Vera Buck | Keine Angst, Darling

Vera Buck | Keine Angst, Darling

Meine Schwester in ihrer aufgeräumten, pastellfarbenen Küche, einen Wischmop in der Hand. Ausgestelltes Kleid, eine Schürze um die Taille gebunden. Das Haar ist mit Haarspray fixiert und glänzt wie Porzellan. Ihr künstliches Lächeln in die Kamera. „Eine glückliche Familie beginnt mit einer glücklichen Frau – und die ist zu Hause“, verkündet der eingefrorene Untertitel. Es sieht aus, als hätten wir ein Werbeplakat der 50er-Jahre an die Wand des Konferenzraums geklebt. (Auszug E-Book Pos. 199 von 6013)

Das Thema Tradwives erhält aktuell viel Aufmerksamkeit. Eine Tradwife, also eine Frau, die sich bewusst für ein extrem konservatives und patriarchales Rollenbild in der Ehe entscheidet, kümmert sich ausschließlich um den Haushalt sowie die Kindererziehung und verzichtet auf eine eigene berufliche Karriere. Wobei das rückschrittliche Frauenbild und die finanzielle Abhängigkeit, da der Mann als alleiniger Versorger dient, von den Anhängerinnen als bewusste Entscheidung und persönliche Freiheit verstanden wird.

Auch Vera Bucks neuester Thriller widmet sich dem Thema, ihre Protagonistin Lea lebt dieses Modell nicht nur, sondern ist auch eine der erfolgreichsten und bekanntesten Influencerinnen. Regelmäßig präsentiert sie auf Social-Media ihren traditionellen Alltag in den USA mit Ehemann Matt und Tochter Emma und versorgt ihre über zweieinhalb Millionen Follower mit Trad-Wife-Content, das heißt mit Rezepten und Haushaltstipps. Dabei inszeniert sie sich aus der bewachten Luxussiedlung Sancta Familia in Florida immer perfekt gestylt im Stil der 1950er Jahre.

Ihre ältere Schwester Paula lebt in Frankfurt als Unternehmensberaterin mit ihren drei wilden Söhnen und Ehemann Niko ein ganz anderes etwas chaotisches Leben. Dadurch haben die beiden Schwestern sich voneinander entfernt. Trotzdem macht Paula sich sofort Sorgen, als längere Zeit kein Video mehr von Lea veröffentlich wird und sie diese auch telefonisch nicht erreichen kann. Paula lässt alles stehen und liegen und fliegt nach Florida. Hier stellt sie erst Mal überrascht fest, dass es gar nicht so einfach ist, in die abgeschottete Gated Community, die auch noch mit der christlichen Kirche verwoben ist, reinzukommen. Paula traut Leas Ehemann Matt nicht, der ihr ausweichend versichert, diese würde sich ohne Handyempfang in einem Retreat ausruhen. Da sich auch die kleine Emma eigenartig verhält, beschließt Paula, nach ihrer Schwester zu suchen.

Die Suche nach Lea gestaltet sich spannend und natürlich gibt es den einen oder anderen Twist. Abwechselnd begleiten wir Paula als Ich-Erzählerin und in Rückblenden der sprunghaften Lea auf ihren Weg, ihr Glück in Zeiten der allgemeinen Verunsicherung wieder im Heim am Herd zu finden. Leas Wunsch nach Sicherheit und Struktur hat sie nach einigen traumatischen Erlebnissen anfällig für Manipulation gemacht. Sie ist bereit, sich voll und ganz von der Gemeinschaft kontrollieren zu lassen, deren Ideal ein fundamental christliches Rollenbild zugrunde liegt.

Ein als Haushaltsbuch getarntes Tagebuch eröffnet eine zusätzliche Perspektive, aus der man einiges über die Entwicklung innerhalb der Ehe erfährt. Wie sich die Beziehung zu Ehemann Matt verändert und wie stark die Community Einfluss auf das Leben der Einzelnen hat, ist durchaus beklemmend beschrieben. Wie daraus schleichend Unterdrückung, Manipulation und häusliche Gewalt entstehen, ist realistisch dargestellt. Die Autorin wirft einen kritischen Blick hinter die Kulissen der vermeintlich sorglosen Sancta-Familie, in der sektenähnlich Frauen eingesperrt und kontrolliert werden. Unterbrochen werden diese Passagen von Social-Media Transkripten, wobei vor allem die Kommentare unter den Beiträgen sehr authentisch wirken.

Vera Buck gelingt es, von Beginn an eine bedrückende, beängstigende Atmosphäre voll unterschwelliger Spannung aufzubauen. Der flüssige Schreibstil zieht einen sofort in die Geschichte hinein. Ungefähr zur Hälfte gibt es für mich einige Längen, bevor der Plot zum Schluss mit einigen überraschenden Wendungen noch mal sehr spannend wird. Vera Buck hat einen unterhaltsamen Psychothriller geschrieben, der die Auswirkungen solcher rückschrittlicher Rollenbilder aufzeigt und Gewalt an Frauen, physisch wie psychisch thematisiert.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Keine Angst, Darling | Erschienen am 03. August 2026 bei Lübbe
ISBN 978-3-751-79813-6
448 Seiten | 17,00 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

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