Kategorie: .17 special

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Keigo Higashino | Unter der Mitternachtssonne

Die Frau schritt nun zögernd auf die Leiche zu. Vor dem Sofa blieb sie stehen und schaute auf den Toten hinab. Sasagaki merkte, dass ihr Kinn zitterte. „Ist das Ihr Mann?“, fragte Nagatsuka. Ohne zu antworten, legte die Frau die Hände auf die Wangen und bedeckte mit ihnen schließlich ihr ganzes Gesicht. Ihre Knie gaben nach, und sie sank zu Boden. Netter Auftritt, dachte Sasagaki. (Auszug Seite 12)

Am Anfang steht ein Mord

1973 entdecken spielende Kinder in einem leerstehenden Gebäude zufällig die Leiche des erstochenen Pfandleihers Yosuke Kirihara. Die Ermittlungen unter Kommissar Junzo Sasagaki ergeben, dass das Opfer an diesem Tag einen großen Geldbetrag von der Bank abgeholt hatte und auf dem Weg zu einer Kundin war. Mit dieser Fumiyo Nishimoto, einer alleinerziehenden Witwe, wird ihm ein Verhältnis nachgesagt, was diese bestreitet. Das Geld bleibt verschwunden und trotz großer Bemühungen des ehrgeizigen Kommissars verlaufen auch alle anderen Spuren im Sand. Ein Jahr später stirbt Fumiyo in ihrer Wohnung an einer Gasvergiftung, ob Unfall oder Suizid, wird nie ganz geklärt, und hinterlässt eine zwölfjährige Tochter namens Yukiho.

In den nächsten Kapiteln ist dann von Kommissar Sasagaki erst mal nicht mehr die Rede. Stattdessen werden die Lebenswege von Ryo Kirihara, dem damals elfjährigen Sohn des Pfandleihers und der gleichaltrigen, bildhübschen Yukiho beleuchtet.

Die Wächtergrundel und der Knallkrebs

In diesen Kapiteln erzählt Keigo Higashino sehr ausführlich und detailliert über einen Zeitraum von fast zwanzig Jahren. So wird jedes Kapitel fast zu einer kleinen abgeschlossenen Kurzgeschichte, in der sich die Lebenswege vieler Menschen schneiden. Ein gewiefter Schachzug, denn als Leser grübelt man die ganze Zeit über den großen Zusammenhang und kann ihn nur schwer erahnen. Erst ganz langsam fügen sich die einzelnen Puzzlestücke zu einem Bild zusammen. Das habe ich in dieser Raffinesse noch nicht gelesen. Die Verbindungen und Hintergründe beim Lesen nachzuvollziehen macht einen besonderen Reiz dieses Thrillers aus. Dazu passt, dass der Autor die einzelnen Episoden zuerst für eine Zeitschrift konzipiert und dann diese für seinen 1999 in Japan erschienenen Thriller überarbeitet hatte.

Yukiho investiert viel in Bildung und gutes Benehmen und wird zu einer auffallend schönen und erfolgreichen Geschäftsfrau. Auch Ryo, den immer eine düstere Aura umgibt, ist sehr umtriebig und nutzt die Wirtschaftsblase der 80er Jahre, um mit dubiosen sowie illegalen Geschäften wie zum Beispiel Erpressung, Bankenbetrug oder Wirtschaftsspionage sein Geld zu verdienen. Beide haben an sozialen Kontakten nur soweit Interesse, wenn sie ihre Mitmenschen benutzen können und sind Meister der Manipulation. Beide verstehen es, Menschen in ihren Bann zu ziehen, aber wo sie auftauchen, geschieht ein Unglück. Der subtile Thrill entsteht durch die Betrachtung dieser beiden rücksichtslosen Intriganten.

Obwohl sie in den Kapiteln nie aufeinander treffen, ahnt man irgendwann, dass Yukiho und Ryo eine besondere Verbindung haben. Der Kommissar vergleicht das mit einem Beispiel aus dem Tierreich: Grundel und Knallkrebs gehen eine Art Symbiose ein, indem sie sich zum Beispiel vor Gefahren warnen. Diese Kapitel sind auch eine Zeitreise in die 80er Jahre und ermöglichen einen Einblick in die japanische Gesellschaft und fremde Kultur. Es ist der Beginn des Computerzeitalters und man nimmt teil an den Anfängerjahren der Videospiele wie das bekannte Super Mario Bros. oder das Benutzen der ersten Geldkarten. Man lernt dabei auch einiges über die Mentalität der Japaner.

Cold Case

Zwanzig Jahre nach dem Tod des Pfandleihers sind die Ermittlungen natürlich schon lange eingestellt. Der Kommissar ist inzwischen in Rente, aber der Fall hat ihn nie losgelassen. Und so verfolgt er beharrlich weitere Spuren, ermittelt auf eigene Faust und engagiert sogar einen Detektiv. Als Leser hat man inzwischen eine Ahnung, aber das Motiv wird erst auf den letzten Seiten enthüllt. Der Autor überrascht mit einer stimmigen Auflösung, wenn zum Schluss alle Handlungsfäden zusammengeführt werden. Es erfordert eine große Aufmerksamkeit, damit man kein Detail überliest.

Higashino bedient sich einer klaren, fast emotionslosen Sprache. Sein Figurenpersonal ist immens, aber er verzichtet darauf, seine Charaktere psychologisch zu analysieren. Stattdessen berichtet er distanziert und fast dokumentarisch von außen wie ein Beobachter aus der Ferne.

Eine große Herausforderung waren die vielen japanischen für europäische Ohren ähnlich klingenden Namen für mich. Ohne das beiliegende Namensverzeichnis einschließlich Kurzbiographien der wichtigsten Personen wäre ich verloren gewesen.

Keigo Higashino hat mit Unter der Mitternachtssonne einen außergewöhnlichen, brillant konstruierten Thriller auf über 700 Seiten kreiert, den ich auch nach dem Lesen nicht so schnell vergessen werde, ganz großes Kino, auch ohne große Action und viel Blutvergießen.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Unter der Miternachtssonne | Erschienen am 10. März 2018 bei Tropen im Klett-Cotta Verlag
ISBN 978-3-608-50348-7
720 Seiten | 25.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Henrik Siebold | Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder

Siebold wartet in Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder, dem dritten Roman der Reihe um den japanischen Austauschpolizisten, mit einem mitreißenden und höchst vertrackten Fall auf und präsentiert erneut sein ungewöhnliches und spannendes Ermittlerduo Claudia Harms und Kenjiro Takeda. Das Aufeinandertreffen dieser beiden so unterschiedlichen Charaktere ist schon ein gehöriger Kulturclash, mit allen daraus entstehenden manchmal komischen Missverständnissen und Kontroversen. Dabei kommen die zwei grundsätzlich ausgesprochen gut miteinander klar, sie hegen sogar große Sympathie füreinander und bilden für gewöhnlich ein bestens funktionierendes Team, vor allem wenn sie gemeinsamen dem ungeliebten und unsympathischen weil ungerechten Chef Holger Sauer die Stirn bieten. Manche Eigenheiten oder Eigenarten Takedas nerven Claudia, der wiederum bestaunt und bewundert seine Kollegin für die eine oder andere Verhaltensweise. Darüber hinaus besteht aber ein herzliches Verhältnis zwischen den beiden, die mitunter fast den Eindruck eines Liebespaares vermitteln, und tatsächlich hat jeder für sich schon mit dem Gedanken an ein engeres Verhältnis gespielt, beide wollen aber ihre gute Beziehung nicht durch eine Affäre gefährden.

Im Moment allerdings richtet sich ihre gesamte Aufmerksamkeit auf den aktuellen Fall, der eigentlich klar zu sein scheint. Am S-Bahnsteig des Dammtor-Bahnhofs ist eine Frau vor den einfahrenden Zug gestürzt, augenscheinlich gestoßen von einem Schüler, der sich mit seiner Klasse auf Exkursion befindet. Simon Kallweit, 17 Jahre alt, gibt die Tat unumwunden zu, außerdem stehen zahlreiche Zeugen zur Verfügung, seine Mitschüler, andere Reisende, ebenso Bilder der Überwachungskamera und etliche Handyfilme, dieses abscheuliche Verbrechen dürfte demnach wohl bald aufgeklärt sein. Aber so einfach ist es nicht: Noch bevor sie den mutmaßlichen Täter vernehmen können, taucht der schmierige Anwalt Lothar Röhler auf, im Schlepptau Simons Eltern. Der alte Kallweit ist Hamburgs Justizsenator, das bedeutet, Claudia und Ken werden bei der Aufklärung eine Menge Fingerpitzengefühl brauchen. Hartmut Kallweit tut den Verdacht, dass sein Sohn ein kaltblütiger Mörder ist, als Unsinn ab und behauptet, dass man ihm persönlich etwas anhängen will um ihn politisch kaltzustellen und seinen Rücktritt zu erzwingen. Auch die Mutter Astrid Kallweit ist von der Unschuld ihres Sohnes überzeugt und bricht zusammen, als ihr klar wird, dass der vorläufig in Untersuchungshaft bleiben muss.

Die wird allerdings nicht lange andauern. Simon widerruft sein Geständnis und die Zeugenbefragungen bringen kein Ergebnis. Es stellt sich heraus, dass niemand wirklich gesehen hat, wie die Frau gestoßen wurde und auch die Videoaufnahmen zeigen den entscheidenden Moment nicht eindeutig. Also kommt der Verdächtige frei und das Ermittlerteam steht am Beginn langwieriger und schwieriger Untersuchungen. Während sie mühsam versuchen, Beweismaterial zusammenzutragen, geschieht ein weiterer Mord an einem scheinbar zufälligen Opfer. In einem Kino wird ein Besucher während der Spätvorstellung mit einer Drahtschlinge erwürgt. Wieder gibt es keine Augenzeugen, aber diesmal finden Claudia und Ken einen Hinweis auf dem Band einer Überwachungskamera des nahen U-Bahnhofs. Simon Kallweit hat sich zum Tatzeitpunkt in der Nähe des Kinos aufgehalten. Ist er also doch ein Mörder, der zwei willkürlich ausgewählte Opfer auf dem Gewissen hat, plant er womöglich weitere Taten? Claudia glaubt nicht an Zufall, sie hält auch nichts von der Theorie einer Intrige gegen den Senator, obwohl inzwischen klar ist, dass er in einen Bauskandal verwickelt ist.

Nicht nur hier ist die Geschichte sehr realistisch und aktuell, sie thematisiert unter anderem eine Affäre um Flüchtlingsunterkünfte, nimmt Bezug auf Wohnungsnot und Mietwucher und spielt an auf Auswüchse wie die Auto-Raserszene oder die zunehmende Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen. Vor allem aber gibt Siebold, der eigentlich Daniel Bielenstein heißt, an dieser Stelle tiefe Einblicke in die hanseatische Politik und ihre Kehrseite, die versteckten Machtstrukturen, die Seilschaften und Netzwerke im Senat und in den Parteien, den Filz und die Intrigen.

Er kennt sich aus, ist Journalist und Wahl-Hamburger seit vielen Jahren, er macht uns auch bekannt mit den vielen Facetten der Stadt, von Alsterdorf bis Poppenbüttel, vom Schanzenviertel zum Ohlsdorfer Friedhof und durch manch anderen Vorort geht die Reise, Siebold lässt keinen Kiez und kein Viertel aus. Aber er setzt nicht nur „sein“ Hamburg mit einer Art Hassliebe in Szene, er ist auch bemüht, den Blick zu öffnen für die japanische Kultur und Lebensart abseits von gängigen Klischees. Mit den Eigenheiten dieser weitgehend fremden Gesellschaft die einen Spagat versucht zwischen Tradition und Fortschritt ist er bestens vertraut, verbrachte einige prägende Jahre seiner Kindheit und Schulzeit in Tokio und beherrscht perfekt Schrift und Sprache des Landes, für das er weiterhin eine große Faszination verspürt und das er regelmäßig besucht. Klar, dass in seinen Krimi an passender Stelle immer wieder einmal japanische Vokabeln und Begriffe einfließen, vor allem, wenn er uns den Menschen Ken, seine Persönlichkeit, sein Wesen näher bringen will. Der Liebhaber teurer Designer-Anzüge ist geschieden, begeht manchmal feierlich die Teezeremonie, beherrscht die Kampfkunst Takeda-ryū und ist häufig schlaflos. Dann geht er hinaus in die Nacht und ans Elbufer, um Jazz zu spielen. Ken ist ein großartiger Saxofonist und tritt manchmal in Hamburger Clubs auf, er hat aber auch Spaß daran, in Karaoke-Bars zu singen. Hin und wieder findet man ihn aber auch in seinem Stammlokal bei einer Flasche Whisky, wenn er das Bedürfnis hat, sich in Stresssituationen oder in Momenten von Heimweh oder Zweifeln zu betrinken.

Und Zweifel tauchen im aktuellen Fall immer häufiger auf, mehr als einmal müssen Claudia und Ken ihre Thesen widerrufen und feststellen, dass sie sich offenbar verrannt haben und ihrer Sache zu sicher waren. So gibt es ein paar Misstöne zwischen den beiden Ermittlern, denn während Ken mehr denn je das Gefühl hat, dass sie bei Simon auf der richtigen Fährte sind, verfolgt Claudia andere mögliche Spuren. Beide versuchen in immer neuen Ansätzen, ihre unterschiedlichen Theorien zu untermauern und erleben dabei, wie sich ein ums andere Mal die Dinge nicht so entwickeln, wie es zu erwarten war. Der Plot wartet mit etlichen überraschenden Kehrtwendungen auf und die Ermittler bleiben mehrmals irritiert und ratlos zurück. Ken versucht in intensiven Gesprächen Simon aus der Reserve zu locken und lernt dabei einen hochintelligenten, aber undurchschaubaren Jungen kennen, von dem man nie weiß, wann er lügt und wann er die Wahrheit sagt. Ganz sicher aber verbirgt er etwas, auch wenn er sich dem Japaner, für den er offensichtlich Sympathien hegt, ein wenig geöffnet hat. Mit einer rätselhaften Bemerkung allerdings weiß Ken zunächst nichts anzufangen: „Ore wa Ghouru da!“, „Ich bin ein Ghoul!“ erklärt ihm der Junge.

Ghoule sind eine Mischung aus Zombie und Vampir, die Menschen töten, um sich von deren Fleisch zu ernähren, sie manchmal aber auch aus purer Mordlust umbringen. Tokyo Ghoul ist ein Manga, dessen Hauptfigur Ken Kaneki ist, ein junger Student, der durch einen Unfall in einen Halb-Ghoul verwandelt wird und fortan mordet. Dabei ist er eigentlich ein nachdenklicher Einzelgänger, der sich für Literatur interessiert und mit dem sich viele Teenager identifizieren können. Manga können dazu führen, dass sich junge Leser völlig von der Außenwelt abwenden und nur noch in der Welt der Zeichengeschichte leben, dabei den Bezug zur Wirklichkeit verlieren. Sollte das auch bei Simon der Fall sein?

Bis dieses Rätsel gelöst wird und der Roman ein überraschendes aber durchaus passendes Ende findet, erfahren wir noch eine Menge mehr über eher unbekannte japanische Zustände wie auch über deutsche Befindlichkeiten. Dieser sehr aktuelle Krimi wirkt nur zu Beginn etwas betulich, erweist sich dann aber als „moderner“ Roman mit viel Tempo, clever erdacht und hervorragend erzählt. Daneben gibt es immer wieder auch eher ruhige, nachdenkliche, fast meditative Sequenzen. Für die sorgt in der Regel der tiefgründige, fast philosophische Ken, aber manchmal scheint es, als ob seine japanische Lebensart auch auf Claudia bereits abfärbt. Das Thema lässt wenig Raum für Scherze, aber wenn es ab und zu witzig wird, ist der Humor absolut treffend. Dabei sorgt vor allem Kens häufig überraschendes, unvorhersehbares Verhalten für ungewollte Komik. Es gibt wenig auszusetzen an diesem Roman, der auch dank der ständigen Kehren und Wenden bis zum Schluss die Spannung hält, daher für diesen Fall des Japanischen Inspektors fünf Sterne.

 

Rezension und Foto Kurt Schäfer.

Inspektor Takeda und der lächelnde Mörder | Erschienen am 13. April 2018 im Aufbau Verlag
ISBN 978-3-7466-3385-5
352 Seiten | 9.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Nicolás Obregón | Schatten der schwarzen Sonne

Japan ist momentan literarisch schwer angesagt. Nicht nur, dass der letzte und angesichts der Verhältnisse des Komitees wohl längere Zeit amtierende Literaturnobelpreisträger aus Japan kommt, auch in Sachen Kriminalliteratur gibt es einige aktuelle japanische Titel mit hoher Aufmerksamkeit. Ich muss gestehen, dass ich mit japanischen Titel immer so meine Schwierigkeiten hatte, zu sehr unterscheiden sich teilweise der westliche und japanische Kulturkreis, so dass ich mit manchen Handlungen und Figuren so meine Probleme hatte. Zuletzt ließ mich Kanae Minatos „Geständnisse“ einigermaßen ratlos zurück. Nun dachte ich mir: Probiere ich es doch mal mit einem Titel, der in Japan spielt, aber von einem europäischen Autor. Gesagt, getan.

Schatten der schwarzen Sonne von Nicolás Obregón, ein Autor mit spanisch-französischen Wurzeln, in London geboren und für ein englisches Reisemagazin lange in Japan unterwegs gewesen. Aber um es vorweg zu nehmen: So richtig überzeugt war ich am Ende auch wieder nicht.

„Max Weber hat mal gesagt, ‚der Mensch ist ein Wesen, das in selbstgesponnene Bedeutungsgewebe verstrickt ist‘. Der, den du suchst, ist verstrickt in dieses System der schwarzen Sonne. Es ist nicht seine Visitenkarte. Ich glaube, es ist sein ganzes Gewebe. Er lebt und atmet damit.“ (Seite 101)

Kommissar Kosuke Iwata ist neu in die Mordkommission im Tokioter Stadtbezirk Shibuya versetzt worden. Sein Vorgänger hatte kurz zuvor Selbstmord begangen und hinterlässt ihm direkt einen mysteriösen Fall: Eine koreanische Familie wurde auf grausame Weise getötet. Am Tatort die Zeichnung einer schwarzen Sonne, offenbar von einem der Opfer gezwungenermaßen geschrieben. Iwata recherchiert im Umfeld der Familie, ein psychisch gestörter Bekannter der Mutter ist der perfekte Täter. Damit ist Iwata allerdings nicht zufrieden. Da geschieht ein weiterer Mord. Eine alte Frau wurde getötet, die Witwe eines Richters. Wieder am Tatort ist das Symbol der schwarzen Sonne. Iwata versucht verzweifelt, den Zusammenhang zwischen den Taten herzustellen, um einen nächsten Mord zu verhindern. Aber gleichzeitig wird an seinem Stuhl gesägt, seine Suspendierung droht. Ein Wettlauf mit der Zeit beginnt.

Schatten der schwarzen Sonne ist der Auftakt zu einer Reihe. Dadurch erhält die Hauptfigur Kosuke Iwata und seine Vergangenheit sehr großen Raum im Buch. Iwata ist der typische Außenseiter-Cop in seinem neuen Revier. Ein Einzelgänger, der sich auch direkt mit den Platzhirschen anlegt und dadurch in Schwierigkeiten gerät. Seine Vergangenheit, die regelmäßig in Rückblicken erzählt wird, ist außerdem traumatisch. Als Kind von der Mutter sitzengelassen, im Waisenhaus aufgewachsen. In den USA lernt er seine Frau Cleo kennen, die er nun in einer Psychiatrie besucht. Erst nach und nach offenbart sich eine weitere Familientragödie. Der englische Originaltitel „Blue Light Yokohama“ bezieht sich übrigens auf einen Song der Sängerin und Schauspielerin Ayumi Ishida, einen japanischen Nr.1-Hit aus dem Jahr 1968, auf den auch im Buch regelmäßig Bezug genommen wird.

Der Kriminalroman, der außerdem über ausgedehnte Thrillerelemente verfügt, ist grundsätzlich sehr solide, verfügt über einen guten Spannungsbogen, vielleicht sind die Rückblicke in die Vergangenheit des Kommissars manchmal etwas ausschweifend. Wichtigste Nebenfigur ist die pfiffige Kommissarsanwärterin Sakai, die anfangs Iwata zur Seite gestellt ist, später abgezogen wird, aber irgendwie in die Geschichte verwickelt ist.

Obwohl Schatten der schwarzen Sonne ein ordentlicher Krimi ist, der das Genre nicht neu erfindet, aber passabel unterhält, gab es für mich irgendwie einen faden Beigeschmack. Ich war ein wenig enttäuscht von der Geschichte und das lag für mich an deutlichen Schwächen in der Authentizität. Zunächst mal die internen Reibereien im Polizeirevier. Sexismus, Mobbing, Korruption. Das war für mich so schematisch, es hätte anstatt Shibuya auch das LAPD oder die Pariser Polizeipräfektur sein können. Des Weiteren mag Nicolás Obregón ein ausgewiesener Japan-Kenner sein, aber dann hätte er auch ein wenig mehr in die japanische Seele eintauchen können. Die Themen, die er in diesem Krimi vermischt, sind wirklich ein paar der gängigsten (kriminellen) Japan-Themen (Selbstmorde, Rassismus gegenüber Koreanern, fanatische Sekten). Das wirkt auf mich dann doch etwas sehr kalkuliert. Schade. Allerdings könnte ich mir auch vorstellen, dass das viele andere nicht stört.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Schatten der schwarzen Sonne | Erschienen am 1. März 2018 bei Goldmann
ISBN 978-3-442-31475-1
480 Seiten | 16.- Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Mini-Spezials Japan.

Christian Linker | Der Schuss

Christian Linker | Der Schuss

Das ist ja typisch, denkt Tatjana. Alle Zeitungen schreiben über den Mord an Emil, aber keiner traut sich zu schreiben, dass der Mörder Türke ist. Was die Zeitungen schreiben und was nicht, weiß sie natürlich nicht aus der Zeitung, sie ist ja nicht blöd. So was zu lesen wäre Schwachsinn, wo doch da nur Lügen drinstehen. Presse, Radio,Fernsehen, die sind ja alle von der Regierung gesteuert. Gott sei dank gibt es Facebook. (Auszug Seite 73)

Meine Straße, mein Zuhause, mein Block

In dem spannenden Jugendroman Der Schuss geht es um den siebzehnjährigen Robin Fuchs, der zufällig Zeuge eines Mordes wird. Der Teenager lebt mit seiner jüngeren Schwester Mel und seiner Mutter in einem Block in einer Hochhaussiedlung am Rande einer deutschen Großstadt. Nach dem Tod des Vaters hat er die Schule geschmissen und für den gleichaltrigen Hakan Topal gedealt. Er wurde straffällig und bekam eine Bewährungsstrafe. Um diese nicht zu gefährden, versucht er sich aus allem rauszuhalten und will eigentlich auch aus dem Drogengeschäft aussteigen.

Eines Abends sieht er, wie Emil Becker, ein Anhänger der „Deutschen Alternativen Partei“, bei dem Versuch, einem Journalisten belastendes Material zu übergeben, von rechtsextremen Mitgliedern der Partei erstochen wird. Auch der Journalist und Blogger, Magnus Mahlmann wird bei dem Gerangel in der Garage schwer verletzt, kann aber flüchten. Robin hilft dem Schwerverletzten, indem er Erste Hilfe leistet und anonym einen Krankenwagen ruft. Bevor er sich aus dem Staub macht, kann ihm der Journalist aber noch einen Stick geben.

Blogger im Koma

Während Magnus im Krankenhaus in einem künstlichen Koma liegt, gelingt es den Rechtsextremen, den Mord Hakan Topal in die Schuhe zu schieben und der Drogendealer wird als Tatverdächtiger verhaftet. Fast alle Bewohner des Blocks sind der Meinung, dass Hakan, dem nie etwas nachgewiesen werden konnte, endlich seine gerechte Strafe bekommt. Fred Kuschinski ist ein etwas älterer Freund aus Kindertagen, der mittlerweile mit der DAP für den Bundestag kandidiert. Der charismatische Politiker nutzt die Situation aus, um Fremdenhass zu schüren und initiiert tägliche Mahnwachen. Diese werden von vielen Anwohnern und auch von Robins Schwester Mel besucht. Robin ist in einem Zwiespalt. Soll er sich weiter raushalten oder die Wahrheit ans Licht bringen?

Meine Mutter wäre sicher stolz auf mich. Sich raushalten und bloß nicht die Klappe aufmachen, das ist bei uns nämlich so eine Art Familienmotto.  (Seite 6)

Indem Autor Christian Linker sein zumeist jugendliches Figurenpersonal abwechselnd von Kapitel zu Kapitel berichten lässt, werden verschieden Blickwinkel beleuchtet und man kann die Gedankenwelt von fast zehn Charakteren gut nachvollziehen. Robin als Protagonist erzählt als Einziger in der Ich-Form und das bringt besonders seine Beweggründe nahe. Am Beispiel Mel wird deutlich, wie grade junge Menschen mit Hetzkampagnen und Halbwahrheiten für die rechte Szene begeistert werden können. Der jugendliche Leser kann sich leicht mit den Figuren identifizieren. Der Autor erzählt authentisch und hat einen leicht lesbaren, hochaktuellen Krimi geschaffen, indem auch die Trostlosigkeit der wohnlichen Gegebenheiten gut wiedergegeben wird.

Plädoyer für Zivilcourage

Die DAP hat mit der AFD nicht nur das Wort alternativ im Namen gemeinsam. Teilweise geraten Linkers Warnungen etwas zu plakativ, denn ich glaube, dass die AFD viel subtiler und damit gefährlicher agiert. Die Figur des Schlägers „Schädel“ war mir etwas zu eindimensional gelungen. Er wird als gnadenloser Glatzkopf beschrieben, der keine Empathie oder Impulskontrolle zeigt und mit einem Stacheldraht verstärktem Baseballschläger auftrumpft. Mit der Figur des Fred hat Linker allerdings einen ambivalenten Charakter geschaffen. Dieser führt mitreißende Reden, er spricht die Leute an und ist clever und gerissen genug, andere für seine Zwecke zu manipulieren. Der sympathische Robin dagegen ist orientierungslos und auf der Suche nach Identität und Sinn, hat aber sein Gefühl für Richtig und Falsch noch nicht verloren. Es wird ganz deutlich, dass es ihm an Vorbildern oder Identifikationsfiguren fehlt. Da er sich im Laufe der Geschichte entwickelt, handelt es sich bei dem Krimi auch um einen Coming-of-Age-Roman und ein Plädoyer für Zivilcourage.

Über den Autor

Der Roman „Der Schuss“ kam kurz vor der Bundestagswahl 2017 raus und so muss man Christian Linker mit Blick auf die Ergebnisse der AFD schon prophetisches Talent bescheinigen. Die Figur des Magnus Mahlmann kam übrigens bereits 2005 in seinen Roman Das Heldenprojekt vor, in dem der investigative Journalist sich mit einer kleinen rechtsextremen Partei anlegte. Und jetzt war einfach mal wieder Zeit, dieses Thema aufzugreifen, befand der studierte Theologe.

 

Rezension und Foto von Andy Ruhr.

Der Schuss | Erschienen am 8. September 2017 bei dtv
ISBN 978-3-423-74027-2
320 Seiten | 14.95 Euro
ab 14 Jahren
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

Philip Kerr | Friedrich der große Detektiv

„Gib es her“, sagte Rolf. „Gib mir das Buch.“
„Es ist mir ganz egal, was du sagst: Du kriegst mein ‚Emil und die Detektive‘ nicht, du kannst machen, was du willst!“, schrie Friedrich. […]
„Es ist nur zu deinem Besten, Friedrich, kapierst du das nicht? Es sind Leute wie Kästner und ihre verdrehten Bücher, die dieses Land kaputt machen. Wenn wir Deutschland je wieder stark machen wollen, dann müssen wir über solche wichtigen Dingen dasselbe denken.“
Friedrich starrte seinen Bruder wütend an. „Hast du eigentlich jemals gern ein Buch gelesen, Rolf? Ich glaube nicht. Ich glaube, ich habe dich nie mit einem Buch in der Hand gesehen.“ […] „Vielleicht bist du deshalb so versessen darauf, dieses Buch zu verbrennen, weil du Bücher einfach nicht magst. Du verstehst gar nicht, warum jemand bloß aus Freude liest.“ (Auszug Seiten 85-87)

Der 13-jährige Friedrich Kissel ist ein begeisterter Fan des Kinderbuchs „Emil und die Detektive“ und das Beste ist: Er wohnt in Berlin in der Nachbarschaft von Erich Kästner, der ein Freund von Friedrichs Vater ist. In seiner Freizeit spielt Friedrich selbst gerne mit seinen drei Freunden Detektiv und hilft der Polizei bei Kleinigkeiten. Doch im Berlin des Jahres 1933 wird aus dem Spaß böser Ernst. Kästners Bücher werden verbrannt und plötzlich wird Friedrichs Bande von einem Polizisten beauftragt, Kästner auszuspionieren.

Die Geschichte wird aus Friedrichs Perspektive erzählt. Die Figuren sind durchaus glaubhaft arrangiert. Friedrichs Vater ist Kulturredakteur des liberalen Berliner Tageblatts und daher beruflich und nachbarschaftlich bekannt mit Erich Kästner. Über diesen lernt Friedrich weitere Künstler kennen, die das neue Regime ablehnen. Aber in Friedrichs Familie gibt bereits einen Konflikt: Sein Bruder Rolf ist überzeugter Anhänger der Nationalsozialisten und führt erbitterte Diskussionen mit seinem Vater. Auch Friedrich ist anfangs durchaus fasziniert von den Inszenierungen des neuen Regimes. Doch allmählich spürt er die Veränderungen im Alltag, die Ausgrenzung der Juden und Andersdenkenden. Sein Freund Leo, ein Jude, verlässt mit seinen Eltern die Stadt. Am allerdeutlichsten ist sein Unverständnis in Bezug auf die zunehmende Ablehnung, die sein Lieblingsautor Erich Kästner erfährt. So ist er völlig verwirrt, als er und seine Freunde den Auftrag erhalten, Kästner zu beschatten. Doch er macht im Glauben mit, seinen Freund vom Vorwurf der Spionage befreien zu können.

Philip Kerr ist vielen Lesern bekannt als Autor der Bernie-Gunther-Reihe über einen Privatdetektiv, ehemaligen Kommissar und Nazi-Gegner, der sich durch die Nazizeit schlägt. Aber Kerr ist auch Autor von Kinder- und Jugend-Fantasy-Büchern. Kerr verstarb am 23.März diesen Jahres an einem Krebsleiden. Im letzten Jahr veröffentlichte er noch Friedrich der große Detektiv. Die Idee zu diesem Buch hatte Philip Kerr nach eigenen Angaben, nachdem er auf Youtube die Verfilmung von „Emil und die Detektive“ aus dem Jahre 1931 gesehen hatte. Er fragte sich, was wohl aus den jugendlichen Schauspielern geworden sei und recherchierte, dass diese alle als junge Soldaten im zweiten Weltkrieg gestorben waren.

Das Buch wird auch als Hommage an Erich Kästner und seinen Roman „Emil und die Detektive“ bezeichnet. „Emil“ taucht an vielen Stellen im Buch auf, es beginnt sogar mit der Filmpremiere. Auch der große deutsche Autor und Pazifist Kästner spielt tatsächlich eine zentrale Rolle in diesem Roman als Mahner, Freund und Ratgeber für Friedrich. Allerdings habe ich zu dieser „Hommage“ auch eine kritische Stimme gefunden, denn im Blog Literaturgarage wird eine Szene, in dem Kästner vor Friedrich ein Loblied auf Friedrich den Großen singt, sehr kritisiert und auch mit Quellen belegt, dass Kästner den Preußenkönig nicht unbedingt als Vorbild sah.

Aber nicht nur Kästner taucht als Person der Zeitgeschichte in diesem Buch auf. Ebenfalls Auftritte haben beispielsweise Walter Trier, Billy Wilder, Max Liebermann oder Christopher Isherwood. Kerr versucht sehr verdichtet, Fakten und Fiktion miteinander zu vermischen. Er lässt seine Hauptfigur die Ereignisse von 1933 hautnah miterleben. Friedrich ist beim Fackelzug am 30. Januar, seine Klassenlehrerin wird aus dem Dienst suspendiert, sein Bruder ist an der Bücherverbrennung beteiligt. Nach etwa 165 Seiten ist der erste Plotstrang vorbei, bis hierhin war ich ziemlich zufrieden. Doch dann wurde es aus meiner Sicht weniger stringent, Kerr baut hier noch Episoden ein, die wie nachträglich eingefügt wirken inklusive einer abschließenden Traumsequenz, die mich nicht so recht überzeugen konnte. Und schließlich gibt es ja noch den Ausgangspunkt Kerrs für diese Geschichte („Was ist aus diesen Jungen geworden?“), die dem Buch letztlich ein etwas abruptes und auch ein bitteres Ende verschafft, womit man bei Jugendbüchern über diese Epoche aber zwangsläufig rechnen sollte.

Der Verlag empfiehlt das Buch ab 11 Jahren, was ich für durchaus früh halte, denn trotz mancher Erläuterungen (auch im Anhang) müssen manche Zusammenhänge erkannt werden. Trotz der oben genannten kritische Anmerkungen hat mich das Buch über weite Strecken gut unterhalten. Kerr gelingt eine durchaus lehrreiche, aber auch spannende Geschichte. Lediglich im letzten Drittel des Buches will der Autor aus meiner Sicht zu viel und kann das Niveau nicht ganz halten.

 

Rezension und Foto von Gunnar Wolters.

Friedrich der große Detektiv | Erschienen am 22. September 2017 bei Rotfuchs im Rowohlt Verlag
ISBN 978-3-499-21791-3
256 Seiten | 14.99 Euro
Bibliografische Angaben & Leseprobe

Diese Rezension erscheint im Rahmen unseres .17special Kinder- und Jugendkrimis.

 

Weiterlesen: Interview zum Buch mit Philip Kerr aus der Frankfurter Rundschau sowie Noras Rezension zu Erich Kästners Buch Emil und die Detektive