Kategorie: historischer Krimi

Val McDermid | 1979 – Jägerin und Gejagte (Band 1)

Val McDermid | 1979 – Jägerin und Gejagte (Band 1)

Die junge Reporterin Allie Burns fängt 1979 frisch bei einer Glasgower Zeitung an. Sie ist ehrgeizig und voller Ambitionen, aber Ende der 70er Jahre haben es Frauen in der männerdominierten Journalistenszene noch schwer. Bei dem fiktiven Boulevardblatt Clarion regiert der „Boys Club“ und die wenigen weiblichen Angestellten sind für die eher leichten Frauenthemen, Familiendramen oder das undankbare Witwenschütteln zuständig.

„Die Kleine hat recht. Wenn wir es auf diese Weise angehen, wird jede Frau in Dundee Gänsehaut bekommen. Ich mag das. Seht ihr, ich hab’s euch doch gesagt, Jungs. Die weibliche Perspektive mit einzubeziehen hat seine Vorteile.“ (Auszug Pos. 1211)

Allie findet in ihrem jungen Kollegen Danny Sullivan einen Verbündeten. Dieser recherchiert in einem brisanten Fall von Steuerbetrug und Geldwäsche im großen Stil, in deren Machenschaften ausgerechnet sein eigener Bruder verwickelt zu sein scheint. Er bittet Allie um Unterstützung und sie hilft ihm nicht nur mit ihren brillanten Formulierungskünsten. Auf einer Scottish National Party kommt Allie dann zufällig einer potenziellen Separatistengruppe auf die Spur, die mit logistischer Hilfe der IRA Anschläge planen, um die Unabhängigkeit Schottlands von Großbritannien voranzutreiben. Als Danny sich als angeblicher Finanzier in die Gruppe einschleust, geraten die beiden aufstrebenden Journalisten in Lebensgefahr.

Allie und Danny bilden ein gutes investigatives Team und betreiben ihre Recherchen typisch für die damalige analoge Welt noch mit Telefonbüchern und Straßenkarten. Mit großem Engagement wollen sie politische und gesellschaftliche Missstände aufdecken und nach den ersten Erfolgen fühlen sie sich schon auf den Spuren der „Watergate«-Journalisten Carl Bernstein und Bob Woodward.

Nostalgische Zeitreise in die 1970er Jahre
1979 ist der erste Band einer 5-teiligen Reihe über die Journalistin Allie Burns, die über 5 Jahrzehnte geplant ist und die gesellschaftlichen und politischen Veränderungen Schottlands aufzeigt. Da die schottische Autorin selbst in dieser Zeit einige Jahre als Reporterin bei einer Lokalzeitung in Glasgow tätig war, kann sie wunderbar ihre persönlichen Erfahrungen aus der Welt der Medien einbringen. Auch wenn tatsächlich noch ein Mord passiert, steht in dem historischen Kriminalroman die journalistische Arbeit im Vordergrund und hat im Krimiteil schon seine Schwächen. So hatte ich noch mit einem Plottwist zum Ende gerechnet, der dann ausblieb. Der Erzählstil ist betont langsam, die Geschichte plätschert auch so vor sich hin, aber es ist dem Können der Bestseller-Autorin zu verdanken, dass ich es sehr genossen habe. 1979 ist vielmehr eine Zeitreise in ein Schottland, das neben wochenlangen Minusgraden, Schneestürmen sowie Stromausfällen auch mit immensen wirtschaftlichen Problemen zu kämpfen hat. Die gesellschaftspolitischen Ereignisse dieser Zeit werden gekonnt wiedergegeben. Dabei wird Glasgow als eine Stadt der Gegensätze skizziert, in der extreme Armut neben unverhältnismäßigen Reichtum und Schönes neben Hässlichem existiert.

Speckbrötchen und klappernde Schreibmaschinen
Das erzählt Val McDermid sehr kleinteilig mit viel Nostalgie, wenn es um die tägliche Arbeit in den verrauchten Büros der Redaktion mit klappernden Schreibmaschinen und vielen fetttriefenden Speckbrötchen geht. Aber auch Homophobie, Frauenfeindlichkeit und andere Formen von Sexismus werden lebensnah beschrieben. 1979 steht Homosexualität in Schottland noch unter Strafe. Das erschwert die Lebensumstände des nicht offen schwul lebenden Danny erheblich und er steht auch privat unter permanentem Druck. Retro-Flair entsteht auch durch die Musik, die aus den Radios plärrt (es gibt eine Playlist am Ende des Buches) und Literatur, denn Val McDermid streut immer wieder Referenzen an Glasgows Literaten ein, zum Beispiel William McIlvanney, dessen legendärer Roman „Laidlaw“ 1977 den modernen schottischen Krimi begründete.

Der fesselnde Roman war für mich eine Wohltat in unserer schnelllebigen Zeit, in der sich alles verändert und vieles beängstigend oder zumindest unübersichtlich erscheint und man sich gerne der bereits abgeschlossenen Vergangenheit zuwendet. Die Geschichte, von McDermid souverän mit trockenem Humor erzählt, hat mich glänzend unterhalten und ich bin sehr neugierig auf nachfolgende Titel der Reihe, um zu sehen, wie Allie Burns sich weiterentwickelt, ihren eigenen Stil findet und sich in der männerdominierten Journalistenszene durchsetzt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

1979 – Jägerin und Gejagte | Erschienen am 01.06.2022 bei Knaur
ISBN 978-3-426-52882-2
432 Seiten | 12,99 €
Als E-Book: ISBN B09KX9TTMT | 9,99 €
Originaltitel: 1979 | Übersetzung aus dem Englischen von Dr. Kirsten Reimers
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Andys Rezension zu Val McDermids Roman „Das Grab im Moor

Rezensions-Doppel: Elizabeth Wetmore | Wir sind dieser Staub & Angie Kim | Miracle Creek

Rezensions-Doppel: Elizabeth Wetmore | Wir sind dieser Staub & Angie Kim | Miracle Creek

Die amerikanische Literaturszene ist ein schier unerschöpflicher Fundus für neue Autoren und Autorinnen. Gerade bei den Autorinnen gab es in letzter Zeit sehr viele neue Stimmen, die sich in den Zwischenräumen zwischen Kriminalliteratur und anderen Genres bewegen. Zwei davon sind Elizabeth Wetmore und Angie Kim. Elizabeth Wetmore ist eine der zahlreichen Spätberufenen. Sie hat in ihrem Leben schon vieles gemacht, eine Bar geschmissen, Englisch gelehrt, Taxi gefahren. Im Alter von 52 Jahren erfolgte dann mit „Valentine“ in begeistert aufgenommes Debüt als Autorin. Auch Angie Kim hat sich erst spät für eine schriftstellerische Karriere entschieden. Die geborene Südkoreanerin zog als Teenagerin in die USA und arbeitete als Anwältin. Ihr Romandebüt „Miracle Creek“ veröffentlichte sie auch erst mit 50 Jahren und gewann dafür 2020 den Edgar für den besten Debütroman. Zeit für eine Doppelrezension.

Elizabeth Wetmore | Wir sind dieser Staub

Odessa, im Westen von Texas Mitte der 1970er Jahre. Es dämmert bereits an diesem Valentins-Morgen, als die 14-jährige Gloria Ramírez schwer misshandelt aus einem Pick-up taumelt, in dem sie die ganze Nacht brutal vergewaltigt wurde. Während ihr Peiniger seinen Rausch ausschläft, flüchtet sie barfuß durch endlos staubige Weite, die Füße von Glasscherben und Kakteen, die Hände von Stacheldraht zerschnitten zur nächstgelegenen Ranch. Die Landschaft scheint nur aus rotem staubigem Wüstensand und Büffelgras zu bestehen. Präriehasen hoppeln zwischen ausrangierten Pipelines und Bohrtürmen umher und unter dem ständigen Auf und Ab der Ölpumpen haben sich Mokassinotter und Klapperschlangen zusammengerollt. Gloria erreicht die Veranda der Whitehead-Ranch und bittet die 26-jährige, mit dem zweiten Kind hochschwangere Mary Rose um Hilfe. Mittlerweile hat sich Dale Strickland in seinem Truck auf den Weg gemacht, um Gloria einzuholen. Während ihre kleine neunjährige Tochter Sheriff und Krankenwagen alarmiert, versucht Mary Rose den jungen Ölarbeiter mit dem Gewehr in Schach zu halten. Dabei befindet sie sich in einem inneren Konflikt und wünscht sich das übel zugerichtete Mädchen wäre auf einer anderen Farm gelandet.

Und da verstummt er, späht sekundenlang an mir vorbei zum Haus und verzieht den Mund zu einem breiten Grinsen. Ich frage mich, ob meine Tochter am Fenster steht, und neben ihr das fremde Mädchen mit den schwarzvioletten Augen und den aufgeplatzten Lippen. …. Wir rühren uns nicht, ich und mein möglicherweise geladenes Gewehr. (Auszug Seite 33)

Nach diesem atemberaubenden Anfangskapitel wird aus der Perspektive verschiedener Frauen, die auf die eine oder andere Weise in die Geschehnisse verwickelt sind, erzählt. Dabei liest sich jede Episode wie eine eigenständige Kurzgeschichte. Trotz ihrer mutigen Tat ist Mary Rose Whitehead danach ständigen Schikanen ausgesetzt. Sie wird bedroht und beschimpft, der Täter, Sohn eines Pfarrers wird verteidigt, das Opfer in den Schmutz gezogen und rassistisch sowie sexistisch beschimpft. Selbst ihr Ehemann Robert versteht nicht, dass sie wegen einer jungen Mexikanerin, die aus purer Langeweile zu einem Fremden ins Auto gestiegen ist, sich und das Leben ihrer Tochter in Gefahr gebracht hat. Trotzdem will Mary Rose unbedingt im späteren Prozess gegen Dale Strickland aussagen. Auf der entlegenen Farm fühlt sie sich nicht mehr sicher. Ihr Mann kümmert sich von früh bis spät fast allein um die Rinderzucht, nachdem die letzten Helfer abgehauen sind, um gegen bessere Bezahlung auf den Ölfeldern zu arbeiten und so zieht sie mit Tochter und Neugeborenem in die Stadt. Auch hier wagt sie es nicht, ihre Tochter auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.

Neben Mary Rose und Gloria, die sich nach der traumatischen Erfahrung Glory nennt, erfahren wir von der Nachbarin Corrine, einer ehemaligen Lehrerin, die ihren Schmerz über den Tod des geliebten Mannes Potter in Alkohol ertränkt. Weiter von der 10-jährigen Debra Ann, dessen Mutter Ginny abgehauen ist und die sich fürsorglich um einen obdachlosen Vietnam-Veteranen kümmert. Mit viel Empathie aber wenig Nachsicht schaut Elizabeth Wetmore sehr genau auf ihre Frauenfiguren, die alle irgendwie desillusioniert und gebrochen sind, aber mit einem Rest an Würde gegen ausweglose Situationen kämpfen.

Warum hat Gott Texas das Öl geschenkt? Als Wiedergutmachung für alles, was Er dem Land angetan hat. (Auszug Seite 284)

In Odessa bietet die Arbeit auf den Ölfeldern den Männern eine Chance auf gutes Geld und ein besseres Leben. Trotz hoher Unfallrate erscheint diese Tätigkeit den meisten erstrebenswerter als das Leben der Farmer, deren Existenzen durch Dürre, Ungeziefer sowie fallende Rinderpreise bedroht sind. Für Frauen scheint das Land der Ölbarone nicht besonders geeignet. Das zeigt Wetmore auf besondere Weise, indem sie die weibliche Perspektive in diesem männlichen, rauen Setting in den Vordergrund rückt. Sie müssen sich unterordnen, harren unglücklich im tristen Alltag aus, und versuchen, mit wenig Aussicht auf Veränderung irgendwie zu überleben. Die wenigsten sehen eine Perspektive. Noch tiefer als die Frauen stehen nur die illegal eingewanderten Mexikaner. Dennoch ist der Roman nicht komplett deprimierend, der Autorin gelingt es immer wieder auch Szenen der Hoffnung und der Menschlichkeit zu zeigen. Elizabeth Wetmore ist in den 70ern im westlichen Texas in genauso einem Kaff aufgewachsen, inmitten einer trostlosen Landschaft geprägt von Förderanlangen für Erdöl und Erdgas, bis ihr mit 18 Jahren der Absprung gelang. Trotzdem spürt man ihre Liebe zu dieser unwirtlich scheinenden texanischen Natur, denkt man nur an die kleinen, sehr sarkastischen Witze zwischendurch.

Fernab von allen Genreschubladen, denn Elizabeth Wetmores großartiges Debüt ist vielmehr als ein Spannungsroman, zeichnet sie das Bild vom Aufbrechen verkrusteter Strukturen im ländlichen Amerika der 70er Jahre. Dabei ist ihr Schreibstil derart bildgewaltig, man spürt die Hitze und den Staub fast körperlich, man kann die nach Öl stinkende Luft praktisch riechen, die unendliche Weite vor sich sehen und die Langeweile in der Ödnis nachempfinden. Mit großer Ausdruckskraft und rauer, jedoch auch poetischer Sprache schildert sie eine Machogesellschaft, in der Sexismus und Rassismus dominieren. In einem fein austarierten Plot erzählt sie von Ungerechtigkeiten, dem hilflosen Ausgeliefertsein aber auch von einer neuen Generation von Frauen, die sich nicht mehr alles gefallen lassen und erstmalig gegen die Macht des Patriarchats aufbegehren.

Angie Kim | Miracle Creek

In einer Kleinstadt in Virginia beginnt vor dem örtlichen Gericht ein Mordverfahren. Angeklagt ist Elisabeth Ward wegen Mordes an ihrem Sohn Henry und einer Bekannten Kitt Kozlowski. Die Todesumstände waren äußerst ungewöhnlich: Elisabeth und Henry sowie Kitt und ihr Sohn TJ (beide Söhne sind autistisch) besuchten mit weiteren Personen einen ungewöhnlichen Therapieort. Das „Miracle Submarine“ ist eine U-Boot-ähnliche Druckkammer, in der die hyperbare Sauerstofftherapie, die Darreichung 100%igen Sauerstoffs, durchgeführt wird. Betrieben wurde das „Miracle Submarine“ von der Familie Yoo, koreanische Einwanderer, in einer Scheune am Waldrand. Ein Risiko bei dieser Therapie ist jedoch das erhöhte Brand- und Explosionsrisiko aufgrund des reinen Sauerstoffs. Tatsächlich kam es eines Abends zu einer Brandentwicklung nahe der Sauerstoffschläuche, die dann auf die Druckkammer übersprang. Henry und Kitt starben, der Betreiber Pak Yoo konnte die weiteren Insassen der Druckkammer befreien. Er selbst, seine Tochter Mary und der Patient Matt Thompson erlitten dabei noch schwere Verletzungen. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit war Elisabeth nicht mit in der Kammer, sondern außerhalb der Scheune. Aufgrund mehrerer Indizien glaubt die Staatsanwaltschaft, Elisabeth habe die Tat begangen. Motiv: Sie wollte sich endlich der Last ihres autistischen Sohnes befreien.

Die Autorin Angie Kim erzählt die Geschichte abwechselnd aus der Perspektive der beteiligten Personen. Durch diese Perspektivwechsel und auch durch den Fortgang der Gerichtsverhandlung, in der Elisabeths Anwältin einiges unternimmt, um den Verdacht von ihrer Mandantin hin auf andere zu ziehen, entstehen von Beginn an beim Leser Zweifel an der Version der Staatsanwaltschaft. Allerdings erzählen hier sehr viele Personen nicht die Wahrheit oder verschweigen wichtige Dinge, um sich nicht selbst in Misskredit und zumindest in ein schlechtes Licht zu rücken. So wird schnell enthüllt, dass Pak Yoo die Aufsicht im Moment der Katastrophe seiner Frau übertragen hatte. Und was für ein merkwürdiges Verhältnis hatten Matt und Paks minderjährige Tochter Mary? Und wer hatte sich eine Woche vor dem Unglück nach der Brandschutzversicherung erkundigt? Zahlreiche Fragen tauchen auf, die Figuren umspinnt ein immenses Lügennetz, das sich nur langsam entflechtet.

Sie brauchte Antworten. Sie löste die Bremsen, setzte zurück, vom Baum weg, und fuhr zurück zur Straße. Nach links ging es zum Gericht, sie könnte noch vor dem Ende der Mittagspause wieder dort sein, an der Seite ihres Mannes. Aber da würde sie keine Antworten bekommen. Nur noch mehr Lügen, die weitere Fragen aufwarfen. […] Sie fuhr nach rechts. Sie musste nach Antworten suchen. Allein. (Auszug S.256-257)

Ähnlich wie Elisabeth Witmore kann man Angie Kims Roman auch nicht so ganz einem Genre zuordnen. Viele Szenen spielen vor Gericht und doch ist es kein klassischer Justizthriller. Der Roman dringt noch deutlich tiefer in die persönlichen Verhältnisse der Figuren ein, er erzählt von Mutterliebe, Zweifel und Verzweiflung angesichts eines eigenen autistischen Kindes, von Identität und patriarchalem Stolz koreanischer Einwandererfamilien, von Missgunst, Untreue und krankhaftem Kinderwunsch. Alle Figuren sind dabei verbunden in mangelnder Kommunikation, Verschweigen, Vertuschung bis hin zur offenen Lüge.

Insgesamt gelingt Angie Kim ein überzeugender psychologischer Spannungsroman, dem es über die gesamte Zeit gelingt, durch neue Enthüllungen und Wendungen die Spannung und Aufmerksamkeit hochzuhalten. Dabei überzeugt vor allem die Struktur und der Aufbau des Romans und der sehr intime Blick auf die Figuren.

 

Foto und Rezensionen von Andy Ruhr (Wir sind dieser Staub) und Gunnar Wolters (Miracle Creek).

Wir sind dieser Staub | Erschienen am 30.09.2021 im Eichborn Verlag
ISBN 978-3 84790-092-4
320 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Valentine | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Eva Bonné
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 5 von 5
historischer Kriminalroman | Western

Miracle Creek | Erscheinen am 09.03.2020 bei Hanserblau
ISBN: 978-3-906-90315-6
520 Seiten | 24,- €
Originaltitel: Miracle Creek | Übersetzung aus dem Englischen von Mareike Heimburger
Bibliografische Angaben & Leseprobe
Wertung: 4,0 von 5
Spannungsroman

Britta Habekost | Stadt der Mörder

Britta Habekost | Stadt der Mörder

Er schwamm hinter ihr wie ein Hai in blutigem Kielwasser. (Auszug Seite 9)

Wie man am Titel schon unschwer erkennen kann, zeigt Britta Habekost in ihrem historischen Kriminalroman Paris mal nicht als die Stadt der Liebe. Der Fokus liegt nicht auf verliebten Pärchen an der Seine, romantischen Blumenverkäufern und auch nicht auf Akkordeonspielern auf den Boulevards. Stattdessen ist die Handlung in den dunklen und schmuddeligen Ecken Paris angesiedelt. Einer Großstadt, die immer noch unter dem Einfluss des vor kurzem beendeten 1. Weltkriegs steht und in der die Zukunftsaussichten der meisten Pariser nicht besonders rosig sind. Bereits der Prolog führt uns auf die Fährte eines Serienmörders, der unter dem Einfluss von Drogen und hochprozentigem Alkohol sein nächstes Opfer verfolgt und dabei einen Einblick in seine kranke Gefühls- und Gedankenwelt gibt.

Er hatte einen grässlichen Nachgeschmack von Absinth in seinem Mund, und in seinen Adern breiteten sich die Wohltaten chemischer Engel aus. Er hatte genug Heroin intus, um ihr die ganze Nacht durch Paris zu folgen. Und genug, um auch andere Dinge zu tun, ohne die kleinste Kraftanstrengung, ohne Reue oder Bedauern. (Auszug Seite 10)

Die Romanhandlung beginnt an einem kalten Pariser Morgen Mitte Dezember 1924. Am Place du Panthéon wird in einem Jutesack die grausam entstellte Leiche eines jungen Mannes gefunden. Aufgrund eines Muttermals kann der verstümmelte Körper dann relativ schnell als der 16-jährige Sohn der adeligen Familie de Faucogney identifiziert werden. Clément Faucogney war vor einiger Zeit gemeinsam mit seinem Kindermädchen auf dem Weg zum Fechtunterricht verschwunden. Auch von der 26-jährigen Gouvernante fehlt seither jede Spur. Leiter der Mordermittlung ist Lieutenant Julien Vioric. Wie viele seiner Landsleute hat der Lieutenant den Krieg nur schwer traumatisiert überlebt. Nicht nur körperlich durch einen Granatsplitter in der Schulter verletzt, macht ihm das das Erlebte auf den Schlachtfeldern immer noch sehr zu schaffen. Der aktuelle Fall bringt ihn aufgrund seiner Grausamkeiten an die Grenze des für ihn Erträglichen. Der adelige Bengel ist aber nur das erste Opfer in einer Reihe monströser Taten. Als weitere Morde von einem scheinbar fanatischen und äußerst enthemmten Täter geschehen, bringt das die Préfecture gehörig unter Druck. Deren Polizeipräfekt, Edouard Vioric ist Juliens Bruder, der ihm schon immer das Leben schwer machte.

Eine Spur führt Vioric zu der jungen Lysanne Magloire. Die unbedarfte Frau aus der Provinz hat es völlig mittellos nach Paris verschlagen um nach ihrer vor 4 Jahren verschwundenen Schwester Isabelle zu suchen. Beide Frauen hatten während des Krieges als ausgebildete Krankenschwestern gearbeitet, Isabelle zerbrach fast an ihren Aufgaben im Lazarett und wurde kokainsüchtig. Nach dem Tod des Vaters und ihres besten Freundes hatte Lysanne ihr Dorf verlassen. Doch jetzt reicht ihr Geld nicht mehr, die Polizei nimmt sie bei ihrer Suche nicht ernst und Paris ist so gar nicht die verheißungsvolle, vibrierende Metropole voller Künstler, die sie sich ziemlich naiv vorgestellt hatte.

Die Gesänge des Maldoror

Lysanne lernt in einem Café den charismatischen Dichter Louis Aragon kennen, der sie bestärkt, ihr schriftstellerisches Talent auszuleben. Er bringt sie in den Kreis der Surrealisten, eine buntgemischte Gruppe von Menschen, die sich an verschiedenen Orten treffen, schreiben und spielen. Zu ihnen gehören Schriftsteller, Maler und bildende Künstler. Es sind Freigeister, Anarchisten, die die Werte des etablierten Bürgertums ablehnen und eine neue Sicht auf die Welt in teilweise ungewöhnlichen Aktionen verbreiten möchten sowie oft die Obrigkeiten mit großem Vergnügen bloßstellen.

Im Laufe der Ermittlungen verdichten sich für Vioric die Hinweise, dass der Täter aus den Reihen der Surrealisten kommen könnte. Denn der Serienmörder lässt sich scheinbar bei seinen Taten von den grausamen Szenen aus ihrem Manifest „Die Gesänge von Maldoror“ inspirieren. Lysanne begibt sich in große Gefahr, denn immer wieder führen Spuren zu ihrer Schwester, zu ihrer Vergangenheit und zu den Surrealisten, die sie faszinieren und in deren Umfeld sie sich immer häufiger aufhält.

Durch Britta Habekosts poetische Sprache und ihren bildgewaltigen Schreibstil wird man mühelos in das faszinierende wie abstoßende Geschehen hineingezogen. Das Flair der glamourösen Metropole an der Seine der Nachkriegszeit, besonders das Nebeneinander von künstlerischer Dekadenz und bitterer Armut wird sehr gut eingefangen in teilweise harten sowie drastischen Bildern. Die Pariser kämpfen nach dem 1. Weltkrieg noch mit vielen Traumata, es ist eine Stadt zwischen Gewalt und Vergnügungssucht. Einer dieser Menschen ist der schwermütige Julien Vioric, der sich immer wieder in Schuldgefühlen und Kriegserinnerungen verliert. Im Gegensatz zu seinem Bruder ist er verletzlich und kein hartgesottener Ermittler. Für mich ein absoluter Sympathieträger. Auch andere Charaktere werden sehr authentisch dargestellt und sind in ihrer Verlorenheit sehr spürbar. Es entsteht eine bedrückte Grundstimmung mit melancholischen Untertönen, in der die Autorin die düstere Atmosphäre der Großstadt mit einem vielschichtigen Krimiplot verwebt und das auch noch mit dem Geschehen der Surrealistenszene verknüpft.

Die Surrealisten

Eine zentrale Rolle spielen die französischen Surrealisten rund um die real existierenden Personen Louis Aragon, André Breton, Robert Desnos u.a. die Habekost als Kunsthistorikerin gekonnt in Szene gesetzt hat, einschließlich einiger historisch belegter Aktionen und Aktivitäten der Gruppe. Fast nebenbei wird man mit ihrem Gedankengut vertraut gemacht und erfährt einige spannende Details über die Figuren. Spannend, düster und manchmal auch sehr amüsant, wenn die Surrealisten im Zuge der Mordermittlungen zum Verhör auf die Polizeistation gebeten werden und sich dabei unglaublich skurrile aber auch irgendwie philosophische Gespräche ergeben und die Polizisten lässig vorgeführt werden. Ganz raffiniert werden hier kunsthistorische Fakten und Fiktion zusammengeworfen. Dadurch ist „Stadt der Mörder“ ein besonderer Roman, der sich deutlich von den unzähligen historischen Kriminalromanen, die zurzeit den Markt überschwemmen, abhebt.

Ich kannte Surrealismus nur als Kunstbewegung und mir war nicht klar, dass der Surrealismus, wie in Britta Habekosts Nachwort zu lesen, in seinen Anfängen keine Kunst sein wollte, sondern eine Revolution des Denkens und der Art zu leben und sich als Lebenskunst gegen traditionelle Normen äußerte. Am Ende wird der Fall gut aufgelöst und auf die angekündigte Fortsetzung freue ich mich schon sehr.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Stadt der Mörder | Erschienen am 27.09.2021 im Penguin Verlag
ISBN 978-3 3286 0195 1
464 Seiten | 20,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Joe R. Lansdale | Ein feiner dunkler Riss

Joe R. Lansdale | Ein feiner dunkler Riss

In mir wuchs die Befürchtung, dass es – was auch immer es war – mich packen und mit sich ziehen würde, auf die andere Seite dieses feinen, dunklen Risses: der Grenze zwischen der Welt der Lebenden und der Welt der Toten. (Auszug Seite 94)

In einem heißen texanischen Sommer im Jahr 1958 begegnen wir unserem Protagonisten Stanley Mitchel. Der Dreizehnjährige ist erst vor kurzem mit seiner Familie in das fiktive Kaff Dewmont in East Texas gezogen, wo sich sein Vater einen Traum erfüllte und das dortige Dew Drop Drive-In Autokino betreibt. Stan streift an heißen Sommertagen mit seinem Hund Nub durch die Gegend und genießt bis Schulbeginn das noch unbeschwerte Leben eines naiven, wohlbehüteten Heranwachsenden. Hinter dem Wohnhaus beginnen die Wälder und eines Tages finden er und seine ältere Schwester Caldonia zufällig in der Ruine einer abgebrannten Villa ein verwittertes Metallkästchen mit geheimnisvollen Briefen. Im Gegensatz zu seiner Schwester ist Stan gleich fasziniert, er wittert ein großes Abenteuer und beginnt Detektiv zu spielen. Die Villa gehörte der angesehenen Familie Stilwind und bei dem Brand vor 20 Jahren kam die Tochter Jewel Ellen ums Leben. In der gleichen Nacht wurde die junge Margret Wood vergewaltigt und ermordet auf den Gleisen gefunden. Ihr Kopf wurde nie entdeckt und seitdem soll ihr Geist in der Gegend herumspuken. Bei seinen Erkundigungen unterstützt ihn der lebenskluge sowie oftmals launische Schwarze Buster Smith. Der trunksüchtige Alte war früher mal als Hilfspolizist tätig und arbeitet jetzt als Filmvorführer für seinen Vater. Das zunächst harmlos beginnende Detektivspiel entwickelt ungeahnte Ausmaße und Stan findet sich in einem ausgewachsenen Kriminalfall wieder.

Die fesselnde Aufklärung der damaligen Verbrechen rückt mal mehr, mal weniger in den Vordergrund, die Krimielemente des Romans bilden dabei nur das Gerüst für eine warmherzige Coming-of-Age Geschichte und eine genaue Milieustudie der amerikanischen Provinz der 50er Jahre. Dieser Sommer wird das Leben von Stan gehörig auf den Kopf stellen und für immer verändern. Er wird nicht nur sexuell aufgeklärt, er lernt auch Rassismus, Alkoholismus und häusliche Gewalt kennen. Während er in einem liebevollen Elternhaus aufwächst, wird sein bester Freund Richard täglich von seinem Vater verprügelt. Auch die schwarze Hausangestellte Rosy Mae erfährt von ihrem brutalen Partner täglich Gewalt. Sie findet Unterschlupf bei den Mitchels, kann aber auch nicht von ihrem alkoholsüchtigen Geliebten lassen. Stans heile Welt bekommt Risse und er wird mit einer bitterbösen Realität konfrontiert, die ihn seine Unschuld verlieren und erwachsen werden lässt. Ende der 1950er Jahre ist in Amerika Rassentrennung noch an der Tagesordnung. Schwarze und Weiße leben in voneinander getrennten Vierteln, werden auf unterschiedlichen Friedhöfen beerdigt oder sitzen im Kino in getrennten Bereichen, Frauen haben generell nur wenig zu sagen.

Die Handlung ist eher ruhig, ohne übertriebenes Pathos erzählt und weist einige dramatische sowie spannende Passagen auf. Die menschlichen Abgründe, die hinter der kleinstädtischen Idylle lauern, werden aber geschmeidig in die Handlung eingewebt und trotz der Schwere der Themen bleibt der Tonfall leichtfüßig. Besonders durch die hemdsärmelige Erzählweise, passend aus der Perspektive eines Dreizehnjährigen mit bisweilen schnoddrigen Dialogen und deftiger Ausdrucksweise, entsteht eine Leichtigkeit. Die Dialoge klingen authentisch und verzichten dennoch nicht auf einen literarischen Anspruch. Lansdale erzählt seine Geschichte sehr einfühlsam, die er auch nie aus den Augen verliert, und nah an den Figuren, die er glaubwürdig ausleuchtet. Sie überzeugen durch Authentizität und Lebendigkeit.

Wahrscheinlich spielten sich solche Dinge in jeder Kleinstadt ab, und die meisten Leute merkten nichts davon. Ich hätte lieber zu den meisten Leuten gehört. Es war, als ob ich einen Deckel angehoben hätte, und nun kamen alle üblichen Geheimnisse der Welt hervorgekrochen. (Auszug Seite 297)

Lansdale beschreibt die eindrückliche Szenerie einer texanischen Kleinstadt, wo die älteren Leute am späten Nachmittag im Unterhemd auf Veranden sitzen und sich unterhalten, während die Glühwürmchen ausschwärmen und die Sonne wie ein roter Feuerball in die Wälder von East Texas eintaucht und die Jugendlichen mit pomadiger Haartolle oder Pferdeschwanz vorm Dairy Queen herumlungern, Milchshakes im Drugstore trinken und Rockabilly im Radio hören und ich konnte in dieses Setting und in die dichte Atmosphäre mit viel Südstaatenflair versinken.

Ein sehr gelungenes Zeitportrait mit einem Protagonisten, der in seiner jugendlichen Naivität felsenfest an den amerikanischen Traum glaubt und sich eine tiefe Menschlichkeit bewahrt.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Ein feiner dunkler Riss | Erschienen am 17.02.2014 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-6497-7
351 Seiten | 8,99 €
Originaltitel: A Fine Dark Line (Übersetzung aus dem amerikanischem Englisch von Heide Franck)
Bibliografische Angaben & Leseprobe zur Zeit nur antiquarisch verfügbar

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Abgehakt | Kurzrezensionen März 2022

Unsere Kurzrezensionen zum Ende März 2022

 

Philip Kerr | Metropolis

Lange vor Volker Kutscher und Co. startete Philip Kerr seine Reihe um den zynischen, aber moralisch integren Privatdetektiv und ehemaligen Polizisten Bernie Gunther während der Nazi-Zeit. Spielten die ersten Bände Mitte/Ende der 1930er, so waren die letzten Bände in der Nachkriegszeit angelegt, in der es aber immer noch vor Nazis wimmelte. Kurz vor seinem viel zu frühen Tod 2019 stellte der Autor mit Band 14 noch dieses Prequel fertig, dass 1928 spielt.

Gunther ist noch bei der Berliner Polizei und wechselt gerade von der Sitte zur Kripo zu dem inzwischen allgemein bekannten Ernst Gennat und seinem Chef Julius Weiß. Die Kripo hat Ende der goldenen Zwanziger alle Hände voll zu tun. Die Stadt in Aufruhr hält gerade ein Serienmörder, der „Winnetou“ genannt wird, weil er seine Opfer, Prostituierte, skalpiert. Kurz darauf wird ein weiterer Serientäter aktiv, das Opfer sind diesmal kriegsversehrte Obdachlose. Gunther ist der einzige, der hier einen Zusammenhang vermutet.

Die Zutaten dieses historischen Krimis sind inzwischen allgemein bekannt, wie auch viele der auftretenden Figuren. Kerr war ein versierter Rechercheur, es gibt vielerlei Verwebung von Fakten und realen Personen. So baut Kerr eine Begegnung mit George Grosz oder einen Besuch der legendären Kneipe „Sing Sing“ ein. Allgemein geht es um den Moloch Berlin, den manche am liebsten von einigen Menschen gesäubert sehen würden, seien es Huren, Krüppel oder Juden, das gesunde Volksempfinden und allgemein um Schäden der Seele. Die Nazis mit ihren menschenverachtenden Parolen erreichen immer mehr Zulauf. Natürlich tummeln sich inzwischen einige Autoren auf dieser Spielwiese, aber das Niveau von Kerr über die gesamte Reihe ist schwer zu erreichen. Aus meiner Sicht war diese Reihe immer geradliniger und stilistisch besser als die Konkurrenz in diesem Genre. Sehr traurig, dass dies der letzte Roman von Philip Kerr bleiben wird.

 

Metropolis | Erschienen am 14.09.2021 bei Wunderlich im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-8052-0047-9
400 Seiten | 24,- Euro
Originaltitel: Metropolis (Übersetzung aus dem Englischen von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4,0 von 5
Genre: Historischer Krimi

 

John McMahon | Cold Detective

Detective P.T. Marsh ist seit dem Unfalltod seiner Frau und seines Kindes nur noch ein Schatten früherer Tage, auch wenn er das im Dienst noch halbwegs verbergen kann. Eine Stripperin erzählt ihm, dass sie häufig von ihrem Freund verprügelt wird. Marsh nimmt sich eines Nachts im trunkenen Zustand der Sache an und verpasst dem Typen eine Abreibung. Dummerweise wird Marsh am nächsten Morgen zu einem Mordfall gerufen und ebenjener Typ, ein Neonazi, ist das Opfer. Die Sache wird aber schnell überlagert von einem weiteren Todesfund. Ein Feldbrand wird gelöscht und der Leichnam eines toten schwarzen Teenagers gefunden. Marsh merkt schnell, dass dies ein Lynchmord war und versucht Details verbogen zu halten, um keinen Aufruhr in der Bevölkerung in der Kleinstadt in Georgia hervorzurufen. Indizien führen zu dem toten Neonazi und Marsh stellt sich die Frage, ob er nicht doch versehentlich den Hauptverdächtigen ermordet hat.

„Cold Detective“ ist der Auftakt zu einer Reihe um den Detective P.T. Marsh aus Georgia, der hier im ersten Fall es mit einer offensichtlich rassistischen Tat zu hat. Autor John McMahon spielt mit verschiedenen Versatzstücken, die allesamt dem Leser nicht ganz unbekannt sind: Der gebrochene Ermittler im Kampf gegen alte Ressentiments, gegen korrupte Kollegen und andere gesellschaftlich hochrangige Personen. Die Tat und ihre Umstände sind nicht frei von Mystik, was gewisse Inspiration z.B. bei der Serie „True Detective“ vermuten lässt. Dennoch macht der Autor das über weite Strecken routiniert und ordentlich. „The Good Detective“, so der Originaltitel, wurde 2019 immerhin für den Edgar nominiert. Der Reiz des Plots liegt auch daran, dass der offensichtlich unbestechliche Ermittler immer wieder Angst haben muss, selbst als Verdächtiger im ersten Mordfall in den Fokus zu geraten. Ein wenig übertrieben fand ich jedoch die weitere Entwicklung im Lynchmord, bei dem für meinen Geschmack ein allzu großes Rad gedreht wird. Insgesamt mit Abstrichen aber ein passabler Reihenauftakt.

 

Cold Detective | Erschienen am 07.01.2022 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-31711-5
400 Seiten | 13,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-492-99980-9 | 9,99 €
Originaltitel: The Good Detective (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Sven-Eric Wehmeyer)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,0 von 5,0
Genre: Gesellschaftskritischer Krimi

 

 

Doug Johnstone | Eingeäschert (Band 1)

Als Bestattungsunternehmer Jim Skelf mit etwa siebzig Jahren plözlich verstirbt, hinterlässt er drei Frauen, die sich fortan ums Familienunternehmen, zu dem auch eine Detektei gehört, kümmern müssen: Seine Frau Dorothy, seine Tochter Jenny und Enkelin Hannah. Ganz schnell kommt heraus, dass Jim regelmäßige Geldzahlungen an eine Frau und ihre Tochter vor seiner Frau verheimlicht hat, was Dorothy sehr erschüttert. Währenddessen verschwindet die Mitbewohnerin aus Hannahs Studenten-WG spurlos und da die Polizei wenig unternimmt, soll nach Hannahs Wunsch die Detektei Skelf das Verschwinden von Melanie Cheng aufklären.

„Eingeäschert“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die drei Damen vom Bestattungsinstitut. Sehr morbide beginnt der Roman mit der Einäscherung des toten Familienoberhaupts Jim Skelf auf einem Scheiterhaufen im Garten. In der Folgezeit begleiten wir Dorothy, Jenny und Hannah abwechselnd durch Perspektivwechsel bei ihren Ermittlungen. Dorothy im Fall Jim Skelf, Jenny in einem neuen Fall von vermeintlichem Ehebruch, den die Detektei annimmt, und Hannah im Fall Melanie Cheng.

Autor Doug Johnstone ist von Haus aus Astrophysiker und somit darf der Originaltitel „A Dark Matter“ (Dunkle Materie) gerne erwähnt werden, denn er beschreibt sehr gut die Lebenslagen der drei Frauen, die sich neben der Trauer um Jim in unterschiedlichen Lebensaltern verschiedenen Krisen ausgesetzt sehen. Dorothy als belogene Ehefrau, Jenny frisch geschieden und joblos in der Midlife-Crisis, Hannah in tiefer Sorge um eine enge Freundin. Ihre Bahnen und Geschicke werden von unbekannten Dingen beeinflusst wie dunkle Materie das Universum. Ein gelungener Kriminalroman um familiäre Bande, das Leben und den Tod und über toxische Beziehungen mit einem ungewöhnlichen weiblichen Ermittlertrio.

 

Eingeäschert | Erschienen am 18.01.2022 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-42-0
424 Seiten | 25,- €
Originaltitel: A Dark Matter (Übersetzung aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 4 von 5;
Genre: Krimi

 

Ralf Langroth | Ein Präsident verschwindet

Besagter Präsident ist der Chef des damals noch sehr jungen bundesdeutschen Verfassungsschutzes. Am 20. Juli 1954 verschwindet Otto John und taucht kurz darauf scheinbar freiwillig in Ost-Berlin bei einer Pressekonferenz mit den DDR-Spitzen auf. Ein Coup der DDR gegen den Westen mit seiner Nazi-Kontinuität oder ist John doch nicht so freiwillig wie gedacht im Osten? Philipp Gerber von der Sicherungsgruppe des BKA soll in Berlin auf besonderen Wunsches von Kanzler Adenauer ermitteln. Das kommt Gerber sehr gelegen, ist doch seine Freundin, die Journalistin Eva Herden, ebenfalls in Berlin verschwunden. Hat sie etwas mit dem Fall Otto John zu tun?

Der Roman ist der zweite Band der Reihe historischer Thriller um den BKA-Beamten Philipp Gerber, der als Ausgewanderter mit der amerikanischen Armee im 2.Weltkrieg nach Deutschland kam und nun dort geblieben ist. Erneut hat der Autor sich ein reales Ereignis ausgesucht, um die er seine fiktive Geschichte platziert: Den Skandal um Otto John. Das Setting um die Schauplätze Bonn, Berlin und Pullach ist stimmig und akkurat wie auch die weiteren realen Persönlichkeiten, die hier als Figuren eingebettet werden, etwa Kanzler Adenauer oder Reinhard Gehlen, Ex-Wehrmachtsgeneral und dann Chef der Organisation Gehlen, Vorläufer des BND. Auch der Plot um Ost-West-Spionage und Misstrauen zwischen den westdeutschen Geheimdiensten ist gut gemacht und spannend. Ein wenig fallen die Figuren ab, bei denen es dann doch etwas an Tiefe fehlt. Aber als spannender Exkurs in deutsch-deutsche Geschichte ist dieser Roman nicht verkehrt.

 

Ein Präsident verschwindet | Erschienen am 15.02.2022 im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-00477-3
384 Seiten | 16,- €
Als E-Book: ISBN 978-3-644-00829-8 | 9,99 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Wertung: 3,5 von 5;
Genre: Historischer Krimi

 

Fotos und Rezensionen von Gunnar Wolters.