Kategorie: Gunnar Wolters

David Peace | Tokio im Jahr Null

David Peace | Tokio im Jahr Null

Als ich mir für dieses Jahr vorgenommen habe, regelmäßig Klassiker der Kriminalliteratur zu besprechen, war mir schnell klar, dass der Begriff „Klassiker“ nicht heißen muss, dass das Werk vor langer Zeit entstanden sein muss. Vielmehr gibt es auch Romane der jüngeren Vergangenheit, die aufgrund besonderer Stilistik, Rezeption oder Thematik einen gewissen Klassikerstatus beanspruchen können. Als ein solches Werk würde ich auch „Tokio im Jahr Null“ definieren, immerhin noch keine fünfzehn Jahre alt und als Übersetzung Gewinner des Deutschen Krimi Preises 2011.

Die Geschichte beginnt mit dem Tag der Kapitulation Japans bzw. dem Tag der Verkündigung der Kapitulation durch Kaiser Hirohito am 15. August 1945. Am Morgen diesen Tages ist ganz Japan in Aufruhr, denn es wird zum Mittag eine kaiserliche Radioansprache angekündigt. Inspektor Minami von der Tokioter Polizei wird aber vorher zum Fundort einer Frauenleiche gerufen. Das Gebäude wird vom Militär genutzt, sodass die Militärpolizei kurze Zeit später auftaucht und den Fall übernimmt. Ein koreanischer Fremdarbeiter, der in der unmittelbaren Nähe in einem Wohnheim lebt, wird kurzerhand verdächtigt und an Ort und Stelle getötet. Minami weiß, dass es den Falschen getroffen hat, doch im Chaos der Kapitulation gibt es keine weiteren Ermittlungen.

Ein Jahr später werden in einem zerbombten Park erneut zwei ermordete Frauen entdeckt. Eine Leiche ist sogar bereits skelettiert, lag dort schon länger. Minami ist schnell davon überzeugt, dass es sich um einen Serienmörder handelt, doch seine Vorgesetzten behandeln die Fälle zunächst getrennt und bilden zwei Ermittlungsgruppen. Minami rollt alte Fälle wieder auf, findet heraus, dass es eine Reihe von Vermisstenfällen gibt, die im Zusammenhang mit den Leichenfunden stehen könnten. Währenddessen nehmen die Spannungen zwischen den Ermittlern und den Ermittlungsgruppen zu. Jeder kocht sein eigenes Süppchen, Korruption und dunkle Flecken in der Vergangenheit bedrohen fast jeden Beamten. Die Siegermächte verlangen von den Japanern, unzuverlässige Beamten aus dem Dienst zu entlassen und jeder ist darauf bedacht, dass es nicht ihn, sondern einen anderen trifft.

Niemand ist der, der er zu sein vorgibt.

Dieses Mantra zieht sich als roter Faden durch den ganzen Roman. Im zerbombten Tokio des Jahres 1946 trifft das auf so ziemlich jeden zu. Auch auf Minami, der zwar seinen Beruf als Kriminalinspektor ernst nimmt und alles daran setzt, den Serienmörder zu überführen, der aber gleichzeitig unter der Knute des Gangsterbosses Senju steht, vor allem aufgrund seiner Medikamentensucht. Minami verbirgt außerdem ein dunkles Geheimnis, mehrmals wird angedeutet, dass er an japanischen Kriegsverbrechen beteiligt war – unter anderem Namen. Seine Familie, Frau und zwei Kinder, vernachlässigt er, Ruhe und Frieden findet er zumeist nur bei seiner Geliebten. Seine Situation im Präsidium ist zunehmend heikel, seine Vergangenheit und die Verbindung zu Senju drohen aufzufliegen. Minami fällt es zunehmend schwer, zwischen Freund und Feind zu unterscheiden, die Illoyalität greift um sich. Zusammen mit seinem schlechten körperlichen Allgemeinzustand und den Medikamenten gerät Minami teilweise in einen gehetzten, wahnhaften Zustand.

An dieser Stelle, in dieser Senke nehme ich ihre Akte.
Zwischen den Bäumen, den schwarzen Baumstämmen…
Ich schlage sie auf und nehme die Fotos heraus.
Den Ästen und Blättern…
Ich sehe sie an dieser Stelle.
Ihren weißen, nackten Körper…
Sehe ihr Gesicht.
Ihr zerschundenes Gesicht…
Ihr Gesicht.
Ganz schwarz…
Ich schließe an diesem Ort, an dieser Senke, unter diesen Bäumen die Augen und sehe ihr Gesicht. (S.325)

Wer einen David Peace liest, sollte zumindest wissen, was ihn erwartet: Harte Arbeit. Der Autor wurde vor allem mit seinem „Red Riding Quartett“, den vier Romanen „1974“, „1977“, „1980“ und „1983“ vor dem Hintergrund des Yorkshire Rippers Peter Sutcliffe bekannt. „Tokio im Jahr Null“ war der Auftakt einer Trilogie der Autors (Teil 3 erscheint Ende April im Liebeskind Verlag), der selbst jahrelang im Japan gelebt hat. Peace‘ Stil ist für den Leser ziemlich unbequem. Er schreibt verknappt, stakkatohaft, mit Einschüben der Gedanken der Figuren, mit Lautmalerei. In diesem Roman beispielsweise verwendet er sehr regelmäßig die japanischen Laute für Hämmern (Ton-ton), Kratzen (Gari-gari) oder tickenden Uhren (Chiku-taku). Seine Dialoge sind äußerst realistisch und lassen vieles aus. Die Plots sind komplex und Peace erläutert auch nichts, sondern überlässt die Deutung dem Leser. Das Ganze macht seine Romane nicht gerade zur einfache Lektüre – im Gegenteil, es ist sogar ausgesprochen sperrig und manchmal auch verstörend. Aber gerade darin liegt auch eine gewisse Faszination. Peace‘ Figuren erlangen eine enorme Tiefe, sein Setting eine beeindruckende Anschaulichkeit.

In diesem Falle ist dies das zerstörte Tokio, zerbombte Häuser, Schwarzmärkte, Hunger, Krankheiten, Läuse. Allgemeine Düsternis. Der Polizeiapparat voller absurder Rituale, ineffizient, ein Hort der Intrigen. Und darin ein Inspektor auf der Jagd nach einem Serienmörder, gleichzeitig auf der Flucht vor seiner Vergangenheit, vor sich selbst. Spannend ist außerdem, dass Peace sich von einem wahren Kriminalfall inspirieren ließ: Kodaira Yoshio gestand die Vergewaltigung und Ermordung von zehn Frauen und wurde 1949 hingerichtet. All dies geschrieben in einem „expressionistischem“ Stil, wie es die Bloggerkollegin Bettina Schnerr in ihrer Rezension des Romans ausdrückt. Das ist insgesamt sehr fordernd, aber am Ende war ich schon ein wenig beeindruckt – von mir, dass ich wieder einen Peace durchgehalten habe und vom Autor über dieses komplexe Werk.

 

Rezension & Foto von Gunnar Wolters.

Tokio im Jahr Null | Erstmals erschienen 2007
Die gelesene Ausgabe erschien 2011 bei Heyne Hardcore
ISBN 978-3-453-67531-5
416 Seiten | 9,99 €
Originaltitel: Tokio Year Zero (Übersetzung aus dem Englischen von Peter Torberg)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Rezension des Romans im Blog „Bleisatz“

Weiterlesen II: Interview des Autors mit dem SPIEGEL im Jahr 2009

Ted Lewis | Schwere Körperverletzung

Ted Lewis | Schwere Körperverletzung

Ich betrachtete Mals Gesicht, dessen Züge bereits ins Unvertraute glitten, das der Tod mit sich bringt.
„Wer hätte das gedacht?“, meinte Mickey. „Ein stabiler Typ wie Mal. Man kann eben nie wissen.“
Mickey langte nach oben und entfernte die Kabel aus der Lampenfassung, fing an, sie aufzuwickeln.
„Das ist unerfreulich“, sagte ich.
„Wieso das, Boss?“, fragte Mickey.
„Ich glaube nicht, dass er es war.“ (Auszug S.102-103)

Der Typ, der so eben den Tod eines Mitarbeiters in Folge einer Befragung unter Folter ein wenig achselzuckend hinnimmt, ist George Fowler. Fowler ist eine Unterweltgröße Ende der 1970er in England, ein Pornokönig. Pornographie war damals in Großbritannien verboten und damit auch ein äußerst lukratives Geschäft. Fowler hat sich ein kleines Imperium aufgebaut, dass sowohl Produktion als auch Vertrieb umfasst. Dabei bietet Fowler eine große Bandbreite vor allem im Hardcorebereich an – bis hin zu Snuff-Videos. Fowler und seine Gattin Jean mischen auch gerne selbst bei der Produktion mit.

Doch sein Imperium ist stets bedroht – sowohl von Konkurrenten als auch von der Polizei, bei der er sich allerdings einige Beamten als Augen und Ohren hält. Allerdings gibt es nun Ärger von innen: Seine Frau Jean macht auch das Controlling und in den Büchern fallen verschwundene Beträge auf. Nichts, was seinen Reichtum in Gefahr bringen würde, aber etwas, was man natürlich nicht tolerieren darf. Fowler beginnt mit dem Verhör einiger direkter Untergebener. Dabei fallen allerdings Kollateralschäden an (siehe oben). Fowler wird zunehmend paranoid, kann sich nur noch auf die Loyalität einiger weniger (zurecht?) verlassen und so beginnt das Imperium immer schneller zu erodieren.

In Mablethorpe öffnet man vormttags um zehn, während und außerhalb der Saison.
Meine gelegentlichen Ausflüge in die Stadt bleiben von dieser Tatsache unberührt, weil ich immer dabei habe, was ich benötige. Es ist oben so, dass die Fahrt in die Stadt und das Umherwandern mir die Illusion verschaffen, die Zeit verfieße, stehe nicht stillwie die immerwährende Leere, worin mein Verstand verharrt. (Auszug S.69)

Das Ganze erzählt uns George Fowler selbst, aufgeteilt auf zwei Zeitebenen. Die Kapitel sind abwechselnd mit „Die See“ und „Der Rauch“. „Die See“ wird im Präsens erzählt, Fowler ist offenbar untergetaucht, hält sich im kleinen Seebad Mablethorpe an der Ostküste Englands auf, hat dort einen Bungalow in den Dünen. Fowler grübelt viel, trinkt viel Scotch und pflegt seine Paranoia. In einer jungen Frau, die ihm in einer Kneipe und einer Spielothek begegnet, glaubt er, einen Lockvogel zu erkennen. In den Abschnitten „Der Rauch“ wird rückblickend erzählt, wie es dazu kam, dass Fowler in diesem trübseligen Seebad abtauchen musste.

Autor Ted Lewis ist eine feste Größe in der britischen Noir-Szene. Seinen Durchbruch erlangte er 1970 mit dem Roman „Get Carter“, bekannt unter anderem auch durch die Verfilmung mit Michael Caine in der Hauptrolle (es gibt auch eine Neuverfilmung mit Sylvester Stallone). Lewis verstarb 1982 im Alter von nur 42 Jahren. Heutzutage ist er im deutschsprachigen Raum nur noch eingefleischten Krimifans ein Begriff, auch ich konnte auch erst im Zusammenhang mit „Get Carter“ etwas mit ihm anfangen. Somit ist es durchaus erfreulich, dass Verleger Frank Nowatzki „GBH“ („grievous bodily harm“) eine Neuauflage spendiert, nachdem er den Roman bereits 1990 in seiner Reihe „Black Lizard Bücher“ herausgegeben hatte. Im Vorwort gibt es übrigens noch eine Würdigung durch den auch nicht unbekannten Derek Raymond.

„Schwere Körperverletzung“ ist ein klassischer Noir über Macht, Gewalt und Verrat mit einem Ich-Erzähler, der dem Leser einen tiefen Einblick in seine seelische Verfassung bietet. In der Gegenwart der einsame Wolf, der sich in den schmerzenden Erinnerungen suhlt, seine Paranoia pflegt und langsam in den Wahnsinn gleitet. In den Rückblicken der omnipotente Gangsterboss, der mit brutaler Rücksichtslosigkeit seine Macht zu erhalten versucht und nur schwer bemerkt, wie ihm alles entgleitet. Am Ende kommt es dann doch zum Showdown im sonst so abhängtem Mabelthorpe. Alles in allem eine durchaus anregende Reise in den britischen Noir der 1970er.

 

Rezension & Foto von Gunnar Wolters.

Schwere Körperverletzung | Erschienen am 18.12.2020 bei Pulp Master
ISBN 978-3-946582-04-5
334 Seiten | 14,80 €
Originaltitel: GBH (Übersetzung aus dem Englischen von Angelika Müller)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Doug Johnstone | Der Bruch

Doug Johnstone | Der Bruch

Seitdem ich Bücher nicht nur lese, sondern auch regelmäßig rezensiere (wenngleich auf Amateurniveau), hat sich bei mir die Betrachtungsweise eines Buches schon etwas verschoben. Man taucht teilweise nicht mehr so tief in die Geschichte ein, achtet mehr auf Logikfehler, auf sprachliche Schwächen, auf Klischees und Plattitüden, zieht schon während der Lektüre Vergleich zu ähnlichen Werken. Auch die Protagonisten dienen nicht mehr als Sympathieträger, sondern werden daran beurteilt, ob sie die Geschichte voranbringen und möglichst authentisch angelegt sind. Das heißt nicht, dass die Lektüre keinen Spaß mehr macht, aber man liest etwas „professioneller“. Umso schöner, wenn man dann doch einen Roman erwischt, der einen nicht nur von den äußeren Merkmalen her völlig überzeugt, sondern der einen auch emotional packt. Spontan fällt mir da aus den letzten Jahren Steve Hamiltons „Der Mann aus dem Safe“ ein, einen sensationellen Coming-Of-Age-Heist-Thriller. Und nun habe ich wieder so einen Roman gelesen, und der spielt im ach so pittoresken Edinburgh.

Die Fläche zwischen hier und da war eine einzige große illegale Mülldeponie, ein Wirrwarr von Gummirohren, feuchten Matratzen, ein paar Autotüren, einer zertrümmerten Windschutzscheibe, Bergen von Müllsäcken, prall gefüllt mit weiß Gott was, und zerbrochenen Zaunfragmenten, die irgendwann mal irgendwen von irgendwo hatten fernhalten wollen. Das alles sah er im Licht der Scheinwerfer des Baugeländes. Er sah kurz zum Wauchope House hinüber, dem Zwilling des Hochhauses, auf dem sie sich befanden. Er würde nie verstehen, warum diese beiden letzten Dinosaurier nicht mit dem Rest abgerissen worden waren. Warum sie nicht ganz einfach Niddrie, Craigmillar und Greendykes mit einer Flächenbombardierung überzogen hatten und fertig. (Auszug S.8-9)

Der 17jährige Tyler wohnt mit seiner Mutter und seiner kleinen achtjährigen Schwester Bean in einer Wohnung in einem heruntergekommenen Hochhaus im Problemstadtteil Niddrie. Seine Mutter Angela ist drogen- und alkoholabhängig, nicht mehr imstande, sich um ihre Familie zu kümmern. In der Wohnung nebenan leben Tyler ältere Halbgeschwister Barry und Kelly in einem inzestuösen Verhältnis. Tyler kümmert sich wie ein Erziehungsberechtigter um Bean und versucht ihr einen halbwegs ordentlichen Alltag zu bieten. Vor allem versucht er, sie vom aggressiven und kokainsüchtigen Barry fernzuhalten. Barry zwingt den eher kleingewachsenen Tyler, sich an den regelmäßigen Einbruchstouren zusammen mit ihm und Kelly zu beteiligen. Sie brechen in die Wohnhäuser der wohlhabenderen Gegenden Edinburghs ein und gerade Tyler ist prädestiniert, in gekippte Fenster oder ähnlich enge Durchlässe einzusteigen.

Eines Nachts brechen die drei wieder in großes freistehendes Haus ein und räumen gerade ihre Beute zusammen, als sie von der heimkommenden Besitzerin überrascht werden. Diese entdeckt Tyler auf der Treppe und wird im nächsten Augenblick von Barry brutal von hinten niedergestochen. Sie können fliehen, aber Tyler ist entsetzt von Barrys Brutalität und wählt heimlich den Notdienst. In Nachhinein wird das Ausmaß der Katastrophe erst sichtbar: Das Haus, in dem sie eingebrochen sind, gehört dem lokalen Gangsterboss Deke Holt und die schwer Verletzte ist dessen Ehefrau und Mutter eines Schulkameraden von Tyler. Deke Holt schwört bittere Rache, falls er die Schuldigen erfährt und lange kann dies nicht mehr dauern, denn Barry hat bereits einen Teil der Beute weitervertickt. Zudem hat die Polizei Tyler und seine Geschwister schon länger auf dem Kieker, kann ihnen aber noch nichts nachweisen. Sie übt Druck auf Tyler aus, seinen Bruder zu verraten, droht ihm damit, seine Schwester Bean aus der Familie zu holen. Tyler steht nun von mehreren Seiten unter Druck. Just in diesem Moment lernt er ein gleichaltriges Mädchen kennen. Flick ist eine Internatsschülerin aus reicherem Hause, doch sie ist auch eine Seelenverwandte mit anders gelagerten, aber auch problematischen Familienverhältnissen.

Er sagte nichts. Sie warf ihm immer wieder Seitenblicke zu, während sie den Kreisverkehr passierte und Richtung Osten fuhr.
„Tut mir leid“, sagte sie schließlich. „Das war unangebracht“.
„Schon okay.“
„Sag doch einfach, ich soll die Klappe halten.“
„Halt die Klappe.“
Sie lachte, und ihm gefiel, wie sich das anhörte. (Auszug S.70-71)

Die schottische Kriminalliteratur genießt unter Genrekennern einen exzellenten Ruf. Angefangen über den „Godfather“ William McIlvanny, über natürich Ian Rankin, Val McDermid, Denise Mina, Chris Brookmyre und zahlreiche andere Hochkaräter. Unter den schottischen Autoren ist Doug Johnston auch kein Unbekannter, ein paar seine Romane wurden auch ins Deutsche übersetzt (zuletzt „Wer einmal verschwindet“ in 2015). Dennoch hatte ich ihn bislang so gar nicht auf dem Schirm. Johnstone hat übrigens eine interessante Vita: Er promovierte in Kernphysik und arbeitete als Radar- und Raketeningenieur. Neben seiner Autorenkarriere ist er auch Journalist und spielt in einer Band aus lauter Krimiautoren („Fun Lovi Crime Writers“). Mit seinem neuesten Werk könnte er sich aber auch in Deutschland einen größeren Namen machen. „Der Bruch“ („Breakers“ im Original) erschien 2019 und war unter anderem auf der Shortlist des wichtigsten schottischen Krimipreises.

Doug Johnstone zeigt dem Leser in diesem Buch die Schattenseiten des schönen Edinburgh. Soziale Brennpunkte, heruntergekommene Wohnungen, dysfunktionale Familien, Armut, Drogen, Kriminalität. All dies kondensiert in Tylers Familie mit Barry als Tyrann, Kelly als dessen willfährige Partnerin und seiner Mutter als Wrack. Tyler alleine muss die ganze Last der Verantwortung schultern. Die Liebe zu seiner kleinen Schwester hält ihn aufrecht. Bei ihr holt er sich die kleinen Erlebnisse, die ihn über den weiteren Tag bringen. Und dennoch ist er oft nah an der Verzweiflung ob dieser Bürde. Johnstone schildert Tylers brutalen Alltag zwischen der Versorgung von Bean, den eigenen (wenigen) Schulstunden, dem Haushalt und der nächtlichen Streifzügen durch Edinburghs Villenviertel mit einer schonungslosen Realität. Dabei zeichnet er den Protagonisten Tyler mit einer tiefen Empathie, der sich der Leser nicht entziehen kann.

„Der Bruch“ ist vieles, ein sozialkritischer Roman, ein Krimi oder besser noch ein spannungsreicher Thriller oder auch ein düsterer Noir, wenngleich mit einigen Funken Hoffnung. Vor allem aber, so spricht es Autorenkollege Mark Billingham auf dem Cover an, „..es geht auch um etwas und spricht wirklich das „Warum“ des Verbrechens an“. Bloggerkollege Philipp Elph urteilte jüngst: „Bereits zu Beginn des Jahres einen Kriminalroman als ein Highlight des Jahres zu bezeichnen, ist eine gewagte Äußerung. Ich sage es trotzdem.“ Und ich mag ihm da nicht widersprechen. Doug Johnstone ist ein großartiger Roman gelungen. Einer dieser, die einen noch emotional richtig mitnehmen – mit authentischen Figuren, einem mitreißenden Plot und einem scharfen Blick für die sozialen Probleme seiner Heimatstadt. „Der Bruch“ ist ein wirklich großer Wurf.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Der Bruch | Erschienen am 15.01.2021 im Polar Verlag
ISBN 978-3-948392-20-8
312 Seiten | 20,- €
Originaltitel: Breakers (Übersetzt aus dem Englischen von Jürgen Bürger)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen I: Philipp Elphs Rezension von „Der Bruch“
Weiterlesen II: Doug Johnstone im Interview mit Hanspeter Eggenberger

Robert Hültner | Inspektor Kajetan und Sache Koslowski / Walching (Bde. 1+2)

Robert Hültner | Inspektor Kajetan und Sache Koslowski / Walching (Bde. 1+2)

Das Krimigenre ist ja auch immer wieder gewissen Trends ausgesetzt. In den letzten Jahren waren dies im deutschsprachigen Markt unter anderem auch historische Kriminalromane. Trendsetter war hierzu sicherlich die Gereon-Rath-Krimis aus der Feder von Volker Kutscher. Doch natürlich gab es schon länger vor Kutscher historische Kriminalromane aus Deutschland. Ein Meilenstein war hierbei sicherlich die Reihe um den Münchner Inspektor Kajetan von Robert Hültner.

1993 erschien der erste Roman „Walching“ mit Kajetan als Ermittler in einer Mordsache im Oberbayrischen im Jahr 1922 im Verlag Georg Simader. Zwei Jahre später folgte „Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski“, einer Art Prequel, spielt der Roman doch 1919 in München zur Zeit der Räterepublik. Hiermit gewann Hübner 1996 auch den Deutschen Krimi Preis. Bis 2013 entstanden insgesamt sechs Romane, zwei weitere gewannen ebenfalls den Deutschen Krimi Preis. Zum 70.Geburtstag des Autors hat sein aktueller Verlag nun die Romane in Doppelbänden zusammengefasst und neu veröffentlicht.

In München des Jahres 1919 geht es im wahrsten Sinne drunter und drüber. Nach dem Ende des 1.Weltkriegs und der Abdankung des Königs wurde in Bayern der Freistaat ausgerufen. Doch die reaktionären Kräfte schlagen zurück, Ministerpräsident Kurt Eisner wird von einem völkischen Adligen erschossen. Nun kämpfen Spartakisten, Mehrheitssozialdemokraten und rechte Freikorpsler um die Macht. Die Münchner Polizei ist nicht eingeschränkt handlungsfähig, ein großer Teil der Beamten kommt kaum noch zum Dienst. Inspektor Paul Kajetan allerdings ist dienstbeflissen. Er ermittelt in einer Brandstiftungssache, bei der ein Mann ums Leben kam. Verdächtigt wird der Mieter Eugen Meininger, der jedoch nicht auffindbar ist. Kajetan verfolgt seine Fährte und findet heraus, dass Meininger versucht hatte, eine Anstellung als Journalist zu erhalten. Dabei war er auf eine üble Rufmordkampagne gegen Ministerpräsident Eisner („Die Sache Koslowski“) angesetzt worden, journalistisch eine tote Nummer. Aber Meininger hat irgendwas herausgefunden, hat unter anderem im rechten Milieu recherchiert. Und Kajetan merkt fast zu spät, dass hinter dem Fall eine erhebliche politische Dimension steckt.

„Ach, noch was, Herr Inspektor…wie war gleich noch der Name?“
„Kajetan. Paul Kajetan.“
„Ich muss Ihren Mut bewundern. Wieso, werden Sie fragen. Nun, ich habe den Eindruck, dass Sie sich möglicherweise derart irren, dass Ihnen das einmal nicht mehr verziehen wird. Geben Sie acht auf sich. Tun Sie lieber, was die meisten Ihrer Kollegen bereits tun.“
„Und das wäre?“
„Nichts, Herr Inspektor Kajetan. Ruhen Sie sich einfach aus.“ (S.140)

„Walching“ ist zwei Jahre vor der „Sache Koslowski“ erschienen, spielt aber drei Jahre später im Jahr 1922. Inspektor Kajetan ist in den Wirren von 1919 noch knapp mit dem Leben davongekommen und hat auch seinen Beruf behalten. Allerdings wurde er in die fiktive Provinzstadt Dornstein strafversetzt. Sein neuer Chef behält ihn allerdings im Auge und gibt Kajetan nur harmlose Aufgaben. Wie diese Mordsache in Walching, einem Dorf in schon hügeligen Voralpenland. Eine Magd wurde ermordet und praktischerweise hat man vor Ort schon die Täter inhaftiert. Drei Landstreicher waren ins Bauernhaus eingedrungen und hatten die Speisekammer geplündert. In der oberen Etage ist die Magd ermordet worden. Kajetan soll den Fall eigentlich nur abschließen. Doch als er in Walching angekommen ist und mit den Verhören beginnt, kommen ihm schnell Zweifel. Nicht nur, dass die Landstreicher nicht gestehen. Zu schnell möchten auch die Einheimischen, vor allem der Bürgermeister, zur Tagesordnung übergehen. Kajetan forscht weiter und versucht vor allem, ein mögliches Mordmotiv herauszufinden. Doch die nicht gerade redselige Dorfgemeinschaft macht es ihm nicht leicht.

„Dann werden sie ja alles bereits zugegeben haben, nehm ich an.“
Lindinger hob die Augenbrauen besorgt und sah zum Wachmeister. „Noch…nicht, Herr Inspektor“, stotterte Mayr. Der Bürgermeister seufzte, fingerte nach einem Bleistift und legte ihn wieder fort. „Aber dafür sind sie ja jetzt da, Herr Inspektor“, sagte er hoffnungsvoll. Als Kajetan nicht sofort darauf antwortete, setzte er hinzu: „Ich möcht halt, dass bald wieder eine Ruhe ist in unserer Gemeinde. Muss jetzt so eine Gaudi sein, grad jetzt, wo es auf die Feiertage zugeht…“ (S.298)

Im Gegensatz zu Kutschers Gereon Rath nutzt Robert Hültner seine Hauptfigur Paul Kajetan nicht für ausgedehnte private Nebenstränge. Überhaupt erfährt man nur dosiert etwas vom Inspektor. Ein beflissener Beamter, trotz der politisch, unruhigen Zeiten eher unpolitisch. Ein treuer Staatsdiener mit dem Anspruch, Recht und Gerechtigkeit durchzusetzen. Und der dadurch auch schnell bei seinen Vorgesetzten aneckt.

Doch die Konzentration auf den Kriminalfall und die Ermittlungen tun den Romanen durchaus gut. Ist die „Sache Koslowski“ noch ein sehr politischer historischer Krimi, kommt bei „Walching“ Regionalkrimi-Flair auf (bevor es zum Ende doch politisch wird). Bei beiden Krimis fällt auf, wie sorgfältig der Autor das historische Setting und vor allem den Lokalkolorit verwendet. Dies kommt vor allem auch in den überzeugenden Dialogen zum Tragen. Insgesamt sind diese beiden Bände als Reihenauftakt stimmig und wirken historisch akkurat. Für Fans des aktuellen Booms historischer Krimis sollte diese Reihe (besonders durch die Neuauflage in Doppelbänden) eine Wiederentdeckung wert sein.

 

Foto & Rezension von Gunnar Wolters.

Inspektor Kajetan und die Sache Koslowski / Walching | Als Einzelbände erstmals erschienen 1995 bzw. 1993
Die Ausgabe als Doppelband erschien am 25.06.2020 im btb Verlag
ISBN 978-3-442-77039-7
480 Seiten | 12,- €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Jurica Pavičić | Blut und Wasser

Jurica Pavičić | Blut und Wasser

Die Suche nach Silva war mal mehr, mal weniger intensiv, ist mal erlahmt, hat sich dann wieder belebt, aber nie hat er ganz aufgehört. Selbst in ruhigen Phasen hat Mate im Hinterkopf ein unangenehmes Summen, das ihn dran erinnert, dass in seinem Leben nicht alles in Ordnung ist. Silva ist verschwunden, summt es in seinem Hinterkopf, sie ist weg und du unternimmst nichts dagegen. (Auszug E-Book, Position 1545).

Der kleine Ort Misto an der dalmatinischen Küste im September 1989: Die politischen Umwälzungen beginnen sich am Horizont abzuzeichnen, doch in Misto ist davon noch wenig zu spüren. Die Familie Vela, bestehend aus den Eltern Vesna und Jakob und den beiden fast erwachsenen Kindern Silva und Mate, verbringen vermeintlich glückliche Tage im kroatischen Spätsommer. Doch nach einem Sommerfest an einem Samstagabend verschwindet die 17jährige Silva spurlos. Zunächst sucht die Familie, dann auch die Polizei vergeblich nach ihr. Brane, Silvas Freund, wird schnell von den Verdächtigen gestrichen, da er erst sonntagsmorgens mit einem Bus in Misto ankam. Adrian, der Sohn des Bäckers, war als letzter mit ihr zusammen, wird nach einem anonymen Hinweis festgenommen, doch später wieder freigelassen. Doch letztlich verdichten sich die Anzeichen, dass Silva womöglich einfach abgehauen sein könnte. Zudem findet die Polizei heraus, dass Silva in ihrem Schülerinnenwohnheim mit Drogen gedealt hat. Als schließlich eine Zeugin auftaucht, die Silva am Sonntagmorgen am Busbahnhof gesehen haben will, geht die Polizei davon aus, dass sie aus freien Stücken ins Ausland gegangen ist. Der Fall wird mehr oder weniger zu den Akten gelegt, doch ihre Familie, vor allem ihr Bruder Mate, gibt die Suche nicht auf.

Er arbeitet irgendwann als Lkw-Fahrer und Vertreter, um möglichst viel unterwegs zu sein, um in ganz Europa nach Spuren von Silva zu suchen. Er klebt Plakate, richtet Webseiten ein und erhält auch zahlreiche, auch ernstgemeinte Hinweise – die sich aber allesamt als Fehlhinweise entpuppen. Silva bleibt unauffindbar. Zeitgleich schreitet die Zeit voran, das Buch umfasst einen Zeitraum von fast 28 Jahren. Das Verschwinden von Silva und politischen und gesellschaftlichen Umbrüche haben an der Familie Vela und an Misto ihre Spuren hinterlassen. Jakob und Vesna haben sich getrennt, auch Mates Ehe wird an seiner Obsession, seine Schwester finden zu müssen, zerbrechen. Adrian ist das Stigma des Verdächtigen nicht los geworden, wurde schließlich als Soldat im Bosnienkrieg tödlich verwundet. Auch die Familie von Brane hat das Ereignis zerrüttet. Schließlich kehrt auch der ehemalige Kommissar Gorki Schain nach Misto zurück. Er musste nach dem Ende Jugoslawiens seinen Job bei der Polizei aufgeben, die vergebliche Suche nach Silva war sein letzter großer Fall. Gorki kehrt nun als Immobilienentwickler zurück und sucht nach günstigem Land für Ferienhaus- und Tourismusprojekte, was wiederum zu einiger Unruhe in Misto führt.

Autor Jurica Pavičić ist ein in seiner kroatischen Heimat renommierter Autor, Journalist, Film- und Literaturkritiker. Er ist mir mit seinem Roman „Die Zeugen“ bekannt. Ein überzeugender Roman, der die Umstände eines Mordes und einer Entführung im Zusammenhang mit den Kriegsveteranen der Jugoslawienkriege beleuchtet. Auch „Blut und Wasser“ verweigert sich einer eindeutigen Genrezuordnung. Das Verschwinden von Silva ist ein Kriminalfall – möglicherweise. Erst am Ende löst Pavičić das Ganze auf. Dies ist auch der einzige Moment, in dem er mit der ansonsten chronologischen Erzählweise bricht. Für ein kurzes Kapitel beschreibt er, was wirklich damals in dieser Nacht in Misto passiert. Ansonsten wählt er für seine Kapitel immer wieder unterschiedliche Perspektiven und Erzähler. Das ist ein letztlich sehr überzeugendes Stilmittel, dadurch werden die dramatischen Entwicklungen in Bezug auf die einzelnen Personen nochmal deutlich hervorgehoben. Die Entwicklungen betreffen aber auch das alte Fischerdorf, das sich immer mehr zu einem Urlaubsdomizil wandelt. Einzige Konstante scheinen die stetig auftretenden adriatischen Winde zu sein.

In diesem Krieg gibt es keinen Sieg, nur aufgeschobene Niederlagen. (Auszug E-Book, Position 2238)

„Blut und Wasser“ ist kein typischer Kriminalroman, dafür bleibt zu lange offen, ob es sich wirklich um einen Kriminalfall handelt. Doch Pavičić gelingt es, mit dieser Ungewissheit eine gewisse Spannung aufrechtzuerhalten. Vor allem im Mittelteil gelingt dem Autor eine überzeugende Darstellung, wie das Ende des kommunistischen, jugoslawischen Staates, der aufkeimende kroatische Nationalismus, die Kriege und letztlich der Kapitalismus und der Massentourismus tiefe Spuren in der Dorfgemeinschaft und in den einzelnen Biografien hinterlassen haben. Eine „Chronik des gesellschaftlichen Umbruchs“, wie es der Verlag beschreibt, und hinzu kommt noch das Trauma des Verschwindens von Silva Vela. Ein wirklich überzeugender Roman, für den ich gerne eine Lesempfehlung gebe.

 

Foto und Rezension von Gunnar Wolters.

Blut und Wasser | Erschienen am 29.09.2020 im Verlag Schruf & Stipetic
ISBN 978-3-944359-49-6
276 Seiten | 12,90 €
als E-Book: ISBN 987-3-944359-49-6 | 6,99 €
Originaltitel: Crvena voda (Übersetzung aus dem Kroatischen von Blanka Stipetić)
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen II: Rezension zum Roman auf dem Blog Zeichen & Zeiten

Weiterlesen I: Kurzrezension von Gunnar zu Pavičićs Roman „Die Zeugen“