Monat: Oktober 2026

C.B. John | Red Star Down

C.B. John | Red Star Down

Anfang 2017: Die CIA-Agentin Jenna befindet sich in einem heiklen und riskanten Einsatz in Malaysia. Der Halbbruder des nordkoreanischen Diktators Kim Jong-un wurde in eine Honigfalle gelockt und soll nun final rekrutiert werden. Doch das Treffen verläuft nicht zufriedenstellend und es kommt noch schlimmer: Auf dem Flughafen wird der Koreaner Opfer eines Giftanschlags und Jenna entkommt auf einer Landstraße nur knapp einer Drohnenattacke. Kurz darauf muss die CIA in Washington einen weiteren Rückschlag hinnehmen: Ein hochrangiger russischer Diplomat und eine äußerst wichtige Quelle der CIA stirbt in einem Hotelzimmer, mutmaßlich ermordet. Kurz zuvor hatte dessen Sohn Ljoscha Präsident Putin in einer Livesendung mit einer unbequemen Frage herausgefordert. Währenddessen hat sich im Weißen Haus ein erratischer, narzisstischer Präsident eingerichtet, der seine Berater ignoriert und wissentlich oder unabsichtlich auch Geheimdienstinterna ausplaudert. Auf einen neuen Berater für Ostasien, Eric Rahn, hält Trump allerdings große Stücke. Dieser ist allerdings nicht derjenige, der er zu sein vorgibt.

Der Roman spielt in den ersten beiden Jahren der ersten Amtszeit von Donald Trump und greift dabei tatsächliche Ereignisse auf, darunter die Ermordung von Kim Jong-nam am 13.02.2017 am Flughafen von Kuala Lumpur, das Treffen von Trump und Kim in Singapur im Juni 2018 und einen Monat später das amerikanisch-russische Gipfeltreffen in Helsinki, inklusive eines bis heute mysteriösen Vier-Augen-Gesprächs zwischen beiden Präsidenten. Um diese Ereignisse und um weitere Dinge wie russische Giftanschläge und das koreanische „Saat-Programm“ zur Agentenrekrutierung herum spinnt C.B. John eine höchst spekulative, aber auch sehr unterhaltsame Story um hochriskante Spionageoperationen von amerikanischer, russischer und nordkoreanischer Seite.

Jetzt dachte Ljoscha lange über diesen Streit nach und verspürte eine brennende Scham. Wenn er nicht verdammt selbstgerecht und vorschnell mit seinem Urteil gewesen wäre, hätte er vielleicht verstanden, was ihm sein Vater zu sagen versucht hatte. Es war fast so, als hätte er eine Maske abgenommen.
Ich muss das Spiel mitspielen, wenn ich mein eignes spielen will.
Jeder in Russland wusste, dass man sein Leben in verschiedene Bereiche aufteilen und abschotten musste, wenn man Konflikte überstehen wollte. Seine Mutter, sein Vater, seine Großeltern und auch er selbst waren mit Geheimnissen aufgewachsen, die niemals geteilt werden durften… Und was waren die Geheimnisse seines Vaters? (Auszug E-Book Pos. 4911)

Die Story wird in zahlreichen Perspektivwechseln erzählt, maßgeblich aus Sicht der drei Hauptfiguren. Zum einen Jenna Williams, Amerikanerin koreanischer Abstimmung, erfolgreiche CIA-Agentin mit einer Achillesferse: eine Zwillingsschwester, die einst von den Nordkoreanern von einem Strand in Südkorea gekidnappt und in ein Programm gesteckt wurde, um nordkoreanische Agenten zu „züchten“. Ljoscha Kusnezow, ein nicht übermäßig politischer Jurastudent in Moskau, der dennoch stark mit dem System Putin hadert und nichts von den Aktivitäten seines Vaters ahnt. Schließlich Eric Rahn, ein in einem aufwändigen Programm von den Nordkoreanern platzierter Spion, der es bis den Beraterstab von Trump geschafft hat und der gnadenlos sein Ziel verfolgt, mit mehr Angst vor der nordkoreanischen Diktatorenfamilie als vor der Enttarnung durch die Amerikaner. Durch die ausführliche Darstellung und Zeichnung dieser Figuren gelingt es dem Autor, die globale Erzählebene auch auf einen privaten Kontext hinunter zu brechen.

Autor D.B. John gilt als ausgewiesener Kenner der koreanischen Verhältnisse, ist als Romanautor bislang mit dem Thriller „Stern des Nordens“ aufgefallen, der gewissermaßen die Vorgeschichte zu diesem aktuellen Roman liefert. „Red Star Down“ erweist sich als Spionagethriller, die die aktuell volatile geopolitische Lage aufgreift, dabei kunstvoll tatsächliche Ereignisse spekulativ verdichtet und ein hohes erzählerisches Tempo vorlegt. Einziger Kritikpunkt meinerseits ist die ziemlich konsequente Schwarz-Weiß-Darstellung in Helden und Schurken, die eher an so manche alte Kalter-Krieg-Politthriller erinnert. Nichtsdestotrotz ist „Red Star Down“ ein echter Pageturner über die Destabilisierung bekannter Ordnungen, globale Machtspiele und Manipulation.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Red Star Down | Erschienen am 20.08.2026 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47564-5
717 Seiten | 20,- €
Als E-Book: ISBN 987-3-518-78799-1 | 16,99 €
Originaltitel: Red Star Down | Übersetzung aus dem Englischen von Lutz-W. Wolff
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Chris Chibnall | Septembermord 

Chris Chibnall | Septembermord 

Er stieg aus, ging zögerlich auf den reglosen Umriss mitten auf der leeren A35 zu, merkte nicht mal, dass er die Tür offen gelassen hatte, hörte nicht das anhaltende Alarmsignal, das nach dem abwesenden Fahrer nörgelte. Ewan sah auch die Warnblinker nicht, die das nächtliche Dunkel in einem gleichmäßigen Takt orange färbten. Er sah nur die Gestalt vor sich auf der Straße. (Auszug Pos. 67 von 4.404)

Chris Chibnall, ein britischer Drehbuchautor, bekannt auch als Showrunner der erfolgreichen Serie „Broadchurch“ hat seinen ersten Kriminalroman veröffentlicht. Mit seinem Debüt „Death at the White Hart“, so der Originaltitel, startet eine neue englische Krimi-Reihe, die im Südwesten Englands angesiedelt ist.

Es geht um einen bizarren Mordfall in dem fiktiven Dorf Fleetcombe in der englischen Grafschaft Dorset. Mitten in der Nacht wird auf einer Küstenstraße eine grotesk inszenierte männliche Leiche gefunden. Der halbnackte Körper des Toten wurde an der Lehne eines Holzstuhls festgebunden, die untere Körperhälfte steckt in einem Sack, auf dem Kopf ist ein riesiges Hirschgeweih drapiert. Schnell wird der Tote als der Gastwirt des ansässigen Pubs „White Hart“ identifiziert, Jim Tiernan, der in der Vergangenheit bereits eine Gefängnisstrafe abgesessen hatte. Mit dem Fall wird die erst wenige Wochen zuvor mit Ehemann und Sohn in ihre Heimat nach West Dorset zurückgekehrte DS Nicola Bridge betraut. Warum die erfahrene 38-jährige Polizistin, die in Liverpool eine angesehene Spezialistin für das organisierte Verbrechen war, in die Provinz zurückkehrt, erfährt man erst nach und nach. Unterstützt wird sie von DC Harry Ward, einem jungen Quereinsteiger, der seine mangelnde Erfahrung mit großem Einsatzwillen ausgleichen möchte. Zur Einheit gehört auch noch ein mürrischer Schreibtischhengst, der aufgrund seiner exzellenten Arbeit bei der Recherche und Datenanalyse zunehmend die Anerkennung seiner Kollegen gewinnt.

An Verdächtigen mangelt es nicht, auch weil Jim Tiernan sich am Tag vor seiner Ermordung noch heftig mit diversen Gästen im Pub gestritten hatte. Tiernan hatte die Kneipe als Pächter übernommen und sie ganz traditionell als Wirtshaus alter Schule geführt, in die man gerne trinken geht. Ganz anders als seine Konkurrentin Ayesha Burton, die im Fox, dem einzig weiteren Pub in Fleetcombe auf gutes Essen sowie Getränke für Anwohner und Touristen setzt und damit auf gehobene Kundschaft. Allen ist klar, dass sich zwei Pubs in dem kleinen beschaulichen Örtchen, auch wenn Fleetcombe mit achthundert Einwohnern und malerisch an der Küste liegend dem perfekten englischen Landidyll entspricht, nicht auf Dauer halten können. Die ehrgeizige Bridge und der ambitionierte Jungspund Ward müssen in einer Gemeinschaft voller Geheimnisse und Intrigen ermitteln. Obwohl sich die Dörfler sehr bedeckt halten und Aussagen sich widersprechen, finden sie unter anderem heraus, dass es einen identischen Mordfall bereits vor 100 Jahren gab. Trotzdem dringen sie nur Stück für Stück zur Lösung des Falles vor. Erst die Beobachtungen eines kleinen Mädchens bringen die Polizeibeamten auf eine heiße Spur.

Es handelt sich um einen klassischen Whodunit oder Ermittlerkrimi, den man aufgrund des gefälligen Schreibstils gut lesen kann, der aber nach bewährtem Schema abläuft und nichts Neues bietet. Das Storytelling habe ich so schon in etlichen Krimis gelesen. Die Grundkonstellation ist ein altbekanntes, vertrautes Muster aus dem britischen Dorfkrimi und einer verschworenen Dorfgemeinschaft mit einem Sammelsurium seltsamer Typen, die fast alle etwas zu verbergen haben. Da gibt es den bulligen, misstrauischen Farmer Deakins, der immer im Clinch mit seinen Nachbarn liegt, Frankie, einen ängstlichen, schwulen Friseur und die kleine Shannon, die sich oft nicht nach Hause traut und aus ihrem Versteck das Ortsgeschehen genau beobachtet. Die Charaktere sind alle gut, aber auch ein wenig klischeehaft gezeichnet. Es ist auch nicht besonders innovativ, dass es ein Team gibt, das aus Kostengründen in ein leerstehendes Gebäude verfrachtet wird und sich erst noch zusammenraufen muss oder dass die Hauptermittlerin private Probleme hat und auf ein scheinbar unbedarftes Landei als Partner trifft. Dabei mochte ich das Geplänkel zwischen den beiden ganz gerne und die Dialoge haben mich gut unterhalten.

Die Schilderung des Dorflebens, die der Autor mit allen Eigenheiten zeichnet, ist anschaulich und stimmig. Die ländliche Atmosphäre mit ihrer trügerischen Idylle wird perfekt eingefangen. Szenen werden bildstark beschrieben und die Dialoge sitzen punktgenau. Auch das Ermittlerduo Bridge und Ward hat sofort eine gute Chemie, man merkt, dass hier eine Reihe angelegt wurde. In kurzen Kapiteln und wechselnden Perspektiven erzählt Chibnall handwerklich souverän und routiniert. Mir fehlte es ein wenig an Dynamik, es plätschert so vor sich hin und die Auflösung hatte ich relativ früh erkannt. Solide Unterhaltung für Fans vom britischen Cozy-Crime. Vielleicht bin ich auch kein Fan von Cozy-Krimis, denn wenn sich zum Schluss alle wieder im Pub treffen, war es mir ein bisschen zu viel Friede, Freude, Eierkuchen.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Septembermord | Erschienen am 31. Juli 2026 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06881-9
416 Seiten | 18,00 Euro
Originaltitel: Death at the White Hart | Übersetzung: Leena Flegler
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Chris Pavone | Der Portier

Chris Pavone | Der Portier

Das „Bohemian“ ist ein (fiktives) Appartementhaus am Central West Park in der Nähe der „Strawberry Fields“ (Ähnlichkeiten zum „Dakota Building“ sind sicherlich gewollt). Das Gebäude aus dem 19.Jahrhundert ist eine Institution in New York und immer noch eine der ersten Adressen der Stadt mit den teuersten Wohnungen. Zwölf Geschosse, exklusive Apartments unterschiedlicher Größe, von einem kleinen „Burggraben“ umgeben, mit schmiedeeisernem Zaun. Eine strenge Eigentümergesellschaft (weiß, überwiegend älteren Semesters) wacht über die hier und da durchaus fragwürdigen Traditionen des Hauses. Der Hausverwalter Olek (ein undurchsichtiger Ukrainer) wacht über die zahlreichen Angestellten des Hauses, ausnahmslos Latinos oder Schwarze. Unter ihnen ist auch Chicky Diaz.

Chicky vergisst niemals den Namen eines Bewohners oder eines Enkels, der zu Besuch ist, oder eines engen Freundes oder einer „Freundin“. Nie meldet er sich krank, macht früher Feierabend oder kommt zu spät. Außerdem beschwert er sich nicht und verdreht auch nicht die Augen, wenn man einen unsinnigen Wunsch an ihn richtet, was häufig vorkommt. Er ist stets geduldig und immer freundlich. Und verbreitet gnadenlos gute Laune.
Zumindest bis jetzt. (Auszug S.14)

Chicky ist einer der drei Hauptpersonen, aus deren Perspektiven der Roman erzählt werden. Er ist Puertoricaner, 50, Witwer mit erwachsenen Kindern. Der frühe Krebstod seiner Frau und die Ausbildung seiner Kinder ist auch der Grund, warum Chicky inzwischen hochverschuldet ist. Er arbeitet schon lange als Portier im Bohemian, ist ein äußerst zuverlässiger und diskreter Mitarbeiter. Doch seine Schulden zwingen ihn, Nebenjobs anzunehmen, die in nicht ganz so exklusiven Kreisen stattfinden.
Julian Sonnenberg ist einer der Eigentümer. Er bewohnt Apartment 2A – eine im Vergleich zum Rest des Hauses eher bescheidene Wohnung – mit Frau und fast erwachsenen Kindern, ist Mitte 40 und Jude.

Julian ist Vorsitzender der Eigentümergemeinschaft, muss sich vielen konservativen Ansichten der Miteigentümer teilweise beugen. Er ist Teil der New Yorker Kunstszene, Mitinhaber einer früher erfolgreichen Galerie, jetzt plagen ihn ein paar Geldsorgen. Allerdings plagt ihn noch etwas anderes, eine Art Midlife Crisis und zudem offenbar auch eine Diagnose seines Arztes. Zum Miteigentümer und Inhaber eines Rüstungsunternehmens Whitaker Longworth verbindet ihn eine herzliche Abneigung.

Dessen Ehefrau Emily (geborene Merriweather) ist sowas wie die „gute Seele“ des Hauses, freundlich und zugewandt zu jedermann. Mitte 30, Mutter kleiner Kinder, Kunstberaterin und linksliberal – und damit ein krasser Gegensatz zu ihrem Mann Whit, der sich in äußerst konservativen Kreisen aufhält und vor rassistischen und homophoben Beleidigungen nicht zurückschreckt. Aber er war halt eine äußerst gute Partie, was Emily inzwischen allerdings durchaus bereut, doch ihren Lebensstil mag sie dann doch. Sie hat aber ein intaktes soziales Gewissen und engagiert sich in einer Tafel in Harlem, wobei sie allerdings merkt, dass Klassengrenzen sich nur schwer überwinden lassen.

Alle Männer der Familie Merriweather waren davon überzeugt, dass sie sich ihr Glück im Leben selbst erarbeitet hatten. Nie hielten sie inne, um sich die eine Frage zu stellen: War es wirklich Erfolg, wenn jeder, den man kannte, genauso erfolgreich war wie man selbst? War es wirklich eine persönliche Leistung?
Jeder ist seines Glückes Schmied. Das war ein beliebter Ausspruch von Menschen, die Glück gehabt hatten. (Auszug S.432)

Soweit die Figurenkonstellation. Das Spannungselement wird im Prolog eingeführt: Es gab einen toten Schwarzen bei einem Polizeieinsatz. Nun sind Demonstrationen angekündigt, die Stimmung in New York ist angeheizt, mit Ausschreitungen ist zu rechnen. Auch das Bohemian wappnet sich, die Portiers sind besonders aufmerksam und ausnahmsweise bewaffnet. Auch Chicky, der abends die Position vor der Tür eingenommen hat und misstrauisch über die Lage grübelt. Und plötzlich kommt ein verdächtiger Pick-Up die Straße hochgefahren…

Das klingt nach einem waschechten Thriller, allerdings dauert es sehr lange, bis die Situation am Abend wieder aufgegriffen wird und der Roman tatsächlich zu einem Pageturner wird. Dazwischen begleitet ein allwissender Erzähler die Protagonisten durch den Tag, wirft immer wieder lange Blicke in ihre Vergangenheit und macht gerne Andeutungen über das, was im weiteren Verlauf noch passieren wird. Dabei wirft er einen intensiven und dichten Blick auf die New Yorker Gesellschaft. Die Figurenkonstellation kostet der Autor hinlänglich aus und gibt sowohl Latino-Gangstern und MAGA-nahen Milliardären als auch woken Liberalen einen mit. Das ist zumeist ziemlich unterhaltsam, macht aber die Einordnung ins Krimigenre schwierig, die eigentlich erst das letzte Fünftel des Romans erfüllen kann.

„Der Portier“ ist ein Roman, bei dem ich etwas andere Erwartungen hatte – mehr Thriller, mehr Pageturner. Letztlich waren es 4/5 Nabelschau auf (einen Ausschnitt der) New Yorker Gesellschaft und der Rest klassischer Thriller. Dennoch war ich mit dem Gelesenen ziemlich zufrieden und fühlte mich gut unterhalten. Der Roman bietet partiellen Thrill und zudem einen scharfsinnigen, manchmal zynischen und teilweise auch amüsanten Blick auf NYC.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Portier | Erschienen am 20.08.2026 im Kampa Verlag
ISBN 978-3-311-12137-4
555 Seiten | 22,90 €
Originaltitel: The Doorman | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Karin Dufner
Bibliografische Angaben & Leseprobe