in die Geschichte rein und man kann sich vorstellten, dass es genauso gewesen sein muss.

Rasante Zeitreise

Der zweite Reiter ist eine rasante Zeitreise, die mich schon auf den ersten Seiten abgeholt hat! Die Charaktere, wie die schwindsüchtige Prostituierte, die Schmugglerbande um Unterweltboss Veit Kolja, die Obdachlosen oder auch die snobistische Großmutter sind vielleicht an der ein oder anderen Stelle ein bisschen überzeichnet, das tat dem Vergnügen aber keinen Abbruch.

Alex Beer ist das Pseudonym von Daniela Larcher, sie wurde 1977 in Bregenz geboren. Mittlerweile lebt die Autorin in Wien und schreibt unter ihrem bürgerlichen Namen Regionalkrimis und unter ihrem Pseudonym Alex Beer historische Krimis, die in Wien der 1920er Jahre spielen. Mit Der zweite Reiter, dem ersten Teil einer Serie um Kriminalinspektor Emmerich gewann sie den Leo-Perutz-Preis für Kriminalliteratur. Im Mai 2020 erscheint bereits der vierte Teil der Serie.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der zweite Reiter | Erschienen am 21. Mai 2018 bei Blanvalet
ISBN 978-3-734-1059-99
416 Seiten | 9.99 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Blogkooperative: Adventsspezial Österreich.

Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Frank Goldammer | Roter Rabe ♬

Im Sommer 1951 werden in der noch jungen DDR zwei Mitglieder der Wachturmgesellschaft wegen Spionageverdacht in Polizeigewahrsam genommen. Kurz nach der Verhaftung werden die beiden Zeugen Jehovas tot in ihren Untersuchungszellen aufgefunden. Sie sollen auf ziemlich ungewöhnliche Art Suizid begangen haben. Oberkommissar Max Heller zweifelt an den vermeintlichen Selbstmorden in getrennten Zellen, stößt aber während seinen Ermittlungen bei den misstrauischen Sektenmitgliedern auf Widerstände. Die Untersuchung der Todesfälle gestaltet sich auch so schwierig, denn die verschiedenen Geheimdienste scheinen ihre Finger im Spiel zu haben. Heller darf ermitteln, wird aber immer wieder zurückgepfiffen und vieles soll auch unter den Teppich gekehrt werden.

Angst vor der Atombombe

Max Heller trifft auf einen alten Bekannten, den jungen Russen Alexej Saizev, der mittlerweile für den russischen Geheimdienst tätig ist. Einst ein Freund, hat dieser sich total verändert, wirkt zynisch und verbittert und seine Handlungen sind für Heller nicht nachvollziehbar. Saizev ist auf der Suche nach einem amerikanischen Topspion und er warnt Heller eindringlich, ihm nicht in die Quere zu kommen. Der gefährliche Geheimagent, auch Der Rabe genannt, soll für den Westen spionieren und Sabotage betreiben. Es kursieren Gerüchte, die Amis wollen die Atombombe in Dresden einsetzen, um die Russen zu entmachten.

Heller und seine Mitarbeiter Werner Oldenbusch und Peter Salbach stoßen auf mysteriöse Zeitungsannoncen, in denen offenbar chiffrierte Nachrichten übermittelt werden und eine weitere Spur führt zu einem jugendlichen Schmugglerpärchen. Aufgrund einer Explosion in einem Kraftwerk wenige Monate zuvor, zieht Heller einen Zusammenhang mit dem Schmuggel von Uranerz. Dieses spezielle Erz wird für den Bau einer Atombombe benötigt. Die Angst vor einem Bombenattentat in Dresden ist allgegenwärtig. Nach und nach kommen alle Zeugen auf merkwürdige Weise zu Tode. Und zwar so viele, dass ich irgendwann aufhörte, zu zählen.

Kein Telegramm von Karin

Der Oberkommissar muss zeitgleich auch noch sein Privatleben organisieren. Er kehrte grade mit seiner Familie aus dem Ostseeurlaub zurück. Und während seine Frau Karin mit einer Ausreisegenehmigung gleich weiterreist, um zum ersten Mal den gemeinsamen Sohn Erwin und dessen kleine Familie im Westen zu besuchen, bleibt Heller schweren Herzens alleine mit der kleinen Pflegetochter Annie zu Hause. Sie wohnen bei Frau Marquardt und dass die alte Dame immer verwirrter wird, bedeutet eine weitere Sorge für Max. Er wartet sehnsüchtig auf ein Lebenszeichen seiner Frau und weist brüsk alle Andeutungen zurück, dass Karin nicht vereinbarungsgemäß nach 14 Tagen zurückkommt. Er vertraut seiner Frau, doch auch an ihm nagen Zweifel, als das vereinbarte Telegramm nicht kommt. Dann taucht eine junge Frau namens Edeltraud Hermann auf, die sich als entfernte Verwandte von Frau Marquardt ausgibt und sich auch noch in der Wohnung einquartiert. Heller empfindet ihr Verhalten als merkwürdig.

Die Zeugen Jehovas

In der DDR waren die Zeugen Jehovas erst als Opfer des Faschismus anerkannt und als kleine Religionsgemeinschaft eingetragen. Doch schnell wurde die Glaubensgemeinschaft verboten und bis zum Ende der DDR standen die Mitglieder unter intensiver Überwachung durch das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) und lebten in ständiger Furcht vor staatlichen Repressionen. Als Staatsfeinde agierten sie im Untergrund, wurden verfolgt und verhaftet.

Diese Thematik arbeitet Frank Goldammer in dem 4. Teil der Krimireihe um den Dresdner Oberkommissar Max Heller ein. Dabei gelingt es ihm sehr eindrücklich, die Atmosphäre von Misstrauen und Angst aufzuzeigen, denn die junge DDR stand unter permanenter Beobachtung durch die Sowjetunion. Bespitzelung und Denunziation bestimmten den Alltag der Menschen und das Vertrauen zwischen Freunden oder sogar innerhalb der Familie wurde häufig auf eine harte Probe gestellt. Das wird am Beispiel von Hellers Kollege sehr anschaulich dargestellt. Oldenbusch wird durch das MfS drangsaliert, nachdem sich seine Verlobte in den Westen abgesetzt hat. Neu im Team ist der ehemalige Polizist Peter Salbach, dem Oldenbusch mit Misstrauen begegnet, da er ihn für einen Spion hält. Heller ist entsetzt über das paranoide Klima in den eigenen Reihen und attestiert Oldenbusch Verfolgungswahn. Die Versorgungslage hat sich nach Kriegsende verbessert, ist aber längst nicht so gut wie in der BRD. Des weiteren leben die Menschen mit der ständigen Befürchtung, der Spionage verdächtigt zu werden, dazu reichte es schon, wenn man dabei erwischt wird, westliche Radiosender zu hören.

Verworrener Plot und grundanständiger Protagonist

Während der Autor den einzelnen Figuren sehr viel Sorgfalt widmet und die Zeit stimmig eingefangen wird, war mir der Plot zu komplex und verworren. Ich hatte Mühe, allenVerdächtigungen und Geschehnissen zu folgen. Irgendwann habe ich den Faden verloren, und auch die Auflösung zum Schluss ist nicht wirklich gelungen, da einige Fragen nicht schlüssig beantwortet werden. Vielleicht habe ich sie auch überhört und hier wäre das Printmedium besser gewesen, um noch mal zurückzublättern. Obwohl der Schauspieler und bekannte Hörbuchsprecher Heikko Deutschmann mit sonorer Stimme seine Sache wirklich sehr gut macht. Für mich wurde die Handlung mit zu vielen unnötigen Todesfällen überfrachtet.

Als Hörer weiß man nie mehr als Heller, da aus seiner Sicht erzählt wird. So ist man der Gedanken- und Gefühlswelt des sympathischen Protagonisten immer sehr nah. Und der unbestechliche Max Heller ist wirklich ein grundanständiger aber auch ziemlich dröger Zeitgenosse mit hohen Moralvorstellungen. Er hält an seinen Prinzipien fest und will soweit wie möglich unpolitisch bleiben. Die Begegnungen zwischen dem stocksteifen Max Heller und der übergriffigen Edeltraud Hermann haben mich jedenfalls sehr amüsiert.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Roter Rabe | Das Hörbuch erschien am 21. Dezember 2018 bei Der Audio Verlag
ISBN 978-3-7424-0643-9
1 mp3-CD | 19.99 Euro
Laufzeit: 11 Stunden 9 Minuten
ungekürzte Lesung von Heikko Deutschmann
Bibliografische Angaben & Hörprobe