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Jahreshighlights 2021 | Gunnar

Jahreshighlights 2021 | Gunnar

Die Pandemie hatte uns in diesem Jahr immer noch im Griff, aber auf den Kriminalroman hatte das bislang noch keine große Auswirkung. Die meisten Autoren haben Corona noch nicht in ihre Texte eingebaut, mir ist dies lediglich in einem Roman aufgefallen, doch dazu später. Ich hatte mich in diesem Jahr nochmal speziell den Klassikern verschrieben, habe versucht in jedem Monat eine Rezension zu einem Klassiker zu schreiben und habe es nicht bereut: Michael Connelly, Ian Rankin, Graham Greene, Sjöwall/Wahlöö habe ich unter anderem mit Freuden gelesen. Was ist mir sonst aufgefallen? Meine Begeisterung für den schottischen Kriminalroman ist ungebrochen, acht Romane aus dem Norden Großbritanniens habe ich in dieses Jahr gelesen. Außerdem scheinen historische Krimis in diesem Jahr weiterhin hoch im Kurs zu sein, allerdings zunehmend auch abseits der von Volker Kutscher und Konsorten ausgetretenen Pfade.

Insgesamt habe ich rund 80 Bücher in diesem Jahr gelesen, davon etwa 85 % Krimis. Hiervon habe ich nun meine fünf Favoriten des Jahres ausgewählt (dabei zählten nur Neuerscheinungen) und diesmal auch eine Rangliste versucht. Mit einem Klick auf den Titel gelangt ihr außerdem zur ausführlichen Rezension.

Nr.5 Tana French | Der Sucher
Die Meisterin des subtilen Plots hat für ihren aktuellen Roman eine klassische Konstellation gewählt: Cal Hooper, ein Ex-Cop aus Chicago, lässt sich in einem kleinen irischen Dorf nieder. Scheinbar wird er gut von den Dörflern aufgenommen, doch als er sich auf die Spuren des verschwundenen 19jährigen Brendan macht, bekommt er auch die Schattenseiten des Dorfes zu spüren. Fast etwas spannungsarm, aber herausragend in Beschreibung der Dorfgemeinschaft, Natur und Landschaft. Ein Kriminalroman der leisen Töne, die um so stärker nachhallen.

Nr.4 Johannes Groschupf | Berlin Heat
Johannes Groschupf war tatsächlich der einzige Autor der von mir gelesenen Bücher, der Corona (in seinem Fall eine Post-Corona-Situation) thematisiert. Ansonsten ist „Berlin Heat“ ein überraschender und temporeicher Thriller mit dem liebenswerten Loser Tom Lohoff, der verzweifelt Geld aufzutreiben versucht, um Schulden bei einer albanischen Unterweltgröße zu bezahlen, und dabei in eine False-Flag-Aktion der AfD hineinplatzt. Coole Figuren, ein Ritt durch die Kieze der Hauptstadt, gesellschaftlich-politische Themen, „Summer-in-the-City“-Atmosphäre – für mich der beste deutschsprachige Thriller des Jahres.

Nr.3 Garry Disher | Barrier Highway
Was wäre eine Jahresbestenliste ohne Garry Disher? Der Australier hatte sogar wieder zwei starke Romane am Start, mit dem Wyatt-Krimi „Moder“ gewann er sogar den deutschen Krimipreis. Ich fand allerdings den dritten Band um den Outback-Polizisten Paul Hirschhausen noch etwas stärker. Ähnlich wie Tana French baut Disher den Krimi ganz behutsam auf, spinnt ein feines Netz und erzählt von den Menschen in der australischen Provinz. En passant kommen dabei diverse kleine und große Kriminalitätsstränge in den Plot, den Disher wie immer meisterhaft beherrscht.

Nr.2 Liam McIlvanney | Ein frommer Mörder
McIlvanney ist ein großer Name in der schottischen Kriminalliteratur: Liam ist der Sohn des großen William und tritt mit diesem Roman (ausgezeichnet als bester schottischer Krimi 2019) endgültig aus des Vaters Fußstapfen. Er bedient sich für seinen historischen Krimi Motive eines wahren Falls von Ende der 1960er. Hier sucht Detective McCormack den religiösen Serienmörder „Der Quäker“ und neben dem spannenden Krimiplot zeigt sich die Güte des Romans vor allem in der Beschreibung der Stadt Glasgow und ihrer Bewohner im gesellschaftlichen Umbruch.

Nr.1 Doug Johnstone | Der Bruch
Wir bleiben in Schottland, wechseln aber ins ach so pittoreske Edinburgh der Jetztzeit. Der 17jährige Tyler wohnt in einem heruntergekommenen Hochhaus im Problemstadtteil Niddrie. Die Familie ist dysfunktional, seine Mutter ein Alkoholwrack, sein älterer Bruder Barry zwingt ihn, an Einbrüchen teilzunehmen, er selbst kümmert sich hingebungsvoll um seine achtjährige Schwester Bean. Bei einem Einbruch in das Haus einer Gangstergröße läuft aber einiges schief und von nun an stehen Barry und Tyler auf der Abschussliste. Just in diesem Moment lernt Tyler die gleichaltrige Flick kennen, ein Mädchen aus gutem Hause, aber eine Seelenverwandte mit ebenfalls problematischen Familienverhältnissen. Der Autor führt den Leser zu den Schattenseiten des schönen Edinburgh, ein sozialkritischer Roman mit starken Figuren und einem mitreißenden Plot. Ein Noir mit einem Funken Hoffnung und eine tolle Coming-of-Age-Story. „Der Bruch“ ist für mich der Krimi des Jahres!

Jahreshighlights 2021 | Andy

Jahreshighlights 2021 | Andy

Auch in 2021 habe ich wieder viel Spannendes gelesen und gehört. Gezählt habe ich die Bücher nicht, da ich das Lesen nicht als Challenge begreife. Es waren sehr unterschiedliche Werke und besonders der historische Kriminalroman hat es mir weiter angetan. Kurz erwähnen möchte ich hier zwei kammerspielartige Psychothriller, die ich gehört und die mich gut unterhalten haben: „The Ending“ vom kanadischen Autor Iain Reid verblüfft mit verstörenden Dialogen, surrealen Ereignissen und einem nicht zu erwartenden Plot-Twist. Auch „Schweig“ von Judith Merchant ist sehr dialoglastig und weiß mit zwei unzuverlässigen Erzählerinnen und manipulativen Machtspielchen zu begeistern. Und passend für dieses Jahr möchte ich noch die Dystopie „New York Ghost“ von Ling Ma empfehlen, die zwar als melancholischer Endzeitthriller nur Beliebiges bietet, mich aber als bissige Satire und originelle Gesellschaftskritik sehr beeindruckte.

Hier sind meine Top 4 des Jahres 2021:

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang
Ein entsetzliches Verbrechen hält die Einwohner des kleinen kalifornischen Küstenortes Cape Heaven immer noch fest im Griff. Vor Jahrzehnten wurde ein kleines Mädchen ermordet und der Jugendliche Vincent King kam als Täter hinter Gitter. Als er jetzt nach 30 Jahren entlassen wird und in seine Heimatstadt zurückkehrt, werden schicksalhafte Ereignisse in Gang gesetzt. Im Mittelpunkt von Whitakers vielschichtigem Roman steht die 13-jährige ständig rebellierende Duchess. Aufgrund ihrer dysfunktionalen Familie ist sie gezwungen, sich um sich selbst, ihre Mutter und um den kleineren Bruder zu kümmern. Ihre Mutter hat es nie verwunden, dass damals ihre kleine Schwester verstarb und ausgerechnet ihr Freund als Täter verhaftet wurde und flüchtet sich zeitlebens in Alkohol und Drogen. Duchess ist eine wunderbare Figur, die keinem Streit aus dem Weg geht. Mit ihrem viel zu großen Cowboyhut hat sie sich einen Schutzpanzer zugelegt und begreift sich als Nachfahre der Outlaws, die niemals Schwächen zeigten.

Der britische Autor verbindet hier mehrere Kriminalfälle mit einem tragischen Familiendrama. Dabei waren es die vielen überraschenden Wendungen sowie die Verkettung der verschiedenen Verbrechen, die mich an die Seiten fesselten und einen Sog entwickelten, dem ich mich nicht entziehen konnte. Die Ereignisse in der Vergangenheit werden nach und nach enthüllt und mit den unterschiedlichen Biografien verwoben, so dass eine permanente Spannung und emotionale Wucht entsteht. Dabei zeichnet sein intensiver Schreibstil, die plastischen Naturbeschreibungen und wie er die unterschiedlichen Figuren der fiktiven Kleinstadt zum Leben erweckt, die Geschichte aus. Herausgekommen ist eine Mischung aus klassischem Kriminalroman mit Anleihen an einen Western und eine beeindruckende Coming-of-Age-Geschichte. Für mich ein perfekter Roman, so wie er sein muss.

Ivy Pochoda | Diese Frauen
Als vor 15 Jahren in einem heruntergekommenen Stadtteil von Los Angeles in einer grausamen Verbrechensserie 13 Frauen brutal ermordet werden, wird das von der Polizei und den Medien weitestgehend ignoriert. Der Täter wurde nie gefasst, denn es betraf nur Frauen am Rande der Gesellschaft, die einer Arbeit nachgehen, bei denen man es offenbar als Berufsrisiko ansieht, wenn sie getötet werden. Als der Täter jetzt erneut zuschlägt und zwei Frauen mit durchgeschnittener Kehle in der Gosse gefunden werden, erkennt Esmeralda Perry, ein Detective der Sitte, als einzige die Zusammenhänge und das hier ein Serientäter am Werk ist.

Aus den verschiedenen Blickwinkeln der durch die Mordserie miteinander verbundenen weiblichen Erzählstimmen rollt Ivy Pochoda die Geschichte auf und wir erfahren von mehreren Schicksalen. Sie sind in ihren mannigfaltigen Lebenssituationen vielschichtig angelegt und wirken durch die teils vulgäre Sprache absolut authentisch. Der Erzählstil wirkt nie melodramatisch, sondern eher unterkühlt sowie distanziert und entfaltet trotzdem eine große Tiefe. Der Roman ist ein Konstrukt aus Krimi, Gesellschaftskritik und Milieustudie, der eine große Intensität entwickelt. Dabei liegt der Fokus nicht auf der Ermittlungsarbeit oder der Auflösung der Mordfälle. Im Mittelpunkt steht nicht der Täter, sondern die Opfer und die Hinterbliebenen, die in ihrer Verzweiflung sehr nahbar dargestellt werden. Pochoda gibt denen eine Stimme, die Angst haben, sich als Beute sehen und zu Opfer werden. Fernab von Hollywood zeigt sie eine düstere, realistische Welt, in der Vorverurteilung, Gleichgültigkeit und Frauenhass eine große Rolle spielen. Ein unerwartetes Leseerlebnis, fernab vom üblichen Serientäter-Einerlei, mit dem ich so nicht gerechnet hätte.

Volker Kutscher | Olympia (Band 8)
Bei der Fülle an historischen Kriminalromanen, die momentan den Markt überschwemmen, spielt Volker Kutscher immer noch in einer ganz anderen Liga. Sein mittlerweile achter Roman um Gereon Rath führt uns ins Jahr 1936. In Berlin finden die Olympischen Sommerspiele statt. Mittlerweile hat sich das Nazi-Regime voll etabliert und inszeniert die Spiele zur Propagandashow für das neue, friedliche Deutschland. Als ein amerikanischer Sport-Funktionär im Speisesaal des Olympischen Dorfes tot zusammenbricht, vermuten SS und Gestapo eine kommunistische Verschwörung, mit dem Ziel die Spiele zu sabotieren. Rath soll als inoffizieller Mitarbeiter des Sicherheitsdienstes verdeckt ermitteln und die Verschwörer finden. Die Passagen, in denen wir mit Gereon Rath hinab in die Kerker der Gestapo steigen, wo die zumeist politischen Gefangenen willkürlichen Schikanen und Folterungen ausgesetzt sind, waren für mich kaum zu ertragen. Die SS verschmilzt immer mehr mit der Polizei und selbst dem bisher unpolitischen Einzelgänger Rath wird klar, dass er so nicht mehr als Kommissar arbeiten kann.

Man spürt die immer bedrohlicher werdende Stimmung und dieses Gefühl prägt diesen Band und macht für mich den großen Reiz dieses Romans aus. Durch die Fülle an akribisch recherchierten, historischen Daten entsteht ein intensives Bild jener Zeit ohne künstlich zu wirken. Ein packender Pageturner, beklemmend und dicht erzählt. Ursprünglich sollte die Reihe hier abschließen und der Roman endet auch mit einem richtigen Cliffhanger, der einige losen Enden zurücklässt. Ich bin gespannt, wie die im nächsten Band weiter geführt werden.

Michael Connelly | Late Show
Die Serie um den Ermittler Harry Bosch des amerikanischen Ausnahme-Schriftstellers habe ich schon vor Jahrzehnten sehr gemocht und dann doch aus den Augen verloren. Jetzt hat er eine neue Serie um eine junge Polizistin beim LAPD geschaffen. Nachdem Detective Renée Ballard ihren Vorgesetzten wegen sexueller Nötigung anklagte, wird sie in die von allen verhasste Nachtschicht, die sogenannte Late Show versetzt. Das Schlimmste für die ehrgeizige Polizistin ist dabei noch, dass sie morgens nach Schichtende jeden Fall wieder abgeben muss. Als in einem Nachtclub fünf Menschen erschossen werden und eine Frau halbtot auf dem Santa Monica Boulevard gefunden wird, lässt das Renée keine Ruhe und sie beginnt tagsüber auf eigene Faust zu ermitteln.

Ich habe die eigensinnige, toughe Stand-Up-Paddlerin, die am Strand von Santa Monica mit ihrer Hündin lebt, so gerne bei ihren Nachforschungen durch die Straßen der kalifornischen Metropole begleitet. Ein lebendiges Los Angeles, das viel mehr ist als eine Kulisse. Mit ihr erlebt man den Polizeialltag und bekommt ein Gespür für die besonderen Probleme des weiblichen Detektives. Connelly fährt ein vielschichtiges Figurenensemble auf und ich musste öfter mal überlegen, wer mit welchem Fall zusammenhängt. Ballard ist eine wunderbare Ermittlerfigur mit Ecken und Kanten. Late Show ist ein klassischer Cop-Thriller mit realitätsnahen Schilderungen der Polizeiarbeit, einem komplexen Plot und einer coolen Serienfigur. Auch den mittlerweile auf Deutsch erschienen zweiten Band, in dem Renée auf Harry Bosch trifft, mochte ich sehr, hier fehlte mir ein bisschen die Entwicklung der Figur. Eine ausführliche Rezension von Gunnar findet sich auf dem Blog.

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang

Chris Whitaker | Von hier bis zum Anfang

Sie marschierten durch den Wald wie eine Armee, angeführt von Polizisten, Taschenlampenlicht überall, der Ozean hinter den Bäumen war noch ein ganzes Stück entfernt, aber das Mädchen konnte nicht schwimmen. (Auszug Seite 7)

Cape Heaven, eine fiktive, kleine Küstenstadt in Kalifornien, wird überschattet von einem tragischen Unglück, welches vor 30 Jahren stattfand. Damals verschwand ein kleines Mädchen und das erste Kapitel blickt auf das vergangene, tragische Geschehen zurück, denn die kleine Sissy Radley konnte nur noch tot geborgen werden. Gleich die ersten Sätze schüren eine bedrückende Atmosphäre und der empathische und tiefgründige Erzählstil hat mich total mitgerissen. Die Suche nach dem vermissten Kind durch das ganze Dorf in Form einer menschlichen Kette darzustellen, ist sehr bildgewaltig.

30 Jahre später sind die Auswirkungen immer noch zu spüren. Star Radley hat nicht nur im Teenageralter ihre kleine Schwester verloren, des Weiteren hat es ihr den Boden unter den Füßen weggezogen, dass ihr damaliger Jugendfreund, der 15-jährige Vincent King als Täter für 30 Jahre hinter Gitter kam. Mittlerweile ist die schöne Star alleinerziehende Mutter von zwei Kindern und sucht Vergessen in Drogen und Alkohol. Zwischen ihren depressiven Phasen tritt sie gelegentlich als Sängerin in einer heruntergekommenen Kneipe auf, zieht stets die falschen Männer an, während es die Aufgabe ihrer Tochter Duchess ist, die dysfunktionale Familie zusammenzuhalten. Die Dreizehnjährige muss sich um sich selbst, ihre Mutter und um den kleinen Bruder Robin kümmern, wobei ihre aufopferungsvolle Fürsorge im Besonderen dem Fünfjährigen gilt.

Ein unzumutbarer Zustand und nur der gutmütige Chief Walker, Polizist des Ortes und Teil der damaligen Freundschaftsclique hat zwischendurch ein Auge auf die Familie und kümmert sich nach seinen Möglichkeiten. Er ist auch der einzige, der seinen ehemaligen Freund Vincent King regelmäßig im Gefängnis besucht und sich um ihn bemüht und hilft, als der jetzt nach 30 Jahren entlassen wird und nach Cape Heaven zurückkehrt.

Haftentlassung nach 30 Jahren
Die Haftentlassung Kings schürt zusätzliches Konfliktpotenzial und setzt sich überschlagene Ereignisse in Gang. Es kommt zu einigen Tötungsdelikten, aber es ist schwierig, die Geschehnisse in Worte zu fassen, ohne zu viel zu spoilern. Denn für mich waren es grade die vielen überraschenden Wendungen sowie die Verkettung der verschiedenen Kriminalfälle, die mich an die Seiten fesselten und einen Sog entwickelten, dem ich mich nicht entziehen konnte. Insbesondere das Leben der beiden Kinder wird komplett auf den Kopf gestellt und es geht nur noch rasant bergab. Die unverhofften Schicksalsschläge erschüttern nicht nur die Figuren, sondern gehen auch der sensiblen Leserin ans Herz.

Die Ereignisse in der Vergangenheit werden nach und nach enthüllt und mit den unterschiedlichen Biografien verwoben, so dass eine permanente Spannung und emotionale Wucht entsteht. Whitakers intensiver Schreibstil, die stimmungsvollen Naturbeschreibungen, wie er die unterschiedlichen Figuren der Kleinstadt mit ihren Brüchen zum Leben erweckt, das alles hat mich durchaus an Stephen King erinnert. Die tief ausgeleuchteten Charaktere sind ein großer Pluspunkt, sie wirken authentisch, man meint sie zu kennen und fiebert mit ihnen mit.

Outlaw und Prinz
Im Mittelpunkt steht die zornige, ständig rebellierende Duchess. Sie musste schon viel zu früh erwachsen werden und geht keinem Streit oder Prügelei aus dem Weg. Mit ihrem viel zu großen Cowboyhut hat sie sich einen harten Panzer zugelegt und begreift sich als Nachfahre der Outlaws, denn die zeigten keine Schwäche und fürchteten sich vor niemandem. Ihren kleinen ängstlichen Bruder sieht sie als Prinz, den es zu beschützen gilt. Ein weiterer wichtiger Protagonist ist der loyale Chief Walker, der verzweifelt versucht, die alten und neuen Ereignisse aufzuklären. Der übergewichtige Sheriff versucht die Ordnung in Cape Heaven aufrechtzuhalten und stellt sich immer in den Hintergrund. Seine Umwelt hält ihn für einen Alkoholiker, doch den krankheitsbedingten Grund für seine ständig zitternden Hände will er niemandem verraten, aus Angst, seinen Job zu verlieren. Dann Hal, der stoische, schroffe Großvater auf seiner Ranch in Montana, zudem Duchess nur vorsichtig Nähe aufbaut. Es tauchen noch viele weitere interessante Charaktere auf, die alle auf ihre Weise die Geschichte lebendig machen.

Das permanente Scheitern ist schwer zu ertragen und zum Schluss ist zwar kein Happy-End in Sicht, aber zumindest kann man ein kleines Licht am Ende des Tunnels sehen. „Von hier bis zum Anfang“ ist Kriminalroman, Western, bewegendes Familiendrama und eine beeindruckende Coming-of-Age-Geschichte mit einer großartigen Heldin. Großes Kino über Schuld und Vergebung und mein Highlight des Jahres!

Zuerst mal hatte mich das wunderschön gestaltete Cover angesprochen, dass auf eine Geschichte im ländlichen Amerika hinweist, und tatsächlich spielt die Handlung nicht nur in Kalifornien, sondern ein ganzer Erzählstrang auch in Montana.

Überraschenderweise ist Chris Whitaker Brite und lebt mit seiner Familie in Herfordshire, wählt als Setting für seine Romane aber gerne amerikanische Kleinstädte. Er war 10 Jahre in der Finanzbranche tätig, bevor er sich dem Schreiben zuwandte. Seine Romane gewannen zahlreiche Preise. „Von hier bis zum Anfang“ wurde vom Guardian zum Buch des Jahres gekürt.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Von hier bis zum Anfang | Erschienen am 01. Juli 2021 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-07129-1
448 Seiten | 22.- Euro
Originaltitel: We begin at the end (Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Ronald Malfi | December Park

Ronald Malfi | December Park

Es war lang und weiß. Es war ein Tuch. Es war ein Tuch, das etwas bedeckte. Mir wurde flau im Magen. Ich hatte genug ferngesehen, um zu erkennen, was ich da vor Augen hatte. (Auszug E-Book, Position 155).

Im Herbst 1993 verschwinden mehrere Kinder in der beschaulichen Kleinstadt Harting Farms in Maryland, eine Küstenstadt an der Chesepeake Bay. Offiziell sind die Kinder nur vermisst, die Polizei hält es für denkbar, dass sie einfach nur von zuhause ausgerissen sind. Hinter vergehaltener Hand raunen die Menschen aber dennoch vom „Piper“, dem Rattenfänger, der die Kinder entführt.

Angelo Mazzone und seine Freunde Peter, Scott und Michael sind typische 15-16jährige Jungs, die heimlich rauchen, nach der Schule mit ihren Rädern die Gegend unsicher machen, gerne Schabernack treiben und versuchen, die Schule halbwegs zu überstehen (nur mit den Mädels haben sie es noch nicht so). Zufällig sind die Jungen mit ihren Rädern eines Oktobernachmittags in der Nähe des Waldrands am December Park und werden Zeuge eines großen Polizeiaufgebots. Die Polizisten bergen einen Körper aus dem Wald und als der Wind das Tuch verweht, stellen die entsetzten Jungen fest, dass es die Leiche eines vor kurzem verschwundenen Mädchens ist. Damit ist klar, die Kinder sind nicht einfach weggelaufen, sondern wurden ermordet. Weitere Leichen tauchen aber vorerst nicht auf.

Dafür erhält Angelo neue Nachbarn, eine seltsame Frau mit ihrem Sohn Adrian, in Angelos Alter. Adrian ist in sich gekehrt und eigenbrötlerisch, dennoch freunden sich Angelo und er an und Adrian wird nach und nach Teil von Angelos Clique. Adrian entwickelt eine große Faszination für die Fälle der verschwundenen Kinder, spätestens als er feststellt, dass das von ihm zufällig in der Nähe des Fundorts gefundene Medaillon dem toten Mädchen gehörte. Er steckt die anderen mit seinem Eifer an und bald geben sich die Jungen das Versprechen, dass sie den Piper aufspüren werden. Derweil verschwinden weitere Kinder und die Polizei tappt immer noch im Dunkeln. Tatsächlich finden die Jungen kleinere Spuren und Indizien, behalten dies aber für sich, selbst Angelos spricht nicht mit seinem Vater, immerhin einer der ermittelnden Detectives. Doch aus dem Detektivspiel wird irgendwann bitterer Ernst.

Ich steckte meinen Daumennagel zwischen die beiden Hälften und ds herzförmige Medaillon öffnete sich. Meine Großmutter besaß ei ähnliches Medaillon mit einem winzigen Foto von mir in der einen Seite und eines von Charles in der anderen – doch dieses hier war leer […]
„Okay“, entgegnete ich und verstand nicht recht, weshalb das alles für ihn so eine große Sache war.
„Es gehört ihr“, sprach er.
„Wem?“
„Dem toten Mädchen“, antwortete Adrian. „Courtney Cole“. (Auszug E-Book, Position 2904)

Autor Ronald Malfi lebt mit seiner Familie selbst an der Chesepeake Bay und ist vor allem auch durch seine Romane im Horror- und Mysterygenre bekannt. Auf Übernatürliches verzichtet er in dieser Geschichte allerdings, zum Schaudern gibt es allerdings durchaus etwas an einigen Passagen. Nach eigenen Angaben sind in diesen Roman auch Kindheitserinnerungen des Autors eingeflossen, vermutlich in der Figur des Ich-Erzählers Angelo Mazzone. Angelo ist ein durchaus cleverer Junge mit den üblichen Flausen im Kopf, er liebt es zu schreiben, will später einmal Schriftsteller werden. Er lebt mit seinem Vater und seinen Großeltern zusammen, seine Mutter ist früh verstorben. Als schwerer Schatten liegt der Tod seines Bruders Charles im Golfkrieg auf der Familie, insbesondere auf dem Verhältnis zwischen Angelo und seinem Vater. Auch auf seinem neuen Freund Adrian lastet eine schwere Vergangenheit: Seine Mutter und er sind überstürzt aus Chicago verzogen, nachdem Adrians Vater sich mit Autoabgasen umbrachte und Adrian mit in den Tod nehmen wollte.

„December Park“ steht natürlich in der Tradition anderer schauriger Coming-of-Age-Geschichten, auf dem obersten Sockel steht hier sicherlich Stephen King. Und tatsächlich erinnert man sich zwangsmäßig an „Es“ oder „Die Leiche“. Malfi macht seine Sache in Bezug auf Angelo, seine Clique, ihre Freundschaft, ihre Ängste und Konflikte auch nicht schlecht – die Tiefe von Kings Figuren erreicht er freilich nicht. Was schade ist, ist der Roman doch lang genug. Aber leider, muss man sagen, auch etwas zu lang, denn die Spannungsmomente lassen zwischendurch doch sehr auf sich warten. Überhaupt gibt es in der Genrewertung für einen Thriller da doch einige Abzüge. Neben der eher langsam erzählten Story (Die Jungs fahren verdammt viel Fahrrad im Buch) gab es für mich auch einige Unplausibilitäten, auch die Aufklärung am Ende fand ich wenig überzeugend. So muss ich letztendlich konstatieren: Solide bis ordentlich als Coming-of-Age, eher unterdurchschnittlich als Thriller.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

December Park | Erschienen am 28.02.2018 im Luzifer Verlag
ISBN 978-3-95835-317-6
616 Seiten | 14,95 €
als E-Book: ISBN 987-3-95835-033-5 | 7,99 €
Originaltitel: December Park (Übersetzung aus dem Englischen von Ilona Stangl)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jennifer Clement | Gun Love

Jennifer Clement | Gun Love

Ich wuchs in einem Auto auf, und wenn man im Auto lebt, hat man keine Angst vor Blitz und Donner, das Einzige, wovor man Angst hat, ist der Abschleppwagen. (Auszug Seite 10)

Die Heldin dieses Romans ist die 14-jährige Pearl, die aus ihrer Perspektive von ihrem Leben und Aufwachsen in einer Schrottkarre erzählt. Ihre Mutter Margot kommt eigentlich aus wohlhabendem Hause, aber dann wird sie mit 16 Jahren von ihrem Klavierlehrer schwanger. Sie bekommt das Baby heimlich zu Hause und verschwindet direkt nach der Geburt mit ihrem 94er Ford Mercury, den sie kurz vorher zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Sie landet mit dem kleinen Säugling auf dem Besucherparkplatz einer Wohnwagensiedlung im Süden von Florida, will sich nur kurz zurechtfinden und eine Wohnung suchen.

Idylle im Trailerpark
Diese Übergangslösung ist jetzt 14 Jahre her und die beiden leben immer noch am Rande des Trailerparks. In dieser verwahrlosten Umgebung zwischen zwei Highways, einer stinkenden Müllkippe und einem kleinen verseuchten Fluss voller Alligatoren haben sich Mutter und Tochter eingerichtet und kommen irgendwie zurecht. Margot verdient ein bisschen Geld als Putzkraft in einem Veteranenkrankenhaus und Pearl geht dank gefälschter Papiere sogar zur Schule. Das Autowrack wird ihr Zuhause, Margot bewohnt die Rückbank des Wagens, für Pearl werden die beiden Vordersitze zum Kinderzimmer. Während der Trailerpark Wasser und Toiletten bietet, wird das Essen ungekühlt aus dem Kofferraum verzehrt. Aber immerhin werden die Sandwiches gesittet von feinen, französischen Porzellantellern gegessen, ein Überbleibsel aus Margots vornehmer Herkunft. Ihre gute Erziehung versucht sie an Pearl weiterzugeben. Trotz der widrigen Umstände haben die beiden eine innige Beziehung zueinander. Ungeachtet der permanenten Angst vor dem Jugendamt wirkt das Leben der beiden fast idyllisch und märchenhaft harmonisch. Diese illusorische Idealisierung ist sicherlich der Erzählsicht einer 14-Jährigen geschuldet. Es ist ein trostloses Leben, aber Pearl kennt es ja nicht anders.

Meine Mutter und ich hätten ihm jederzeit eine Ecke in unserem Auto eingerichtet. Sie hätte ihm ein paar Plastiktüten für seine Sachen gegeben. Wir hätten die Tür aufgemacht und gefragt, Wann wollen Sie einziehen? (Auszug Seite 147)

Die zauberhafte Atmosphäre im Wagen mit phantasievollen Geschichten, Musik und Gedichten, verstärkt durch einen blumigen Erzählstil steht im starken Kontrast zur Außenwelt. Durch Pearls Augen und ihre genaue Beobachtungsgabe lernen wir die anderen Bewohner des Trailerparks kennen, allesamt gescheiterte Existenzen, die ums Überleben kämpfen, den waffendealenden Pastor Rex, das mexikanische Schmugglerpärchen Corazón und Ray, die pensionierte Highschool-Lehrerin Roberta Young, die nach dem Tod ihres Mannes von der Sozialhilfe lebt. Ihre Freundin April May mit ihren Eltern Rose und Sergeant Bob, einem traumatisierten Kriegsversehrten. Ein bunter Haufen, gemein ist ihnen nur die unbedingte Waffenliebe. Waffen sind allgegenwärtig und sonntägliche Schießübungen auf die Alligatoren gehören zur Tagesordnung. Und manchmal landet ein verirrtes Projektil auch schon mal in der Beifahrertür.

Barbiepuppen und Alligatorzwillinge
Das ändert sich, als eines Tages Eli Redmond auftaucht, ein Freund des dubiosen Pastors Rex und Margot sich Hals über Kopf in den attraktiven Waffenschmuggler verliebt. Pearl steht hilflos daneben, als Eli sich zwischen sie und ihre Mutter drängt und diese immer weniger Zeit für sie hat. Mit Eli ziehen auch Waffenschmuggel, Gewalt und Eskalation auf dem heruntergekommenen Gelände ein. Die Story rast jetzt unaufhaltsam auf den Abgrund zu. Man ahnt, dass es zu einer Katastrophe kommt und Pearls sowieso schon schwieriges Leben von einem Tag auf den anderen radikal verändern wird. Die Figuren stehen ohnmächtig daneben.

Das Thema ihres gesellschaftskritischen Romans ist die amerikanische Waffenliebe und die Gefahr, die von den Waffen ausgeht. Bewegend und sehr beeindruckend portraitiert sie die amerikanische Unterschicht, schildert den Alltag der Abgehängten und Ausgestoßenen ohne zu moralisieren. Die lyrische Sprache bildet dabei einen faszinierenden Kontrast zu den harten Gewaltaktionen in der Realität. Clements Sprache ist sehr poetisch mit vielen fast philosophisch angehauchten Zitaten, während die Dialoge ohne Anführungszeichen geführt werden, was trotzdem sehr lesbar ist. Ihre Sprache strotzt vor lebensklugen und betörenden Sätzen und sie kreiert einige originelle Bilder, zum Beispiel die 63 Barbiepuppen, von einer Trailerbewohnerin zum Schutz in den Boden gepflanzt oder die siamesischen Alligatorzwillinge. Zum Ende hin fand ich es fast ein bisschen überladen. Eine kurze aber fesselnde Coming-of-Age-Geschichte mit einem offenen Ende, das Raum für eigene Gedanken lässt.

Gebete für die Vermissten
Jennifer Clement ist eine US-amerikanische Autorin, die 1960 in Connecticut geboren und in Mexiko aufgewachsen ist, wo sie heute noch lebt und arbeitet. Sie studierte Literaturwissenschaften und Anthropologie an der New Yorker University sowie französische Literatur in Paris. Clement, die neben Romanen auch Lyrik schreibt, war von 2009 bis 2012 Präsidentin des mexikanischen PEN. Ein internationaler Erfolg wurde ihr Roman „Prayers for the Stolen“ (deutsch: Gebete für die Vermissten) über den von Drogenkartellen organisierten Menschenhandel, für den sie im mexikanischen Guerro recherchierte.

 

Foto & Rezension von Andy Ruhr.

Gun Love | Das Taschenbuch erschien am 17. Februar 2020 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-5184-7030-5
251 Seiten | 11,00 Euro
Originaltitel: Gun Love (Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Nicolai von Schweder-Schreiner)
Bibliografische Angaben & Leseprobe