Kategorie: historischer Krimi

Jürgen Heimbach | Straßenköter

Jürgen Heimbach | Straßenköter

Traugott, genannt Marlon, ist ein kleiner Fisch in Hamburg im Jahr 1975. Aber er ist ein Drifter, kann gut mit Autos und er bekommt den Job des Fahrers bei einem Banküberfall angeboten. Der Überfall gelingt zwar, doch danach bricht die Hölle über Marlon ein. Die Polizei ist ihnen verdammt schnell auf den Fersen, der Chef der Räuber behält entgegen anderer Absprachen erstmal das Geld und plötzlich tauchen noch andere Gestalten bei Bekannten von Marlon auf und suchen nach ihm. Marlon beschleicht das Gefühl, dass er gelinkt werden soll. Doch als in allen Zeitungen und auf Plakaten nach ihm gefahndet wird, wird es Marlon zu heiß und er flieht aus der Stadt.

Marlon wollte ihr folgen, doch in der Drehung stieß er gegen einen der Zeitungsverkäufer, die ihre Blätter abends in den Kneipen anboten. Vor Schreck hatte der die Zeitung, dier in der Hand hielt, hochgerissen, und Marlon starrte in vier abgedruckte Gesichter. Darunter auch seines. Mit großen Buchstaben waren sie untertitelt: Gesucht. Bankräuber.
Silvia hatte das Bild im selben Moment erkannt, doch bevor sie etwas sagen konnte, war Marlon an der nächsten Straßenecke. (Auszug S.24-25)

Marlon ist in einem Heim voller Gewalt und Missbrauch aufgewachsen. Seine Mutter hat ihn abgegeben, ist mit einem anderen Mann ausgewandert. Seinen leiblichen Vater hat er seit Kindheitstagen nicht mehr gesehen oder von ihm gehört. Marlon hat sich gegen die Zustände im Heim aufgelehnt, allerdings keinerlei Unterstützung erhalten, im Gegenteil. Inzwischen ist er ein unsteter, traumatisierter junger Mann, hält sich mit Gelegenheitsjobs und Kleinkriminalität über Wasser, ist unpolitisch, hat keine länger dauernden Beziehungen. Auf der Flucht erhält er überraschend Unterstützung von einigen Fremden. Durch Zufall erhält er einen Hinweis, dass sich sein Vater, ein Künstler und Fälscher, möglicherweise im Wendland aufhalten könnte. Doch kaum ist Marlon dort angekommen, kommt er bei seinem Versuch, sich zu verstecken, der RAF in die Quere, für die das dünnbesiedelte Wendland ebenfalls als Rückzugsort dient.

Eine Zeitlang, vor allem nach der Entlassung aus dem Heim, war er ein wildes, entlaufenes Tier gewesen, endlich seine Fesseln losgeworden, aber mit der Zeit hatte sich das gelegt. Sie hatten ihn einen Straßenköter genannt, einen, dessen erster Blick immer dem Überleben galt, der zweite dem Fressen. (Auszug S.92)

Autor Jürgen Heimbach ist ein Fachmann für historische Kriminalromane mit Setting in Westdeutschland in den Nachkriegsjahren und zur Zeit des kalten Krieges. 2020 gewann er den Glauser für „Die rote Hand“ über Aktivitäten ausländischer Kräfte in Deutschland im Zusammenhang mit dem algerischen Unabhängigkeitskampf Anfang der 1960er. Zuletzt erschien von ihm „Waldeck“ mit dem bekannten Liedermacherfestival als Setting. Nun begibt sich Heimbach mit „Straßenköter“ ins Jahr 1975. Er fügt damalige Ereignisse in die Story ein, z.B. einen Filmdreh von Wim Wenders im Wendland, zitiert Songs u.a. von Udo Lindenberg oder Yves Montand, und schafft ein interessantes und authentisch wirkendes Bild der Kleinkriminellenszene oder die linke Szene bis hin zu Sympathisanten und Unterstützern der Roten Armee Fraktion.

Der Roman ist ein Thriller, die der Erzähler komplett aus Marlons Perspektive erzählt. Die unstete, etwas naive, aber durchaus widerstandsfähige Hauptperson spiegelt sich auch im Plot und Charakter des Romans wider. Ein Mann, der auf der Flucht durch die bundesdeutschen Gegebenheiten der Siebziger hetzt.  Ich muss gestehen, dass mir die Teile des Romans, die in Hamburg spielen, besser gefallen haben. Die Schilderungen vom Milieu in der Hansestadt kamen mir ein wenig organischer vor als die Passagen, in denen Marlon plötzlich auf Terroristen trifft. Nichtsdestotrotz gelingt Jürgen Heimbach wiederum ein empfehlenswerter historischer Krimi, der den westdeutschen Zeitgeist gelungen einfängt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Straßenköter | Erschienen am 15.07.2026 im ars vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0811-3
272 Seiten | 18,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Die rote Hand“ von Jürgen Heimbach

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Tomasz Duszyński | Glatz. Rübezahl (Band 3)

Rübezahl ist den meisten grob ein Begriff, als Berggeist des Riesengebirges und der nahegelegenen Gebirgszüge. Ich muss gestehen, dass die Sagen mit Rübezahl mir kein Begriff mehr sind. Tatsächlich ist Rübezahl ein äußerst ambivalenter Charakter von launischem Gemüt, der den Menschen in verschiedener Gestalt erscheint. Seinen Namen mag er übrigens überhaupt nicht, sondern möchte als „Herr der Berge“ angeredet werden.

Im Februar des Jahres 1923 ist die Grafschaft Glatz tief verschneit und vereist, natürlich auch der Glatzer Schneeberg als eine der höchsten Erhebungen im Umkreis. Oben auf dem Gipfel steht der Kaiser-Wilhelm-Turm. Als ein Bergführer den Pfad zum Gipfel vorbereitet, entdeckt er eine Leiche vom Turm herabhängend, im Gesicht markant verstümmelt. Die herbeigerufene Glatzer Kriminalpolizei um Oberwachtmeister Franz Koschella findet neben Spuren eines zweiten Mannes, der den Täter offenbar verfolgt hat, auch eine Botschaft des Täters an sein Opfer, in der er sich selbst „Rübezahl“ nennt.

Die Polizei findet bald heraus, dass das Opfer Militärangehöriger war, und versucht, darüber zu Anhaltspunkten zu gelangen. Daher sucht Koschella den Kontakt zu seinem alten Bekannten Wilhelm Klein, bei dem allerdings schnell klar, dass er irgendwie in diesen Fall involviert ist und dass der Schlüssel in dessen Militärvergangenheit zu suchen ist. Noch während die Polizei bei den Ermittlungen nur schwer vorankommt, geschieht ein zweiter Mord an dem renommierten Rechtsmediziner Professor Baumann im Zug von Breslau nach Glatz. Rübezahl hat wieder zugeschlagen.

Plötzlich überlief Koschella ein Schauer. Ein lange nicht mehr wahrgenommenes Gefühl überkam ihn. Er hatte es mit einem intelligenten Gegner zu tun. Einem Strategen. Er konnte es kaum erwarten, den Gipfel zu erreichen, und wollte schnellstmöglich mit der Jagd beginnen. (Auszug S.61)

„Glatz. Rübezahl“ ist der inzwischen dritte Band der historischen Krimiserie mit Schauplatz in der bürgerlichen Kleinstadt an der Neiße, Hauptort der gleichnamigen Grafschaft. Damals schlesisch und damit Teil des Deutschen Reiches, heute ist Glatz polnisch und heißt Kłodzko. Autor Tomasz Duszyński feiert mit der Reihe in Polen große Erfolge und ist inzwischen Ehrenbürger von Kłodzko geworden. Tatsächlich ist vor allem der unverbrauchte Schauplatz in der Provinz in einem Talkessel des Gebirgszugs der Sudeten nahe der tschechischen Grenze äußerst reizvoll. Ähnlich wie bei anderen historischen Krimireihen bewegt man sich von Band zu Band chronologisch weiter. Dieses Mal ist man im Krisenjahr 1923 angekommen und auch wenn man in Glatz weg ab vom Schuss ist – die Probleme der Republik kommen auch hier an.

„Du bist wie ich, ich bin wie du, und da sind mehr von uns…“
Er reagierte nicht. Doch sein Atem beruhigte sich unter dem Einfluss dieser immer wiederkehrenden Worte. Er versuchte, sie aus dem Kopf zu verbannen, und wandte den Blick vom Eindringling ab. Vergeblich. Er konnte sich nicht bewegen.
„Das Leiden wird vergehen, wird dich und mich verwandeln. Dann helfen wir den anderen, auch sie reinigen wir durch Schmerz. Hörst du mich, Klein? Das wird niemals enden.“ (Auszug S.114)

Natürlich steckt nicht der alte Berggeist hinter den Morden, von denen es noch weitere geben wird. Vielmehr gibt es politische und militärische Verwicklungen und der neue militärische Geheimdienst, den es laut Versailler Verträgen eigentlich nicht geben darf, tritt auf den Plan. Vor allem die Vergangenheit von Wilhelm Klein als versehrter Veteran spielt eine entscheidende Rolle, er bleibt eine äußerst interessante, ambivalente Figur.  Duszyński gönnt weiteren Personen Platz im Roman, neben den beiden Assistenten Koschellas, Schulz und Csozek, auch dem oder den Tätern – das bleibt lange offen – , die abwechselnd in kurzen Kapiteln begleitet werden. Der Plot ist mir persönlich etwas zu groß angelegt geraten, aber das mag Ansichtssache sein. Letztlich ist „Glatz. Rübezahl“ ein spannender und vor allem durch das weiterhin sehr gelungene Setting ein lesenswerter Kriminalroman in einer wirklich zu empfehlenden Reihe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Glatz. Rübezahl | Erschienen am 15.06.2026 im Polente Verlag
ISBN 978-3-9505744-3-6
428 Seiten | 19,50 €
Originaltitel: Glatz. Zamiec | Übersetzung aus dem Polnischen von Markus Schnabel
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Band 1 „Glatz“

Unsere Krimis des Jahres 2025

Unsere Krimis des Jahres 2025

Und schon ist wieder ein Jahr 2025 Geschichte, die finale Folge „Strangers Things“ geguckt und Zeit, einen Blick zurück auf das Jahr 2025 zu werfen. Neben einigen visuellen Highlights wie die Streaming-Serien Dept. Q oder Adolescence gab es bei Gunnar auch zwei besondere Highlights: Der Besuch der Leipziger Buchmesse im März und die Lesung mit Sara Paretsky im September.

Daneben gab es für uns Lesehighlights in unterschiedlichen Genres. Bei unseren Krimihighlights haben wir es zum ersten Mal geschafft, genügend dieselben Bücher zu lesen – und auch noch gut zu finden. Deswegen gibt es heute zum ersten Mal eine gemeinsame Jahreshitliste. Wir vergeben ja maximal 5 Punkte, die in 2025 aber kein Roman erreicht hat. Allerdings haben einige 4,5 Punkte ergattert. Bei dreien davon waren wir uns einig, haben darüber hinaus aber noch eine Reihenfolge festgelegt. Zwei weitere Bücher hat nur jeweils einer von uns gelesen, daher vergeben wir Platz 4 zweimal. Eine Tendenz lässt sich auf jeden Fall erkennen: Es dominieren Kriminalromane und Thriller mit historischen Settings.

Platz 4: Susanne Tägder – Die Farbe des Schattens

Auch „Die Farbe des Schattens“ beginnt mit einer Suchaktion nach einem verschwundenen Kind. Allerdings verschwand der kleine Matti aus einer Plattenbausiedlung in Mecklenburg 1992. Wie schon in ihrem gefeierten Debüt-Roman „Das Schweigen des Wassers“ ermittelt wieder Kommissar Groth, der nicht ganz freiwillig als Aufbauhelfer Ost agieren soll. Tägder versteht es, die Atmosphäre der frühen 90er Jahre, die weniger von Aufbruchsstimmung sondern eher von Zukunftsängsten geprägt war, einzufangen. Die Hilflosigkeit der Ermittler aufgrund ständiger Rückschläge sowie die Resignation der Bewohner waren direkt greifbar. Das Ergebnis ist ein ruhiger Kriminalroman, der von der psychologischen Spannung sowie der emotionalen Belastung lebt. Obwohl im Grundton eher melancholisch, entwickelt die Geschichte einen Sog, dem sich Andy kaum entziehen konnte. Hier findet ihr die ausführliche Besprechung.

Platz 4: Jake Lamar – Viper’s Dream

Eine gelungene Kombination zwischen Jazz & Crime hat der amerikanische Autor Jake Lamar veröffentlicht. Er erzählt die Geschichte von Clyde Morton, der als Greenhorn vom Land 1936 nach Harlem kommt, dort von Unterweltgrößen unter die Fittiche genommen wird und schließlich zu einem der einflussreichsten Gangster bis Anfang der 1960er aufsteigt. Daneben ist der Roman auch eine Geschichte über die New Yorker Jazzszene, ganz natürlich betreten immer wieder weltbekannte Jazzgrößen die Szene. Gunnar war begeistert über die sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, hartgesottenem Gangsterroman und der Melancholie eines nachdenklichen Gangsters. Seine Rezension ist hier zu finden.

Platz 3: Kate Atkinson – Nacht über Soho

Ein ebenso fesselnder wie gut komponierter Spannungsroman ist „Nacht über Soho“, in dem die britische Autorin uns in das schillernde Nachtleben von London vor genau hundert Jahren, in die roaring twenties mitnimmt. Mit der Nachtclubbesitzerin Nellie Coker und einem wirklich opulenten Figurenensemble lässt Atkinson die Leser:innen tief in die Atmosphäre der verruchten Halbwelt der Clubs in Soho eintauchen und porträtiert eine Gesellschaft, die kurz nach dem Ersten Weltkrieg ungezügelt feiern will. Atkinsons Sittengemälde der 20er Jahre wirkt nie zu düster, dafür sorgt schon die scharfzüngige Sprache der Autorin, ironisch und unterkühlt. Eine ausführliche Rezension gibt es von Gunnar.

Platz 2: Andreas Pflüger – Kälter

Zum Ende des Jahres haben wir beide noch ein Thriller-Highlight von Andreas Pflüger beendet, der in „Kälter“ das liefert, was man an ihm schätzt. Gut choreografierte Actionszenen, messerscharfe Dialoge, bildhafte Erzählweise, exakt gezeichnete Charaktere sowie eine starke Heldin. Das ist Luzy Morgenroth, eine ehemalige BKA-Personenschützerin, die 1989 inzwischen 50-jährig als Provinzpolizistin auf Amrum eine ruhige Kugel schiebt. Das ändert sich, als ein Killerkommando die Inselidylle zerstört. Vor dem Hintergrund des Mauerfalls entfaltet sich mit Luzy als Racheengel eine spektakuläre Story zwischen Amrum, Wien, Israel und Moskau. Die ausführliche Rezension wird im Januar nachgereicht.

Platz 1: Liz Moore – Der Gott des Waldes

Ganz anders als „Long Bright River“, ein weiteres Highlight der amerikanischen Autorin entführt uns Liz Moore in „Der Gott des Waldes“ in die dichten Wälder des Adirondack-Gebirges. Hier verschwindet im Jahr 1975 in einem elitären Sommer-Camp die 13-jährige Barbara. Nicht nur ist sie die Tochter der steinreichen Gründer-Familie, sondern auch die Schwester des Jungen, der vor 14 Jahren spurlos verschwand. Mit großer Erzählfreude arrangiert Moore Figuren und Plot, wechselt mit einem verlässlichen Gespür fürs Timing die Perspektiven und verknüpft souverän mehrere Zeitebenen miteinander. Empathisch und mit präzisem Blick wird eine Familientragödie geschildert und durch bildreiche Sprache das raue Klima vor des Lesers Auge lebendig. Je weiter die komplexe Erzählung vorangetrieben wird, desto neugieriger wurden wir und klebten an den Seiten. Für uns beide ein außerordentlich guter Roman und unsere Nummer 1 in diesem Jahr. Hier ist der Link zu Andys vollständiger Rezension.

Jake Lamar | Viper’s Dream

Jake Lamar | Viper’s Dream

„Also Viper“, sagte die Baroness, „was sind deine drei Wünsche?“. (Auszug S. 9)

Mit dieser ungewöhnlichen Frage beginnt dieser historische Jazz-/Gangsterroman und setzt stilistisch und strukturell die Vorgabe für diesen vom Umfang zwar schmalen, aber inhaltlich sehr prallen Kriminalroman. Die Frage stellt die Baroness Pannonica de Koenigswarter, eine reiche, adlige Europäerin und Mäzenin der New Yorker Jazzszene der 1950er bis 1980er Jahre, an Clyde Morton, genannt Viper, einflussreicher Gangster und Geschäftsmann in Harlem und eng mit der Jazzszene verbandelt. Wir sind im November 1961 im sogenannten Cathouse, einem Refugium der Jazzszene und hunderter Katzen in Newark. Wir erfahren auf den ersten Seiten, dass Viper vor Kurzem seinen dritten Mord begangen hat und sich ins Cathouse zurückgezogen hat, anstatt die Flucht zu ergreifen, wie ihm sein Geschäftspartner und Kontaktmann Detective Carney beim NYPD nahegelegt hat. Stattdessen raucht Viper Marihuana, wie die meisten im Cathouse, und grübelt über sein Leben. Die Baroness stellt ihm diese Frage und Viper wird diese im Laufe des Buches beantworten. Allerdings stellt die Baroness am Ende fest:

„…du wünscht dir nichts, du bereust.“ „Wo ist der Unterschied?“, sagte Viper. „Gute Nacht, Nica.“ (Auszug S.201)

Über einen unbekannten Erzähler wird nun abwechselnd aus dem Cathouse 1961 und von der Vergangenheit von Clyde Morton alias Viper erzählt. Clyde beschließt 1936 als junger Mann Alabama und seine schwangere Freundin Hals über Kopf zu verlassen, weil ihm sein Onkel in den Kopf gesetzt hat, er könne in New York als Trompeter Geld verdienen. In Harlem angekommen betritt er den nächsten Nachtclub und erhält sofort die Rückmeldung, dass er sich eine Karriere als Musiker abschminken kann. Doch er wird quasi direkt in die Welt des Marihuanas eingeführt, daher erhält Clyde vom zischenden Geräusch des Zugs am Joint auch den Spitznamen Viper. Wenig später wird Viper dem jüdischen Geschäftsmann, Clubbesitzer und Drogenhändler Orlinsky vorgestellt, der in seiner Organisation auch direkt einen Platz für ihn findet.

Clyde war begeistert. Fühlte sich mächtig. Noch nie in seinem Leben hatte er einem Weißen ins Gesicht geschlagen. Falls das der Job war, für den ihn Mr. O angeheuert hatte… daran konnte er sich gewöhnen. Und noch etwas kam hinzu. Nach langer Zeit hatte Clyde Morton sich endlich für den Mord an seinem Vater gerächt. (Auszug S. 43)

Und so begleiten wir Clyde Morton, wie er sich in der Gangster- und Jazzszene in Harlem bewegt und sein Einfluss immer weiterwächst, bis er eines Tages mit der richtigen Mischung aus Geschäftssinn und Härte an der Spitze der Nahrungskette angekommen und zum wichtigsten Händler von Dope aufgestiegen ist. Doch die Luft ist rau in Harlem, zudem kommt der Krieg dazwischen und außerdem gibt es da noch diese unglaublich attraktive Jazzsängerin Yolanda, Vipers große, aber äußerst tragisch verlaufende Liebe.

Autor Jake Lamar hatte im letzten Jahr seinen Durchbruch im deutschsprachigen Raum, als er mit „Das schwarze Chamäleon“ den deutschen Krimipreis gewann. Lamar lebt seit 1993 in Paris und ist dort Dozent für Kreatives Schreiben. „Viper’s Dream“ erschien tatsächlich zunächst 2021 in der französischen Übersetzung, erst zwei Jahre später im Original und gewann 2024 den Dagger für den besten historischen Kriminalroman.

Bei Jazz bin ich wahrlich kein Experte. Und dennoch war ich sehr begeistert, wie Lamar hier eine Geschichte der New Yorker Jazzszene der 1930er bis Anfang der 1960er Jahre im einem Gangsterroman erzählt. Immer wieder betreten ganz natürlich Jazzgrößen wie Miles Davis, Charlie Parker und Thelonious Monk die Szene. Großes Thema ist unter anderem die Drogenszene rund um die Jazzmusiker und die Bedrohung des Jazz durch das aufkommende Heroin. Viper versucht mit aller Macht die Verbreitung dieses tödlichen Gifts in seinem Revier zu verhindern. Vergeblich.

Und auch die Anfangsfrage von Baroness „Nica“ de Koenigswarter hat einen historischen Hintergrund. Tatsächlich stellte die Baroness den Jazzkünstlern in den 1960ern diese Frage mit den drei Wünschen, verwahrte ihre Antworten und schoss zudem zahlreiche Polaroids, um diese Jahre zu dokumentieren. Zu ihren Lebzeiten wurde das Projekt allerdings nicht mehr umgesetzt. Erst 2006 veröffentlichte ihre Großnichte die Dokumentation „Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“.

„Viper’s Dream“ ist ein historischer Gangsterroman, in dem der Autor sowohl visuell als auch musikalisch den Schauplatz Harlem auferstehen lässt. Jake Lamar hat eine umfangreiche Playlist am Ende des Romans ergänzt, die in den einschlägigen Streamingplattformen ebenfalls gefunden werden kann. Dabei gerät die Verbindung zwischen Krimi und Jazz niemals gezwungen, sondern wirkt sehr organisch. Dieser Kriminalroman ist eine sehr lesenswerte Mischung aus flirrendem Jazz, melancholischer Nabelschau eines grübelnden Gangsters und hartgesottener Erzählung von den rauen Straßen von Harlem. Große Leseempfehlung.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Viper‘s Dream | Erschienen am 03.09.2025 bei der Edition Nautilus
ISBN 987-3-96054-470-8
205 Seiten | 20,- €
Originaltitel: Viper’s Dream | Übersetzung aus dem Englischen von Robert Brack
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Volker Kutscher | Rath (Band 10)

Volker Kutscher | Rath (Band 10)

Und dann sagte er einen Satz, von dem er nicht gedacht hätte, dass er ihn jemals wieder sagen würde, aber er sagte ihn. „Eine Fahrkarte nach Berlin, bitte.“ (Auszug E-Book Pos. 3843 von 9095)

Diesen Satz sagt tatsächlich Gereon Rath im Herbst 1938. Der in Deutschland nach einer Schießerei für tot Erklärte, Charlotte erhält sogar eine Witwenrente, lebte zwei Jahre mit neuer Identität in den USA. Er verlässt mit seinem Bruder Severin Rath die USA, da sie ihren im Sterben liegenden Vater nicht alleine lassen wollen. Gereon taucht erst mal unter falschem Namen in Rhöndorf im Haus des ehemaligen Kölner Oberbürgermeisters Konrad Adenauer unter, einem Vertrauten seines Vaters. Er trifft sich einmal im Monat heimlich mit seiner Frau Charly und wartet nur auf den richtigen Moment, Deutschland gemeinsam Richtung USA zu verlassen. Doch Engelbert Rath stirbt nicht so schnell und Charly will Deutschland nicht ohne ihren ehemaligen Pflegesohn Friedrich Thormann verlassen.

Fritze steht unter Verdacht, zwei Hitlerjungen getötet zu haben und hat sich erst mal aus dem Staub gemacht. Charly kann das nicht glauben und als Angestellte der Privatdetektei Böhm macht sie sich selbst an die Aufklärung. Dazu muss sie erst mal Fritze finden. Zuvor war Hannah, seine jüdische Freundin bei einer Zwangssterilisation angeblich aufgrund unvorhersehbarer Komplikationen verstorben. Charly kehrt sogar wieder zur Kriminalpolizei zurück, die allerdings längst zum Handlanger der Gestapo geworden ist. Hier weiß sie nicht mehr, wem sie noch trauen kann. Jeder scheint jeden zu bespitzeln und es herrscht eine Atmosphäre von Misstrauen und Denunziation.

„Dann lassen Se uns mal anstoßen“, sagte er und hob sein Glas, „Auf die Jesundheit Ihres Herrn Papa und auf den Weltfrieden.“ „Da haben Sie recht, die haben’s beide nötig“, sagte Rath. „Beim Weltfrieden möjen Sie recht haben, aber um ihren Vater machen Se sich mal kejne Sorgen, der ist ein zäher Brocken.“ (Auszug E-Book Pos. 3233 von 9095)

Es dauert ganz schön lange, bis Gereon in der Geschichte auftaucht. Wie schon im Vorgängerband „Transatlantik“ spielt er nur eine untergeordnete Rolle und lange ist Charlotte Rath die Protagonistin. Erst als seine Ehefrau nicht mehr zu den heimlichen Treffen erscheint, macht er sich auf nach Berlin um sie zu suchen. Charly wurde aus unbekannten Gründen in ein Konzentrationslager gesteckt.

Der zehnte und finale Band ist weniger Krimi mit polizeilichen Ermittlungen und der Suche nach einem Mörder. Als Leser:in hat man auch schon relativ zügig einen Verdacht, wer der wahre Täter ist. Vielmehr spannt Kutscher die Fäden zwischen den bekannten Figuren, lässt einige aus dem Romanzyklus noch mal auftauchen und schildert anhand eines stimmigen Plots den Weg in eine Diktatur. Die Nazizeit und die Verstrickungen der Protagonisten in das NS-System nehmen einen immer breiteren Raum ein. Es gibt bedrückende Szenen einer Massendeportation von Juden und Jüdinnen an der polnischen Grenze, brutale Folterungen im Konzentrationslager bis zu den unmenschlichen Geschehnissen am 9. November 1938. Sehr eindrücklich werden die Ereignisse der antisemitischen Progromnacht mit brennenden Synagogen, zusammengeschlagenen und ermordeten Menschen geschildert. Schwer zu ertragen und folgerichtig endet die Reihe mit diesem Datum, denn die Progromnacht ist für den Autor der „Point of no Return“. Für ihn das Ende der Zivilisation, eine Grenze, die er als Schriftsteller nicht überschreiten kann, wie er oft in Interviews erklärte.
Dafür gelingt es ihm, die Atmosphäre dieser verrohenden Zeit bildhaft einzufangen und ohne erhobenen Zeigefinger darzustellen, wie sich die Stimmung im Land gegen Gegner jeder Art verdüstert und radikalisiert und auch die Faszination der Durchschnittsbürger für diese faschistische Ideologie einigermaßen greifbar zu machen.

Einige lose Fäden aus den vergangenen Bänden werden zusammen-, aber nicht alle Erzählstränge zu Ende geführt; einige bleiben offen. Aber man muss nicht endgültig von den liebgewonnen sowie verhassten Charakteren Abschied nehmen. Volker Kutscher hat schon verraten, dass er nach zwei kleinen illustrierten Büchern, „Moabit“ und „Mitte“, einen dritten geplant hat. Dafür wird er sich mit der Illustratorin Kat Menschik wieder in den Rath-Kosmos begeben.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Rath | Erschienen am 24. Oktober 2024 bei Piper
ISBN 978-3-492-07410-0
624 Seiten | 26.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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