Kategorie: Gunnar Wolters

Alan Carter | Marlborough Man

Alan Carter | Marlborough Man

Der Himmel ist klar, die Sterne leuchten. Da oben ist das Kreuz des Südens, weiter westlich entdecke ich den Skorpion. Der Busch ist voller Vogelgeräusche und Rascheln. Ein seltsames Land. An manchen Tagen ist seine Schönheit atemberaubend, dann wieder nimmt einem die Hässlichkeit die Luft. (Auszug Seite 126)

Nick Chester leitet als Sergeant die Polizeistation in Havelock in den Marlborough Sounds an der Nordküste der Südinsel Neuseelands. Für seinen Dienstgrad eigentlich ein etwas unbedeutender Posten, gibt es dort doch hauptsächlich Trunkenheitsraufereien und Verkehrsdelikte. Und auch aktuell hat es Nick eher mit einem lästigen Fall zu tun: Die Yacht des Holzindustriellen McCormack wurde mit einem Graffito besprüht. Der großspurige McCormack besitzt große Waldflächen rund um Havelock, ist Hauptarbeitgeber der Gemeinde und nutzt dies auch aus, so dass Nick wenig Lust verspürt, den Sprayer zu ermitteln.

Allerdings gibt es in den Sounds nun auch einen großen Kriminalfall. Ein sechsjähriger Junge ist nach dem Schwimmunterricht verschwunden und wird missbraucht und ermordet aufgefunden. Doch Nick nimmt zunächst nur eine Nebenrolle in den Ermittlungen ein. Das liegt daran, dass ihn seine Vergangenheit als Undercover-Cop wieder einholt. In Sunderland in Nordengland hat er vor einigen Jahren die dortige Gangstergröße in den Knast gebracht. Dieser schwor Rache und so wurde Nick mit Ehefrau und Sohn mit neuem Namen versehen und quer über den Erdball verfrachtet. Doch im heutigen digitalen Zeitalter bleibt nichts geheim und so erhält der zunehmend paranoische Nick mehr und mehr Indizien, dass seine alten „Kumpels“ aus Sunderland es auf seinen Kopf abgesehen haben. Und nicht nur auf seinen.

Ich weiß, wer da kommt. Sammy Pritchard. Er lässt mich wissen, dass er mich endlich gefunden hat. Seine Macht reicht weit, noch aus dem Hochsicherheitsgefängnis streckt er seinen Arm nach mir aus. […]
Ich sehe Vanessa an, sie ist schlaftrunken und genervt. Ich denke an Paulie, der unten schläft. Wird sich Sammy mit mir begnügen und die beiden am Leben lassen? Nein. Natürlich nicht. (Seite 12)

Autor Alan Carter ist ein Mackem, also gebürtig aus Sunderland, lebt aber schon seit mehr als zwanzig Jahren in Australien und Neuseeland. Carter hat sich auch in Deutschland in der Krimibranche mit seinen beiden bislang auf Deutsch bei der Edition Nautilus erschienenen Romanen Prime Cut und Des einen Freund einen Namen gemacht, so dass nun sein neuer Roman im Suhrkamp Verlag erscheint. Marlborough Man gewann übrigens im letzten Jahr den Ngaio Marsh Award, den renommiertesten Krimipreis Neuseelands.

Der Protagonist Nick Chester wird hier auf einen wahren Parforceritt beruflich und privat geschickt. In Rückblenden erfährt der Leser von Nicks Undercoverjob und wer ihm aufgrund dessen immer noch auf den Fersen ist. Das belastet Nick selbstredend auch privat. Seine Frau Vanessa ist über den Umzug nach Neuseeland immer noch wenig begeistert, trotz der aus Herr der Ringe bekannten Landschaft. Der gemeinsame Sohn Paulie bedarf wegen seines Down-Syndroms zusätzlicher Aufmerksamkeit. Als dann noch Killer aus der Vergangenheit auftauchen, kriselt es in der Ehe gewaltig. Dies wird neben den Krimi- und Thrillerhandlungen glaubhaft erzählt. Außerdem nimmt auch die Māori-Kultur einen Raum in der Geschichte ein und das immer noch schwierige Verhältnis zwischen den Ureinwohnern und den Pākehā, den europäisch stämmigen Einwohnern.

Carter kreiert aus den Zutaten eine Mischung aus klassischem Whodunit mit (nicht immer) klassischer Ermittlungsarbeit und einem packendem Thriller. Dabei muss man klar zugeben, dass er das Rad nicht neu erfindet. Einige Motive sind aus anderen Romanen des Genres wohl bekannt. Überzeugend ist aber, dass der Autor die Klaviatur exzellent beherrscht, die (zahlreichen) Figuren bleiben nie oberflächlich, die Dialoge sind knackig und auch das Setting Neuseeland wird gebührend eingebaut. Insofern gibt es von mir eine klare Empfehlung!

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Marlborough Man |  Erschienen am 17. Juni 2018 im Suhrkamp Verlag
ISBN 987-3-518-46932-3
384 Seiten | 14.95 Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Delia Owens | Der Gesang der Flusskrebse

Delia Owens | Der Gesang der Flusskrebse

Das Marschland von North Carolina: Eine Landschaft von atemberaubender Schönheit. Salzwiesen, Moore, Eichenwälder, Wasserläufe, Sanddünen, Schilfgräser. Nahe der Kleinstadt Barkley Cove im Jahre 1952 ist das Marschland ein scheinbar undurchdringliches Dickicht. Und doch leben in den Wäldern in heruntergekommenen Behausungen Menschen wie die Familie von Catherine Danielle „Kya“ Clark unter ärmlichsten Bedingungen.

Die Sechsjährige beobachtet eines Morgens, wie ihre Mutter mit einem Koffer das Haus verlässt – und nie wiederkommen wird. Kyas ältere Geschwister nehmen ebenfalls Reißaus vor dem cholerischen Vater, zuletzt der 13-jährige Jodie. Kya bleibt zurück und muss den Haushalt führen. Der Vater ist tagelang fort, trinkt und zockt. Für eine kurze Zeit allerdings gibt es eine Annäherung zwischen Vater und Tochter, er nimmt sie sogar auf seine Boots- und Angeltouren mit. Doch als ein Brief der Mutter eintrifft, kehrt die Wut des Vaters zurück und er verfällt in alte Muster. Eines Tages kehrt auch er nicht mehr zurück, Kya ist nun völlig allein.

Manchmal hörte sie nachts Geräusche, die sie nicht kannte, oder sie erschrak sich, wenn Gewitterblitze zu nah waren, doch wenn sie stolperte, war da immer das Land, das sie auffing. Bis irgendwann, in einem unbemerkten Moment, der Herzschmerz versickerte wie Wasser in Sand. Noch immer da, aber tief unten. Kya legte ihre Hand auf die atmende Erde, und die Marsch wurde zu ihrer Mutter. (Seiten 49-50)

17 Jahre später finden zwei Jungen die Leiche von Chase Andrews am Feuerwachturm. Chase ist abgestürzt, aber einige Indizien deuten darauf hin, dass es kein Unfall gewesen sein könnte. Der junge Mann war Sohn eines erfolgreichen Unternehmers, Quarterback und Frauenheld. Der Sheriff ermittelt und bald hat er eine Hauptverdächtige: Kya Clark. Abwechselnd wird nun auf zwei Zeitebenen die Story erzählt, von den Ermittlungen des Sheriffs und die Geschichte des „Marschmädchens“ – wie ein kleines Mädchen alleine und mitten in der Wildnis erwachsen wird.

Kya Clark steht also im Zentrum des Geschehens. Das Kind ist völlig alleinstehend und lebt in einer maroden Bude mitten in der Marsch. Anfangs wird mehrfach der Versuch unternommen, ihrer habhaft zu werden, doch Kya kennt die Marsch wie ihre Westentasche und kann sich immer verbergen. In die Schule geht sie nur einen einzigen Tag. Bei einem Schwarzen namens Jumpin‘, der eine Bootstankstelle mit kleinem Laden betreibt, tauscht sie von ihr gesammelte Muscheln in Lebensmittel und andere Waren. Zudem erhält sie von Jumpins Frau Mabel regelmäßig Kleidung. Kya fühlt sich sehr einsam und erlangt eine tiefe Verbundenheit zur Marsch und der dortigen Flora und Fauna. Sie geht den Menschen bis auf Jumpin‘ und Mabel weitgehend aus dem Weg. Doch als Heranwachsende trifft sie dann auf zwei junge Männer. Zunächst auf den stillen, behutsamen Tate Walker, später auf Chase Andrews. Und irgendwann liegt Chase Andrews tot unterhalb des Feuerwachturms.

Für die Autorin Delia Owens ist „Where the Crawdads sing“ ihr Debütroman, den sie mit Ende 60 verfasste. Der Roman war im letzten Jahr ein großer Erfolg in den USA, stand wochenlang auf der Nr.1 der Bestsellerliste der New York Times. „Where the Crawdads sing“ ist übrigens eine Redewendung ähnlich dem deutschen „Wo sich Fuchs und Hase Gute Nacht sagen“. Delia Owens ist Zoologin, was man diesem Buch durchaus anmerkt, da sie den Schauplatz der Marschlandschaft in North Carolina ausführlich beschreibt und ihre Protagonistin eng mit der Landschaft verbindet. Sprachlich benutzt sie sowohl naturalistische als auch bildhafte und emotionale Elemente und bindet regelmäßig Gedichte einer fiktiven Autorin in den Text ein.

Doch so, wie ihre Sammlungen wuchsen, wuchs auch ihre Einsamkeit. Ein Schmerz so groß wie ihr Herz wohnte in ihrer Brust. Nichts konnte ihn lindern. Weder die Möwen noch ein grandioser Sonnenuntergang, noch die seltensten Muschelexemplare. (Seite 185)

Die Geschichte beginnt vielversprechend, hat den Hauch eines country noir. White Trash in den Marschen und Sümpfen North Carolinas. Auch die Hauptfigur ist wohl gewählt: Ein allein gelassenes kleines Mädchen, später die scheue, wilde junge Frau – die Sympathien des Lesers sind gewiss. Auch der Aufbau des Romans mit seinen zwei Zeitebenen und dem Kriminalfall sorgt für Abwechslung und durchaus für Spannung. Somit begann ich die Lektüre mit Wohlwollen – und mit zunehmend abnehmender Begeisterung. Das liegt vor allem an drei Dingen:

Erstens: Der Kitsch. Angeblich hat sich schon Reese Witherspoon die Filmrechte gesichert (sie hat das Buch auch in ihrem Buchclub gepusht). Was mich nicht wundert, denn dieser Roman hat den ultimativen Drama-Baby-Hollywood-Plot. Nur hat man das alles schon x-mal gesehen. Und wenn es derart kitschig gestaltet wird, dann bin ich raus. Das fängt bei der Entwicklung der Figur Kya an, geht über die Freundschaft zu Tate bis hin zum Ende des Buches. Und hierzu zählen auch die zahlreichen Gedichte einer unter Pseudonym schreibenden Lyrikerin (na, wer ist das wohl?), die das Buch bevölkern.

Zweitens: Die Stereotypen, die den Roman bevölkern. Die wilde Schöne. Der verständnisvolle, ritterliche Freund. Der schöne, narzisstische Quarterback. Der Schwarze als einziger Freund der Ausgestoßenen. Die böse Schwiegermutter. Und so weiter und so fort. Fast alle Figuren bewegen sich innerhalb altbekannter und ausgelutschter Verhaltensmuster.

Drittens: Die Vorhersehbarkeit. Hat natürlich direkt mit den Stereotypen unter Zweitens zu tun. Wenn man die Figuren innerhalb üblicher Muster agieren lässt, hat der geübte Leser natürlich wenig Mühe, das weitere Geschehen vorauszuahnen. Und dieser Roman ist dafür ein Musterbeispiel. Selten habe ich mich so oft bei einem Roman geärgert, dass die Autorin nicht mit mehr Finesse agiert, sondern die Geschichte genau so weiterführt, wie es der Mainstream vorgibt. Vermeintliche Wendungen verpuffen völlig, weil schon weit vorher mit dem Zaunpfahl gewunken wurde.

Der Gesang der Flusskrebse war alles in allem eine echte Enttäuschung für mich. Es stecken viele Ansätze drin, was eine gute Geschichte ausmachen könnte: Coming-of-Age, Ausgrenzung, Enttäuschung, Verletzung, Tod, Naturbeschreibung. Doch was die Autorin vor allem zum Ende hin daraus macht, ist meines Erachtens keine große Literatur, sondern seichte Unterhaltung.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Gesang der Flusskrebse | Erschienen am 22. Juli 2019 bei hanserblau im Carl Hanser Verlag
ISBN 987-3-446-26419-9
462 Seiten | 22.- Euro
Bibliographische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Marius Müller von buch-haltung.com

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

Nicholas Searle | Der Sprengsatz

„Die alten Regeln gelten nicht mehr. Es ist durchaus vorstellbar, dass wir einfach alles in Stücke hauen und von vorne anfangen, mit … verlässslicher Führung. Sie sind alles andere als unantastbar, weder individuell noch als Behörde. Das ist nichts Persönliches und bleibt uns hoffentlich erspart. Aber so ist die Welt heute nun mal. Wenn etwas schiefgeht, findet sich ein Sündenbock. Immer. Man muss nur richtig suchen. Gut möglich, dass diesmal ihr Verein an der Reihe ist.“ (Auszug Seiten 29-30)

Eine Stadt in Nordengland. Der Geheimdienst hat einen V-Mann in einer islamistischen Terrorzelle. Die Zelle plant einen Sprengstoffanschlag und will angeblich einen Probelauf machen. Der V-Mann Abu Omar wird kontrolliert und überwacht, doch als er den Bahnhof betritt, löst er eine Bombe aus. Ein verheerendes Attentat und der Geheimdienst ist völlig blamiert. Im Zentrum der Kritik steht Führungsoffizier Jake Winter. Er selbst grübelt darüber am meisten nach, in welchem Moment die Sache schief gelaufen ist. Wenige Monate später beginnt die politische Aufbereitung des Attentats – ein unabhängiger Untersuchungsausschuss, in den Jake als (anonym bleibender) Zeuge geladen ist. Er befürchtet, dass man ihn als Sündenbock brandmarkt. Doch zeitgleich bietet sich Jake eine neue, vielleicht letzte Chance: Ein Islamist hat sich als V-Mann angedient. Auch er ist Teil einer Zelle, die einen noch größeren Anschlag vorbereitet. Jake setzt alles daran, seine Fehler nicht zu wiederholen und diesmal an die Hintermänner heranzukommen.

Den Autor Nicholas Searle umgibt eine gewisse mysteriöse Aura. Viel erfährt man nicht über ihn. Brite, studierte Sprachen unter anderem in Göttingen, war danach lange im Staatsdienst in seiner Heimat und in Neuseeland. Zu seinem Debütroman „The Good Liar“ (dt. „Das alte Böse“) ließ sein britischer Verlag verlauten: „[he] is not allowed to say more about his career than that he was a senior civil servant for many years“. Das klingt natürlich sehr undurchsichtig und geheim und erinnert natürlich an Koryphäen wie John le Carré, der seine Jahre als Geheimdienstler gewinnbringend in seine Romane umzusetzen wusste und noch weiß.

Und in diese Tradition kann man Der Sprengsatz in jedem Fall einordnen. Searle beschreibt einen Geheimdienst in schwieriger Lage und mit den zu erwartenden internen Machtspielen und Illoyalitäten. Islamische Gefährder und Rückkehrer aus den Kampfgebieten können jederzeit Anschläge verüben, die Zuverlässigkeit der eigenen V-Männer ist unklar, ausländische Dienste spielen ihr eigenes Spiel. Im konkreten Fall gab es bereits einen verheerenden Anschlag und die Schuldsuche hat eingesetzt. Jake Winter wäre der passende Schuldige. Und vermutlich wäre er schon längst vom Dienst suspendiert, wenn er nicht der Kontaktmann für den nächsten wichtigen V-Mann in der Szene wäre. Doch die Messer werden gewetzt.

Dramaturgisch löst der Autor die Verbindung zwischen altem und neuem Fall sehr geschickt und lässt Jake Winter zwischen Untersuchungsausschuss und V-Mann-Betreuung hin und her pendeln. Nach und nach kommt ein wenig mehr Licht in den alten Fall und zeitgleich spitzt sich die Situation aufs Neue zu. Dabei setzt Searle auf wechselnde Perspektiven. Er begleitet neben Winter weitere Personen des Geheimdienstes, die vier Personen der neuen Terrorzelle und ein Ehepaar mit pakistanischen Wurzeln, das im ersten Anschlag Sohn und Enkeltochter verlor.

Gerade die Abschnitte mit dem Ehepaar Masoud und den Islamisten haben mir auch am besten gefallen. Aus diesen Figuren holt der Autor viel heraus, wohingegen die Hauptfigur Jake Winter über weite Strecken eher vage und ungreifbar bleibt (Geheimdienstler halt). Aber insgesamt überzeugt dieser Thriller mit einem realistischen Plot, sehr gelungenen Dialogen und einem guten Spannungsbogen.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Der Sprengsatz n| Erschienen am 18. Juni 2019 bei Kindler im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-463-40721-0
304 Seiten | 20.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Stephen King | Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Stephen King | Frühling, Sommer, Herbst und Tod

Ich muss zu meiner Schande gestehen, dass ich alles andere als ein Stephen King-Experte bin. Verfilmungen von King habe ich zwar schon mehrere gesehen. Aber als Leser habe ich tatsächlich erst einmal etwas von King gelesen (die Kurzgeschichten-Sammlung „Der Fornit“) – und noch nicht mal beendet, so weit ich mich erinnern kann. Dieses Übernatürliche, wofür King ja immer steht, war einfach nicht so reizvoll für mich. Doch von vielen Seiten wurde mir versichert, dass King vor allem auch ein starker Spannungsautor ist und durchaus mehr im Repertoir hat als nur Mysteriöses. In dieser Hinsicht empfehle ich den Essay Stephen King: Crime Writer von Max Booth III bei crimereads.com. Hier gibt es eigene Unterpunkte wie „The Hard-Boiled Stephen King“, „Domestic Noir“ oder „Serial Killers“. Es wurde also endlich Zeit, den Krimiautor Stephen King zu entdecken. Begonnen habe ich dabei mit der Novellensammlung Frühling, Sommer, Herbst und Tod (im Original „Different Seasons“).

Frühlingserwachen: Pin Up

Die erste Geschichte dieses Bands ist „Pin Up“ und gleichzeitig äußerst bekannt, lieferte sie doch die Vorlage für den Film Shawshank Redemption – Die Verurteilten. Der Film mit Tim Robbins und Morgan Freeman in den Hauptrollen ist beim Publikum einer der beliebstesten Filme aller Zeiten. So belegt er seit langer Zeit Rang 1 in der populären Rangliste IMDb.

Die Geschichte spielt im Shawshank-Gefängnis in Maine. Ich-Erzähler ist Red, ein wegen Mordes einsitzender Häftling und so etwas wie ein Lieferant, der für seine Mithäftlinge fast alles „organisieren“ kann. Red erzählt rückblickend die Geschichte um seinen Mithäftling Andy Dufresne. Dufresne ist wegen des Mordes an seiner Frau und ihres Liebhabers inhaftiert, beteuert aber weiterhin seine Unschuld. Im Gefängnis wird er von den Wärtern und den Mithäftlingen schikaniert. Doch Andy, ein Bankmanager, verschafft sich Respekt und Schutz, in dem er für die Gefängnisangestellten Steuererklärungen und Finanzangelegenheiten bearbeitet. Als Andy von einem möglichen Entlastungszeugen hört, der ebenfalls in Shawshank einsitzt, bittet er den Gefängnisdirektor um Hilfe. Doch dieser lässt den Zeugen verlegen und signalisiert Andy, dass er nicht auf Freilassung hoffen darf.

Eine klassische Gefängnisstory, etwas klischeehaft mit einem unschuldig Verurteilten, fiesen Mithäftlingen und noch fieseren Gefängniswärtern. Dennoch war es spannend und bewegend erzählt, wenn auch der allwissende Ich-Erzähler etwas zu viele Andeutungen macht. Oder ich war durch den Film schon zu sehr beeinflusst. Dies hier ist nämlich einer der Fälle, in denen es sich im Nachhinein als ungünstig herausstellt, wenn man die Pointen und den Twist schon aus dem Film kennt.

Sommergewitter: Der Musterschüler

Todd Bowden, ein 13-jähriger Schüler, hat ein großes Interesse am Dritten Reich und liest sehr viel zu dem Thema. Eines Tages konfrontiert er einen Nachbarn, Mr. Denker, damit, dass er ihn als gesuchten Kriegsverbrecher Dussander identifiziert hat. Er erpresst Denker/Dussander, der ihm aus erster Hand seine Geschichte und seine Gräueltaten berichten soll. Dussander ziert sich, hat die Vergangenheit ruhen lassen, um nicht weiter aufzufallen. Doch schließlich beginnt er zu erzählen, holt Dinge wieder hervor, die ihn und Todd allmählich verändern.

Aschgrau im Gesicht sah Dussander ihn an. „Ich wußte“, sagte er, „daß es auf Erpressung hinauslaufen würde.“
„Heute will ich über die Verbrennungsöfen hören“, sagte Todd. „Wie ihr die Juden gebraten habt.“ Er lächelte strahlend. „Aber setzen Sie sich vorher Ihre Zähne ein. Dann sehen Sie besser aus.“ (Seite 154)

Eine ungewöhnliche Konstellation für einen Psychothriller: Die Novelle beginnt mit dem Musterschüler Todd, der ein „perfektes“ Leben im American Dream lebt, und nun einen Kriegsverbrecher erpresst. Denker/Dussander ist ein alter, einsamer Mann, der – immer noch in Furcht vor dem Mossad – alle Kontakte abgebrochen hat und in einem amerikanischen Suburb vor sich hin lebt. Es entsteht eine ungewöhnliche und letztlich gefährliche Beziehung und Abhängigkeit zwischen den beiden. Anfangs ist Todd der Dominantere, doch mit der Zeit merkt Dussander, dass der Junge eine solche (ungesunde) Faszination entwickelt hat, dass das Verhältnis wieder kippt. Schließlich stehen beide an dem Punkt, in dem sie von außen niemanden mehr involvieren können. Und die Monströsitäten, die Dussander wieder an die Oberfläche bringt, tun beiden alles andere als gut. Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten. Eine vielleicht überspitzte, aber psychologisch intensiv erzählte, fast noireske Geschichte mit einigen Seitenhieben auf den amerikanischen Traum.

Herbstsonate: Die Leiche

Auch diese Novelle ist dank einer sehr beliebten Verfilmung äußerst bekannt. Unter dem Titel Stand By Me verfilmte Rob Reiner die Geschichte. In der Novelle erzählt der Ich-Erzähler Gordon Lachance, ein erfolgreicher Autor, die Geschichte eines Abenteuers in seiner Kindheit im Alter von 12 Jahren. Im Sommer des Jahres 1959 wird in Maine ein Junge als vermisst gemeldet. Gordons Freund Vern belauscht seinen größeren Bruder und dessen Freund, dass diese die Leiche des gesuchten Jungen gefunden haben, aber überrascht und schockiert das Weite gesucht haben. Vern erzählt Gordon, Teddy und Chris von der Sache. Die vier Jungen beschließen, sich heimlich auf den Weg zu der Leiche zu machen, um zum ersten Mal einen echten Toten zu sehen und um sich als Finder zu präsentieren. Sie starten eine zweitägige Wanderung zum Fundort, die für sie mit vielen Prüfungen verbunden ist.

Aber er sagte:“Die Freunde ziehen dich runter, Gordie. Weißt du das denn nicht?“ Er zeigte auf Vern und Teddy, die stehengeblieben waren und auf uns warteten. Sie lachten über etwas; besonders Vern. Er hielt sich den Bauch vor Lachen.“Es sind immer die Freunde. Sie klammern sich an deine Beine, als müßten sie ertrinken. Du kannst sie nicht retten. Du kannst nur mit ihnen zusammen ersaufen.“ (Seite 464)

King erzählt eine fast schon altmodische, sehr amerikanische Coming-of-Age-Geschichte, die allerdings sehr berührt. Die zwei Tage, die sie auf dem Weg zur Leiche zurücklegen, sind emotional sehr aufgeladen. Zum einen durch die Gefahren, die unterwegs auf die Jungen warten, zum anderen durch die Probleme, die sie mit sich herumschleppen.Gordon (offensichtlich ein Alter Ego von King) will Schriftsteller werden (und trägt seine ersten Geschichten als Geschichte in der Geschichte vor), aber leidet darunter, dass er von seinen um den verstorbenen älteren Bruder trauernden Eltern ignoriert wird. Chris ist ein cleverer Kerl, der allerdings befürchtet, aufgrund seiner verrufenen Familie abgestempelt zu werden. Vern ist als ängstlicher dicklicher Junge dem Spott der anderen (auch seiner Freunde) ausgesetzt. Und Teddy ist unberechenbar und neigt zur Gewalt, ähnlich wie sein Vater, der nach dem Krieg nicht mehr ins normale Leben zurückfand und nun in der Psychiatrie lebt. „Die Leiche“ ist übrigens eine der Geschichten aus dem sogenannten „Castle Rock-Zyklus“. Die fiktive Kleinstadt in Maine taucht in zahlreichen Romanen und Kurzgeschichten Kings auf und auch einige der Personen haben Auftritte in mehreren Bücher.

Ein Wintermärchen: Atemtechnik

Man könnte sagen, daß es eine Geschichte ist, die nicht in die Weihnachtszeit paßt (obwohl ihre letzte Szene am Weihnachtsabend spielt). Sie ist sicherlich grauenerregend; dennoch kommt es mir so vor, als käme in ihr zum Ausdruck, was für erstaunliche Kräfte in unserer unglücklichen, zum Untergang verdammten Spezies schlummern. Ich sehe in dieser Geschichte das Wunder unseres Willens… und auch seine schreckliche dunkle Kraft. (Seite 563)

Erst in der letzten, kürzesten Novelle zeigt sich Stephen King von der mysteriösen, unheimlichen Seite. Konzipiert als Geschichte in der Geschichte erzählt David Adley, ein älterer Herr, von einem ungewöhnlichen Herrenclub in New York, in den ihn eines Tages unvermittelt sein Chef mitnimmt. Mittelpunkt des etwas altmodischen und snobistischen Clubs ist die umfangreiche Bibliothek nebst Lesezimmer, Bar und Kamin. Vor diesem finden sich in unregelmäßigen Abständen die Mitglieder ein, um selbst verfasste Geschichten egal welcher Art vorzutragen. Eine etwas mysteriöse Aura verbreitet der Club, was sich bei David Adley noch verstärkt, als er entdeckt, dass in der Bibliothek Bücher stehen, die in keinen Literaturverzeichnissen vermerkt sind.

Die Geschichte in der Geschichte wird an einem Abend kurz vor Weihnachten vom Klubmitglied McCarron erzählt. Dieser erzählt eine Geschichte aus den 1930er Jahren, die er als praktizierender Arzt erlebt haben will. Eine junge Frau kommt in seine Praxis, die von ihm die Bestätigung erhält, dass sie schwanger ist. Doch sie ist wieder alleinstehend und sieht sich dadurch großen Problemen ausgesetzt. Sie beschließt jedoch, das Kind zu behalten und meistert die Probleme des Alltags mit großer Würde und Klugheit. Der Arzt McCarron ist hiervon sehr berührt und wird zum Ratgeber der jungen Frau. Er ist außerdem ein moderner Arzt, der seine Patientin unter anderem mit der neuen Atemtechnik während der Geburt vertraut macht. Eine Technik, die dann im weiteren (unheimlichen) Verlauf der Geschichte eine zentrale Rolle spielen wird.

In dieser Geschichte kommt dann endlich das zum Vorschein, was man bei King immer erwartet: Gruseliges, Unheimliches, Übernatürliches. Aber es kommt auf leisen Sohlen daher. Die Rahmengeschichte ist einfach nur ein bisschen schräg, leicht mysteriös. Und auch die Geschichte um den Arzt und seine schwangere Patientin beginnt normal, erst zum Schluss sorgt King dann mit einem Knall für den Grusel. Aber ich kann die Zartbesaiteten beruhigen, denn dieser Grusel beinhaltet letztlich wie oben im Textauszug beschrieben neben der dunklen Kraft auch ein Wunder.

Fazit

Für mich war es ein sehr gelungener (Wieder-)Einstieg ins King-Universum. Vier sehr unterschiedliche Geschichten, Thriller, Noir, Mystery, Coming of Age. Auffallend war für mich, dass King hier neben ausgefeilten Plots auch immer sehr viel Wert auf die Figuren legt, die trotz der relativen Kürze der Storys sehr gut und nicht etwa oberflächlich beschrieben werden. Insgesamt ist Frühling, Sommer, Herbst und Tod eine sehr lesenswerte Zusammenstellung. Bemerkenswert ist auch das Nachwort des Autors, in dem er erwähnt, dass er zu Beginn seiner Karriere nicht glauben wollte, dass er dauerhaft mit Horrorromanen erfolgreich sein würde. Zusätzlich zu den längeren Romanen schrieb King nämlich immer schon gerne kürzere Novellen aus anderen Genres. Allerdings waren diese nun deutlich schwieriger zu veröffentlichen, auch aufgrund ihres begrenzten Umfangs. So entstand der Idee, vier Geschichten in einem Buch zu sammeln und mit dem Titel „Different Seasons“ einen Hinweis an den Leser zu geben, dass man hier etwas anderes vom Autor zu erwarten hat.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Frühling, Sommer, Herbst und Tod | Erstmals erschienen im Jahr 1982
Die gelesene Ausgabe erschien 1992 im Wilhelm Heyne Verlag und umfasst 620 Seiten
Die aktuelle Taschenbuchausgabe ist ebenfalls im Heyne Verlag erschienen
ISBN: 978-3-453-43688-6
720 Seiten | 11.99 Euro
Originaltitel: Different Seasons
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des .17special Mini-Spezials Stephen King.

Abgehakt | Juni 2019

Abgehakt | Juni 2019

Unsere Kurzrezensionen zum 2. Quartalsende 2019

 

Petra Reski | Mafia. 100 Seiten

Die Mafia ist sicherlich die bekannteste kriminelle Organisation der Welt. Inzwischen hat der Begriff „Mafia“ sogar popkulturellen Status: Bücher, Filme, Videospiele, Mafiamusik, sogar eine Gastronomiekette. Doch dahinter verblasst ein wenig die Realität: Gewalt, Drogenhandel, Korruption, Mord. Für die Reihe 100 Seiten des Reclam Verlags versucht die in der Thematik bekannte Journalistin und Autorin Petra Reski mit allerlei Mythen rund um die Mafia aufzuräumen.

Die 100 Seiten werden keineswegs sachbuchartig mit Tabellen oder Grafiken gefüllt, sondern Reski schreibt in mehreren Beiträgen über Aufbau, Vergangenheit und Gegenwart der Mafia. Dabei legt sie einen besonderen Fokus auf Deutschland, das ja gern immer nur als Rückzugsraum und nicht als Operationsraum der Mafia bezeichnet wird. Diesen Beschwichtigern sagt Reski:

„Mehr als ein Jahrzehnt nach dem Mafiamassaker von Duisburg ist Deutschland für die Mafia immer noch das Paradies auf Erden: Die Mafia will nicht auffallen und die Deutschen wollen die Mafia nicht sehen. Eine Win-Win-Situation.“ (Seite 67)

Insgesamt muss man schon konstatieren, dass die Thematik in einem so begrenzten Format nur schwer unterzubringen ist. Ein wenig Stirnrunzeln musste ich, als die Autorin mehrere Bücher, Filme und Serien in Zusammenhang zu Folklore und Propaganda setzt. Aber alles in allem sicherlich eine lesenswerte Zusammenstellung.

 

Mafia.100 Seiten | Erschienen am 28. August 2018 im Reclam Verlag
ISBN 978-3-15-020525-9
100 Seiten | 10.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: True Crime
Wertung: 3.0 von 5.0

 

Jules Grant | Die Nacht ist unser Haus

Donna und Carla sind beste Freundinnen, lesbisch und leiten eine Frauengang in Manchesters rauer Unterwelt. Als Carla die Frau eines konkurrienden Gangleaders abschleppt, eskaliert die Situation. Carla wird in einem Club erschossen und hinterlässt ihre zehnjährige Tochter Aurora. Donna muss nun für Aurora sorgen und ihre Gang retten. Und natürlich sinnt sie auf Rache für Carlas Tod.

Frauen als Gangleader ist gerade ein wenig en vogue in der Kriminalliteratur (z.B. bei „Lola“ von Melissa Scrivner Love oder „River of Violence“ von Tess Sharpe). Autorin Jules Grant treibt es in diesem Roman sogar noch auf die Spitze und führt hier eine Frauengang aus lauter Lesben ein. Die Frauen haben dabei eine nette Marktlücke entdeckt: Liquid Ecstasy in Parfümflaschen. Was mich dabei aber etwas gelangweilt hat: Im Grunde verhalten sich die Ladys die meiste Zeit nicht viel anders als irgendwelche Typen – sie saufen, vögeln und prollen rum.

Ungewöhnlich und durchaus ein Pluspunkt ist die Erzählstimme. Sowohl Donna als auch Aurora (seltener) führen als Ich-Erzähler durch das Buch – schnoddrig, vorlaut und manchmal auch etwas ordinär. Auf der Rückseite prangt eine Empfehlung von Simone Buchholz („Hart und zart zugleich“). Selber schuld, wer darauf hereinfällt, mag man sagen, aber die Deutsche Krimi Preis-Trägerin ist natürlich eine Koryphäe. Und tatsächlich bemüht sich die Autorin, aber das Ergebnis vermag mich letztlich nicht so richtig zu überzeugen. Sie haut manchmal sehr auf den Putz, aber vieles ist zu vorhersehbar, zu klischeehaft und leider auch nur bedingt authentisch. Schade drum.

Die Nacht ist unser Haus | Erschienen am 11.03.2019 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-453-43915-3
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Gangsterroman
Wertung: 2.5 von 5.0

 

Judith Arendt | Helle und der Tote im Tivoli

Helle Jespers hat einen beschaulichen Dienst als Chefin der Polizeidienststelle in Skagen an der Nordspitze Jütlands. Da trifft die Nachricht ein, dass der pensionierte Direktor des örtlichen Gymnasiums brutal ermordet in Kopenhagen aufgefunden wurde. Das Motiv bleibt zunächst unklar, eventuell Kindesmissbrauch? Dies bestätigt sich, als ein bekannter Päderast ebenfalls von gleichen Mörder umgebracht wird. Die Mordermittler aus Kopenhagen belächeln die Dorfpolizisten, doch Helle spürt, dass die Lösung des Falls in Skagen zu finden ist und lässt sich nicht aus den Ermittlungen drängen.

„Helle und der Tote im Tivoli“ ist der Auftakt zu einer Reihe um die sympathische dänische Kommissarin Helle Jespers. Dieser Roman versucht den Spagat zwischen „hyggeligem“ dänischen Krimi und einem Rachethriller aufgrund eines alten Falls von Kindesmissbrauch. Leider geschieht dies stilistisch ziemlich konventionell und mit dem Motiv des gestörten Opfers als Serienmörder auch etwas unoriginell. Ich gebe zu, dass der Ermittler als kaputtes Wrack auch nicht gerade kreativ ist, aber die Welt der Helle Jespers mit Haus in den Dünen, halbtags arbeitendem Wikinger-Ehemann, schwulem Teenagersohn und studierender, in einer Kiffer-WG wohnender Tochter war mir dann doch auch ein wenig zuviel der modernen heilen Welt. Und wenn der Familienhund an der Ergreifung des Täters mitwirkt und am Ende herzhaft in eine Zimtschnecke gebissen wird, dann finde ich das auch dem Thema nicht angemessen. Sagen wir es mal ganz neutral: Ich gehöre nicht zur Zielgruppe dieses Krimis.

Helle und der Tote im Tivoli | Erschienen am 15. September 2018 im Atlantik Verlag
ISBN 978-3-455-00271-3
288 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: Krimi
Wertung: 2.0 von 5.0

 

Helon Habila  | Öl auf Wasser

Nigeria: Das Delta des Niger wird von Ölkonzernen konsequent ausgebeutet. Die ansässige Bevölkerung wehrt sich zunehmend dagegen und gründet Rebellengruppen, die gegen die Regierung und die Ölmultis kämpfen. Ein bewährtes Mittel zur Finanzierung ist die Entführung von ausländischen Konzernmitarbeitern oder deren Angehörigen. Der junge Reporter Rufus und sein erfahrener Kollege Zaq wittern im Zusammenhang mit der Entführung einer Engländerin eine gute Story, zudem hat auch ihr Mann die beiden um Hilfe gebeten hat. Mit Hilfe von einheimischen Bootsführern dringen die Journalistin immer tiefer ins Delta vor und damit in eine undurchsichtige, umkämpfte und zunehmend geschundene Umgebung.

Öl auf Wasser erschien erstmals 2012 im Verlag Das Wunderhorn und gewann überraschend auch den Deutschen Krimipreis. Das Besondere am Roman ist sicherlich auch das Thema, über das man in Europa zumindest in fiktionaler Form nur selten liest: Die innerstaatlichen Konflikte im nigerianischen Nigerdelta vor dem Hintergrund der dortigen großflächigen Ölexploration ausländischer Konzerne mit erheblichen negativen Umwelteffekten. Was dieser Roman denn auch sehr gut beherrscht ist die Balance zwischen politischen und gesellschaftlichen Themen und den Stimmungen der Hauptpersonen. Der Autor verzichtet auf allzu plakativen moralischen Darstellungen, schildert vielmehr die Realitäten von Gewalt und Gegengewalt und vor allem der Zerstörung einer Lebensgrundlage für die dort lebenden Menschen.

Zu Beginn erinnert der Roman an Joseph Conrad Herz der Finsternis. Eine Fahrt auf einem kleinen Boot im Nigerdelta, ölverschmutzte Ufer, verlassene Dörfer, hell leuchtende Abgasfackeln. Erzählt wird aus der Perspektive von Rufus, allerdings nicht chronologisch, immer wieder werden Einschübe aus der Vergangenheit eingeschoben. Das macht den Roman etwas sperrig und lässt die Spannungskurve abflachen. Somit ist dieses Buch weniger etwas für Fans klassischer Krimis, sondern eher für literarisch anspruchsvollere Liebhaber hintergründiger Darstellungen. Ich fand es aber auf jeden Fall lesenswert.

Öl auf Wasser | Die Taschenbuchausgabe erschien am 28. Januar 2019 im Unionsverlag
ISBN 978-3-293-20829-2
256 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 3.5 von 5.0

 

André Pilz | Der anatolische Panther

Der Kleinkriminelle und Dealer Tarik Celal ist auf Bewährung auf freiem Fuß, als bei ihm zu Hause Diebesgut gefunden wird. Er ist gezwungen, auf einen Deal einzugehen: Er soll sich in der Moschee und im Umfeld des islamischen Hasspredigers Abdelkader al-Anbari, genannt „Der Derwisch“, einschleichen und dort Beweismaterial sammeln. Doch als Tarik in die Moschee einbricht und Geld stiehlt, überschlagen sich die Ereignisse und er ist auf der Flucht vor der Polizei und dem Derwisch.

Autor André Pilz hat ein offenbar Faible für Underdogs. Tarik Celal war mal ein vielversprechender Jungprofi bei 1860 München. Aus der Karriere ist nichts geblieben außer dem Spitznamen. Inzwischen ein kleiner Gangster mit ebenso kriminellem Freundeskreis, aber dennoch ein Sympathieträger mit großem Herz. Rettungslos verliebt in die schöne Kubanerin Nteba, zu Hause sein schwer kranker Großvater, den er pflegt. Die Stimmung ständig himmelhauchjauchzend, zu Tode betrübt.

Rund um diese tolle Hauptfigur konstruierte Pilz eine spannende, thrillerhafte Story mit vielen aktuellen Bezügen und sehr cleveren gesellschaftlichen Einblicken. Von Multikulti und Vorurteilen, islamischen Extremisten und Terrorhysterie, von Heimat und Ausgrenzung. Sicherlich einer der besten deutschsprachigen Krimis zu diesem Thema.

Der anatolische Panther  | Erschienen am 22. September 2016 im Haymon Verlag
ISBN 978-3-7099-7861-0
448 Seiten | 12.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Genre: gesellschaftskritischer Krimi
Wertung: 4.5 von 5.0

 

Alle fünf Rezensionen und Fotos von Gunnar Wolters.

Weitere Kurzrezensionen findet ihr in der Rubrik Abgehakt.