Kategorie: Andy Ruhr

William Boyle | Shoot The Moonlight Out

William Boyle | Shoot The Moonlight Out

Sie sehen nicht zurück. Bobby hat keine Angst, dass ihnen jemand folgt, er hat Angst, dass hinter ihnen etwas Schreckliches passiert sein könnte. Es war doch nur Spaß. Nicht erst gemeint. … Auf so jemand hatten sie es nicht abgesehen. Sie ist keins von diesen Arschlöchern. (Auszug Seite 18)

Bobby Love Santovasco und sein Freund Zeke, 14 und 13 Jahre alt, sind dumme Jungs. Aus Langeweile werfen sie 1996 in Bay Ridge, einem Stadtteil im Süden Brooklyns irgendwelche Sachen von einer Brücke auf Autos. Angefangen mit Ketchup, Senf und Wasserballons sind es irgendwann Steine. Als ein Stein durch das offene Fenster Amelia Cornacchia trifft, die in ihrem verlotterten kirschroten Toyota Corolla vom Caesar’s Bay Shopping Center auf den Bay Parkway abfährt, überlebt die Neunzehnjährige den Anschlag nicht.

Fünf Jahre nach der Tat
Die beiden Jungs kommen davon, auch fünf Jahre später ist die Tat immer noch nicht aufgeklärt. Eine Tragödie für Amelias Vater Jack Cornacchia, einem Witwer, der auch seine Frau viel zu früh verloren hat. Verbittert kann er sich nicht damit abfinden, dass seine Tochter so sinnlos sterben musste, während die Täter ungestraft davonkommen. Er lässt sich fürs Geldeintreiben bezahlen oder sorgt als Rächer kleiner Leute aus der Nachbarschaft, denen Schlimmes widerfahren ist, für Gerechtigkeit. Als er fünf Jahre später bei einem Schreibkurs Lily Murphy kennenlernt, erinnert sie ihn an seine Tochter und sein Leben bekommt wieder einen Sinn. Lily ist nach einem College-Abschluss in Englisch nach vier Jahren wieder bei ihrer Mutter eingezogen. In ihrem ehemaligen Kinderzimmer träumt sie davon, Schriftstellerin zu werden. Sie lässt sich treiben, will aber eigentlich, wie alle jungen Menschen weg aus dem schäbigen Brooklyn. Um ein bisschen Geld zu verdienen, gibt sie einmal die Woche im Keller der Kirche einen Schreibkurs für die Gemeinde.

Lily ist die Stiefschwester von Bobby, aus dem auch zwischenzeitlich nichts Rechtes geworden ist. Er arbeitet für den schmierigen Anlageberater Max Berry, der mit einem betrügerischen Schneeballsystem kleine Leuten im Viertel um ihre Ersparnisse bringt und gerüchteweise für die Mafia arbeitet, den ganzen Tag Milch aus kleinen Kartons trinkt und noch bei seinen Eltern wohnt. In seinem heruntergekommenen Büro bunkert er im Tresor eine Tasche von Mafiosi Charlie French mit jeder Menge Geld und Drogen. Ausgerechnet jetzt raubt Bobby den Safe aus, um mit seiner Freundin Francesca aus Brooklyn abzuhauen. Aber da hat er sich mit dem Falschen angelegt, denn Charlie, ein gefährlicher Gangster geht über Leichen, um an sein Geld zu kommen. Als Jack den Auftrag bekommt, Max das Handwerk zu legen, der es vornehmlich auf ältere Menschen aus der Arbeiterklasse und Sozialhilfeempfänger abgesehen hat, trifft er auf Bobby, ohne zu wissen, dass er dem Verantwortlichen am Tod seiner Tochter gegenübersteht.

Manhattan ist weit weg
Auch in seinen fünften Roman erzählt William Boyle, der literarische Chronist Brooklyns, von den kleinen Leuten seiner Heimat. Der Autor ist hier geboren und aufgewachsen, lebt aber mittlerweile in Oxford, Mississippi. Dabei portraitiert er die Bewohner, meistens italienischstämmige Menschen, die der unteren Mittelklasse angehören, mit sehr viel Mitgefühl und Empathie. Es sind Figuren, die große Träume und Sehnsüchte haben, die rauskommen wollen aus der Tristesse, aus dem kleinstädtischen Mief, wo die globale Urbanität noch nicht angekommen ist. Er erzählt von Selbstzerstörung und Selbstjustiz, lässt ihnen aber ihre Würde. Es geht um Menschen, die Schuld auf sich geladen oder einfach falsche Entscheidungen getroffen haben. Und es geht um Vergebung. Gekonnt verknüpft er die einzelnen Schicksale, jedoch war es mir an einigen Stellen ein wenig zu konstruiert.

Die Grenzen des Genres Kriminalroman werden deutlich überschritten. Seine Figuren, die Alltagssorgen und deren Gefangenheit in ihrem Milieu sind ihm wichtiger als eine spannende, actionreiche Handlung. Obwohl auch hier gemordet, geprügelt, geschossen und geliebt wird und es eine spannende Dramaturgie bis zum bluttriefendem, gewalttätigem Finale gibt, ist „Shoot the Moonlight out“ mehr ein überzeugendes amerikanisches Sittengemälde. Wenn der Autor mit seinen Charakteren durch die Straßen Südbrooklyns streift, Bars und Kneipen, Kirchen und Häusern besucht, schwebt über allem eine Melancholie der Hoffnungslosigkeit, jedoch mit trockenem Humor versehen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Shoot The Moonlight Out | Erschienen am 17. Juli 2023 im Polar Verlag
ISBN 978-3-94839-277-2
380 Seiten | 26,- Euro
Originaltitel: Shoot The Moonlight Out | Übersetzung aus dem Amerikanischen von Andrea Stumpf
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension zu „Eine wahre Freundin“ von William Boyle

Anthony McCarten | Going Zero

Anthony McCarten | Going Zero

Aber eine Bibliothekarin? So was sollte repräsentativ sein? Echt jetzt? Eine Person, die mit Büchern zu tun hatte? Der Rest der Welt war schon eine Generation zuvor auf Digital umgestiegen, und da sucht irgendein Blödmann einen Bücherwurm aus, eine, die mit Antiquitäten zu tun hat, als Herausforderung für Fusion? (Auszug Seite 43)

In den Vereinigten Staaten warten zehn Freiwillige auf das Signal „Going Zero“. Dann müssen sie für dreißig Tage untertauchen, bekommen einen Zeitvorsprung von zwei Stunden, bevor die Suche nach ihnen beginnt. Dem Gewinner winkt ein Preisgeld von drei Millionen Dollar. Initiator des Programms ist der Silicon-Valley-Milliardär Cy Baxter. Als Betreiber des mächtigen Tech-Konzerns WorldShare verfügt er über unzählige digitale Spuren und private Daten seiner Nutzer, die man miteinander verknüpfen kann. Das so entwickelte Programm, das auf den Namen Fusion hört, soll nun in einem Betatest auf Herz und Nieren geprüft werden. In der Vergangenheit waren Cy Baxter und seine Partnerin Erika Coogan mal zu dritt. Doch Erikas Bruder wurde von einem Amokläufer getötet. Vor diesem Hintergrund hoffen beide, dass das Programm zur Aufklärung von Verbrechen genutzt werden kann und der Social-Media-Mogul würde es gerne bei Erfolg dem CIA zu lukrativen Konditionen verkaufen. Die besten Programmierer, Analysten und Hacker stehen dabei an Baxters Seite, der dem US-Geheimdienst beweisen muss, dass sein Vorhaben gelingt. In der Fusion-Firmenzentrale in Washington werden sämtliche Überwachungstechnologien eingesetzt, um alle Going-Zero-Programmteilnehmer schon vor Ablauf der dreißig Tage festzusetzen.

Ein Querschnitt der amerikanischen Bevölkerung
Von den zehn ausgewählten Teilnehmenden sind fünf aus dem professionellen Security-Milieu, für die das Aufspüren und Untertauchen zum Geschäft gehört. Die anderen fünf hingegen sind ganz normale Bürger. Laien, die mit Überwachungstechnologien eigentlich nichts am Hut haben, darunter auch die Bibliothekarin Kaitlyn Day, die in ihrem Rucksack natürlich auch ein Exemplar von „Anna Karenina“ dabei haben muss.

Das Tempo ist von Anfang an sehr hoch. Ohne groß zu erklären oder die Figuren zu charakterisieren stürzen wir uns in die rasante Jagd und verfolgen, wie Überwachungsteams mit hochmoderner VR-Technik, Drohnen und Kameras ausgerüstet einen Zero nach dem anderen ausfindig machen. Dabei hat mich sehr gefesselt, mit welchen Methoden die Probanden und Probandinnen versuchen, unter dem Radar zu verschwinden und automatisch ergeben sich Gedankenspiele, wie man selbst agieren würde.

David gegen Goliath
Überraschend erweist sich grade Außenseiterin Kaitlyn Day als schwieriger Fall. Auf clevere und findige Art und Weise gelingt es ihr, sich, teilweise sehr knapp, den Jägern zu entziehen und der Gesichtserkennungssoftware oder der Ortung mittels Handy ein Schnippchen zu schlagen. Entsetzt verfolgt man, wie ein immer nervöser werdender Baxter die Verhältnismäßigkeit der Mittel völlig aus dem Blick verliert, wenn er in kanadisches Hoheitsgebiet vordringt oder Kampfdrohnen in Stellung bringen lässt. Doch ohne zu viel zu spoilern hat auch Kaitlyn Day eine ganz andere Mission, die sie verfolgt. Der Plot-Twist ungefähr nach der Hälfte der Geschichte weiß zu überraschen, ist aber auch etwas unglaubwürdig.

Hocherfreut über die unerwarteten Fähigkeiten der Bibliothekarin, die sich nun doch als Herausforderung entpuppt, haut Cy mit den Handflächen auf die Tischplatte. Wie cool ist das denn! Dank den Bodycams seiner Leute, die (natürlich unbewaffnet) die Verfolgung aufnehmen, ist es, als liefe er selbst dort; sie stürmen die Treppe hinunter, schubsen die jungen Leute beiseite. (Auszug Seite 50)

Es ist durchaus unterhaltsam, wenn die Häscher den Kandidaten mit der ganzen Fülle an Überwachungstechnologien zu Leibe rücken, bei der Gesichter, Körper, Kleidung, Stimmen selbst der Gang und die persönlichen Vorlieben ausgewertet werden. Erschütternd sind die unzähligen Möglichkeiten des Abgleichs von Datenbanken durch die vielen digitalen Spuren, die jeder von uns tagtäglich im Netz hinterlässt. Wenn die neun anderen Spielfiguren auf dem Feld mit mehr Gewicht ausgestattet wären, wäre die Jagd sicherlich noch spannender geworden. Dieses Potential wurde leider verschenkt. Auch Cy Baxter ist arg holzschnittartig wie die schablonenhafte Figur eines erfolgsverwöhnten, machthungrigen und größenwahnsinnigen Silicon-Valley-Milliardärs gestaltet. Wenn man darüber hinwegsehen kann, ist „Going Zero“ ein Pageturner, ein unterhaltsames Katz-und Mausspiel mit der bekannten Dramaturgie „David gegen Goliath“.

Dabei spielt der in Neuseeland geborene Autor mit ethischen Fragen. Welche Daten gibt jeder Mensch im Netz freiwillig von sich preis? Wie weit darf man gehen und wie tief in die Privatsphäre der Menschen eindringen, um Verbrechen zu bekämpfen? Wo sind die Grenzen zwischen Nutzen und Missbrauch? Anthony McCarten ist ein bekannter Drehbuchautor sowie mehrfach ausgezeichneter Filmproduzent, der gründlich über das Thema Überwachung recherchiert hat. Sein bildhafter Erzählstil ist actionlastig mit stakkatohaften Sätzen. Der Thriller lebt von schnellen Perspektivwechseln in kurzen Kapiteln und einer Menge Drive.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Going Zero | Erschienen am 26. April 2023 bei Diogenes
ISBN 978-3-257-07192-4
464 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: Going Zero | Übersetzung aus dem Englischen von Manfred Allié und Gabriele Kempf-Allié
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Best Of 2023

Best Of 2023

Wieder ist ein Krimijahr vorbei und es war kein so schlechter Jahrgang. Insgesamt 60 Romane (und zwei Filme) haben wir auf diesem Blog besprochen (ein paar ausschließlich über unsere Social Media-Kanäle). Es ist also mal wieder Zeit für unsere Jahreshighlights. Andy und Gunnar haben ihre drei Lieblingsbücher aus diesem Jahr zusammengestellt. Anders als in den letzten Jahren gab es aber diesmal eine Übereinstimmung, sodass es diesmal so etwas wie „unseren“ Krimi des Jahres gibt. Beginnen wir mit Andys Top 3.

Andys Top 3 in 2023

Zurückblickend auf das scheidende Jahr 2023, stelle ich fest, dass es viele gute Bücher im Bereich Crime waren, aber auch viel Durchschnittliches. Meine Begeisterung für den skandinavischen Thriller hat etwas nachgelassen, zu auserzählt wirken mittlerweile Plots und Charaktere. Der zweite Band von Don Winslow „City of Dreams“ glänzt mit den typischen Winslow-Zutaten, konnte aber nicht ganz mit der Brillanz des ersten Teils mithalten. Steve Cavanagh war eine neue Entdeckung im Bereich Gerichtskrimi und unterhaltsam für zwischendurch und Michael Connelly geht eigentlich immer. Irgendwie bin ich unaufhörlich auf der Jagd nach dem Besonderen. Höchstpunktzahl gab es für die folgenden Highlights, die auch noch Sieger des diesjährigen Deutschen Krimipreises wurden:

James Kestrel – Fünf Winter
Der Protagonist namens Joe McGrady ist ein Detective des Honolulu PD. Bei der Aufklärung eines brutalen Doppelmordes an einem jungen Paar folgt er einer Spur, die ihn nach Hongkong führt. Das wird allerdings kurz nach seiner Ankunft von den Japanern besetzt. McGrady wird verhaftet und nach Japan deportiert. Ganze fünf Jahre kann er sich bei einem japanischen Diplomaten und dessen Tochter verstecken. Fünf Jahre, in denen er nur in der Dunkelheit an die frische Luft kann und die schwere Bombardierung Tokios durch seine Landsleute erlebt, bis er sich wieder der Morduntersuchung widmen kann. Kestrel begeisterte mich in diesem Mix aus Thriller, historischem Kriminalroman, Kriegsdrama und Romanze durch bildhafte Erzählweise, düstere Atmosphäre, feine Figurenzeichnungen, ein Held im Noir-Stil und exotische Settings. Episch!

Andreas Pflüger – Wie sterben geht
Mit einer großen Vorliebe für Spionagegeschichten waren meine Erwartungen sehr hoch und wurden noch übertroffen. Nina Winter, eigentlich eine Schreibtischagentin, begibt sich Anfang der Achtzigerjahre auf ein Himmelfahrtskommando als Verbindungsoffizierin nach Moskau. Wir sind live dabei, wenn Winter in einem Intensivkurs lernt, wie man tote Briefkästen anlegt, Verfolger abschüttelt oder sich in Moskau unauffällig verhält, z.B. wie jeder Russe ins Leere zu blicken, um nicht als Westlerin erkannt zu werden. Vom ersten Satz des Thrillers entwickelt Pflüger ein mitreißendes Kopfkino, wenn der spektakuläre Agentenaustausch auf der Glienicker Brücke maximal schief läuft. „Wie sterben geht“ hat alles was ein guter Thriller braucht. Einen spannungs- und actionreichen Plot, eine lyrisch verdichtete Sprache mit lakonischen Dialogen, ambivalente Figuren und eine Heldin, mit der man mitzittert. Das Besondere ist der zeithistorische Kontext. Die Bedrohungsszenarien des Kalten Krieges sind jederzeit spürbar. Recherche-Junkie Pflüger war schon mitten in der Arbeit an diesem Thriller, als 2022 Russland die Ukraine überfiel und er überlegte, abzubrechen. Gottseidank hat er es nicht getan. Perfekt!

Robert Harris – Vaterland
Zum Ende des Jahres noch ein älterer Thriller, den ich im Rahmen unseres Themenspecials „Alternativweltgeschichten“ entdeckte. In dem Debüt des englischen Autors von 1992 hat Deutschland den Krieg gewonnen. Es ist mittlerweile 1964 und Xaver March, ein Berliner Kriminalkommissar und SS-Obersturmbannführer soll den Tod eines ehemaligen hochrangigen Parteifunktionärs aufklären. Als weitere Ex-Parteibonzen zu Tode kommen, die Gestapo den Fall, mit der offensichtlichen Absicht etwas zu vertuschen, an sich reißt, ermittelt March heimlich unter Lebensgefahr weiter. Mit Hilfe einer amerikanischen Journalistin verfolgt er eine Spur nach Zürich und deckt eine gefährliche Wahrheit auf. Harris beeindruckt mit einem überzeugenden Bild eines authentisch anmutenden, düsteren Nachkriegsdeutschlands, in der tatsächliche Geschichte und Fiktion geschickt zusammengefügt werden. Ein unheilvolles Gedankenspiel, rasant und spannend in Form eines Polizeiromans erzählt. Bestimmt nicht mein letztes Buch von Robert Harris, von dem ich noch nichts gelesen hatte. Beklemmend!

Gunnars Top 3 in 2023

Traditionell nehme ich ja nur Neuerscheinungen aus dem ausgelaufenen Jahr in meine Jahresbestenliste auf. Dabei fiel mir auf, dass ich dieses Jahr etwas zurückhaltend mit der Höchstnote war. Erst im November habe eine 5,0 vergeben und war mir mit Andy da sowas von einig, dass der Roman das Jahreshighlight war (und damit waren wir nicht allein). Neben den gleich genannten Titeln mochte ich außerdem sehr: „Alles schweigt“ von Jordan Harper, „Zeit der Schuld“ von Deepti Kapoor, „Fünf Winter“ von James Kestrel, „Seventeen“ von John Brownlow und „Antoniusfeuer“ von Monika Geier. Aber nun meine Top 3:

Andreas Pflüger – Wie sterben geht
Andy hat oben ja schon ausführlich Lobeshymnen verbreitet. Dem kann ich mich einfach nur anschließen. Ein ziemlich perfekter Spannungsroman mit Spionage, Verrat, Täuschung, Liebe, Loyalität, 80er, Kalter Krieg, Moskau, Berlin. Dazu wie immer ein auch literarisch gut aufgelegter Autor, der uns zudem bei seiner Lesung Anfang November in Dortmund mit äußerst interessanten Anekdoten rund um sein Buch zu unterhalten wusste. Es ist ja fast schon unheimlich, wie ausnahmslos der Roman von Bloggern und Kritikern gefeiert wird. Aber völlig zurecht. Der Thriller des Jahres!

Percival Everett – Die Bäume
Eine Plotidee, an der man sich eigentlich nur verheben kann. Percival Everett aber gelingt das Unmögliche. Er schreibt einen politisch-satirischen Zombie-Horror-Krimi-Mix, der gleichzeitig urkomisch ist und bei dem einem andererseits das Grinsen aber sofort wieder erstirbt. Der Plot in aller Kürze: In Money, Mississippi, werden White-Trash-Männer ermordet, die familiär im Zusammenhang mit rassistischen Tätern aus der Vergangenheit stehen. Neben den Leichen wird zudem die Leiche eines jungen, schwarzen Mannes gefunden, die verdächtig nach Emmett Till aussieht, ein vor 60 Jahren gelynchter Schwarzer. Doch diese Leiche verschwindet kurz darauf wieder spurlos – die Untoten gehen um in Money! Herrlich, wie Everett die ewig gestrigen Rednecks, den KKK und andere Rassisten hier durch den Kakao zieht und bestürzend, wie er das Augenmerk nochmal auf all die Opfer von Rassismus und Hass lenkt. Aberwitzig, aber grandios!

Joe Wilkins – Der Stein fällt, wenn ich sterbe
Um das Genre „Country Noir“ ist es in Deutschland nach einem Hype von einigen Jahren inzwischen etwas ruhiger geworden. Dass es aber immer noch herausragende Romane aus diesem Genre gibt, beweist für mich in diesem Jahr Joe Wilkins mit diesem Roman, der im Osten Montanas spielt. Wir begleiten Wendell, einen jungen Mann, der allein in seinem Trailer lebt und sich nun um den siebenjährigen Sohn seiner inhaftierten Cousine kümmern soll. Wendell ist außerdem der Sohn von Verl, einem Redneck, der vor fast zwanzig Jahren einen Ranger erschoss, in die Berge floh und seitdem als vermisst gilt. Auf ihn berufen sich nun wieder einige Aufrührer und bereiten sich auf einen gewaltsamen Widerstand gegen den Staat vor. Wilkins nimmt sich sehr viel Zeit für Figuren, Setting und Stimmungen und lässt das Ganze dann in einem Höhepunkt kulminieren. Ein Roman, dem ich mehr Aufmerksamkeit gegönnt hätte. Eindringlich!

Weiterlesen I: Die Preisträger des Deutschen Krimipreises 2023

Weiterlesen II: Die Krimijahresbestenliste 2023

Robert Harris | Vaterland

Robert Harris | Vaterland

Im Fokus der Handlung steht Xaver March, Mordermittler der Berliner Kriminalpolizei. Er wird 1964 zu einem Mordfall gerufen. Die in der Havel in der Nähe des Grunewalds aufgefundene Leiche eines alten Mannes wird später als Josef Bühler identifiziert, ein ehemaliger Staatssekretär des Innenministeriums.

In Robert Harris‘ Alternativweltroman hat Deutschland den Krieg gewonnen. Das Großdeutsche Reich existiert weiterhin und reicht vom Rhein bis zum Ural. Polen und große Teile der Sowjetunion existieren nicht mehr, doch an den ostdeutschen Landesgrenzen toben Partisanenkriege. Die Russen führen mit Hilfe der USA einen erbitterten Zermürbungskrieg gegen die Deutschen, den das Deutsche Reich nicht gewinnen kann. Wir schreiben das Jahr 1964 und stehen kurz vor dem 75. Geburtstag des Führers. Nur zu gerne möchte Hitler den Kalten Krieg mit den USA beenden. Mit Präsident Joseph P. Kennedy wird erstmals ein amerikanischer Regierungschef zum Staatsbesuch erwartet. Vor diesem Hintergrund kommt das gewaltsame Ableben eines ehemaligen hochrangigen Parteifunktionärs höchst ungelegen und bedarf sofortiger Aufklärung.

Pralinen aus Zürich
SS-Obersturmbannführer March hat grade erst mit den kriminaltechnischen Untersuchungen zum Tode Bühlers angefangen, als er durch die Gestapo unter der Leitung von Odilo Globocnik, genannt Globus, von dem Fall abgezogen wird. Xaver March ist ein aufrichtiger, nahe am Genreklischee gebauter ganz klassischer Polizist. Als Kriminaler ist er ein brillanter Detektiv, aber auch ein gebrochener Charakter. Er ist geschieden und leidet als Kriegsveteran unter den Kriegstraumata als U-Bootfahrer. Sein im Nationalsozialismus bei der Ex-Frau aufgewachsener Sohn verachtet ihn immer mehr, da er den Hitlergruß verweigert und auch bisher nicht in die Partei eintreten will, wobei er sich jeden beruflichen Aufstieg verbaut. Als er feststellt, dass die Gestapo die Zuständigkeit an dem Mordfall an sich reißt, um irgendetwas zu vertuschen, ermittelt er heimlich und unter Lebensgefahr weiter. Neben der ehemaligen Politgröße Bühler kommen in einer Folge von Unfällen und Morden nacheinander weitere Ex-Parteibonzen ums Leben. Allen Opfern waren Pralinenschachteln aus Zürich zugestellt worden. March erhält überraschend Unterstützung durch Arthur Nebe, dem Chef der Kriminalpolizei, der ihn beauftragt, den Morden unter dem Radar nachzugehen.

„Menschenrechte?“ „Die Tausenden von Andersdenkenden, die ihr in Lager gesperrt habt. Die Millionen Juden, die im Krieg verschwunden sind. Die Folter. Das Morden. Tut mir leid, davon zu sprechen, aber wir haben die spießige Vorstellung, dass menschliche Wesen Rechte haben. Wo haben Sie denn die letzten zwanzig Jahre verbracht?“ (Auszug Seite 137/138)

Mithilfe der deutsch-amerikanischen Journalistin Charlotte „Charlie“ Maguire, die als Berliner Vertreterin für eine amerikanischen Nachrichtenagentur arbeitet, stößt March auf ein in den Kriegsjahren eröffnetes Schließfach in einer Züricher Bank. Zusammen mit Charlie macht er sich auf nach Zürich. Hier entdecken sie jedoch nur ein im Krieg verschollenes Gemälde, „Dame mit dem Hermelin“ von Leonardo da Vinci. Waren die NSDAP-Veteranen in ein großes Netzwerk von Kunsträubern verwickelt? March entdeckt, dass die Morde mit einem viel weitreichenderen Geheimnis zusammenhängen, das zwei Jahrzehnte zurückliegt und bis in die höchsten Kreise der nationalsozialistischen Führung hineinreicht.  Alle Opfer waren Teilnehmer der Wannseekonferenz, wo 1942 die „Endlösung“ operativ geplant wurde. March lässt nicht locker und ist dazu bereit, sich selbst zu opfern, um die Wahrheit ans Licht zu bringen.

Berlin der Gigantomanie
Der englische Autor beeindruckt in seinem Debüt von 1992 mit einem überzeugendem Bild eines authentisch anmutenden, düsteren Nachkriegsdeutschlands, in dem der architektonische Wahnsinn realistisch beschrieben wird. Durch eine Stadtrundfahrt am Anfang der Handlung erscheint das fiktive Berlin dieser Zeit sehr plastisch vor dem inneren Auge. Es ist eine 10-Millionen-Metropole, in der die von Albert Speer geplanten monströsen Monumentalbauten im Stile der Welthauptstadt Germania tatsächlich verwirklicht worden sind, u.a. die alles dominierende Große Halle, die als größtes Gebäude der Welt gilt, der riesige Triumphbogen, um ein Vielfaches größer als der Pariser, während der Champs Élysée gegen die Siegesstraße eher wie eine Passage wirkt. Das Regime herrscht im Deutschen Reich mit eiserner Hand, sämtliche Lebensbereiche sind dem Nationalsozialismus untergeordnet und Andersdenkende werden nicht geduldet. Eine gleichgeschaltete Gesellschaft ohne Individualismus.

In Form eines Polizeiromans bedient Harris sich einer rasanten und ausdrucksstarken Erzählweise. Ein beklemmendes Gedankenspiel, welches durchgehend spannend ist, mit bis zum Ende hin zahlreichen Wendungen, die durchaus überraschen. Ein Großteil der im Roman vorkommenden Dokumente sind authentisch und schwer zu ertragen. Die Gegenspieler wie der menschenverachtende SS-Obergruppenführer Odilo Globocnik, der schwer durchschaubare Arthur Nebe oder Josef Bühler haben im Gegensatz zu March einen realen Hintergrund, die biografischen Angaben sind bis 1942 zutreffend. Eine düstere Vision, in der tatsächliche Geschichte und Fiktion geschickt zusammengefügt wurden, die mich von der ersten Seite gefesselt und bis zum bitteren Schluss sehr beeindruckt hat.

Im Nachwort berichtet Harris, dass der Roman zunächst nicht auf Deutsch veröffentlicht werden konnte, weil kein Verlag es wollte.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 13.03.2017 im Heyne Verlag
ISBN 978-3-4534-2171-4
448 Seiten | 12,00 €
Originaltitel: Fatherland | Übersetzung aus dem Englischen von Hanswilhelm Haefs
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Genrespezials Alternativweltgeschichten.

Andreas Eschbach | NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach | NSA – Nationales Sicherheits-Amt

Andreas Eschbach spielt in seinem Thriller “NSA – Nationales Sicherheits-Amt” mit der Idee, dass es in der Zeit des Dritten Reichs bereits die perfekte Überwachungstechnik gegeben hat. Im 19. Jahrhundert hat sich in Großbritannien eine mechanische Computertechnik entwickelt, die zu Beginn des 20. Jahrhundert elektrisch wurde. Unter der Prämisse, Charles Babbage hätte seine analytische Maschine tatsächlich gebaut, entstand ein dem Internet vergleichbares Netzwerk, das in groben Zügen nach dem gleichen Prinzip funktioniert wie das uns bekannte Internet und das die gleichen Konsequenzen nach sich zog. In Eschbachs Alternativwelt ist die Entwicklung von Smartphones, bargeldlosem Zahlen per Handy, Handyortung bereits vor der Machtergreifung Hitlers vorhanden. Dabei verknüpft der Autor historische Fakten der deutschen Geschichte von 1933 bis 1945 mit der Technologie des Internets und Mobiltelefone unserer Zeit. Aufgrund der totalen Überwachung können alle Geldströme lückenlos nachverfolgt werden. Niemand kann sich mehr verstecken und dem Zugriff von SS und Wehrmacht entziehen.

Programmieren ist Frauensache!
Die Aufgabe, die eigene Bevölkerung flächendeckend zu überwachen ist die Aufgabe des NSA, des Nationalen Sicherheitsamtes, in dem die junge Helene Bodenkamp als Programmstrickerin arbeitet. Programme werden gestrickt, denn Programmieren ist Frauensache. Hier geht sie 1942 in Weimar ihrer Arbeit nach, ohne viel über die Konsequenzen nachzudenken. Das Buch startet sehr verstörend mit einem Szenario, in dem der Autor gleich historisch bekannte Ereignisse mit einbaut. Ein von Helene entwickeltes Programm wird getestet. Mit Hilfe von Datenabgleichen werden mittels Kontobewegungen und Kalorienverbrauchstabellen eventuelle Verstecke von untergetauchten Personen ausfindig gemacht. Das Programm wird Heinrich Himmler vorgestellt und als zu demonstrierende Stadt zufällig Amsterdam ausgewählt. Als dadurch jüdische Familien wie die von Anne Frank aufgespürt und deportiert werden, merkt Helene bestürzt zum ersten Mal, was sie mit ihren herausragenden Programmierkünsten anrichtet. Ihr Vorgesetzter, der Analyst Eugen Lettke verfolgt mit den Kenntnissen, die er aus den Datenabfragen ziehen kann, seine persönlichen Interessen.

Misogynie und Fahnenflucht
Danach wird erstmal das Tempo rausgenommen und in einem Rückblick die historische Entwicklung bis etwa 1938 dargestellt. In über 200 Seiten werden auch unsere Hauptfiguren Helene und Eugen ausufernd vorgestellt und wir erfahren alles über ihre Kindheiten und wie sie zum NSA gekommen sind. Für meinen Geschmack war dieser Erzählstrang viel zu lang. Helene Bodenkamp, Tochter eines Arztes ist gezeichnet als das klassische Klischee der grauen Maus. Bescheiden, naiv, mit analytischem Verstand besitzt sie ein großes Talent zum Programmieren. Eugen Lettke ist der Antagonist, er ist durchtrieben, menschenverachtend und ein brutaler Sadist mit Mutterkomplex. Seit er in seiner Jugend von einer Gruppe junger Mädchen gedemütigt wurde, ist er auf Rache aus. Sein Job bei der Behörde ermöglicht es ihm, diese Frauen aufzuspüren, kompromittierende Geheimnisse herauszufinden, sie damit zu erpressen und zum Sex zu zwingen. Dabei wird oft erwähnt, dass der Opportunist kein ideologisch überzeugter Nazi ist, ihm geht es nur um seine zutiefst misogyne Rache an den Frauen. Die vielen Vergewaltigungsszenen waren für mich schwer zu ertragen und dienten nach meinem Empfinden lediglich dem Schockeffekt. Eschbach, der die Handlung in der dritten Person abwechselnd von Helene und Eugen berichtet, wählt in den Fällen sexueller Gewalt grundsätzlich die Täterperspektive. Dabei fand ich Formulierungen wie „es jemanden besorgen“ oder „jemand hart ran nehmen“ problematisch.

Die schüchterne, unpolitische Helene, die sich bisher fraglos in das vorgeschriebene Rollenmuster eingefügt hat, lernt einen Mann kennen und verliebt sich. Als dieser Arthur Fahnenflucht begeht und untertauchen muss, regen sich bei ihr Zweifel am System und sie hilft ihm. Da es für das NSA ein leichtes wäre, ihn ausfindig zu machen, braucht Helene ihren ganzen Mut und ihre Intelligenz, um das zu verhindern. Ihre dem Nationalsozialismus ergebenen Eltern setzen allerdings alles daran, sie mit einem SS-Offizier zu verkuppeln. Dieser Ludolf von Argensleben, ein überzeugter Antisemit wird derart ekelerregend mit körperlichen Deformationen beschrieben, dass ich nur mit dem Kopf schütteln konnte. Als sich Eugen Lettke die Gelegenheit bietet, verwickelt er Helene in seine Machenschaften und sie wird zu Geheimprojekten höchster Priorität hinzugezogen. Diese hat keine andere Wahl, wenn sie verhindern will, dass ihr Geliebter auffliegt und exekutiert wird.

Fazit
Andreas Eschbach, der vor allem durch seinen Thriller „Das Jesus-Video“ und der Fortsetzung „Der Jesus-Deal“ bekannt wurde, behandelt in seinem kontrafaktischen Roman ein erschreckendes Gedankenexperiment, was passiert wäre, wenn die Welt ebenso vernetzt gewesen wäre, wie sie es heute ist, mit all den Konsequenzen für Kommunikation, Überwachung, Konsum und Politik. Das macht „NSA“ phasenweise zu einer durchaus beklemmenden Lektüre, die für mich jedoch mit fast 800 Seiten einige Längen aufwies. Dabei fand ich seine deutschen Entsprechungen für uns bekannte Worte im Zusammenhang mit digitaler Technik durchaus passend. Das Internet ist das Weltnetz, Computer heißen Komputer und Server Datensilos. Es gibt schnurlose Telefone, genannt Volkstelefone oder kurz VoTels und E-Mails sind Elektrobriefe. Dabei sind Sprache und Erzählstil eher schlicht und wenn es um die Liebesgeschichte geht, zum Fremdschämen. Die Charaktere waren mir zu stereotypisch gestaltet, die Handlung stellenweise zu rührselig oder platt und dadurch wurde das Potential der Grundidee nicht ausgenutzt. Das größte Problem war für mich, dass die Grausamkeiten der Nationalsozialisten leider nur dem vordergründigen Thrill dienten sowie die größten Verbrechen unserer Geschichte perfide ausgeschlachtet wurden und ich das Gefühl nicht los wurde, dass sich an dem Leid der Opfer bedient wurde.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

NSA Nationales Sicherheits-Amt | Die aktuelle Taschenbuchausgabe erschien am 28.02.2020 im Lübbe Verlag
ISBN 978-3-4041-7900-8
800 Seiten | 14,90 €
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen des Genrespezials Alternativweltgeschichten.