Kategorie: Andy Ruhr

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

Christof Weigold | Die letzte Geliebte (Band 3)

In diesem Jahr starb – neben vielen anderen Menschen – der größte Star Hollywoods und einige Zeit später auch der amtierende Präsident der Vereinigten Staaten, unter dubiosen Umständen. Bis heute kursieren wilde Gerüchte darüber, wie er zu Tode kam. Man erzählt sich jede Menge baren Unsinn, aber ich weiß ja, was damals geschehen ist. Ich wollte, ich wüsste es nicht. Andererseits wäre ich sonst niemals ein so guter Koch geworden. Lassen Sie mich Ihnen die Geschichte erzählen. (Auszug E-Book Pos. 77 von 8780)

Die ersten beiden Bände der historischen Krimi-Reihe, die in Hollywood der Stummfilmzeit spielen und die authentische Morde und Skandale behandeln, haben mich total begeistert. Umso neugieriger war ich auf Band 3, der zeitlich nahtlos an die vorherigen Bände anknüpft. Hardy Engel, der ehemalige Berliner Polizist, der Anfang der 1920er Jahre in die USA immigrierte, hat sich inzwischen in Hollywood als Privatdetektiv etabliert. Endlich mit eigenem Büro und Automobil, dass ihm die  klassischen Ermittlertätigkeiten wie zum Beispiel Observierungen vereinfacht.

Es ist das Jahr 1923, als sich Dorothy Reid, die Witwe des kürzlich verstorbenen Hollywood-Superstars Wallace Reid mit einem neuen Auftrag an Engel wendet. Dorothy Reid macht die Filmindustrie für den frühen Tod ihres Mannes verantwortlich. Der Schauspieler war zu der Zeit ein richtiger Actionstar und hatte sich bei einem Autounfall schwere Verletzungen zugezogen. Da das Filmstudio nicht auf seinen Star verzichten wollte, wurden die Schmerzen mit Morphin behandelt. Reid musste ohne Unterlass weiter drehen, worauf er von der starken Droge abhängig wurde und sich sein Gesundheitszustand stark verschlechterte, bevor er dann elendig verstarb.

Der Saubermann und Strippenzieher
Dorothy Reid sieht Will Hays, den Chef der Filmproduzenten als Hauptverantwortlichen. Ausgerechnet den mächtigsten Mann Hollywoods beschuldigt sie als Heuchler und wird dabei von ihrem guten Freund Herbert Somborn unterstützt. Somborn kämpft nach der Trennung von Superstar Gloria Swanson um das Recht seine Kinder zu sehen. Zusammen wollen sie Will Hays zu Fall bringen. Hays gilt als Saubermann; es ist schwierig etwas Skandalöses zu finden und Engel beschattet ihn ständig. Unter anderem reist er auch in Hays Heimat nach New York, um ihn und seine Familie auszuspionieren. Er findet schnell heraus, dass der unscheinbare, kleine Hays sich im Hintergrund hält, aber hinter den Kulissen der Filmstudios alle Strippen zieht. Tatsächlich entdeckt er Verwicklungen von Hays mit dem wieder aufkommenden Ku-Klux-Klan und er pflegt Kontakt mit einer jungen, attraktiven Frau.

Diesmal geht es nicht um einen klassischen Hollywoodskandal. Die Grundidee fand ich nicht ganz so spektakulär wie in den anderen beiden Bänden. Dass man jemanden ausspioniert, um ihm was anzuhängen, gefiel mir einfach nicht. Die Story baut sich langsam auf, der Spannungsbogen war anfänglich, durch die ausschweifenden Schilderungen und Wiederholungen einiger Szenen nicht so hoch. Dafür tauchte ich sofort wieder in die Welt des schillernden Hollywoods und auch hinter die gar nicht so glitzernden Kulissen der Traumfabrik der 20er Jahre ein, die gar nicht so golden waren, sondern grausam, brutal und korrupt.

Rote Fußnägel und weiße Tiger
Wir treffen alte Bekannte wieder, zum Beispiel Polly Brandeis, die grade für Paramount Pictures ein Drehbuch für Gloria Swanson schreibt. Die kecke, extrovertierte Freundin von Hardy Engel ist ein richtiges Flappergirl. So nannte man in den 20er Jahren junge Frauen, die selbstbewusst und emanzipiert, mit modischen Kurzhaarfrisuren rauchten und Alkohol tranken. Auch Hardys bester Freund Buck Carpenter, Wirt des Jail Cafés in Los Angeles, in dem die Drinks in Sträflingskluft serviert werden, ist wieder mit von der Partie. Buck betreibt mittlerweile einen Radiosender, über den er mit Hilfe von Gedichten Codes an seine Alkoholschmuggler durchgibt und damit vor Straßensperren warnt.

Die Fehde der großen Filmdiven Gloria Swanson und Pola Negri wird thematisiert; die eine gilt als Erfinderin der rot lackierten Fußnägel, die andere trat immer mit weißen Tigern auf. Auch die Errichtung des Hollywood-Monuments spielt eine Rolle. Und wenn unser lakonischer Held und Ich-Erzähler im Voisin rumfährt, dann springt im Kopf ein Film mit viel Hollywood-Flair an. Das gelingt durch die mit viel Liebe zum Detail ausgestatteten Szenen. Die Atmosphäre dieser Zeit wird spürbar und bildhaft vorstellbar.

Die Spur führt ins Weiße Haus
Im letzten Drittel wird das Tempo deutlich angezogen, einige überraschende Wendungen sorgen für Rasanz und Spannung. Engel kommt einer Verschwörung auf die Spur. Im korrupten Hollywood wimmelt es nur so von Erpressung und Schmiergeldzahlungen. Diesmal geht es neben der Filmbranche auch um die große Politik, denn Hardy verfolgt mehrere Spuren und eine führt bis ins Weiße Haus und geht in Richtung des amerikanischen Präsidenten. Warren G. Harding war ein Bild von einem Mann und sah so aus wie man sich einen amerikanischen Präsidenten vorstellte. Das schien aber seine einzige Qualifikation zu sein, denn nach seinem Tod wurden einige Skandale öffentlich und Harding galt lange als einer der schlechtesten Präsidenten der USA. Währenddessen lernt Hardy Engel den neuen Chef des LAPD, Gus Vollmer kennen, der neue Ermittlermethoden einführt mit dem Wunsch die allgegenwärtige Korruption einzudämmen. Der „Vater der modernen Polizeiarbeit“ ist auch eine reale Figur, dessen Verbindung mit der fiktiven Story ich mir aber vielleicht etwas geschmeidiger gewünscht hätte.

Der Ku-Klux-Klan
Die Beschreibungen der grausamen Taten des Ku-Klux-Klan waren für mich tatsächlich schwer zu ertragen. Der rassistische und gewalttätige Geheimbund, dessen Ziel die Unterdrückung der Schwarzen und eine weiße Vorherrschaft ist, versuchte seine politischen Ziele mit Terrorakten und Lynchaktionen im ganzen Land zu erreichen. Eigentlich schon 1870 aufgelöst, kam es nach dem Stummfilm „The Birth of a Nation“ 1915 zu einer Neugründung der Bewegung. Der rassistische Inhalt des sehr erfolgreichen Historienfilms trug maßgeblich zur Popularität und gesellschaftlichem Einfluss des Ku-Klux-Klan bei. Die Rituale und Initiationsriten des Ku-Klux-Klan, aber auch wie generell in der Bevölkerung mit Schwarzen umgegangen oder wie über sie gedacht wurde, ließen mich während der Lektüre einige Male zusammen zucken.

Der Aufstieg des Klans in Hollywood, die rassistischen Vorurteile der Roaring Twenties und die Macht des Mediums Film sind die großen, erschreckenden Themen des historischen Kriminalromans, die nichts von ihrer Aktualität verloren haben. Wie hochaktuell und brisant konnte der Autor bestimmt nicht erahnen, als er „Die letzte Geliebte“ schrieb.
Eine gelungene Fortsetzung, in der Christof Weigold es wieder meisterhaft versteht, historische Ereignisse mit fiktiven Figuren und Vorkommnissen zu verweben.

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die letzte Geliebte | Erschienen am 20. August 2020 bei Kiepenheuer & Witsch
ISBN 978-3-462-05326-5
656 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben und Leseprobe

Denise Mina | Klare Sache

Denise Mina | Klare Sache

„Wenn man müde ist und jung und verängstigt und einen die ganze Welt hasst, dann ist es ein Luxus, den Mund zu halten.“ Auszug Seite 8

Anna McDonald ist auf den ersten Blick eine ganz normale Hausfrau, Mutter zweier Mädchen, die sie über alles liebt und mit einem angesehenen Rechtsanwalt verheiratet. Die große Leidenschaft der schottischen Ich-Erzählerin sind True-Crime-Podcasts. Besonders früh morgens, wenn außer ihr noch keiner auf ist, liebt sie es, für kurze Momente aus der Realität zu flüchten.

Der Tod und die Dana
An diesem Morgen beginnt Anna mit einer neuen True-Crime-Geschichte, die sich um den Fall eines gesunkenen Luxusschiffs handelt: Der Tod und die Dana. Ebendiese Dana ist eine Privatyacht, die bei ihrem Untergang vor der französischen Westküste den wohlhabenden Geschäftsmann Leon Parker und seine zwei bereits erwachsenen Kinder mit in den Tod riss. Auf dem Schiff war es auf hoher See aus bisher ungeklärten Umständen zu einer Explosion gekommen, die das Schiff zum Kentern brachte.

Außerdem rankt sich schon seit Jahren ein Fluch um die Dana, denn sie scheint allen Besitzern und ihren Familien nur Pech und Verderben zu bringen. Noch unheimlicher wird die Geschichte dadurch, dass bei einem späteren Tauchgang zu dem Schiffswrack der Taucher ums Leben kam. Das alleine klingt schon schaudernd und spektakulär, doch Anna ist zutiefst aufgewühlt, denn der ertrunkene Leon Parker ist ein Bekannter aus früheren Tagen. Eine dunkle Vergangenheit, die sie vor allen verheimlichen wollte und in der sie noch unter einem anderen Namen ein ganz anderes Leben geführt hatte.

„Der Tag, an dem mir mein Leben um die Ohren flog, fing gut an“ Auszug Seite 9

Noch bevor Anna alles richtig realisieren kann, kommt der nächste Schock: Ihr Ehemann teilt ihr mit, dass er schon seit längerem ein Verhältnis mit ihrer besten Freundin hat. Er will Anna verlassen und, um ihr Zeit zu geben, das Ganze zu verdauen, erst mal mit Estelle in den Urlaub nach Portugal fahren. Die beiden Töchter nimmt er mit. Er lässt eine verzweifelte Anna zurück, deren sorgsam aufgebautes Leben grade völlig aus den Fugen gerät und die erst mal zur Ablenkung und Betäubung in ihren Podcast flieht.

Doch nicht lange, denn dann steht Fin Cohen vor der Tür, Estelles völlig verzweifelter Ehemann. Der magersüchtige, ehemalige Popstar war Frontman einer Band, die nach ihrer Auflösung „nur noch eine Fußnote der Musikgeschichte“ ist. Fin hadert schon lange mit seinem Leben und seinem kurzen Ruhm, der nur noch auf Instagram stattfindet, und dass Estelle ihn abservierte, hat ihm den Boden unter den Füßen weggezogen.

Wilde Odyssee durch halb Europa
Anna kann nicht anders, sie will die Wahrheit über das Schiffsunglück und den Mord an Leon Parker herausfinden. Im Gepäck immer den labilen Fin, den sie zumindest anfänglich versucht loszuwerden. Anna ist ein schwieriger Charakter, wirkt oft sehr schroff, was durch ihre schlimmen Erlebnisse in ihrer Vergangenheit begründet ist, sie hat aber auch eine empathische Seite. Die beiden machen sich überstürzt auf eine rasante Odyssee durch halb Europa, angefangen in Schottland Richtung Ile de Ré, dem Ort des Schiffsunglücks, über Venedig und Lyon wieder nach Glasgow. Dabei lösen sie unzählige, weitere Verwicklungen aus und geben sich mehr als einmal in tödliche Gefahr. Die Geschichte steckt voller Überraschungen und Katastrophen, die mühelos miteinander verwoben werden. Dabei machen sich die beiden oft zu Nutze, dass Fin immer noch prominent, oft erkannt wird und viel öffentliche Aufmerksamkeit genießt.

Meine Meinung
„Klare Sache“ heißt der letztjährige Krimi der schottischen Autorin und bekennenden Feministin (der neueste in deutscher Übersetzung ist gerade erschienen), aber klar ist in diesem Krimi mal gar nichts. Denise Mina ist ja für realistische und düstere schottische Kriminalliteratur bekannt, Tartan Noir eben. „Klare Sache“ ist eine bunte Mischung, wunderbar durchgeknallt, die temporeich und pointiert erzählt wird. Ich würde den Krimi mal unkonventionell nennen. Mina muss einen unbändigen Spaß gehabt haben, diesen sprunghaften Plot zu kreieren. Es sind viele komische Elemente vorhanden, trotzdem werden die Figuren nicht als Witzfiguren dargestellt, sondern sind originell und mit Tiefe ausgestattet. Es passiert immer wieder Unerwartetes, man kommt kaum hinterher und kann nur staunen über dieses Potpourri an launigen Einfällen.
Spannung entsteht auch, weil die Ich-Erzählerin Anna nur scheibchenweise mit allem herausrückt und die Geheimnisse ihrer Vergangenheit so lange wie möglich für sich behält.

Mina packt so viele Themen in den Krimi, es geht um die Opfer von sexueller Gewalt und wie mit ihnen umgegangen wird, es geht um die Macht der Sozialen Medien, es geht um Fußball, um Popkultur und um das Geschichtenerzählen. Es geht auch um die Faszination von True-Crime und wie ein guter Podcast einen Sog entwickeln kann. Dabei ist der Krimi clever und raffiniert, mit bissigem Humor und auch ein bisschen abstrus.

Klare Sache | Erschienen am 12. August 2019 im Argument Verlag mit Ariadne
ISBN 978-3-86754-242-5
352 Seiten | 21,- Euro
Originaltitel: Conviction
Bibliografische Angaben

Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Margaret Atwood | Die Zeuginnen

Die kanadische Autorin Margaret Atwood wurde vielfach für ihre zahlreichen Romane ausgezeichnet, aber es war ihr utopischer Roman „Der Report der Magd“ von 1985, der zum Kultbuch avancierte. Die düstere Zukunftsvision spielt Ende des 20. Jahrhundert in einer Welt, in der kaum noch Kinder geboren werden. Im Norden der USA gründen fanatische, religiöse Sektierer die sogenannte Republik Gilead. In dem totalitären Gottesstaat werden Frauen ihrer Identität beraubt, entmündigt und in Hausfrauen, Gebärmaschinen und Dienerinnen sprich Mägde eingeteilt, um die weibliche Gebärfähigkeit zu gewährleisten. Hauptfigur und Erzählerin des Romans ist die junge Desfred, eine der wenigen fruchtbaren Frauen, die einer männlichen Führungskraft als Zweitfrau zu Gebärzwecken zugewiesen wird. Am Ende kann Desfred entkommen, aber gelingt die Flucht tatsächlich? Der Roman endet mit den Worten:
Und so steige ich hinauf, in die Dunkelheit dort drinnen oder ins Licht.

34 Jahre hat sich die Autorin für eine Fortsetzung Zeit genommen. Grund war sicher der große Erfolg der preisgekrönten Fernsehserie „The Handmaid‘s Tale“ von 2017. In einer Zeit, in der immer mehr Menschen sich eine Rückbesinnung auf vermeintlich sichere, alte Werte wünschen, trifft die Serie einen Nerv. Sie wirkt wie ein erschreckend realer Alptraum und ist auch eine Metapher auf die Abgründe der heutigen Zeit.

„Die Zeuginnen“ setzt 15 Jahre nach dem Ende des Klassikers an und erzählt die Geschichte des fiktiven Staates Gilead zu Ende. Drei Frauen berichten aus ihren Perspektiven als eine Art Zeitzeuginnen in unterschiedlichen Handlungssträngen.

Wie wir auch aussehen mochten, ob wir wollten oder nicht, wir waren Fallstrick und Verlockung, wir waren die unschuldige und schuldlose Ursache dafür, dass wir allein durch unser Dasein die Männer trunken machen konnten vor Lust, bis sie ins Taumeln gerieten und in den Abgrund stürzten… (Auszug Seite 16)

Für mich die interessanteste Figur ist die knallharte Oberbefehlshaberin Tante Lydia, da wir viel aus dem Innenleben des Regimes erfahren. Sie erzählt rückblickend, wie sie vom Opfer zur Täterin wurde. Vor Gilead war sie Familienrichterin und nach dem Putsch landete sie wie alle Frauen in einem Stadion. Doch nach brutalen Folterungen wurde Lydia nicht durch einen Kopfschuss getötet, sondern vor die Wahl gestellt, Teil des Systems zu werden. Lydia entschied sich und wurde neben dem mächtigsten Mann, Kommandant Judd eine einflussreiche Figur in dem puritanischen Schreckensregime. Als oberste Tante regelt sie mit eiserner Hand alle Frauenangelegenheiten. Sie leitet Haus Ardua, hat Einfluss in Staatsangelegenheiten und Einblick in viele geheime Akten. Und ist gleichzeitig Kopf des Untergrunds, denn sie dokumentiert alles und versteckt ihre Aufzeichnungen in einem ausgehöhlten Buch.

Dann kommt die 13-jährige Agnes Jemima zu Wort, die wohlbehütet wie eine „kostbare Blume“ in einem Kommandantenhaushalt aufgezogen wird. Als ihre Mutter stirbt, erfährt sie, dass diese nicht ihre leibliche Mutter war, sondern eine Magd. Als sie mit Kommandant Judd verheiratet werden soll, versetzt sie das in tiefe Panik. Um der Heirat zu entgehen, gibt sie vor, sich als Tante berufen zu fühlen und setzt alles daran, in Haus Ardua aufgenommen zu werden.

In einem der Parks standen Schaukeln; aber wegen unserer Röcke, die vom Wind hätten hochgeweht werden und Einblick hätten gewähren können, durften wir ans Schaukeln nicht einmal denken. (Auszug Seite 25)

Im angrenzenden Kanada wächst die dritte Zeugin Daisy auf. Kurz vor ihrem 16. Geburtstag kommen ihre Eltern Neil und Melanie, die einen Second-Hand-Laden namens Spürhund betreiben, gewaltsam ums Leben. Daisy erfährt jetzt erst, dass sie adoptiert wurde und ihre Pflegeeltern heimlich Teil der Widerstandsgruppe „Mayday“ waren. „Mayday“ hilft Flüchtlingen aus Gilead zu entkommen und der Spürhund galt als konspirativer Ort. Auch Daisy ist in Gefahr und schließt sich dem Widerstand an.

Stück für Stück werden die Zusammenhänge der drei Erzählerinnen enthüllt. Eine wichtige Verbindung ist „die kleine Nicole“, ein Baby, das von seiner Mutter, einer Magd vor 15 Jahren über die Grenze nach Kanada geschmuggelt worden war. Für die Machthaber von Gilead ein Politikum, sie wollen das Mädchen unbedingt zurückhaben. Am Ende fügt sich alles zusammen und der Kreis der beiden jungen Mädchen zur Magd Desfred schließt sich. Einige Geheimnisse werden gelüftet und vieles klärt sich auf. Aber hätte ich das gebraucht?

„Die Zeuginnen“ ist ein Unterhaltungsroman, der deutlich rasanter und handlungsbetonter daher kommt als „Der Report der Magd“. Die Mischung aus Spionageroman und Abenteuergeschichte lässt sich flott weg lesen. Viele Spannungselemente verleihen dem Roman grade zum Ende hin noch mal richtig Tempo. Ich mag die lakonische, teils sarkastische Sprache von Margaret Atwood und den immer wieder aufblitzenden trockenen Humor. Trotzdem fand ich die Fortsetzung nicht so intensiv und aufwühlend. Im Vergleich zu seinem Vorgänger fehlte es für mich an Brisanz und literarischem Anspruch.

Notizen: Margaret Atwood betont immer wieder, dass sie nichts in ihre Romane aufnehme, was es in der Geschichte der Menschheit nicht schon gegeben habe. Alle von ihr beschriebenen Restriktionen gegen Frauen passieren irgendwo auf der Welt.
Die Filmkostüme, die die Mägde in der Serie tragen wurden zur Ikone der Frauenbewegung und als Symbol bei „Me Too“ Demonstrationen verwendet.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Die Zeuginnen | Erschienen am 10. September 2019 im Berlin Verlag
ISBN 978-3-827-01404-7
576 Seiten | 25,00 Euro
Originaltitel: The Testament
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Ein langes Wochenende mit… Krimis aus Kanada.

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Jørn Lier Horst | Wisting und der fensterlose Raum Bd. 2

Wisting verstärkte den Griff um das Lenkrad. Geld war meistens die Ursache von allem, was nach Korruption, Habgier und Machtmissbrauch roch. Die Ermittlungen würden sich auf einem Niveau abspielen, das Wisting bislang nicht näher kannte. Aber dafür hatte er den besten Ausgangspunkt: Er hatte das Geld. Geld hinterließ immer Spuren. Sie mussten nur bis zum Ursprung zurückverfolgt werden. (Auszug Seite 14/15)

Im zweiten Band der Cold-Cases-Reihe um William Wisting wird der norwegische Kommissar vom Generalstaatsanwalt mit einem brisanten Fall betraut. Der ehemalige Außen- sowie Gesundheitsminister Bernhard Clausen ist im Alter von 68 Jahren einem plötzlichen Herztod erlegen. Nichts deutet auf Fremdeinwirkung hin. Clausen hatte keine direkten Angehörigen mehr. Nach dem Krebstod seiner Frau vor vielen Jahren hatten er und sein Sohn sich voneinander entfernt und das hatte sich bis zum Unfalltod seines Sohnes auch nicht geändert. Dieser hinterließ eine schwangere Freundin und Clausen hatte auch zu ihr und seinem Enkelkind keinerlei Kontakt gehabt.

Millionenfund im Ferienhaus
Im Wochenendhäuschen des pensionierten Spitzenpolitikers findet ein Parteifreund eine große Menge Bargeld. In mehrere Kartons liegen Geldscheine in unterschiedlichen Währungen im Wert von umgerechnet 80 Millionen Kronen. Es ist fast undenkbar, dass der angesehene Politiker Parteigelder unterschlagen hat. Die Ermittlungen nach der Herkunft der Banknoten sollen erst mal vor der Öffentlichkeit geheim gehalten werden. Kommissar Wisting wird verdeckt ermitteln und installiert eine Sonderkommission in seinem Privathaus. Kurz nachdem er zusammen mit Kriminaltechniker Espen Mortensen das Geld aus dem fensterlosen Raum geholt und bei sich im Keller deponiert hat, geht die Holzhütte in Flammen auf. Wisting bittet auch seine Tochter Line, eine freischaffende Journalistin und alleinerziehende Mutter zu dem kleinen Team zu stoßen. Für sie ist es leichter, ohne großes Aufsehen das soziale Umfeld von Bernhard Clausen zu durchleuchten und so bei den Recherchen zu helfen.

Der Flugzeugraub
Es ergeben sich Hinweise darauf, dass das Geld möglichweise aus einem fast 20 Jahre stammenden Flugzeugraub stammen könnte. Bei einem Überfall auf einen Geldtransport am Osloer Flughafen im Jahr 2003 war das dabei erbeutete Geld nie wieder aufgetaucht. Und hier kommt wieder Adrian Stiller ins Spiel. Der Ermittler der Osloer Cold-Case-Unit, den der Leser schon aus Band 1 „Wisting und der Tag der Vermissten“ kennt, befasst sich mit dem ungeklärten Verschwinden von Simon Meier. Der junge Angler war genau an dem Tag des Überfalls 2003 an einem See spurlos verschwunden.

Die Krimis von Jørn Lier Horst sorgen bei mir immer für eine völlige Entspannung. Und das ist gar nicht negativ gemeint, auch wenn sich das für einen Spannungsroman erst mal befremdlich anhört. Als Leser verfolgt man die schrittweisen Ermittlungen. Man ist hautnah dabei, wenn Spuren und Informationen ausgewertet werden und man sich langsam der Auflösung nähert und kann miträtseln und sich fast wie ein Mitglied des Teams fühlen. Auch weil man nie mehr weiß als die Protagonisten. Der norwegische Autor war früher selbst als Hauptkommissar tätig und die geschilderte Polizeiarbeit wirkt realistisch und die Ermittlungen werden nachvollziehbar und schlüssig dargestellt. Insbesondere die Recherchen zum Ursprung der Geldnoten sind ausgesprochen interessant, aber natürlich auch sehr kleinteilig und detailliert beschrieben. Das muss man mögen. Liebhaber von Actionszenen werden nicht auf ihre Kosten kommen.
Zum Schluss steigert sich das Tempo und es kommt zu einer dramatischen Situation, aber da konnte ich nur den Kopf schütteln, denn wirklich jeder Leser bemerkt im Gegensatz zu Wisting, dass Line sich mit Volldampf in eine offensichtlich lebensgefährliche Situation begibt.

Charaktere wie aus dem richtigen Leben
Durch die Möglichkeit einer Sonderkommission im eigenen Haus, gelingt es, die Betreuung der kleinen Enkeltochter besser zu organisieren. So kann auch Line tiefer in die Nachforschungen einsteigen, während sich William Wisting um Amalie kümmert. Das wirkt alles sehr menschlich und sympathisch, war mir aber in der Häufigkeit der beschriebenen Alltagssituationen zu viel. Die Protagonisten wie der bodenständige Kommissar Wisting und seine intelligente Tochter Line wirken lebensecht sowie authentisch und prägen diesen Krimi sehr. Das weitere Figurenpersonal blieb diesmal blass und farblos. Ein wenig enttäuscht war ich von Adrian Stiller und hatte mir hier mehr Entwicklung und Tiefgang erhofft. Im vorherigen Band noch eine undurchsichtige Figur, ehrgeizig und durchtrieben, ist er hier durchweg sympathisch, nett und dadurch total austauschbar und unwichtig.

Fazit
„Wisting und der fensterlose Raum“ ist für mich durchaus ein lesenswerter Krimi, in dem wieder mehrere, lange zurückliegende, ungelöste Kriminalfälle miteinander verknüpft werden und handfeste Polizeiarbeit im Vordergrund steht. Die Begegnung mit den bekannten Figuren hat mir wieder Freude gemacht. Aus den vorgenannten Gründen hat es mich nicht ganz so überzeugt wie Band 1 der norwegischen Krimireihe. Der zweite Band ist nicht ganz so vielschichtig und die Erzählweise noch bedächtiger.

Wisting und der fensterlose Raum | Erschienen am 3. Januar 2020 im Piper Verlag
ISBN 978-3-492-06142-1
432 Seiten | 15,- Euro
Originaltitel: Det innerste rommet
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Weiterlesen: Rezension von Andy zu Band 1 der Cold-Cases-Reihe um Kommissar Wisting, „Wisting und der Tag der Vermissten“

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Susanne Goga | Der Ballhausmörder Bd. 7

Die korpulente Gerda Wohlleben errötete und zeigte ihrer Freundin Irmgard kichernd das Zettelchen, das der Kellner mit der Saalpost gebracht hatte. Ick bin so jalant, nehm Ihnen bei der Hand. Wenn Se nicken, lass ick mir blicken. Bei Clärchen gab es keine Telefone, diese neue, kostspielige Mode machte sie nicht mit. Papier erfüllte den Zweck genauso gut und war auch romantischer als ein Apparat, der auf dem Tisch stand und kaum Platz für Sekt und andere Erfrischungen ließ. (Auszug Seite 11)

An einem heißen Abend im Sommer 1928 wird das Tanzvergnügen in Clärchens Ballhaus in Berlin jäh unterbrochen. Während im Saal der Witwenball stattfindet, wird die Garderobiere Adele Schmidt im Hinterhof tot aufgefunden. Alles deutet auf eine Gewalttat hin und Leo Wechsler, Oberkommissar im Berliner Morddezernat, der sich gerade auf einer Feier der Kripo im Lunapark befindet, wird informiert. Es ist Wochenende und es herrscht natürlich Hochbetrieb in dem Amüsierviertel. Leo hat die schwierige Aufgabe, in der unübersichtlichen Lage die Befragungen aller Gäste und Angestellten zu organisieren. Ausgerechnet jetzt fehlt Freund und Kollege Robert Walther unentschuldigt. Zur kurzfristigen Unterstützung stößt ein Kollege von der Politischen Polizei hinzu. Adele Schmidt wurde offenbar erstickt, nachdem sie zuvor mit Chloroform betäubt wurde.

Das Phantom von Frankfurt

Die Ermittlungen gehen in verschiedene Richtungen, zunächst führen aber alle Spuren in Sackgassen. Die bei allen beliebte Adele lebte in einfachen Verhältnissen, wie konnte sie sich das teure Seidenkleid leisten, dass sie am Tage ihrer Ermordung trug? Verdächtig macht sich auch ihr kommunistischer Exfreund, der mit der Trennung nicht gut zu Recht kam und ein kurz nach der Tat nicht mehr aufzufindender Pianist sorgt für ordentliche Verwirrung. Die patente Clara Bühler kann sich keinen Anschlag von Konkurrenten vorstellen, zu sehr halten sie und ihre „Saalschwestern“ zusammen.

Erst als kurz darauf ein junges Mädchen in einem Berliner Park vergewaltigt wird, kommt Bewegung in die Ermittlungen. Das Opfer wurde ebenfalls vorher mit Chloroform betäubt und Wechsler findet einen Hinweis auf eine einige Jahre zurückliegende Vergewaltigungsserie in Frankfurt. Der Täter wurde nie gefasst und in der Öffentlichkeit „Das Phantom von Frankfurt“ genannt.

Meine Meinung

Im bereits siebten Band der Reihe entführt Susanne Goga den Leser in die schillernde Welt der Tanzpaläste und Amüsierbetriebe der damaligen Zeit, auch die Schilderung der Verhältnisse der ärmeren Bevölkerung kommt nicht zu kurz. Die privaten Probleme der Ermittler drängen sich nicht in den Vordergrund, aber Susanne Goga nutzt hauptsächlich in Nebensträngen das Alltagsleben ihrer Figuren, die Lebensumstände der damaligen Zeit oder die Situation der Frauen in der Gesellschaft darzustellen. Auch die politische und gesellschaftliche Lage wird durch die Nebenfiguren illustriert. Und wenn man die Serie von Anfang an verfolgt, will man natürlich wissen, wie die vertrauten Charaktere sich entwickeln, was sie erleben. Zum Beispiel wenn Wechslers Sohn Georg von Hitlerjungen verprügelt wird oder seine naturwissenschaftlich interessierte Tochter Marie eine Ausbildungsstelle für medizinisch-technische Assistentinnen besucht. Den Streit zwischen Leo und seinem Freund Robert fand ich etwas konstruiert. Dieser wird in eine kleine Außenstelle strafversetzt und lernt hier national gesinnte Kollegen kennen. Das könnte in einem weiteren Band noch interessant werden.

Der Mord ist recht unspektakulär und könnte auch in einer anderen Zeit spielen. Der gut konstruierte Krimiplot ist eher verzwickt als atemlos spannend und kommt ohne große Actionszenen aus, bietet aber durchaus fesselnde Unterhaltung. Es macht einfach Spaß, Wechsler und seine Kollegen bei ihren akribischen Ermittlungen über die Schulter zu schauen. Die Krimihandlung wird in eine atmosphärische, authentische Schilderung des Lebens im Berlin der 1920er Jahre eingebettet, und was die Reihe so lesenswert macht, ist dass man über die zeitspezifischen Verhältnisse der gar nicht so goldenen Jahre wie nebenbei erfährt.

Seit 1913 wird in Clärchens Ballhaus in Berlin getanzt. Noch heute steht der Tanzpalast, benannt nach seiner Betreiberin Clara Bühler, fast unverändert mit Livemusik und Spiegelsaal in der Auguststraße. Neben Abendveranstaltungen fanden auch immer Tanzkurse statt. Seit Ende 2019 ist das Ballhaus allerdings geschlossen, der neue Besitzer will das Kultlokal nach Sanierungen wieder eröffnen.

 

Foto und Rezension von Andy Ruhr.

Der Ballhausmörder | Erschienen am 21. Februar 2020 im dtv Verlag
ISBN 978-3-423-21808-5
320 Seiten | 10.95 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe