Kategorie: historischer Krimi

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Jürgen Heimbach | Die rote Hand

Die Arbeit war nicht die, die Streich sich erhofft hatte, und Bommel kein Mensch, für den er Sympathie empfand, doch schon beim Grenzübertritt an einem kalten Aprilmontag im letzten Jahr hatte man ihn deutlich spüren lassen, dass auf einen wie ihn niemand wartete. Trotz Wirtschaftswunder und Wir-sind-wieder-wer war offenbar niemand bereit, ihm ordentliche und anständig bezahlte Arbeit zu geben. Er hatte den Kameraden, die ihm genau das vorausgesagt hatten, nicht geglaubt. Oder nicht glauben wollen. (Auszug, S.10)

Frankfurt 1959: Arnolt Streich ist nach Jahren in der Fremdenlegion nach Deutschland zurückgekehrt. Doch er erhält nur eine Anstellung als Wachmann in einem heruntergekommenen Werkstatt- und Garagenhof. Als ein Mordanschlag auf einen Waffenhändler verübt wird, spekuliert die Stadt über die Hintergründe. Hatte der Tote Waffen an die algerischen Befreiungskämpfer verkauft und war das sein Todesurteil? Streich will sich am liebsten aus allem heraushalten, doch er merkt bald, dass ihn die Vergangenheit einholt.

Streich merkt bald, dass er beobachtet wird – offenbar der französische Geheimdienst. Tatsächlich wird er auch bald kontaktiert: Die Franzosen brauchen Informationen von ihm, setzen ihn mit Details aus der Vergangenheit unter Druck. Streich kooperiert notgedrungen, immer noch im Glauben, sich aus den schmutzigen Details heraushalten zu können. Doch als ein weiterer Anschlag verübt wird, an dem auch eine Unbeteiligte ums Leben kommt und die Franzosen ihn nicht aus den Fängen lassen und ihm nahe stehende Personen bedroht werden, entscheidet sich Streich, die Initiative zu übernehmen.

Dabei tat er völlig unbeteiligt. Routine. So, wie Streich es selbst kannte, aus den Kellern. Als harmloser Beginn dessen, was folgen sollte. Und sie wussten alle, was folgen würde. Die Schreie derer, die vor ihnen in diesem Raum waren, hatten sich in ihre Ohren, in ihr Hirn eingebrannt. In jede Faser ihres Körpers. Deshalb hatten sie diesen Raum für die Verhöre ausgesucht, zwischen den Zellen, in denen man den Schreien nicht entgehen konnte. Tag für Tag. Nacht für Nacht. Für Streich war es eine Notwendigkeit. Im Krieg. Nichts Persönliches. Wie für die meisten. Es gab aber auch die anderen. Die taten es mit Begeisterung. (Auszug, S.153)

Protagonist Arnolt Streich ist einer von vielen deutschen Soldaten, die kurz nach dem Ende des zweiten Weltkriegs von der Fremdenlegion rekrutiert wurden. Für die Franzosen war er in so manchem Konflikt seitdem im Einsatz. Sein Spitzname aus der Legion lautet „Quatre d’un coup“ – „Vier auf einen Streich“ – aus einer blutigen Episode des Indochinakriegs. Überhaupt hat Streich so manche Gräueltat miterlebt oder sogar selbst begangen, zuletzt im Algerienkrieg. Sein ganzes Erwachsenenleben war er mehr oder weniger Soldat im Krieg. Nun, zurück in Deutschland, muss er feststellen, dass man trotz Wirtschaftswunder auf jemanden wie ihn nicht gewartet hat. Sein Wachdienstjob bringt ihm zwar immerhin etwas Geld und ein Dach über den Kopf, unterfordert ihn aber total. Sein Leben scheint perspektivlos, ständig springen ihn Bilder aus der Vergangenheit in den Sinn. Er lebt in den Tag hinein und hört immerfort die gleiche Platte auf dem Plattenspieler: „Mon Légionnaire“ von Edith Piaf. Doch ein paar Lichtblicke gibt es: Streich besucht regelmäßig die Prostituierte Gesine, zu der er ein freundschaftliches Verhältnis aufbaut. Und er beschützt das herumstreunende junge Mädchen Lidia vor einer Jungenbande und knüpft so ein zartes Band mit dem Mädchen.

„Die rote Hand“ erzählt eine fiktive Geschichte mit realem Hintergrund. In den 1950er Jahren verübte die vom französischen Geheimdienst getragene Organisation „La main rouge“ zahlreiche Terroranschläge auf Kader und Unterstützer der algerischen Befreiungsorganisation FLN. Unter anderem wurden auch in Deutschland Anschläge verübt, so etwa der hier zu Beginn des Romans erwähnte Anschlag auf den Waffenhändler Purchert im März 1959 in Frankfurt, bei dem dieser ums Leben kam. Aus Staatsräson gab es damals keine ernsthaften Ermittlungen der deutschen Behörden. Autor Jürgen Heimbach ist so etwas wie ein Spezialist für (noch) unverbrauchte historische Stoffe. Seine Trilogie um Kommissar Koch spielte bereits in den Nachkriegsjahren des zweiten Weltkriegs. Nun ist er noch einige Jahre weiter voran gegangen und erzählt eine heutzutage wenig präsente Nachkriegsepisode.

„Ein Roman, der niemanden unberührt lässt“, „schnörkellos und dennoch poetisch.“ So lautet das Urteil der Glauser-Preis-Jury, die Jürgen Heimbach für „Die rote Hand“ in diesem Jahr den Glauser-Preis für den besten Kriminalroman verlieh. Diese Auszeichnung hatte mich nochmal auf den Roman aufmerksam gemacht und ich habe es keinesfalls bereut. Das Setting ist gelungen, die Spannung steigert sich stetig. Die Stimmung ist eher melancholisch bis rau, genau wie die Hauptfigur des einsamen Legionärs, der sich in der Heimat nicht mehr zurechtfindet. Heimbach bleibt auch eng bei seiner Figur und erzählt über eine personellen Erzähler aus dessen Sicht. Dabei strömen immer wieder unvermittelt Bilder aus der Vergangenheit auf Streich ein und vermischen sich mit der realen Situation, was auch textlich ohne Übergang so vom Autor sehr gekonnt umgesetzt wird und den Leser an der einen oder anderen Stelle überrascht. Ebenfalls prominent wird auch die Musik im Roman eingesetzt, neben der Piaf auch einige Jazztitel der 1950er Jahre. Insgesamt also ein wirklich empfehlenswerter Kriminalroman.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Die rote Hand | Die Taschenbuchausgabe erschien am 29.09.2020 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20899-5
288 Seiten | 13,95 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

In diesem Jahr starb – neben vielen anderen Menschen – der größte Star Hollywoods und einige Zeit später auch der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten, unter dubiosen Umständen. Bis heute kursieren wilde Gerüchte darüber, wie er zu Tode kam. Man erzählt sich jede Menge baren Unsinn, aber ich weiß ja, was damals geschehen ist. Ich wollte, ich wüsste es nicht. Andererseits wäre ich sonst niemals ein so guter Koch geworden. Lassen Sie mich Ihnen die Geschichte erzählen. (Auszug E-Book Pos. 77 von 8780)

Die ersten beiden Bände der historischen Krimi-Reihe, die in Hollywood der Stummfilmzeit spielen und die authentische Morde und Skandale behandeln, haben mich total begeistert. Umso neugieriger war ich auf Band 3, der zeitlich nahtlos an die vorherigen Bände anknüpft. Hardy Engel, der ehemalige Berliner Polizist, der Anfang der 1920er Jahre in die USA immigrierte, hat sich inzwischen in Hollywood als Privatdetektiv etabliert. Endlich mit eigenem Büro und Automobil, dass ihm die  klassischen Ermittlertätigkeiten wie zum Beispiel Observierungen vereinfacht.

Es ist das Jahr 1923, als sich Dorothy Reid, die Witwe des kürzlich verstorbenen Hollywood-Superstars Wallace Reid mit einem neuen Auftrag an Engel wendet. Dorothy Reid macht die Filmindustrie für den frühen Tod ihres Mannes verantwortlich. Der Schauspieler war zu der Zeit ein richtiger Actionstar und hatte sich bei einem Autounfall schwere Verletzungen zugezogen. Da das Filmstudio nicht auf seinen Star verzichten wollte, wurden die Schmerzen mit Morphin behandelt. Reid musste ohne Unterlass weiter drehen, worauf er von der starken Droge abhängig wurde und sich sein Gesundheitszustand stark verschlechterte, bevor er dann elendig verstarb.

Der Saubermann und Strippenzieher
Dorothy Reid sieht Will Hays, den Chef der Filmproduzenten als Hauptverantwortlichen. Ausgerechnet den mächtigsten Mann Hollywoods beschuldigt sie als Heuchler und wird dabei von ihrem guten Freund Herbert Somborn unterstützt. Somborn kämpft nach der Trennung von Superstar Gloria Swanson um das Recht seine Kinder zu sehen. Zusammen wollen sie Will Hays zu Fall bringen. Hays gilt als Saubermann; es ist schwierig etwas Skandalöses zu finden und Engel beschattet ihn ständig. Unter anderem reist er auch in Hays Heimat nach New York, um ihn und seine Familie auszuspionieren. Er findet schnell heraus, dass der unscheinbare, kleine Hays sich im Hintergrund hält, aber hinter den Kulissen der Filmstudios alle Strippen zieht. Tatsächlich entdeckt er Verwicklungen von Hays mit dem wieder aufkommenden Ku-Klux-Klan und er pflegt Kontakt mit einer jungen, attraktiven Frau.

Diesmal geht es nicht um einen klassischen Hollywoodskandal. Die Grundidee fand ich nicht ganz so spektakulär wie in den anderen beiden Bänden. Dass man jemanden ausspioniert, um ihm was anzuhängen, gefiel mir einfach nicht. Die Story baut sich langsam auf, der Spannungsbogen war anfänglich, durch die ausschweifenden Schilderungen und Wiederholungen einiger Szenen nicht so hoch. Dafür tauchte ich sofort wieder in die Welt des schillernden Hollywoods und auch hinter die gar nicht so glitzernden Kulissen der Traumfabrik der 20er Jahre ein, die gar nicht so golden waren, sondern grausam, brutal und korrupt.

Rote Fußnägel und weiße Tiger
Wir treffen alte Bekannte wieder, zum Beispiel Polly Brandeis, die grade für Paramount Pictures ein Drehbuch für Gloria Swanson schreibt. Die kecke, extrovertierte Freundin von Hardy Engel ist ein richtiges Flappergirl. So nannte man in den 20er Jahren junge Frauen, die selbstbewusst und emanzipiert, mit modischen Kurzhaarfrisuren rauchten und Alkohol tranken. Auch Hardys bester Freund Buck Carpenter, Wirt des Jail Cafés in Los Angeles, in dem die Drinks in Sträflingskluft serviert werden, ist wieder mit von der Partie. Buck betreibt mittlerweile einen Radiosender, über den er mit Hilfe von Gedichten Codes an seine Alkoholschmuggler durchgibt und damit vor Straßensperren warnt.

Die Fehde der großen Filmdiven Gloria Swanson und Pola Negri wird thematisiert; die eine gilt als Erfinderin der rot lackierten Fußnägel, die andere trat immer mit weißen Tigern auf. Auch die Errichtung des Hollywood-Monuments spielt eine Rolle. Und wenn unser lakonischer Held und Ich-Erzähler im Voisin rumfährt, dann springt im Kopf ein Film mit viel Hollywood-Flair an. Das gelingt durch die mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Szenen. Die Atmosphäre dieser Zeit wird spürbar und bildhaft vorstellbar.

Die Spur führt ins Weiße Haus
Im letzten Drittel wird das Tempo deutlich angezogen, einige überraschende Wendungen sorgen für Rasanz und Spannung. Engel kommt einer Verschwörung auf die Spur. Im korrupten Hollywood wimmelt es nur so von Erpressung und Schmiergeldzahlungen. Diesmal geht es neben der Filmbranche auch um die große Politik, denn Hardy verfolgt mehrere Spuren und eine führt bis ins Weiße Haus und geht in Richtung des amerikanischen Präsidenten. Warren G. Harding war ein Bild von einem Mann und sah so aus wie man sich einen amerikanischen Präsidenten vorstellte. Das schien aber seine einzige Qualifikation zu sein, denn nach seinem Tod wurden einige Skandale öffentlich und Harding galt lange als einer der schlechtesten Präsidenten der USA. Währenddessen lernt Hardy Engel den neuen Chef des LAPD, Gus Vollmer kennen, der neue Ermittlermethoden einführt mit dem Wunsch die allgegenwärtige Korruption einzudämmen. Der „Vater der modernen Polizeiarbeit“ ist auch eine reale Figur, dessen Verbindung mit der fiktiven Story ich mir aber vielleicht etwas geschmeidiger gewünscht hätte.

Der Ku-Klux-Klan
Die Beschreibungen der grausamen Taten des Ku-Klux-Klan waren für mich tatsächlich schwer zu ertragen. Der rassistische und gewalttätige Geheimbund, dessen Ziel die Unterdrückung der Schwarzen und eine weiße Vorherrschaft ist, versuchte seine politischen Ziele mit Terrorakten und Lynchaktionen im ganzen Land zu erreichen. Eigentlich schon 1870 aufgelöst, kam es nach dem Stummfilm „The Birth of a Nation“ 1915 zu einer Neugründung der Bewegung. Der rassistische Inhalt des sehr erfolgreichen Historienfilms trug maßgeblich zur Popularität und gesellschaftlichem Einfluss des Ku-Klux-Klan bei. Die Rituale und Initiationsriten des Ku-Klux-Klan, aber auch wie generell in der Bevölkerung mit Schwarzen umgegangen oder wie über sie gedacht wurde, ließen mich während der Lektüre einige Male zusammen zucken.

Der Aufstieg des Klans in Hollywood, die rassistischen Vorurteile der Roaring Twenties und die Macht des Mediums Film sind die großen, erschreckenden Themen des historischen Kriminalromans, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Wie hochaktuell und brisant konnte der Autor bestimmt nicht erahnen, als er „Die letzte Geliebte“ schrieb.
Eine gelungene Fortsetzung, in der Christof Weigold es wieder meisterhaft versteht, historische Ereignisse mit fiktiven Figuren und Vorkommnissen zu verweben.

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die letzte Geliebte | Erschienen am 20. August 2020 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05326-5
656 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Die korpulente Gerda Wohlleben errötete und zeigte ihrer Freundin Irmgard kichernd das Zettelchen, das der Kellner mit der Saalpost gebracht hatte. Ick bin so jalant, nehm Ihnen bei der Hand. Wenn Se nicken, lass ick mir blicken. Bei Clärchen gab es keine Telefone, diese neue, kostspielige Mode machte sie nicht mit. Papier erfüllte den Zweck genauso gut und war auch romantischer als ein Apparat, der auf dem Tisch stand und kaum Platz für Sekt und andere Erfrischungen ließ. (Auszug Seite 11)

An einem heißen Abend im Sommer 1928 wird das Tanzvergnügen in Clärchens Ballhaus in Berlin jäh unterbrochen. Während im Saal der Witwenball stattfindet, wird die Garderobiere Adele Schmidt im Hinterhof tot aufgefunden. Alles deutet auf eine Gewalttat hin und Leo Wechsler, Oberkommissar im Berliner Morddezernat, der sich gerade auf einer Feier der Kripo im Lunapark befindet, wird informiert. Es ist Wochenende und es herrscht natürlich Hochbetrieb in dem Amüsierviertel. Leo hat die schwierige Aufgabe, in der unübersichtlichen Lage die Befragungen aller Gäste und Angestellten zu organisieren. Ausgerechnet jetzt fehlt Freund und Kollege Robert Walther unentschuldigt. Zur kurzfristigen Unterstützung stößt ein Kollege von der Politischen Polizei hinzu. Adele Schmidt wurde offenbar erstickt, nachdem sie zuvor mit Chloroform betäubt wurde.

Das Phantom von Frankfurt

Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen, zunächst führen aber alle Spuren in Sackgassen. Die bei allen beliebte Adele lebte in einfachen Verhältnissen, wie konnte sie sich das teure Seidenkleid leisten, dass sie am Tage ihrer Ermordung trug? Verdächtig macht sich auch ihr kommunistischer Exfreund, der mit der Trennung nicht gut zu Recht kam und ein kurz nach der Tat nicht mehr aufzufindender Pianist sorgt für ordentliche Verwirrung. Die patente Clara Bühler kann sich keinen Anschlag von Konkurrenten vorstellen, zu sehr halten sie und ihre „Saalschwestern“ zusammen.

Erst als kurz darauf ein junges Mädchen in einem Berliner Park vergewaltigt wird, kommt Bewegung in die Ermittlungen. Das Opfer wurde ebenfalls vorher mit Chloroform betäubt und Wechsler findet einen Hinweis auf eine einige Jahre zurückliegende Vergewaltigungsserie in Frankfurt. Der Täter wurde nie gefasst und in der Öffentlichkeit „Das Phantom von Frankfurt“ genannt.

Meine Meinung

Im bereits siebten Band der Reihe entführt Susanne Goga den Leser in die schillernde Welt der Tanzpaläste und Amüsierbetriebe der damaligen Zeit, auch die Schilderung der Verhältnisse der ärmeren Bevölkerung kommt nicht zu kurz. Die privaten Probleme der Ermittler drängen sich nicht in den Vordergrund, aber Susanne Goga nutzt hauptsächlich in Nebensträngen das Alltagsleben ihrer Figuren, die Lebensumstände der damaligen Zeit oder die Situation der Frauen in der Gesellschaft darzustellen. Auch die politische und gesellschaftliche Lage wird durch die Nebenfiguren illustriert. Und wenn man die Serie von Anfang an verfolgt, will man natürlich wissen, wie die vertrauten Charaktere sich entwickeln, was sie erleben. Zum Beispiel wenn Wechslers Sohn Georg von Hitlerjungen verprügelt wird oder seine naturwissenschaftlich interessierte Tochter Marie eine Ausbildungsstelle für medizinisch-technische Assistentinnen besucht. Den Streit zwischen Leo und seinem Freund Robert fand ich etwas konstruiert. Dieser wird in eine kleine Außenstelle strafversetzt und lernt hier national gesinnte Kollegen kennen. Das könnte in einem weiteren Band noch interessant werden.

Der Mord ist recht unspektakulär und könnte auch in einer anderen Zeit spielen. Der gut konstruierte Krimiplot ist eher verzwickt als atemlos spannend und kommt ohne große Actionszenen aus, bietet aber durchaus fesselnde Unterhaltung. Es macht einfach Spaß, Wechsler und seine Kollegen bei ihren akribischen Ermittlungen über die Schulter zu schauen. Die Krimihandlung wird in eine atmosphärische, authentische Schilderung des Lebens im Berlin der 1920er Jahre eingebettet, und was die Reihe so lesenswert macht, ist dass man über die zeitspezifischen Verhältnisse der gar nicht so goldenen Jahre wie nebenbei erfährt.

Seit 1913 wird in Clärchens Ballhaus in Berlin getanzt. Noch heute steht der Tanzpalast, benannt nach seiner Betreiberin Clara Bühler, fast unverändert mit Livemusik und Spiegelsaal in der Auguststraße. Neben Abendveranstaltungen fanden auch immer Tanzkurse statt. Seit Ende 2019 ist das Ballhaus allerdings geschlossen, der neue Besitzer will das Kultlokal nach Sanierungen wieder eröffnen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Ballhausmörder | Erschienen am 21. Februar 2020 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21808-5
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Dirk Kurbjuweit | Haarmann

Als er am nächsten Morgen auf sein Büro zuging und eine Frau dort sitzen sah, hoffte er, sie würde vor dem Nebenzimmer sitzen, hoffte, dass man sie dort platziert hatte, bei den Kollegen, die irgendeinen anderen Mordfall bearbeiteten. Die Perspektive konnte täuschen, dachte er, obwohl er in Wahrheit wusste, dass sie vor seinem Zimmer saß, und je näher er kam, desto klarer wurde, dass sie in den richtigen Jahren war, um Mutter von einem der Opfer zu sein, exakt die Zielgruppe, Mutter eines fünfzehn- bis zwanzigjährigen Jungen. (Auszug Seite 59)

Mitte 1923 wechselt Kriminalkommissar Robert Lahnstein zur Polizei nach Hannover und wird leitender Ermittler im Fall verschwundener Jungen und junger Männer. Von Februar bis Oktober 1923 sind zehn Jungen verschwunden. Die Vermissten stammen zumeist aus den unteren sozialen Schichten. Leichen wurden nicht gefunden, oftmals reißen junge Leute in diesen Zeiten auch einfach aus. Dennoch glaubt zunehmend auch die Polizei, dass ihnen etwas zugestoßen ist. Gerüchte um einen Serienmörder machen die Runde. Schließlich werden auch Leichenteile in der Leine gefunden. Langsam gerät ein Mann in den Mittelpunkt der Verdächtigungen: Fritz Haarmann.

Doch dies sehen längst nicht alle so. Haarmann hat Kontakte zur Polizei, ist Tippgeber, Spitzel. Viele halten den geistig etwas zurückgebliebenen Mann für harmlos. Haarmann verdient sich als Händler von Gebrauchtkleidung und auch für Fleisch aus illegalen Schlachtungen. Er ist bekannt in der Homosexuellen-Szene. Man weiß, dass er öfters mal jungen Männern Obdach bietet. Ein wenig merkwürdig ist er ja schon, aber in den ärmlichen und beengten Verhältnissen der Hannoveraner Altstadt will keiner so richtig wissen, was genau der andere macht. Die Stimmung wird zunehmend schlechter, als weitere Jungen verschwinden. Die Polizei und vor allem Lahnstein geraten unter Druck. Ein Ermittlungserfolg wird erwartet. Lahnstein verbeißt sich zunehmends in den Fall, und versteift sich auf Haarmann als potenziellen Täter. Doch noch kann er ihm nichts beweisen.

Der Fall „Fritz Haarmann“ dürfte einer der bekannsten Kriminalfälle Deutschlands sein und Haarmann selbst einer der bekanntesten Serienmörder. Mindestens 24 Jungen und junge Männer soll Haarmann zwischen 1918 und 1924 getötet haben, er selbst gab nur neun Taten zu, weitere Opfer sind möglich. Im Dezember 1924 wurde Haarmann zum Tode verurteilt, das Urteil wurde im April 1925 vollstreckt. Die Umstände seines Geständnisses sind umstritten.

Während und nach Haarmanns Prozess machte der Schriftsteller und Philosoph Theodor Lessing auf die zweifelhafte Rolle der Polizei aufmerksam – er hat auch in diesem Roman einen Auftritt. Spätestens mit dem berühmten Haarmann-Lied („Warte, warte nur ein Weilchen, bald kommt Haarmann auch zu dir…“) wurde Haarmann endgültig zu einer (pop-)kulturellen Figur. Autor Dirk Kurbjuweit, bekannt als Journalist beim Spiegel und der Zeit, greift die wichtigsten Fakten auf, zitiert aus Gutachten und Urteil, aber er verarbeitet dies nicht zu einem True Crime-Roman, sondern hat mit Robert Lahnstein einen fiktiven Ermittler als Protagonisten installiert, der nichts mit den damaligen tatsächlichen Ermittlern zu tun hat.

Nur ein Zimmer, ein schmutziges Bett, dunkle Flecken auf den Bodendielen, helle Flecken an den Wänden. Eine Küchenzeile, ein kleiner Tisch, Dachschrägen. Der Mann hatte die Tür abgesperrt, hier müsse man aufpassen, Hannover sei ein unsicheres Pflaster, hatte er dabei gesagt. Er stellte eine Flasche Schnaps auf den Tisch. Der Junge überlegte, wie er abhauen könne, aber der Schlüssel steckte, und so schnell würde er die Tür nicht eintreten können. Aber eigentlich war der Mann ja nett, und ein bisschen aufregend war das hier auch. (Seite 199)

Obwohl zumeist aus der Sicht der Kommissars Lahnstein geschildert, wechselt der Autor auch hin und wieder die Perspektive und erzählt aus dem Blickwinkel eines Jungen oder auch von Haarmann selbst. Eine eklige Schilderung von Leichenzerstückelung inklusive. Doch Lahnstein bleibt die Hauptfigur in diesem Roman, über ihn gelingt hauptsächlich die Beschreibung der Schauplätze, der gesellschaftlichen und politischen Verhältnisse. Kurbjuweit greift dabei tief in die Vergangenheit des Kommissars, der als Pilot im ersten Weltkrieg eingesetzt war, aber rasch in Kriegsgefangenschaft geriet. Seine Frau und seine junge Tochter hat er nach dem Krieg nicht mehr wiedergesehen, warum bleibt lange offen. Im Bochumer Polizeirevier war er nicht mehr tragbar, weil er von den französischen Besatzern Klarheit im Falle des Todes seiner Mutter forderte, die als Unbeteiligte bei einem Schusswechsel ums Leben kam. In Hannover bleibt er im Präsidium isoliert, als bekennender Sozialdemokrat ist er mit den anderen Kollegen, die der Republik kritisch bis ablehnend gegenüberstehen, nicht gut gelitten. Besonders mit seinem reaktionären Kollegen Müller, der vor ihm leitender Ermittler in diesem Fall war, verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Doch Dirk Kurbjuweit als renommierter Journalist will hier auch die politische Ebene bedienen. Themen wie Nichtdemokraten im Staatsdienst, Beeinflussung eines Geständnisses mit unlauteren oder gar illegalen Methoden sind Fragestellungen, die heute natürlich ebenfalls relevant sind. Doch gerade in der Darstellung der politischen Themen überzeugt mich der Autor manchmal nicht. Zu sehr gewollt gerät dies manchmal, zu viele Thematiken werden aufgemacht. Am ungeschicktesten empfand ich beim Lesen die Passagen, in denen Lahnstein beim Polizeipräsidenten auf den Oberpräsidenten der Provinz Hannover, Gustav Noske, trifft. Der Sozialdemokrat Noske war selbst in der eigenen Partei höchst umstritten, hat er sich doch als Reichswehrminister im Frühjahr 1919 zur Verteidigung der Republik vor kommunistischen Revolutionären Freikorpslern und anderer reaktionärer Kräfte bedient, was ihm viele Linke nie verziehen haben. Noske erklärt sich und den Zustand der Republik sehr umständlich und unauthentisch. Schließlich zieht er noch eine Verbindung zwischen einem Ermittlungserfolg im Fall Haarmann und der Zustimmung der Bevölkerung zur Republik. Das wirkt auf mich alles ein wenig zu hoch aufgehängt.

Kurbjuweit schreibt verknappt, stakkatohaft, kurze Sätze, Aufzählungen; eher nüchterner Stil trotz aller Dramatik drumherum. Insgesamt ist Haarmann solide geschrieben, aber man wird das Gefühl nicht los, dass der Roman ein wenig zu kalkuliert ist. Ein bisschen Historie, ein bisschen Grauen, ein bisschen Politik, ein bisschen Moraldebatte. Abgehakt. Aber so richtig berührt einen das wenig. So bleibt das Fazit: Potenzial verschenkt.

 

Rezension von Gunnar Wolters.

Haarmann | Erschienen am 17. Februar 2020 im Penguin Verlag
ISBN 987-3-328-60084-8;
318 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseproben

Angelika Felenda | Wintergewitter Bd. 2

Angelika Felenda | Wintergewitter Bd. 2

Reitmeyers zweiter Fall

„War sie denn früher schon einmal hier?„, fragte Reitmeyer. Der Kellner zuckte die Achseln. „Kann sein. Mit so andere Flitscherln vielleicht. Die kommen manchmal vom Kolosseum rüber. Aber sicher bin ich mir nicht.“ „Wieso ‚Flitscherln‘?“ „Ja, vom Konvent der Unbefleckten Jungfrau war die nicht. So wie die ausgesehen und gesoffen hat.“ „Es kann sich nur um einen tragischen Unfall handeln, Herr Kommissär“, fiel der Wirt dem Kellner ins Wort und funkelte seinen Angestellten an. „Was wir natürlich sehr bedauern.“ (Auszug Seiten 32 und 33)

Wintergewitter ist der zweite Kriminalroman um den Münchner Kommissär Sebastian Reitmeyer. Der erste Teil Der eiserne Sommer spielte in 1914. Inzwischen sind sechs Jahre vergangen, der erste Weltkrieg ist vorbei und wie in ganz Deutschland leiden auch in München die Menschen unter einer katastrophalen Versorgungslage bei einer immer größer werdenden Inflation. Aufgrund des großen Nahrungs- und Wohnungsmangel blüht der Schwarzmarkt und aufgrund der hohen Beschaffungskriminalität hat die Polizei mehr als genug zu tun. Stichwort: „Diebesseuche“.

Tod im Schauspielermilieu

Allerdings boomt das Filmgeschäft und viele Frauen wittern ihre Chance und wollen auf die große Leinwand. So auch die junge Cäcilie Ortlieb, die jetzt im Roten Adler tot am Fuße der steilen Kellertreppe liegt. Sie ist aber nicht, wie zuerst vermutet, gestürzt und an einem Genickbruch verstorben. Laut Gerichtsmedizin wurde Cilly Ortlieb mit einer Überdosis Heroin oder Morphium vergiftet. Wenig später stirbt eine enge Freundin von Cilly unter ähnlichen Umständen. Beide arbeiteten in dubiosen Produktionen des Münchner Filmkonzerns Emelka. Kommissar Reitmeyers Ermittlungen führen ihn in illegale Spielclubs, Bars und Bordelle und bis in die höchsten Kreise. Auch ohne Unterstützung seiner Vorgesetzten, die alles tun, um einen Sündenbock zu installieren.

In einem zweiten Handlungsstrang sucht Gerti Blumfeld, eine junge Frau aus Berlin in München nach ihrer verschwundenen Schwester. Sie gibt vor, an einer Dissertation über Prostituierte zu schreiben um sich besser im einschlägigen Milieu umsehen zu können. Dabei kreuzen sich mehrmals die Wege des Kommissärs und Gerti. Da sie nicht weiß, ob sie ihm trauen kann, hält sie Informationen zurück. Als sie in den Besitz einer Mappe mit brisantem Inhalt kommt, begibt sie sich in Lebensgefahr.

Stimmiges Sittengemälde

Angelika Felender, die u.a. Geschichte studiert hat, zeigt uns hier ein stimmiges Bild der Gesellschaft um 1920. Geschichtliche Aspekte werden geschickt mit der Handlung verknüpft, die Thematik mit Kleinkriminellen, Neureichen und schlüpfrigen Filmproduktionen ist gelungen und so entsteht eine dichte und lebendige Atmosphäre. Die politische Situation spielt eine große Rolle und Felenda hat sich intensiv damit auseinandergesetzt. Die Bevölkerung leidet unter den hohen Auflagen der Siegermächte, die Rationierungen werden als ungerecht empfunden und es entsteht eine wütende, aufgeheizte Stimmung. Diese bildet den Nährboden für eine stark rechtspopulistische neue Politikrichtung und auf politischen Treffen begibt sich ein neuer Festredner in Stellung: Adolf Hitler. Die zunehmende Gewaltbereitschaft zeigt sich auch in rechten Gruppierungen wie zum Beispiel die Einwohnerwehr, in der ehemalige Soldaten Aufnahme finden, die jetzt neben der Polizei für Ordnung sorgen wollen und das Gesetz oft in die eigene Hand nehmen.

Dafür fehlte es der Kriminalgeschichte irgendwie an Zugkraft und die grundsolide Polizeiarbeit blieb oft im Ansatz stecken und führte zu nichts. Für mich gab es einige Ungereimtheiten, so zum Beispiel die ganze Passage, in der Gerti Unterschlupf bei Caroline, einer Jugendfreundin von Reitmeyer findet und die beiden sich da zufällig wieder sehen. Die Handlungsstränge waren teilweise verwirrend und aufgrund einer großen Anzahl an Figuren bedarf es einer großen Konzentration. Im letzten Viertel wird noch mal an der Spannungsschraube gedreht und die Auflösung am Schluss hat mich dann auch nicht richtig überzeugt.

Die Charaktere sind liebevoll gezeichnet, hätten an der einen oder anderen Stelle noch etwas Tiefe gebrauchen können. So ist Reitmeyer der sympathische, stets besonnene und korrekte Polizist. Der Fahrradfahrer versucht immer im Rahmen seiner Möglichkeiten für Gerechtigkeit zu sorgen. Auch an ihm ist der Fronteinsatz nicht spurlos vorbei gegangen. Er leidet unter Panikattacken, die er zu verbergen sucht. Das hätte man noch vertiefen können, es hätte ihm noch Ecken und Kanten verliehen.

Wie gehetzt lief Reitmeyer den Gang entlang und mit ein paar Sätzen die Treppe hinauf. Erst vor dem Haus wagte er, wieder tief durchzuatmen. Der faulig modrige Geruch in der Kellerwohnung, der Mief aus altem Bettzeug, Windeln und aufgewärmtem Kohl hatte ihm fast die Luft abgeschnürt. Am liebsten hätte er sich geschüttelt wie ein Hund nach einem Regenguss. So mussten diese Leute leben. Es war menschenunwürdig. Aber sie waren nicht die Einzigen. Es herrschte verheerende Wohnungsnot. (Seite 17)

Korbinian Rattler ist der pfiffige, etwas übereifrige Polizeischüler, der die älteren Kollegen mit unkonventionellen Ermittlungsmethoden nervt. Er leidet unter Lungenproblemen aufgrund von Gasverletzungen im Krieg. Die sprunghafte Gerti war für mich nicht richtig greifbar. Skrupellos spielt sie Reitmeyer gegen seinen besten Freund Sepp, einen Rechtsanwalt, aus.

Besonders informativ fand ich, einiges über den Sonderstatus Bayerns in der Zeit nach dem ersten Weltkrieg zu erfahren, wie auch am Ende des Buches noch mal in den Anmerkungen der Autorin erklärt.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Wintergewitter | Erschien am 29. Oktober 2016 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-671-90
438 Seiten | 14.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Auch bei uns: Andys Rezension zum 1. Band der Reihe Der eiserne Sommer