Kategorie: historischer Roman

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ron Rash | Mit einem Fuß im Paradies

Ich hoffte, ich würde schon im Grab liegen, bevor sie diesen Staudamm bauten. Dann würde das Wasser über mich hinwegfließen, und über Daddy und Momma und über Old Ian Alexander und seine Frau Mary und über den verloren gegangenen Leichnam der Prinzessin namens Jocassee und die Cherokee-Hügel und die Pfade, denen de Soto und Bartram und Michaux gefolgt waren, und über die Wiesen und Flüsse und Wälder, die sie beschrieben hatten, und alles würde auf immer und ewig verschwinden, und unsere Gesichter und Namen und Taten und Missetaten wären vergessen, als hätte es uns und Jocassee nie gegeben.  (Auszug E-Book Pos. 972)

Anfang der 1950er Jahre in Jocassee, einem Tal der Appalachen in South Carolina. Holland Winchester ist in der Gegend als Raufbold und Störenfried bekannt. Als der dekorierte Koreakriegveteran spurlos verschwindet, ahnt Sheriff Will Alexander relativ schnell, was ihm zugestoßen sein könnte. Von Hollands Mutter bekommt der Sheriff einen Hinweis auf die Nachbarn der Winchesters, Billy und Amy Holcombe, die nebenan eine kleine, einfache Farm betreiben. Holland soll etwas mit Amy gehabt haben. Sheriff Alexander stellt einen Suchtrupp auf, befragt die Holcombes eindringlich, doch Holland Winchester bleibt weiterhin verschwunden.

Eine abgelegene Gegend in den Bergen, ein Tal, in dem nur noch wenige verblieben sind, nachdem klar ist, dass das Tal irgendwann einem Stausee wird weichen müssen. Noch längst nicht alle haben Strom und Telefon. Die Holcombes bestellen das wenige Land, das sie besitzen, noch mit dem Pferd. In Billys Familie waren schon immer einfache Farmer. Amy kommt eigentlich aus der Kleinstadt, muss sich mit dem Farmleben arrangieren. Die junge Ehe wartet schon länger auf den obligatorischen Nachwuchs. Weiter hinten im Tal lebt noch die Witwe Glendower, eine alte Frau, als Hexe verschrien, aber in Problemfällen immer noch (widerwillig) als Ansprechpartnerin gesucht. Dazwischen die Winchesters, eine Witwe und ihr Sohn, ein Tunichtgut, der vor allem an seinen Kriegserlebnissen zu knabbern hat. Die Geschichte beginnt in 1952, aber die Gegend und die Beschreibungen der Personen wirken teilweise, als wären wir noch einige Jahrzehnte früher unterwegs.

Augen können lügen, aber irgendwann verraten sie die Wahrheit. Als Billy verneinte, blickte er auf seine geballte rechte Hand. Ich wusste, was das bedeutete, weil ich schon viele Männer gesehen hatte, die sich in einer vergleichbaren Situation genauso verhalten hatten. Diese Rechte hatte Felsbrocken groß wie Wassermelonen vom Feld gehoben. Sie hatte mächtige Eichen gefällt, deren Stämme man mit den Armen umfassen konnte. Und vielleicht, nur vielleicht, hatte sie eine Schrotflinte ruhig genug gehalten, um einen Mann zu töten. (Auszug E-Book Pos. 251)

Autor Ron Rash nutzt diese Ausgangslage zu einer einem eindringlichen, dichten Roman, einem Country Noir, in dem der Geist des Ortes permanent präsent ist. Aus fünf Perspektiven wird diese Geschichte hintereinander erzählt, jeweils als Ich-Erzähler, beginnend mit dem Sheriff. Dabei werden manche Ereignisse doppelt erzählt, anderes bringt die Geschichte weiter voran. Es gibt zwischendrin noch einen Zeitsprung. Das Staudammprojekt, das irgendwann steigende Wasser, das alles unter sich begräbt, spielt im Hintergrund eine zunehmende Rolle. Rash erzählt in ruhigem, leisem Ton, dennoch spitzt sich dieses Drama immer weiter zu.

Der Autor wird von einigen Kollegen als einer „der besten amerikanischen Autoren“ bezeichnet. Dennoch wurde Ron Rash erstmals vor zwei Jahren mit „Der Friedhofswärter“ ins Deutsche übersetzt. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist im Original bereits 2002 erschienen. Wie schon in „Der Friedhofswärter“ führt uns der Autor in die fünfziger Jahre und an einen Ort, in dem alte Moralvorstellungen noch überdauern. Ein Mann ist verschwunden, vermutlich ein Mord geschehen. Nicht ganz zur Hälfte des Buches wird der Leser wissen, was geschehen ist, allerdings steht nicht die Aufklärung im Mittelpunkt, sondern wie sich das Ereignis auf die Beteiligten auswirkt und welche Schatten es noch 18 Jahre später wirft. Dabei überzeugt vor allem der Umgang des Autors mit seinen Figuren und die Beschreibung ihrer inneren Konflikte. „Mit einem Fuß ins Paradies“ ist ein starker Roman über Heimat, Moral, Schuld, Hoffnung und Verdrängung, der eine aufwühlende Geschichte in getragenem, nicht reißerischem Ton erzählt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Mit einem Fuß im Paradies | Erschienen am 06.05.2026 im Ars Vivendi Verlag
ISBN 978-3-7472-0766-6
253 Seiten | 24,- €
Originaltitel: One Foot In Eden | Übersetzung aus dem amerikanischen Englisch von Gottfried Röckelein
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Lavie Tidhar | Adama (Band 2)

Er sah ihr in die Augen, suchte etwas, aber sie wusste nicht, was. „Du hast mehr verloren, als ich je hatte. Aber du glaubst immer noch daran.“
„Ich habe alles gegeben für dieses Land“, sagte Ruth. „Ich habe Opfer gebracht.“
„So wie Abraham Isaak opfern wollte“, sagte Almog schwülstig.
„Isaak hat aber überlebt“, sagte Ruth. (Auszug Seite 388)

Der Roman beginnt 2009 in Miami mit Hanna, deren Mutter Esther verstirbt und ihr eine alte Holzschachtel überlässt. Darin unter anderem ein altes Foto: Eine lange Tafel mit Speisen, am Kopfende eine Frau, die Beschriftung „Pessach Seder, 1965“. Hiervon ausgehend springt die Geschichte rückwärts, zunächst ins Jahr 1989, später ins Jahr 1946. Ruth ist eine ungarische Jüdin, die vor den Nazis nach Palästina geflohen ist. Nun ist sie Teil der Untergrundbewegung, die auch mit Gewalt einen israelischen Staat gründen will. Sie ist kurz darauf eine der Gründerinnen des Kibbuz Trashim im Norden Israels. Im Kampf um die Staatsgründung werden Terrorakte gegen die Briten verübt, arabische Dörfer zerstört, die Bewohner teilweise getötet, teilweise vertrieben.

Der Roman folgt nun der Geschichte von Ruth und ihrer Familie, dazu gehört ihre Schwester Shosh, die das Konzentrationslager überlebt, ihrer Kinder und ihrer Enkel. Die Story springt in der Zeit voran, verharrt lange Zeit Ende Ende der 1940er und in den 1950er, um die Anfangsjahre Israels am Beispiel dieser Kibbuzgemeinschaft zu beschreiben, springt dann in die 1960er und 1970er, zu den Kindern und Enkeln, zum Sechs-Tage-Krieg und Jom-Kippur-Krieg. Dabei muss sich Ruth und ihre Familie immer wieder starken Widrigkeiten entgegenstellen, Gewalt und Tod bleiben ein ständiger Begleiter.

Mit „Maror“ hat Autor Lavie Tidhar schon Maßstäbe gesetzt. Der Thriller beschreibt die Geschichte des Staates Israel als eine Geschichte von Gewalt, Korruption, Skandalen und dem bitteren Geschmack von Realpolitik. In „Maror“ nahm sich Tidhar die Zeit von Mitte der 1970er-Jahre bis in die 2000er vor. Nun springt er mit „Adama“ noch weiter zurück, beginnt mit der Zeit kurz nach dem 2.Weltkrieg und kurz vor der Staatsgründung Israels 1948. Sein Projekt ist als Trilogie angelegt, der letzte Band „Golgotha“ soll dann bis in die Zeit der Anfänge des Zionismus Ende des 19.Jahrhunderts zurückreichen.

„Adama“ setzt den Ton des Vorgängers eigentlich konsequent fort, mit neuem Personal – nur punktuell taucht nochmal eine Figur aus „Maror“ auf. Es entwickelt sich eine düstere Geschichte einer Kibbuz-Familie. Eine Geschichte von erlebter und begangener Gewalt: Die Verbrechen der Nazis, die Flucht nach Israel, der Kampf gegen die britischen Besatzer und gegen die einheimischen Araber, das harte Leben im Kibbuz, die Kriege zur Verteidigung Israels, die Gewalt auch im Inneren zu Erhalt der eigenen Position. In „Adama“ beschreibt Lavie Tidhar, selbst in einem Kibbuz aufgewachsen, eine Familie in einem Selbstbehauptungskampf zwischen Liebe, Loyalität, Verrat und Tod. Im Zentrum steht dabei die Patriarchin Ruth, die gewillt ist, ihre Heimat, ihren Kibbuz, ihr Fleckchen Erde („Adama“ steht im Hebräischen für „Erde“) um buchstäblich jeden Preis zu verteidigen und dafür Grenzen zu überschreiten und schmerzhafte Opfer zu bringen.

Lavie Tidhars Romane aus dieser Trilogie erscheinen aktuell noch nicht in der hebräischen Übersetzung. Mit seinem Ansatz einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Gewaltgeschichte des Staates Israel gilt der Wahl-Londoner in seiner Heimat sicherlich in einigen Kreisen als Nestbeschmutzer. Dennoch erscheint es nur konsequent, die dunklen Seiten der eigenen Geschichte auszuloten, um Erkenntnisse für die Zukunft zu gewinnen. Jedenfalls bleibt Tidhar seinem eigenen Anspruch treu, auch bezüglich der historischen Darstellung der Ereignisse. Die Wucht und Spannung des Vorgängers wird für meinen Geschmack nicht ganz erreicht, erlangt aber durch die Verknüpfung mit einer erschütternden Familiengeschichte über die Jahrzehnte dennoch eine tragische Tiefe. „Adama“ ist jedenfalls ein würdiger Nachfolger von „Maror“ und bringt als historischer Roman über Israel eine ganz eigene Facette ein.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Adama | Erschienen am 14.10.2025 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-47516-4
425 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Adama | Übersetzung aus dem Englischen von Conny Lösch
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu Teil 1 der Trilogie, „Maror“

Kate Atkinson | Nacht über Soho

Kate Atkinson | Nacht über Soho

Nellie war müde. Vielleicht zum ersten Mal in ihrem Leben erschöpfte sie der unbarmherzige Tatendrang, der notwendig war, um ihre Leben voranzutreiben. Der anker des Amethyst, das Gewicht ihres gesamten Imperiums, zog sie nach unten. (Auszug E-Book Pos. 650).

Frühjahr 1926: Nach einer kurzen Haftstrafe wegen Verstöße gegen Schankbestimmungen wird Nachtclubkönigin Nellie Coker aus der Haft entlassen. Unter einem großen Menschenauflauf kehrt sie standesgemäß in ihr Reich aus mehreren Clubs zurück. In den Jahren des ersten Weltkriegs fiel ihr Hehlerware bestehend aus kostbarem Schmuck in die Hände, welche sie geschickt eingesetzt hat und nach und nach zur Besitzerin erfolgreicher Nachtlokale wurde. Sie bewegt sich allerdings natürlich immer noch im Dunstkreis der kriminellen Gangs von London. Ihre fünf Clubs namens Pixie, Foxhole, Sphinx, Crystal Cup und Amethyst zählen zu den angesagtesten Locations des Londoner Nachtlebens. Mitglieder der Königsfamilie, Stars und solche, die werden wollen und die sonstige High Society tummeln sich dort. Doch die Clubs sind auch im Visier von anderen: Von Rivalen, die sich das Imperium gerne unter den Nagel reißen würden oder alte Rechnungen beglichen haben wollen. Und von der Polizei, konkret von John Frobisher. Ihm missfällt das halblegale Reich, dass sich Nellie Coker aufgebaut hat. Vor allem aber glaubt er, dass die Königin von Soho irgendetwas mit den zahlreichen Mädchen zu tun hat, die in der Londoner Nacht verschwinden und von denen einige ertrunken aus der Themse gezogen werden.

Frobisher möchte hierzu undercover die ehemalige Krankenschwester und Bibliothekarin Gwendolen Kelling bei den Cokers einschleusen. Gwendolen hat sich dazu bereit erklärt, weil sie tatsächlich nach zwei Mädchen aus ihrer Heimat York sucht. Freda und Florence sind ausgerissen und nach London gefahren, um hier – wie so viele minderjährige Mädchen – im Glück als als Tänzerinnen zu versuchen. Doch von den beiden fehlt jede Spur (der Leser begleitet die beiden allerdings durch den Moloch London) und so will Gwendolen Frobisher helfen. Das Vorhaben scheint zu funktionieren, denn als es in einem Club zu einem Schusswechsel kommt, kann sich Gwendolen als Ersthelferin profilieren und erhält ein Jobangebot von Nellie Coker. Doch wie entwickelt sich ihr Verhältnis zu Nellies ältestem Sohn Niven, der Gwendolen einige Tage zuvor zufällig behilflich war, als sie von Diebinnen ausgeraubt wurde?

„Sagen Sie, Miss Kelling, was bedeuten sie Ihnen? Diese Mädchen.“
„Es sind Mädchen, die vermisst werden, Miss Shelbourne, das bedeuten sie mir.“
„Ich würde es in den Nachtclubs versuchen, wenn ich Sie wäre. Mädchen wie Freda sind Frischfleisch für die Nellie Cokers dieser Welt. Sie verschlingen sie. […]“ (Auszug E-Book Pos. 2069).

Und so spannt Kate Atkinson ein faszinierendes Panoptikum über London in den Goldenen Zwanzigern. Dabei schöpft sie aus einem üppigen Figurenpersonal. Neben Nellie Coker, Inspektor Frobisher, Gwendolen Kelling und Freda sind dies vor allem Nellies fünf erwachsene Kinder Niven, Ellen, Betty, Shirley und Ramsey. Sie sind alle in den Familienbetrieb involviert, allerdings in unterschiedlicher Tiefe und mit unterschiedlichem Engagement. Über einen allwissenden Erzähler, mit multiperspektiver Erzählweise und teilweise zeitlichen Rückblicken wird ein enger Einblick auch in das Private der Figuren gewährt.

Die Britin Kate Atkinson ist seit nunmehr dreißig Jahren erfolgreiche Autorin, die ihre Romane, wenn nicht direkt dem Krimigenre zugerechnet (etwa ihre Jackson Brodie-Reihe), oft am Rande des Genres ansiedelt. So ist auch „Nacht über Soho“ kein klassischer Krimi oder Thriller, sondern ein historischer Roman mit klaren Genrebezügen. Als deutscher Leser fällt als Bezugspunkt natürlich die Gereon Rath-Reihe von Volker Kutscher ein oder eher noch die Serienadaption „Babylon Berlin“. Anders als dort legt Atkinson allerdings keinen Schwerpunkt auf die politisch-gesellschaftlichen Entwicklungen. Stattdessen konzentriert sie sich beim Setting auf den konkreten historischen Moment. Inspiriert wurde sie, wie sie im Nachwort erwähnt, vom Leben von Kate Meyrick, die damals für viele Jahre Königin der Clubs von Soho war und der die Figur Nellie Coker nachempfunden ist.

„Nacht über Soho“ ist ein schillernder historischer Roman, der tief ins Nachtleben Londons der 1920er Jahre führt und eine vergnügenssüchtige Gesellschaft porträtiert, die der traumatischen Vergangenheit nur allzu gerne entfliehen will. Pulsierende Nachtclubs, Künstlerbohéme, das harte Leben auf Londons Straßen, rivalisierende Gangs, korrupte wie integre Polizisten. Dabei beeindruckt vor allem das üppige Personal, das Kate Atkinson gekonnt durch den Roman leitet, und bei dem eindeutig die Frauenfiguren die Handlung dominieren. Insgesamt ein spannender, mitreißender Roman, der die Roaring Twenties nochmal stilecht auferstehen lässt.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Nacht über Soho | Erschienen am 13.05.2025 im Dumont Verlag
ISBN 987-3-9505744-0-1
560 Seiten | 22,- €
Originaltitel: Shrines of Gaiety | Übersetzung aus dem Englischen von Anette Grube
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stephanie Bart | Deutscher Meister

Stephanie Bart | Deutscher Meister

Im Frühjahr 1933 ist der Vorsitzender des Verbandes deutscher Faustkämpfer bestrebt, den Boxsport besonders schnell im Sinne der neuen Machthaber aufzustellen. Daher wird der jüdische Halbschwergewichtler Erich Seelig im Vorfeld seines Meisterschaftskampfes bedroht, ihm die Teilnahme entzogen und der Meistertitel aberkannt. Dadurch ergibt sich ein vakanter Meisterschaftstitel, um den nun Johann „Rukeli“ Trollmann kämpfen darf.

Doch Trollmann ist ein Sinto und daher dem Verband natürlich ebenfalls ein Dorn im Auge. Schon mehrfach sind dem sehr talentierten Trollmann Steine in den Weg gelegt worden, aber er ist ein Publikumsliebling. Trollmann ist für hervorragende Beinarbeit und Defensivtaktik bekannt, zudem neigt er im Ring zur Demonstration seiner Überlegenheit, in dem er den Gegner vorführt und provoziert (Der Leser zieht selbstverständlich direkt Parallelen zu Muhammed Ali). Für den Verbandsvorsitzenden ist das kein „arisches“ Boxen und für ihn steht fest: Trollmann darf den Meisterschaftskampf am 09.06.1933 gegen Adolf Witt nicht gewinnen. Aufgrund der Popularität Trollmanns aber am besten durch eine halbwegs reguläre Niederlage, um das Publikum zu beruhigen. So wird im Vorfeld aber an einigen Fäden gezogen, um die Niederlage Trollmanns vorzubereiten.

Die wahre Geschichte des Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann wird hier in mehreren Monaten des Jahres 1933 nacherzählt, bei der man, ohne zu spoilern, von einer tragischen Geschichte sprechen darf. Das Schicksal Trollmann steht dabei exemplarisch für die Zerstörung von vielversprechenden Karrieren und Leben durch nationalsozialistische Funktionäre. Erst 2003 wurde Trollmann, der 1944 im KZ starb, postum in die Reihe der deutschen Boxmeister aufgenommen.

Die Autorin Stephanie Bart zeichnet das Porträt Trollmanns als das eines lebenslustigen, fröhlichen Mannes, eitel, aber mit Sportsgeist und Familiensinn, im Ring manchmal ein etwas schlampiges Genie. Die Benachteiligung als Sinto ist ihm allgegenwärtig, trotzdem hofft er auf den Meistertitel. Dagegen wird der Vorsitzende des Verbandes nie mit seinem richtigen Namen erwähnt, ein biederer Funktionär und Opportunist ersten Ranges. Die Figurenzeichnungen der Autorin sind bis in die Nebenfiguren brillant, vom betrunkenen SA-Schläger, die eitle und anbiedernde Sportpresse über die zynisch kommentierenden Boxhonorationen, bis hin zum Edelboxfan Bishop und den beiden Bäckereiverkäuferinnen und Trollmann-Fans Kurzbein und Plaschnikow, die bis zuletzt den Naziblockwart provozieren.

Man hätte nicht sagen können, ob das Schreien den Körper steuerte oder ihm folgte: Vereinigt waren die Menschen, hatten Bäckereien, SA und Zigeunersein, hatten die Welt verlassen, um in der Gegenwart des Augenblicks aufzugehen. Trollmann gab sich der Bewegung hin, ließ jenseits der Seile ausatmend die Beine herab, setzte mit beden Füßen auf und hatte damit den Ring betreten. Hinter ihm glitt der Saum des Mantels vom Seil. Es war der Kampf um den Titel des Deutschen Meisters im Halbschwergewicht am 9. Juni 1933 in der Bockbrauerei, Fidicinstraße, Berlin-Kreuzberg. (Auszug S.9)

Eine zentrale Rolle im Roman nehmen die meisterhaften Schilderungen der Boxkämpfe ein, allen voran der Kampf Trollmann vs. Witt, der zu einem Kampf der System hochstilisiert wird. Nicht nur der Kampf selbst, auch das Geschehen rund um den Ring wird im Stile einer Reportage brillant wiedergegeben. Auch der zweite große Kampf Eder vs. Trollmann wird prägnant geschildert – der letzte Kampf Trollmanns, eine Farce von Anfang bis Ende, bei der Trollmann aber durch seine Inszenierung der Farce seinen eigenen Stempel aufdrückt.

„Deutscher Meister“ ist ein aufrüttelnder Roman über die „Gleichschaltung“ des Sports in der NS-Zeit und im speziellen über einen großen Sportler, dem große Ungerechtigkeit und Niedertracht widerfährt. Auch für den Leser heutzutage fühlt sich das an wie ein Faustschlag ins Gesicht. Daneben bettet die Autorin weitere Ereignisse der ersten Monate unter NS-Herrschaft in die Handlung ein. Bestechend sind neben den Figuren vor allem die Beschreibung der Kämpfe, die fast filmisch beschrieben werden. Ein großartiger Roman, der nicht nur für Fans des Boxsports eine Lektüre wert sein sollte.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Deutscher Meister | Erschienen am 12.08.2014 im Hoffmann & Campe Verlag
ISBN 978-3-455-65092-1
Als Taschenbuchausgabe: 384 Seiten | 12,- €
Die gelesene Ausgabe erschien 2015 als Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Andreas Pflüger | Ritchie Girl

Andreas Pflüger | Ritchie Girl

„Kannst du das? Zurückkehren?“
„Wohin?“ fragte sie. „Nach Deutschland? Das hier ist nicht Deutschland, das ist Pommerland.“
Als könnt ich dereinst wiederkehr’n, weil ich all dies verstand.
„Wäre gar nichts eine Heimkehr wert?“
„Doch“, sagte sie. „Dass einer bettelt: ‚Gott, vergib mir‘.“ (Auszug S.146)

Paula Bloom lebte bis 1937 in Deutschland. Ihr Vater war US-Amerikaner, einflussreicher Repräsentant zahlreicher US-Firmen in Nazideutschland. Ein Leben im luxuriösen Käfig, hofiert von den Größen des Regimes. Doch die bedrohlichen Anzeichen blieben der noch minderjährigen Paula nicht verborgen. Die Denunziation ihrer jüdischen Freundin Judith und den Tod des Vaters durch betrunkene SA-Schläger konnte sie nicht verhindern. Anschließend reiste Paula dann in die Heimat ihres verstorbenen amerikanischen Vaters aus. Kurz vor Kriegsende kehrt sie als Offizierin des Army-Geheimdienstes CIC und Dolmetscherin zurück nach Europa, zunächst nach Italien. Dort wird sie verwundet, schließlich gelangt sie 1946 ins Camp King in der Nähe von Frankfurt. Dort werden Nazis, Wissenschaftler, Kriegsverbrecher vernommen. Der aufkommende kalte Krieg lässt die Amerikaner zu Pragmatikern werden. Wer ist untragbar, aber vor allem: Wem kann man einen Persilschein ausstellen und für die anstehende Konfrontation mit den Kommunisten noch gut gebrauchen?

Paula wird auf Johann Kupfer angesetzt. Ein österreichischer Jude, der aber offenbar in Budapest für die deutsche Abwehr gearbeitet hat. Kupfer behauptet „Sieben“ zu sein, ein auch bei den Allierten legendärer deutscher Agent, der immer wieder geheimste Informationen über die Rote Armee oder aus dem Kreml durchgab. Wäre Kupfer der echte „Sieben“, wäre sein Netzwerk unbezahlbar im Kalten Krieg. Doch der Amerikaner sind skeptisch, denn im Camp King läuft auch Reinhard Gehlen umher. Der spätere Geheimdienstchef des BND-Vorläufers steht schon hoch im Kurs und hält Kupfer für einen Hochstapler (aus Eigennutz?). Paula gewinnt Kupfers Vertrauen und lässt ihn seine Geschichte erzählen. Doch stimmt sie auch? Paulas Problem wird größer, weil sie hofft, dass Kupfer ihr auch bei einer eigenen Sache weiterhelfen kann.

In Camp King trifft Paula ihren alten Freund Sam aus den Tagen der Ausbildung im Camp Ritchie. Sam ist ganz offensichtlich in Paula verliebt, doch sie will dies nicht zulassen. Denn sie hat damals jemanden in Berlin zurückgelassen: Ihre Beziehung zu Georg Melzer ist kurz vor Ihrer Abreise zerbrochen, doch nun ist sie auf der Suche nach ihm – in der Hoffnung, in ihm einen der Gerechten zu finden, die sich nicht gemein gemacht haben mit den Verbrechern, jemanden, der Reue zeigt und Deutschlands Schuld anerkennt – von denen es aber scheinbar niemanden gibt. „Ritchie Girl“ bezieht sich übrigens auf das Camp Ritchie in Maryland, in dem Deutsch-Amerikaner und Exil-Deutsche von der US Army gezielt auf Aktionen gegen die Nazis vorbereitet und eingespannt wurden – wie auch Paula.

Andreas Pflüger hat zuletzt mit der Jenny Aaron-Trilogie um eine blinde Superpolizistin neue Maßstäbe im deutschen Thriller gesetzt. Nun legt er mit „Ritchie Girl“ einen historischen Roman aus der unmittelbaren Nachkriegszeit des zweiten Weltkriegs vor. Während in Nürnberg die Hauptprozesse gegen die Nazi-Elite zu Ende gehen und später die Hinrichtungen vorbereitet werden, wird die zweite und dritte Garde der Nazis schon wieder taxiert, ob sie nicht brauchbar wären im Kampf gegen den gemeinsamen Feind. Das alles ist für Paula Bloom schwer ertragbar, sie glaubt an Recht, Gerechtigkeit, an Strafe und Sühne und muss doch schnell erkennen, dass es damit nicht weit her ist. Die Deutschen wiegeln scheinbar alle ab. Die Verbrechen – das waren die anderen. Und die Amis waten durch den Sumpf der Lügen und des Opportunismus und picken sich das Beste heraus, denn „Moral ist gerade im Ausverkauf und so billig, dass sie nichts mehr hermacht“ (S.442).

Der Autor vermittelt eine enorme Fülle an Fakten, was den Leser enorm fordert. Wer hier nicht alles auftaucht, zumindest in einer kleinen nebensächlichen Anekdote. Das geht auch ein wenig zu Lasten der Hauptfigur Paula Bloom, die gefühlt mit fast jeder bekannten Person (Dix, Klee, Schacht, Speer, Heym, Klaus Mann, Allen Dulles (der übrigens im Vergleich mit Adolf Eichmann nur knapp besser wegkommt), Graham Greene, Richard von Weizsäcker, Marlene Dietrich u.v.m.) der damaligen Zeit Kontakt hatte. Dadurch ist ihre Vita ziemlich artifiziell. Mir bleibt sie dadurch das ganze Buch über etwas fremd.

Das fällt aber nur wenig ins Gewicht, denn der Roman beeindruckt auf vielfältige Weise. Pflüger hat einen kraftvollen Roman über Schuld und Sühne, über Lügen und Verrat, aber auch über Liebe und Freundschaft geschrieben. Die bestechenden Dialoge und wahrlich viele philosopische oder poetische Passagen. Pflüger erweist sich als extrem sprachgewaltig, beispielhaft die eindrucksvollen Schilderungen der zerstörten Städte wie „Keine Form passte mehr auf die andere, alle Geraden waren gekappt, nur noch zerstörte Geometrie.“ (S.32) oder „Der Tiergarten eine Einöde in den Appalachen. […] Leichen auf der Spree, als wäre es der Styx, Berlin war ein verendetes, ausgeweidetes Tier, das nach Seuche und Zerfall stank“ (S.94).

Andreas Pflüger hat sich wahrlich viel vorgenommen, aber kann auch vieles einlösen. Er greift die Verflechtigungen der Amerikaner in die deutsche Rüstungs- und Vernichtungsindustrie (Standard Oil, IBM) und den Nachkriegsopportunismus der USA genauso auf wie die fehlende Einsicht der Deutschen, die Lügen, Ausreden und Ausflüchte, die Kontinuität der Nachkriegsjahre, in denen Nazis wieder Schaltstellen in Deutschland besetzen. Dabei beeindrucken vor allem die Gespräche Paulas mit Kupfer und dabei ragen insbesondere Kupfers Schilderungen von Adolf Eichmann in Budapest heraus, die keinen Leser kalt lassen dürften und das Bild des Bürohengsts Eichmann eindrucksvoll zerstören. „Ritchie Girl“ ist eine starke Mischung aus Fakten und Fiktion, dabei eine fordende Lektüre, deren Bandbreite ich hier längst nicht annähernd wiedergeben konnte. Ein Roman, der von Zynismus, Profitgier und Niedertracht erzählt, und dabei nur ganz sporadisch, aber immerhin, ein paar Hoffnungsschimmer verbreitet.

„Wenn jedoch keine Strafe groß genug wäre und es nichts gäbe, das Genugtuung brächte: kein Galgen, kein Verlust, keine Not, keine Erniedrigung, keine bitteren Tränen und keine falschen, dann war es vielleicht an der Zeit, nicht mehr zu hassen.“ (Auszug S.301)

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Ritchie Girl | Erschienen am 11.09.2021 im Suhrkamp Verlag
ISBN 978-3-518-43027-9
464 Seiten | 24,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Gunnars Besprechungen der Jenny Aaron-Trilogie von Andreas Pflüger