Stephanie Bart | Deutscher Meister

Stephanie Bart | Deutscher Meister

Im Frühjahr 1933 ist der Vorsitzender des Verbandes deutscher Faustkämpfer bestrebt, den Boxsport besonders schnell im Sinne der neuen Machthaber aufzustellen. Daher wird der jüdische Halbschwergewichtler Erich Seelig im Vorfeld seines Meisterschaftskampfes bedroht, ihm die Teilnahme entzogen und der Meistertitel aberkannt. Dadurch ergibt sich ein vakanter Meisterschaftstitel, um den nun Johann „Rukeli“ Trollmann kämpfen darf.

Doch Trollmann ist ein Sinto und daher dem Verband natürlich ebenfalls ein Dorn im Auge. Schon mehrfach sind dem sehr talentierten Trollmann Steine in den Weg gelegt worden, aber er ist ein Publikumsliebling. Trollmann ist für hervorragende Beinarbeit und Defensivtaktik bekannt, zudem neigt er im Ring zur Demonstration seiner Überlegenheit, in dem er den Gegner vorführt und provoziert (Der Leser zieht selbstverständlich direkt Parallelen zu Muhammed Ali). Für den Verbandsvorsitzenden ist das kein „arisches“ Boxen und für ihn steht fest: Trollmann darf den Meisterschaftskampf am 09.06.1933 gegen Adolf Witt nicht gewinnen. Aufgrund der Popularität Trollmanns aber am besten durch eine halbwegs reguläre Niederlage, um das Publikum zu beruhigen. So wird im Vorfeld aber an einigen Fäden gezogen, um die Niederlage Trollmanns vorzubereiten.

Die wahre Geschichte des Boxers Johann „Rukeli“ Trollmann wird hier in mehreren Monaten des Jahres 1933 nacherzählt, bei der man, ohne zu spoilern, von einer tragischen Geschichte sprechen darf. Das Schicksal Trollmann steht dabei exemplarisch für die Zerstörung von vielversprechenden Karrieren und Leben durch nationalsozialistische Funktionäre. Erst 2003 wurde Trollmann, der 1944 im KZ starb, postum in die Reihe der deutschen Boxmeister aufgenommen.

Die Autorin Stephanie Bart zeichnet das Porträt Trollmanns als das eines lebenslustigen, fröhlichen Mannes, eitel, aber mit Sportsgeist und Familiensinn, im Ring manchmal ein etwas schlampiges Genie. Die Benachteiligung als Sinto ist ihm allgegenwärtig, trotzdem hofft er auf den Meistertitel. Dagegen wird der Vorsitzende des Verbandes nie mit seinem richtigen Namen erwähnt, ein biederer Funktionär und Opportunist ersten Ranges. Die Figurenzeichnungen der Autorin sind bis in die Nebenfiguren brillant, vom betrunkenen SA-Schläger, die eitle und anbiedernde Sportpresse über die zynisch kommentierenden Boxhonorationen, bis hin zum Edelboxfan Bishop und den beiden Bäckereiverkäuferinnen und Trollmann-Fans Kurzbein und Plaschnikow, die bis zuletzt den Naziblockwart provozieren.

Man hätte nicht sagen können, ob das Schreien den Körper steuerte oder ihm folgte: Vereinigt waren die Menschen, hatten Bäckereien, SA und Zigeunersein, hatten die Welt verlassen, um in der Gegenwart des Augenblicks aufzugehen. Trollmann gab sich der Bewegung hin, ließ jenseits der Seile ausatmend die Beine herab, setzte mit beden Füßen auf und hatte damit den Ring betreten. Hinter ihm glitt der Saum des Mantels vom Seil. Es war der Kampf um den Titel des Deutschen Meisters im Halbschwergewicht am 9. Juni 1933 in der Bockbrauerei, Fidicinstraße, Berlin-Kreuzberg. (Auszug S.9)

Eine zentrale Rolle im Roman nehmen die meisterhaften Schilderungen der Boxkämpfe ein, allen voran der Kampf Trollmann vs. Witt, der zu einem Kampf der System hochstilisiert wird. Nicht nur der Kampf selbst, auch das Geschehen rund um den Ring wird im Stile einer Reportage brillant wiedergegeben. Auch der zweite große Kampf Eder vs. Trollmann wird prägnant geschildert – der letzte Kampf Trollmanns, eine Farce von Anfang bis Ende, bei der Trollmann aber durch seine Inszenierung der Farce seinen eigenen Stempel aufdrückt.

„Deutscher Meister“ ist ein aufrüttelnder Roman über die „Gleichschaltung“ des Sports in der NS-Zeit und im speziellen über einen großen Sportler, dem große Ungerechtigkeit und Niedertracht widerfährt. Auch für den Leser heutzutage fühlt sich das an wie ein Faustschlag ins Gesicht. Daneben bettet die Autorin weitere Ereignisse der ersten Monate unter NS-Herrschaft in die Handlung ein. Bestechend sind neben den Figuren vor allem die Beschreibung der Kämpfe, die fast filmisch beschrieben werden. Ein großartiger Roman, der nicht nur für Fans des Boxsports eine Lektüre wert sein sollte.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Deutscher Meister | Erschienen am 12.08.2014 im Hoffmann & Campe Verlag
ISBN 978-3-455-65092-1
Als Taschenbuchausgabe: 384 Seiten | 12,- €
Die gelesene Ausgabe erschien 2015 als Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.